Arbeitslose Mädchen und Frauen im Jugendalter

Psychosoziale Belastungen und individuelle Orientierungsmuster - Eine qualitative Studie


Diplomarbeit, 2008

99 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DEFINITION, URSACHEN UND ENTWICKLUNG DER JUGENDARBEITSLOSIGKEIT

3. DIE LAGE AUF DEM ARBEITSMARKT FÜR JUGENDLICHE, GESELLSCHAFTLICHE UND INDIVIDUELLE UMGANGSWEISEN
3.1. Zur Situation der Jugen dlichen auf dem Arbeitsmarkt
3.2. Individuelle Haltungen und Bewältigungsmuster arbeitsloser Jugendlicher
3.3. Negative gesellschaftliche Umgangsweisen mit der Jugendarbeitslosigkeit
3.4. Zusammenfassung

4. PSYCHISCHE, PSYCHOSOZIALE UND ÖKONOMISCHE BELASTUNGEN VON ARBEITSLOSEN JUGENDLICHEN
4.1. Problematik der Identitätsbildung und Sozialisation
4.2. Zukunftsungewissheit und –angst
4.3. Finanzielle Belastungen
4.4. Spannungen in der Familie
4.5. Zur problematischen Situation sozialer Kontakte
4.6. Zerfall der Zeitstruktur
4.7. Spezifische psychosoziale Belastungen arbeitsloser Mädchen
4.8. Zusammenfassung

5. METHODIK
5.1. Das problemzentrierte Interview
5.2. Auswahl und Beschreibung der Stichprobe
5.3. Durchführung und Bewertung der Interviews

6. EINZELFALLANANLYSEN UND FALLVERGLEICHE
6.1. Kurzbeschreibung der Erwerbsbiographien und vergleichende Darstellung der ökonomischen und psychosozialen Belastungsproblematik
6.1.1. Kurzbeschreibung der Erwerbsbiographien
6.1.2. Finanzielle Belastungssituation
6.1.3. Belastung und Entlastung durch die Familie
6.1.4. Belastung und Entlastung durch den Freundes- und Bekanntenkreis
6.1.5. Veränderung oder Aufrechterhaltung der Zeitstruktur
6.2. Vergleichende Betrachtung des subjektiven Belastungsempfindens, der Handlungs- und Orientierungsmuster
6.2.1. Subjektives Belastungsempfinden und Handlungsmuster aufgrund der finanziellen Situation
6.2.2. Subjektives Belastungsempfinden und Handlungsmuster aufgrund von Autonomiebestrebungen
6.2.3. Subjektives Belastungsempfinden und Handlungsmuster im Rahmen sozialer Kontakte
6.2.4. Einfluss individueller Bedeutungszuschreibungen und Ängste
6.2.5. Orientierungsmuster

7. HANDLUNGMÖGLICHKEITEN ZUR REDUZIERUNG DER PSYCHOSOZIALEN BELASTUNGEN

8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

LITERATUR

ANHÄNGE

1. Einleitung

Die verlautbarten Meldungen des Jahres 2007 zur verbesserten Arbeitsmarkts- und Beschäftigungssituation in Deutschland werden von den Medien, Politikern und Wirtschaftsfachleuten im erfreulichen Licht des wirtschaftlichen Aufschwungs gesehen. Diese Nachrichten scheinen tatsächlich ein wenig der bisherigen „Schwarz-malerei“ entgegenzuwirken, d. h. viele Menschen, die direkt oder indirekt von der Arbeitslosigkeit betroffen oder noch nicht betroffen sind, schöpfen neue Hoffnung. Ist aber deshalb zum jetzigen Zeitpunkt eine wissenschaftliche Abhandlung über eine spezielle Problemlage zur Jugendarbeitslosigkeit inopportun? Meine Überzeugung ist es nicht, denn das Problem der Arbeitslosigkeit, welches sich bereits vor mehr als 30 Jahren zu einer festen und immensen Größe etabliert hat, kann objektiv gesehen auch heute kein schnell vorübergehendes Phänomen sein.

Da für die meisten Menschen Arbeitslosigkeit eine schwere Lebenskrise darstellt, werden besonders auch die subjektiven Belastungen der Betroffenen über viele Jahre hinweg und möglicherweise ein Leben lang ihre Wirksamkeit entfalten, weil sie zu nachhaltigen psychosozialen, psychischen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können. Insbesondere für jugendliche Arbeitslose wird die Problemlage noch verschärft, da sie sich in einer kritischen Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden und vor der Aufgabe stehen, ihre personale und soziale Identität aufzubauen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Belastungen der Arbeitslosigkeit, der Nicht-beschäftigung, des „Nicht-gebraucht-werdens“, „Nichts-sein-könnens“ und „Nicht-mithalten-könnens“ sich mehr oder weniger auf die weitere Entwicklung der Jugendlichen auswirken. In der Arbeitslosenforschung wird besonders auf spezielle „Problemgruppen“ hingewiesen, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, arbeitslos zu werden oder langfristig zu bleiben, dazu zählen neben sozial benachteiligten Jugendlichen auch junge Frauen und Mädchen (Heer-Kleinert, 1994; Heinz, 1985; Klink & Kieselbach, 1990; Münchmeier, 1997; Vonderach, Siebers & Barr, 1992 u. a.). Charakteristische – z. T. auch geschlechtsspezifische – Belastungs- und Bewältigungsmerkmale von arbeitslosen jungen Frauen im Jugendalter sollen im Rahmen dieser qualitativen Studie untersucht werden.

Im Verlauf dieser Arbeit werde ich zunächst theoretisch auf die Ursachen und Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit, die Situation der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt und ihre individuellen Belastungssituationen und Bewältigungsmuster (Kap. 2-4) eingehen. Der empirische Teil umfasst das theoretische Konzept des problemzentrierten Interviews, die Durchführung der Interviews mit einer ver-gleichenden Betrachtung ausgewählter Belastungsmerkmale und die vergleichende Interpretation und Auswertung nach spezifischen Kriterien (Kap. 5-6). Abschließend werde ich Handlungsmöglichkeiten zur Reduzierung der psychosozialen Belastungen aufzeigen und im Rahmen einer Zusammenfassung eine persönliche Einschätzung vornehmen (Kap. 7-8).

2. Definition, Ursachen und Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit

Unter dem Begriff der „Arbeitslosigkeit“ wird meist der Verlust eines Arbeitsplatzes bzw. das erfolglose Bemühen um eine bezahlte Arbeitstätigkeit verstanden, doch nach Häcker & Stapf ist diese „Bezeichnung etwas irreführend, da ‚Arbeitslose’ keineswegs aufhören zu arbeiten, sondern immer auch unbezahlte Arbeit, etwa im Haushalt oder in der Familie ausführen“ (1998, S. 61). Die offizielle Begriffs-definition der Bundesagentur für Arbeit lautet:

Arbeitslose sind nach § 16 Abs. 2 SGB III Personen, die wie beim Anspruch auf Arbeitslosengeld

- vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen oder weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten,
- eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und
- dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und
- sich bei einer Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet haben.

In § 16 Abs. 2 ist ferner geregelt, dass Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht als arbeitslos gelten.

Nicht als arbeitslos zählen demnach insbesondere Personen, die

- mehr als zeitlich geringfügig erwerbstätig sind (mindestens 15 Stunden pro Woche),
- nicht arbeiten dürfen oder können,
- ihre Verfügbarkeit einschränken,
- das 65. Lebensjahr vollendet haben,
- sich als Nichtleistungsempfänger länger als drei Monate nicht mehr bei der zuständigen Agentur für Arbeit gemeldet haben,
- arbeitsunfähig erkrankt sind,
- Schüler, Studenten und Schulabgänger, die nur eine Ausbildungsstelle suchen sowie
- arbeitserlaubnispflichtige Ausländer und deren Familienangehörigen sowie Asylbewerber ohne Leistungsbezug, wenn ihnen der Arbeitsmarkt ver-schlossen ist.

Diese Arbeitslosendefinition des SGB III wird in den Grundsätzen auch auf den Personenkreis des SGB II angewandt (Bundesagentur für Arbeit, 2008, 26. Januar, S. 2f).

Heer-Kleinert (1994, S. 516) definiert Arbeitslosigkeit bereits im Zusammenhang mit den Ursachen als „saisonal, konjunkturell oder strukturell bedingte berufliche Nichtbeschäftigung (Erwerbs- oder Ausbildungslosigkeit)“. Der Begriff „Jugend-arbeitslosigkeit“ wird von Wolfinger (1997) als die „Arbeitslosigkeit junger Menschen, die im Zusammenhang mit den Übergängen vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem auftritt“ bezeichnet. Daraus ergeben sich für die Jugendlichen zwei Schwellen in das Arbeitsleben: Die erste ist der Übergang nach einer allgemeinbildenden Schule in eine berufliche Ausbildung oder ungelernte Tätigkeit, die zweite entsteht nach der Ausbildung in eine Erwerbstätigkeit. Beide Übergangsstufen sind während wirtschaftlicher Krisenzeiten und einer angespannten Arbeitmarktlage mit dem erheblichen Risiko verbunden, arbeitslos zu werden. „Als Ersteinsteiger in den Arbeitsmarkt sind sie von Einstellungsstopps der Betriebe und Einschränkungen der Ausbildungskapazitäten am ehesten betroffen und bei Entlassungen am wenigsten geschützt“ (Wolfinger, 1997, S. 150; vgl. auch Witthaus, 1996). Heinz (1985) fasst die wichtigsten charakteristischen Ursachen bzw. Erklärungsversuche der Jugendarbeitslosigkeit an den beiden genannten Schwellen folgendermaßen zusammen:

1. Soziologische Erklärungen beziehen sich auf die Selektionsprozesse des Arbeitsmarktes: Da die in den Betrieben Beschäftigten arbeitsrechtlich stärker abgesichert sind und dadurch ein geringerer Personaltausch stattfindet, richten sich diese Prozesse vor allem gegen Jugendliche, da sie noch keine nachprüf-baren „Arbeitstugenden“ aufweisen können, mit dem Hinweis auf die ihnen zur Verfügung stehenden Alternativrollen in Schule oder bei Mädchen auch in der Familie.
2. Von der Berufsausbildung in eine stabile Beschäftigung ergeben sich verschärfte Übergangsrisiken, weil viele Klein- und Mittelbetriebe über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden. Großunternehmen bilden dagegen oft nur bedarfsdeckend aus oder suchen ihren Nachwuchs an Fachkräften am Markt.
3. Ein weiterer Erklärungsversuch bezieht sich auf die demographische Entwick-lung, da der Arbeitsmarkt aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge seit Ende der 70er Jahre überfordert wurde. Dieses Argument sieht Heinz (1985) jedoch nicht als haltbar an, da 1975 und 1976 aufgrund der Kurzschuljahre der Sekundarstufe I die Zahl der Schulabsolventen nicht angestiegen war, aber die Jugendarbeits-losigkeit dennoch weiter zunahm. Auch die geburtenschwachen Jahrgänge hätten schon ab Mitte der 80er Jahre zu einer Entspannung auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt führen müssen.
4. Strukturbedingte Entwicklungen führen zu einer Vernichtung von Arbeitsplätzen und zu extrem monotonen Arbeitsaufgaben, da das Angebot von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen an die technologische und arbeitsorganisatorische Rationali-sierung der Betriebe geknüpft wird.

Obwohl das Jugendalter nicht eindeutig definierbar ist, werden in den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit arbeitslose junge Menschen als Jugendliche erfasst, die das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht haben (vgl. Kap. 4.1.). Innerhalb dieser Gruppe wird seit 1982 in Anlehnung an das Duale Ausbildungssystem nochmals unter-schieden zwischen den unter 20jährigen Arbeitslosen, die vorwiegend an der ersten Schwelle in das Berufsleben scheitern, und den unter 25jährigen, von denen eher vermutet wird, dass sie an der zweiten Schwelle scheitern (2007a, 30. Dezember).

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer weiterer arbeitsloser Jugendlicher gibt, die statistisch nicht erfasst ist, sie wird aufgrund von Schätzungen auf nochmals die Hälfte der gemeldeten Jugendlichen angenommen (Spitznagel, 1995). Nur Jugendliche, die sich in der Arbeitsagentur für Arbeit persönlich arbeitslos melden und weiterhin regelmäßig zur Verfügung stehen, werden in diese Statistik aufgenommen. Da Schul- und Hochschulabsolventen jedoch noch keine Arbeitslosenunterstützung erhalten und eine nicht näher zu bestimmende Anzahl von Arbeitslosen auf keine Vermittlungsaussichten vertraut, kann von einer sehr viel größeren Anzahl arbeitsloser Jugendlicher ausgegangen werden (Hermanns, 1990; Spitznagel, 1995; Wolfinger, 1997). Darüber hinaus werden für arbeitslose Jugendliche in einer immer noch aktuell herausgegebenen Broschüre der Bundessagentur für Arbeit (2006) mit dem Titel „Arbeitslosengeld II/Sozialgeld“ noch „strengere Folgen für Hilfebedürftige unter 25 Jahren [festgelegt]. Wenn Sie zwischen 15 bis unter 25 Jahren alt sind, erhalten Sie bei Pflichtverletzungen…keine Geldleistungen mehr. Sie haben dann auch keinen Anspruch auf ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt“ (S. 56). Lediglich die Kosten für Unterkunft und Heizung, die allerdings nur direkt an den Vermieter ausgezahlt werden, oder Sach- bzw. Geldleistungen (z. B. Lebensmittelgutscheine) könnten noch gewährt werden.

Um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit zu entschärfen, vor allem aber, um auch den bedrohlichen Begleiterscheinungen wie Kriminalität, Bandenbildung, Drogen- und Alkoholerkrankungen etc. entgegenzuwirken, wurden in den vergangenen Jahren immer wieder staatliche Interventionsmaßnahmen ergriffen, die ebenfalls dazu führten, dass die Arbeitslosenquote der Jugendlichen künstlich erheblich gesenkt werden konnte. Die Jugendlichen wurden beispielsweise in Bildungs- oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bzw. in ein Berufsvorbereitungs- oder Berufsgrund-bildungsjahr vermittelt, welches natürlich nicht als Eintritt in das Berufsleben, son-dern als Eintritt in eine der zahlreichen Warteschleifen zu werten ist. Das Einstiegs-alter in das wirkliche Berufsleben hat sich so während der letzten 30 Jahre aufgrund der immer schlechten werdenden Arbeits- und Ausbildungssituation für viele Jugendliche kontinuierlich und z. T. drastisch erhöht (Hurrelmann, Albert, Quenzel & Langness, 2006; Klink & Kieselbach, 1990, Vonderach, Siebers & Barr, 1992).

Sieht man das Ausmaß und die Struktur der Jugendarbeitslosigkeit an, so lässt sich beobachten, dass sich seit Mitte der 70er Jahre in der BRD die Jugendarbeits-losigkeit von einem eher vorübergehenden zu einem strukturellen Problem verfestigt hat. Aber sie wurde – entsprechend der Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland – durch drei wirtschaftliche Rezessionen in den Jahren 1973/74, 1981/83 und 1992/93 entscheidend mitgeprägt (Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bis 1949 ohne Berlin (West) und Saarland, bis 1958 ohne Saarland, bis 1999 Bundesgebiet West (ohne ehemalige DDR)

Abbildung 1: Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland – in Tausend –

(Bundesagentur für Arbeit, 2008, 28. Januar)

1974 lag die Arbeitslosenquote für Jugendliche erstmals über der Gesamtarbeits-losenquote, d. h. 28 % aller registrierten Arbeitslosen waren jünger als 25 Jahre. 1984 war bereits jeder dritte registrierte Arbeitslose jünger als 25 Jahre und 1990 hat beinahe jeder 2. Jugendliche wenigstens einmal und jeder 5. wenigstens zweimal die Erfahrung von Arbeitslosigkeit gemacht (Klink & Kieselbach, 1990, vgl. auch Wolfinger, 1997). Der konjunkturelle Einbruch zu Beginn der 80er Jahre wurde zusätzlich von einem starken Anstieg an Erwerbspersonenpotential begleitet: geburtenstarke Jahrgänge traten in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ein, Frauen zeigten eine wachsende Erwerbsneigung, und es kam trotz Anwerbestopp zu weiteren hohen Zuwanderungen aus dem Ausland, wobei insbesondere Familien-angehörige und Jugendliche ohne Arbeit waren. Aufgrund von umfangreichen bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen konnten ab Mitte der 80er Jahre jedoch auch erhebliche Entlastungseffekte erzielt und die Jugendarbeitslosigkeit deutlich gesenkt werden. Die positive Auswirkung auf die Statistik ist allerdings ebenfalls auf die länger im Bildungswesen verbleibenden Jugendlichen sowie auf einen demographisch bedingten Rückgang von Schulabgängern zurückzuführen. Der erneute Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit aufgrund der Rezession 1992/93 fiel dagegen absolut und relativ deutlich geringer aus als in den vorangegangenen Rezessionen (Wolfinger, 1997).

Den bisherigen Ausführungen sollen einige Arbeitslosenzahlen und –quoten der Bundesagentur für Arbeit hinzugefügt werden: 1984 waren durchschnittlich 563.364 Jugendliche (darunter 166.182 unter 20 Jahren), 1990 289.492 (darunter 65.825 unter 20 J.), 1996 475.586 (darunter 107.297 unter 20 J.), 2002 497.602 (darunter 100.101 unter 20 J.), 2006 522.804 (darunter 108.472 unter 20 J.) und im letzten Jahr erfreulicherweise „nur“ noch 404.911 (darunter 83.394 unter 20. J.) als arbeits-los registriert (Bundesagentur für Arbeit, 2007a+b, 30. Dezember).

Die nachfolgend dargestellten Jugendarbeitslosigkeitsquoten seit 1993 (Abb. 2) wurden prozentual für jede Altersgruppe aus der Relation zur Gesamtzahl der abhängigen zivilen Erwerbspersonen der entsprechenden Gruppe ermittelt. Die Abbildung zeigt auch, dass die Arbeitslosigkeitsquote der Jugendlichen unter 25 Jahren stark an die der Gesamtarbeitslosigkeitsquote angelehnt ist, die Quote für Jugendliche unter 20 Jahren fällt dagegen – besonders seit Anfang dieses Jahr-tausends – sehr viel besser aus. Erklärt werden kann dies nicht mit einer weiter sinkenden Zahl von Schulabgängern (diese werden in der Quote berücksichtigt) oder einer sinkenden Bereitschaft zur Arbeitslosenmeldung, sondern besonders dadurch, dass vor allem die jüngeren Jugendlichen länger in einer schulischen oder beruflichen Ausbildung verbleiben. „Die Erfordernisse, die nach der Schule auf die Jugendlichen zukommen, lassen immerhin ein knappes Drittel der Realschüler und fast die Hälfte aller Hauptschüler einen Schulabschluss anstreben, der über die aktuell besuchte Schulform hinausreicht“ (Langness, Leven & Hurrelmann, 2006, S. 68).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklung der Arbeitslosenquote für Jugendliche in % der abhängigen zivilen Erwerbspersonen

(Bundesagentur für Arbeit, 2007b, 30. Dezember)

Es wird deutlich, dass selbst bei einem konjunkturellen Aufschwung das Zugangs-risiko zur Beschäftigung in ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis nicht erheblich zurückgeht und dass die durch Rezessionen der Wirtschaft verursachte Abnahme von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen gegenüber den strukturbedingten Entwicklungen in den Hintergrund tritt. Eine konjunkturelle Rezession kann aber die strukturellen Probleme noch weiter verschärfen (Heinz, 1985; vgl. auch Heer-Kleinert, 1994).

3. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Jugendliche, gesellschaftliche und individuelle Haltungen und Umgangsweisen

3.1. Zur Situation der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktperspektiven und beruflichen Einmündungschancen für Jugend-liche, die sich in jüngster Zeit im Vergleich zum Jahr 2002 noch weiter ver-schlechtert haben (Hurrelmann, Albert, Quenzel & Langness, 2006), unterliegen Selektionsprozessen, die für alle Gruppen von jugendlichen Arbeitslosen vorwiegend nach formalen Qualifikationskriterien erfolgen. Da die Ausbildungs- und Erwerbs-chancen von Jugendlichen wesentlich durch ihre soziale Herkunft geprägt werden, wird auch eine klassen- und schichtspezifische Auswahl vorgenommen, denn überdurchschnittlich oft kommen jugendliche Arbeitslose aus Arbeiterfamilien und kinderreichen Familien. Auch Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss werden besonders häufig wegen des Ausbildungsstellenmangels und der gestiegenen Qualifikationsanforderungen vom Ausbildungsstellenmarkt verdrängt, deshalb sind sie besonders aufgrund ihrer fehlenden beruflichen Erfahrung und Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nicht konkurrenzfähig. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen, die schon in einem Arbeitsverhältnis oder in einer Ausbildung waren, wird auch von der jeweiligen Branchenzugehörigkeit bestimmt. Neben der strukturellen Diskrepanz zwischen dem Bildungs- und Beschäftigungssystem fällt darüber hinaus auf, dass immer auch Mädchen allein aufgrund von geschlechtsspezifischen Benach-teiligungen und Rationalisierungsmaßnahmen bestimmter Angestelltentätigkeiten sehr viel stärker von der Arbeitslosigkeit und dem Lehrstellenmangel betroffen sind (Heer-Kleinert, 1994). Vonderach, Siebers & Barr (1992) beschreiben die proble-matische Gesamtsituation sehr treffend folgendermaßen:

Die Labilisierung des Einstiegs in das Berufsleben trifft nicht alle Jugendlichen in gleicher Weise. Die regionale Ungleichverteilung der Arbeitslosigkeit ist unter Jugendlichen besonders ausgeprägt und verringert die Berufschancen von Jugendlichen sowohl in vielen ländlichen wie in einigen altindustriellen großstädtischen Arbeitsmarktproblemregionen. Weitere sozialstrukturelle bzw. personengebundene Merkmale, die sich als Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Aus-bildungsmarkt auswirken, sind das weibliche Geschlecht, eine ausländische Nationalität und vor allem Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit. Ehemalige Sonderschüler, Jugendliche ohne Hauptschulabschluß und Ausbildungsabbrecher haben nur geringe Chancen in der Konkurrenz mit leistungsstarken Bewerbern. In dieser Gruppe genügen oft auch nicht die Fähigkeiten, Motivationen und das Durchhaltevermögen den Ansprüchen einer Berufsausbildung (S. 29f).

Auch wenn die Warteschleifen auf dem Weg in den Beruf länger geworden sind, geben Jugendliche ihre Absicht, einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu finden, jedoch nicht auf. Es darf aber nicht übersehen werden, dass eine nicht unbedeutende Anzahl von Schulabgängern von Jahr zu Jahr einen ständig wachsenden Sockel von schwer zu vermittelnden Jugendlichen und jungen Erwachsenen bilden, der gekennzeichnet ist durch ein hohes Risiko an Unter-vermittlung und einem Hin- und Herpendeln zwischen Arbeitslosigkeit und Gelegen-heitsjobs. Die Jugendlichen weisen jedoch eine erhebliche Flexibilitätsbereitschaft auf, die allerdings geschlechts- und bildungsspezifische Differenzierungen aufweist: Jugendliche ohne Schulabschluss sind hinsichtlich ihres Berufswunsches eher flexibel und nehmen auch häufig Abstriche in ihren Berufsvorstellungen in Kauf; Jugendliche mit einem höheren Bildungsniveau, vor allem Absolventen mit Hoch-schulreife, sind zwar ebenfalls flexibel, sie müssen jedoch weniger Abstriche bei ihren ursprünglichen Berufsvorstellungen machen, weil sie über ein größeres Spektrum von Optionen verfügen, wie es bereits Heinz (1985) postulierte (vgl. auch Kronauer, Vogel & Gerlach, 1993).

Die Shell-Studien aus den Jahren 2000, 2002 und 2006 weisen nach, daß die Hälfte aller Jugendlichen ihre persönliche Zukunft dennoch eher zuversichtlich beurteilen, welches im Vergleich zur Studie im Jahr 1997 einen deutlichen Anstieg darstellt (Deutsche Shell 1997, 2000, Shell Deutschland Holding 2004, 2006). Andererseits zeigen 2006 aber auch 69 % der Jugendlichen eine sehr viel stärkere Besorgnis, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder keine Beschäftigung zu finden, gegenüber 55 % im Jahre 2002. Gestiegen ist auch die Angst vor der verschlechterten wirtschaftlichen Lage und vor Armut. Angesichts dieser Ergebnisse „erklärt sich, warum sowohl der Optimismus in Bezug auf die persönliche Zukunft als auch in Bezug auf die gesellschaftliche Zukunft inzwischen abgenommen hat“ (Shell Deutschland Holding, 2006, S. 15).

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Abbildung 3: Entwicklung der Arbeitslosenquote für Frauen und Männer in % der abhängigen zivilen Erwerbspersonen

(Bundesagentur für Arbeit, 2007b, 30. Dezember)

Besonders die Mädchen und jungen Frauen nehmen jedoch verstärkt die erforder-lichen Herausforderungen (Anstrengungen, Leistungsbereitschaft, Beharrlichkeit und Ausdauer) der modernen Gesellschaft und Arbeitsmarktes an. Dass ihren Anstren-gungen eine ganz besondere Bedeutung zukommt, zeigt sich vor allem daran, dass sie eine höhere Schulbildung anstreben und dabei die Jungen bereits überholt haben: Die 15. Shell-Jugendstudie ergab, dass im Jahre 2006 47 % der befragten Mädchen gegenüber 40 % der Jungen das Gymnasium besuchten bzw. 55 % der Mädchen gegenüber 47 % der Jungen das Abitur oder eine fachgebundene Hochschulreife anstrebten, „junge Frauen haben also zumindest hinsichtlich ihrer schulischen Bildungsqualifikation die besseren Ausgangspositionen für den Arbeitsmarkt und damit potenziell bessere Zukunfts-chancen“ (Lang-ness, Leven & Hurrelmann, 2006, S. 68). Es ist zu vermuten, dass diese Entwicklung ebenfalls bereits zu einer verbesserten Arbeitslosenquote der Frauen seit Beginn dieses Jahrtausends beigetragen hat (Abb. 3). In der Stadt Bremen, dem Ort dieser Untersuchung, lag im vergangenen Jahr der monatliche Bestand an arbeitslosen Frauen unter 25 Jahren ebenfalls kontinuierlich deutlich unter dem der jungen Männer, d. h. es waren durchschnittlich etwa 9,5 % weniger Mädchen arbeitslos; in Bremerhaven zeigte sich diese Entwicklung mit durchschnittlich 18 % weniger arbeitslosen jungen Frauen als Männer sogar noch deutlicher (Bundesagentur für Arbeit, 2008a, 02. Februar).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass seit der deutschen Wiederver-einigung das formale Bildungsniveau der 15-24jährigen im früheren Bundesgebiet kontinuierlich anstieg. In den neuen Bundesländern sind dagegen in den Jahren 1991 bis 2000 die bereits erreichten oder angestrebten Realschulabschlüsse von ehemals 61% auf 49% zurückgegangen (1997 waren es noch 58%); der Anteil derer, die sich mit dem Hauptschulabschluss (oder gar keinem Abschluss) begnügen, ist von 5% in 1991 auf 13% im Jahre 1999 angewachsen. Im Westen ist es umgekehrt: 1991 hatten 28% der Befragten lediglich einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss erreicht bzw. angestrebt, 1999 waren es nur noch 20%. 44% der Jugendlichen in den alten Bundesländern wollen ein Fachabitur machen oder haben es bereits erreicht, in den neuen Bundesländern sind es dagegen 38% (Fritzsche, 2000b).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitslosenquoten für Niedersachsen und Bremen in % der abhängigen zivilen Erwerbspersonen

(Bundesagentur für Arbeit, 2007c, 30. Dezember)

Das Land Bremen ist im Vergleich zu seinem Nachbarland Niedersachsen und ganz besonders zu westdeutschen Ländern übermäßig stark von der Arbeitslosigkeit betroffen (Abb. 4). Im Januar 2008 lag die Arbeitslosen-quote in Bremen bei 12,2 % (bzw. 13,4 % der abhän-gigen Erwerbsper-sonen) gegenüber 8,7 % (9,8 %) in Westdeutschland. Von insgesamt 39.592 registrierten arbeitslosen Men-schen in Bremen (Stand Januar 2008) sind 3.543 Jugendliche unter 25 Jahren und 599 unter 20 Jahren betroffen. 2.437 Jugendliche (1.354 Männer und 1.083 Frauen) gehören der Stadt Bremen an; 17 % von ihnen haben keinen Schulabschluss, 64,8 % besitzen einen Haupt- oder Realschulabschluss und 10,6 % haben eine Fachhochschul- oder Hochschulreife. Im Rechtskreis des SGB II sehen die Ergebnisse noch sehr viel schlechter aus, d. h. es gibt mehr Jugendliche ohne Schulabschluss (21,4 %) und weniger mit einem Abschluss (Hauptschule/mittlere Reife 60,4 %, FH/HS-Reife 7,8 %), und etwa 32 % dieser Jugendlichen sind bereits länger als sechs Monate arbeitslos. Bei der Auswertung der Arbeitslosigkeitsdauer fällt interessanterweise auf, dass sogar etwas häufiger Jugendliche mit einem Haupt- oder Realschulabschluss von einer längeren Arbeitslosigkeit betroffen sind als Jugendliche ohne Schulabschluss, lediglich die mit einem höheren Bildungs-abschluss sind nur noch zu 25,4 % länger als sechs Monate arbeitslos. (Bundes-agentur für Arbeit, 2008b+c, 02. Februar).

Seit Beginn dieses Jahrtausends lässt sich zusammenfassend feststellen, dass sich auf künftige Arbeits- und Lebensentwicklungen besonders diejenigen Jugendlichen gut vorbereitet fühlen, die über gute oder zumindest ausreichende Voraussetzungen wie Bildung, Unterstützung durch die Eltern, klare Lebensplanung und Persönlichkeits-ressourcen wie Selbstvertrauen verfügen. Eher pessimistischere Einstellungen sind dagegen bei Jugendlichen anzutreffen, die keine entsprechenden günstigen Voraussetzungen aufweisen können, besonders auch dann, wenn sie sich nicht eindeutig mit der deutschen oder westdeutschen Lebensart identifizieren können. Obwohl zwar insgesamt eine mehrheitlich zielstrebige Zukunftsorientierung zu beobachten ist, scheint eine realistische Zukunftsperspektive doch nicht wirklich frei von problematischen Aspekten zu sein, d. h. die Zuversicht der Jugendlichen wirkt oft angestrengt und bemüht (Deutsche Shell, 2000, Shell Deutschland Holding, 2006).

3.2. Individuelle Haltungen und Bewältigungsmuster arbeitsloser Jugendlicher

Die erste Untersuchung über die Auswirkungen von lang andauernder Arbeitslosig-keit wurde zur Zeit der Weltwirtschaftskrise (1931/33) in dem niederöstereichischen Fabrikdorf Marienthal durchgeführt. Die vielzitierte Marienthal-Studie (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel, 1975) hatte zum Ziel, mit den Mitteln moderner Erhebungs-methoden ein Bild der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes zu geben. Mittels Verhaltensbeobachtung, Interviews, Fragebögen, Zeitbudgetanalysen und Dokumentenanalysen wurden 1.486 Arbeitslose und ihre Familien einer Analyse unterzogen. Die Arbeitslosigkeit gründete auf einer Schließung einer Textilfabrik, mit der Folge eines drastischen Rückgangs des kulturellen Lebens (Auflösung des Kindergartens, Verwahrlosung eines Parks, Rückgang der politischen Aktivitäten, des Anspruchs- und Aktivitätsbereiches sowie der Sozialkontakte, Anstieg von Streitigkeiten und Zerfall der Zeitstruktur). Alle arbeitslosen Dorfbewohner konnten vier Grundhaltungen zugeordnet werden:

- ungebrochen (16 %): geordnete Haushaltführung, Aktivität, Zukunftspläne, Lebenslust, Bemühung um Wiederbeschäftigung und subjektives Wohlbefinden;
- resigniert (48 %): geordneter Haushalt, keine Zukunftspläne, keine Hoffnungen, Beschränkungen auf existenzielle Bedürfnisse, aber ein Gefühl relativen Wohl-befindens;
- verzweifelt (11 %): geordneter Haushalt, Verzweiflung, Gefühl der Vergeblich-keit aller Bemühungen, keine Versuche zur Verbesserung, Vergleiche mit der besseren Vergangenheit, Depression, Hoffnungslosigkeit;
- apathisch (25 %): tatenloses Zusehen, indolente Stimmung, stehlen, streiten, trinken, ungeordneter Haushalt, völlige Planlosigkeit.

Die Forscher beschäftigten sich zwar nicht vornehmlich mit arbeitslosen Jugend-lichen (in dem Dorf lebten 131 Jugendliche im Alter von 14 – 21 Jahren), sie konnten aber schon damals eine überwiegend „resignierte“ Haltung der Jugendlichen feststellen. Die große Mehrzahl der Jugendlichen blieb unzugänglich, d. h. sie nahmen keine Angebote wahr. Die charakteristischen Hauptergebnisse gruppierten sich um die Reduktion des Anspruchs- und Aktivitätsbereiches, den Zeitzerfall und das Hinabgleiten in resignierte, verzweifelte oder apathische Haltungen (Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel, 1975).

An die Untersuchungsergebnisse von Jahoda et al. (1975) erinnern auch die Ergeb-nisse, die Zawadski und Lazarsfeld (1935) aus autobiographischem Sekundär-material von polnischen Arbeitslosen gewannen, die sie sozialpsychologisch interpretierten und analysierten. Diese Arbeitslosen, die aus verschiedenen Regionen Polens stammen, mussten ihre physische Existenz mit dem Stehlen und Betteln sichern, wobei dies immer auch von Hunger- und Kälteperioden begleitet wurde. Es zeigte sich hier ein ähnlicher Verlauf nach der Arbeitslosigkeit: Nach anfänglichen Erregungszuständen und Gemütsschwankungen folgten Gefühle der Lähmung, die in eine Art Ruhezustand einmündeten. Thraum (1934) untersuchte die Folgen deutscher erwachsener und jugendlicher Arbeitsloser durch eine mündliche und schriftliche Befragung. Viele zeigten eine sehr passive Haltung oder eine Realitätsentfremdung, insgesamt waren sie in ihren Ausführungen nur sehr kurz angebunden, mürrisch oder verzweifelt. Darüber hinaus wurde auch eine zunehmende Verwahrlosungstendenz sehr deutlich. Eine mit der Dauer der Arbeitslosigkeit steigende Unsicherheit in der Kontaktaufnahme sowie eine zunehmende Tendenz eines verminderten Kontaktbedürfnisses bis hin zur völligen sozialen Isolation wurde ebenfalls in einer Untersuchung zur Gemeinschaftsfähigkeit arbeitsloser Jugendlicher in Bayern, Hamburg, Berlin und Schleswig-Holstein deutlich (Kluth, 1952). In dieser Untersuchung wurden von insgesamt 1978 arbeitslosen und 308 arbeitenden Jugendlichen monographische Studien und Fragebögen analysiert. Von einem anderen Projekt in Duisburg-Hamborn zur Untersuchung psychosozialer Folgeerscheinungen berichtet Opaschowski (1976); die Auswertung von Gesprächen, halbstandardisierten Interviews, teilnehmender Beobachtung, Tagesprotokollen und statistischen Materials von insgesamt 130 arbeitslosen Jugendlichen ergab, dass sich in Relation zur Dauer der Arbeitslosigkeit folgende Haltungsgruppen und –typen der Jugendlichen zeigen:

- Ungebrochene Gruppe
- Zuversichtlicher Haltungstyp (10 %): ungebrochener Mut; Hoffnung auf die Zukunft; Erwartungshaltung; hohe Frustrationstoleranz; Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten; unbeirrbares Vorgehen; Bedürfnis nach Selbstbeschäftigung; uneingeschränkte Arbeitsbereitschaft.
- Pragmatischer Haltungstyp (50 %): sachlich-nüchterne Grundhaltung; Arbeitslosigkeit wird als strukturelles, nicht individuelles Problem erkannt; lassen die Zukunft auf sich zukommen; z. T. illusionäre Abwehrmechanismen wie z.B. überbetonte „aufgesetzte“ Lässigkeit; Konsumhaltung; stark familienorientiert; wenig eingeschränkte Arbeitsbereitschaft.

- Gebrochene Gruppe
- Resignativer Haltungstyp (30 %): getäuschte Hoffnung, unerwartete Ernüchterung; Enttäuschung; keine Zukunftspläne; keine Erwartungen; keine zielstrebige Arbeitssuche; kaum noch berufsmotiviert; eingeschränkte selektive Arbeitsbereitschaft.
- Apathischer Haltungstyp (10 %): Teilnahmslosigkeit; Gleichgültigkeit; völlige Planlosigkeit; Mutlosigkeit; energieloses tatenloses Zusehen; Selbstaufgabe; soziale Isolierung; keine Arbeitssuche mehr; äußerst geringe Arbeitsbereitschaft.

Burger & Seidenspinner (1977) werteten Einzel- und Gruppengespräche aus, die sie mit 314 arbeitslosen Jugendlichen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen führten. Die Analyse ergab auch hier, dass Erfahrungen mit – besonders länger anhaltender – Arbeitslosigkeit konkrete Auswirkungen auf die Lebenssituation haben: der Zerfall eigener Berufswünsche, eine negative Identitätsentwicklung, eine viel stärkere Stigmatisierung und Kriminalisierung in kleinstädtischen Bereichen gegenüber großstädtischen Bezirken sowie speziell für weibliche Arbeitslose eine stärker ausgeprägte Familienorientierung und soziale Isolation. Kronauer, Vogel & Gerlach (1993) befragten 115 arbeitslose Männer und Frauen aller Altersgruppen in Niedersachsen und Bremen zu ihren Erfahrungen im Alltag, ihrer materiellen Situation, Chancen am Arbeitsmarkt, Zukunftsaussichten und Handlungsmöglich-keiten. Die Auswertung der unter 30jähren ergab, dass 47 % der Männer und 25 % der Frauen die Arbeitslosigkeit als in ihre Erwerbsbiographie integrierbare Phase ansehen, 39 % der Männer und 45 % der Frauen sehen die Integrierbarkeit in Frage gestellt und für 8 % der Männer und keine Frau wird die Arbeitslosigkeit zur lebensbestimmenden sozialen Realität.

3.3. Negative gesellschaftliche Umgangsweisen mit der Jugendarbeitslosigkeit

Vorherrschende sozialpsychologische Mechanismen, mit denen in Deutschland das Problem der Massen- und Jugendarbeitslosigkeit zu bewältigen versucht wird, bezeichnen Klink & Kieselbach (1990) als Bagatellisierung, Naturalisierung und Individualisierung.

Durch Bagatellisierung werde versucht, die Probleme der Betroffenen herunterzu-spielen und das wahre Ausmaß der Massenarbeitslosigkeit zu verharmlosen. Dieses geschehe insbesondere auch durch Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen, durch die Teilgruppen aus der Statistik herauskatapultiert würden.

Naturalisierung bezeichne einen Mechanismus, mit dem versucht werde, Arbeitslosigkeit als ein natürliches bzw. saisonbedingtes Ereignis darzustellen, welches wie ein Naturphänomen nicht weiter beeinflussbar sei.

Mit der Individualisierung werde beabsichtigt, die Schuld der Arbeitslosigkeit den Betroffenen selbst zuzuschreiben und von den sozialen und gesellschaftlichen Ursachen abzulenken. Allein die Fähigkeiten, Bemühungen sowie die Konzessions-bereitschaft der Jugendlichen würden den Erfolg bei der Arbeitssuche bestimmen. Durch diesen Mechanismus eröffne sich erst die Möglichkeit, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit zu pädagogisieren und zu psychologisieren, in deren Folge besonders für die Problemgruppen vielfältige Förderprogramme entwickelt wurden.

3.4. Zusammenfassung

Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass sich das Problem der Jugend-arbeitslosigkeit im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts verfestigt hat. Doch trotz aller Krisen und Verunsicherungen wird der Arbeit von Jugendlichen bis heute ein hoher Stellenwert beigemessen, besonders weil sie ein wichtiges sinngebendes Moment in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Identität darstellt. Strukturbedingte Entwicklungen, die vermutlich auch weiterhin zu Rationalisierungsprozessen führen werden, z. B. durch den Einsatz von Mikroelektronik, Industrierobotern oder Textverarbeitungssystemen, werden auch in Zukunft kaum den Aufbau von stabilen Arbeitsorientierungen begünstigen. Von einer sehr großen Anzahl Jugendlicher wird die Aufnahme einer Berufstätigkeit über mehrere Jahre hinausgeschoben, ein Prozess, der begleitet wird durch häufige oder lange Arbeitslosigkeit, häufige Betriebswechsel, Fortbildungsmaßnahmen, Praktika oder Gelegenheitsjobs. Die strukturbedingten Entwicklungen führen außerdem zu einer Selektion nach formalen Qualifikationskriterien und damit zu einer Benachteiligung bestimmter „Problem-gruppen“, zu denen besonders sozial Benachteiligte zählen. Ob zu dieser Gruppe aufgrund ihres Geschlechts auch immer noch Mädchen gezählt werden dürfen, bedarf nach meiner Auffassung einer aktuelleren Überprüfung, die im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht geleistet werden kann.

Die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt bzw. der vergebliche Versuch, am Arbeitsleben teilzunehmen, wird von weiblichen und männlichen Jugendlichen meist als persönliche Niederlage erlebt und als Entscheidung der Gesellschaft gegen sie gewertet. Obwohl gerade die Jugend mit Modernität, Leistungsfähigkeit und Fortschritt gleichgesetzt wird, welches mit einer hohen Erwartungshaltung an sie verbunden ist, werden gegenteilige Erfahrungen gemacht, mit der Folge, dass sich Gefühle wie persönliche Wertlosigkeit, verminderte Lebenszufriedenheit und Selbstzweifel einstellen. Die meisten Jugendlichen geben aber dennoch nicht auf, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden und versuchen, die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in angemessener Weise zu bewältigen. Möglicherweise spielen in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Umgangsweisen, die die Arbeits-losigkeit als harmloses oder natürliches Ereignis oder sogar als individuelle Schuld darzustellen versuchen, eine große Rolle. Besonders der Mechanismus der Individualisierung trägt erheblich dazu bei, dass arbeitslose Jugendliche einer massiven Stigmatisierung von Seiten der Gesellschaft aber auch ihrer sozialen Umwelt ausgesetzt sind.

4. Psychische, psychosoziale und ökonomische Belastungen von arbeitslosen Jugendlichen

4.1. Problematik der Identitätsbildung und Sozialisation

Ohne Erwerbstätigkeit haben Jugendliche kaum eine Möglichkeit sich selbst als nützlich, wertvoll und „wirkend“ zu erfahren oder Identität und Status sowie eine materielle Lebensgrundlage zu erwerben und soziale Erfahrungen zu machen. Ihnen fehlt auch die Chance, sich mit der Arbeitswelt auseinanderzusetzen bzw. zu ihr Stellung zu beziehen und im Zusammenhang mit dem Arbeitsleben ihre Zeit sinnvoll zu strukturieren. Arbeit vermittelt deshalb besonders für Jugendliche kaum ersetz-bare Grunderfahrungen im Hinblick auf eigene Möglichkeiten und Begrenztheiten, Autonomie und Abhängigkeit, Kompetenz und Selbstbild (Oerter, 1998).

Das Identitätskonzept wurde besonders durch Goffman (1999) weiterentwickelt, er unterscheidet zwischen der sozialen, persönlichen und Ich-Identität, wobei die Ich-Identität nur subjektiv erfahrbar ist. Die soziale und persönliche Identität werden dem Individuum dagegen durch seine Interaktionspartner zugeschrieben, aber beide sind widersprüchlich: Die soziale Identität hat den Charakter normativer Erwartungen (sich den allgemeinen Erwartungen unterzuordnen, so zu sein wie andere etc.), wobei ein von der Norm abweichendes Verhalten Stigmatisierung zur Folge hat; die persönliche Identität verlangt die Einzigartigkeit eines Individuums (sich von anderen zu unterscheiden, so zu sein wie kein anderer, eine einzigartige Biographie zu haben etc.), wobei eine Abkehr davon ein entpersönlichtes und verdinglichtes Aufgehen in Rollenzusammenhängen darstellt. Erst durch eine Auseinandersetzung – dem Widerstand oder Akzeptieren der einen oder anderen Identität – kann sich als subjektive Reaktion die Ich-Identität entwickeln (vgl. auch Erikson, 1971).

Gerade für Jugendliche, die sich in einer sensiblen Entwicklungsphase befinden, erweist sich Arbeitslosigkeit als ein besonders gravierendes Problem. Zudem beeinflusst der blockierte Einstieg in das Erwerbsleben ihr Leben sehr viel nach-haltiger als es bei Erwachsenen der Fall ist, obwohl die Dauer der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen generell kürzer ist (Klink & Kieselbach, 1990). Durch das Vorenthalten der Arbeit verbleiben die Heranwachsenden in einer künstlich verlängerten Jugendphase. In der Lebenslaufforschung wird in diesem Zusammen-hang von Phasenverschiebungen (der Bildungs-, Arbeits- und Ruhestandsphase) und von einer Abkehr der linearen Erwerbsbiographie gesprochen, in der jeder zum Manager seiner eigenen Biographie wird (Born & Krüger, 2001). Den arbeitslosen Jugendlichen wird jedoch von vornherein die Möglichkeit einer aktiven Mitgestaltung ihrer Erwerbsbiographie genommen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Sie stagnieren so in ihrem Reifeprozess, welches in der Folge auch zu dauerhaften und möglicherweise irreversiblen gesundheitlichen und psychosozialen Schädigungen führen kann. Die psychosozialen Folgen bei arbeitslosen Jugend-lichen entstehen also, anders als bei den Erwachsenen, nicht so sehr durch den Verlust eines Arbeitsplatzes, sondern eher durch das Vorenthalten von Arbeit und die Enttäuschung von Zukunftserwartungen (Klink & Kieselbach, 1990; vgl. Kap. 4.2.).

Die Jugendphase kennzeichnet sich durch eine persönliche Individuation bei gleichzeitiger Integration in neue soziale Rollen. Insbesondere geht es um eine spezifische produktive Auseinandersetzung mit den äußeren, sozialen und physischen Umweltbedingungen wie auch mit den inneren, psychischen und körperlichen Vorgaben. Sozialisation wird als Prozess der Persönlichkeitsent-wicklung in Abhängigkeit von und in der Auseinandersetzung mit inneren Faktoren und äußeren Realitäten gesehen (Hurrelmann, 2005).

Der Jugendliche ist in dieser Phase verstärkt um Orientierung bemüht, denn er hat in der o. g. aktiven Auseinandersetzung mit der äußeren und inneren Realität eine Reihe von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Die Entwicklungsaufgaben fungie-ren als Verbindungsglieder zwischen den gesellschaftlichen und individuellen Anforderungen, die sich besonders auf folgende Bereiche beziehen: 1. Akzeptanz des körperlichen Erscheinungsbildes, 2. Auseinandersetzung mit kulturellen Anforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen und 3. Entwicklung von individuellen Perspektiven und Werten. In diese Phase fallen außerdem die Ablösung vom Elternhaus sowie die Ausbildung von individuellen Lebens- und Berufs-perspektiven. Arbeit und Ausbildung stellen deshalb wesentliche Voraussetzungen für den Aufbau einer personalen und sozialen Identität dar, auch weil hierdurch erst die finanziellen Möglichkeiten für den Ablöseprozess geschaffen werden (Klink & Kieselbach, 1990). Besonders wichtig ist aber, dass sich die personale und soziale Identität nur in der Auseinandersetzung mit und der Bewältigung von konstruktiven Aufgaben stabilisieren kann; nur Erfahrungen, die sich aus einem erfolgreichen Eigenhandeln ergeben, führen zu einer positiven Selbsteinschätzung. Ein stabiles Selbstwertgefühl kann sich demnach erst entwickeln, wenn die sozialen und alltagspraktischen Rollenerwartungen bewältigt werden und die eigenen Fähigkeiten auch in der Arbeitswelt bestätigt werden (vgl. Heinz, 1985).

Wird die Arbeit nach der Schule, die ja bereits auf die Arbeitswelt orientiert ist, vorenthalten, dann fallen eine Vielzahl identitätsfördernder Herausforderungen aus. Schon während der Schulzeit muss die gedankliche und emotionale Bewältigung drohender Arbeitslosigkeit bewältigt werden, aber die Jugendlichen bemühen sich durch rechtzeitige und hartnäckige Bewerbungen, dieses zu verhindern. Schließlich folgt in vielen Fällen dann doch der Eintritt in die Arbeitslosigkeit, welches für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen eine „Zerreißprobe“ darstellt. Heinz (1985) führt aus, dass für jüngere Jugendliche, die gerade aus der Schule entlassen werden, der Eintritt in die Arbeitslosigkeit häufig noch keine größere Belastung darstelle, denn sie scheinen ihre Freizeit noch zu genießen. Zum einen empfänden sie noch keinen Verlust, weil sie noch keine wesentlichen Arbeitserfahrungen machen konnten, zum anderen hätten sie sich auch auf einen verzögerten Berufseintritt eingestellt und ihre Lebensplanung entsprechend modifiziert. Als belastend werde aber die fortdauernde materielle Abhängigkeit vom Elternhaus empfunden. Psychische Belastungen „zweiter Ordnung“ ergäben sich durch die Konflikte innerhalb der Familie: häufig fehlende Ermutigung, sozialer Druck und Kritik an Misserfolgen. Das Gefühl, versagt zu haben, werde noch weiter verstärkt, weil die emotionale Absicherung durch die Familie in Kritik umschlage und nur noch die erfolgreiche Bewerbung positiv bewertet werde, ohne die zu bewältigenden Enttäuschungen abzufangen (Heinz, 1985; vgl. auch Kreft & Vattes, 1980 sowie Kap. 4.3. und 4.4.).

Die Jugendlichen entwickeln hinsichtlich ihrer Berufsvorstellungen jedoch Realis-mus und versuchen, sich dem Angebot an Lehrstellen weitgehend anzupassen, wie ebenfalls bereits Heinz (1985) feststellte und auch heute durch die letzte Shell-Studie (2006) noch bestätigt wird. Damit kommt es aber auch zu Interessenverschiebungen von einer inhaltlich motivierten Berufsvorstellung zu Angeboten zweiter oder dritter Wahl bzw. zu berufsvorbereitenden schulischen Ausbildungsgängen. Für diejenigen, die in Umwege und Wartepositionen einmünden müssen, wird es darüber hinaus immer schwieriger, den längerfristigen Ausgrenzungsproblemen auf dem Arbeits-markt zu entgehen, da sie so an den Rand des Beschäftigungssystems abgedrängt werden und ihre Chancen für den Eintritt in ein Normalarbeitsverhältnis immer schlechter werden.

Welche Auswirkungen für die Identitätsbildung der Jugendlichen sind aber damit verbunden, wenn sie versuchen und bemüht sind bzw. sein müssen, den Struktur-wandel auf dem Arbeitsmarkt durch Abstriche von ihren eigenen Interessen und/oder durch zusätzliche Qualifizierungen auszubalancieren? Nicht wenige unterliegen einem erheblichen Anpassungsdruck von Seiten ihrer Familie, ihres Freundes- und Bekanntenkreises oder ihren Arbeitsvermittlern, so dass sie auch perspektivlose, schlecht bezahlte oder unterfordernde Arbeiten annehmen; ein ebenso zu beobachtender steigender Qualifizierungsdruck wird ebenfalls kaum zu einer neuen Bildungsmotivation führen, sondern wohl auch nur zur Einsicht in die Not-wendigkeit. Anpassungstendenzen von arbeitslosen Jugendlichen, die sich darüber hinaus aufgrund von Diskriminierungs- und Stigmatisierungsprozessen von Seiten des näheren sozialen Umfeldes und der Öffentlichkeit entwickeln (z.B. durch Zuschreibung ihrer Überflüssigkeit oder eigenen Schuld) werden vermutlich sogar ganz erhebliche negative Auswirkungen auf die Ausbildung ihrer Ich-Identität, ihres Selbstbildes und Selbstwertgefühls zur Folge haben (Lemert, 1967; Winefield, A. H., Tiggemann, Winefield, H. R. & Goldney, 1993). Wilhelm-Reiss (1980) bemerkt dazu, der Arbeitslose hat verschiedene Möglichkeiten auf die ihm zugewiesene soziale Zwangsidentität zu reagieren. Entweder übernimmt er die negative Fremdidentifikation weitgehend und bezeich-net sich selbst als unqualifiziert, arbeitsunwillig, als Versager etc. oder er versucht, sich gegen diese Klischeevorstellungen zu wehren. Zwischen diesen beiden extremen Reaktionsweisen liegen Bemühungen einer fassadenhaften Absicherung der alten Identität sowie Versuche, sich eine neue Identität zu verschaffen. Die individuellen Lösungsmöglichkeiten werden dabei durch verschiedene Faktoren erweitert bzw. begrenzt (S. 96).

Von einer „fassadenhaften Absicherung der alten Identität“ und „Täuschern“ berichtet auch Goffman (1999). Darüber hinaus muss davon ausgegangen werden, dass Arbeitslosigkeit im Jugendalter zu weiteren psychischen Auffälligkeiten führen kann, wie beispielsweise eine ausgeprägte Depressivität oder psychosomatische Beschwerden, wie es Studien aus den USA, Australien und England belegen (Kieselbach, 1985); diese zeigen sich verstärkt bei Jugendlichen, die länger als ein halbes Jahr erfolglos auf Arbeitssuche sind. Eine erhöhte Verwundbarkeit entsteht, weil

1. die Behinderung der Persönlichkeitsentwicklung durch die Verweigerung von Berufsstartchancen gravierend ist;
2. das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, und die Entmotivierung durch permanen-ten Misserfolg das Arbeitsinteresse längerfristig schwächen, und
3. die hinausgezögerte Verwirklichung des Anspruchs auf soziale und materielle Selbständigkeit und Selbstverantwortung zu Lasten der Persönlichkeitsentwick-lung geht (Kieselbach, 1985).

Durch einen krisenhaften Verlauf in die Berufseinmündung können sich – wie in diesem Kapitel aufgezeigt wurde – psychische Folgekosten ergeben, die erst viel später durch Schädigungen in der Persönlichkeit in Erscheinung treten, z. B. ein angeschlagenes Selbstbewusstsein, eine lebenslange beruflich-soziale Desorien-tierung, Rückzugstendenzen oder Gleichgültigkeit.

4.2. Zukunftsungewissheit und –angst

Psychische Belastungen, die sich aus einem Gefühl der allgemeinen Zukunfts-ungewissheit und –angst ergeben, sind ebenfalls eng verknüpft mit der Dauer der Arbeitslosigkeit, dem Lebensalter, der individuellen Qualifikation, der Unter-stützung durch das Elternhaus, der Lebensplanung, der Persönlichkeitsressourcen und auch der Nationalitätszugehörigkeit. Diesem entsprechend wird die persönliche Zukunft eher pessimistisch eingeschätzt von Langzeitarbeitslosen, von älteren Jugendlichen, von Jugendlichen mit geringem Bildungsniveau, mit geringer oder keinerlei Unterstützung durch das Elternhaus, ohne klare Lebensplanung und mit nur geringen Persönlichkeitsressourcen sowie Jugendliche ausländischer (und speziell türkischer) Nationalität (Deutsche Shell, 2000).

Das Gefühl der Zukunftsungewissheit kann umschlagen in ein Gefühl der Zukunfts-losigkeit mit der Konsequenz einer Verminderung der Zukunftsorientierung und –planung. Die arbeitslosen Jugendlichen glauben, sie könnten an ihrer Situation doch nichts verändern, und entwickeln perspektiv- und ziellos eine manifeste und chronische Angst vor der Zukunft, die von Enttäuschung, Resignation und Apathie begleitet wird (Wiemer, 1983; vgl. auch Heinemann, 1982).

Burger & Seidenspinner (1977) und Opaschowski (1976) beschreiben, dass den von Arbeitslosigkeit betroffenen Jugendlichen die Grundlage für eine positive Lebens-planung entzogen wird, da ihre Interessen keine Berücksichtigung finden. Sie zeigen sich deshalb motivationslos und desinteressiert gegenüber sich selbst, ihrer Familie, der Gesellschaft und ihren ethischen Normen. Bereits in der Schule wirkt sich die Angst vor der Arbeitslosigkeit schon so negativ aus, dass einige Schüler den Schulabschluss fürchten, da sie wissen, nur mit guten Zeugnisnoten einen Arbeitsplatz erhalten zu können. Auf diesen Leistungsdruck reagieren nicht wenige Schüler mit einer fortschreitenden Lernunwillig- und Schulmüdigkeit (Wiemer, 1983). „Soziale Entwicklungsdefizite in Verbindung mit Ziellosigkeit und dem Verlust von Berufs- und Zukunftsperspektiven machen die davon Betroffenen zwangsläufig zu Problemgruppen von heute und zu Randgruppen von morgen“ (Opaschowski, 1976, S. 77). Edlinger & Zentner (1980) fassen dies folgendermaßen zusammen und ergänzen:

Für die Zukunft bedeutet Arbeitslosigkeit Ohnmacht, Perspektivlosigkeit, Verarmung und Rand-gruppendasein. Die existentielle und psychische Notsituation läßt die Jugendlichen ihrer mit vielen negativen Erfahrungen angesammelten Lebensgeschichte und der sozialen Ungerechtigkeit und Ausweglosigkeit entsprechend Lösungswege gehen, die sehr schnell zur Kriminalität drängen und damit der Mühe der Strafverfolgung mit allen sekundären Auswirkungen aussetzt.

So läßt sich bei jugendlichen Arbeitslosen eine Häufung feststellen von Alkohol- und Drogen-problemen, Hinwendung zur Kriminalität, zu destruktivem Verhalten gegen sich selbst oder gegen schwächere Randgruppen, gesellschaftliche Sündenböcke wie Gastarbeiter, Alte, Homosexuelle.

Der depressive oder aggressiv-destruktive Rückzug aus dem gesellschaftlich anerkannten und vorgegebenen Rahmen der politischen Einflußnahme auf die eigenen Lebensumstände führt zur politischen Abstinenz oder zu einer Anfälligkeit gegenüber autoritären Lösungsmustern. Der Ruf nach einem „starken Staat“ oder dem „starken Mann“ wird laut, aggressive Strebungen äußern sich in der Suche nach dem ‚Schuldigen’, was nur zu leicht zu einem Feindbilddenken gegenüber sozialen Minderheiten führen kann…(S. 158).

[...]

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Arbeitslose Mädchen und Frauen im Jugendalter
Untertitel
Psychosoziale Belastungen und individuelle Orientierungsmuster - Eine qualitative Studie
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
99
Katalognummer
V92736
ISBN (eBook)
9783638062572
ISBN (Buch)
9783640876426
Dateigröße
1358 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutachten: "Die Arbeit von Frau Hollmann zeichnet sich durch einen konsequenten Aufbau, eine stringente Argumentationslinie sowie durch die Tatsache aus, dass es ihr nicht nur gelingt, das Thema differenziert und kritisch zu bearbeiten und durch die eigene Untersuchung zu untermauern, sondern dass sie auch noch den Bogen zu einer praktizierbaren Handlungsperspektive schlagen konnte."
Schlagworte
Arbeitslose, Mädchen, Frauen, Jugendalter, Arbeitslosigkeit, psychosoziale Belastungen, Jugend, Arbeitsmarkt, Umgangsweisen, Bewältigungsmuster, Sozialisation, Identität, Autonomie, soziale Kontakte, Familie, Freunde, Zeit, finanzielle Situation, Angst, Beslastung, Handlungsmuster, Orientierung, Belastung
Arbeit zitieren
Helga Hollmann (Autor), 2008, Arbeitslose Mädchen und Frauen im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92736

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