Das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Warum der Rekurs auf theologische Konzepte?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überlegungen zum Historismus
2.1 Abgrenzung vom konservativen Historismus
2.2 Eingedenken als Mittel materialistischer Geschichtsschreibung
2.3 Struktureller Wandel durch materialistische Geschichtsschreibung
2.3.1 Dialektik im Stillstand

3 Überlegungen zum Fortschritt
3.1 Abgrenzung vom gegenwärtigen Fortschrittsbegriff
3.2 Kritik am Fortschrittsglauben der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
3.2.1 Angelus Novus

4. Überlegungen zur Theologie
4.1 Materialismus und Messianismus
4.2 Theologie als Mittel zur Erörterung materialistischer Geschichtsschreibung

5. Schlussbetrachtung

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichtsphilosophie Walter Benjamins ist ein zentrales Kapitel in seinem Gesamtwerk. Sie umfasst alle Bereiche, in denen Benjamin Untersuchungen angestellt hat - Sprachphiloso­phie, Medientheorie, Literaturkritik, Kulturwissenschaft und Theologie - und integriert sie in ihren eigenen theoretischen Komplex. In der folgenden Arbeit unternehme ich den Versuch Benjamins Vorgehen zu rekonstruieren, wobei der Fokus auf einer inhaltlichen Analyse liegt. Diskussionen der Form und spezifischen Arbeitsweise werden daher stets unter dem Aspekt inhaltlicher Bedeutung und Funktion geführt.

Wesentlich plädieren Benjamins Thesen für einen neuen Zugriff auf die Geschichte in der Stunde höchster Not. Der Text entstand unter dem Eindruck des rapiden Aufstiegs des Faschis­mus und während einer scheinbar aussichtslosen weltgeschichtlichen Lage im Jahr 1940. In seinen Überlegungen problematisiert Walter Benjamin allerdings nicht in erster Linie den Fa­schismus als symptomatisches Phänomen, sondern die Ursache der Krise: Die Universalge­schichte, die Arbeitsweise konventioneller Geschichtsschreibung sowie den Fortschrittsopti­mismus als soziopolitische Ideologie. In Abgrenzung vom Geschichts- und Fortschrittsbegriffs der Moderne entwirft Benjamin das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung, dem­zufolge die Aktualisierung von Vergangenheit transformativen Einfluss auf die Gegenwart neh­men kann. Gerade in der Stunde höchster Not ermutigen die geschichtsphilosophischen Thesen Benjamins wieder Hoffnung zu schöpfen.

Die Rekonstruktion und Analyse Benjamins materialistischer Geschichtsschreibung, die den Kern meiner Arbeit bildet, vollziehe ich anhand von drei Schlüsselthemen.

Zunächst richte ich mein Augenmerk auf Benjamins Abgrenzung vom konservativen Historis­mus. Ich knüpfe dabei an die Analysen von Gagnebin, Fürnkäs, Raulet und Cvejic an, um meine Interpretation Benjamins zu stützen. Da im Rahmen dessen eine Hinwendung zu Benjamins materialistischer Geschichtsschreibung unerlässlich ist, skizziere ich im Anschluss die theore­tischen Voraussatzungen und Praxis dieser. Dabei rekurriere ich auf Benjamins Konzept des Eingedenkens (Marcheson), des Zitats (Voigts) und die Dialektik des Stillstands (Wong).

Des Weiteren untersuche ich Benjamins Abgrenzung vom Fortschrittsoptimismus seiner Zeit. Dazu setze ich mich mit Marx Kritik am Gothaer Programm und Schmidts Marxrezeption aus­einander, um Benjamins eigenständige Position auch in Abgrenzung zu einer marxistisch-uto­pischen Position herauszuarbeiten.

Seit der ersten, von Peter Bulthaup 1975 herausgegebenen Sammlung von Aufsätzen zu Ben­jamins Thesen, hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung vorwiegend auf den Wider­streit der beiden wichtigsten Denkrichtungen konzentriert: Theologie (Sholem) und Marxismus (Brecht)1. Im letzten Schritt will ich diese unilateralen Lesarten jedoch vernachlässigen. Statt­dessen entwickle ich auf der Basis von Löwy und Wong ein neues Verständnis für die Funktion theologischer Motive bei Benjamin. Für mich ist dabei die Frage zentral, warum sich Benjamin theologischer Figuren und Konzepte bei dem Versuch bedient, eine kritische Historiographie und revolutionäre Praktik zu denken.

2. Überlegungen zum Historismus

2.1 Abgrenzung vom konservativen Historismus

Um Benjamins Kritik am konservativen Historismus nachvollziehbar zu machen, wird im Fol­genden zunächst die konservativ-historische Perspektive auf Geschichte anhand der Ge­schichtsphilosophischen Thesen rekonstruiert.

Der Konservative Historismus betrachtet Geschichte als zeitlich-linearen Verlauf von abge­schlossenen Ereignissen. Das Ziel der Geschichtswissenschaft ist die Aufzeichnung, Datierung, Archivierung und Verwaltung historischer Fakten. Der Chronist, welcher die historischen Er­eignisse unterschiedslos erzählt, vermittelt eine Vorstellung, in der nichts „was sich jemals er­eignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.“2 „Die Wahrheit wird uns nicht davonlau­fen“ heißt es äquivalent bei Gottfried Keller.3 Demnach erhebt die konservativ-historische Per­spektive den Anspruch, Geschichte als faktisch korrekt und abgeschlossene Kapitel darzustel­len. Dieses Verfahren geht zurück auf die Philosophie des Idealismus, die den Fortschritt zur „Signatur des Geschichtsverlaufs im ganzen“4 gemacht und dadurch die historische Perspek­tive ihrer kritischen Funktion beraubt hat. Die Geschichtsphilosophie der Universalgeschichte wurde dem Vernunftbegriff der Aufklärung untergeordnet. Ausgehend davon begriffen Fort- schrittstheoretiker*innen Geschichte als Entwicklungsgang der Menschheit, der vom Naturzu­stand über Wissenschaft und Technik zum perfekten Menschen führe. Ein Fortschritt von Fer­tigkeiten und Kenntnissen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Fortschritt der Menschheit. Deshalb führt diese Perspektive laut Benjamin zu zwei Problemen.

Zum einen impliziert die vermeintliche Faktizität von Geschichte, dass die geschichtlich fixier­ten Ereignisse tatsachengemäß und somit verbindlich sind, trotz vielfältiger und teils wider­sprüchlicher historischer Zeugnisse.5 Dieses Credo des konservativen Historismus bricht mit den Alternativen der damaligen Debatte und etabliert eine historische Vernunft, die sich nur vermeintlich an den positivistischen Kriterien des Gewesenen orientiert. Dabei übersieht der Historiker, dass seine Deutung unfrei von subjektiver Einschätzung ist, und damit, dass festge­schriebene Geschichte ein soziales Konstrukt ist. Bereits das Verfahren der Einfühlung, das Fustel de Coulange dem Historiker empfiehlt, wolle er eine Epoche nacherleben6, gibt Anlass zu der Frage: in wen soll der Historiker sich einfühlen? Benjamin kritisiert diesen Historismus als eine Geschichtsschreibung der Sieger, da ausschließlich jene es sind, in die der Geschichts­schreiber sich einfühlt. Dieses vermeintlich faktische Verfahren diene nur dazu, die Existenz von Herrschaft als den Normalzustand in der menschlichen Gesellschaft darzustellen.7 Dabei wird allzu leicht übersehen, was die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse eigentlich sind: ein historisch Gemachtes. Deshalb fordert Benjamin: „In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von Neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“8

Zum anderen bietet die Vorstellung einer abgeschlossenen Geschichte, keine Anknüpfungs­punkte der Gegenwart an die Vergangenheit. Indem der konservative Historiker Vergangenes als abgeschlossen vorstellt, verhindert er die Vergegenwärtigung und gegenwärtige Aneignung von Geschichte.9 Durch den ausschließenden Abschluss eines geschichtlichen Kapitels verlie­ren die Klagenden der Vergangenheit ihre Stimme und geraten in Vergessenheit. Somit entsteht im Laufe der Zeit der Triumphzug, in dem die Kulturgüter der vorangegangenen Epoche mit­geführt werden, ohne das Leiden derer zu erwähnen, die letztlich diese Güter schufen.10 Mit dem Verlust der Bilder des Leidens und des Kampfes der Unterdrückten, verliert sich auch die transformative Energie, welche die Klagenden der Gegenwart zu mobilisieren vermögen würde. Deshalb ist das Ansinnen Benjamins darauf gerichtet, die Geschichte aufzuschließen, durchlässig zu machen und die wahren Bilder der Vergangenheit, die „vorbeihuschen“11, fest­zuhalten.

Gerade darin besteht die Aufgabe des historischen Materialisten, „denn es ist ein unwieder­bringliches Bild der Vergangenheit, dass mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.“12

Benjamin positioniert sich gegen einen positivistischen Historismus, der den Geschichtsschrei­ber in die Vergangenheit zurückversetzt, um alles Gewesene als bloße Masse der Fakten ein­fühlend zu verstehen. Gleichermaßen stellt er sich gegen eine idealistische Geschichtskonstruk­tion, die die Zukunft und die Geschichte einem Naturplan unterstellt, der sich selbsttätig voll­zieht und unabschließbar ist.13 Anstelle idealistischer und positivistischer Geschichtskonstruk­tion entwickelt Benjamin das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung, die einen neuen Zugang zu Vergangenem ermöglichen und damit die hohlen Versprechungen der Fort­schrittslogik sowie die Vorstellung eines unaufhaltsamen Geschichtsprozesses zu ersetzen sucht. Dazu bedarf es eines neuen Geschichtsbegriffs und eines neuen Zugangs zu Vergangen­heit. Dieser soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

2.2 Eingedenken als Mittel materialistischer Geschichtsschreibung

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ,wie es denn eigentlich gewesen ist'. Es heißt, sich der Erinnerung bemächtigen.“14 Es geht Benjamin nicht um die realitätsge­treue Wiedergabe von Ereignissen, sondern um eine Stimmung, die in einer Zeit kritischer Er­eignisse vorgeherrscht hat. Die Logik der Geschichte ist für ihn weder kausal reproduzierbar (positivistischer Ansatz), noch durch ein episches Narrativ (Helden-/Siegererzählung) vermit­telbar. Die Logik der Geschichte ist eine negative. Sie hat zur Aufgabe, das Vergessene und Verdrängte zu artikulieren und zu aktualisieren.15 Jede Gegenwart muss erkennen, ob ein Er­eignis der Vergangenheit für die Gegenwart im Sinne des Klassenkampfes als des Kampfes der Unterdrückten für Gerechtigkeit relevant ist. Dafür benötigt der materialistische Historiker die „Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt.“16 Die Aufgabe des materialistischen Historikers ist es, entscheidende revolutionäre Augenblicke aus dem „ho­mogenen Verlauf der Geschichte herauszusprengen“17, um die Bedeutung jener Epoche für den Geschichtsverlauf zu erkennen und gegenwärtig nutzbar zu machen. Die Öffnung für das Ver- gessene bedeutet eine Erweiterung der sozialen Dimension des Subjekts, das auf die beruhi­gende Abgeschlossenheit verzichtet und in Form kollektiver Imagination und Emotion durch­drungen wird.18 Diese begriffliche Weitung des Subjektbegriffs nimmt Einfluss auf das Nach­denken über Geschichte, das Erzählen von Geschichte und das Handeln in der Geschichte.

Von zentraler Bedeutung für die Aktualisierung von Vergangenheit ist das Prinzip des Einge­denkens, das Benjamin terminologisch von Bloch übernommen und systematisch weiterentwi­ckelt hat.19 In Anlehnung an Prousts mémoire involontaire gelingt Benjamin ein dialektischer Kunstgriff, insofern im Augenblick des Eingedenkens die Rettung der Gegenwart aktiv ergrif­fen werden kann.20 In Analogie zu Prousts Erinnerungsästhetik fasst Benjamin das Gedächtnis als Medium des Vergangenen, dass sich durch das Verfahren des Eingedenkens erschließen lässt. Benjamin mutet diesem Verfahren die unabschließbare Arbeit zu, verlorene, prophetische Bilder auszugraben, die durch die universalistische Geschichtsschreibung zugeschüttet worden sind.21

„Das Bewußtsein, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen, ist den revolutionären Klassen im Augenblick ihrer Aktion eigentümlich. Die Große Revolution führte einen neuen Kalender ein. Der Tag, mit dem ein Kalender einsetzt, fungiert als ein historischer Zeitraffer. Und es ist im Grunde genommen derselbe Tag, der in Gestalt der Feiertage, die Tage des Eingedenkens sind, immer wie- derkehrt.“22

Im Eingedenken ereignet sich demnach zweierlei. Zum einen eine retrospektive Bewusstwer- dung dessen, was sich ereignet hat (der Augenblick der Aktion). Zum anderen eröffnet sich ein Zugang zu dem Potential, dass die gegenwärtigen Verhältnisse zu transformieren vermag.23 Damit ist im Eingedenken die Chance einer wiederkehrenden Revolution angelegt. Im Unter­schied zur Erinnerung, wie sie in der hegelschen Geschichtsphilosophie Verwendung findet und der Einfühlungstechnik Fustel de Coulanges, ist das Eingedenken bei Benjamin durch eine generelle Unversöhnlichkeit gegenüber der Vergangenheit gekennzeichnet, die nie abgeschlos­sen ist.24 Aus dieser Unversöhnlichkeit kann das Bedürfnis einer revolutionären Aktion erwach­sen. Materialistisches Forschen kann vergessene Bilder, die die konservative Geschichtsschrei­bung ausgeschlossen oder nicht erkannt hat, aufgreifen und in den Kontext der Gegenwart transponieren. Das Eingedenken erweist sich im Zustand erhöhter „Geistesgegenwart als das Rettende“.25 Es wird zu einem vermittelnden Bindeglied zwischen scheinbar voneinander ge­trennten Entitäten und entfaltet im Brückenschlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart seine dialektische Kraft.

2.3 Struktureller Wandel durch materialistische Geschichtsschreibung

Durch den von Benjamin vorgeschlagenen Zugang zur Vergangenheit wird ein neuer Ge­schichtsbegriff denkbar, dessen negative Dialektik Aufgabe materialistischer Geschichtsschrei­bung ist. Benjamin gibt dem materialistischen Geschichtsschreiber mit dem Eigendenken ein Rüstzeug an die Hand, mit dessen Hilfe eine politische Veränderung der Gegenwart im Sinne einer gerechteren Zukunft denkbar wird. Mit dieser „theoretischen Armatur“26 wird der mate­rialistischen Geschichtsschreibung ein konstruktives Prinzip zugrunde gelegt, das es vermag einem strukturellen Wandel den Weg zu bereiten.27 Benjamin ist davon überzeugt, dass der materialistische Geschichtsschreiber die Gabe hat, „im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen“28, der in der Gegenwart zu einem Feuer entfacht werden kann. Durch die dialek­tische Beziehung des Vergangenen zum Jetzt, die im Eingedenken zum Bewusstsein kommt, kann der historische Materialist „[...] die revolutionäre Chance im Kampfe für die unterdrückte Vergangenheit“29 erkennen.

Das Moment der Aktualisierung von verdrängter Vergangenheit entspricht dem Akt einer Machtergreifung in doppeltem Sinne. Zum einen in der Form einer Bemächtigung der unter­drückten Vergangenheit durch Rekonstruktion derselben. Zum anderen durch Revitalisierung des geschichtlichen Antagonismus im Moment der Erkenntnis. Der Anschluss an die verdrängte Tradition impliziert die Wideraufnahme der Revolution in die Gegenwart. Die Erneuerung re­volutionärer Elemente ist für Benjamin nicht nur als sympathetisches Verstehen des vergange­nen Klassenkampfes zu denken, sondern gleichsam ein Anlass zur Fortsetzung dieses Kampfes, der bis heute weder abgeschlossen, noch gewonnen ist.30 Die unterdrückte Vergangenheit kann nur in dem Maße zu ihrem Recht gelangen, in dem der aktualisierte Klassenkampf sich entfaltet.

Dabei ist der Sieg keinesfalls gewiss und die Beute kann erneut den Herrschenden zufallen.31 Doch Benjamin geht es weniger um einen endgültigen Sieg, sondern um ein (revolutionäres) Bewusstsein, durch das jede Sekunde eine Chance ergriffen werden und von Neuem jeder Sieg, der den Herrschenden zugefallen ist, in Frage gestellt werden kann.32 Durch erwecken eines revolutionären Bewusstseins gelingt die begriffliche Aneignung des Ausnahmezustands, in dem wir permanent leben und eine Anleitung zum richtigen Handeln in der Gegenwart durch Aufarbeitung verpasster Möglichkeiten in der Vergangenheit. Nun besteht die Herausforderung der materialistischen Geschichtsschreibung gerade darin, die Restauration potentieller Ele­mente des Geschichtsverlaufes in revolutionäre Erfahrungen münden zu lassen d.h. vom kol­lektiven Gedächtnis in das kollektive Bewusstsein zu holen.

Wenn Benjamin von Revolution spricht, lehnt er den Gedanken eines kumulativen und pro­gressiven Prozesses ab, der zu einer säkularisierten Form der Erlösung führen würde. Aufgabe des historischen Materialisten ist es nicht, die Kontinuität der Siegergeschichte durch eine al­ternative Geschichtsschreibung zu wahren oder das Proletariat durch eine erlösende Zukunft zu trösten, wie es in vielen marxistischen Varianten geschieht.33 Ziel ist ein historiographischer Stillstand. Angesichts der kapitalistischen Phantasmagorien soll sich das Eingedenken in einer Technik des augenblicklichen Erwachens niederschlagen. Indem Benjamin das Motiv des Er­wachens vom Individuum auf das Kollektiv überträgt, profanisiert er die messianische Aufgabe der Unterbrechung und Revision des Geschichtsprozesses.34 Die Aktualisierung der Vergan­genheit und Aktivierung des kollektiven Bewusstseins gelingt dem erwachten historischen Ma­terialisten durch die Herbeiführung wirksamer Brüche im Augenblick. Dieser Augenblick bringt die unendliche zeitliche Entwicklung d.h. die Geschichte zum Stillstand und setzt ihr die Forderung der Gegenwart entgegen. Die Methode der Dialektik im Stillstand entfaltet ihre transformierende Kraft und eröffnet einen Weg aus der repressiven Kontrolle traditioneller Ge- schichte.35

Die Forderung einer Revolution kann jedoch nur bedingt sprachlich ausgedrückt werden, weil jedes sprachliche Artikulieren Gefahr läuft - wie die konventionelle Geschichtsschreibung -, sich der Suggestion schuldig zu machen: „Die reibungslose chronologische Zeit unterbrechen heißt auch, auf eine bruchlose Syntax zu verzichten.“36

2.3.1 Dialektik im Stillstand

Statt einer reibungslosen Syntax muss sich der historische Materialist dialektischen Bildern be­dienen. Der Ort, an dem man sie auffindet ist eine Sprache der Zäsur:

„Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es dersel­ben einen Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert.“37

Es ist die Zäsur der Denkbewegung, die das Moment des Aufbrechens gewohnter Strukturen bewirkt und dadurch neue Perspektiven einzunehmen ermöglicht. Die Zäsur der Denkbewe­gung ist die Form der denkerischen Arbeit des historischen Materialisten und Parameter der Textkonstruktion. Aus der Neuanordnung von Bruchstücken entsteht ein dialektisches Bild. Genau genommen spricht Benjamin im Passagenwerk von literarischer Montage , denn er mon­tiert keine Bilder, sondern Zitate und Textexzerpte.38 Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Darin herrscht eine Stimmung, die in einer Zeit kritischer Ereignisse vorgeherrscht hat. Diese Stimmung ist nur subjektiv zu erfassen, da sie nicht aus den faktischen Geschehnissen heraus zu erkennen ist, sondern surrealistisch wahrgenommen werden muss. Dieses ist nur möglich, indem „das Kon­tinuum der Geschichte“39 aufgesprengt wird. Nur so kann die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart erschlossen werden. Diesen Akt des Heraussprengens nennt Benjamin Zitat. Durch dieses Zitieren wird das Wort in einem destruktiven Vorgang aus seinem Sinnkontinuum, dem arbiträren Zusammenhang des Textes, herausgebrochen. Dadurch wird das Wort in seinen ur­sprünglichen Zustand zurückversetzt, in dem Bezeichnendes und Bezeichnetes wieder zusam­menfallen und das Wort Ausdruck des „geistigen Wesens“40 wird. Das bedeutet eine Bloßstel­lung des Wortes, welches es von sämtlichen Kontexten befreit und dem Wort selbst eine Auto­rität verleiht und es somit schöpferisch werden lässt. Der Rezipient ist gezwungen, sich von seinen Vorstellungen und Meinungen, die er zu einem bestimmten Sachverhalt hat, zu lösen und sich auf das Zitierte einzulassen.

Mit seiner Methode des Zitierens grenzt sich Benjamin nicht nur von der Methode der Einfüh­lung ab. Er gibt dem Historischen Materialisten, der sich mittels des Eingedenkens einen neuen Zugang zu Vergangenem geschaffen hat, eine Darstellungsform dialektischer Bilder an die Hand, durch die diese Bilder Eingang in den Erfahrungshorizont der Gesellschaft finden kön­nen. Das Zitat hat dabei im revolutionären Sinne einen umstürzenden Charakter:

„Für den materialistischen Historiker ist es wichtig, die Konstruktion eines historischen Sachver­halts aufs strengste von dem zu unterscheiden, was man gewöhnlich seine „Rekonstruktion' nennt. Die „Rekonstruktion' in der Einfühlung ist einschichtig. Die „Konstruktion' setzt die „Destruktion' voraus.

Benjamin intendiert eine ursprüngliche Bedeutung des Wortes Zitat: citare „vor Gericht la­den“41 42. Demnach muss die herrschende Vorstellung von der Struktur der Geschichte verurteilt werden. So bewirkt das Zitieren auf der einen Seite eine Zerstörung aller übermittelter Zusam­menhänge; auf der anderen Seite wird durch die neue Konstellation, die das Zitieren schafft, eine neue Perspektive geöffnet, die aus der Überwindung der zeitlichen Entfernungen hervor­geht. Im Zitat gelingt es, die Differenzen zwischen den Zeiten für Augenblicke aufzulösen und die unumkehrbaren Veränderungen der bedeutungsverschiebenden Kontexte zum Verschwin­den zu bringen.43 So zitierte Robespierre das antike Rom im Ansinnen progressiver Forderun­gen, indem er es aus dem Kontinuum der Geschichte heraussprengte und dadurch einen Beitrag zum Entstehen der französischen Revolution lieferte.44

Das Zitieren ist also durch seine Destruktion konstruktiv, denn es löst die unterschwelligen Spannungen und Stimmungen von den vermeintlich faktischen Ereignissen, die diese überla­gern. Diese Stimmungen sind es, die das wahre Verständnis von Geschichte ausmachen. Somit sind die Zerstörung und die Rettung untrennbar, ja sogar notwendigerweise miteinander ver­bunden, um sich die Vergangenheit anzueignen. Der Bruch mit der Tradition meint die Verab­schiedung von naturhaft-zyklischen, exemplarischen oder einem göttlichen Heilsplan unterlie­genden Geschichtsvorstellungen. Der Verlust von Ordnungsvorstellungen wird zunächst als Krise erfahren, ermöglicht im zweiten Schritt aber die Erlösung der Vergangenheit, indem sie in ihrer jeweiligen und spezifischen Geschichtlichkeit wahrgenommen werden.45

3. Überlegungen zum Fortschritt

3.1 Abgrenzung vom Fortschrittsbegriff der Moderne

Die konventionelle Geschichtsauffassung wird von einer Vorstellung von Fortschritt bestimmt, in der der kapitalistisch-technologischen Produktionsweise eine gesellschaftstransformierende Kraft zugeschrieben wird. Der Motor dieses Fortschrittsoptimismus ist die Hoffnung, die Zu­kunft der Menschen positiv verändern zu können. Diese Auffassung delegiert jedoch die Ver­antwortung für die menschliche Geschichte an ein abstraktes naturwissenschaftliches Prinzip (progressive Reproduktion von Kapital). Anstelle einer bewussten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit tritt ein Prinzip mit dogmatischem Anspruch, dass Spannungen und Probleme mit Rückgriff auf die inhärente Logik des Dogmas erklärt.46 Der Konformismus als Folge eines generellen Fortschrittsoptimismus haftet sowohl an der politischen Taktik als auch an den öko­nomischen Vorstellungen.47 Kritische politische Reflexion und Praxis werden durch Konfor­mismus ebenso sehr gehemmt, wie die Maxime des dialektischen Materialismus, dass Span­nungen und Probleme bestehen und ausgetragen werden müssen, solange wir in einer entfrem­deten und ungerechten Gesellschaft leben.48 Zur Norm erhobener Fortschritt kapitalistischer Prägung entmachtet demnach nicht nur die Akteure der Geschichte, den Prozess der Geschichte rational mitzubestimmen. „Er [der Fortschritt] weist [auch] schon die technokratischen Züge auf, die später im Faschismus begegnen werden.“49

[...]


1 Vgl. Lindner, Burkhardt: Benjamin Handbuch, S. 287

2 Vgl. These III

3 Vgl. These V

4 Tiedemann, Rolf: Dialektik und Stillstand S. 29

5 Vgl. Raulet, Gérard: Positive Barbarei, Kulturphilosophie und Politik bei Walter Benjamin, S. 99

6 Vgl. These VII

7 Vgl. These VII

8 Vgl. These VI

9 Vgl. van Reijen, Willem; Bolz, Norbert: Walter Benjamin, Einführung, S.77f

10 Vgl. These VII

11 Vgl. These V

12 Ebd.

13 Vgl. Tiedemann, Rolf: Dialektik und Stillstand S. 31

14 These VI

15 Ko, Ji-Hyun: Geschichtsbegriff und historische Forschung bei Walter Benjamin. S. 351

16 Ebd. These XIV

17 These VVII

18 Vgl. Gagnebin, Jeanne Marie: Geschichte und Erzählung bei Walter Benjamin S.78

19 Siehe Bloch, Ernst: Geist der Utopie, Gesamtausgabe, Bd. 16, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1971, S. 37f

20 Vgl. Marcheson, Stefano: Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens, S.97

21 Vgl. Fürnkäs, Joseph: Surrealismus als Erkenntnis S.131

22 These XV

23 Ebd. S. 284

24 Hegel besetzt den gesamten Verlauf der Geschichte mit Rationalität. Daraus folgt, dass die geschichtliche Ent­wicklung in ihrer vollen rationalen Bedeutung, erst von ihrem absoluten Ende her zu verstehen ist.

25 Benjamin, Walter: Das Eingedenken als der Strohhalm, S. 1244

26 These XVII

27 Vgl. These XVII

28 Vgl. These VI

29 Vgl. Ebd.

30 Vgl. Hering, Christoph: Die Rekonstruktion der Revolution. Walter Benjamins messianischer Materialismus in den Thesen Über den Begriff der Geschichte, S.122

31 Vgl. These VII

32 These IV

33 Vgl. Gagnebin, Jean Marie: Geschichte und Erzählung bei Walter Benjamin, S. 108

34 Vgl. Fürnkäs, Josef: Walter Benjamin, S. 97

35 Vgl. Wong, Jack: Remapping the Constellation of Walter Benjamin's Allegorical Method, S. 54

36 Zitat nach Gagnebin, Jean Marie: Geschichte und Erzählung bei Walter Benjamin, S. 102

37 These XVII

38 Benjamin, Walter: Das Passagenwerk, S.1030

39 These XV

40 Voigts, Manfred: „Zitat", S. 835

41 Benjamin, Walter: Das Passagenwerk, S. 587

42 Voigts, Manfred: „Zitat“, S. 836

43 Vgl. Konersmann, Ralf: Erstarrte Unruhe - Walter Benjains Begriff der Geschichte. S. 53

44 Vgl. These XIV

45 Vgl. Fischer, Kai Lars: Geschichtsmontagen. S. 76

46 These XIII

47 Vgl. These XI

48 Vgl. Hering, Christoph: Die Rekonstruktion der Revolution. S. 101

49 These XI

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Warum der Rekurs auf theologische Konzepte?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V931781
ISBN (eBook)
9783346252340
ISBN (Buch)
9783346252357
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Geschichtsphilosophie Walter Benjamins ist ein zentrales Kapitel in seinem Gesamtwerk. Sie umfasst alle Bereiche, in denen Benjamin Untersuchungen angestellt hat – Sprachphilosophie, Medientheorie, Literaturkritik, Kulturwissenschaft und Theologie – und integriert sie in ihren eigenen theoretischen Komplex. In der folgenden Arbeit unternimmt der Autor den Versuch Benjamins Vorgehen zu rekonstruieren, wobei der Fokus auf einer inhaltlichen Analyse liegt. Diskussionen der Form und spezifischen Arbeitsweise werden daher stets unter dem Aspekt inhaltlicher Bedeutung und Funktion geführt.
Schlagworte
projekt, geschichtsschreibung, walter, benjamins, thesen, warum, rekurs, konzepte, Materialismus
Arbeit zitieren
Lukas Treiber (Autor), 2020, Das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Warum der Rekurs auf theologische Konzepte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931781

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