Familienformen und die entsprechenden Bezeichnungen haben sich mit den Veränderungen der sozialen Verhältnisse, insbesondere mit dem Besitz- und Produktionsbeziehungen, entwickelt. Unter dem Begriff Familie versteht man heute die Kernfamilie, d.h. Vater, Mutter und Kinder. Dies trifft auf die proletarische Familie zu, den ersten Vorreiter der modernen Familie, nicht aber auf das ‚ganze Haus’. Hier war die Form der Großfamilie vorherrschend, es gehörten mehrere Generationen und nicht Blutsverwandte, wie etwa Angestellte, zu dieser Familie. Die Großfamilienform des ‚ganzen Hauses’ war hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert vorherrschend, reichte teilweise sogar ins 20. Jahrhundert hinein. Dies galt vor allem für die bäuerliche und städtische Gesellschaft, deren Umfeld sich nicht strukturell geändert hatte.
Jedoch treten zum Teil der Familienhaushalt und Betrieb schon Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts auseinander. Mit der Industrialisierung begann der Niedergang bisheriger Produktions- und Arbeitsverhältnisse. „Die Industrialisierung ist der Prozess des Übergangs von der Handarbeit zur Fabrikarbeit“ mit Unterstützung von Maschinen. Es erfolgt einerseits eine zunehmende Verlagerung der wirtschaftlichen Produktion und der Dienstleistungen in von der Familie getrennte Betriebe, wie etwa Manufakturen oder Fabriken, und eine Zunahme von bezahlter Erwerbsarbeit, vor allem für den Mann. Hier begann eine „Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher, politisch ökonomischer und kultureller Transformations-, Veränderungs- und Konstituierungsprozesse. Es [war] die Zeit des Übergangs von vorwiegend ländlich-agrarisch in städtisch-industriell geprägte Gesellschafts-, Wirtschafts- und Lebensformen“ . Auch handwerkliche Betriebe konnten sich diesem Wandel nicht entziehen, denn mit der Entwicklung des Kapitalismus „sprengte die damit verbundene Produktionsausweitung die Sozialform des ‚ganzen Hauses’.“ Unter dieser wirtschaftlicher Veränderung veränderte sich auch die Gesellschaftsordnung und es entstand eine neue Familienform, die proletarische Familie.
Im folgenden sollen beide Familienformen vorgestellt werden. Der Hauptteil widmet sich dem Vergleich beider Formen, mit Spezifizierung auf die Veränderung der Rolle der Mutter, jedoch speziell des Vaters im Wandel dieser Zeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das ‚ganze Haus’
3. Die proletarische Familie
4. Vergleich
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Hausarbeit analysiert den sozioökonomischen Wandel der Familienstruktur vom traditionellen „ganzen Haus“ hin zur proletarischen Familie während der Industrialisierung und untersucht dabei insbesondere die damit einhergehende Verschiebung der Machtverhältnisse und Rollenbilder innerhalb der Familie.
- Strukturelle Unterschiede zwischen Großfamilie und Kernfamilie
- Einfluss der Industrialisierung auf Arbeits- und Lebensformen
- Veränderung der Machtposition des Vaters als Ernährer
- Neue Rollen und Belastungen der Mutter im proletarischen Umfeld
- Die ökonomische Rolle der Kinder im Familiengefüge
Auszug aus dem Buch
4. Vergleich
Neben den großen wirtschaftlichen Veränderungen der Zeit, welche bereits oben angeführt wurden, trat auch eine Änderung der Wertevorstellungen ein. Lag noch das Ziel des ‚ganzen Hauses’ in der Versorgung mit allem Lebensnotwendigen, bei dem auch alle Produktionsfaktoren, wie Werkzeuge und Saatgut, selbst erstellt oder produziert wurden, liegt es in der industriellen Zeit vor allem in der Produktion von Kapital. Das heißt das Familienleben musste den neuen Verhältnissen angepasst werden. So wurde in die Städte gezogen und statt auf dem eigenen Feld in einer Fabrik gearbeitet. Der größte Unterschied beider Familienformen liegt also hierbei in der Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung, wie in der proletarischen Familie. Dabei bildete sich eine von wirtschaftlicher Produktion entlastete familiäre ‚Privatsphäre’, deren verbliebene Funktionen emotional und moralisch aufgewertet wurden. „ Es hat sich [jedoch] gezeigt, dass die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung keine ausreichende Bedingung für die Entwicklung intensiver Familienbeziehungen [war]“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Übergang der Familienform vom bäuerlich geprägten „ganzen Haus“ zur proletarischen Familie infolge der Industrialisierung.
2. Das ‚ganze Haus’: Dieses Kapitel beschreibt das „ganze Haus“ als eine durch Subsistenzwirtschaft geprägte Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft, in der der Hausvater eine unangefochtene Machtposition innehatte.
3. Die proletarische Familie: Hier wird die Entstehung der proletarischen Familie der Industriearbeiterschaft thematisiert, die durch die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz sowie durch prekäre wirtschaftliche Bedingungen gekennzeichnet ist.
4. Vergleich: Das Kapitel vergleicht die beiden Familienformen hinsichtlich ihrer Produktionsweise, der veränderten Rolle der Eltern und der neuen Dynamik in den Familienbeziehungen.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert den Wandel der Familienstrukturen und stellt fest, dass trotz erster Emanzipationsbewegungen weiterhin eine Unterordnung der Frau bestand, wobei zunehmend eine Gleichberechtigung angestrebt wurde.
Schlüsselwörter
Industrialisierung, Ganzes Haus, Proletarische Familie, Familienstruktur, Machtposition, Vaterrolle, Erwerbsarbeit, Subsistenzwirtschaft, Sozialer Wandel, Familienhierarchie, Arbeiterfamilie, Privatsphäre, Gleichberechtigung, Ernährerrolle, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Wandel von Familienformen während der Industrialisierung, speziell dem Übergang vom bäuerlichen „ganzen Haus“ zur proletarischen Arbeiterfamilie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die ökonomische Organisation der Familie, die Veränderung der Geschlechterrollen, die Machtstellung des Familienvaters und der Einfluss von Arbeitsbedingungen auf das Privatleben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Familienstruktur herauszuarbeiten und zu analysieren, wie sich die Rolle der Familienmitglieder, insbesondere die des Vaters, im Zuge des sozialen Wandels verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Literaturanalyse, um soziologische und erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse über Familienverhältnisse im 19. Jahrhundert gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der beiden Familienmodelle und einen detaillierten Vergleich hinsichtlich der Arbeitswelt, der Privatsphäre und der Machtverhältnisse zwischen den Familienmitgliedern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Schlüsselbegriffe sind Industrialisierung, Familienhierarchie, Ernährerrolle, Proletariat und das „ganze Haus“.
Wie beeinflusste die Trennung von Wohn- und Arbeitsort das Familienleben?
Die Trennung führte dazu, dass der Vater als Erzieher in der Arbeiterfamilie oft ausfiel, da er den Großteil des Tages außer Haus arbeitete, was die Mutter zur zentralen Bezugsperson im Haushalt machte.
Warum war die Kinderzahl in proletarischen Familien oft eine Belastung?
Aufgrund der marginalen ökonomischen Existenz der Arbeiterfamilien stellten Kinder, die nicht zum Familienunterhalt beitragen konnten, eine hohe finanzielle und zeitliche Belastung dar.
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- Antje Schöne (Author), 2006, Familienformen und die Rolle des Vaters im Vergleich: Ganzes Haus und proletarische Familie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92694