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Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice

Title: Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice

Doctoral Thesis / Dissertation , 2000 , 259 Pages , Grade: cum laude

Autor:in: Klaus Dieter Lambert (Author)

Sociology - General and Theoretical Directions
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Summary Excerpt Details

Es gibt in den Sozialwissenschaften traditionell zwei kontroverse Sichtweisen: eine ist individualistisch und wird in den letzten Jahren oft mit dem Namen "Rational Choice" belegt, die andere ist kollektivistisch und macht in jüngerer Zeit unter der Bezeichnung "Kommunitarismus" von sich reden. Die beiden Traditionen unterscheiden sich u.a. in ihrem grundlegenden Menschenbild. Die Individualisten gehen von einem selbständigen und willensstarken Menschen aus, der stets bestrebt ist, seinen Nutzen zu maximieren. Kollektivisten dagegen betonen die Abhängigkeit und Formbarkeit des Menschen und nehmen an, daß Personen in erster Linie konform zu sozialen Normen handeln. Hiermit ist auch der Kern einer von Kommunitaristen nur implizit vertretenen Handlungstheorie umrissen. Im Zentrum der vorl. Arbeit steht die umstrittene Frage, ob moralisches Handeln mit Hilfe eines nutzentheoretischen Vokabulars angemessen zu erfassen ist. Hierzu werden die Argumente von Robert Bellah, Amitai Etzioni, Alasdair MacIntyre, Charles Taylor, Michael Baurmann, Gary Becker, James Coleman, Hartmut Esser, Robert Frank, Viktor Vanberg u.a. vorgestellt und diskutiert, daneben auch sprachanalytische Überlegungen von John Searle. Die in dieser Dissertation vorgeschlagene Lösung einer handlungstheoretischen Konzeption von "Moral" lautet wie folgt: am methodologischen Individualismus wird zwar festgehalten, von der Prämisse eines strikt nutzen- und entscheidungstheoretischen Vokabulars jedoch abgegangen. Um die Personen über längere Zeiträume prägenden und dabei ihre subjektiven Erwartungen und Bewertungen maßgeblich modifizierenden Einflüsse ihrer sozialen Umwelt theoretisch sinnvoll einarbeiten zu können, muß eine Handlungstheorie die Anwendung behavioristischer Verhaltensgesetze zulassen - eine Anforderung, die ein rein entscheidungstheoretischer Ansatz nicht erfüllt. Meine Konzeption greift insofern in wesentlichen Zügen auf die Überlegungen von George Homans zurück.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Kommunitarismus und Rational Choice als Gegensatzpaar

1.1. Was ist Kommunitarismus?

1.2. Gehen Kommunitaristen von einer Handlungstheorie aus?

1.3. Normative Tendenzen und Befangenheiten bei Rational Choice und Kommunitarismus

2. Das Problem der sozialen Ordnung: synchrone, objektive Merkmale der Situation

2.1. Ist unsere Gesellschaft krank und Moral die Medizin? Robert Bellah und Amitai Etzioni klagen an

2.1.1. Über die Gewohnheiten unserer Herzen

2.1.2. Die Bedeutung der Verantwortung für das Gemeinwesen

2.1.3. Beispiele moralischen Handelns bei Etzioni

2.2. Was ist eigentlich Moral?

Exkurs über Sprache

2.3. Die Antworten von Rational Choice auf das Problem der sozialen Ordnung

2.3.1. Spieltheorie: Die Evolution der Kooperation

2.3.2. Norm, Sanktion und Gruppengröße: Die Logik kollektiven Handelns

2.3.3. Das Konzept des sozialen Kapitals

2.3.4. Das Konzept der Haushaltsproduktionsfunktion

2.3.5. Das Konzept der sozialen Produktionsfunktion

2.3.6. Recht als Konsens

3. Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice: diachrone, subjektive Merkmale der Situation

3.1. Handlungstheorie aus der Sicht kommunitaristischer Autoren

3.1.1. Amitai Etzionis normativ-affektive Faktoren

3.1.2. Alasdair MacIntyres Reformulierung des Tugendbegriffs

3.1.3. Charles Taylors Projekt der Bestimmung der (neuzeitlichen) Identität

Exkurs: Was die Gegner der Nutzentheorie immer besonders ärgert

3.2. Welche Erklärungen für moralisches Verhalten bietet Rational Choice bzw. die ökonomische Verhaltenstheorie?

3.2.1. Der dispositionelle Nutzenmaximierer (M. Baurmann)

3.2.2. Vertrauen auf Mutter Natur (R. Frank)

3.2.3. Wandlungsprozesse im Akteur (J. Coleman)

3.2.4. Gary Beckers Ergänzungsprinzip

3.2.5. Die Frame-Selection-Theory (H. Esser)

3.2.6. Regelbefolgung als rationale Wahl (V. Vanberg)

4. Ergebnisse und Schlußfolgerungen: Ein Plädoyer für eine wieder stärkere Einbeziehung der Lerntheorie in sozialwissenschaftliche Erklärungen

4.1. George Homans individualistischer Ansatz

4.2. Grundlagen und Möglichkeiten der Lerntheorie

4.3. Spieltheorie mit moralischen Spielern

4.4. Bekannte Probleme bei Rational Choice Erklärungen

4.5. Identität oder was nützt dem Pawlowschen Hund seine konditionierte Reaktion?

4.6. Rational Choice und Sozialisation

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die theoretischen Zusammenhänge zwischen Handlungstheorie, Kommunitarismus und Rational Choice mit dem Ziel, moralische Handlungen zu erklären, die auf vorgegebene soziale Strukturen zurückgeführt werden können. Dabei wird insbesondere untersucht, ob ein ökonomischer Ansatz die "Dimension des Sozialen" befriedigend erfassen kann.

  • Analyse und Vergleich der Menschenbilder von Rational Choice und Kommunitarismus.
  • Untersuchung des Problems der sozialen Ordnung anhand synchroner und diachroner Merkmale.
  • Diskussion der Eignung der Lerntheorie zur Ergänzung rational-ökonomischer Erklärungsmodelle.
  • Kritische Auseinandersetzung mit Begriffen wie Moral, Identität und sozialem Kapital.
  • Entwicklung eines erweiterten Handlungsmodells ("Homo Etzioni").

Auszug aus dem Buch

Ein Beispiel für kommunitaristisches Denken

Die kommunitaristische Denkweise ist kollektivistisch. Als ein daraus resultierendes Prinzip könnte man die Maximierung des Nutzens der Gruppe bzw. des Kollektivs ableiten. Im Gegensatz dazu geht eine individualistische Sichtweise von der Maximierung des Nutzens eines Individuums aus. Damit korrespondieren jeweils verschiedene handlungstheoretische Vorstellungen. In diesem Abschnitt soll beispielhaft anhand einer kontroversen politischen Diskussion gezeigt werden, wie sich eine individualistische und eine kollektivistische Denkweise in ihren normativen Schlußfolgerungen unterscheiden: Die immer noch aktuelle politische Kontroverse zwischen Anhängern einer 100%igen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Befürwortern einer – wie im einzelnen auch immer geregelten – verminderten Lohnfortzahlung.

In der alltäglichen, politischen Diskussion gewinnt man den Eindruck, daß es sich hierbei - vor allem durch Äußerungen von Gewerkschaftsvertretern bzw. des linken Flügels der SPD - um ein Relikt marxistischen Klassenkampfes handelt. In dieser Sichtweise stehen auf der einen Seite die Gruppe der Arbeiter oder Arbeitnehmer mit ihren gewerkschaftlichen Interessenvertretungen der Gruppe der Arbeitgeber oder den Kapitalisten und ihren Verbänden in einem typischen Interessengegensatz gegenüber. Die Interessen der Arbeitnehmer und die Interessen der Arbeitgeber scheinen klar definiert zu sein und unverrückbar fest zu stehen: Jede „Klasse“ will für sich aus dem Produktionsprozeß so hohe Erträge wie möglich schöpfen. Diese Sichtweise setzt aber voraus, daß es innerhalb der Mitgliedern beider Gruppen hierzu keine Interessengegensätze gibt und es für jedes Mitglied deshalb rational ist, sich mit den Zielen seiner Gruppe zu identifizieren und für sie einzutreten. Von genau diesen Voraussetzungen gehen Vertreter kommunitaristischer Ansätze implizit immer aus, wobei einzuräumen ist, daß die ihnen vorschwebenden Gruppen üblicherweise nicht Klassen in Sinne von Marx sind, sondern (Kultur-)Nationen oder allgemein gesellschaftliche Vereinigungen, seien sie lokal nachbarschaftlich, religiös oder politisch motiviert. Die „Güter“, um die es Kommunitaristen geht, sind auch nicht Profit oder kurze Arbeitszeiten, sondern z.B. geringe Kriminalitäts- und Scheidungsraten, politisches Engagement von Bürgern und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Es geht aber immer um Kollektivgüter.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Kommunitarismus und Rational Choice als Gegensatzpaar: Einführung in die begrifflichen Gegensätze und die Zielsetzung der Arbeit, die Spannung zwischen individuellem Eigennutz und kollektiven moralischen Grundlagen zu untersuchen.

2. Das Problem der sozialen Ordnung: synchrone, objektive Merkmale der Situation: Vorstellung der kommunitaristischen Kritik am Individualismus sowie der Rational-Choice-Antworten auf das Ordnungsproblem, unter Beschränkung auf synchrone Merkmale der sozialen Situation.

3. Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice: diachrone, subjektive Merkmale der Situation: Vertiefung der Handlungstheorie durch Einbeziehung diachroner und subjektiver Merkmale sowie Prüfung, wie Vertreter der Nutzentheorie moralisches Verhalten erklären.

4. Ergebnisse und Schlußfolgerungen: Ein Plädoyer für eine wieder stärkere Einbeziehung der Lerntheorie in sozialwissenschaftliche Erklärungen: Synthese der Ergebnisse und Begründung der Notwendigkeit, lerntheoretische Erkenntnisse zur Überwindung von Schwächen in bestehenden rationalen Erklärungsmodellen zu integrieren.

Schlüsselwörter

Handlungstheorie, Kommunitarismus, Rational Choice, soziale Ordnung, Moral, Nutzenmaximierung, Lerntheorie, Sozialisation, Identität, soziales Kapital, Kollektivgüter, Methodologischer Individualismus, Verhaltenstheorie, Konditionierung, RREEMM-Man.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die theoretischen Verbindungen und Spannungsfelder zwischen Kommunitarismus und Rational Choice, insbesondere im Hinblick auf die Erklärung von Handlungen, die scheinbar über den individuellen Eigennutz hinausgehen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themen umfassen die Soziologie der Handlungstheorie, die Bedeutung moralischer Normen, die Logik kollektiven Handelns sowie die Rolle von Lerntheorien bei der Entstehung individueller Präferenzen und Identitäten.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die zentrale Frage ist, ob moralische Handlungen, die auf soziale Strukturen zurückzuführen sind, nutzentheoretisch erklärt werden können oder ob hierfür ein lerntheoretischer Ansatz zur Ergänzung notwendig ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die bestehende Modelle (Rational Choice, Kommunitarismus, Lerntheorie) gegenüberstellt, kritisiert und eine integrative, lerntheoretisch fundierte Perspektive vorschlägt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert das Problem der sozialen Ordnung sowohl unter synchronen (objektiven) als auch diachronen (subjektiven) Merkmalen und diskutiert spezifische Theorien, darunter die Frame-Selection-Theory und das Konzept des sozialen Kapitals.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die zentralen Begriffe sind Handlungstheorie, Rational Choice, Kommunitarismus, Sozialisation, Identität und Lerntheorie.

Warum hält der Autor die einfache Nutzentheorie für unvollständig?

Der Autor argumentiert, dass eine reine Nutzentheorie, die nur auf synchronen, objektiven Anreizen basiert, moralisches Handeln nicht ausreichend erklären kann, da sie die diachrone, subjektive Dimension der Sozialisation und erlernter Verhaltensmuster vernachlässigt.

Was bedeutet das Konzept des "Homo Etzioni"?

Es ist ein vom Autor vorgeschlagenes Modell, das eine Mischform aus Homo oeconomicus (Eigeninteresse) und Homo sociologicus (Gewissen/Normen) darstellt, um menschliches Verhalten realitätsnäher abzubilden.

Inwiefern spielt die Lerntheorie eine Rolle für moralisches Handeln?

Der Autor schlägt vor, dass moralische Handlungen, die ursprünglich als Mittel zum Zweck erlernt wurden, durch Konditionierungsprozesse zu Selbstzwecken werden können, was die intrinsische Motivation hinter diesen Handlungen erklärt.

Was ist die Schlussfolgerung des Autors zur sozialen Ordnung?

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Problem der sozialen Ordnung in großen, modernen Gesellschaften durch externe Anreize (Sanktionen) und die Internalisierung von Werten gelöst wird, wobei die Einbeziehung der Lerntheorie notwendig ist, um die Internalisierungsprozesse wissenschaftlich fundiert zu erklären.

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Details

Title
Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice
College
University of Mannheim  (Fakultät für Sozialwissenschaften)
Grade
cum laude
Author
Klaus Dieter Lambert (Author)
Publication Year
2000
Pages
259
Catalog Number
V92862
ISBN (eBook)
9783638052504
ISBN (Book)
9783640862023
Language
German
Tags
Handlungstheorie Kommunitarismus Rational Choice Moral Lerntheorie Spieltheorie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Klaus Dieter Lambert (Author), 2000, Handlungstheorie zwischen Kommunitarismus und Rational Choice, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92862
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