Die literaturtheoretische Diskussion um dichterische Wahrheit und ihren Bezug zu einer faktischen Wirklichkeit ist ungebrochen. Eine entscheidende Rolle hierbei spielt die Fiktionalitätstheorie. Was ist eigentlich Fakt, was Fiktion? Und kann man diese zwei Kategorien überhaupt so einfach trennen? Das Bewusstsein für solche Fragestellungen nahm in der Antike schon sehr früh ihren Anfang. Der mögliche Beginn einer Entwicklung hin zu einem modernen Fiktionalitätsbegriff ist in der Zeit um 1200 auszumachen. Ich möchte in dieser Arbeit über eine allgemeine Begriffsbestimmung von Fiktionalität diesen Beginn näher beleuchten und zu einem Konzept der möglichen Welten hinführen. Dieses Modell soll dann auf den Tristanroman Gottfrieds von Straßburg angewendet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fiktionalität
2.1 Fiktionalität im höfischen Roman um 1200
3. Alternativität und das Konzept der möglichen Welten
4. Gottfrieds „Tristan“
4.1 Autor-Alternativen
4.2 Charakter-Alternativen
5. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Fiktionalität in Gottfrieds „Tristan“ unter Anwendung des Modells der „möglichen Welten“. Das Ziel besteht darin, durch die Analyse narrativer Alternativen im Text aufzuzeigen, wie der Autor den traditionellen Wahrheitsanspruch literarischer Erzählungen hinterfragt und die Fiktionalität des Romans durch das Spiel mit verschiedenen Erzählversionen reflektiert.
- Theoretische Begriffsbestimmung von Fiktionalität
- Entwicklung des Fiktionalitätsbewusstseins um 1200
- Konzept der „möglichen Welten“ in der Literaturwissenschaft
- Analyse von Autor-Alternativen und Charakter-Alternativen im „Tristan“
- Reflexion über das Verhältnis von Sprache, Wahrheit und Erzählpraxis
Auszug aus dem Buch
4.2 Charakter-Alternativen
Unter Charakter-Alternativen sind in Gottfrieds Roman die Geschichten, die Tristan über sich selbst und seine Vergangenheit erzählt, gemeint. Den Pilgern erzählt er, wie es dazu kam, dass er alleine im Wald umherläuft (V.2695-2721), den Jägern gibt er Auskunft über seine Vergangenheit in Parmenien (V.3097-3123), in Dublin erklärt er seinen schlimmen Zustand (7559-7607), in Wexford führt er aus, warum er dort gelandet ist und bleiben muss (V.8787-8869/9517-44) und schließlich macht er Gandin klar, warum er ihn aufgesucht hat. Alle diese Geschichten sind echte Alternativen zur eigentlichen Darstellung des Autors und unterscheiden sich deutlich von den Autorenalternativen. Durch die Ebenenverschiebung sind diese möglichen Welten in Beziehung zu Gottfrieds Erzählung immer kontrafaktisch und damit unmöglich. Die erzählte Welt stellt die Welt der Fakten dar, Tristans Versionen werden dadurch zu ‚Lügengeschichten’. Sie sind in sich völlig logisch und kohärent und sind für sich allein stehend plausibel, was auch dazu führt, dass die Personen, denen sie erzählt werden, ihnen Glauben schenken. In Bezug auf die gesamte Erzählung sind sie allerdings unmöglich. Wir haben es hier also mit alternativen Welten zu tun, die gleichzeitig und je nach Bezugssystem möglich und unmöglich sein können. Durch die Aufnahme von Teilen dieser Alternativwelten in die tatsächliche Geschichte treibt Gottfried den Fiktionalitätsdiskurs auf die Spitze. „Denn indem er Wege findet, diese Geschichten umzusetzen, gibt Gottfried seine narrative Welt als eine zu erkennen, in der das Unmögliche möglich wird.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die literaturtheoretische Diskussion um Fiktionalität ein und skizziert das Ziel, das Konzept der möglichen Welten auf den Tristanroman anzuwenden.
2. Fiktionalität: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Fiktionalität, kritisiert einfache Dichotomien zwischen Fakt und Fiktion und plädiert für einen pragmatischen Ansatz.
2.1 Fiktionalität im höfischen Roman um 1200: Hier wird der historische Kontext beleuchtet, in dem die Entwicklung eines modernen Fiktionalitätsverständnisses durch die Rezeption antiker Theorien einsetzt.
3. Alternativität und das Konzept der möglichen Welten: Das Kapitel führt das philosophische Modell der möglichen Welten in die Literaturwissenschaft ein und differenziert zwischen intertextueller und intratextueller Alternativität.
4. Gottfrieds „Tristan“: Dieses Hauptkapitel wendet die theoretischen Konzepte der Alternativität konkret auf Gottfrieds Werk an und analysiert die Erzählstruktur.
4.1 Autor-Alternativen: Die Analyse konzentriert sich hier auf Textstellen, an denen der Erzähler explizit verschiedene Versionen des Geschehens präsentiert oder reflektiert.
4.2 Charakter-Alternativen: Dieses Unterkapitel behandelt die „Geschichten in der Geschichte“, in denen Tristan selbst als Erzähler auftritt und alternative Identitäten konstruiert.
5. Ergebnisse: Das Fazit fasst zusammen, dass Gottfried durch die bewusste Verwendung widersprüchlicher Erzählversionen die Fiktionalität seines Werkes als zentrales poetisches Prinzip etabliert.
Schlüsselwörter
Fiktionalität, Gottfried von Straßburg, Tristan, Mögliche Welten, Narrativität, Literaturtheorie, Alternativität, Mittelalter, Erzählpoetik, Wahrheit, Fiktion, Autorenalternativen, Charakteralternativen, Diskurs, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Konzept der Fiktionalität in Gottfrieds von Straßburgs „Tristan“ und analysiert, wie der Dichter durch den bewussten Einsatz alternativer Erzählversionen den Wahrheitsanspruch mittelalterlicher Dichtung reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition von Fiktionalität, die historische Entwicklung des Fiktionalitätsbewusstseins um 1200 sowie die Anwendung des Konzepts der „möglichen Welten“ auf literarische Texte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Gottfrieds „Tristan“ keine absolute, faktische Wahrheit beansprucht, sondern das Erzählte als ein Spiel mit Möglichkeiten begreift und damit den Fiktionalitätsdiskurs seiner Zeit maßgeblich prägt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der er bestehende Fiktionalitätstheorien (u.a. von Chinca, Ronen und Green) auf die narrativen Strukturen und die intertextuellen sowie intratextuellen Alternativen im Tristanroman anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Fiktionalität und der möglichen Welten dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Autor- und Charakteralternativen innerhalb der Tristan-Handlung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fiktionalität, Alternativität, mögliche Welten, narrative Wahrheit und die Analyse von Autorenalternativen und Charakteralternativen charakterisiert.
Wie definiert der Autor „Charakter-Alternativen“ im Tristan?
Charakter-Alternativen bezeichnen Episoden innerhalb des Romans, in denen Tristan selbst als Erzähler auftritt und alternative Lebensgeschichten konstruiert, die im Kontext der Gesamterzählung jedoch als kontrafaktisch bzw. als „Lügengeschichten“ markiert sind.
Warum spielt der Prolog eine besondere Rolle für das Fiktionalitätsbewusstsein?
Der Prolog dient als Ort der Quellenkritik und der Selbstinszenierung des Autors, der sich durch den Anspruch, die „richtige Version“ zu vermitteln, von anderen Tradenten des Stoffes absetzt und damit seinen eigenen Fiktionsvertrag mit dem Publikum etabliert.
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- Danny Gronmaier (Author), 2007, "So oder auch anders..." - Fiktionalität und mögliche Welten in Gottfrieds "Tristan", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93157