Gawan von Orkney (auch: Gawain, Gawaine oder Gawein) ist der Neffe des König Artus und einer der Ritter der Tafelrunde. Er ist der älteste Sohn von Lot von Orkney. Seine Brüder Gareth, Gaheris und Agravain und der Ziehbruder Mordred gehören ebenfalls der Tafelrunde an.
In der Literatur lässt sich die Rolle des unerschrockenen Ritters in vielen verschiedenen Werken finden. Der erste Roman aus der Trilogie um die Artussage von Gillian Bradshaws „Falke des Lichts“ beispielsweise ist aus der Sicht des Gawain erzählt. Von Hal Fosters Prinz-Eisenherz-Comic bis hin zu John Boormans „Excalibur“ lassen sich die Spuren des Helden verfolgen. In der mittelalterlichen Epik beispielsweise finden wir Gawein in Hartmann von Aues „Iwein“ als engsten Vertrauten des Titelhelden. Er engagiert sich für die Erfüllung der ritterlichen Pflichten Iweins und steht ihm in der aventiure treu zur Seite.
In Wolfram von Eschenbachs Parzival ist Gawan das besonnene Pendant zum Titelhelden, da er sich als diplomatischer Stratege erweist, der seinen Verstand als wirkungsvollstes Instrument gegen die Gefahren des Mittelalters einsetzt. Die Rolle des Gawein bei Hartmann und die des Ritters bei Wolfram unterscheiden sich jedoch.
Diese Romanfigur scheint so individuell zu sein wie die Zeit, in der sie geschaffen wurde.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Veränderung der Darstellung des höfisch-ritterlichen Ideals und versucht am Beispiel der Gaweinrollen in „Iwein“ und dem Werk „Parzival“ die Unterschiede des darin vermittelten Menschenbildes zu analysieren.
Welche Unterschiede sich zwischen dem Gawein in „Iwein“ und dem nur etwa 20 Jahre später entstandenen Gawan in „Parzival“ erkennen lassen und welches bisherige Ritterbild Wolfram somit kritisiert, wird in der folgenden Ausarbeitung untersucht. In seinem Werk „Iwein“ beschreibt Hartmann von Aue in etwa 8165 Versen die Abenteuer des Titelhelden, der den schmalen Grad zwischen ehelichem Alltagsleben und ritterlicher aventiure zu meistern versucht.
Dieser mittelhochdeutsche Artusroman entstand um 1200. Hartmann übertrug dabei den Stoff des altfranzösischen Romans Yvain ou Le Chevalier au lion, welcher nach unterschiedlichen Datierungen um 1177 oder zwischen 1185 und 1188 entstand.
Inhaltsverzeichnis
1. Zentrale Überlegungenund Fragestellungen
2. „Iwein“
2.1. Die Darstellung des Gawein in „Iwein“
2.2. Die Freundschaftsbeziehung zwischen Iwein und Gawein
3. „Parzival“
3.1. Gawans Rolle in „Parzival“
4. Das 8. Buch in „Parzival“- Kreierung eines neuen Heldenbildes?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Entwicklung und Veränderung der Gawein-Figur in der mittelhochdeutschen Epik, wobei der Fokus insbesondere auf den unterschiedlichen Darstellungen bei Hartmann von Aue („Iwein“) und Wolfram von Eschenbach („Parzival“) liegt.
- Vergleich der höfisch-ritterlichen Ideale in Iwein und Parzival.
- Analyse der Rolle Gaweins als Aventiure-Ritter versus Minne-Ritter.
- Untersuchung des Wandels im Menschenbild und der Heldenkonzeption bei Wolfram von Eschenbach.
- Bedeutung von persönlichen Gefühlen und psychologischen Nuancen im ritterlichen Kontext.
- Reflektion über gesellschaftliche Veränderungen in der Entstehungszeit der Epen.
Auszug aus dem Buch
4. Das 8. Buch in „Parzival“- Kreierung eines neuen Heldenbildes?
Hartmann von Aue präsentiert uns den Helden Gawein, der all seine Energie und Gedanken in die aventiure investiert. Das Ritter-Sein ist seine Leidenschaft und sein Hauptlebensinhalt. In dem Werk tritt Gawein nur in Szenen auf, die in Verbindung stehen mit der aventiure oder der Freundschaft zu Iwein und er wird in keinen anderen Handlungsstrang verwickelt.
Wolfram zeigt uns im 8. Buch seines Werkes einen völlig anderen Helden Gawan. In Ascalun angekommen möchte er zunächst unerkannt bleiben und legt sogar seine Waffen ab, damit er nicht sofort in den Dienst gezogen wird. Über den Grund seiner Anwesenheit lässt er Antikonie im Unklaren. Was lässt also dagegensprechen, dass er nicht wirklich tugendlose Gedanken hatte? Es ist durchaus möglich, dass Gawan seine ritterlichen Gebote vergaß und nicht der tadellose Artusritter war, der er bei Hartmann war. Dafür spricht, dass er stets nur um genâde bei Antikonie bemüht ist, während das Turnier aus seinen Gedanken völlig verbannt ist. Diese Darstellung verändert die gesamte bisherige Betrachtung dieses Ritters.
Ein prachtvoller Ritter der Tafelrunde ist stets bestens zum Kampf gewappnet, Gawan hingegen scheint darauf angewiesen, einen Schlachtplan von Antikonie zu erhalten und weitere Anweisungen zur Verteidigung. Er ist unbewaffnet und scheint völlig ratlos über sein Handeln zu sein. Hartmanns Gawein hätte die Dame gerettet in einem souveränen Kampf um im Anschluss eventuell um deren Hand anzuhalten. Gawan tritt nicht als tapferer, unerschrockener Held auf, sondern als verwirrter Mann, der der Burgdame Absichten entgegenbringt, die nicht tugendhaft erscheinen, sondern die denen eines bloßen Menschen, mit schwachen Momenten und Fehlern, ähneln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zentrale Überlegungenund Fragestellungen: Einführung in die literarische Bedeutung von Gawein und Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der Veränderung des Ritterbildes.
2. „Iwein“: Analyse des Werkes von Hartmann von Aue und der Rolle Iweins als höfischer Roman.
2.1. Die Darstellung des Gawein in „Iwein“: Untersuchung von Gawein als Inbegriff des idealen, auf aventiure ausgerichteten Artusritters.
2.2. Die Freundschaftsbeziehung zwischen Iwein und Gawein: Analyse der engen, loyaler Freundschaft zwischen den beiden Rittern im Kontext mittelalterlicher Strukturen.
3. „Parzival“: Einführung in das Werk von Wolfram von Eschenbach und die Entwicklung des Titelhelden im Kontrast zu Gawan.
3.1. Gawans Rolle in „Parzival“: Betrachtung von Gawans Handlungen, seiner Minneerfahrung und seiner Entwicklung zum reflektierten Charakter.
4. Das 8. Buch in „Parzival“- Kreierung eines neuen Heldenbildes?: Detaillierte Analyse des Wandels von einer rein aventiure-orientierten hin zu einer menschlich-spontanen Heldenfigur.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Bestätigung der These, dass Wolfram ein neues, differenzierteres Heldenbild schafft.
Schlüsselwörter
Gawein, Gawan, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Iwein, Parzival, Artusritter, Aventiure, Minne, Ritterideal, höfische Literatur, Mittelalter, Heldenbild, Literaturwissenschaft, Menschenbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Figur des Gawein in den mittelhochdeutschen Epen „Iwein“ und „Parzival“ und vergleicht, wie sich das Idealbild des Ritters zwischen diesen beiden Werken verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das ritterliche Ethos, die Bedeutung der Aventiure, der Wandel von der rein pflichtbewussten Darstellung hin zu einem menschlicheren Heldenbild sowie die Rolle der Minne.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, den Unterschied zwischen dem traditionellen Aventiure-Ritter bei Hartmann von Aue und dem komplexeren, durch Minne und Menschlichkeit geprägten Gawan bei Wolfram von Eschenbach aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch den Vergleich von Textstellen und die Einbeziehung von Sekundärliteratur zu den behandelten Epen gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung Gaweins bei Hartmann von Aue, seine Rolle als Freund Iweins und die vertiefte Analyse des 8. Buches im „Parzival“, das den Wendepunkt zur neuen Heldenkonzeption markiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gawein/Gawan, Artusritter, Aventiure, Minne, Literaturvergleich und das höfische Idealbild des Mittelalters.
Warum spielt das 8. Buch des „Parzival“ eine so wichtige Rolle?
Das 8. Buch wird als zentral analysiert, da Gawan hier entgegen seiner sonstigen Souveränität als verwirrter, verletzlicher Mensch dargestellt wird, was den Bruch mit dem klassischen, starren Ritterbild verdeutlicht.
Wie unterscheidet sich Gawan in Wolframs Werk von Hartmanns Gawein?
Während Hartmanns Gawein ein konsequenter Aventiure-Ritter ist, zeichnet sich Wolframs Gawan durch eine stärkere Emotionalität, den Einfluss von Minne und die Einsicht in eigene menschliche Schwächen aus.
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- Kathrin Lotholz (Author), 2007, Vom Aventiure- zum Minneritter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92748