Michelangelo heute. Verwendung von klassischen Kunstwerken in Internet Memes anhand des Beispiels "Die Erschaffung Adams"


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verwendung klassischer Kunstwerke im außenkünstlerischen Kontext

3. Internet Memes: Entstehung, Forschung und Funktion

4. „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo

5. „Die Erschaffung Adams“ in Internet Memes

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Bildverzeichnis

1. Einleitung

Kunst kann durch Betrachter*innen aktiv und bewusst erleben werden. In der heutigen Zeit kann man ihr jedoch auch auf dem passiven Wege ausgesetzt sein: Kunstwerke werden aus ihrem künstlerischen Kontext entnommen und als Blickfang für Werbezwe­cke oder basierend auf ihrem Unterhaltungswert auf Bildebene verwendet. So schmückt beispielsweise die Bekleidungsmarke „Levi's“ Michelangelo Buonarottis Da­vid Skulptur auf ihren Werbeplakaten und -annoncen mit der neuesten Jeans aus ihrer aktuellen Kollektion. Das Verwenden von Kunstikonen als Blickfang für Werbung oder als Titelbilder von Zeitschriften in Form von Fotomontagen oder Collagen ist eine be­reits etablierte Praxis. Jedoch hat sich über die letzten Jahre eine neue Form der All­tagsbegegnung mit Kunstwerken entwickelt: die Internet Memes. Hierbei werden mehr oder weniger berühmte oder bekannte Kunstwerke auf bildlicher Ebene verwendet, um beispielsweise Alltagssituationen durch die darauf abgebildeten Gesichtsausdrücke oder Szenarien zu beschreiben oder mit Gegebenheiten und Situationen des 21. Jahr­hunderts in Verbindung zu bringen. Diese Memes werden in der digitalen Welt von un­terschiedlichen Personengruppen mit Anderen auf sozialen Medienplattformen geteilt, dadurch verbreitet, aber auch verändert und transformiert. Durch das Aufkommen von Internet Memes entsteht eine neue Form der Kommunikation, durch die durch einfache Bilder mit kurzen Textelemente gebündelt eine Aussage getätigt oder eine Gegebenheit beschrieben werden kann. Aufgrund der Vielseitigkeit der klassischen Kunst bleibt die­se von dem neuen digitalen Trend nicht verschont, beziehungsweise erlebt sie eine neue Form der Popularität und Bekanntheit. So wird zum Beispiel das verzerrte Ge­sicht eines Gemäldes von Goya verwendet, um die morgendlichen Situation des frühen Aufstehens oder den Zustand der Person vor dem ersten Kaffee zu verbindlichen. Die Popkultur erfindet klassische Kunstwerke neu, beziehungsweise verändert sie und er­schafft damit neue Kontexte, die Anklang finden. Internet Memes und Memetik im All­gemeinen stellt eine umstrittene Thematik da. Memetik wird bereits länger erforscht, aber durch den rapiden Anstieg der Beliebtheit im popkulturellen Kontext, ihre Vielsei­tigkeit und - besonders im Hinblick auf die Verwendung von Memes als Kommunikati­onsmittel - ist das Forschungsfeld und dementsprechende Fachliteratur noch über­schaubar.

In der vorliegenden Arbeit wird betrachtet, wie klassische Kunst in diesem zeitgenössi­schen Kontext in den bereits oberflächlich beschriebenen Internet Memes verwendet wird. Hierbei wird zudem darauf eingegangen, welche Voraussetzungen bei einem Kunstwerk erfüllt werden müssen, damit es als „Meme“ verwendet wird. Dabei wird sich auf Merkmale der Verwendung von Kunstikonen in Werbung bezogen, da hierbei die Auswahl für das passende Kunstwerk ähnlich ist. Außerdem wird aufgezeigt, wie das Werk in den verschiedenen Kontexten verändert oder verfremdet wird und was mit dem ursprünglichen Bild in Bezug auf seinen Inhalt und Deutung geschieht, wenn es zu Unterhaltungszwecken verwendet wird. Zudem wird sich mit der Frage beschäftigt, ob ein grundsätzliches Interesse und Wissen über Kunstwerke bei Betrachterinnen bestehen muss, um Memes, die sich an klassischer Kunst bedienen, verstehen zu können. Als Beispiel werden Memes des Werkes „Die Erschaffung Adams“ von Miche­langelo Bounarotti der beliebten Instagram und Facebook Accounts „classical_art_- memes_official“ und „classicalcringe“, die klassische Kunst im Meme Kontext verwen­den, genauer untersucht. Vorerst wird die Verwendung von Kunstikonen in verschiede­nen Kontexten, wie Werbung oder ähnlichen Unterhaltungsbereichen, thematisiert. Darauf folgt eine nähere Betrachtung von Internet Memes mit Fokus auf ihre Entste­hung, ihre Funktion, wie sie verbreitet werden und wie klassische Kunst hierbei eine Rolle spielt. Anschließend wird sich in einem kurzen Exkurs mit dem Werk „Die Er­schaffung Adams“ von Michelangelo beschäftigt. Neben einem biographischen Bezug auf die Entstehung der Deckenfresken, wird außerdem das Werk auf formaler und in­haltlicher Ebene betrachtet. Im Hauptteil der vorliegenden Arbeit wird eine Auswahl von Internet Memes, die „Die Erschaffung Adams“ für verschiedene Zwecke verwenden, analysiert. In einem abschließenden Fazit werden die Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und zusätzlich ein Ausblick auf weitere Forschung in der Thematik gegeben.

Als literarische Grundlage über Internet Memes wird sich zum einen auf „Memes in digital culture“ von Limor Shifman aus dem Jahre 2014 bezogen, der sich explizit mit der Entstehung und den Funktionen von diesen beschäftigt und die verschiedenen Genres des Meme Universums thematisiert. Zum anderen wird das in 2017 veröffent­lichte Buch „Die Serialität von Internet-Memes“ von Kevin Paulkis verwendet, in dem der Autor sich der Memetik, dem seriellen Aufkommen von Internet Memes und speziell die Verwendung von Kunstwerken und Fotografien im Meme Kontext annimmt. Zusätz­lich wird zur analytischen Grundlage „Kunstwerke als Werbemittel“ (2006) von Ursula Oesterholz-Kraemer verwenden, in dem sie unabhängig von Werbung darauf eingeht, welche Attribute einer Kunstikone vorliegen müssen, damit Personen diese erkennen und zu Unterhaltungszwecken nutzen können. Für den Exkurs über Michelangelo und sein Werk „Die Erschaffung Adams“ dienen die Überlieferungen von Giorgio Vasari und verschiedene Werke von Kunsthistorikerinnen, um gebündelt das kunsthistorische Geschehen und eine kurze ikonographische Deutung der Deckenmalerei darzustellen.

2. Verwendung klassischer Kunstwerke im außenkünstlerischen Kontext

Die Verwendung von klassischer Kunst in verschiedenen Kontexten, wie beispielswei­se Werbung, ist eine etablierte Praxis. Kunstwerke sind durch ihren kulturellen Wert in Massenmedien ein wichtiger Bestandteil audio-visueller Kontexte des Alltages gewor­den und werden in verschiedenen Bereichen im Leben gezeigt, im außenkünstleri­schen Kontext verwendet, aber auch verändert und imitiert.1

Damit ein Motiv der klassischen Kunst derart verwendet werden kann, muss es laut Oesterholz-Kraemer „bereits eine Werks- und Wirkungsgeschichte hinter sich haben, die es [...] attraktiv macht“2, also eine Art „Kultobjekt“ darstellen, das viele Personen identifizieren können. Denn nicht jedes Werk kann die gewünschte Wirkung, den zu erzielenden Blickfang, erreichen. Bevorzugt verwendet werden Ikonen, die im Be­wusstsein der Rezipient*innen bestehen und schnelle Assoziationen bei diesen we­cken. Hierbei wirken besonders Menschendarstellungen. Malereien von Landschaften oder abstrakte Kunstwerke dagegen erzielen seltener den gewünschten Effekt.3 Bei der Auswahl von klassischen Kunstwerken für Werbe- oder Unterhaltungszwecke wer­den vor allem immer wiederkehrend dieselben verwendet, bevorzugt aus der Epoche der Renaissance.4 Zudem handelt es sich im seltensten Fall um Werke des nord- oder mitteleuropäischen Raumes, sondern vielmehr entstammen sie südlichen Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien. Dies lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass es sich bei diesen Ländern um populäre Tourismusdestinationen handelt, die durch ihre kulturellen Angebote positive Assoziationen für die Kunstwerke Vorort erzie­len.5 Jüngere, beziehungsweise moderne Kunst dagegen wird aufgrund ihrer mangeln­den Bekanntheit innerhalb der breiten Bevölkerung selten zu Werbe- oder Unterhal­tungszwecken verwendet, während bekannte Werke, wie die Mona Lisa von Leonardo Da Vinci oder Rodins Denker, in der Motivwahl vermehrt berücksichtigt werden.6

Eine derartige Verwendung von klassischer Kunst hat nach Oesterholz-Kraemer einen selektiven Charakter. Rezipient*innen brauchen „kulturelles Kapital“, mit dem sie zum Beispiel den Stil, die Epoche des Werkes oder aber den Künstler oder die Künstlerin erkennen können. Damit kann vermutet werden, dass beispielsweise im Kontext der Werbung Werbemacher*innen ihr Produkt für eine bestimmte Zielgruppe mit einer ge- wissen kulturellen Bildung oder Sozialschicht, in dem sie klassische Kunst verwenden, ansprechen möchten. Das Erkennen und Verstehen der Kunstwerke wirkt sich als eine soziale Bestätigung über das Wissen und eine Verständnissicherung im Bereich der Kunst bei den Betrachterinnen aus.7

Ein klassisches Kunstwerk wird selten in seiner Originalform in außerkünstlerischen Kontexten verwendet, sondern durchläuft in den meisten Fällen einen Prozess der Veränderung. Harald Kimpel stellt 1982 die Grundform der Gestaltung für Kunstobjekte in Werbung auf. Für die vorliegende Arbeit in Bezug auf Internet Memes können hierbei diese übernommen werden, da es sich größtenteils um die Veränderung der Kunst für einen anderen Kontext handelt, eine Praxis, die bei der Gestaltung eines Memes eben­falls stattfindet. Die erste der Grundformen der Gestaltung ist die Addition. Hierbei wird das Kunstwerk ohne jegliche Manipulation in seinen originalen Proportionen dargestellt oder in ein bereits vorliegendes Bild eingefügt, ohne verändert zu werden. Die zweite Grundform ist die so genannte Verfremdung. Dies bedeutet, dass das Kunstobjekt mit einem Gegenstand oder Ähnlichem durch Fotomontage in einen neuen Kontext ge­bracht wird. In der Rahmung werden andere Gegenstände, wie beispielsweise das Werbeprodukt, im Rahmen des Kunstwerkes präsentiert. So wird ein externer Gegen­stand oder eine externe Gegebenheit in den künstlerischen Kontext gesetzt. Zuletzt die Inszenierung, in der das Produkt im Stil von klassischer Kunst oder der Bildgestaltung eines Kunstwerkes dargestellt wird.8 Eine weitere Form der Verwendung von Kunst­werken in neuen Kontexten wurde in die Auflistung der Grundformen über die Jahre aufgenommen, da neue Möglichkeiten der Bildbearbeitung und Inszenierung entstan­den sind: die Fragmentierung. Hierbei wird ein prägnantes Detail des Kunstwerkes vom Gesamtbild gelöst und alleinstehend verwendet. Obwohl nur Ausschnitte gezeigt wer­den, können dennoch direkte Assoziationen mit dem vollständigen Werk geschaffen werden.9 Durch die Veränderung der Kunstwerke mithilfe der unterschiedlichen Gestal­tungsmöglichkeiten kann es zu einer radikalen Umdeutung, beziehungsweise einer neuen Deutungsmöglichkeit der klassischen Werke kommen, da sie in einem außen­künstlerischen Kontext stehen und nicht mehr ihre ursprüngliche Form behalten.10 Oe- sterholz-Kraemer stellt die Frage, ob es sich hierbei um eine Art des parasitären Um­gangs mit Kunst handelt, dass das Bild unabhängig von seiner Bedeutung oder seinen künstlerischen Kontext verwendet und damit entfremdet wird. Somit könne es seinen Wert als Kunstwerk verlieren.11

3. Internet Memes: Entstehung, Forschung und Funktion

Um den Begriff „Meme“ für die vorliegende Arbeit korrekt verwenden zu können, bedarf es einer genauen terminologischen Klärung seiner Bedeutung. Erstmalig wurde er im Bereich der Biologie von Evolutionsbiologe Richard Dawkins12 in seinem Buch „The Selfish Gene“ im Jahre 1976 verwendet. „Meme“ definiert Dawkins als ein kleines Ele­ment kulturellen Gutes, das von Person zu Person durch Imitation oder kopieren wei­tergegeben wird. In Dawkins Fall geht es vielmehr um Erbgut und Gene als um das soziale und digitale Konzept, das der Begriff zur heutigen Zeit innehält.13 Das Wort „Meme“ leitet Dawkins vom griechischen Wort „mimema“ ab, was „imitiert“, bezie­hungsweise „etwas imitieren“ bedeutet. Er kürzt die Bezeichnung auf „Meme“, damit sie dem für seine Forschungszwecke besonders relevanten englischen Wort „gene“ (Gen) ähnlich ist.14 Seit den ersten Diskussionen über Memes im wissenschaft­lichen Kontext, spalten sich die Meinungen über ihre Relevanz. Einige Zeit wird die Thematik vollends vergraben und bekommt erst zu späteren Zeitpunkt erneut durch das zunehmende Aufkommen und die Beliebtheit von Internet Memes in den digitalen Medien einen Stellenwert im akademischen Kontext.15 Die Forschung zu Memes ist die sogenannte „Memetik“, bezeichnet durch Francis Heylighen und Klaas Chielens. Wis­senschaftler in diesem Bereich setzen sich theoretisch und empirisch mit der Verbrei­tung und Entwicklung von Memes in verschiedenen Forschungsfeldern, wie der Kom­munikation oder Soziologie, auseinander.16

Doch was genau ist ein „Meme“ im 21. Jahrhundert? Internet Memes sind in der Regel Bilder, Videos oder Ähnliches, die temporäre Geschehnisse oder Gegebenheiten, aber auch anderes Unterhaltungsgut mit kontemporären kulturellen Werten auf unterhaltsa­me und gebündelte Weise darstellen. Oftmals bestehen sie aus Bild- und Textelemen­ten, die im Bezug zueinanderstehen. Sie stellen eine Gruppe von digitalen Elementen da, die bestimmte Charakteristika in Form von Inhalt, Auftreten oder Haltung zu be- stimmten Themen aufweisen.17 Sie können aufeinander aufbauen und durch eine Viel­zahl von „Usern“, also im Internet aktive Menschen, verbreitet werden, indem sie ge­teilt, aber auch verändert oder transformiert werden.18 Dadurch entsteht ein sozialer Diskurs im Internet, in dem verschiedene memetische Kontexte und damit verbundene Stimme und Perspektiven aufeinander treffen und kommunizieren. Shifman bezeichnet sie als „kulturelle Artefakte“, die eine neue Form der zwischenmenschlichen Kommuni­kation ermöglichen. Sie funktionieren jedoch ausschließlich, wenn sie in die sozio-kul­turelle Umwelt passen. Nur dann können sie von den Mitwirkenden in der digitalen Welt verbreitet werden. Beispielsweise kann ein Internet Meme zur aktuellen politi­schen Situation in Deutschland ausschließlich im deutschsprachigen Raum, bezie­hungsweise von deutschen Usern verstanden und dementsprechend verbreitet wer- den.19

Anzutreffen sind Memes auf unzähligen Internetplattformen, in sozialen Medien, wie Instagram oder Facebook, aber ursprünglich entstammen sie so genannten „Meme hubs“ wie „4chan“, „9gag“ oder „Reddit“, in welchen sie einen besonderen Stellenwert haben und fortlaufend veröffentlicht werden.20 Memes wirken bei oberflächlicher Be­trachtung wie triviale und lediglich zur Belustigung zu verwendende Elemente der Pop­kultur. Jedoch definieren und festigen sie durch ihre Simplizität und ihren prägnanten Auftritt wichtige Momente des 21. Jahrhunderts.21 Zudem zeichnen sie das kontempo­räre Denken der digitalen Generation ab und spielen eine große Rolle in der Möglich­keit des Mitwirkens im kulturellen Bereich in der digitalen Welt. Damit ist gemeint, dass Betrachter*innen und Author*innen von Memes gleichwertig Teilhabe an der Gestaltung und Formung von neuen kulturellen Elementen haben. Jeder oder jede ist befähigt durch die neue Kommunikation in Form von Memes in der Internetgemeinschaft Bilder, Videos und Ähnliches zu verbreiten, aber auch zu verändern und eigene Kreationen zu schaffen.22 Außerdem werden Memes vorzugsweise als Reaktions- oder Antwortele­ment verwendet, um ganze Kommunikationsteile in der modernen Sprache zu erset­zen.

Memes können auf verschiedene Weise entwickelt werden. Beispielsweise wird eine Fotografie einer Person verwendet und mit einem kurzen Text besetzt, um eine Situati­on oder eine Befindlichkeit zu beschrieben. Weitere Personen verwenden dasselbe Bild und schaffen durch eine neue Beschriftung einen anderen Kontext. Dies kann im­mer weiter geführt werden und aus dem Protagonisten oder den Bildgeschehen ent­steht ein „viral Meme“, ein Meme, das vielfach geteilt, transformiert oder imitiert wurde. In der Forschung wird zwischen „Mimikry“ und „Remix“ unterschieden. Ersteres be­schreibt den Prozess, bei dem aus einem bereits bestehenden Bild neue Kreationen entstehen, indem der oder die Protagonist*in oder der Bildtext verändert wird. Beim „Remix“ wird ein Bild technisch manipuliert, das heißt das Originalbild wird mithilfe von Bildbearbeitung verändert oder neue Elemente werden hinzugefügt.23

Berger und Milkman stellen sechs Grundsätze auf, die den Erfolg eines Memes ver­sprechen. Der Grundsatz Positivität meint, dass Personen bevorzugen, humorvolle und positive Inhalte mit ihren Mitmenschen zu teilen, weshalb ein Meme mit hohem Unter­haltungswert großen Anklang findet. Doch auch der Grundsatz Provokation führt zu Beliebtheit. Wenn positive oder negative Emotionen bei Betrachterinnen entfacht wer­den, steigt die Bereitschaft das Meme zu teilen. Ein Bespiel hierfür ist die Abbildung eines politischen Geschehens oder einer Naturkatastrophe. Packaging, eine Bezeich­nung für die Art und Weise, wie ein Meme dargestellt ist, trägt auch zum Erfolg dessen bei. Klare und leicht verständliche Inhalte werden von Usern bevorzugt, da eine breite Masse angesprochen wird. Ebenso führt das Genre des Memes und das dazu benötig­te Wissen über den Kontext, von Milkman und Berger als Prestige bezeichnet, zu Po­pularität des Internet Memes. Hierbei ist ebenfalls der oder die Autorin des Memes, also der Entwickler oder die Entwicklerin, von Bedeutung. Je berühmter oder bekannter diese*r ist, desto weiter und öfter wird ein Meme verbreitet. Daran angebunden stellen Memes besonders bei der Darstellung von aktuellen Themen oder politischen Ge­schehnissen eine wichtige Rolle durch die Möglichkeit ihrer Verwendung als Positionie­rung. User können ihren Standpunkt oder Gruppenzugehörigkeit mit dem Teilen oder entwickeln eines Memes deutlich machen. Der finale Grundsatz Partizipation richtet sich auf den elementarsten Bestandteil für den Erfolg eines Memes: Personen müssen sich von diesem angesprochen fühlen und ebenso animiert werden, es zu teilen, durch eine Imitation oder einen Remix zu verändern oder weiterzuführen oder zu kommentie­ren. Nur so kann das Meme Bekanntheit erlangen und sich etablieren.24

Um verschiedene Memes verstehen zu können, benötigen Betrachterinnen so ge­nannte „meme literacy“, eine Kenntnis über Memes als solche und über Subkulturen der Memes. So können beispielsweise Personen, die sich in ihrer Freizeit vermehrt mit Videospielen auseinandersetzen, Memes über Videospiele verstehen, während andere nicht genügend über das Genre wissen und ihnen demnach eine Grundlage für Ver­ständnis fehlt. Ein weiteres Beispiel, das besonders im Kontext dieser Arbeit relevant ist, ist das Interesse an klassischer Kunst bei Usern, die deshalb Memes aus dem „Classical Art Memes“ Genre konsumieren und verwenden.25

Paulkis beschreibt die Entwicklung von Memes basierend auf bestehenden Bildern, aber auch Kunstwerken, eine „semantische Strukturveränderung von Bildern“26. Be­sonders treffe dies auf so genannte „reaction memes“, also Memes, die als Reaktion oder Antwort dienen, zu. Eine Fotografie oder eine Malerei wird in Verbindung mit ei­nem Text verwendet, um eine Aussage zu tätigen oder eine Befindlichkeit auszudrü­cken. Die daraus entstehenden Memes sind in diesem Fall memetische Ableger von den Fotografien oder Werken und erhalten dadurch einen neuen Kontext. Oftmals wird das Bild, wie bereits beschrieben, durch Bildbearbeitung verändert oder an den kom­munikativen Kontext angepasst. Dadurch wird der ursprüngliche Inhalt, die Semantik oder die Aussage des Bildes verändert, das Bild rekontextualisiert und eine neue Deu­tung dessen ermöglicht. Damit kann jedoch auch das ursprüngliche Bild und die damit verbundene Deutung und auch der historische Kontext dessen verloren gehen, da das Bild als Meme ausschließlich auf formaler Ebene betrachtet wird. Nur Betrachterinnen mit ausreichendem Wissen über klassische Kunst können die Kunstwerke als solche ebenso in ihrer kunsthistorischen Einordnung und Deutung verstehen. Autorinnen von solchen Memes, besonders des Classical Art Memes Genre, bedienen sich vermehrt an dem „Prestige“ Faktor des Meme Genres. In besagtem Genre hat sich die Verwen­dung von Malereien, Skulpturen, aber auch Zeichnungen als „Reaction Meme“ eta­bliert. Hierbei werden Werke auf Bildebene reduziert und ohne Blick auf ihre ursprüng­liche Deutung zweckentfremdet, um sie als Reaktion oder Positionierung zu Gegeben­heiten und Situationen des 21. Jahrhunderts zu übertragen. Hierbei wird beispielsweise das Werk „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci verwendet und durch Bildbe­arbeitungsprogramme manipuliert, beziehungsweise verändert, dass alle Personen, die auf dem Bild abgebildet werden, in einer Videokonferenz dargestellt werden, um die Umstände der Pandemie und die damit verbundenen Versammlungsregeln durch CO- VID-19 in humoristische Art und Weise darzustellen (siehe Abbildung 1, S. 19).27 Paul­kis beschreibt, dass „die Ikonographie durch eine die Ikonizität ersetzt oder zumindest konstruiert wird“28. Das bedeutet, dass das Bild auf Darstellungsebenen übernommen wird, die ursprüngliche ikonographische Deutung jedoch verloren geht. Mit diesem Prozess der Veränderung von klassischen Kunstwerken oder Kunstikonen wird sich folgend in Bezug auf „Die Erschaffung Adams" von Michelangelo genauer beschäftigt.

4. „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo

Im Jahre 1508 beginnt Michelangelo Buonarotti im Auftrag von Papst Julius II. seine Arbeit an der Deckenmalerei der Sixtinische Kapelle (siehe Abbildung 2, S. 19). Vorerst zweifelt der zu der Zeit 33-jährige Künstler an seinem Gelingen des Auftrages, da er sich vorwiegend als Bildhauer und nicht als Maler identifiziert und die 600 Quadratme­ter mit einer Technik bemalen soll, die er zwar beherrsche, jedoch wenig Erfahrung darin in der Vergangenheit gesammelt habe. Nach viereinhalb Jahren Arbeit in zwanzig Metern Höhe beendet Michelangelo die Fresken, die Abbildungen des Alten Testamen­tes über die Erschaffung und den Fall der Menschheit zeigen.29 Für die Arbeit an der Decke baut Pietro Roselli eine Konstruktion, die ebenso ermöglicht, dass der Alltag in der Kapelle nicht durch die Arbeiten eingeschränkt wird.30 Zu der Zeit ist es unüblich, dass Fresken eine Narration über Geschehen darstellen und gelten als weniger wirk­sam als Wandmalereien. Doch setzte sich die Deckenfresken Michelangelos als eines der bedeutsamsten Werke der Renaissance durch.31

Die Decke ist in unterschiedliche Zonen unterteilt. Im Zentrum werden neun Szenen der Genesis in wiederum neun Fresken abgebildet, umrahmt von architektonischen Elementen und Skulpturen auf Mamorsockeln. Sie sind unterschiedlich groß, jedoch kann zwischen vier größeren und fünf kleineren Fresken unterschieden werden, eine kleinere wird immer von einer größeren angeschlossen. Die Kernnarrative kann in drei Triaden unterteilt werden: Die erste zeigt die Erschaffung der Erde, die zweite die er Menschheit und ebenso der Gnadensturz dieser. Die dritte der Triade zeigt die Menschheit auf Erden und ihre Sünden.32 Das wohl bekannteste Werk der vierten De­ckenfreske ist „Die Erschaffung Adams“ (siehe Abbildung 3, S. 20). Es befindet sich unmittelbar zwischen der Darstellung „Die Scheidung von Himmel und Wasser“ und „Die Erschaffung Evas“ und hat eine Größe von 280 x 570 cm. Zu sehen ist ein diago­nal komponiertes Bild, auf der linken Bildhälfte in der linken unteren Ecke positioniert liegt Adam. Er ist nackt, halb aufgerichtet ruhend auf seinem Unterarm während sein linker Arm sich zur rechten Bildhälfte zu Gott erstreckt. Sein Körper ist muskulös und zeigt die idealistische Darstellung des Mannes. Auf der rechten Bildhälfte ist Gott zu sehen, der ebenfalls seinen rechten Arm zu Adam streckt. Ihre Fingerspitzen berühren sich beinahe, wodurch der tatsächliche Höhepunkt der Berührung zwischen Adam und Gott nicht gezeigt wird.33 Die beiden Bildprotagonisten blicken sich direkt in die Augen. Neben Gott ist eine Gruppe kindlicher Gestalten in seinem Umhang eingehüllt, in sei­nem linken Arm ist eine Frau zu erkennen, die Kunsthistoriker Graham-Dixon als Eva identifiziert, welche Gott bereits an seiner Seite stehen hat, um diese als zukünftige Partnerin Adams in menschlicher Form zu erschaffen.34 Das Werk zeigt durch die Komposition eine Spiegelung von Adam und Gott, was die Aussage Gottes in Genesis, dass er den Menschen nach seinem Abbild geschaffen hat, unterstreicht. Das gesamte Bild hat eine sehr tiefe räumliche Wirkung. Die vielen freien Linien bewirken, dass das Bild einen sehr dynamischen Charakter erhält. Die Farbpalette ist auf wenige Farben wie Grün, Rot und Blau beschränkt, die sich je nach Licht und Schatten verändern. Auf­fällig ist hierbei, dass der linke Teil des Bildes, abgesehen von Adam, mehr in Grün und Blau gehalten ist und die rechte mehr in Rottönen, was eine Abgrenzung von Gott und dem Menschen zu verdeutlichen vermag.35

Das Werk wird über die Jahre mehrfach imitiert, nachgestellt oder in neuen Kontexten verwendet, da seine Popularität einen großen Widererkennungswert für viele Men­schen mit sich bringt. Im folgenden Kapitel wird sich der Verwendung von der Decken­malerei Michelangelos als Grundlage für Memes angenommen.

5. Die Erschaffung Adams in Internet Memes

Im Folgenden soll anhand von mehreren Beispielen die Verwendung von Michelange­los Kunstikone, „Die Erschaffung Adams“, im Meme Kontext analysiert werden. Die Memes werden kurz beschrieben und im Anschluss daran wird ihr Inhalt beziehungs­weise ihre Funktion diskutiert. Hierbei wird zum einen Bezug auf die Gestaltungsfor­men nach Harald Kimpel genommen, zum anderen wird auf Grundlage von Paulkis Ar­gumentation der semantischen Strukturveränderung die Memes betrachtet. Außerdem wird sich damit beschäftigt, ob Betrachterinnen tatsächlich vertieftes Kunsthistorisches Wissen benötigen, oder ob die Reduktion auf Bildebene der Kunstwerke reicht, um die Memes verstehen zu können.

[...]


1 Schmidt, S. 139

2 Oesterholz-Kraemer 2006, S. 11

3 vgl. ebd. 2006, S. 15

4 vgl. ebd. 2006, S. 9

5 vgl. Schmidt, S. 139

6 vgl. Oesterholz-Kraemer 2006, S. 19

7 vgl. Oesterholz-Kraemer 2006, S. 12

8 vgl. ebd. 2006, S. 9, 16f

9 vgl. Joos 1999, S. 266

10 vgl. Oesterholz-Kraemer 2006, S. 17

11 vgl. Oesterholz-Kraemer 2006, S. 11

12 vgl. Paulkis 2017, S. 1

13 vgl. Shifman 2014, S. 2

14 vgl. ebd. 2014, S. 11

15 vgl. ebd. 2014, S. 2

16 vgl. ebd. 2014, S. 11

17 vgl. Shifman 2014, S. 41f

18 vgl. ebd. 2014, S. 2f

19 vgl. ebd. 2014, S. 9

20 vgl. ebd. 2014, S. 13

21 vgl. Paulkis 2017, S. 6

22 vgl. ebd. 2017, S. 4

23 vgl. Shifman 2014, S. 20

24 vgl. ebd. 2014, S. 66 - 73

25 vgl. Schifman 2014, S. 99f

26 Paulkis 2017, S. 89

27 vgl. ebd. 2017, S. 89f

28 ebd. 2017, S. 89

29 vgl. Hughes 1997, S. 127f

30 vgl. Vasari 1974, S. 597

31 vgl. Gilbert 1994, S. 32

32 vgl. Patridge 1996, S. 27

33 vgl. Seymour 1972, S. 123

34 vgl. Graham-Dixon 2008, S. 89

35 vgl. Vasari 2009, S. 81ff

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Michelangelo heute. Verwendung von klassischen Kunstwerken in Internet Memes anhand des Beispiels "Die Erschaffung Adams"
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V931131
ISBN (eBook)
9783346258892
ISBN (Buch)
9783346258908
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michelangelo Internet Memes Kunstgeschichte
Arbeit zitieren
Sophie Hardt (Autor), 2020, Michelangelo heute. Verwendung von klassischen Kunstwerken in Internet Memes anhand des Beispiels "Die Erschaffung Adams", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931131

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