Die Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank auf deutsche Banken


Bachelorarbeit, 2019

59 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung
1.3 Aufbau und Methodisches Vorgehen

2 Geldpolitik und gesetzliche Bestimmungen in Europa
2.1 Die Europäische Zentralbank
2.1.1 Entstehung und Gründe für die Relevanz einer Europäischen Zentralbank
2.1.2 Ziele, Aufgaben
2.1.3 Instrumente der Europäischen Zentralbank
2.2 Gesetzliche Risikoanforderungen an Banken vor 2008

3 Die Finanzkrise 2008
3.1 Ursachen und Verlauf der Finanzkrise
3.2 Folgen der Finanzkrise
3.2.1 Finanzmarktstabilisierung
3.2.2 MiFID II und MiFIR
3.2.3 Basel III
3.2.4 Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank
3.3 Reaktion der Banken auf die Finanzkrise und gesetzliche Bestimmungen

4 Auswirkungen auf die Bankbilanz
4.1 Eigenkapital
4.2 Liquidität
4.3 Zinsertrag und Zinsaufwand
4.4 Verbindlichkeiten
4.5 Forderungen

5 Auswirkungen der Niedrigzinspolitik auf Banken in Deutschland
5.1 Vorstellung und Vergleich ausgewählter Banken
5.1.1 Commerzbank
5.1.2 Hamburger Sparkasse
5.1.3 Vergleich der Geschäftsmodelle
5.2 Analyse und Vergleich ausgewählter Bilanzpositionen
5.2.1 Vergleich des Eigenkapitals
5.2.2 Vergleich der Liquidität
5.2.3 Vergleich Zinsertrag und Zinsaufwand
5.2.4 Vergleich der Verbindlichkeiten
5.2.5 Vergleich der Forderungen
6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Immobilienpreisentwicklung in den USA von 1988 bis 2012

Abbildung 2: US-Leitzinspolitk von 2001 bis 2017

Abbildung 3: Eigenkapitalquote nach Basel III

Abbildung 4: Vergleich der Eigenkapitalquote

Abbildung 5: Bilanzsumme der Commerzbank in Mio. Euro

Abbildung 6: Bilanzsumme der Hamburger Sparkasse in Tsd. Euro

Abbildung 7: Barreserve (Kassenbestand, Guthaben bei der Deutschen Bundesbank)

Abbildung 8: Zinsertragsspanne

Abbildung 9: Zinsaufwandsspanne

Abbildung 10: Bruttozinsspanne

Abbildung 11: Verbindlichkeiten der Commerzbank

Abbildung 12: Verbindlichkeiten der Hamburger Sparkasse

Abbildung 13: Verhältnis von Eigenkapital zu Forderungen an Kunden

Abbildung 14: Forderungen an Kreditinstitute im Verhältnis zur Bilanzsumme

Abbildung 15: Forderungen an Kunden im Verhältnis zur Bilanzsumme

Abkürzungsverzeichnis

ABS = Asset-Backed Securities

CDO = Collateralized Debt Obligation

CRR = Capital Requirement Regulation

ESZB = Europäisches System der Zentralbanken

EWI = Europäisches Währungsinstitut

EZB = Europäische Zentralbank

FMSA = Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung

GuV = Gewinn-und-Verlustrechnung

Haspa = Hamburger Sparkasse

KWG = Kreditwesengesetz

MBS = Mortgage-Backed Securities

MiFID = Markets in Financial Instruments Directive

MiFIR = Markets in Financial Instruments Regulation

Mio. = Millionen

Mrd. = Milliarden

SPV = Special Purpose Vehicles

USD = US Dollar

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

„Banking is necessary, banks are not“.1 Mit diesem Zitat gab der Gründer von Microsoft Bill Gates 1994 ein kritisches Statement ab, welches in der damaligen Zeit noch belächelt wurde, in der heutigen Zeit mit einer hohen Konkurrenz im Bankensektor eine ganz neue Bedeutung erfährt. Ausgelöst durch die Finanzkrise herrscht in Deutschland ein Niedrigzinsniveau, was sich sowohl bei Kreditinstituten als auch Privatanlegern bemerkbar macht. Hierbei handelt es sich um eine Maßnahme der Europäischen Zentralbank, um die Krise zu überwinden. Mit einem historisch niedrigen Zins und ersten Negativverzinsungen für Anleger, sieht sich das Geschäftsmodell des klassischen Zinsgeschäfts der Banken mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Um auch weiterhin erfolgreich und wettbewerbsfähig am Markt zu wirtschaften, ist es für deutsche Banken essentiell, auf die veränderten Marktbedingung der heutigen Zeit einzugehen.2 Dies umfasst neben dem Zinsniveau auch das Vertrauen der Kunden in die Banken und die Anlageentscheidungen von privaten und institutionellen Investoren. Weiterhin werden die Banken vor die Entscheidung gestellt, die Kosten aufgrund der Niedrigzinsen auf Kunden umzulagern. Durch diese Gegebenheiten ist das Instrument der Europäischen Zentralbank, in die Zinsentwicklung einzugreifen, in der Kritik, da Unternehmen mit einem Monopol besser auf die Situation reagieren und dadurch ein gehemmtes Wachstum aufgrund von Innovationsstillstand erzeugen können.3

Aufgrund neuer Richtlinien zur Prävention weiterer Krisen sehen sich die Banken in einem stark regulierten Markt. Diese Richtlinien werden von der Europäischen Union festgelegt und national umgesetzt, was mit einem erheblichen Mehraufwand und Kosten für Banken verbunden ist. Strengere Richtlinien zur Kapitalquote bedeuten für die Banken einen kleineren Spielraum zum Wirtschaften, da stark risikogewichtete Geschäfte mit hohem Eigenkapital hinterlegt werden müssen. Dies kann zu einer Auslagerung der Risikogeschäfte in Unternehmen führen, die staatlich nicht reguliert sind.4 Des Weiteren ist die Konkurrenz durch Unternehmen im Zahlungsverkehr, die auf einzelne Bankleistungen fokussiert sind, gestiegen und diese können durch ein gesunkenes Vertrauen in Banken gezielt Kunden abwerben. Viele Kunden haben kaum einen Bezug zu ihrer Hausbank und würden die Bank wechseln, wenn diese ein Produkt anbieten, was innovativ ist und die Bedürfnisse des Kunden anspricht. Dies sind unter anderem Produkte von großen Technologieunternehmen wie Apple, Google, Amazon, Paypal oder Square.5

1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung

Aufgrund der Niedrigzinspolitik der EZB ist das klassische Geschäftsmodell der Kapitalvermittlung beeinträchtigt, was sich in den Bilanzen wiederspiegeln kann. Eines der Geschäftsfelder einer Bank besteht im Leihen von Kundengeldern gegen einen Einlagezins und im Verleihen in Form von Krediten, sodass diese maßgeblich von einer Zinsentscheidung der EZB abhängen. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Auswirkungen dieser Niedrigzinspolitik im deutschen Bankensektor. Hierbei geht es einerseits um Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzpositionen, die im Zusammenhang mit dem Eigenkapitel, der Forderungen und Verbindlichkeiten sowie der Liquidität stehen, und andererseits um die Entwicklung des Geschäftsmodells allgemein. Hierzu werden die ausgewählten Banken Hamburger Sparkasse AG sowie die Commerzbank AG betrachtet. Ziel der Arbeit ist es, eine Entwicklung in den Bilanzpositionen festzustellen und mögliche Zusammenhänge aufzuzeigen. Neben dem Zinsniveau spielen das Vertrauen der Kunden und der technologische Fortschritt für Banken eine ernstzunehmende Rolle, sodass anhand möglicher Entwicklungen der Geschäftsmodelle untersucht wird, wie Banken mit den Herausforderungen des Marktes umgehen.

1.3 Aufbau und Methodisches Vorgehen

Die Europäische Zentralbank ist ein offizielles Organ der Europäischen Union und hat mehrere Möglichkeiten, in die Marktwirtschaft in Europa einzugreifen. Zunächst werden die grundsätzliche Relevanz und die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank erläutert. Anschließend werden die gesetzlichen Anforderungen an das Eigenkapital und die Risikobewertung von Banken vor der Finanzkrise in 2008 beleuchtet. Hierbei ist es wichtig, ein grundsätzliches Verständnis zu schaffen, wie Banken arbeiten und welche Rolle für sie das Risiko sowie das Eigenkapital spielen. In diesem Zusammenhang werden die Ursachen der Finanzkrise dargelegt und die chronologische Kausalkette von deren Verlauf erklärt. Beginnend mit der Kreditvergabe im Immobiliensektor der USA, über das Platzen der Immobilienblase hinaus bis hin zu einer Krise der gesamten Weltwirtschaft. Es werden die einzelnen Akteure der Finanzkrise beleuchtet, die an der Bewertung, Vergabe und Ausgestaltung der Kredite beteiligt sind. Daraus werden im darauffolgenden die Maßnahmen der Europäischen Union abgeleitet, die die Anleger und die Staaten schützen sollen, damit Frühwarnsignale einer Krise besser erkannt werden können.

Um den praktischen Teil einzuleiten werden Grundlagen ausgewählter Bilanzpositionen erläutert und deren aktuelle Relevanz in Bezug auf die Auswirkungen der Finanzkrise sowie in diesem Zuge die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank herzustellen. Hier werden bereits erste Hypothesen aufgestellt, die im Rahmen der Niedrigzinspolitik auf die spätere Forschung aufgegriffen und überprüft werden. Im Anschluss an die theoretischen Grundlagen werden im Rahmen dieser Arbeit zwei Banken untersucht, die in unterschiedlichen Geschäftsgebieten agieren und sich einerseits in Größe und Strategie unterscheiden sowie andererseits systemisch mehr oder weniger relevant für den Interbankenmarkt sind. Da sich beide in derselben Branche befinden und eine Banklizenz besitzen, sind beide von den aktuellen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank betroffen. Anhand qualitativer Daten aus sekundären Quellen werden die ausgewählten Bilanzpositionen in den Jahresabschlüssen der jeweiligen Banken untersucht und im Rahmen einer elfjährigen Zeitspanne in einem externen Dokument tabellarisch aufbereitet und anschließend als Grafiken in die Arbeit aufgenommen. Anhand der Entwicklung der Positionen innerhalb der Spanne, kann möglicherweise ein Trend oder eine Korrelation festgestellt werden, da hier ebenfalls die Nachwirkungen längerer Laufzeiten berücksichtigt werden, die nicht direkt nach einer Krise in der Bank festzustellen sind, sondern sich erst nachgelagert auf die Bilanz auswirken. Durch die gewonnenen Erkenntnisse werden die Hypothesen überprüft und Gründe für mögliche falsche Annahmen wissenschaftlich erklärt. Zum Abschluss der Arbeit wird ein Fazit zu den Ergebnissen gezogen und ein Ausblick auf die Entwicklung der Bankenbranche gegeben. Dies geschieht sowohl unter den Gesichtspunkten der Bilanzpositionen als auch dem veränderten Kundenverhalten in der sich stetig wandelnden Bankenwelt.

2 Geldpolitik und gesetzliche Bestimmungen in Europa

2.1 Die Europäische Zentralbank

2.1.1 Entstehung und Gründe für die Relevanz einer Europäischen Zentralbank

Zentrales Banking war immer gleichbedeutend mit dem Ausgeben und Verwalten von nationalen Währungen. Eine nationale Währung war ein unverzichtbarer Teil von nationaler Unabhängigkeit. Banknoten spielten im Vergleich zu Gold und Silbermünzen eine zunehmend wichtigere Rolle im Kreislauf des Geldes und erlangten damit einen hohen Stellenwert in der Kultur. Als Zahlungsmöglichkeit im modernen Wirtschaftsleben nahm dementsprechend auch die Wichtigkeit der Zentralbank zu und die Steuerung der Geldpolitik wurde zum essentiellen Teil der Wirtschaftspolitik.6

Im Rahmen der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) und der Zusammenarbeit von europäischen Mitgliedsstaaten in Europa wurde am 01.01.1994 das Europäische Währungsinstitut (EWI) errichtet, welches die Kommunikation zwischen den Zentralbanken stärken sollte. Da es nur vorübergehend war, zählte die Durchführung der Geldpolitik in Europa und Devisenmarktintervention nicht zu den zentralen Aufgaben des EWI und war den Zentralbanken der Mitgliedsstaaten vorbehalten. In dieser Übergangszeit war eine der Aufgaben die Koordination der Zentralbanken und die Sicherstellung der engen Zusammenarbeit in Hinblick auf die spätere Gründung der Europäischen Zentralbank und erste Vorarbeiten zu Wechselkursmechanismen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil in den Aufgaben des EWI waren die Vorbereitungen auf die Gründung der Europäischen Zentralbank und eine damit einhergehende zentrale Geldpolitik sowie eine gemeinsame Währung. 1996 präsentierte der EWI erstmals die neuen Banknoten, die seit der Einführung des Euros am 01.01.2002 als offizielles Zahlungsmittel dienen. Der Rat der Europäischen Union stellte am 02.05.1998 die ersten Mitgliedsstaaten vor, die alle Voraussetzungen zur Einführung einer gemeinsamen Währung zum 01.01.1999 erfüllten. Diese Mitgliedsstaaten waren Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland. Im gleichen Zuge wurden die ersten Wechselkurse erstellt, welche ab der Einführung des Euros galten. Mit Abschluss dieser Aufgaben und der Errichtung der Europäischen Zentralbank am 01.06.1998 wurde das EWI aufgelöst.7

Mit der europäischen Zentralbank wurde eine überstaatliche Institution geschaffen, die in ihrer Tiefe und der Einführung des Euros eine ähnliche Identität in nationalen Gefügen erhalten hat wie zuvor die eigene Währung. Des Weiteren ist die europäische Zentralbank die Verkörperung von modernem zentralen Banking, da die Objektivität in Hinblick auf die Geldpolitik eine unabhängige Preisstabilität gewährleistet. Die zwölf Mitgliedsstaaten, die Stand 2006 den Euro als offizielles Zahlungsmittel angenommen haben, repräsentierten bereits zwei Drittel der EU-Bevölkerung mit einer geplanten Erweiterung der anderen EU-Mitgliedsstaaten zu gegebener Zeit.8

2.1.2 Ziele, Aufgaben

Die wichtigsten Aufgaben des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) sowie des Eurosystems sind im Vertrag der Arbeitsweise der Europäischen Union festgehalten. Das vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank ist die Wahrung der Preisstabilität in den Euro-Ländern.9 Dass eine Preisstabilität in das Abkommen aufgenommen wurde, ergibt sich aus praktischen Erfahrungen der vergangenen Jahre, in denen viele wissenschaftliche Studien belegen, dass Geldpolitik eine entscheidende dabei Rolle spielt, das Wachstum der Wirtschaft und des Lebensstandards der Bevölkerung zu erhöhen. Durch die Preisstabilität kann die Bevölkerung einfacher Unterschiede wahrnehmen und es wird eine bessere Vergleichbarkeit von Investmentmöglichkeiten geschaffen. Dies gewährleistet Firmen und Kunden eine bessere Informationsgrundlage zum Konsumieren sowie Produzieren und damit eine effiziente Allokation der Ressourcen. Diese Entscheidungen helfen dem Markt, ein großes Potential in der Produktivität zu fördern. Ein weiterer Vorteil ist die Gewissheit für Investoren, dass die Preise sich in der Zukunft nicht übermäßig volatil und inflationär verhalten, sodass beispielsweise Kredite von Banken verliehen werden, ohne eine Risikoprämie für einen volatilen Geldmarkt zu veranschlagen. Dies führt zu einer optimalen Verteilung innerhalb des Geldmarktes und eine Steigerung der Gesamtwohlfahrt. Spekulanten auf physische Werte wird zudem eine Grundlage genommen, Waren einzelnen Wirtschaftsakteuren vorzuenthalten, da die Schwankungen meist nicht groß genug sind, um diese als Wertanlage zu nehmen und exorbitante Kursgewinne zu erzielen.

Zudem führt eine Stabilität in den Preisen direkt zu einer Stabilität der Politik, sodass eine hohe Inflation oder Deflation nachweislich zu einer Unruhe in der Bevölkerung und der Produktivität des Landes führen kann.10 Ohne das Ziel der Preisstabilität zu beeinträchtigen, sollen die generellen wirtschaftlichen Interessen der Gemeinschaft erfüllt werden. Diese Ziele sind eine hohe Arbeitsbeschäftigung sowie stetiges, nicht inflationäres Wirtschaftswachstum. Laut der Europäischen Zentralbank werden diese Faktoren langfristig durch eine Preisstabilität beeinflusst, sodass sich die Auswirkungen nicht direkt bemerkbar machen aber auf lange Sicht die Gesamtwohlfahrt erhöhen.11 Um die Strategie der Europäischen Zentralbank umzusetzen, stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung, welche sich auf das Investitionsverhalten von Unternehmen und durch Banken auf die privaten Haushalte auswirkt.12

2.1.3 Instrumente der Europäischen Zentralbank

Durch eine Veränderung des Leitzinses der Instrumente zur Geldpolitik kann eine Entwicklung von Blasen entstehen, durch die exorbitant viel Kapital in einen einzelnen Markt investiert wird. Insgesamt wird mit einem niedrigen Leitzins die Verschuldung der Haushalte angeregt und eine klassische Anlage ist weniger ertragreich.13 Die Europäische Zentralbank ist alleinige Emittentin von Banknoten und Mindestreserveguthaben der Banken, sodass eine Monopolstellung auf Zahlungsmittel sichergestellt ist. Im Eurogebiet besteht dieses Zahlungsmittel aus Banknoten und Münzen, dem Reserveguthaben von Geschäftspartnern des Eurosystems sowie die Inanspruchnahme der Einlagefazilität durch Kreditinstitute des Eurosystems. In Zeiten der finanziellen Unsicherheit kann die Europäische Zentralbank direkt reagieren und die auszugebene Geldmenge durch den Leitzins steuern und Kreditinstitute mit Liquidität zu versorgen. Durch den Leitzins kann die Europäische Zentralbank auch den aktuellen Kurs der Geldpolitik signalisieren.14

2.1.3.1 Mindestreserven

Zur Stabilisierung des Geldmarktes gibt es das Mindestreservesystem als Instrument der Europäischen Zentralbank. Es kann bei Bedarf eine Liquiditätsknappheit erzeugt werden, wenn Geschäftsbanken diktiert wird, wieviel Mindestreserve sie bei der Zentralbank hinterlegen müssen. Dies führt zu einem erhöhten Bedarf an Zentralbankgeld und zwingt sie dadurch, an den Refinanzierungsgeschäften des Eurosystems teilzunehmen. Die Höhe der zu hinterlegenden Mindestreserve richtet sich nach der Mindestreservebasis und ist eine Relation zu bestimmten Bilanzpositionen. In die Berechnung des Mindestreservesatzes werden beispielweise fällige Einlagen, Schuldverschreibungen und Rückkaufvereinbarungsgeschäfte mit einbezogen und mit einer täglichen Fälligkeit von bis zu 2 Jahren mit 2% Mindesteinlagesatz und bei langfristigen Fälligkeiten von über 2 Jahren mit 0% berechnet. Für die Kreditinstitute gibt es einen einheitlichen Freibetrag von 100.000€, der vor der Berechnung abzuziehen ist und eine Reduzierung der Verwaltungskosten zur Folge hat. Zur erfolgreichen Umsetzung müssen Kreditinstitute das Guthaben auf den Konten der Nationalen Zentralbanken unterhalten und dürfen dabei von einer Durchschnittserfüllung Gebrauch machen, die eine Periode von einem Monat betrachtet und sich an dem tagesdurchschnittlichen Reservesatz orientiert. Die Erfüllungsperioden werden drei Monate vor Beginn des Kalenderjahres von der Europäischen Zentralbank veröffentlicht. Die Verzinsung des unterhaltenden Guthabens auf den Konten der Nationalen Zentralbanken erfolgt zu einem marktnahen Zins.15

2.1.3.2 Offenmarktgeschäfte

Die erste Kategorie von insgesamt vier Kategorien der Offenmarktgeschäfte sind die Hauptrefinanzierungsgeschäfte, bei denen über einen kurzen Zeitraum von einer Laufzeit über eine Woche den Geschäftsbanken dezentral von den nationalen Zentralbanken Liquidität zugeführt wird. Die Vergabe von Liquidität wird entweder über den Mengentender gesteuert, bei dem die Geschäftsbanken nur ein Gebot über die Höhe an benötigter Liquidität abgeben. Bei der Variante des Zinstenders geben die Geschäftsbanken sowohl ein Angebot über die Höhe als auch den Zins ab, zu dem sie das Geschäft abschließen möchten. Bei dem Mengentender entscheidet die Europäische Zentralbank über die Höhe der auszugebenden Liquidität und verteilt diese anschließend im Verhältnis der Gebote. Beim Zinstender werden die Angebote mit den höchsten Zinsgeboten zuerst bedient.

Die zweite Kategorie bilden die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte, bei denen auf monatlicher Basis Liquidität über einen Zeitraum von drei Monaten ausgegeben wird. Durch die langfristige Vergabe soll vermieden werden, dass die gesamte Liquidität wöchentlichen Schwankungen ausgesetzt ist und in ihrer Gesamtheit umgeschlagen wird. Außerdem sollen Geschäftsbanken längerfristiger planen können.

Bei der dritten Kategorie handelt es sich um Feinsteuerungsoperationen, die nicht standardisiert ablaufen und bei denen je nach Bedarf die Laufzeit und Häufigkeit angepasst werden können. Hierdurch kann flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse oder Liquiditätsschwankungen reagiert werden. Die Vergabe erfolgt an ausgewählte Geschäftsbanken durch Schnelltender, da innerhalb einer Stunde die Abwicklung erfolgen kann.

Die vierte Kategorie bildet die strukturelle Operation, bei der beispielsweise Schuldverschreibungen der Europäischen Zentralbank ausgegeben werden und somit eine Beeinflussung des Finanzsektors hinsichtlich des Liquiditätsbedarfes herbeigeführt wird.16

2.1.3.3 Ständige Fazilitäten

Die ständigen Fazilitäten bieten den Geschäftsbanken eine Möglichkeit, über Nacht Geld bei der Zentralbank anzulegen oder in Form von Spitzenrefinanzierungsfazilität als Kredit zu bekommen. Die Geschäftsbanken können in eigenem Ermessen entscheiden, ob sie das Geld anlegen oder als kurzzeitigen Kredit in Anspruch nehmen möchten, wobei lediglich die Zinsen vorgegeben sind. In der Praxis bietet die Inanspruchnahme der ständigen Fazilitäten kaum einen Anreiz, da die Anlage meist unter dem Marktzins liegt. Ein Anstieg der Einlagenfazilität nahm während der Finanzkrise zu, da das Vertrauen unter den Geschäftsbanken abnahm und zu einer Abnahme der Kreditvergabe untereinander und einem Horten von Liquidität führte.17

2.2 Gesetzliche Risikoanforderungen an Banken vor 2008

Vor der Finanzkrise in 2008 und damit verbundenen Regulierungen zu den Eigenkapitalrichtlinien Basel III gab es mit Basel II und Basel I bereits Versionen zur Regulierung des Eigenkapitals, die nach der Finanzkrise überarbeitet wurden. Basel II ist eine Rahmenvereinbarung, die 2004 mit dem Ziel veröffentlicht wurde, die Solidität und Stabilität eines internationalen Bankenmarktes zu stützen. Die ursprüngliche Rahmenvereinbarung von Basel teilt sich in die drei Säulen Mindestkapitalanforderungen, Überprüfung durch Aufsichtsbehörden sowie Transparenz und Marktdisziplin auf.

Mit der ersten Säule im Rahmen von Basel II wurde die Grundlage von mindestens 8% Eigenkapital für Kredite weiter differenziert. Kredite der Banken werden mit Hilfe von verschiedenen Kriterien auf ihre Sicherheit überprüft und bewertet. Dies hat zur Folge, dass Kreditnehmer anhand der Bonität anders behandelt und bepreist werden, da dieses Rating die neue Bemessungsgrundlage für die Eigenkapitalreserven darstellt. Die Banken können sich aufgrund der Komplexität der Kredite bei Unsicherheiten in der Bewertung an die nationale Zentralbank wenden und eine Beratung in Anspruch nehmen.18

Die zweite Säule bildet die Überprüfung durch Aufsichtsbehörden, bei der sichergestellt werden soll, dass die Risikoeinschätzungen der jeweiligen Bank gerechtfertigt und angemessen sind. Aufgrund der Erfahrungen mit dem qualitativen und quantitativen Kreditmanagement von Banken ist es unerlässlich, dass die Banken mit der Aufsicht in einem engen Kontakt stehen.19

Die dritte Säule stellt die Transparenz von Banken dar. Hierbei sollen die Eigenkapitelstrukturen offengelegt werden, um allen Marktteilnehmern die Möglichkeit zu geben, sich einen Eindruck der Kapitalstruktur zu bilden. Des Weiteren sollen die Methoden der Banken offengelegt werden, mit denen beispielsweise die Bewertung der Kredit zur Bemessung der Eigenkapitalpositionen herangezogen werden. Hierzu gehört ebenfalls eine Risikoeinschätzung verschiedener Marktszenarien und eine damit einhergehende Reflektion des Risikoprofils der Bank.20

3 Die Finanzkrise 2008

3.1 Ursachen und Verlauf der Finanzkrise

Über die Jahre veränderte sich der Blickwinkel auf sogenannte „Investments“. Die Anlage erfolgte nicht mehr in Produktionsmittel oder Maschinen, sondern vermehrt in Geld als Ware.21 Die USA war ein Ausgangspunkt der Finanzkrise und hatte einen Anteil von ca. 26% an der weltweiten Wirtschaftsleistung zu Beginn der Krise in 2007/2008. Durch diesen immensen Anteil haben Schwankungen und Ungleichheiten einen starken Einfluss auf die Weltwirtschaft.22

Eine der Hauptursachen der Finanzkrise ist die Subprimekrise, welche wiederrum aus einem Abstürzen des Immobilienmarktes und einer expansiven Immobilienfinanzierung entstand. Seit Ende der 90er Jahre waren die Immobilienpreise von einem stetigen Wachstum gekennzeichnet, wie in Abbildung 1 anhand des Case-Shiller Index zu erkennen ist. Auf der horizontalen Achse sind die Jahre 1988 bis 2012 zu erkennen und auf der vertikalen Achse die Veränderung der Preise von Einfamilienhäusern in Prozentpunkten. In die Berechnung der Entwicklung werden die meisten Staaten der USA einbezogen. Deutlich zu erkennen ist der stetige Anstieg bis in das Jahr 2007, woraufhin der Immobilienmarkt abwärts sinkt.

Abbildung 1: Immobilienpreisentwicklung in den USA von 1988 bis 2012

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Standard&Poor, Case-Shiller Index, 2019, o.S.

Durch die vor dem Absinken der Preise herrschende Überzeugung, dass Immobilien eine sichere Anlage seien, waren sowohl Kreditnehmer als auch Kreditgeber zu weiteren Investitionen bereit. Ausschlaggebend für kontinuierliche Immobilienfinanzierungen waren die Government Sponsored Enterprises Fannie Mae und Freddie Mac, die den hypothekenausgebenden Banken die Forderungen und damit verbundenen Risiken abkaufen mussten.23 Die gekauften Forderungen wurden an den Finanzmärkten refinanziert und fanden, durch staatliche Garantien auf die Hypotheken und dadurch hohe Bonität, stetig Abnehmer. Die Hypotheken wurden in forderungsbesicherte Wertpapiere umgewandelt und anschließend als Mortgage-Backed Securities dem Finanzmarkt zugänglich gemacht. Durch diese Ausgestaltung konnte die Forderung von privaten und institutionellen Anlegern für die Vermögensvorsorge erworben werden.24 Ab dem Jahr 2000 bis 2007 setzte eine Überbewertung und Immobilienvermögensinflation ein, welche damals als normale Entwicklung dargestellt und zusätzlich durch die Federal Reserve Bank unterstützt wurde. Als Sicherheit der Kredite wurde lediglich der Wert der Immobilie berücksichtigt, sodass andere Faktoren wie die Vermögenslage oder das Einkommen weitestgehend nicht mit einbezogen wurden. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit wurde die Immobilie im prognostiziert steigenden Markt verkauft und daraus die Forderung bezahlt. Sinn beschreibt diese Subprimekredite als zweitklassig oder minderwertig, sodass er sie allgemein als NINJA-Kredite definiert: No Income, No Jobs or Asset.25

Des Weiteren konnte bei sinkenden Zinsen die Hypothekenzahlung in den USA mit Vertragsstrafen gekündigt werden. Dies geht auf eine gesetzliche Regelung für den Immobilienmarkt zurück, sodass anschließend der Kredit zu neuen Konditionen abgeschlossen wurde.26 In diesem Zusammenhang stellt Abbildung 2 die Zinsen in den USA unter den Präsidenten der Notenbank Alan Greenspan, Ben Bernanke und Janet Yellen dar. Hierbei werden auf der horizontalen Achse die Jahre 2001 bis Mitte 2017 und auf der vertikalen Achse die Zinsen im Rahmen von 0 – 7% dargestellt. Zu erkennen ist ein Anstieg der Zinsen in den Jahren 2004 bis 2006 auf ca. 5% mit einem folgenden Absinken auf fast 0% bis 2009.

Abbildung 2 : US-Leitzinspolitik von 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle : Loesche, D., US - Leitzinspolitik , 2017, o.S.

Das Absinken der Immobilienpreise in 2006, wie im Case-Shiller Index zu erkennen ist, erschwerte es den Immobilienkäufern, ihre fälligen Kredite zu verlängern oder zu refinanzieren, da der Wert der Immobilie nicht mehr für eine Besicherung der Hypothek ausreichte. In Verbindung mit den zu der Zeit noch hohen Zinsen von 5%, mussten viele der Immobilien zwangsversteigert werden, was zu weiter sinkenden Preisen auf dem Immobilienmarkt führte. Durch diesen Anstoß kam es zu Rückzahlungsschwierigkeiten bzw. Ausfällen der ausgegebenen Wertpapiere, dessen Wert sich indirekt an den Immobilien orientiert.27 Bei dem erneuten Abschließen von Hypotheken zur Anschlussfinanzierung oder nach einer Kündigung wurde häufig ein höheres Kreditvolumen vereinbart, welches in den privaten Konsum lief. Dies war kurzfristig für einen Anstieg des BIP verantwortlich, langfristig führte es zu einer höheren Überschuldung der privaten Haushalte. Nach rückwirkender Prüfung der Kreditanträge wurde festgestellt, dass die Unterlagen der meisten der Subprimekredite von Kreditnehmern zweitklassiger Bonität nicht vollständig waren bzw. nicht zur Verfügung standen. Dies ist in Verbindung mit einer Finanzierung, die kurz vor der Finanzkrise teilweise bei 110% des Immobilienwertes lag und dadurch eine Untersicherung der Forderung darstellt, ein weiterer Katalysator der Krise.28 Zudem wurden die Kredite unter Konkurrenzdruck der Banken mit einem Versprechen ausgegeben, dass die Kunden innerhalb von einer Stunde eine Rückmeldung zur Gewährung ihrer Kredite erhalten und die Auszahlung innerhalb einer Woche erfolgen würde.29 Des Weiteren konnte eine einseitige Kündigung des Kunden durch ein formloses Schreiben und mit Beilage der Haustürschlüssel erfolgen, was den Kredit direkt zu einem notleidenden Kredit der Bank machte.30

Durch das Platzen der Immobilienblase und der Insolvenz der Investmentbank Lehmann Brothers am 15.09.2008, folgte eine Kettenreaktion, die eine Subprimekrise in den USA zu einer weltweiten Finanzkrise werden ließ.31 Dies war der Fall, da die Forderungen verkauft und verbrieft dem Finanzmarkt zugänglich gemacht wurden. Durch Special Purpose Vehicles (SPV) wurden durch Banken Zweckgesellschaften gegründet, die ihnen die Forderungen günstig abkauften, jedoch ohne dabei rechtlich selbst als Banken zu gelten. Dies hatte zwei Vorteile, da zum einen die Kredite aus der Bilanz der Banken verschwanden und damit nicht von dem Baseler Abkommen berücksichtigt wurden, welches verlangte, dass für die schlechter gestellten Kredite ein hoher Anteil Eigenkapital hinterlegt werden muss, und zum anderen das Risiko auf die SPVs übertragen wurde.32 Zusätzlich kann das bisherige und das kommende Baseler Abkommen einen beachtlichen Einfluss auf die Gründung von SPVs haben. Die schnelle Refinanzierung erlaubte es den Banken, neue Kredite auszugeben und den Finanzmarkt weiter mit Liquidität zu versorgen. Da die Zweckgesellschaften nicht als Banken galten und vom Baseler Abkommen befreit waren, wurden Sie häufig dem „Schattenbankensystem“ zugeordnet.33 Der Präsident der Bundesbank Jens Weidmann spricht bei den Schattenbanken von einem ausgelagerten Risiko der Banken und rät zu einer strengeren Überwachung, damit Risiken früh erkannt werden können. Zusätzlich sollte es eine Regulation und Definition von Schattenbanken geben, die diese Überwachung möglich machen.34 Die SPVs verbrieften die gekauften Forderungen der Banken aus einem Forderungs-Pool von verschiedenen Krediten in forderungsbesicherte Wertpapiere mit unterschiedlichen Risikogewichtungen. Bei einem Ausfall einer Forderung wurden die Verluste zuerst aus den untersten Tranchen bedient, die vergleichbar mit der Position des Eigenkapitals sind. Als nächstes wurde die mittlere Tranche zur Deckung herangezogen und letztendlich die oberste, wenn die unteren Tranchen restlos aufgebraucht waren. Durch das hohe Risiko der untersten Tranche wurde dementsprechend auch eine höhere Rendite ausgeschrieben und auf die oberste, die sicherste, eine niedrigere Rendite. Die Bewertung der Tranchen erfolgte durch Ratingagenturen und bewertet risikoarme Tranchen mit AAA, welches dem höchsten Rating entspricht. Ein Rating von hingegen D entsprach dem schlechtesten Rating und impliziert daher eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit der Tranche.35 Eine Sonderform der Asset-Backed Securities (ABS) waren die Collateralized Debt Obligation (CDO), welche wie die SPVs eigene Zweckgesellschaften sind und bereits verbriefte Forderungen kaufen und diese anschließend in Anleihen bündelt und vorwiegend an institutionelle Anleger verkauft.36 Durch diese Prozesse von der Kreditaufnahme des privaten Haushaltes bis hin zum Verkauf von CDOs an Anleger wird der Abstand zur Forderung immer größer und es folgt eine Intransparenz der Produkte.37 Der Chief Operating Officer von Moody’s Brian Clarkson stellte heraus , dass von dieser Intransparenz auch Ratingagenturen betroffen waren, die von den emittierenden Banken beauftragt wurden, eine Einschätzung des Risikos der verbrieften Papiere vorzunehmen, um den Kunden ein Sicherheitssiegel präsentieren zu können. Da die Banken ein möglichst hohes Rating anstrebten, wurden die unsicheren Forderungen um einen Sicherheitspuffer ergänzt, sodass einzelne Forderungsausfälle von der Masse kompensiert werden konnten. Dies hatte zur Folge, dass in dieser Zeit ca. 60% der CDOs ein Rating von AAA hatten und damit als sicher eingestuft wurden. Erst 2007 wurden beispielsweise von der Ratingagentur Moody’s Korrekturen am Rating vorgenommen, als sich erste Anzeichen der Subprimemarktkrise erkennen ließen. Diese Anzeichen wurden in der Entwicklung zwar von der Ratingagentur erkannt, aber waren dennoch vom Ausmaß überraschend, da ein massiver Teil der Immobilien nicht ausreichend bewertet waren und Kredite an Kunden vergeben wurden, die nicht kreditwürdig waren. Da die Ratingagenturen sich auf die Daten verließen, die sie von den Banken zur Verfügung gestellt bekommen hatten und keine direkte Prüfung der Kreditnehmer vornehmen konnten, sei hier eine große Intransparenz zu erkennen. Weiterhin führt Clarkson an, dass in Zukunft eine Änderung im Vorgehen zur Bewertung solcher intransparenten Finanzprodukte geben müsse und verschiedene Kennzahlen zur Bewertung herangezogen werden sollten. Des Weiteren führt er einen Interessenskonflikt von Ratingagenturen auf, da die Emittenten die Agentur bezahlen, was laut Clarkson allerdings als nicht relevant eingestuft wird, da er der Meinung ist, dass ebenfalls ein Interessenskonflikt herrschen würde, wenn die Bürger für die Kosten der Ratingagenturen bezahlen. Er stellt heraus, dass die Ratingagenturen allgemein an der Qualität der Ratings arbeiten müssen, um dem Markt eine gewisse Transparenz gewährleisten zu können.38

3.2 Folgen der Finanzkrise

3.2.1 Finanzmarktstabilisierung

Als Reaktion auf die Zahlungsunfähigkeit und um die Wirtschaft in Deutschland zu schützen, wurden vom Gesetzgeber mehrere Gesetze verabschiedet, um den deutschen Finanzsektor zu stabilisieren. Als Eilgesetz wurde am 17. Oktober 2008 das Finanzmarktstabilisierungsgesetz verabschiedet, wodurch ein Fonds errichtet wurde, der für eine Liquiditätsstabilität des deutschen Finanzsektors dienen sollte. Liquiditätsengpässe konnten dadurch von Finanzinstituten mit Sitz in Deutschland überwunden werden und in der Eigenkapitalbasis gestärkt werden. Das Vermögen war Sondervermögen des Bundes und wurde bei der Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (FMSA) verwaltet, die bei der deutschen Bundesbank angesiedelt, allerdings eigenständig organisiert war. Der Fonds war bis zu einer Kreditaufnahme von bis zu 70 Milliarden Euro ermächtigt und konnte diese zur Durchführung von Maßnahmen und Unterstützungen im Rahmen des Finanzstabilisierungsgesetzes verwenden. Weitere 20 Milliarden Euro konnten vom Fonds im Falle einer Inanspruchnahme als Kredit aufgenommen werden. Eine Maßnahme war der Erwerb von Problemaktiva deutscher Institute, beispielsweise in Form von Finanzinstrumenten, Gewährleistungen oder Wertpapieren, die im Zusammenhang mit der Finanzkrise standen. Eine weitere Maßnahme war die Rekapitalisierung mit Mitteln zugunsten der Passivseite, also einer direkten Beteiligung am Eigenkapital des Institutes. Der Fonds war bis zum 31.12.2009 befristet tätig und konnte in dieser Zeit Maßnahmen ergreifen. Ab 2011 war der Fonds nicht mehr aktiv tätig und überwachte die Maßnahmen, die zur Stabilisierung eingeleitet wurden.

Der Fonds unterlag nicht der Gewerbe- oder Körperschaftssteuer und war im Sinne des Umsatzsteuergesetzes kein Unternehmer. Die Verwaltungskosten des Fonds wurden vom Bund getragen.39

3.2.2 MiFID II und MiFIR

MiFID II löste am 03.01.2018 die Finanzmarktrichtlinie MiFID I ab und gestaltet den Anlageprozess für Kunden transparenter. Im Rahmen von MiFID II wurden neue Aufgaben für die Wertpapieraufsicht geschaffen, da organisierte Handelssysteme überwacht und zugelassen werden mussten. Diese Handelssysteme waren vorher bereits existent aber nicht reguliert. Zusätzlich sollen Warenderivate von den Marktteilnehmern transparenter dargestellt und ab einer gewissen Positionshöhe offengelegt werden. Das Ziel der Verordnung ist ein transparenter Markt mit dem Zugang zu kostengünstigen Informationen beispielsweise zu abgeschlossenen Geschäften. Die Finanzkrise und die damit verbundenen hohen Verluste der Privatanleger führten ebenfalls dazu, dass in der neuen MiFID II Richtlinie festgelegt wurde, wie die Anleger besser und transparenter geschützt werden können, ohne sie aus dem Finanzmarkt auszuschließen. Zur Transparenz der Kosten muss dem Kunden vor dem Handel eine Übersicht zur Verfügung gestellt werden, auf dem alle Transaktionskosten aufgezeigt werden. Des Weiteren dürfen die Banken keine Vergütungen bezahlt bekommen, wenn sie das Produkt eines Emittenten verkaufen, für das sie vor Inkrafttreten von MiFID II eine Provision erhalten hätten.

Ebenfalls müssen Emittenten direkt bei Emittieren eines Wertpapiers Angaben darüber machen, für welchen Zielmarkt das Produkt geeignet ist. Diese Angaben beinhalten unter anderem, ob das Produkt für Privatkunden oder professionelle Kunden geeignet ist, ob der Kunde bereits Erfahrungen mit Produkten dieser Art gesammelt hat oder wie seine Erfahrungen allgemein im Wertpapierhandel sind. Zudem müssen Angaben zu dem Risikoprofil, den Anlagezielen sowie den Bedürfnissen der Zielgruppe gemacht werden. Das Beratungsprotokoll, mit dessen Hilfe vor MiFID II ein Anlegerprofil des Kunden erstellt wurde, ersetzt nun eine Geeignetheitserklärung. In dieser wurde explizit niedergeschrieben ist, aufgrund welcher Anhaltspunkte das zu verkaufende Finanzprodukt für den Kunden geeignet ist. Eine weitere Neuerung ist die Sprachaufzeichnung, die von den Beratern mit dem Kunden durchgeführt werden muss und alle Einzelheiten des Gesprächs festhält, um eine Grundlage zu haben, falls der Kunde finanziell zu Schaden kommt. Der Kunde muss der Sprachaufzeichnung zustimmen und kann bei Bedarf eine Bereitstellung der Kopie anfordern. Die Aufzeichnungen müssen von Kreditinstituten oder Finanzdienstleistern fünf Jahre lang aufbewahrt werden. Begleitet wird die MiFID II Richtlinie von MiFIR, die auf europäischer Ebene unmittelbar anwendbar ist. So kann in ganz Europa den nationalen Aufsichtsbehörden die Möglichkeit geschaffen werden, bestimmte Finanzprodukte vom Vertrieb und Verkauf auszuschließen.40

3.2.3 Basel III

Am 12. September 2010 wurden die neuen Kapital- und Liquididationsvorschriften für Bankinstitute veröffentlicht. Durch diese neuen Vorschriften sollen Banken eine größere Kapitalstabilität in Krisen erhalten und das eigene Risiko besser auffangen können, sodass eine staatliche Rettung nicht notwendig ist. Die Chefs der Notenbanken des Euro-Raumes und der Aufsichtsbehörden aus 27 Staaten verabschiedeten dieses Gesetz als Nachfolger des bisherigen Rahmens Basel II. In Folge der Finanzkrise unterschätzten viele Banken ihre Risikoinvestments, sodass das vorhandene Eigenkapital nicht ausreichte, um sich aus eigener Kraft zu finanzieren und zu stabilisieren. Durch ein Eingreifen der Staaten konnte ein Zusammenbruch der Kreditinstitute vermieden werden.41

Das zu hinterlegende Eigenkapital lässt sich in die Bereiche des harten, des zusätzlichen Kapitals und des Ergänzungskapitals einordnen. Im Rahmen der Capital Requirement Regulation (CRR) wird festgelegt, was als Kapital anerkannt wird und welche Positionen abgezogen werden.

Als hartes Kernkapital gelten unter bestimmten Voraussetzungen selbsteingezahlte Eigenkapitalinstrumente sowie offene Rücklagen. Im Fokus steht hierbei, dass die Positionen bei einer drohenden Krise direkt und uneingeschränkt zur Deckung von Risiken und Verlusten zur Verfügung stehen. Das harte Kernkapital muss mit einer harten Kernkapitalquote in Höhe von 4,5% hinterlegt werden.

Das zusätzliche Kernkapital wird im CRR als Ergänzung zum harten Kernkapital geregelt und muss durchgehend zur Deckung möglicher Verluste zur Verfügung stehen und einen Fortbestand der Geschäftstätigkeit des Unternehmens gewährleisten.

Anforderung an das zusätzliche Kernkapital ist die volle Verfügungsgewalt über das Kapital seitens des Kreditinstituts sowie die Möglichkeit, es in hartes Kernkapital umzuwandeln oder Abschreibungen vorzunehmen, sollte das harte Kernkapital unter einen Wert von 5,125% sinken.

Das ergänzende Kernkapital addiert zum harten Kernkapital stellt die Kernkapitalquote dar und darf einen Wert von 6,0% nicht unterschreiten. Als zusätzlicher Schutz im Insolvenzfall wird das Ergänzungskapital addiert, das für mindestens fünf Jahre in das Unternehmen eingezahlt worden sein muss und einen nachrangigen Rückzahlungsanspruch im Insolvenzfall besitzt.

Insgesamt müssen die drei Kapitalpositionen des harten, zusätzlichen und ergänzenden Kernkapitals eine Gesamtkapitalquote von mindestens 8% aufweisen.42 In Abbildung 3 ist auf der X-Achse bildlich dargestellt, wie die Kapitalanforderungen an Kreditinstitute bisher waren und wie sie sich nach der Einführung von Basel III verhalten. Auf der vertikalen Achse werden die Eigenkapitalquoten in Prozent angegeben. Man sieht bei dieser Gegenüberstellung, dass aufgrund von Basel III eine höhere Mindestquote zum harten Kapital gefordert ist und dies für eine niedrigere Anforderung bei dem weichen Kapital und dem Ergänzungskapital sorgt. Zusätzlich zu den 8% müssen zum einen als zusätzliche Sicherheit 2,5% Kapitalerhaltungspuffer hinterlegt sein, welcher bei Unterschreitung zu einer Sanktion in der Dividendenverwendung führt. Zum anderen können Banken einen antizyklischen Kapitalpuffer hinterlegen, der zwischen 0 – 2,5% betragen kann und dafür sorgt, dass ein Kreditinstitut in wirtschaftlich guten Zeiten für Krisenjahre ansparen kann.43

[...]


1 Vgl., Kock, A., Herausforderung FinTechs, 2016

2 Vgl. Ehrensberger, W., Gift für das Wachstum, 2016, S. 12

3 Vgl. Smith, N., Low Interest Rates, 2019

4 Vgl. Hellmich, M., Konsolidierung des Bankensektors, 2016

5 Vgl. Thun, C., Geschäftsmodell Bank, 2016, S. 2

6 Vgl. Scheller, H., European Central Bank, 2006, S. 12

7 Vgl. Europäische Zentralbank, Gründung EZB, 2019, o.S.

8 Vgl. Scheller, H., European Central Bank, 2006, S. 12

9 Vgl. Straubhaar, T., Vöpel, H., Aufgaben EZB, 2012, S. 4

10 Vgl. Scheller, H., European Central Bank, 2006, S. 46

11 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 61 - 62

12 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 101

13 Vgl. Hayo, B., Leitzins, 2013, S. 278

14 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 101 - 102

15 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 109 - 112

16 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 112 - 117

17 Vgl. Bundesbank, Geldpolitik der EZB, 2011, S. 117 - 118

18 Vgl. Bank for International Settlements, Basel II Framework, 2009, S. 1 - 2

19 Vgl. Bank for International Settlements, Basel II Framework, 2009, S. 9 - 10

20 Vgl. Bank for International Settlements, Basel II Framework, 2009, S. 28 - 29

21 Vgl. Kellermann, P., Soziologie des Geldes, 2014, S. 27

22 Vgl. Schuppan, N., Globale Zession, 2011, S. 18 - 19

23 Vgl. Schuppan, N., Globale Rezession, 2011, S. 118

24 Vgl. Münchau, W., Finanzsystem, 2008, S. 101

25 Vgl. Sinn, H., Kasino-Kapitalismus, 2009, S. 118, 129

26 Vgl. Sommer, R., Subprimekrise, 2009, S. 4

27 Vgl. Egidy, S., Finanzkrise und Verfassung, 2019 S. 25

28 Vgl. Schuppan, N., Globale Rezession, 2011, S. 121 - 125

29 Vgl. Münchau, W., Finanzsystem, 2008, S. 8

30 Vgl. Reifner, U., Die Finanzkrise, 2017, S. 17

31 Vgl. Wildmoser, G., Haftung von Ratingagenturen, 2009, S. 657

32 Vgl. Schuppan, N., Globale Rezession, 2011, S. 130

33 Vgl. Zimmermann, G., Schattenbanken, 2012, S. 109

34 Vgl. Weidmann, J., Systemrelevante Finanzinstitute, 2011, S. 5 - 7

35 Vgl. Schuppan, N., Globale Rezession, 2011, S. 131

36 Vgl. Blinder, A., After the Music Stopped, 2013, S.75 - 76

37 Vgl. Schuppan, N., Globale Rezession, 2011, S. 132 - 133

38 Vgl. Clarkson, B., Ratingagenturen, 2008, S. 52

39 Vgl. O.V., FMStG, 2008, S. 1982 - 1985

40 Vgl. BaFin, MiFID II, MiFIR, 2017, o.S.

41 Vgl. Bundesfinanzministerium, Basel III, 2010, o.S.

42 Vgl. Deutsche Bundesbank, Eigenmittel, 2018, o.S.

43 Vgl. Bundesfinanzministerium, Was ist Basel III?, 2010, o.S.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank auf deutsche Banken
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie und Management gemeinnützige GmbH, Hochschulstudienzentrum Hamburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
59
Katalognummer
V926023
ISBN (eBook)
9783346253088
ISBN (Buch)
9783346253095
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bank, bilanzanalyse, bilanzierung, sparkasse, commerzbank, niedrigzins, ezb, auswirkungen
Arbeit zitieren
Malik Boysen (Autor), 2019, Die Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank auf deutsche Banken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926023

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