Eliminationsriten im Alten Testament am Beispiel des Rituals vom Jom Kippur (3. Mose 16)


Hausarbeit, 2006

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Ritual vom Jom Kippur (3. Mose 16)
2.1 Annäherung an den Text
2.1.1 Der narrative Rahmen des Textes
2.1.2 Abgrenzung der beschriebenen Sühneriten
2.1.3 Der sozialgeschichtliche Kontext des Textes
2.2 Der Sündenbockritus
2.2.1 Die Vorbereitung des Sündenbockritus
2.2.2 Der Ritus am lebenden Bock und der Gestus der Handaufstemmens
2.2.3 Das „Sündenbock“-Motiv in der heidnischen Ritualtradition
2.2.4 Asasel und der Sündenbock
2.3 Die Intertextualität von 3. Mose 16
2.3.1 Die Symbolik des Vogelrituals bei der Reinigung von Aussätzigen (3. Mose 14, 4-7)
2.3.2 Die Sühnung des von unbekannter Hand verübten Mordes (5. Mose 21,1-9)

3. Die Bedeutung des Sündenbockmechanismus für die heutige Lebenswelt und das Neue Testament: Jesus Christus als Sündenbock der Welt

4. Nachwort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jemanden in die Wüste schicken – das ist in unserer Gesellschaft eine gebräuchliche Redewendung. So würde man beispielsweise ungeliebte Politiker häufig gerne „in die Wüste schicken“, sich ihrer also gleichsam entledigen. Wenn in der Politik etwas schief läuft, dann wird oft statt der wirklichen Ursache des Übels einfach ein „Sündenbock“ gesucht. Auch dieser Begriff ist in unserem Sprachraum gang und gäbe.

Beide Begriffe, „in die Wüste schicken“ und „Sündenbock“, sind biblischen Ursprungs. Sie gehen auf das Ritual des großen Versöhnungstages (3. Mose 16) zurück, bei welchem der Hohepriester des Volkes Israel vor Gott alle Sünden und Vergehen des Volkes bekennt und diese unter Handauflegen auf einen Ziegenbock überträgt. So wird der Ziegenbock zum „Sündenbock“ für das Volk Israel (3. Mose 16, 20ff.).[1] Anschließend wird das Tier wortwörtlich „in die Wüste geschickt“, damit es die aufgeladenen Sünden weit fort trage.

Dieser „Eliminationsritus“, wie er im Alten Testament in 3. Mose 16 beschrieben wird, ist Gegenstand dieser Arbeit. Nach einer literarkritischen und formgeschichtlichen Annäherung an das Ritual vom Jom Kippur, so der hebräische Name des Versöhnungstages, wird dann im Wesentlichen der Sündenbockritus mit seinen unterschiedlichen Facetten und unter verschiedenen Blickwinkeln verstärkt in das Zentrum der Untersuchungen treten.

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Untersuchung der Intertextualität von 3. Mose 16. Dementsprechend wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich ein solcher Eliminationsritus wie der am großen Versöhnungstag auch an anderen Stellen des Alten Testaments wieder findet. Die Textstellen 3. Mose 14, 4-7 sowie 5. Mose 21, 1-9 sollen dazu näher analysiert und kritisch hinterfragt werden.

Abschließend soll am Ende der Arbeit kurz ein Bezug zum Neuen Testament hergestellt und die Bedeutung des Sündenbockritus für die heutige Lebenswelt und die christliche Lehre nachvollzogen werden.

Die vorliegende exegetische Untersuchung beruht auf der Bibelübersetzung von Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984.[2] Dementsprechend beziehen sich auch die Abkürzungen der Bibelstellen sowie die Schreibung der biblischen Eigennamen auf diese Übersetzung. Aufgrund meiner nicht vorhandenen Hebräisch-Kenntnisse muss auf eine genauere textkritische Untersuchung verzichtet werden.

2. Das Ritual vom Jom Kippur (3. Mose 16)

2.1 Annäherung an den Text

2.1.1 Der narrative Rahmen des Textes

Das Gesetz über den Versöhnungstag hat im Gegensatz zu den meisten anderen Gesetzen in 3. Mose einen narrativen Rahmen.[3] Mit V. 1 findet eine eindeutige historische Einordnung des Textes statt, indem er an die in 3. Mose berichtete Episode von Nadab und Abihu anknüpft. Corinna Körting weist allerdings darauf hin, dass der Übergang der beiden Texte in Kap. 10 und 16 nicht fließend sei. So sei zum Beispiel die Ursache des Todes der beiden Söhne Aarons in 3. Mose 10 beschrieben mit: „Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, dass sie starben vor dem Herrn.“ (V. 2). Dagegen werde die Ursache des Todes in Kap. 16 nur kurz mit „[…], als sie vor dem Herrn opferten“ (V. 1b) zusammengefasst.[4] Jedoch geht 3. Mose 16 eindeutig auf die Verunreinigung des Tempels ein, welcher durch Nadab und Abihu aufgrund ihres unerlaubten Opfers und ihren Tod entweiht wurde, so dass nun zwangsläufig die Entsühnung des Tempels folgen muss.

Durch den „Ausführungsbericht“[5] in V. 29-34 erhält Kap. 16 ein deutlich markiertes Ende. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dieser Abschnitt nicht das ursprüngliche Ende von 3. Mose 16 bildet, sondern nachträglich hinzugefügt worden ist.[6] Darauf weist der in V. 29 stattfindende Anredenwechsel von der 3. Sg. zur 2. Pl. deutlich hin.

2.1.2 Abgrenzung der beschriebenen Sühneriten

Die Sündhaftigkeit des Menschen bildet eines der grundlegenden Themen im Alten Testament. Diese menschliche Sündenverfallenheit sowie das Bewusstsein der Heiligkeit Gottes führen unausweichlich zu einer Bitte um göttliche Vergebung.[7] Sündenvergebung wird in der alttestamentlichen Theologie als ein Gnadengeschenk Gottes an den Menschen aufgefasst, welches der sündige Mensch durch Sühne erhalten kann.

Das Ritual des großen Versöhnungstages nach 3. Mose 16 ist durch das „Ineinandergreifen verschiedener Sühneriten geprägt.“[8] Es scheint daher geboten, zunächst den Versuch zu unternehmen, die einzelnen Sühneriten in 3. Mose 16 voneinander abzugrenzen und so zu einer Gliederung des Gesamttextes zu gelangen.

Benedikt Jürgens teilt zunächst allgemein das Ritualgeschehen in zwei Teile ein: das Reinigen des Heiligtums (3. Mose 16, 11-19) sowie das Reinigen des Volkes (3. Mose 16, 20-22).[9] Diese Einteilung ist jedoch noch keineswegs ausreichend, um den komplexen Zusammenhang der einzelnen Sühneelemente am Jom Kippur zu erfassen. Genauerer ist die Einteilung der Riten, so wie sie Corinna Körting vornimmt. Sie unterscheidet einen Sühneritus für den Hohepriester, das Volk und das Heiligtum sowie speziell einen Eliminationsritus „zur ‚Entsorgung’ der Sünden des Volkes.“[10]

Beide, sowohl Jürgens als auch Körting, treffen damit eine deutliche Zuordnung, für wen und für welche Gruppe die einzelnen Riten durchgeführt werden. Um den Aufbau von 3. Mose 16 zu beschreiben, ist dies jedoch noch nicht ausreichend. Um sich intensiver mit der literarischen Struktur des Textes auseinanderzusetzen, ist eine ausführlichere Einteilung der Sühnezeremonien von Nöten:

V. 11-14 Opferung eines Stieres für den Hohepriester

V. 15-17 Opferung des ersten Ziegenbocks als Sündopfer für das Volk

V. 18f. Entsühnung des Heiligtums mit dem Blut des Stieres und des ersten Bocks

V. 20-22 Eliminationsritus: Wegschicken des zweiten Ziegenbocks in die Wüste

V. 23-28 Abschließende Bemerkungen (Kleider waschen, Brandopfer für das Volk, Verbrennen der Überreste der Tiere)

Um den Eliminationsritus von anderen auftretenden Sühnearten abzugrenzen, soll diese Beschreibung des Textaufbaus ausreichen.[11] Bei der in Kap. 2.2 folgenden redaktions- und formgeschichtlichen Analyse wird vor allem der Sündenbockritus in den Vordergrund gerückt und es soll versucht werden, einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen in 3. Mose 16 herzustellen.

[...]


[1] Der Ausdruck „Sündenbock“ ist in übertragener Bedeutung zwar seit dem 17. Jahrhundert ein Wort unserer Sprache, fehlt aber in der hebräischen Bibel. Vgl. Thomas Staubli: Versöhnung und Neubeginn. http://www.kath.ch/skz-1999/lesejahra/a36.htm (06.08.2006).

[2] Bibelzitate, die auf diese Übersetzung zurückzuführen sind, werden im Folgenden nicht in den Fußnoten nachgewiesen.

[3] Vgl. Benedikt Jürgens: Heiligkeit und Versöhnung. Levitikus 16 in seinem literarischen Kontext (HBS 28). Freiburg [u.a.] 2001. S. 54.

[4] Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst (BZAW 285). Berlin [u.a.] 1999. S. 120.

[5] Vgl. Karl Ellinger: Leviticus (HAT 1/4). Tübingen 1966. S. 202.

[6] Vgl. Martin Noth: Das dritte Buch Mose. Leviticus (ATD 6). Göttingen 1978. S. 100.

[7] Vgl. Robert Koch: Die Sünde im Alten Testament. Frankfurt am Main 1992. S. 137.

[8] Körting: Der Schall des Schofar. S. 162.

[9] Vgl. Jürgens: Heiligkeit und Versöhnung. S. 14.

[10] Körting: Der Schall des Schofar. S. 163.

[11] Auf eine ausführliche literarkritische Annäherung an den gesamten Text muss im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden. Jedoch ist im Folgenden davon auszugehen, dass 3. Mose 16 durch einen verwickelten Wachstumsprozess zustande gekommen ist. Darauf weisen zahlreiche sprachliche wie inhaltliche Spannungen innerhalb des Textes hin, die stark an der Einheitlichkeit des Kapitels zweifeln lassen. So ist beispielsweise einmal von der „Gemeinde“ (V. 5), und dann wieder von den „Israeliten“ (V. 16) die Rede. An anderen Stellen wird zunächst das „Volk“ (V. 15.24), und schließlich das „Volk der Gemeinde“ (V. 33) benannt. Inhaltliche Unebenheiten liegen darin begründet, dass die beschriebenen Handlungen nicht klar nebeneinander stehen, sondern miteinander verwoben sind. So verschwindet zum Beispiel der Brandopferwidder Aarons von V. 3 zunächst völlig, und taucht erst in V. 24 wieder auf. Im gleichen Vers ist von „des Volkes Brandopfer“ die Rede, von dem ebenfalls weit entfernt vorher in V. 5 die Rede war.

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Details

Titel
Eliminationsriten im Alten Testament am Beispiel des Rituals vom Jom Kippur (3. Mose 16)
Hochschule
Universität Kassel  (Ev. Theologie / Religionspädagogik)
Veranstaltung
Schuld und Sühne im Alten Testament
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V93135
ISBN (eBook)
9783638065214
ISBN (Buch)
9783638952118
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eliminationsriten, Alten, Testament, Beispiel, Rituals, Kippur, Mose, Schuld, Sühne, Alten, Testament, Exegese, Altes;, Sündenbock, Ritus
Arbeit zitieren
Tino Wiesinger (Autor), 2006, Eliminationsriten im Alten Testament am Beispiel des Rituals vom Jom Kippur (3. Mose 16), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93135

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