Gesellschaftliche und globale Bedeutung der Positiven Psychologie. Eine kritische Auseinandersetzung


Seminararbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Positive Psychologie
2.1. Ursprung
2.2. Forschungsgegenstand
2.2.1. Glück
2.2.2. Glück und Ökonomie
2.2.3. Resilienz
2.2.4. Tugenden und Charakterstärken
2.3. Kritische Betrachtung

4 Bedeutung für die Bildungsaufgaben im deutschen Schulsystem

5. Fazit und Ausblick

Literatur

1. Einleitung

Schon seit den Vorsokratikern wird Glück als erstrebenswertes Ziel des menschlichen Da­seins definiert und durch tugendhaftes Leben soll das erleben der wahren Glückseligkeit erreicht werden (vgl. Mayring 2012, S.46f). Auch in der heutigen Zeit scheint es als würde diese eudaimonistische Glücksdefinition erneuten Zuspruch erfahren. Eine ganze For­schungsrichtung, die der Positiven Psychologie, beschäftigt sich mit Aspekten des mensch­lichen Wohlbefindens und will mit den Ergebnissen den Menschen dabei behilflich sein, dem Streben nach Glück nachzugehen. Auch in der breiten Öffentlichkeit ist das Thema bereits angekommen. Eine quantitativ steigende Anzahl von Schulen, unterrichten in Deutschland das Fach „Glück“ Hier erscheint es sinnvoll, diesen Zusammenhang kritisch zu hinterfragen und zu analysieren. Im Folgenden wird aus diesem Grund auf die durch den Verfasser definierten Fragestellungen näher eigegangen:

1. Womit beschäftigt sich die Positive Psychologie?
2. Wie ist das Aufkeimen einer Positiven Psychologie gesellschaftlich und Global einzu­ordnen?
3. Ist es Sinnvoll „Glück“ in den Schulen zu unterrichten?
4. Gibt es eine sinnvolle Alternative?

In den folgenden Kapiteln wird zunächst ein Zusammengefasster Abriss darüber gegeben, Wie die Positive Psychologie zu definieren ist, Woher sie stammt, und womit sie sich im Kern beschäftigt. Daran anschließend werden die Ergebnisse und Erörterungen, über die Positive Psychologie, kritisch betrachtet und gesellschaftlich sowie Global eingeordnet. Be­vor ein Abschließendes Fazit gezogen und einen Ausblick gewährt wird, wird die Bedeutung der Positiven Psychologie im Kontext der Bildungsaufgaben im deutschen Schulsystem be­leuchtet und eine, in den Augen des Verfassers sinnvolle, Alternative erarbeitet.

2. Positive Psychologie

Der Ursprung des Begriffes geht auf den US- Amerikanischen Psychologen Abraham Maslow zurück, der ihn im Jahr 1954 erstmals verwendete. In der Folge wurde er von Martin Seligman aufgegriffen und zu dem heutigen Konzept weiterentwickelt. Seligman, der 1997 zum Präsidenten der Amerikanischen Psychologievereinigung (APA) gewählt wurde, gab mit diesem Konzept die Programmatische Ausrichtung der Vereinigung vor. Als Ziele der Positiven Psychologie hat Seligman ausgegeben: Die Entwicklung von Tests, Fragebögen, Messinstrumenten zur Erhebung positiver Personenvariablen, die Entwicklung von Inter­ventionsansätzen zur Unterstützung von Stärken und Tugenden des Menschen, die Unter­suchung der Interaktionen von menschlichen Stärken und Tugenden mit der Welt über den Lebenslauf. Insgesamt soll dadurch die Psychologie von der Egozentrik zur Philanthropie bewegt werden (vgl. Seligman. 2003, XVIII).

2.1. Ursprung

Zur Entstehung dieses Konzeptes gab Seligman weiter an, dass er nachdem ihn seine Tochter als „sauertöpfig“ (engl. Orig. grumpy) bezeichnet hatte, er die Idee hatte die positi­ven Eigenschaften der Menschen zu erforschen. Er wollte mit diesem Ansatz die bis dato in seinen Augen, defizitorientierte und sich hauptsächlich über Krankheitsmodelle definie­rende Psychologie verlassen. „For the last half century psychology has been consumed with a single topic only - mental illness“ (Seligman, 2002, XI Preface). Diese Defizitorien­tierung entstammte der Sichtweise auf Psychologie nach dem zweiten Weltkrieg. Da die Zahl der Kriegsversehrten mit psychologischen Erkrankungen gestiegen war, wurde das Gesundheitswesen für Psychologen*innen geöffnet, um den akuten Bedarf decken zu kön­nen. Dieser Umstand führte in der Folge dazu, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild der Psychologie entstand. Daraus resultierend etablierte sich eine Defizitäre Sichtweise und die Psychologie wurde als Synonym für Seelische Erkrankungen und dessen Behandlung verstanden (vgl. Harzer 2017, S.254). Gemeinsam mit Mihaly Csikscentmihalyi (bekannt durch die Flow-Theorie) arbeite Seligman in den folgenden Jahren das Konzept der Positi­ven Psychologie weiter aus und veröffentlichte im Jahr 2000 ein Sonderheft im „American Psychologist“.

Auch auf dem europäischen Kontinent beschäftigten sich Wissenschaftler, bereits Ende der 1980er Jahre mit der „Glücksforschung“. Der Kölner Soziologe Alfred Bellebaum gründete 1990 das Gemeinnützige Institut für Glücksforschung e.V. in Vallendar, welches im Jahr 2006 geschlossen wurde. In den Folge Jahren richtete der Sozialwissenschaftler Ruut Ve­enhoven an der Erasmus Universität Rotterdam eine World Database of Happiness ein, die systematisch Studien zur Glücksforschung sammelt und zur Verfügung stellt. Als Höhe­punkt dieser Bestrebungen, kann die Gründung des Journal of Happiness Studies als An Interdisciplinary Forum of Subjective Well-Being, im Jahre 2000 angesehen. Dieses Inter­disziplinäre Forum setzt sich aus verschiedenen Disziplinen zusammen, welche sich mit dem Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen nähert. Diese Disziplinen umfassen min­destens Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft (z.B. die in den Medien vielbeachtete Einführung des Schulfaches Glück an einem Heidelberger Gymnasium) und Wirtschaftswissenschaften. Allerdings ist die Ausprägung in keiner Dis­ziplin zu stark vertreten wie in der Psychologie (vgl. Mayring 2012 S. 45 ff).

2.2. Forschungsgegenstand

Die Positive Psychologie beschäftigt sich im Kern mit den Aspekten des Lebens, die es aus psychologischer Sicht lebenswert machen. Sie vernachlässigt hierbei bewusst alle Krank­heitsmodelle der modernen Psychologie und konzentriert sich auf die wissenschaftliche Er­forschung der Dinge, die im Leben funktionieren und gut sind (vgl. Peterson 2003). Damit ein detaillierter Überblick über die Positive Psychologie gegeben werden kann, ist es not­wendig einige Begrifflichkeiten zu definieren. Diese haben keinen Anspruch auf Vollstän­digkeit und dienen lediglich der Erörterung der Forschungsrichtung.

2.2.1. Glück

Die heutige Sicht der Psychologie hebt drei Aspekte des subjektiven Wohlbefindens hervor, die Lebenszufriedenheit, das Vorhandensein einer positiven und die Abwesenheit einer ne­gativen Gefühlslage.“ (Frey/Frey-Marti, 2010, S. 13) Für den Begriff gibt es allerdings keine allgemein gültige Definition, da Glück von jedem Individuum subjektiv eingeschätzt wird. Diener und Biswas-Diener (2008) sprechen, wie viele andere Wissenschaftler auch, von subjektivem Wohlbefinden (engl. well being).

“Happiness is the experience of frequent, mildy pleasant emotions, the relative ab­sence of unpleasant feelings, and a general feeling of satisfaction with one's life.” (Biswas-Diener, Dean. 2008, S.41)

Das subjektive Wohlbefinden hat kognitive und affektive Aspekte. Affekt bezeichnet Stim­mungen und Gefühle und repräsentiert die unmittelbare Bewertung der Ereignisse im Le­ben eines Menschen. Die kognitive Komponente bezieht sich hingegen auf die rationalen oder intellektuellen Aspekte des subjektiven Wohlbefindens und beinhaltet Urteile und Ver­gleiche. Glück ist demnach nicht einfach gegeben, sondern wird vom Einzelnen, also sub­jektiv, konstruiert und hängt stark vom vergangenen und gegenwärtigen sozialen Umfeld ab.“ (vgl. Frey/ Frey-Marti, 2010, S. 17f.) Diese Sinngebung hat zur Konsequenz, dass der Fokus auf der Einschätzung und Bewertung des eigenen Lebens liegt. Es wird somit ein Resümee über das erlebte gezogen und somit eine positive (oder im schlechtesten Fall eine negative) Bilanz gezogen. Haben positive Affekte dominiert empfindet das Individuum dies als Glück (vgl. Tomoff 2017, S. 17) . „In der psychologischen Forschung wird subjektives Wohlbefinden als Indikator für Wohlbefinden im hedonistischen Sinne betrach­tet“ (Harzer 2017, S.257). Psychisches Wohlbefinden hingegen dient häufig als Indikator für Wohlbefinden im eudämonistischen Sinne, es zeichnet sich aus durch:

1. wahrgenommene Kontrollierbarkeit der Umwelt (erfolgreicher Umgang mit verschiede­nen Lebenssituationen),
2. persönliches Wachstum (Nutzung eigener Talente und des eigenen Potenzials),
3. Sinnerleben (das Leben hat eine Richtung und einen Zweck),
4. Autonomie (das Leben entspricht den eigenen Wertvorstellungen, und die ständige Be­stätigung anderer wird nicht benötigt),
5. Selbstakzeptanz (die eigenen Stärken und Schwächen sind bekannt und werden akzep­tiert),
6. positive Beziehungen (es existieren tiefe, von Vertrauen gekennzeichnete Beziehungen zu anderen Personen) (vgl. Ryff 1989,2014).

Seligman (2011) hat eine eigene Theorie zum Wohlbefinden erdacht. Seine Theorie ist un­ter dem Akronym PERMA bekannt und verbindet die hedonistische Sichtweise auf Wohl­befinden mit der eudämonistischen, da sie folgende Elemente enthält:

- P ositive Emotionen (Fähigkeit, positive Emotionen und Zufriedenheit zu erleben)
- E ngagement (Nutzung individueller Stärken, sodass Flow entstehen kann)
- positive R elations (positive Beziehungen haben)
- M eaning (Sinnerleben durch die Nutzung individueller Stärken für etwas Größeres als man selbst)
- Engagement und befriedigende Erwerbs- und/oder Nichterwerbs-Arbeit - (Erfahrung der Kompetenz).
- Persönliche Freiheit - (Erfahrung der Autonomie).
- Innere Haltung (im Hinblick auf Dankbarkeit, Optimismus, Soziale Verglei­che, Emotionsmanagement, ...) und Lebensphilosophie (Spiritualität, d.h. eine persönliche Suche nach dem Sinn des Lebens bzw. Religiösität); (vgl. Bernanke 2010)1

2.2.2. Glück und Ökonomie

Im Juni 2006 verabschiedeten die EU-Staats- und Regierungschefs ihre Strategie zur nach­haltigen Entwicklung. Diese Strategie definiert Lebensqualität und Wohlergehen als über­geordnetes Ziel: „Die EU Nachhaltigkeitsstrategie strebt nach einer kontinuierlichen Ver­besserung der Lebensqualität und des Wohlergehens auf unserem Planeten für die heute lebenden und für die künftigen Generationen“ (vgl. https://www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-inter- nationales/nachhaltige-entwicklung/2030-agenda/. Stand Feb. 2020)

Auch Wirtschaftsunternehmen und Berater, sowie Coaches haben das Potential der Posi­tiven Psychologie im Zusammenhang mit Ökonomischen Erfolgen schnell erkannt. Viele Unternehmen übernehmen Erkenntnisse aus der Glücksforschung in ihre Unternehmens­kultur, um leistungsstärkere, produktiverer Mitarbeiter zu generieren.

„Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit ihrem Leben generell und ihrem Job im Speziellen zufrieden sind, sind produktiver. Als Folge davon sind ebenfalls die Kun­den glücklich und entwickeln eine Firmentreue. Und wenn Mitarbeitende und Kun­den zufrieden sind, dann rechnet sich das auch für die Unternehmen.“ (Bruno S. Frey/Claudia Frey Marti, 2010, S. 164).

Zu diesem Zusammenhang gibt es, wie auch zur Positiven Psychologie selbst, unzählige Veröffentlichungen. Thomas Maak und Nicola Pless (2009) haben zu den Beispielen fol­gende Aspekte miteinander verknüpft:

Glückliche Menschen (Mitarbeiterinnen, Managerinnen, Unternehmerinnen)

- arbeiten besser mit anderen zusammen,
- sind kreativer,
- lösen Probleme, statt sich darüber zu beschweren,
- haben mehr Energie,
- sind optimistischer,
- sind engagierter,
- sind weniger oft krank,
- lernen schneller,
- machen weniger Fehler - und lernen mehr daraus,
- treffen bessere Entscheidungen.

„Glückliche Mitarbeiter sind also nicht nur besser drauf, sondern auch kreativer, lernfähiger, offener, gesünder und produktiver“ (Maak/Pless 2009).

2.2.3. Resilienz

Ein Begriff, der immer wieder in Verbindung mit der Erforschung des Glücks genannt wird, ist der der Resilienz. Unter diesem Begriff, der vom Lateinischen resilire (abprallen2 ) ab­stammt, versteht man die psychische Widerstandsfähigkeit eines Individuums. Zu dieser Fähigkeit zählt vor allem die Befähigung dazu in Krisensituationen auf personelle und sozi­ale Ressourcen zurückzugreifen um das erlebte positiv zu bewältigen und es als Entwick­lung und Chance anzusehen (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2009). In der Entwicklungspsychologie bezeichnet Resilienz die Widerstandsfähigkeit von Kindern, die sich trotz belastender Um­stände und Bedingungen altersgerecht entwickeln. Allgemein meint Resilienz die Fähigkeit von Menschen, auf wechselnde Lebenssituationen, stressige, frustrierende, schwierige und Belastende sowie sich immer wieder ändernder Situationen angemessen und flexibel zu reagieren, ohne dabei negative psychische Folgeschäden zu entwickeln. Trotz vergleich­barer Belastung kommt es bei manchen Menschen nicht zu solchen Folgeerscheinungen, aufgrund der unterschiedlichen Resilienz. Seit der Begriff in den 1970er Jahren in der Kin­der- und Jugendpsychiatrischen Literatur verwendet wurde, dort im Zusammenhang mit Längsschnittstudien von Kindern die durch die psychische Erkrankung eines Elternteils be­sonderen Risikofaktoren ausgesetzt waren, erlangte er Weltweit immer mehr Aufsehen und auch die Psychologie, sowie die Pädagogik befassen sich seitdem mit diesem Begriff.

Martin Seligman hat zum Thema Resilienz u.a. ein eigenes Trainingsprogramm für die US Army entwickelt, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Depression sowie Angsterkrankungen litten.

Das Programm basiert Größtenteils auf seinem Konzept der Positiven Psychologie und wird in drei Phasen unterteilt.

1. Aufbau von mentaler Widerstandsfähigkeit
2. Aufbau von Ressourcen
3 Aufbau von starken Beziehungen

2.2.4. Tugenden und Charakterstärken

Seligman bezieht seine Begrifflichkeiten immer auf das Subjekt und geht davon aus, dass das Individuum selbst verantwortlich für sein „Glück“ oder für resilientes verhalten darstellt. Er vernachlässigt in seinen Theorien die äußeren Umstände und Gegebenheiten, die ein Individuum beeinflussen können. Dies wird vor allem bei der Betrachtung des Konzeptes der positiven Eigenschaften deutlich.

Seligman und Peterson (2004) legten ein Konzept des guten Charakters vor (Values in Action Classification of Strengths; VIA-Klassifikation), dessen Kern die Charakterstärken sind und das insgesamt drei Ebenen umfasst: Tugenden, Charakterstärken und situative Themen. Diese Überlegungen basieren auf der Annahme, dass diese Tugenden durch die Charakterstärken beeinflussbar und trainierbar sind und nicht statisch in uns verankert blei­ben.

„Charakterstärken als mittlere Ebene sind die Mechanismen und Prozesse, welche die Tugenden definieren und Wege beschreiben, die Tugenden zu leben (z. B. Weisheit erreicht man über Neugier, Liebe zum Lernen, Urteilsver­mögen oder Kreativität) Peterson und Seligman (2004) verstehen Charakterstärken als positive „Traits“, d. h. als moralisch bewertete Persönlichkeitseigenschaften. Zwischen den Menschen gibt es stabile und generelle individuelle Unterschiede in den Charakterstärken, die sich in Gedanken, Gefühlen und Verhalten manifestieren und daher messbar sind, was für die Positive Psychologie als empirische Wissen­schaft unabdingbar ist. Charakterstärken werden als veränderbar und damit auch trainierbar angesehen, da sie auch von den Lebensumständen einer Person abhän­gen“ (Harzer 2017, S. 258-259)

Seligman und Peterson (2004) haben sechs Tugenden mit 24 Charakterstärken in Verbin­dung gebracht und sehen dies als die Grundlage ihrer Arbeit an.

2.3. Kritische Betrachtung

Nachdem sich in den oberen Kapiteln mit Begrifflichkeiten der Positiven Psychologie be­schäftigt wurde, soll im kommenden Kapital der Versuch unternommen werden, die Posi­tive Psychologie kritisch zu betrachten.

Forschung muss immer die Suche nach Wahrheiten und Allgemeingültigen Aussagen, un­ter Berücksichtigung objektiver Maßstäbe, beinhalten. Auch wenn Forschende nie frei von ihrer Meinung sind, so sind sie jedoch angehalten diesen Subjektiven Standort im For­schungsprozess zu reflektieren und kritisch mit den eigenen Erkenntnissen umgehen. Die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen subjektiven Wahrnehmung und dem persön­lichen Standort im Forschungsprozess spielt eine große Rolle, da nur diese eine qualitative Forschung auszeichnet (vgl. Steinke 2000, S. 330f) Aus diesen Gründen ist es Notwendig die eigene Standortgebundenheit zu reflektieren und danach zu fragen, inwieweit die Er­kenntnisbildung von der eigenen Person beeinflusst wird. „Die Gegenüberstellung von Krankheitsideologie und Positiver Psychologie stellt wohl eindeutig eine vereinfachende Dichotomisierung dar“ (vgl. Mayring 2012, S. 53). Martin Seligman lässt durch die Fokus­sierung auf die positiven Dinge des menschlichen Daseins, bei gleichzeitiger Vernachläs­sigung aller negativen Einflüsse und Gegebenheiten wessen ein Individuum exponiert sei, die Vermutung zu den eigenen Standtort, sowie den Einfluss der eigenen Meinung im For­schungsprozess bewusst zu ignorieren. Kritisch zu nennen ist hierbei die Tatsache, dass äußere Einflussfaktoren ausgeblendet werden. Aspekte wie Sozialisation, Habitus, Bil­dungsbenachteiligungen sowie Diskriminierung werden nicht in die Überlegungen mit ein­bezogen. Es scheint als ginge es nicht um die Wahrheitsfindung, sondern um das Festigen der eigenen Theorie respektive Konzepte und somit die Vernachlässigung des eigenen Standortes innerhalb des Forschungsprozesses. Auch die Auseinandersetzung mit den Charakterstärken und Tugenden, die durch Seligman und Peterson 2004 definiert wurden, unterstützt diese These. „Es wird zwar immer der wissenschaftliche Charakter des Ansat­zes betont, die gefundenen Systeme (6 Tugenden, 24 Stärken) bleiben dann aber fix“ (Ma­yring 2012, S. 54). Es erscheint somit, dass diese Systeme, eine Feststehende Größe ohne wissenschaftlichen Bezug seien. Weiter fehlt es der Positiven Psychologie an einer kriti­schen Grundhaltung sowie einem kritischen Diskurs innerhalb der Forschungsdisziplin. Laut Mayring fehlt es den Veröffentlichungen innerhalb des Diskurses an Objektivität und Wissenschaftlichkeit.

„Insgesamt wird in den Texten der Positiven Psychologie relativierendes, vorsichti­ges, bescheidenes, auf Vorläufigkeit der Erkenntnisse hinweisendes Argumentieren vermisst (obwohl Bescheidenheit als eine der 24 Charakter-stärken dargestellt wird) (Mayring 2012 S. 55).

Philipp Mayring attestiert der Glücksforschung in seiner Arbeit „Zur Kritik der Positiven Psy­chologie“ ferner eine Ideologische Grundhaltung ist aber per se nicht gegen eine For­schung, die sich mit diesen Inhalten beschäftigt.

Mit dieser Kritik soll nicht Glücksforschung generell in Frage gestellt werden. Sozi­alwissenschaftliche Wohlbefindensforschung bleibt ein wichtiges Feld, wenn sie begriffs- und methodenkritisch vorgeht und sich in einen allgemeinen Rahmen ein­ordnet. Das, was an der positiven Psychologie so verstört, ist ihr Sendungsbe­wusstsein und ihr Ausschließlichkeitsanspruch. [...] Positive Psychologie trägt ei­nige Merkmale, die sie durchaus in die Nähe einer Ideologie stellen. (Mayring 2012, S. 58)

Dieser Kritik kann aus verschiedenen Punkten gefolgt werden, zum einen ist wie oben be­reits erwähnt, die wissenschaftliche Ausarbeitung der Begrifflichkeiten fraglich und empi­risch nur schwer nachvollziehbar. Zum anderen ist die Positive Psychologie stark durch ihren „Schöpfer“ Martin Seligman und dessen Erkenntnisse geprägt. Seligman postuliert in seinen Schriften eine Ideologie die einen Menschentyp beschriebt, „der sein Denken und seine Sichtweisen nach Maßgabe ökonomischer Verwertbarkeit programmiert“ (Steinmeyer 2018, S.34 ff).

- A ccomplishment (Verfolgung und Erreichung persönlicher Ziele und Erleben von Erfolgserlebnissen aufgrund der Nutzung individueller Stärken) (vgl. Harzer 2017, S.258)

Des Weiteren stützen sich die Vertreter*innen der Positiven Psychologie auf diverse „Glücksfaktoren“ die sie als Ressourcen ansehen und die eine wichtige Rolle in den Pro­grammen und Angeboten der Glücksforschung spielen. Diese Faktoren setzten sich wie folgt zusammen:

- Gelingende / liebevolle soziale Beziehungen (Partnerschaft, Familie, Freunde, ...) - (Erfahrung der Zugehörigkeit).
- Physische und psychische Gesundheit.

[...]


1 In diesem Zusammenhang sind weitere Messinstrumente zu nennen, anhand derer die Vertreterinnen Glück begreifbar machen zu wollen. Unter anderem die von Seligman definierte Glücksformel, der Glückquotient und das Glücksbarometer.

2 Der eigentliche Ursprung des Begriffes kommt aus der Materialforschung und meint dort die Eigenschaft eines elastischen Materials, nach der Deformierung durch äußere Kräfte wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren (vgl. Göppel et al 2017)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche und globale Bedeutung der Positiven Psychologie. Eine kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V931162
ISBN (eBook)
9783346259455
ISBN (Buch)
9783346259462
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftliche, bedeutung, positiven, psychologie, eine, auseinandersetzung
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Gesellschaftliche und globale Bedeutung der Positiven Psychologie. Eine kritische Auseinandersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931162

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