Professionalität in der Weiterbildungsgesellschaft. Grundlagen, Tendenzen, Optionen und Entgrenzung der Weiterbildung


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Kompetenzorientierte Prüfungen sind in der Erwachsenenbildung von hoher Bedeutung, da erworbene Kompetenzen immer wieder aufgefrischt und erneuter werden sollten. Das bedeutet, dass nach einigen Jahren das erworbene Wissen oder auch die Kompetenzen nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind. Grundlegende Kompetenzen können bei Erwachsenen in der Regel entwickelt und abgerufen werden. Um jedoch tagesaktuelle oder neue Kompetenzen zu erwerben, bedarf dies einer angepassten Gestaltung von Prüfungen oder auch Zertifizierungen.1

Diese sollten so aufgebaut sein, dass der Lernende seine neuen Kompetenzen nicht nur besitzt, sondern diese auch anwendet. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Formen des Kompetenzausweises neu zu regeln. Eine Problematik besteht häufig darin, dass zwischen dem Unterrichten und dem Prüfen eine enge Wechselwirkung besteht. Schüler lernen dabei häufig nur das, was voraussichtlich in der Prüfung gefragt wird. Bei dieser Art des Lernens und des Prüfens sorgt jedoch für eine Vergessensrate nach der Prüfung von bis zu 80%. Lernende eignen sich nur das an, was messbar ist, nicht aber, wie das gelernte direkt in die Praxis umgesetzt werden kann. Um diese schwerwiegende Problematik zu umgehen, bedarf es einer professionellen Gestaltung von Lernprozessen, die zum einen kompetenzbildendes Lernen fördert und zum anderen eine Prüfungsstrategie inne hat, welche tatsächlich Kompetenzen und nicht nur flüchtige Wissensbestandteile erfasst. Es geht dabei um eine Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit bei der Lösung von Problemen und nicht um die reine Wiedergabe von auswendig Gelerntem. Ob ein Lernender also über bestimmte Kompetenzen verfügt, zeigt sich in der Art und Weise seine Probleme zu bewältigen. Es geht um die Herangehensweise, das Planen, das Gestalten, das Kontrollieren und das Beurteilen einer bestimmten Situation, eines Problems oder eines neu zu lernenden Sachverhaltes.2

Für eine kompetenzorientierte Gestaltung von Prüfungen und Zertifizierungen ergeben sich strategische Bausteine der sogenannten LENA-Strategie. Diese werden für eine kompetenzorientierte Prüfungsdidaktik herangezogen und werden als "Kompetenzorientierte Diagnose und Zertifizierung" (KODIZ) bezeichnet.

Diese spezielle Didaktik enthält dabei folgende Elemente:

1. Selbst-gesteuertes Handeln: Kompetentes Handeln zeigt sich grundsätzlich in eigener Planung, Initiative und Prozessgestaltung. Eine Prüfungsaufgabe sollte daher genügend Raum für eigene Planung, Initiative und Prozessgestaltung bieten.

Beispiel: Ein Student der Physiotherapie soll anhand eines Fallbeispiels zu einem Patienten einen geeigneten therapeutischen Behandlungsplan erstellen. Er muss selbst planen, wann er welche Therapiemethoden anwendet. Er kann den Prozess selbst gestalten, in dem ihm die Auswahl der Therapiemethoden völlig frei gestellt ist. Außerdem ist eigene Initiative gefragt, da keine Lösungsvorschläge vorgegeben sind (wie z.B. bei einer Multiple Choice Aufgabe).

2. Produktives Handeln: führt zu Ergebnissen auf Grundlage von komplexeren Bearbeitungen und Gestaltungen

Beispiel: Die komplexe Gestaltung und Bearbeitung der oben genannten Aufgabe kann mündlich und praktisch geprüft werden. Der Student soll seine Gedanken zunächst mündlich mitteilen und die Aufgabe dann praktisch an einem Probanden zeigen. Die Komplexen Gedankengänge und Folgerungen lassen sich in einem Prüfungsprotokoll festhalten.

3. Aktives Handeln: fordert den Akteur (Studenten) proaktiv heraus - nicht nur reaktiv.

Beispiel: Es wird nur ein Kasus vorgelegt. Es werden keine expliziten Fragen dazu gestellt. Der Student muss diesen Kasus selbstständig und ohne Handlungsaufforderung bearbeiten können. Auch dies ist durch Verbalisierung von Gedanken in einem Protokoll festzuhalten.

4. Situatives Handeln: zeigt sich in der angemessenen und sachgemäßen Bewältigung von Problemsituationen.

Beispiel: Diese Art des Handelns lässt sich am besten an einer praktischen Prüfung an einem Patienten überprüfen. Ein Student untersucht dazu den Patienten und plant passend dazu gedanklich seine darauffolgende therapeutische Behandlung. Wenn der Patient jedoch während der durchgeführten Therapie stark veränderte Vitalzeichen zeigt und kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch steht, so muss der Student seine geplante Therapie über Bord werfen und angepasst an die Situation reagieren, um den Kreislauf des Patienten wieder zu stabilisieren.

5. Soziales Handeln: meint vernetztes, bzw. kooperatives Handeln. Es nutzt die Potenziale anderer und ist durch die Arbeitsteilung und wechselseitige Unterstützung gekennzeichnet.

Beispiel: Während der praktischen Prüfung am Patienten könnte der Student der Physiotherapie eine Krankenschwester oder einen Arzt verständigen, um zur Hilfe zu kommen. Dies erfordert kommunikative Fähigkeiten, ein fachliches Vokabular, die Situation korrekt zu schildern und schnell zu handeln sowie Selbstbewusstsein und Kooperationsfähigkeit mit anderen Berufsgruppen.

Bei KODIZ geht es vor allem darum, ein Konzept der vollständigen Aufgabenlösung zu erstellen. Dabei kommt es bei Prüfungen auf folgende Aspekte an: Schritt für Schritt einen Pool an Prüfungsaufgaben zu erstellen, die Validität dieser Prüfungsaufgaben passend zu den Kompetenzen zu gewährleisten, Prüfungsformen anwenden, in denen sich Lernende tatsächlich mit für die Kompetenzen relevanten Situationen auseinandersetzen.

KODIZ bezeichnet damit eine ganzheitliche Form der kompetenzorientierten Prüfung, wobei es vor allem um nachhaltiges Lernen und selbstständiges, eigenverantwortliches Handeln geht. Dies soll mit dieser Form von Aufgabenstellungen bestmöglich erreicht werden.

Zusätzlich zu den eben genannten Aspekten von KODIZ gelten für kompetenzorientierte Prüfungen und Zertifizierungen die Gütekriterien sozialwissenschaftlicher Forschung: Objektivität, Validität und Reliabilität. Diese Gütekriterien sorgen dafür, dass die Prüfungsaufgaben weiterhin professionell und evidenzbasiert sind.3

Um ein Verständnis davon zu bekommen, wie Haltungsbildung gefördert werden kann, sollte der Begriff der Haltungsbildung zunächst definiert bzw. abgegrenzt werden. Es geht hierbei vorrangig um das Erleben einer lernenden Person, denn ohne dieses kann sich Wissenserwerb nicht zu einer Qualifikation verdichten und schlussendlich zu einer Kompetenz reifen. Dieser Aspekt des Erlebens beinhaltet dabei das Üben des gelernten, und vor allem die immer wieder kehrende Selbstreflexion. Um Gelerntes dann als reine Kompetenz anzuwenden, bedarf es einer wachsenden Autonomie des Lernenden - im Umgang mit äußeren und inneren Geschehnissen. Diese Autonomie basiert auf der Erfahrung, dass man nur im Erleben einer Krise oder in einer bewussten Beobachtung eine Kompetenzreifung anstreben kann. Um diese Autonomie und das Erleben mit neu Gelerntem umzusetzen, ist vor allem die "Kraft des Selbst" bzw. eine Ich-Stärke, eine Entwicklung von Identität, Bewusstsein und Handlungskompetenz selbst von Nöten. Diese eben genannten Aspekte lassen sich in drei zentralen Aussagen bündeln, um die Haltungsbildung zu beschreiben:

1. Menschen entwickeln ihre Selbststeuerungs - und Handlungsfähigkeit in einem sehr frühen Bindungserleben. Sie sind die Grundlage für die Identität im weiteren Lebenslauf.
2. Das Selbst eines Menschen entwickelt sich in einem kulturell überlieferten und persönlichen Erleben. Dieses ermöglicht Erfahrungen, welche für selbst-wirksames Handeln notwendig sind.4
3. Kognitive Lernprozesse alleine genügen nicht für ein tiefgreifendes Veränderungslernen. Für dieses werden vor allem Phasen emotionaler Labilisierung, wie z.B. Krisenerfahrungen oder Krisensituationen benötigt. Diese sollten dabei jedoch professionell angebahnt und begleitet werden, um den gewünschten Effekt zu erhalten.

Um diese drei zentralen Aussagen zu erreichen und eine Haltungsbildung entsprechend zu fördern, sollten sowohl ein moralisches Bewusstsein als auch das eigene Selbstwirksamkeitserleben gefördert werden. Es geht also nicht um den Umgang mit Krisensituationen und der Unsicherheit alleine, sondern um das Bemühen den Lernenden so zu begleiten, dass dieser in der Lage ist zu reflektieren und reflexiv zu handeln. Dabei sollte er seine eigenen emotionalen und kognitiven Werkzeuge gleichermaßen reflektieren, wie die äußeren Lebensumstände. Um die Haltungsbildung also zu fördern, sollten vor allem reflexive Fähigkeiten gefördert werden. Diese ermöglichen dann ein Handeln zwischen Selbstwirksamkeitserleben und moralischem Bewusstsein, welches es gilt abzuwägen.5 Um auf eine besondere Förderung der Haltungsbildung Rücksicht zu nehmen, sollten Lernarrangements durch spezielle Maßnahmen ergänzt werden und vor allem auf die drei folgenden Aspekte Bezug nehmen: Förderung der Ich-Stärke, Vermittlung von Zusammenhängen und Erfahrungen und Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten:

1. Förderung der Ich-Stärke: Lernende sollen dazu befähigt werden, eigene Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen, sich mit gesellschaftlichen Normen auseinander zu setzen, selbstbestimmt soziale Verpflichtungen einzugehen und kritikfähig eigenem Verhalten gegenüber zu sein - dieses also zu reflektieren.
2. Vermittlung von Zusammenhängen und Erfahrungen: Der Lehrende kann dabei die Einsicht fördern, dass individuelle Lebenslagen veränderbar sind, Konflikte nicht nur individuell, sondern auch struktureller Natur sein können und politische Beteiligung für Veränderungsprozesse notwendig ist.
3. Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten: Die Lernenden sollen gefördert werden, ihre Wahrnehmung und Deutung der Wirklichkeit zu überprüfen, eigene Gefühle, Bedürfnisse und Interessen ausdrücken zu können, sich mit Gruppenprozessen auseinanderzusetzen.6

Die Weiterentwicklung menschlicher Möglichkeiten findet auf mehreren Ebenen statt. Es geht einerseits um die Optimierung physischer Fähigkeiten, andererseits um mentale und intellektuelle Arbeitskraft. Aus diesem Grund kann der Wunsch, an Weiterbildungsveranstaltungen vielfältig und auf mehreren Dimensionen betrachtet werden. Grundsätzlich besteht zunächst der Wunsch einer Entfaltung der eigenen Persönlichkeit oder aber einer Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Zusätzlich zu diesen Aspekten tragen gesellschaftliche Entwicklungen dazu bei, dass Individuen den Wunsch verspüren, sich immer wieder neu zu qualifizieren. Dabei lassen sich folgende Teilaspekte herausarbeiten: Globalisierung, Konkurrenz, Individualisierung, Ausgrenzung, Armut und Reichtum sowie Krisenerscheinungen. Im Folgenden werden diese Begriffe nun weiter ausgeführt, um zu erklären, was Menschen dazu veranlasst sich weiterzubilden.7

Globalisierung: Da Wirtschaftsunternehmen immer mehr auf internationalen Märkten agieren, benötigen diese eine globale Orientierung. Um auf diesen globalen Märkten zu bestehen, benötigen Führungskräfte und Mitarbeiter besondere Qualifizierungen. Hierbei geht es vor allem um Fachkompetenz, sprachliche Kompetenzen und Kultursensibilität. Im letzten Aspekt sollen Mitarbeiter darin gefördert werden, in internationalen Situationen passende und der jeweiligen Kultur angepassten Verhaltensweisen zu zeigen - das kluge Einhalten von Regeln im Umgang mit internationalen Vertragspartnern.8

Konkurrenz: Zwischen Bewerbern herrscht individuelle Unterschiedlichkeit. Diese gilt es zu erkennen. Es geht dabei zunächst um fachliche Qualifikationen. Diese sollten jedoch um die sogenannten Soft Skills ergänzt werden. Man versteht darunter soziale und emotionale Kompetenzen wie Selbstwahrnehmungsfähigkeit, Empathie, die Fähigkeit, Interaktionsprozesse zu realisieren, sowie das Erkennen von Belastungsgrenzen. Um sich also im beruflichen Kontext durchzusetzen und konkurrenzfähig zu bleiben, sollten Menschen sowohl fachliche Qualifikationen als auch Soft Skills in Weiterbildungsveranstaltungen erlernen oder vorhandenes Wissen und Können auszubauen.9

Individualisierung: Durch komplexe Gesellschaften und unterschiedliche soziale Milieus sowie sozialen Rollen, steigt die Erwartung an den Einzelnen und damit als Folge der Wunsch nach Individualisierung. Dabei geht es vorrangig um einen Wunsch nach Freiheiten und ein selbstbestimmtes, individuelles Handeln - durch selbst angeeignetes Sachwissen und ein Bedürfnis nach Entscheidungssicherheit.10

Ausgrenzung: Die massivste Form der Konkurrenz - die Ausgrenzung - möchten Individuen so gut wie möglich ausschalten. Eine Ausgrenzung kann beispielsweise durch fehlende, in einer bestimmten Gesellschaft notwendigen Qualifikation stattfinden: die Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben, der ungenügende Gebrauch einer Landessprache, Unkenntnis gesellschaftlicher Normen und Regeln sowie soziale Standards. Diese entsprechenden Fähigkeiten können bei einer ungenügenden Beherrschung dieser zu einer Ausgrenzung eines Individuums in einer sozialen Gruppe führen. Um dies zu verhindern, stehen entsprechende Bildungsangebote zur Verfügung, die den Wunsch nach Integration entsprechend fördern sollen.11

[...]


1 Arnold 2015: S. 9

2 Arnold 2015: S. 16 - 18

3 Arnold 2015: S. 19 - 22

4 Arnold 2015, S. 27

5 Arnold 2015, S. 28 f.

6 Klawe S. 3 f.

7 Müller-Commichau 2011, S. 8 - 10

8 Müller-Commichau 2011, S. 10

9 Müller-Commichau 2011, S. 11 - 13

10 Müller-Commichau 2011, S. 14 - 15

11 Müller-Commichau 2011, S. 15

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Professionalität in der Weiterbildungsgesellschaft. Grundlagen, Tendenzen, Optionen und Entgrenzung der Weiterbildung
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (Abteilung Human Resources)
Veranstaltung
Professionaliät in der Weiterbildungsgesellschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V931717
ISBN (eBook)
9783346250353
ISBN (Buch)
9783346250360
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weiterbildung, Lernen, Lebenslauf, Pädagogik, Einsendeaufgabe, Komptenzen, Kompetenzorientierung, Perspektiven, Trends, Politik, Modelle des Lebenslaufes, Pädagogische Konsequenzen, Entgrenzung des Lernens, Bildungspolitik, Qualifikation, Professionalisierung in der Weiterbildung, Professionalisierung, Soziologische Perspektive, Berufssoziologie, Qualität
Arbeit zitieren
Nathalie Heiß (Autor), 2017, Professionalität in der Weiterbildungsgesellschaft. Grundlagen, Tendenzen, Optionen und Entgrenzung der Weiterbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931717

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