Wer ist die Neue Frau? Zwischen Ideal und Realität

Eine Untersuchung der Neuen Frau der 1920er Jahre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

19 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wer ist die Neue Frau?
2.1 Idealität
2.2 Realität
2.3 Rezeptionen der Neuen Frau von der Vergangenheit bis in die 1990er Jahre

3. Die Repräsentation der Neuen Frau in den zeitgenössischen Medien
3.1 Zeitschriften
3.1.1 Repräsentation in der Berliner Illustrirten Zeitung
3.1.2 Repräsentation in Die Dame
3.2 Literatur
3.2.1 Gilgi - eine von uns und Der Herr Direktor
3.2.2 Das kunstseidene Mädchen
3.2.3 Stud. chem. Helene Willfüer

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Schöne Berlinerin, du bist tags berufstätig und abends tanzbereit. Du hast einen sportgestählten Körper, und deine herrliche Haut kann die Schminke nur erleuchten.“1

Dieser Weiblichkeitstypus, der hier von Franz Hessel beschrieben wird und als Neue Frau bezeichnet wurde, soll im Folgenden untersucht werden und dabei von verschiedenen Seiten beleuchtet werden, um ein umfassendes Bild zu generieren. Das schließt mit ein, nicht nur das idealisierte Bild der Neuen Frau darzustellen, sondern auch auf deren Realität, Rezeption und Repräsentation einzugehen.

Zuerst wird die Frage „Wer ist die Neue Frau?“ anhand der Diskrepanz von Idealität und Realität beantwortet und anschließend die unterschiedliche Rezeption dieses Frauentyps dargestellt. Dabei stehen die zeitgenössische Fremd- und Selbstwahrnehmung, als auch die sich wandelnde Rezeption in der Forschung ab den 1970er Jahren im Fokus.

Da die Neue Frau oft als mediales Konstrukt beschrieben wird, sollen zeitgenössische Medien, die die Neue Frau thematisieren, genauer analysiert werden. Dabei werden Zeitschriften und Literatur Gegenstand der Untersuchung sein, die getrennt voneinander behandelt werden. In ausgewählten Zeitschriftenartikeln und Frauenromanen, die alle die Neue Frau zum Inhalt haben, werden verschiedene Arten und Schwerpunkte der Repräsentation dargestellt. Aber auch nach den Gründen für eine bestimmte Art der Repräsentation in den Medienformaten wird gefragt werden.

2. Wer ist die Neue Frau?

2.1 Idealität

Durch die neu aufkommenden Massenmedien wurde in den 1920er Jahren ein Bild eines neuen Frauentyps entworfen und verbreitet, das als Traumvorlage vieler junger zeitgenössischer Frauen diente. Dabei unterschied sich dieser Frauentyp von den Frauenbildern der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg immens hinsichtlich der inneren Einstellung und äußeren Erscheinung.2

Die ideale Neue Frau war eine junge Dame, die moderne Kleidung und einen modernen Haarschnitt trug und sich schminkte. Die Mode entsprach dem Garçonne-Stil: Gerade Hemdblusen und Kleider sowie kürzere Röcke, die die Bewegungsfreiheit der Beine ermöglichten, wurden bevorzugt. Außerdem trug die Neue Frau sportliche Jumper und Jacketts. Stümpfe in Hautfarben und Beine generell galten als neues erotisches Symbol.3 Da die Frau nun zum ersten Mal Bein zeigen konnte, stellte dieses weibliche Körperteil ein öffentliches Novum dar. Deshalb kann man argumentieren, dass die neue Öffentlichkeit der Grund für den Status des Beins als erotische Attraktion war. Durch die Mode wurde sowohl die Identität der Frau gekennzeichnet als auch eine bestimmte Verbindung von Charaktereigenschaften und Kleidung geschaffen.4 Mode als äußerliches Attribut der Neuen Frau spielte also eine ganz entscheidende Rolle bei deren Konstituierung. Der Bubikopf, der durch den Film Hamlet aus dem Jahr 1921 bekannt wurde, komplementierte dieses Erscheinungsbild und stellte einen krassen Gegensatz zur populären Hochsteckfrisur des Kaiserreichs dar. Die neue Frisur war „nicht nur hübsch, [sondern] auch praktisch“5, da sie die Beweglichkeit der Frauen garantierte und leicht zu pflegen war.

Auch hinsichtlich des weiblichen Körpers gab es ein Idealmaß an Formen, dem die Neue Frau entsprechen musste. „[K]nabenhafte Schlankheit, kleine Brüste [und] schmale Hüften“ wurden mit der Neuen Frau assoziiert und waren für die Zeitgenossinnen so erstrebenswert, dass weibliche Körperformen oftmals kaschiert wurden, um dem propagierten androgynen Typ zu entsprechen.6

Allerdings wurde dieses neue äußere Erscheinungsbild der Neuen Frau als unweiblich empfunden. In der Berliner Illustrirten Zeitung Nr. 35 aus dem Jahr 1924 wird von der „Vermännlichung der Frau“ gesprochen und Alice Rühle-Gerstel weißt in der Literarischen Welt Nr. 11 aus dem Jahr 1929 auf eine „entweiblichte Frau“ hin.7 Die Unweiblichkeit oder Vermännlichung der Neuen Frau avancierte zu ihrem hauptsächlichen äußeren Erkennungswert.

Hinsichtlich ihrer charakterlichen Eigenschaften wird die Neue Frau als sachlich, tapfer, arbeitseifrig und selbstständig beschrieben.8 Aber nicht nur diese nüchternen Attribute begleiteten sie, sondern auch das Bedürfnis nach einem ereignisreichen Leben und Auskosten der Gefühle. Erstmals bot sich die überhaupt die Möglichkeit für Frauen, unabhängig von einem männlichen Begleiter auszugehen und außerdem scheint dieses Verlangen als Folge der Erfahrungen mit Tod und dem Zusammenbrechen alter Werte zu sein, die während der Kriegs- und Nachkriegszeit gemacht wurden. Die Neue Frau wollte die Gegenwart genießen, bevor sie wieder vorüber war.9 Sie begeisterte sich für die neue urbane Freizeitwelt, ging zum Beispiel ins Kino und zum Tanzen.10 Deshalb wird sie auch als Produkt der Großstadt beschrieben, denn an diesem rasanten Ort ließ sich der propagierte Lebensstil der Neuen Frau am besten umsetzten.11

Doch die Großstadt war nicht nur der Ort der Vergnügung, sondern auch der Arbeit. Die Erwerbstätigkeit charakterisierte die Neue Frau enorm, da sie ihr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ermöglichte. Der Beruf der Büroangestellten wurde deshalb zum Symbol der Neuen Frau. Der Grund dafür wird darin gesehen, dass die Zunahme der weiblichen Angestellten mit der Entstehung des Bildes der Neuen Frau zusammenfiel und beides deshalb von den Zeitgenossen gleichgesetzt wurde.12 Die Neue Frau galt als Inbegriff der Modernisierungstendenzen der Weimarer Republik und so wurden mit ihr auch die neuen Technologien, neuen Wirtschaftskonzepte und Massenmedien assoziiert.13

Im Zusammenhang mit der Neuen Frau werden in der Forschung immer wieder vier Frauentypen genannt: Das Girl, das sportlich und beruflich ambitioniert war, die Garçonne, die den intellektuellen Typus verkörperte, der Flapper, der den ausgelassenen Lebensstil der wohlhabenden Boheme führte, und das Gretchen, das die traditionellen Weiblichkeitsformen repräsentierte.14 Nach der oben aufgeführten Charakterisierung, erscheint es als konsequent, nur die ersten drei Typen als Neue Frauen zu bezeichnen, da sie mit der traditionellen Geschlechterrollenverteilung brechen und sich in bis dahin für Frauen unbekanntes Neuland aufmachten.

Der idealisierte Typus Neue Frau stellte also ein radikal neues Bild von Weiblichkeit dar, das in sich sowohl ernsthaftere als auch freizügigere Eigenschaften vereinigte, die vor allem über die neue Äußerlichkeit und den Status der Erwerbstätigkeit ausgedrückt wurden. Trotz der Befreiung, die die Neue Frau im Vergleich zu älteren Frauenbildern darstellt, handelt es sich dabei doch um eine weitere Normierung. Denn die Frauen der 1920er konnten nur innerhalb der oben genannten Schablonen modern und anders sein.15

2.2 Realität

Schon während des Ersten Weltkrieges fand unter den jungen Frauen ein Wertewandel statt, der das Hausfrauendasein nicht mehr allein als erstrebenswert erachtete. Dennoch wurde es auch nicht als Lebensziel gewertet, nur einen Beruf auszuüben. Die jungen Frauen zielten auf eine Verbindung beider Bereiche ab.16

Im Gegensatz zum idealisierten Bild der Neuen Frau sah die Realität der meisten Frauen in den 1920er Jahren anders aus und war weit entfernt von dem propagierten glamourösen Lebensstil und der (finanziellen) Unabhängigkeit. Zwar waren im Jahr 1927 in der Großstadt Berlin fast 42% der Frauen erwerbstätig,17 aber meist handelte es sich dabei um schlecht bezahlte, gesundheitsschädigende und unsichere Berufe.18 Das Dasein als Angestellte war ebenfalls keine Neuheit, es erschien lediglich so, denn durch die gestiegene Zahl der Frauen in Büros wurde ihre Anwesenheit präsenter. Der Anstieg ist durch die Rationalisierung von Handel und Industrie erklärbar, die nach immer mehr Frauen verlangten, die Schreibmaschinen bedienen konnten. Doch als Stenotypistin oder Sekretärin begaben sich die Frauen in eine abhängige Position und sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz waren keine Seltenheit. Zudem war es teilweise nur unter Einsatz der Weiblichkeit möglich, überhaupt Arbeit zubekommen oder beruflich weiterzukommen.19

Trotz der verstärkten Erwerbstätigkeit von Frauen, blieben Haushalt und Kindererziehung weiterhin in Frauenhand. Auffallend ist, dass es in dieser Zeit eine hohe Anzahl an illegalen Abtreibungen gab. Während der Zeit der Großen Depression stieg diese Zahl bedeutend und auf jede deutsche Frau kamen rein rechnerisch mindestens zwei Abtreibungen.20 Der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches bestrafte Abtreibungen mit bis zum fünf Jahren Zuchthaus (nach 1926 mit einer Gefängnisstrafe).21

Somit war das tatsächliche Leben der meisten Frauen um 1920 sehr unterschiedlich zum propagierten Lebensstil der Neuen Frau, was allerdings nicht ausschloss, das dieser von den Frauen erstrebt und in Form der neuen Massenmedien, wie Zeitschriften und Kino, intensiv konsumiert wurde.

2.3 Rezeptionen der Neuen Frau von der Vergangenheit bis in die 1990er Jahre

Von der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung, die die Müttergeneration der jungen Frauen um 1920 darstellte, wurde die Neue Frau aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt. Die bürgerliche Frauenbewegung war der Meinung, dass mit der sozialen Mütterlichkeit die Rechte der bürgerlichen Frau verwirklicht seien und, dass die Neue Frau den bürgerlichen Geschlechtervertrag und damit auch das volkswirtschaftliche Überleben in Gefahr brachte. Die proletarische Frauenbewegung, deren Ideal die kinderreiche Proletariermutter war, lehnte die Neue Frau ebenfalls ab, denn sie sah in ihr den Verrat am Klassenkampf. Beiden Bewegungen waren die finanzielle und sexuelle Unabhängigkeit der Neuen Frau ein Dorn im Auge.22 Die zeitgenössische Bewertung war eng mit den Meinungen zur jungen Weimarer Republik und der Modernisierung allgemein verbunden. Deshalb waren im Diskurs um die Neue Frau die Themen Tradition vs. Moderne, Generationenkonflikt und Klassenkonflikt widergespiegelt. Allen gemeinsam galt dieser neue Frauentypus als „Inbegriff der konsumorientierten, politisch apathischen Egoistin.“23 Die zeitgenössische Reaktion auf die Neue Frau war also tendenziell von negativen Stimmen geprägt. Dagegen war das Selbstverständnis junger, berufstätiger Frauen positiv geprägt, was überwiegend der Verdienst der jungen Generation von Künstlerinnen, Journalistinnen und Autorinnen war.24 Dies kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass eine tatsächliche Emanzipation der Töchtergeneration stattfand, die sich erstmal nicht von dem Erstreben ihrer Idealvorstellungen abbringen ließ, bis der Typus der Neuen Frau schließlich mit dem Beginn des Nationalsozialismus sein Ende fand.

Nach einer langen Zeit, in der die Rolle der Frau bezüglich der Geschichtsschreibung negiert wurde, erwachte mit dem beginnenden Emanzipationsdiskurs in den 1970er auch das wissenschaftliche Interesse am Frauenbild des beginnenden 20. Jahrhunderts. Im Zuge dieses Diskurses wurde die soziopolitische Emanzipation der ersten modernen Superfrau betont.25 Dabei standen vor allem Frauen im Fokus, die aufgrund der sozioökonomischen Entwicklungen eine pädagogische, soziale oder wissenschaftliche Laufbahn aufwiesen. Die feministische Forschung der 1970er wertete außerdem das weibliche Angestelltendasein als Aufbruch in die Unabhängigkeit, da dadurch männliche Domänen erobert wurden.26

In den 1980er Jahren nahm die Forschung eine realistischere Position ein, nachdem durch Klassenanalysen der tatsächliche Lebensalltag der Frauen um 1920 erkannt wurde. Ganz klar wurde dargelegt, dass die Aufstiegschancen und Vorstöße in neues Terrain gleichsam an Unterbezahlung, Ausbeutung, Diskriminierung und Regulierung der Sexualität gekoppelt waren.27 Hier lag der Fokus auf der Betonung der sozioökonomischen Nachteile der weiblichen Erwerbstätigkeit.28

Während in den 1980er Jahren eine Trennung von real existierender Neuer Frau und Medienfiktion analysiert wurde, wurde dies mit der Medien- und Kulturwissenschaft der 1990er abgeschwächt. Die Neue Frau wurde sowohl als Medienkonsumentin und dadurch auch als Medienproduzentin ausgemacht. Die weiblichen Mode- und Körperexperimente der 1920er wurden als emanzipatorische (Geschlechts-)Maskerade gewertet und somit die Kommerzialisierung der Medien als Unterstützung des weiblichen Aufbruchs gesehen.29

Der Diskurs, der sich seit 1970 um die Neue Frau bildete, vollzog somit in seiner Bewertung des emanzipatorischen Potentials große Wendungen, bis er schließlich bei einer positiven medienkulturwissenschaftlichen Rezeption dieses Frauenbildes angelangt war.

3. Die Repräsentation der Neuen Frau in den zeitgenössischen Medien

3.1 Zeitschriften

Mit der Thematisierung des neuartigen Frauenbildes in der illustrierten Presse ging eine deutliche Steigerung der Auflagenzahl der Zeitschriften einher.30 Der am häufigsten genannte Aspekt war die angebliche Vermännlichung der Neuen Frau, die sowohl in negativer Weise debattiert wurde, aber gleichzeitig auch eine gewisse Faszination auf die Zeitgenossen ausübte. Ein weiterer Aspekt, der immer wieder erwähnt wurde, war ihre vermeintliche Unfähigkeit zu mütterlichen Charaktereigenschaften. In diesem Sinne wurde die Neue Frau als deerotisiertes Wesen, das der Mittelschicht angehörte, in der Presse thematisiert. Sie repräsentierte somit psychische und soziale Rollen, war stets von anderen Weiblichkeitsdarstellungen zu unterscheiden und somit ein gut erkennbarer Typ in der Zeitschriftenlandschaft.31 Obwohl die Neue Frau demnach oft mit damals negativ konnotierten Charaktereigenschaften verbunden wurde, hatte dieser Typ nicht nur großen Einfluss auf die Zeitschriftenauflage, sondern auch auf die Entwicklung reiner Frauenzeitschriften wie zum Beispiel Die Dame. Die Leserinnen und eventuell auch Leser der Zeitschriften scheinen sich nicht an den negativen Darstellungen gestört zu haben. Somit wird zum einen auf ein erhöhtes Konsumbedürfnis der illustrierten Presse verwiesen, aber auch darauf, dass das neuartige Weiblichkeitsbild den Zeitgeist traf und somit einen legitimen Platz in der medialen Welt um 1920 hatte.

3.1.1 Repräsentation in der Berliner Illustrirten Zeitung

Eine äußerst negative Darstellung der Neuen Frau findet sich im Artikel „Nun aber genug! Gegen die Vermännlichung der Frau“ wieder, der 1925 in der Berliner Illustrirten Zeitung erschien. Dabei wird die Vermännlichung der Frau vor allem anhand der Mode der Neuen Frau festgemacht, die deutliche Stilelemente der Herrenmode aufwies. Dieser maskuline Touch wird im Artikel als unnatürlich für eine Frau bezeichnet. Die empörte Tonalität des Artikels weißt einen deutlich anklagenden moralischen Unterton auf. Pedro sieht das als Hinweis, dass die Anklage nicht nur die vermännlichte Mode betraf, sondern auf vermeintlich gefährlichere Aspekte der damaligen Mode abzielte. Die Kritiker der Neuen Frau sahen in deren neuen Modestil ein Aufgeben der Weiblichkeit und damit eine Rückkehr zu einem adoleszenten Stadium der Sexualität, was als unnatürlich und beunruhigend gewertet wurde.32 Somit wurde die vermännlichte Mode für die Kritiker von der Angst vor Abnormalität begleitet. Es ist auffällig, dass die Neue Frau hier nur hinsichtlich ihres Kleidungsstils bewertet und dargestellt wurde. Allein das neuartige Erscheinungsbild hatte auf die Zeitgenossen eine derart große Wirkung und löste bei den Kritikern solch großes Unbehagen aus, dass die neuen Charaktereigenschaften und Wertvorstellungen nur wenig thematisiert wurden.

Ein weiteres Beispiel dieser Reduzierung auf das äußerliche Erscheinungsbild findet sich im Jahr 1927 wieder, als die BIZ in einer Zeitschriftenausgabe eine Zeichnung mit folgender Preisfrage untertitelte: „Was sagen Sie bloß zu Fräulein Mia?“.33 In der dazugehörigen Zeichnung ist ein fast identisch gekleidetes Paar zu sehen, das von drei Figuren im Hintergrund beäugt wird. Ein älterer Herr betrachtet die Szene mit einem verwirrten Gesichtsausdruck, während ein weiterer seiner Gesprächspartnerin, die im Vergleich zur Frau im Vordergrund deutlich femininer dargestellt ist, mit einem frechen Grinsen ins Ohr flüstert. Es ist auffallend, dass es dabei bei allen drei Figuren nicht um affirmative Reaktionen handelt. Obwohl nicht eindeutig argumentiert werden kann, ob die Frau Weiblichkeit auf den Mann übertragen hat oder, ob er Maskulinität auf sie übertragen hat, steht doch nur die Identität der dargestellten Frau zur Debatte. Pedro argumentiert, dass dies geschieht, da eine maskuline Frau den Zeitgenossen unnatürlich erschien.34 Interessanterweise muss sie ihnen unnatürlicher erschienen sein als der feminisierte Mann im Bild, der in der Preisfrage nicht einmal beiläufig erwähnt wird. Erneut sind die Gründe für diese Repräsentation und Ausstellung dieser „Unnatürlichkeit“ darin zu finden, dass die Neue Frau Ängste projizierte – genaugenommen männliche Ängste. In dem Artikel „The New Woman and the Rationalization of Sexuality in Weimar Germany“ stellt Grossmann fest, dass die angebliche sexuelle Befreiung der Frau der 1920er nur eine Form einer weiteren Repression war. Die Sexreformbewegung wollte die abnormalen sexuellen Impulse der Frau rationalisieren und sie somit disziplinieren. Dabei institutionalisierten die Reformer bestimmte Standards, die ein angeblich gesundes und sozial verantwortungsvolles Verhalten der Frauen zur Folge haben sollten. Die Sorge der Reformer lag darin begründet, dass sie die sinkenden Geburtsraten, die hohe Anzahl an illegalen Abtreibungen und die Erwerbstätigkeit der Frauen als Indizien für einen Geburtenstreik sahen. Sie gingen von einer politischen und sozialen Krise aus, in der die Frauen sich nicht mehr ihrer Geschlechtsverantwortung fügten und damit ihren Willen zur Fortpflanzung einbüßten.35 Die Beteiligten an der Sexreformbewegung veröffentlichten Artikel in der illustrierten Presse und somit kann hier ein Grund für die negative Darstellung der Neuen Frau gesehen, die in sich alles vereinigte, gegen das die Reformer kämpften.36 Die Zeitschriften können somit als Plattform für zeitaktuelle soziologische Reformbewegungen ausgemacht werden, die ganz massiv das Bild der Neuen Frau darin mitformten.

3.1.2 Repräsentation in Die Dame

Obwohl in Die Dame auch die vermännlichte Mode der Neuen Frau analysiert wurde, war diese Repräsentation im Gegensatz zur Darstellung in den beiden oben genannten Artikeln, nicht negativ und von zeitgenössischen Ängsten geprägt. Zur Einführung der Frühjahrsmode des Jahres 1926 erschien in der Frauenzeitschrift ein Artikel, der den Smoking für die Frau vorstellte. Im Artikel wird die angebliche Unweiblichkeit als „seltsames Mißverständnis“ bezeichnet, da sich jede Zeit „ihre eigenen Vorstellungen von männlichem und weiblichem Äußeren [bildet] und [dazu neigt] diese Vorstellung mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu verwechseln.“ Weiter heißt es: „Man mag sich beruhigen: Die Frau von heute will nichts von ihrer Weiblichkeit opfern, weil sie ein Aeußeres annimmt, das dem Zeitalter des Sports entspricht.“37 In diesem Text ist ganz klar der Versuch angelegt, die Angst vor den Folgen einer männlichen Frauenmode abzuschwächen und die Normalität dieser herauszustellen. Die dazugehörigen Zeichnungen zeigen die neue Mode im Detail und es ist erkennbar, dass sie aus einer Kombination von männlichen und weiblichen Stilelementen besteht: Rüschen, Perlenketten und Schleifen werden mit Jacketts und Westen kombiniert. Somit kann die Frau als Figur einer sexuellen Mobilität beschreiben werden und Die Dame führt ein raffiniertes Spiel mit den traditionellen Geschlechterrollen vor. Dies analysiert eine Moderedakteurin im Artikel „Die Vermännlichung der Frau“, der 1924 in der BIZ erschien, und wertet die maskuline Maskerade als eine essentielle weibliche Geste. Sie geht davon aus, dass Mode die erotische Wahrnehmung und die erotischen Bedürfnisse einer bestimmten Zeit widerspiegelt. Die Frau würde auf einen ihr kastriert erscheinenden Mann antworten, der von Krieg und Krisen geschüttelt ist und deshalb weder spezifisch männlich noch weiblich erschient, indem sie seine Männlichkeit mit der maskulinen Frauenmode parodierte.38

Auch für die Leserin der Dame hatte diese Repräsentation der Neuen Frau bestimmte Konsequenzen. Durch die Destabilisierung der männlichen und weiblichen Ikonographie, wurde ein neuer Blick auf die Identität der Geschlechter ermöglicht, der Raum lies für weibliche Identifikation und weibliches Begehren. Durch die Infragestellung der traditionellen Männlichkeit, die mit der Vermännlichung der Frau einherging, wurde es für die Frauen möglich ihre Unzufriedenheit mit der klassischen Rollenverteilung auszudrücken. Außerdem gelang es der Dame die einseitige Erotisierung der Frau auf den Mann zu übertragen und somit auch den männlichen Körper zu sexualisieren. Der Mann, der die Neue Frau in der Zeitschrift begleitete, wurde feminisiert dargestellt.39 Die Neue Frau wurde also stark über ihre oszillierende Geschlechtsidentität repräsentiert, die an eine gleichsam oszillierende Sexualität des Mannes gekoppelt war. Dadurch wurde der Annäherung der Geschlechter eine öffentliche Plattform gegeben.

In den späten 1920ern und frühen 1930ern fand allerdings eine Kehrtwende in der Repräsentation der Neuen Frau statt. Die vermännlichte, bisexuelle Frau wurde als existentielles Problem für die erwachsene, reife Frau beschrieben. 1927 erschien in Die Dame der Artikel „Die verstandene Frau“, in dem vermeintlich wissenschaftliche Gründe für die Anpassung der Frau an ihre traditionelle Geschlechterrolle dargelegt werden. Die bisexuelle Frau, in der ein Kampf der Geschlechter stattfinden würde, rufe beim Mann Gewalthandlugen hervor, da er den männlichen Teil der Frau besiegen müsse, um den weiblichen hervorzubringen. Darum wurde die klassische Weiblichkeit als natürlichste Identität für die Frau beschrieben.40 Aus heutiger Sicht bedeutete dies jedoch nichts anderes als eine Unterdrückung der Bisexualität. Ab den 1930ern fügte sich Die Dame diesen Vorstellungen und repräsentierte die Frau über eine exzessiv dargestellte Weiblichkeit sowie den Mann als übermäßig maskulin.41

[...]


1 Franz Hessel, An die Berlinerin, in: Moritz Rinke (Hg.), An die Berlinerin, Berlin 1998. S. 42-45.

2 Vgl. Elke Kupschinsky, Die vernünftige Nephertete. Die „Neue Frau“ der 20er Jahre in Berlin, in: Jochen Boberg (Hg.), Die Metropole. Industriekultur in Berlin im 20. Jahrhundert, München 1986, S. 164-173, hier: S. 164.

3 Vgl. Kupschinsky, S. 168.

4 Vgl. ebd.

5 Heinrich Mann, Der Bubikopf, in: Ders., Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge, Berlin/ Wien/Leipzig, 1929, S. 300-304.

6 Vgl. Kupschinsky, S. 168.

7 Vgl. Barbara Drescher, Die ‚Neue Frau‘, in: Walter Fähnders (Hg.), Autorinnen der Weimarer Republik, Bielefeld 2008, S. 163-186, hier: S. 169.

8 Vgl. Kupschinsky, S. 164 und Walter Fähnders, Avantgarde und Moderne 1890-1933. Lehrbuch Germanistik, Stuttgart/Weimar 2010, S. 239.

9 Vgl. Kupschinsky, S. 170.

10 Vgl. Fähnders, S. 239.

11 Vgl. Kupschinsky, S. 164.

12 Vgl. ebd., S. 165.

13 Vgl. Drescher, S. 169.

14 Vgl. Drescher, S. 175.

15 Vgl. Kupschinsky, S. 168.

16 Vgl. Drescher, S. 163.

17 Vgl. Kupschinsky, S. 164.

18 Vgl. Drescher, S. 169.

19 Vgl. Kupschinsky, S. 165.

20 Vgl. Atina Grossmann, The New Woman and the Rationalization of Sexuality in Weimar Germany, in: Ann Barr Snitow (Hg.), Powers of Desire. The Politics of Sexuality, New York 1983, S. 153-169, hier: S. 157.

21 Vgl. Kupschinsky, S. 171.

22 Vgl. Drescher, S. 167-168.

23 Ebd., S. 168.

24 Vgl. Drescher, S. 167.

25 Vgl. ebd., S. 164.

26 Vgl. ebd., S. 173.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. ebd., S.164.

29 Vgl. ebd., S. 174.

30 Vgl. Patrice Petro, Joyless Streets. Women and Melodramatic Representation in Weimar Germany, Princeton 1989, S. 90.

31 Vgl. ebd., S. 103-110.

32 Vgl. Petro, S. 105.

33 Ebd., S. 108.

34 Vgl. ebd., S. 105-107.

35 Vgl. Grossmann, S. 154-157.

36 Vgl. Petro, S. 109.

37 Ebd., S. 112.

38 Vgl. Petro, S. 111-112.

39 Vgl. ebd., S. 118 -119.

40 Vgl. Petro, S. 119-121.

41 Vgl. ebd., S. 121-124.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wer ist die Neue Frau? Zwischen Ideal und Realität
Untertitel
Eine Untersuchung der Neuen Frau der 1920er Jahre
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V931493
ISBN (eBook)
9783346241429
ISBN (Buch)
9783346241436
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Goldenen Zwanziger, Die Neue Frau, Goldene Zwanziger, Neue Frau, 1920
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Wer ist die Neue Frau? Zwischen Ideal und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931493

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