Christa Wolfs Der geteilte Himmel, eines ihrer frühen Werke und ihr Durchbruch in West und Ost, ist eine Erzählung, die ihre wahren Inhalte mehr verrät als eigentlich erzählt. Erzählt wird von Rita, die in der Stadt erwachsen werden soll und muss, will sie dem Leben standhalten. Verraten wird Interessanteres: Wolfs politische und gesellschaftliche Ideologie, um nicht zu sagen: Utopie; des weiteren, wie die Autorin Subjekt und Subjektwerdung definiert, und schließlich, worin die Heilsversprechung für den Menschen und speziell für die Frau ihre Erfüllung findet. Aus heutiger Perspektive auf die Geschichte der DDR ist es einfach, die Erzählung als Produkt politischer Verblendung abzutun. Sie ist jedoch mehr als das, muss sicherlich auch als ehrlicher Versuch gelesen werden, dem Sozialismus eine (logische oder emotionale) Rechtfertigung zu verschaffen, und wenigstens das muss ihr zu Gute gehalten werden. Dass sie dabei manipulativ vorgeht, ist verzeihbar, das kann immerhin als ein Vorrecht der Literatur gelten. Dass die so sorgfältig zusammengezimmerte Logik allerdings, auf der die Legitimation beruht, nicht stringent, also gar nicht logisch im eigentlichen Sinne ist und notwendig zu einer anderen als der gewünschten Schlussfolgerung führt, verrät die Schwachstelle: wenn anstelle der logischen die gewünschte Schlussfolgerung steht, oder anders, wenn die gewünschte nicht die sich logisch ergebende Schlussfolgerung ist, hat die Argumentation versagt. Gerade für eine Erzählung, die sich als derart missionarisch herausstellt, ist dies ein verheerender Mangel, auch ein ästhetischer. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Christa Wolf, Der Geteilte Himmel – Rita Seidel sagt „Ich“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" unter der Fragestellung, wie die Protagonistin Rita Seidel zu einer subjektiven Identität findet. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob die behauptete Subjektwerdung im sozialistischen Kontext als authentisch und selbstbestimmt gelesen werden kann oder ob sie durch eine konstitutive Abhängigkeit und Fremdbestimmung der Figur konterkariert wird.
- Analyse der Subjektwerdung von Rita Seidel
- Kritische Untersuchung der Erzähllogik und ihrer Schwachstellen
- Psychologische und symbolische Bedeutung der Krise und des Selbstmordversuchs
- Die Rolle der Ideologie und des Sozialismus in der Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
Christa Wolf, Der geteilte Himmel – Rita Seidel sagt „Ich“
Christa Wolfs Der geteilte Himmel, eines ihrer frühen Werke und ihr Durchbruch in West und Ost, ist eine Erzählung, die ihre wahren Inhalte mehr verrät als eigentlich erzählt. Erzählt wird von Rita, die in der Stadt erwachsen werden soll und muss, will sie dem Leben standhalten. Verraten wird Interessanteres: Wolfs politische und gesellschaftliche Ideologie, um nicht zu sagen: Utopie; des Weiteren, wie die Autorin (die man hier noch getrost mit der Erzählinstanz identifizieren darf wie ich glaube) Subjekt und Subjektwerdung definiert, und schließlich, worin die Heilsversprechung für den Menschen und speziell die Frau ihre Erfüllung findet.
Aus heutiger Perspektive auf die Geschichte der DDR ist es einfach, die Erzählung als Produkt politischer Verblendung abzutun. Sie ist jedoch mehr als das, muss sicherlich auch als ehrlicher Versuch gelesen werden, dem Sozialismus eine (logische oder emotionale) Rechtfertigung zu verschaffen, und wenigstens das muss ihr zu Gute gehalten werden. Dass sie dabei manipulativ vorgeht, ist verzeihbar, das kann immerhin als ein Vorrecht der Literatur gelten. Dass die so sorgfältig zusammengezimmerte Logik allerdings, auf der die Legitimation beruht, nicht stringent, also gar nicht logisch im eigentlichen Sinne ist und notwendig zu einer anderen als der gewünschten Schlussfolgerung führt, verrät die Schwachstelle: wenn anstelle der logischen die gewünschte Schlussfolgerung steht, oder anders, wenn die gewünschte nicht die sich logisch ergebende Schlussfolgerung ist, hat die Argumentation versagt. Gerade für eine Erzählung, die sich als derart missionarisch herausstellt, ist dies ein verheerender Mangel, auch ein ästhetischer.
Diese Arbeit will an der Figur Ritas einen Faktor für das Scheitern der (Erzähl-)Logik aufzeigen. Die Erzählung behauptet eine Subjektwerdung Ritas, wie sie nur im Osten möglich sei: sie wird sich als eigentliche Mensch-Werdung herausstellen. Rita durchlebt Stadien der Abhängigkeit und politischer Uneinigkeit, es kommt zur Krise mit Selbstmordversuch, nach deren Überwindung Rita als selbstbestimmter Mensch hervorgeht, der von nun an klar sehen kann und sich in dieser neugewonnenen
Zusammenfassung der Kapitel
Christa Wolf, Der Geteilte Himmel – Rita Seidel sagt „Ich“: Diese Einleitung führt in die Problematik der Erzählung ein und stellt die These auf, dass Ritas Subjektwerdung aufgrund ihrer konstitutiven Abhängigkeit und der logischen Schwachstellen des Textes scheitert.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Der geteilte Himmel, Rita Seidel, Subjektwerdung, DDR-Literatur, Sozialismus, Identitätsbildung, Entfremdung, Erinnerungsarbeit, Psychoanalyse, Abhängigkeit, Menschwerdung, literarische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" und hinterfragt kritisch die Subjektwerdung der Protagonistin Rita Seidel vor dem Hintergrund der DDR-Ideologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Identitätsfindung der Frau im Sozialismus, die Konstruktion von Subjektivität, das Verhältnis von Individuum und Kollektiv sowie die Rolle von Erinnerung und Krise.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Ritas behauptete Entwicklung zum eigenständigen Subjekt in sich widersprüchlich ist und eher auf Fremdbestimmung und einer ungelösten Abhängigkeit basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die psychoanalytische Ansätze sowie philosophische Konzepte von Autoren wie Freud, Lacan und Polanyi einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Ritas Entwicklungsprozess, der Bedeutung der Stadt als Raum der Fremdheit, der Rolle ihrer Beziehung zu Manfred und der psychologischen Dimension ihrer Krise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Subjektwerdung, DDR-Literatur, Identität, Abhängigkeit und Ideologie charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Figur des Manfred für Rita?
Manfred fungiert als ein notwendiger, aber problematischer Identifikationsfaktor, der für Rita den „Schlüssel“ zur Welt hält, sie jedoch in eine unselbstständige Position drängt.
Warum wird Ritas Krisenbewältigung kritisch hinterfragt?
Die Arbeit kritisiert, dass Ritas "Lösung" der Krise in einer simplistischen Akzeptanz von Routine und politischer Konformität besteht, was als rückständig gegenüber dem Anspruch einer echten Emanzipation bewertet wird.
Welche Funktion hat das Symbol des Himmels im Text?
Das Himmels-Symbol wird als unverletzt über dem ländlichen Raum der Kindheit und als gebrochen in der städtischen Welt der Fremdheit analysiert, um Ritas Identitätsverlust zu spiegeln.
- Quote paper
- Anna Maria Rain (Author), 2007, Zu Christa Wolfs "Der Geteilte Himmel". Rita Seidel sagt "Ich", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93071