Bindungstheorie. Auswirkungen frühkindlicher Bindungsbeziehungen auf Partnerschaftsrepräsentationen im Erwachsenenalter


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Bindungstheorie
2.1. Ansätze der Bindungstheorie
2.2. Die Bindungstheorie nach Bowlby
2.2.1. Bindung, Bindungssystem und Bindungsverhalten
2.2.2. Innere Arbeitsmodelle und mentale Repräsentationen
2.2.3. Bindungsqualität und Feinfühligkeit
2.2.4. Der Fremde-Situations-Test und die drei Bindungsstile
2.2.4.1. Sicher gebundene Kinder (Typ B, „secure“)
2.2.4.2. Vermeidend gebundene Kinder (Typ A, „avoidant“)
2.2.4.3. Ängstlich/ambivalent gebundene Kinder (C, „ambivalent“)

3. Stabilität der Bindungsstile

4. Bindung und romantische Paarbeziehungen im Erwachsenenalter
4.1. Hazan & Shavers Bindungsmodell sowie darauf aufbauende Forschungsergebnisse
4.1.1. Bindungsstile und Anziehung
4.1.2. Bindung und das Anfangsstadium einer Liebesbeziehung: Dating und Flirten
4.1.3. Bindung und Beziehungsstabilität
4.1.4. Kombination von Bindungsstilen
4.2. Bartholomew & Horowitz´ Bindungsmodell sowie darauf aufbauende Forschungsergebnisse
4.2.1. Bindung und Beziehungszufriedenheit

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

“We think [attachement theory] explains an unbelievable amount of human behavior: about our childhoods, about intimate adult relationships, about nearly all relationships throughout our lives.” (Reis, zitiert nach Lovenheim, 2018, S.3).

Bowlby (1907–1990) – ein englischer Psychiater und Begründer dieser Bindungstheorie – ging davon aus, dass reale frühkindliche Erlebnisse in der Eltern-Kind-Beziehung derart prägend sind, dass sie die Entwicklung eines Kindes grundlegend und lebenslänglich determinieren können (Brisch, 2009). Aus den in den ersten Lebensjahren stattfindenden Interaktionserlebnissen mit den primären Bindungspersonen – welche in den meisten Fällen die Mutter1 und/oder der Vater darstellen – bildet der2 Säugling innere Arbeitsmodelle und schließlich mentale Repräsentationen darüber, ob diese stets für ihn da sind und seine Bindungsbedürfnisse stets mit einer „(…) bestimmten charakteristischen Nähe oder Distanz sowie einem umfassenden Verhaltensrepertoire beantworte[en]“ (ebd., S. 37). Je nach Verhaltensweise der Eltern in den ersten Lebensjahren erreicht die Bindung zwischen Kleinkind und ihnen hierdurch eine gewisse Bindungsqualität ( Brisch, 2009, S. 30), die jeweils einem Bindungsstil entspricht. „(…) from the cradle to the grave” (Bowlby, 1979, zitiert nach Hazan & Shaver, 1987, S. 511), wird ein Mensch nach Annahme Bowlbys durch diese inkorporierten inneren Arbeitsmodelle beeinflusst. Diese sich nach Bindungsqualität stark unterscheidenden Modelle resultieren im Lebensverlauf in jeweils spezifischen und charakteristischen Verhaltensweisen, Gefühlen und Gedanken gegenüber anderen Personen (Gleeson & Fitzgerald, 2014) und sich selbst (Bartholomew & Horowitz, 1991). Sie betreffen also unter anderem – wie von Harry Reis im Eingangszitat postuliert – die im Erwachsenenalter entstehenden Liebesbeziehungen (Bierhoff & Rohmann, 2003; Mikulincer & Shaver, 2007). Daraus folgt, dass der in der frühen Kindheit unbewusst angeeignete Bindungsstil mitunter die weitreichende Macht besitzen kann, lebenslang alle stattfindenden Beziehungen zu beeinflussen. Hierbei gilt es auch zu bedenken, was dies für das Eltern-Sein und die Erziehung bedeutet: Das Wunschziel aller Eltern ist es vermutlich, ihre Kinder zu eigenständigen, gesunden und zufriedenen Menschen heran zu erziehen, die ihr Leben erfolgreich meistern. Dieses Thema ist darüber hinaus für alle Menschen von Relevanz, die verstehen möchten, wie ihr inneres Arbeitsmodell sie selbst sowie die Qualität ihre romantischen Beziehungen – größtenteils unterbewusst – „von der Wiege bis ins Grab“ beeinflusst.

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, verschiedene Forschungsergebnisse zu Bowlbys Annahme der Stabilität der Bindungsstile im Lebensverlauf sowie die darüber hinaus angenommenen, weitreichenden Auswirkungen dieser auf Liebesbeziehungen im Erwachsenenalter zu integrieren. Demzufolge sollen zunächst die Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby erläutert und anschließend der Frage nachgegangen werden, ob der frühkindlich erworbene Bindungsstil, wie von Bowlby postuliert, kontinuierlich bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Anschließend wird Hazan und Shavers (1987) Konzeptualisierung von Liebesbeziehungen als Bindungsprozess sowie darauf aufbauend das Modell von Bartholomew und Horowitz (1991) illustriert, um schließlich jeweils die auf diese Modelle aufbauende Forschung bezüglich nachfolgender Aspekte darzulegen: Bindungsstile und Anziehung, Dating und Flirten, Stabilität von Beziehungen, Kombination der Bindungstypen untereinander sowie Beziehungszufriedenheit.

2. Grundlagen der Bindungstheorie

Die Bindungstheorie integriert ethologisches, entwicklungspsychologisches, systemisches und psychoanalytisches Denken und wurde vom 1907 geborenen Engländer John Bowlby begründet. Ihre Annahmen beziehen sind auf die Zusammenhänge zwischen grundlegenden frühen Einflüssen und der emotionalen Entwicklung eines Kindes. Ihr Ziel ist es, die „(…) Entstehung und Veränderung von starken gefühlsmäßigen Bindungen zwischen Individuen im gesamten menschlichen Lebenslauf zu erklären“ (Brisch, 2009, S. 35).

2.1. Ansätze der Bindungstheorie

Nach Miró (1999) können im Wesentlichen drei konkurrierende Ansätze zur Erklärung der Bindungsgenese herangezogen werden: Der psychoanalytische, der lerntheoretische und der ethologische Ansatz. Während beim lerntheoretischen Konzept Bindung als eine Form der Abhängigkeit nach dem Prinzip sekundärer Verstärkung verstanden wird, begründet der ethologische Ansatz Bindung im evolutionsbiologischen Kontext (vgl. ebd.). Der psychoanalytische Ansatz hingegen betont die dem Säugling innewohnenden, angeborenen Triebe und schreibt das Existieren der engen Mutter-Kind-Bindung dem Bestehen von Sexual- und Selbsterhaltungstrieb zu. Vorwiegend wurde diese Bindung durch das Füttern mit dem Hunger als Primärtrieb sowie der daraus resultierenden „abhängigen“ persönlichen Bindung zwischen Mutter und Kind erklärt (Bowlby, 2014). Der ursprünglich ebenfalls aus der Psychoanalyse stammende Bowlby distanzierte sich aber relativ bald von der Annahme, dass Primär- und Sekundärtrieb für die Bindungsgenese verantwortlich seien. Er war aufgrund seiner Forschung und seinen zahlreichen Beobachtungen der Meinung, es könne „(…) eine eigenständige, motivationale Grundlage für die Entwicklung der Bindung geben (…), die auch noch biologisch verankert sei und nicht aus einem Konflikt heraus oder der Sexualität entstammen sollte“ (Brisch, 2009, S. 32).

2.2. Die Bindungstheorie nach Bowlby

Also entwarf Bowlby eine eigene Theorie – „(…) die Bindungstheorie mit dem Bindungsverhalten und dessen spezieller, [sich] vom „klassischen“ Nahrungs- u. Sexualtrieb (…) unterscheidender Eigendynamik“ (Bowlby, 2014, S. 21).

2.2.1. Bindung, Bindungssystem und Bindungsverhalten.

Bowlby definiert Bindung als ein „natürliches, vom Nahrungs- und Sexualtrieb abzugrenzendes „Überlebensmuster“ (Bowlby, 2014, S. 23), welches sich im Bindungsverhalten seitens des Säuglings äußert, ausgelöst durch das Bindungssystem – ein „(…) primäres, genetisch verankertes motivationales System, (…) welches zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling in gewisser biologischer Präformiertheit nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat“ (Brisch, 2009, S. 36). Darunter ist jegliches Verhalten zu verstehen, welches das Kleinkind zeigt, um die Nähe eines als kompetenter wahrgenommenen Menschen zu suchen und diese aufrecht zu erhalten mit dem Ziel, bei aufkommender Gefahr – beispielsweise Angst, Müdigkeit, Erkrankung o.ä. – von dieser beschützt zu werden und sich sicher fühlen zu können (Bierhoff & Rohmann, 2020) sowie Geborgenheit zu erfahren (Brisch, 2009).

2.2.2. Innere Arbeitsmodelle und mentale Repräsentationen.

Schließlich bildet das Kleinkind kognitive Schemata über das Verhaltens der primären Bezugsperson ihm gegenüber aus, die Bowlby als mentale Bindungsrepräsentationen bezeichnet (Brisch, 2009). Eine Bindungsrepräsentation tritt in Form eines inneren Arbeitsmodells auf, welches ein inneres Abbild der Interaktion zwischen dem Säugling und seiner Bindungsperson sowie der damit verbundenen Gefühle darstellt und sich im Laufe des ersten Lebensjahres bildet (Brisch, 2009). Diese Arbeitsmodelle sind durch folgende zwei Hauptmerkmale gekennzeichnet: „(a) whether or not the attachment figure is judged to be the sort of person who in general responds to calls for support and protection; [and] (b) whether or not the self is judged to be the sort of person towards whom\anyone, and the attachment figure in particular, is likely to respond in a helpful way" (Bowlby, 1973, zitiert nach Bartholomew & Horowitz, 1991, S. 226). Dies bedeutet, das Kleinkind bildet sowohl über das Verhalten der Bindungsperson als auch über seinen Wert als Person innere Arbeitsmodelle aus. (Collins & Feeney, 2004). Sind diese Modelle einmal entwickelt, laufen sie unterbewusst ab und beeinflussen unterschwellig die Gedanken, Gefühle und Verhalten eines Menschen in unterschiedlichen Beziehungskontexten (ebd.), „(…) [because they] are automatically activated in response to stressful events and should act as interpretive filters through which individuals evaluate and appraise their interactions with significant others“ (ebd., S. 363).

2.2.3. Bindungsqualität und Feinfühligkeit.

Entscheidend für die Bindungsqualität und den daraus resultierenden Bindungsstil ist es, wie feinfühlig und konsistent (Hazan & Shaver, 1987; Brisch, 2009) die Bindungsperson auf die Bedürfnisse des Kleinkindes reagiert und ob sie vom Säugling als liebende, stets verlässliche, fürsorgliche (Ahnert, 2019) und sichere Basis wahrgenommen wird (Simpson, 2010). Wenn die Bindungsfigur die Bedürfnisse ihres Kindes durch ihr Pflegeverhalten feinfühlig befriedigt, entwickelt dieses in den meisten Fällen eine sichere Bindung. Eine unsichere Bindung kann resultieren, wenn „gar nicht, nur unzureichend oder inkonsistent – etwa in einem für den Säugling nicht vorhersagbaren Wechsel zwischen Verwöhnung oder Überstimulation (…)“ (Brisch, 2009, S. 37) – auf seine Bedürfnisse eingegangen wird.

2.2.4. Der Fremde-Situations-Test und die drei Bindungsstile.

Bei der in den 70er-Jahren (Bierhoff & Rohmann, 2020) durch Mary Ainsworth entwickelten fremden Situation („Strange Situation“) handelt es sich um ein entwicklungspsychologisches, standardisiertes Experiment beziehungsweise eine testähnliche Untersuchungssituation. Aufbauend auf Bowlbys Annahmen wird hierbei in einem Beobachtungslabor das Bindungs- und Trennungsverhalten von Kindern vom 12. bis 19. Monat beobachtet, um anschließend die kindliche Bindungsqualität in die folgenden drei3 Bindungsstile klassifizieren zu können (Bartholomew & Horowitz, 1991; Bierhoff & Rohmann, 2020; Brisch, 2009):

2.2.4.1. Sicher gebundene Kinder (Typ B, „secure“).

Sicher gebundene Kinder wissen, dass ihnen ihre Bindungspersonen in als bedrohlich empfundenen Situationen stets „(…) emotional und tatkräftig zur Seite stehen, einem ihrem Explorationsdrang förderlicher Rückhalt [bieten] (…) indem sie feinfühlig auf die Signale ihres Kindes reagier[en] und sich ihm liebevoll zuwende[n], es insbesondere beschütz[en] und/oder tröste[n]“ (Bowlby, 2014, S. 101). 65% der Kinder konnten diesem Typ zugeordnet werden.

2.2.4.2. Vermeidend gebundene Kinder (Typ A, „avoidant“).

Kinder diesen unsicheren Bindungstyps haben bereits die Erwartung abgespeichert, dass sie sich in bedrohlichen Situationen oder in Konfliktsituationen nicht auf ihre primäre Bindungsperson verlassen können und diese sich ihnen gegenüber permanent ablehnend verhalten. Aus diesem Grund haben sie „beschlossen“, „(…) fortan auf Zuneigung und fremde Hilfe zu verzichten suchen [sowie] nach psychischer Autarkie [zu] streben (…)“ (vgl. ebd.). 21% der Kinder konnten diesem Typ zugeordnet werden.

2.2.4.3. Ängstlich/ambivalent gebundene Kinder (C, „ambivalent“).

Diese Kinder sind ebenfalls unsicher gebunden und können sich nie ganz in Sicherheit darüber wägen, ob und in welcher Situation sie sich auf ihre Bindungsfigur verlassen können. Eine daraus resultierende stetige Ungewissheit veranlasst Kinder dieses Bindungstyps dazu, „(…) Trennungsängste zu entwickeln, [zu] „klammern“ und nur selten Explorationsdrang zu zeigen“ (ebd.). 14% der Kinder konnten diesem Typ zugeordnet werden.

3. Stabilität der Bindungsstile

In der Bindungsforschung ist es vor allem von großem Interesse, Schlussfolgerungen über die zukünftige Entwicklung eines Kindes in Abhängigkeit von Bindungstyp und Qualität der Mutter-Kind-Beziehung anstellen zu können (Ahnert, 2019)4. Zentral ist hierbei die Frage, ob die im Kleinkindalter festgestellten Bindungsstile die erste Bindungserfahrung überdauern, also internalisiert werden und in Form von inneren Arbeitsmodellen kontinuierlich fortbestehen (ebd.). Bowlby (1973, zitiert nach Mikulincer & Shaver, 2007, S.116) merkt diesbezüglich Folgendes an:

No variables, (…) have more far-reaching effects on personality development than have a child’s experiences within his family; for, starting during the first months in his relation with his mother figure, and extending through the years of childhood and adolescence in his relations with both parents, he builds up working models of how attachment figures are likely to behave towards him in any of a variety of situations; and on those models are based all his expectations, and therefore all his plans, for the rest of his life.

Er vertritt außerdem die beiden Thesen, dass “(1) attachment patterns are a function of lived experiences, especially actual experiences within one’s family of origin during childhood, and (2) attachment patterns are fairly stable from infancy to adulthood, but are nevertheless open to change” (vgl. ebd.). Bei seinen Überzeugungen, frühe innere Arbeitsmodelle über sich und die anderen würden sehr wahrscheinlich im weiteren Lebenslauf aufrechterhalten bleiben, bezog er sich auf Piagets kognitive Entwicklungstheorie (ebd.), weswegen er den Bindungsrepräsentationen einen prior entry effect zuschreibt dies bedeutet, gemachte Bindungserfahrungen werden tendenziell irgendwann einfach nur noch teilweise oder vollständig an die bereits bestehenden, relativ stabilen Bindungsrepräsentationen von sich selbst und den anderen assimiliert und Ereignisse so interpretiert, dass sie zu bereits bestehenden kognitiven Schemata passen (ebd.; Bierhoff & Rohmann, 2020). So wird es einer sicher gebunden Person (Typ B) beispielsweise womöglich gar nicht auffallen, wenn ihr Partner vorübergehend unaufmerksam reagiert oder unerreichbar ist – sie vertraut aufgrund ihrer positiven Bindungserfahrungen auf die Verlässlichkeit ihrer Bindungsperson. Das Bindungssystem einer ängstlich/ambivalent (Typ C) gebundene Person hingegen wird aufgrund ihrer Bindungsgeschichte viel schneller aktiviert: Ihr inneres Arbeitsmodell suggeriert ihr, dass sie stets darauf „aufpassen muss“, dass die Bindungsperson bei ihr bleibt sowie diese als sichere Hafen nicht zu verlieren, weswegen sie stets regelrecht Ausschau nach Anzeichen von Unaufmerksamkeit oder beginnender Distanziertheit hält (Levine & Heller, 2015; Mikulincer & Shaver, 2007). Bowlby geht von einer „(…) Stabilität der Bindungsmuster über die Zeit unter der Prämisse, dass die Umweltverhältnisse stabil bleiben, [aus]. Stabilität wäre demnach nicht nur aufgrund äußerer Stabilität der Umwelt einer Person zu erwarten, sondern auch deshalb, weil diese Person die Umwelt aufgrund der gebildeten internalen Arbeitsmodelle interpretiert und danach handelt “ (Mestel, 2001, S. 27). Trotzdem war Bowlby ebenso wie Piaget der Meinung, dass es – sobald neue, wichtige Informationen nicht mehr an bereits bestehende mentale Repräsentationen assimiliert werden können – auch zu einer Akkommodation, also einer Aktualisierung der relativ stabilen inneren Arbeitsmodelle, kommen kann (vgl. ebd.). Es könnte also der Fall sein, dass wenn eine neue Bindungsperson, beispielsweise ein sehr feinfühliger, liebevoller Partner, ins Leben einer Person mit unsicherer Bindung tritt und sich dauerhaft konträr dazu verhält, wie diese es bisher gewöhnt ist, damit deren innere Organisation der Gefühle verändert wird und es anschließend ihrerseits zu einer Veränderung ihrer innerer Arbeitsmodelle in eine sichere Richtung in Bezug auf andere und sich selbst kommt (ebd.). Bindung stellt also eine lebensüberdauernde „emotionale Basis“ dar (vgl. ebd.) und die Stabilität frühkindlicher Bindungsstile „(…) seems to be mediated largely by continuity in the quality of primary attachment relationships“ (Bartholomew & Horowitz, 1991, S. 226). Veränderungen der Arbeitsmodelle in eine unsichere oder sichere Richtung sind aber möglich, wenn neue, bedeutungsvolle Bindungserfahrungen – worunter ebenso einschneidende Erlebnisse wie Verlust oder traumatische Erlebnisse fallen – gemacht werden (Mikulinver & Shaver, 2007; Brisch, 2019). Deshalb bezeichnet Bowlby Bindungsrepräsentationen als „umweltstabil“, aber gleichzeitig auch als „umweltlabil“ (Mikulincer & Shaver, 2007, S. 118).

Zahlreiche Studien beschäftigten sich damit, die Kontinuität der Bindungsstile zu erforschen. 1978 war E. Waters der Erste, der das Bindungs- und Trennungsverhalten von 50 Kindern an zwei Messzeitpunkten – nach 12 und nach 18 Monaten – erfasste, klassifizierte und miteinander verglich: 96% der Kleinkinder konnten bei beiden Messzeitpunkten demselben Bindungsstil zugeordnet werden (vgl. ebd., S. 122). Mithilfe der Metaanalyse von Fraley im Jahr 2002 konnte für die Bindungsstile, jeweils die Zeitpunkte des 1. und des 6. Lebensjahres vergleichend, eine mittlere Korrelation von .67 (N = 131) gefunden werden (ebd., S. 123). In Stichproben mit „stabilen“ Familien findet man tendenziell eher Kontinuität als in Stichproben von Risikofamilien (Grossmann & Grossman, 2003). Ende der 70er Jahre begann man dann damit, Langzeitstudien durchzuführen, um Zusammenhänge zwischen dem im ersten Lebensjahr durch die fremden Situation eruierten Bindungsstil und dem 18 bis 22 Jahre später bestehenden Bindungsmuster, erfasst durch das Adult-Attachement-Interview5 zu finden, wobei diese divergent ausfielen. Nach Mikulincer und Shaver (2007) konnten vier dieser Studien (Hamilton, 2000; Iwaniec & Sneddon, 2001; Main, 2001; Waters, Merrick, Treboux, Crowell, & Albersheim, 2000) signifikante, recht hohe Zusammenhänge finden (Grossmann & Grossmann, 2004, S. 532), während drei Forscherteams (Lewis, Feiring, & Rosenthal, 2000; Weinfeld, Sroufe, & Egeland, 2000; Zimmermann, Fremmer-Bombik, Spangler, & Grossmann, 1997) keine signifikanten Zusammenhänge bezüglich der Stabilität ermitteln konnten.

Kontinuität der inneren Arbeitsmodelle beziehungsweise der Bindungsstile konnte also bis dato empirisch weder bestätigt noch widerlegt werden. Dies widerspricht Bowlbys Annahmen nicht, sondern könnte eher Resultat dessen sein, dass ein inneres Arbeitsmodell beziehungsweise ein Bindungsstil jeweils „(…) kein Fixum, sondern ein Kontinuum [darstellt], das sich durch emotionale Erfahrungen in neuen Beziehungen zeitlebens in verschiedenste Richtungen verändern kann.“ (Brisch, 2009, S. 34). Darüber hinaus ist ein Arbeiten an diesen inneren Arbeitsmodellen auch durch Psychotherapie möglich (Kerres, 2005).

4. Bindung und romantische Paarbeziehungen im Erwachsenenalter

Bowlbys Idee, inkorporierte Bindungsmuster könnten romantische Paarbeziehungen im Erwachsenenalter sowie deren Qualität beeinflussen, fand großes Interesse in der Forschung (Simson, 1990). Hierbei fungieren die Liebespartner jeweils gegenseitig für sich als Bindungsperson, auf die man frühkindlich erlernte Bindungsmuster „anwendet“ (vgl. ebd.), wobei sich die frühkindliche Mutter-Kind-Bindung von der in einer Paarbeziehung folgendermaßen idealtypisch unterscheidet: Die Beziehung findet 1) gleichberechtigt und auf Augenhöhe statt – woraus resultiert, dass man 2) über seinen Bindungspartner mehr „Kontrolle“ hat als ein Kind über seine Eltern – , darüber hinaus kommt 3) eine sexuelle Anziehung hinzu (Hazan & Shaver, 1987). ´

4.1. Hazan & Shavers Bindungsmodell sowie darauf aufbauende Forschungsergebnisse

Hazan und Shaver (1987) nehmen an, dass die Bindung, die zwischen zwei Liebespartnern besteht, Parallelen zum frühkindlichen Bindungsprozess an eine primäre Bindungsfiguren aufweist (Mikulincer & Shaver, 2007). Auf Basis der Annahme von Stabilität der Bindungsmuster kann durch ein Selbstbeurteilungsverfahren das von einer Person in romantischen Beziehungen gezeigte Bindungsmuster – in Analogie zu den drei von Ainsworth geprägten frühkindlichen Bindungsstilen – in die drei Typen 1) sicher (56%), 2) ängstlich/ambivalent (20%) und 3) vermeidend (24%) unterschieden werden (vgl. ebd., Bartholomew & Horowitz, 1991). In Hazan und Shavers (1987) dazugehöriger Studie konnten diese Bindungstypen noch näher charakterisiert werden:

H1) Hinsichtlich der im Lebensverlauf gemachten Beziehungserfahrungen konnte Folgendes festgestellt werden: Der sichere Bindungstyp beschreibt die für ihn bisher wichtigste romantische Beziehung als geprägt von Vertrauen, Freundschaft und positiven Emotionen, darüber hinaus als „(…) especially happy, friendly, and trusting. [Also,] they [are] emphasized being able to accept and support their partner despite the partner's faults” (Hazan & Shaver, 2007, S. 513, 518ff.). Zudem behalten sie in Beziehungen auf gesunde Weise ihre Unabhängigkeit, wobei sie die gewisse, mit einer Beziehung einhergehende gegenseitigen Abhängigkeit beziehungsweise Verbindlichkeit nicht als unangenehm empfinden (Simpson, 1990). Dem ängstlich/ambivalenten Bindungstyp angehörende Personen „ (…) were expected to experience love as a preoccupying, almost painfully exciting struggle to merge with another person, (…) involving obsession, desire for reciprocation and union, emotional highs and lows, and extreme sexual attraction and jealousy” (ebd., S. 515). Der vermeidende Bindungstyp „(…) was expected to be marked by fear of closeness and lack of trust (…), by fear of intimacy, emotional highs and lows, and jealousy” (ebd., S. 513, 518ff.). Wenn eine Beziehung zu eng wird und zu viel Nähe stattfindet, empfindet dieser Bindungstyp dies als sehr unangenehm (Simpson, 1990) und er zieht sich höchstwahrscheinlich zurück (Levine & Heller, 2015). Darüber hinaus fällt es den Menschen dieses Bindungsmusters im Vergleich zu den anderen beiden Klassifizierungsmöglichkeiten schwieriger, ihren Partner so zu akzeptieren, wie er ist (Hazan & Shaver, 2007).

H2) Hinsichtlich ihrer aus den inneren Arbeitsmodellen resultierenden Überzeugungen über Liebe – „(…) beliefs about the course of romantic love, the availability and trustworthiness of love partners, and their own love-worthiness” (Hazan & Shaver, 2007, S. 521) – existieren Unterschiede zwischen den Bindungstypen.6 Sicher Gebundene sind überzeugt davon, dass es Liebe geben kann, die für immer andauert – sie sind aber auch der Ansicht, dass es normal ist, dass die Gefühle füreinander von Zeit zu Zeit in ihrer Stärke variieren. Sie glauben, Menschen „are generally well-intentioned and good-hearted“ und beschreiben sich selbst als „as easy to get to know and as liked by most people” (ebd., S. 518). Ängstlich/ambivalent Gebundene verlieben sich häufig und (teilweise zu) schnell, „ (…) although (like the avoidant subjects) they rarely find what they would call real love” (ebd., S. 521). Häufig hegen diese Selbstzweifel, fühlen sich missverstanden und nicht wertgeschätzt, außerdem erleben sie „(…) others less willing and able than they are to commit themselves to a relationship” (ebd., S. 18). Sie machen sich viele Gedanken darüber, ob ihr Partner sie wirklich liebt und zweifeln häufig an der Stabilität ihrer Beziehung (Simpson, 1990). Vermeidend Gebundene glauben eher selten an die große Liebe, sehen Liebe nicht als etwas Beständiges an beziehungsweise sind davon überzeugt, dass es sehr schwer ist, die Richtige Person zu finden, um sich zu verlieben (ebd.). Bezüglich ihres Selbst-und Fremdbildes befinden sie sich zwischen den beiden Extremen sicher und ängstlich/ambivalent, Tendenz Richtung des letzteren Bindungstyps (ebd.; Hazan & Shaver, 2007).

[...]


1 Auch heute noch fungiert regulär die Mutter als primäre Bezugsperson, weswegen ich im weiteren Kontext die Mutter als primäre Bindungsperson annehme, welche aber auch der Vater o.ä. sein könnte (Brisch, 2009).

2 In dieser Hausarbeit wird mit der Intention eines besseren Leseflusses die männliche Form verwendet. Die Angaben beziehen sich aber auf Angehörige aller Geschlechter.

3 Nachträglich erweiterten Main und Solomun 1990 diese um einen vierten Bindungsstil: Das sicher-desorganisierte Bindungsmuster (Typ D), welches verhaltensauffällige Kinder, häufig auch mit psychopathologischen Störungen (Bierhoff & Rohmann, 2020) – beispielsweise aufgrund von Vernachlässigung oder Misshandlung durch die Bindungsperson (Brisch, 2009, S. 52) – umfasst, welches ich im weiteren Verlauf der Hausarbeit aber nicht berücksichtigt wird.

4 In der Forschung existiert eine große Kontroverse darüber, ob und in welchem Ausmaß das individuelle Temperament des Kindes auf die Bindungsqualität einwirkt (Reich, 2005). Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich aufgrund des begrenzten Umfangs hierauf nicht weiter eingehen. Weitere Informationen hierzu finden sich in Reich (2005).

5 Mary Main et al. entwickelten 1985 das Adult-Attachment-Interview (AAI), ein „(…) halbstrukturiertes, hypothesengeleitetes Interview, in dem die Kindheitserinnerungen heutiger Erwachsener mit ihren wichtigsten Bezugspersonen und die heutige Bewertung dieser Erfahrungen abgefragt werden“ (Brisch, 2019, S.34). Die Klassifizierung dieser Repräsentationen erfolgt in Analogie zu den drei (bzw. vier) durch Ainsworths Fremde Situation unterschiedenen Bindungstypen (vgl. ebd.).

6 „These beliefs may be part of a cycle, in which experience affects beliefs about self and others and these beliefs in turn affect behavior and relationship” (Wachtel, 1977, zitiert nach Hazan & Shaver, 2007, S. 521).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Bindungstheorie. Auswirkungen frühkindlicher Bindungsbeziehungen auf Partnerschaftsrepräsentationen im Erwachsenenalter
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Kognitive Psychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V926136
ISBN (eBook)
9783346258298
ISBN (Buch)
9783346258304
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindung, Bindungstil, Bowlby, Innere Arbeitsmodelle, Paarbeziehung, Liebe, Beziehungszufriedenheit, Bartholomew, Eltern, Frühkindliche Bindung, Kindheit und Beziehung, Kindheit, Hazan und Shaver, Bindungsmodell, Bindungstheorie
Arbeit zitieren
Franziska Kraut (Autor), 2020, Bindungstheorie. Auswirkungen frühkindlicher Bindungsbeziehungen auf Partnerschaftsrepräsentationen im Erwachsenenalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926136

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