Lebensverläufe in Ostdeutschland

Arbeitsmarktveränderungen und Arbeitsmarktrisiken im ostdeutschen Transformationsprozess


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

39 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Hauptteil
2.1 Begriffsklärung
2.2 Situation in der DDR
2.3 Situation nach der Wende
2.4 Arbeitsmarktveränderungen nach Wirtschaftszweigen
2.5 Einfluss individueller Faktoren auf Arbeitsmarktchancen
2.5.1 Einführung
2.5.2 Alter
2.5.3 Bildung
2.5.4 Geschlecht
2.6 Neue Arbeitsmarktrisiken
2.6.1 Einführung
2.6.2 Unterwertige Beschäftigung
2.6.3 Langzeitarbeitslosigkeit
2.6.4 Abdrängung vom offiziellen Arbeitsmarkt
2.7 Zusammenfassung
2.8 Aktuelle Entwicklungen
2.8.1 Einführung
2.8.2 Erwerbstätigkeit
2.8.3 Arbeitslosigkeit
2.8.4 Zusammenfassung

3) Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

1) Einleitung

„Das Beste an der DDR war der Traum, den wir von ihr hatten.“

Hermann Kant

Vor mehr als 18 Jahren, am 9.11.1989, fiel die Berliner Mauer. Am 3.10.1990 wurde Deutschland wiedervereint, indem die DDR nach Art. 23 des Grundgesetzes der BRD beitrat. Dieser Beitritt war, wie das Wort bereits andeutet, keine Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten, sondern eine Eingliederung der ehemaligen DDR in die BRD. Von einem Tag auf den anderen brach das SED-Regime und mit ihm sein politisches und wirtschaftliches Institutionengefüge zusammen. Aus der sozialistischen Diktatur, welche im umfassenden Maße die Persönlichkeitsrechte ihres Volkes beschnitt, wurde eine sozialstaatliche Demokratie und ein Rechtsstaat, basierend auf Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen. Der Transformationsprozess der DDR bedeutete für deren Bewohner eine Phase massiver Umbrüche und Umorientierungen in allen Bereichen. Ihr bisheriges, durch den Staat vermitteltes Lebensbild wurde komplett zerstört. Es ergaben sich völlig neue Zukunftsperspektiven. Zuvor standardisierte Lebensläufe waren nun gekennzeichnet durch Diskontinuität.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, genau diese Diskontinuitäten der Kernzeit der Transformationsphase von 1989 bis 1994 näher zu beleuchten. Das besondere Augenmerk soll dabei auf den Arbeitsmarktveränderungen und Arbeitsmarktrisiken nach der Wende liegen. Denn, die „Veränderung der Erwerbssituation durch den Transformationsprozeß gehört zu den gravierendsten und folgenreichsten Ereignissen in den ostdeutschen Privathaushalten.“ (Berger, 1995: 43)

Folgenden konkreten Fragestellungen soll nachgegangen werden:

(1) Welche Wirtschaftszweige sind besonders von den Arbeitsmarktveränderungen betroffen, welche weniger? Welche profitieren von den Veränderungen, welche büßen ein?
(2) Inwiefern beeinflussen die individuelle Faktoren Alter, Geschlecht und Bildung die Arbeitsmarktchancen der Individuen? Wer sind demzufolge die „Gewinner“ wer die „Verlierer“ der Wende?
(3) Mit welchen neuen Arbeitsmarktrisiken werden die Ostdeutschen konfrontiert? Inwiefern findet diesbezüglich eine Anpassung an den Westen statt?
(4) Gelingt den Ostdeutschen die Anpassung an die veränderte Arbeitsmarktsituation?
Abschließend soll ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen geworfen werden.
(5) Hat sich die Entwicklung des ostdeutschen Arbeitsmarktes der aktuellen Entwicklung im Westen angepasst? Wie haben sich die Arbeitsmarktrisiken entwickelt?

Wichtigste Quelle dieser Arbeit ist der „Arbeitsmarkt-Monitor 1989 bis 1994“ welcher intensiv die Arbeitsmarktrisiken im ostdeutschen Transformationsprozess untersucht (Brinkmann, Wiedemann, 1995). Grundlage dieser repräsentativen Längsschnittuntersuchung sind acht Arbeitsmarkt-Umfragen der Infratest Sozialforschung von November 1990 bis November 1994. Befragt wurden 0,1% der Personen im erwerbsfähigen Alter.

2) Hauptteil

2.1 Begriffsklärung

Mit Ostdeutschland bzw. „Osten“ werden im Text die neuen Bundesländer der BRD bezeichnet, sprich die ehemalige DDR. Ostdeutsche sind die Bewohner der neuen Bundesländer. Mit Westdeutschland bzw. „Westen“ werden die alten Bundesländer der BRD bezeichnet. Westdeutsche sind die Bewohner der alten Bundesländer.

Die Abkürzung BRD steht für die Bundesrepublik Deutschland, die Abkürzung DDR für die Deutsche Demokratische Republik.

2.2 Situation in der DDR

Um die nachfolgenden Entwicklungen einordnen und verstehen zu können, soll zunächst die Erwerbssituation in der DDR skizziert werden:

Im Jahr 1989 zählte die DDR in etwa 16,5 Mio. Einwohner. Sowohl Männer als auch Frauen waren in die Erwerbsarbeit eingebunden, es herrschte faktisch Vollbeschäftigung: „Unter DDR-Bedingungen war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, jeder Erwerbspersonen-Haushalt (Männer bis 65 Jahre und Frauen bis 60 Jahre) ein Erwerbstätigen-Haushalt und jeder Partner-Haushalt ein Zweiverdiener-Haushalt“ (Berger, 1995: 51). Dazu trug maßgeblich das in der Verfassung fixierte Recht auf Arbeit bei (Ernst, 1996: 203). Arbeit hatte in der DDR einen weitaus höheren Stellenwert als in der ehemaligen BRD. Die Menschen definierten sich viel stärker über ihren Erfolg im Berufsleben. „Erwerbsarbeit war darüber hinaus der dominante Lebensbereich mit vielfältigen sozialen Implikationen und Beziehungen.“ (Berger, 1995: 43). Der Betrieb war dabei nicht nur Arbeitsplatz, sondern übernahm eine Vielzahl sozialer Funktionen. So gab es Betriebskinderkrippen und Betriebskindergärten, Betriebsfachschulen, betriebliche Erholungseinrichtungen, eine durch den Betrieb organisierte Vergabe von Wohnungen (Berger, 1999: 3) und Betriebssportgemeinschaften. Der Arbeitsmarkt war gekenn-zeichnet durch minimale räumliche Mobilität und eine starke Betriebsbindung der Erwerbstätigen.

Während in Westdeutschland bereits seit den 70ern eine zunehmende Entstan-dardisierung der Lebensläufe und der Familiengründung zu beobachten war, waren die Lebensläufe in der DDR noch durch einen hohen Grad an Standardisierung gekennzeichnet und vermittelten Stabilität und Sicherheit.

2.3 Situation nach der Wende

In den ersten Jahren nach der Wende kommt es zu einem Abbau von Arbeitsplätzen, „der nach Art, Tempo und Dramatik ohne historisches Vorbild ist.“ (Grünert, Lutz, 1996: 69).

Die Zahl der Erwerbstätigen ging von rund 8,9 Mio. im November 1989 auf rund 6,74 Mio. im November 1991 zurück. Innerhalb von nur zwei Jahren sank diese somit um fast ein Viertel, bis November 1994 sogar um ein Drittel (Brinkmann, Wiedemann, 1995: 325). Dieser in Ausmaß und Tempo beispiellose Abbau von Arbeitsplätzen führte u. a. zu Massenarbeitslosigkeit, vorzeitigem Ausscheiden aus dem Berufsleben und Pendel-bewegungen in den Westen. Allerdings waren die verschiedenen Wirtschaftssektoren in unterschiedlichem Maße von diesen Entwicklungen betroffen, was im folgenden Abschnitt genauer erörtert werden soll. Grünert und Lutz sind gar der Meinung, dass diese unterschiedlichen sektoralen Entwicklungen während der unmittelbaren Jahre nach der Wende den entscheidenden Faktor bezüglich der Arbeitsmarktchancen der Individuen darstellen, und sich somit stärker auswirken als die individuellen Faktoren Alter, Geschlecht und Bildung (Grünert, Lutz, 1996: 79ff.), deren konkreter Einfluss im Abschnitt 2.5 eingehend untersucht wird.

2.4 Arbeitsmarktveränderungen nach Wirtschaftszweigen

Dieser Abschnitt sucht Antworten auf den ersten Fragenkomplex: Welche Wirtschaftszweige waren besonders von den Arbeitsmarktveränderungen betroffen, welche weniger? Welche Bereiche profitierten von den Veränderungen, welche büßten ein?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird eine Abbildung aus dem „Arbeitsmarkt-Monitor 1989 bis 1994“ herangezogen (Brinkmann, Wiedemann, 1995: 326):

Abb. 1: Erwerbstätige1 nach Wirtschaftsbereichen zu verschiedenen Zeitpunkten im Vergleich zu 1989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus Abb. 1 kann man die sektoral unterschiedliche Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen ablesen. In der ersten Spalte sind die einzelnen Wirtschaftszweige aufgelistet, Spalte zwei gibt die Erwerbstätigen in den einzelnen Wirtschaftsbereichen vom November 1989 in absoluten Zahlen aus, diese bilden das Ausgangsniveau von 100%. Spalte drei bis fünf geben die veränderte Beschäftigungssituation jeweils im November 1991, 1992, 1993 und 1994 in Prozentzahlen aus. Bezugspunkt ist jeweils die Ausgangssituation vom November 1989. Blau umrahmt sind positive Entwicklungen, rot umrahmt die negativen Entwicklungen.

Im unteren Teil der Tabelle („gesamt“) lässt sich die gesamte Entwicklung der Erwerbstätigkeit ablesen: Wie im vorausgegangenen Abschnitt bereits erläutert, sank die gesamte Erwerbstätigkeit innerhalb von nur zwei Jahren, von November 1989 bis November 1991 um rund ein Viertel, bis November 1994 sogar um rund ein Drittel. Der rasante Abbau von Arbeitsplätzen als Folge wirtschaftlicher Umstrukturierung begann im Sommer 1990, setzte sich fort über die Jahre 1992 und 1993 und verlor ab 1993 an Tempo (Grünert, Lutz, 1996: 70), was sich auch aus der Abbildung entnehmen lässt.

Besonders nachteilig vom Strukturwandel betroffen sind die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Bergbau und Energie, Metallbau/Elektro sowie das übrige verarbeitende Gewerbe. Bemerkenswert ist das Absinken der Beschäftigungsquote in der Land- und Forstwirtschaft von 100% auf 42% innerhalb von nur zwei Jahren. Bis November 1994 sank die Quote sogar auf 27%. Der Landwirtschaftssektor verlor fast drei Viertel seiner Erwerbstätigen und ist somit der „Verlierer“ unter den Wirtschaftssektoren. Allerdings gelang es den in diesem Bereich Beschäftigten verhältnismäßig gut, sich wieder im Arbeitsmarkt einzugliedern, im Gegensatz zu den Beschäftigten der Industriebranche und dem verarbeitendem Gewerbe. (Grünert, Lutz, 1996: 84). Eine möglich Erklärung für dieses Phänomen ist folgende: Zum Landwirtschaftssektor zählten in der DDR eine Vielzahl unterschiedlicher Bereiche. So waren neben den typischen Berufen in der Landwirtschaft auch Bau- und Schlosserberufe diesem Sektor zugeordnet. Viele in der DDR in der Landwirtschaft Erwerbstätige profitierten nach der Wende vom Bauboom und fanden Beschäftigung im Bausektor, der nach der Wende nicht mehr zur Landwirtschaft gezählt wurde.

Auf den Industriesektor „[...] entfielen im Saldo 70 Prozent des Arbeitsplatzabbaus im Gefolge der deutschen Einheit.“ (Grünert, Lutz, 1996: 88). Den Beschäftigten in diesem Sektor, in erster Linie hochqualifizierte Facharbeiter, gelang es verhältnismäßig schlecht, sich wiedereinzugliedern.

Profitiert vom Strukturwandel haben hingegen die Bereiche Bau, Banken/Versicherungen und andere Dienstleistungen, worunter z.B. Bildungs- und Gesundheitswesen gezählt werden, die nach anfänglichem Rückgang wieder ihr Ausgangsniveau erreichten. Hier ist besonders der Bereich Banken/Versicherungen hervorzuheben. Von November 1989 bis November 1991 gab es nahezu eine Verdoppelung der Beschäftigten in diesem Bereich. Im November 1994 waren 2,5mal so viele Personen in dieser Branche tätig wie im November 1989. Dieser Wirtschaftszweig kann somit als „Gewinner“ der Arbeitsmarktveränderungen durch den Transformationsprozesses bezeichnet werden. Auch der Bausektor gewann bis November 1994 eine Vielzahl von Erwerbstätigen hinzu und leistete einen maßgeblichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der tertiäre Sektor, insbesondere die Bereiche Banken/Versicherungen und Bau von den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt profitierten, während der primäre und der sekundäre Sektor, insbesondere die Bereiche Landwirtschaft, Bergbau/Energie, Metall/Elektro sowie das übrige verarbeitende Gewerbe große Einbußen hinnehmen mussten.

Die nach Geschlecht differenzierte Betrachtung erfolgt im Abschnitt 2.5.4.

2.5 Einfluss individueller Faktoren auf Arbeitsmarktchancen und -risiken

2.5.1 Einführung

Welche und inwiefern beeinflussen individuelle Faktoren die Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt? Diese Frage soll der aktuelle Abschnitt beantworten. Untersucht werden drei individuelle Faktoren, von denen ein Einfluss auf die Erwerbschancen auf dem Arbeitsmarkt erwartet wird: Alter, Bildung und Geschlecht. Aus der stets vorhandenen Ungleichverteilung dieser Faktoren ergeben sich schließlich die unterschiedlichen Vor- und Nachteile der Erwerbspersonen auf dem Arbeitsmarkt.

2.5.2 Alter

Zur Beantwortung der Fragen nach dem Einfluss des Faktors Alter auf Chancen und Risiken am Arbeitsmarkt werden erneut Abbildungen aus dem „Arbeitsmarkt-Monitor 1989 bis 1994“ herangezogen (Brinkmann, Wiedemann, 1995: 327, 329):

Abb. 2: Erwerbstätige1 nach Altersstufen zu verschiedenen Zeitpunkten im Vergleich zu 1989 (Querschnitt)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Verbleib der Erwerbstätigen vom November 1989 differenziert nach Alter (Längsschnitt)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 veranschaulicht die Entwicklung der Erwerbstätigen nach Altersstufen. Erkennbar ist ein massiver Abbau bis November 1992, der besonders zu Lasten der Altersstufe von 55 bis 59 Jahren erfolgte. Ältere tragen nun, wie auch im Westen, ein besonders hohes Risiko der Arbeits- und Langzeitarbeitslosigkeit (A1: 38) Aber auch bei den Jüngeren (18–24 Jahre) ist ein Rückgang der Erwerbstätigkeit zu beobachten. Dieser ist zum Einem zurückführbar auf die längeren Schulbesuchszeiten, zum Anderen stellt er eine „Warteschleife“ auf Grund fehlender Arbeitsplätze nach abgeschlossener betrieblicher Ausbildung dar (Brinkmann, Wiedemann, 1995: 326f.). Der starke Rückgang der Erwerbstätigen ab 55 Jahren ist jedoch zu einem großen Teil auch zurückführbar auf die Vorruhestands- und Altersübergangsregelungen die es den Beschäftigten ab dem 55. Lebensjahr bis Ende 1992 erlaubten, mit einer Zahlung von Altersübergangsgeld vorzeitig aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Dies findet im Abschnitt 2.6.3 nähere Erläuterung. Die nach Geschlecht differenzierte Betrachtung erfolgt wieder im Abschnitt 2.5.4.

Abb. 3 zeigt den Verbleib der Erwerbstätigen vom November 1989 differenziert nach Alter. Im Tabellenkopf befindet sich vertikal der Status der Erwerbstätigen vom November 1989 im November 1994, horizontal sind die Altersgruppen abgetragen. Die erste Spalte spiegelt die Gesamtsituation wider: Von den 64% der im November 1994 erwerbstätig Gebliebenen, blieben lediglich 25% ununterbrochen im selben Betrieb beschäftigt. 34% erhielten ihre Erwerbschancen im Osten durch Betriebswechsel (18%) oder Unterbrechung (16%). Schaut man sich nun die verschiedenen Altersstufen an, wird erkennbar, dass es unter den Jüngeren (15–24 Jahre) besonders oft zu Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit kommt (29%). Auch stellt diese Altersgruppe den größten Anteil der Westpendler (10%). Da sie noch am Beginn ihres Erwerbslebens steht, und meist noch keine eigene Familie hat, weist sie den höchsten Grad an Mobilität und Flexibilität auf. In der Kohorte der Älteren (52-63 Jahre) finden sich kaum noch Erwerbstätige (11%), was, wie bereits festgestellt, zu einem großen Teil auf die Inanspruchnahme der Vorruhestands- bzw. Altersübergangsgeldregelungen zurückgeführt werden kann. Sie wurde von fast 40% (35/88) der im November 1994 nicht mehr Erwerbstätigen in Anspruch genommen.

Eine mögliche Erklärung dieser erläuterten Entwicklung der Erwerbstätigen nach Altersstufen ist die „Theorie der selektiven Optimierung der Lebensgestaltung im Lebenslauf“ nach Baltes und Baltes (1990). Diese besagt, dass die Menschen mit zunehmendem Alter versuchen, ihre bereits investierten Aufwendungen in ihrem Gesamtnutzen zu erhalten. Einmal eingeschlagene Pfade werden nicht mehr verlassen, sondern optimiert, es wirken Pfadabhängigkeiten. Während die jüngeren Kohorten noch am Beginn ihrer Erwerbskarriere stehen, befinden sich die älteren Kohorten beinahe am Ende dieser. Der jüngeren Kohorte müsste es demnach eher leichter fallen, sich an die veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen, während die älteren Kohorten vom DDR-System geprägt und kaum motiviert sind, ihre eingeschlagene Richtung zu verlassen. „Sie haben das größte Verlustrisiko bezüglich der bisherigen Investitionen und gleichzeitig geringe Chancen für eine Neuorientierung.“ (Diewald et al., 1995: 344). Hinzu kommt bei der älteren Kohorte die Nähe zum Renteneintrittsalter. Während die neue Arbeitsmarktsituation für die jüngeren Kohorten eher eine Chance bzw. eine Herausforderung ist, stellt sie für die ältere Kohorte ein Risiko dar (Struck, 2001: 54ff.).

Zusammenfassend lässt sich damit sagen, dass die älteren Kohorten (insbesondere ab 55 Jahren) tendenziell zu den „Verlierern“, die jüngeren Kohorten tendenziell zu den „Gewinnern“ des Transformationsprozesses gehören. Dass diese pauschale Zuordnung jedoch weiterer Differenzierung bedarf, zeigt sich im Abschnitt 2.6.4.

2.5.3 Bildung

Inwiefern beeinflusst Bildung die Chancen auf dem veränderten Arbeitsmarkt? Haben Höhergebildete bessere Wiedereingliederungschancen?

Auch zur Beantwortung dieser Fragen werden Abbildungen aus dem „Arbeitsmarkt-Monitor 1989 bis 1994“ herangezogen (Brinkmann, Wiedemann, 1995: 328f.):

Abb. 4: Erwerbstätige1 nach höchstem beruflichen Abschluss zu verschiedenen Zeitpunkten im Vergleich zu 1989 (Querschnitt)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus Abb. 4 ist die Entwicklung der Erwerbstätigen nach höchstem beruflichem Abschluss zu entnehmen. Die Situation in der DDR war folgende: hochqualifizierte Erwerbstätige, besonders im Facharbeiterbereich, aber verhältnismäßig wenige Hochschulabsolventen. In der Abbildung zeigt sich, dass unter dem Strukturwandel besonders die Minder- und Unqualifizierten (Arbeiter ohne Ausbildung und Teilfacharbeiter) litten. Der „einfache Arbeiter“ wird überflüssig. „Ohne qualifizierenden Abschluss ist die berufliche Zukunft gänzlich verbaut“ (Beck, 1986: 244). Der Anteil der erwerbstätigen Facharbeiter sank bis November 1994 auf 34%, der Anteil der Erwerbstätigen ohne Abschluss auf 64%. Eine mögliche Erklärung, für die bessere Situation der Arbeiter ohne Abschluss im Vergleich zu den Teilfacharbeitern kann auch hier die boomende Baubranche sein. Dort wurde nach der Wende eine Vielzahl „einfacher“ Arbeiter eingestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Lebensverläufe in Ostdeutschland
Untertitel
Arbeitsmarktveränderungen und Arbeitsmarktrisiken im ostdeutschen Transformationsprozess
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Soziologie I)
Veranstaltung
Fortgeschrittene Themen der Lebensverlaufsforschung I:
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V92682
ISBN (eBook)
9783638065177
Dateigröße
2441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensverläufe, Ostdeutschland, Fortgeschrittene, Themen, Lebensverlaufsforschung, Wende, Gewinner, Verlierer, Frühverrentung, DDR
Arbeit zitieren
Nora Müller (Autor:in), 2008, Lebensverläufe in Ostdeutschland , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92682

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