Weibliche Männlichkeit in "Boys don't cry"


Hausarbeit, 2008
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Probleme der Grenzziehung

2 Teena Brandon? Brandon Teena? Butch? FTM?
2.1 Stone Butch
2.2 Female to Male Transsexueller

3 Weibliche Männlichkeit vs. dominanter Männlichkeit in Boys don’t cry
3.1 Körperlichkeit und das Auto als Prothese der Männlichkeit
3.2 Draufgängertum
3.3 Gewalttätigkeit und Dysfunktionalität
3.4 Verhältnis zu Frauen

4 Zusammenfassung

5 Quellenverzeichnis

1 Probleme der Grenzziehung

Diese Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt die besondere Männlichkeit der Hauptfigur von Boys don’t cry näher zu untersuchen. Diesem Unterfangen stellen sich gleich zu Beginn zwei Probleme in den Weg. Es sind dies Probleme der Grenzziehung.

Zuerst ist es erforderlich zwischen fiktiver Handlung und realen Ereignissen abzugrenzen. Die Handlung des Erstlingswerkes von Kimberly Peirce orientiert sich an einem realen Kriminalfall. In einem Ort namens Falls City im ländlichen Nebraska wurden 1993 drei junge Menschen erschossen, davon eine Frau, ein afroamerikanischer Mann und eine biologische Frau, die sich als Mann ausgab, namens Teena Brandon oder auch Brandon Teena.[1] Der letzteren Person ist die Protagonistin von Boys don’t cry nach empfunden. Ihr Leben und die Umstände ihres Sterbens werden im Film an den realen Ereignissen orientiert. Will man nun die männlichen Aspekte der Hauptfigur näher ergründen stößt man auf die Schwierigkeit, dass es in diesem Fall ein reales Vorbild gibt, das immer wieder in akademischen Texten und den eigenen Überlegungen auftaucht: ein echter Mensch, dessen Handlungen, Wünsche und Träume vom Film nicht notwendigerweise korrekt erfasst wurden. Es gibt weitere textliche und filmische Interpretationen der Geschehnisse von Falls City, die die Fehlerhaftigkeit und Lückenhaftigkeit der Darstellungen in Boys don’t cry aufzeigen und kritisieren. So stellt sich die Frage ob es eigentlich möglich ist etwas über die Männlichkeit der Person Brandon Teenas aus Boys don’t cry heraus zu lesen. Die Antwort darauf muss negativ ausfallen. Man kann aus Peirces Werk in keinster Weise auf die Befindlichkeiten der realen Persönlichkeit Rückschlüsse ziehen, noch allgemein auf die Befindlichkeiten eines Menschen der weibliche Männlichkeit lebt. Dies ist eine Leistung, die der Spielfilm nicht zu erbringen vermag und es soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass das in dieser Arbeit auch nicht angenommen wird. Boys don’t cry wird hier als ein fiktives Werk betrachtet, das sich von einer realen Geschichte nur inspirieren lies und nicht versucht diese naturgetreu abzubilden. Insofern kann man an der Verfilmung nur ablesen welche Aspekte der weiblichen Verkörperung von Männlichkeit oder von transsexuellen Realitäten dargestellt werden. Im Folgenden werden daher Theorien über Männlichkeit und Geschlecht voll und ganz innerhalb des fiktiven Textes überprüft.

Die zweite Grenze die es abzustecken gilt ist die zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen der Geschlechter. Schon die ersten Auseinandersetzungen mit dem Thema der transsexuellen, weiblichen oder queeren Männlichkeit am Beispiel des fiktiven Brandon Teenas werfen eine ganze Fülle von Begrifflichkeiten und begrifflicher Schwierigkeiten auf, als deren Symptom man zunächst mit dem Problem der richtigen Verwendung von Personalpronomen konfrontiert wird. Handelt es sich um Brandon Teena oder Teena Brandon, um einen „er“ oder eine „sie“? Im Nachfolgenden wird der Versuch unternommen, den/die Protagonisten/in in die verschiedenen Konzepte weiblicher Männlichkeiten, wie sie von Judith Halberstam vorgestellt werden, einzuordnen und damit zu klären, wie die spezifische Männlichkeit der Hauptfigur von Boys don’t cry konstruiert wird. Weiterhin soll verdeutlicht werden inwiefern sich die Maskulinität Brandon Teenas von der dominanten Männlichkeit seiner Freunde und Mörder abhebt. Kurz gesagt, diese Arbeit stellt verschiedene Konzepte weiblicher Männlichkeit vor, überprüft ihre Abbildung in Boys don’t cry und versucht sie von den darin auftauchenden „echten“ Männern abzugrenzen.

2 Teena Brandon? Brandon Teena? Butch? FTM?

Soviel Unklarheit auch bezüglich der spezifischen Geschlechtsverkörperung der Hauptfigur von Boys don’t cry herrscht, eines wird schon von ihrem ersten Erscheinen an deutlich: es handelt sich um eine Person, die männlich auftritt obwohl sie kein biologischer Mann ist. Kurz darauf wird sie als Teena bezeichnet, was nahe legt, dass hier eine biologische Frau mit diversen männlichen Eigenarten auftritt, um als Mann „durchzugehen“. Es handelt sich um eine weibliche Verkörperung von Männlichkeit. Und genau das ist es, was Judith Halberstam in ihrem Buch FEMALE MASCULINITY am meisten interessiert.

Für die Autorin ist es nicht von Interesse Maskulinität an ihren dominanten Erscheinungen abzulesen, durch sie zu definieren und somit bestehende soziale Strukturen zu verstärken, die männliche Attribute an biologisches Mannsein, Macht und Dominanz knüpfen.[2]

Sie folgt im Grunde Judith Butler, die meint, dass es hinter den verschiedenen Ausdrucksformen von sozialem Geschlecht, keine festgelegte Geschlechtsidentität gibt. Die Geschlechtsidentität wird performativ konstituiert von den betreffenden Ausdrucksformen, die gemeinhin als deren Ergebnis betrachtet werden.

“There is no gender identity behind the expressions of gender; (…) identity is performatively constituted by the very "expressions" that are said to be its results.”[3]

In anderen Worten kann man sagen, dass Geschlecht performativ ist. Es ist eher das was und wie man etwas tut, anstatt eine universelle, angeborene, biologische Identität, die geschlechtsspezifische Verhaltensweisen verursacht. Männlichkeit ist demnach nicht ein alleine dem biologischen, männlichen Körper zuzuschreibendes oder einzig von ihm erzeugbares Merkmal.

Halberstam lässt daher den weißen, biologischen Mann in ihren Untersuchungen weitgehend außer Acht, es sei denn er ist als Gegenbeispiel brauchbar. Für sie wird Männlichkeit interessant sobald sie den weißen Mittelklasse Körper verlässt und ihrer Meinung nach sind die verschiedenen Formen moderner Männlichkeiten am Besten am Beispiel von female masculinity zu veranschaulichen.[4] Halberstam stellt in ihrem Werk viele verschiedene Formen weiblicher Männlichkeiten vor, in Brandon Teenas Fall scheinen insbesondere die unberührbare, männliche Lesbierin (nachfolgend Stone Butch genannt) und der transsexuelle Mann (nachfolgend Female to Male; FTM genannt) zum vorliegenden Filmbeispiel passende Kategorien zu sein.

2.1 Stone Butch

Mit dem englischen Begriff Butch, der ins Deutsche mit männlich oder maskulin übersetzt werden kann[5], wird gemeinhin der Partner in einer lesbischen Beziehung bezeichnet, der den aggressiven, männlichen Part einnimmt und auch ein eher maskulines Auftreten hat. Die Stone Butch ist ein Sonderfall der Butch, oder anders gesagt, eine präzisere Bezeichnung für eine der Ausformungen der bemerkenswerten Bandbreite sexuellen Ausdrucks weiblicher Männlichkeiten.[6]

Bei der Stone Butch handelt es sich um eine maskuline Lesbierin, die sich von ihrer Partnerin nicht auf sexuelle Weise berühren lässt.[7] Mit dem öffentlichen Aufkommen einer ersten lesbischen Bewegung in den 50iger Jahren wurde sie daher als eine Art Ideal verstanden, denn anders als ein Mann stellte sie die Befriedigung ihrer Partnerin über ihre eigene.

“one difference between butches and men: butches, even though they took the active or aggressive role sexually, aimed solely – unlike men – to please their partner sexually rather than simply to please themselves.”[8]

In lesbischen und emanzipierten Kreisen wurde daher gerne mit Stolz behauptet eine Stone Butch zu sein, da diese durch ihre untypischen sexuellen Präferenzen die patriarchalen Strukturen überwand, die männliche Dominanz mit sexueller Unterwerfung des Geschlechtspartners verknüpfen.

Andererseits wurde ihre abwehrende Haltung gegenüber sexueller Befriedigung durch die Partnerin auch als Defizit angesehen. Man unterstellte ihr, mit der Weiblichkeit des eigenen Körpers in Konflikt zu stehen und sich für das Nicht-Mann-Sein zu hassen.

“…stone butchness has been understood as a dysfunctional rejection of womanhood by a self-hating subject who cannot bear her embodiment.”[9]

Somit wurde diese Form weiblicher Männlichkeit als ein Ort der Kastration und des Mangels verstanden, an dem sich Lust aus Selbsthass in Kummer verwandelte.[10]

Judith Halberstam argumentiert aber, dass die Stone Butch nicht als eine sexuelle Orientierung des Mangels verstanden werden darf. Ihre Weigerung bestimmte sexuelle Praktiken auszuüben, weisen sie laut der Autorin nicht als mangelhaftes Wesen aus, sonders als jemand der seine spezifische Form der Lustgewinnung lebt. Denn nach Halberstam können sich Frauen, die aufgrund ihres praktizierten Auftretens in der Gesellschaft vorwiegend als männlich wahrgenommen werden, nicht plötzlich in ihren privaten, emotionalen und sexuellen Begegnungen selbst als Frau erleben.[11] Unberührbarkeit schützt somit vor Störungen in der Geschlechtsperformanz der Stone Butch. So wird es ihr möglich Männlichkeit in einem weiblichen Körper zu leben und gleichzeitig die erzwungene anatomische Weiblichkeit abzulehnen.[12]

Brandon Teena, oder in diesem Fall wohl eher Teena Brandon, wird im Laufe der Handlung von Boys don’t cry von ihrem Cousin wiederholt als Lesbierin oder Butch bezeichnet. Er fragt sie am Anfang weshalb sie nicht einfach zugibt lesbisch zu sein[13] und weist bei einem Telefonat darauf hin, dass sie es schon schaffen würde sich wieder zu ihm durchzuschlagen, immerhin sei sie die Butch.[14] Mit einer solchen gemeinsam hat sie ihr extrem männliches Auftreten und ihre zahlreichen Beziehungen zu Mädchen, es ist dabei schwer zu bestimmen ob diese lesbischer Natur sind oder nicht. Falls sie homosexueller Natur wären müsste man Teena nicht nur als eine männliche Lesbierin begreifen, sondern als eine Stone Butch. Sie weigert sich beim sexuellen Akt mit Lana von ihrer Partnerin berührt zu werden, verschafft ihr aber im Gegenzug Befriedigung. Lana reagiert darauf schließlich ungehalten:

[...]


[1] Vgl.: Halberstam, Judith; Das Brandon-Teena-Archiv in: Haase, Matthias; Siegel Marc; Michaela Wünsch; (Hrsg.) Outside die Politik queerer Räume; b_books Verlag; Berlin; 2005; S. 263

[2] Vgl.: Halberstam, Judith; Female Masculinity; Duke University Press; Durham and London; 1998; S. 2

[3] Butler, Judith; Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity; Routledge, Chapman & Hall, Inc.; London; 1990; S. 25

[4] Vgl.: Ebd. S. 2 f.

[5] Vgl.:http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=on&search=butch&relink=on

[6] Vgl.: Halberstam; Female Masculinity; S. 80

[7] Vgl.: Ebd. S. 120

[8] Ebd. S. 125

[9] Ebd. S. 112

[10] Vgl.: Ebd.

[11] Vgl.: Ebd. 129

[12] Vgl.: Ebd. 125 f.

[13] Vgl.: Boys don’t cry; 00:05:50

[14] Vgl.: Ebd. 00:11:00

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Weibliche Männlichkeit in "Boys don't cry"
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V93065
ISBN (eBook)
9783638071604
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Es war mir ein großes Vergnügen die Arbeit zu lesen. Sie haben sehr klar Ihren Standpunkt vertreten, sich gut und detailliert mit der Literatur auseinander gesetzt (...). Das hat mich sehr überzeugt. Dazu verfügen Sie über eine angenehme, klare und präzise Sprache, was das Lesen sehr angenehm macht.
Schlagworte
Weibliche, Männlichkeit, Boys
Arbeit zitieren
Nadine Schnappinger (Autor), 2008, Weibliche Männlichkeit in "Boys don't cry", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93065

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