Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich vornehmlich mit den unterschiedlichen Ausprägungen der Verhandlungsdemokratie. Sie versucht, durch den Vergleich zweier unterschiedlicher Ansätze (Roland Czada und Arend Lijphart) verhandlungsdemokratischer Phänomene einen Beitrag für das vertiefte Verständnis des Aufbaus und der Funktionsweise von Verhandlungsdemokratien sowie deren Art der Zuordnung zu bestimmten Ländergruppen zu schaffen. Anhand der Konzeptualisierung, des Datenmaterials und der Ergebnisse der Studien Arend Lijpharts (Lijphart 1999) soll die These von Roland Czada überprüft werden, dass die Verhandlungsdemokratie in die Dimensionen Konkordanz, Korporatismus, und Politikverflechtung zu differenzieren ist und sich aus diesen Variablen spezifische empirische Länderkonfigurationen sowie Schlussfolgerungen für das Zusammenspiel dieser drei Variablen in politischen Systemen ergäben. Schließlich sollen hieraus Anstöße für ein möglicherweise elaboriertes Modell der Verhandlungsdemokratie abgeleitet werden, das der Komplexität dieser Thematik gerecht wird.
Mit diesem Versuch geht auch eine Begriffsklärung der Termini einher, die regelmäßig im Zusammenhang mit dem Thema „Verhandlungsdemokratie“ auftreten (Konkordanz, Konsens, Konkurrenz usw.), sowie eine grobe Aufarbeitung und Beurteilung des Forschungsstandes und der wichtigsten Arbeiten und Autoren zu diesem Thema.
In Relation zu dem Demokratietypus der Verhandlungsdemokratie steht auch seine Abgrenzung zum (vermeintlich) konkurrierenden, ihm aber zumindest gegenüberstehenden Typus der Konkurrenz- bzw. Mehrheitsdemokratie. Auf die klassische Gegenüberstellung dieser beiden Demokratietypen wird in dieser Arbeit jedoch verzichtet, weil dies aus mehreren Gründen unfruchtbar erscheint. Letztlich ist zu klären, inwieweit spezifische Mischungsverhältnisse von verhandlungs- und mehrheitsorientierten Elementen den politischen Prozess beeinflussen. Diese Mischformen sind es nämlich, die das empirische Bild von Demokratien prägen und die für die zukünftige Entwicklung demokratischer Systeme von entscheidender Bedeutung sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
3. Zum Verhältnis von Verhandlungs- und Mehrheitsdemokratie und dessen Implikationen
3.1 Die Differenzierung der Verhandlungsdemokratie bei Roland Czada
3.2 Lijpharts Konsensdemokratie
3.3 Lijphart und Czada im Vergleich
3.4 Ergebnisse
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, das Verständnis von Verhandlungsdemokratien durch den Vergleich der Ansätze von Roland Czada und Arend Lijphart zu vertiefen. Dabei wird untersucht, wie sich die unterschiedlichen Konzeptionen empirisch auf verschiedene Ländergruppen anwenden lassen und welche Erkenntnisse dies für die Funktionsweise politischer Systeme liefert.
- Vergleichende Analyse der Demokratiemodelle von Czada und Lijphart
- Differenzierung der Verhandlungsdemokratie in Konkordanz, Korporatismus und Politikverflechtung
- Kritische Überprüfung der empirischen Zuordnung politischer Systeme
- Untersuchung von Interaktionseffekten zwischen verhandlungsdemokratischen Dimensionen
- Potenziale für ein elaboriertes Modell der Verhandlungsdemokratie
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Differenzierung der Verhandlungsdemokratie bei Roland Czada
Entgegen den oben skizzierten Ansätzen zur Analyse von Verhandlungs- und Mehrheitsdemokratie wählt Roland Czada eine differierende Perspektive. Seine Kritik an jenen Konzepten, die die beiden Demokratiemodelle idealtypisch gegenüberstellen besteht im Kern darin, dass er dadurch die interne Differenzierung der einzelnen Modelle vernachlässigt sieht, insbesondere die der Verhandlungsdemokratie. Er führt aus, dass die „additive Verknüpfung“ (Czada 2000, 21) einzelner Spielarten der Verhandlungsdemokratie (Konkordanz, Korporatismus, und Politikverflechtung) dazu führe, diese als gleichartige Merkmale eines eindimensionalen verhandlungsdemokratischen Systems aufzufassen, was er als irreführend identifiziert.
Diese drei Ausprägungen der Verhandlungsdemokratie zeichneten sich durch je eigentümliche Verhandlungslogiken aus und träten in verhandlungsdemokratischen Systemen in unterschiedlichen Konfigurationen auf, die sich voneinander elementar unterschieden, und deshalb nicht unterschiedslos dem Gesamtkonzept der „Verhandlungsdemokratie“ zugeordnet werden könnten (Czada 2000). Aus diesem Grund konstatiert Czada den Hauptvertretern umfassender verhandlungsdemokratischer Konzepte, Lehmbruch und Lijphart, eine gewisse „Überfrachtung“ ihrer Ansätze mangels ausreichender Binnendifferenzierung, die im übrigen auch an anderer Stelle geäußert wird (vgl. Schmidt 2000).
Aus diesem Argumentationskomplex ergibt sich ein dritter und sehr deutlicher Grund dafür, dass die strikte Herausstellung möglichst großer und breit gefächerter Unterschiede zwischen Verhandlungs- und Konkurrenzdemokratie ihre analytische Sinnhaftigkeit dann verliert, wenn dabei verschiedene Phänomene politischer Verhandlungszwänge als gleichartige Elemente eines idealisierten politischen Systemtypus dargestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Verhandlungsdemokratie ein, erläutert die Relevanz des Vergleichs der Ansätze von Roland Czada und Arend Lijphart und skizziert die methodische Vorgehensweise.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Verhandlungsdemokratie als Oberbegriff für nichtmajoritäre Demokratien und grenzt ihn von verwandten Termini wie Konkordanz, Konsens und Korporatismus ab.
3. Zum Verhältnis von Verhandlungs- und Mehrheitsdemokratie und dessen Implikationen: Hier erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit der Abgrenzung beider Demokratietypen und deren Leistungsprofilen.
3.1 Die Differenzierung der Verhandlungsdemokratie bei Roland Czada: Das Kapitel erläutert Czadas Kritik an bisherigen Ansätzen und stellt seine drei Dimensionen der Verhandlungsdemokratie vor.
3.2 Lijpharts Konsensdemokratie: Der Ansatz von Arend Lijphart, der auf zwei Dimensionen und zehn Variablen basiert, wird hier detailliert dargestellt.
3.3 Lijphart und Czada im Vergleich: Dieser Abschnitt vergleicht die empirischen Länderfamilien der beiden Autoren und arbeitet Unterschiede in der Konzeptualisierung heraus.
3.4 Ergebnisse: Das Kapitel evaluiert die empirischen Befunde zur Konkordanz, zum Korporatismus und zur Politikverflechtung anhand der Daten beider Autoren.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und diskutiert die Nützlichkeit von Czadas Ansatz für ein weiterentwickeltes Modell der Verhandlungsdemokratie.
Schlüsselwörter
Verhandlungsdemokratie, Mehrheitsdemokratie, Konsensdemokratie, Konkordanz, Korporatismus, Politikverflechtung, Roland Czada, Arend Lijphart, Politische Systeme, Demokratieforschung, Verhandlungssysteme, Vetospieler, Institutionen, Systemvergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen der Verhandlungsdemokratie und setzt diese in einen kritischen Vergleich zu den Modellen der Mehrheitsdemokratie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die theoretische und empirische Differenzierung verhandlungsdemokratischer Systeme, insbesondere durch die Kategorien Konkordanz, Korporatismus und Politikverflechtung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Konzepte von Roland Czada und Arend Lijphart zu vergleichen, um zu prüfen, ob Czadas dreidimensionaler Ansatz ein besseres Verständnis für die Funktionsweise politischer Systeme bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse sowie eine kritische Überprüfung von Datenmaterial und theoretischen Konzepten der Politikwissenschaft angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Begriffe geklärt, das theoretische Verhältnis der Demokratietypen analysiert, die Ansätze von Czada und Lijphart detailliert vorgestellt und abschließend empirisch verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Verhandlungsdemokratie, Konkordanz, Korporatismus, Politikverflechtung sowie die Autoren Czada und Lijphart charakterisieren.
Wie unterscheidet sich Czadas Ansatz von dem Lijpharts?
Czada kritisiert Lijpharts zweidimensionales Konzept als zu grob und schlägt eine feinere Binnendifferenzierung in drei spezifische Dimensionen vor.
Welche Bedeutung haben die sogenannten Vetospieler in der Analyse?
Vetospieler sind zentral für die Dimension der Politikverflechtung, da sie formale, verfassungsrechtlich verankerte Kompetenzaufteilungen darstellen, die politische Entscheidungen in Verhandlungssysteme verlagern.
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- Patrick Sumpf (Author), 2007, Verhandlung und Mehrheitsentscheid in politischen Systemen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92925