Die Rekonstruktion und Analyse Benjamins materialistischer Geschichtsschreibung, die den Kern dieser Arbeit bildet, vollzieht der Autor anhand von drei Schlüsselthemen.
Zunächst richtet er sein Augenmerk auf Benjamins Abgrenzung vom konservativen Historis-mus. Er knüpft dabei an die Analysen von Gagnebin, Fürnkäs, Raulet und Cvejić an, um seine Interpretation Benjamins zu stützen. Da im Rahmen dessen eine Hinwendung zu Benjamins materialistischer Geschichtsschreibung unerlässlich ist, skizziert er im Anschluss die theoretischen Voraussetzungen und Praxis dieser. Dabei rekurriert er auf Benjamins Konzept des Eingedenkens (Marcheson), des Zitats (Voigts) und die Dialektik des Stillstands (Wong). Des Weiteren untersucht er Benjamins Abgrenzung vom Fortschrittsoptimismus seiner Zeit. Dazu setzt der Autor sich mit Marx Kritik am Gothaer Programm und Schmidts Marxrezeption auseinander, um Benjamins eigenständige Position auch in Abgrenzung zu einer marxistisch-utopischen Position herauszuarbeiten.
Seit der ersten, von Peter Bulthaup 1975 herausgegebenen Sammlung von Aufsätzen zu Ben jamins Thesen, hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung vorwiegend auf den Widerstreit der beiden wichtigsten Denkrichtungen konzentriert: Theologie (Sholem) und Marxismus (Brecht). Im letzten Schritt will der Autor diese unilateralen Lesarten jedoch vernachlässigen. Stattdessen entwickelt er auf der Basis von Löwy und Wong ein neues Verständnis für die Funktion theologischer Motive bei Benjamin. Für den Autor ist dabei die Frage zentral, warum sich Benjamin theologischer Figuren und Konzepte bei dem Versuch bedient, eine kritische Historiographie und revolutionäre Praktik zu denken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überlegungen zum Historismus
2.1 Abgrenzung vom konservativen Historismus
2.2 Eingedenken als Mittel materialistischer Geschichtsschreibung
2.3 Struktureller Wandel durch materialistische Geschichtsschreibung
2.3.1 Dialektik im Stillstand
3. Überlegungen zum Fortschritt
3.1 Abgrenzung vom gegenwärtigen Fortschrittsbegriff
3.2 Kritik am Fortschrittsglauben der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
3.2.1 Angelus Novus
4. Überlegungen zur Theologie
4.1 Materialismus und Messianismus
4.2 Theologie als Mittel zur Erörterung materialistischer Geschichtsschreibung
5. Schlussbetrachtung
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht in der Rekonstruktion und Analyse von Walter Benjamins Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung, wie es in seinen geschichtsphilosophischen Thesen dargelegt wird. Die Arbeit untersucht, wie Benjamin durch die kritische Abgrenzung von konventionellen Geschichts- und Fortschrittsbegriffen der Moderne ein neues Verständnis von Geschichte entwirft, das darauf abzielt, durch die Aktualisierung von Vergangenheit transformativen Einfluss auf die Gegenwart auszuüben und gesellschaftliche Veränderungen zu initiieren.
- Kritik am konservativen Historismus und am Fortschrittsoptimismus der Moderne.
- Die Funktion des Konzepts des „Eingedenkens“ für die materialistische Geschichtsschreibung.
- Die Bedeutung der „Dialektik im Stillstand“ und des Zitierens als methodische Ansätze.
- Das ambivalente Verhältnis von Marxismus und Theologie bei Benjamin.
- Die Aktualität von Benjamins Thesen angesichts zeitgenössischer soziopolitischer Krisen.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Dialektik im Stillstand
Statt einer reibungslosen Syntax muss sich der historische Materialist dialektischen Bildern bedienen. Der Ort, an dem man sie auffindet ist eine Sprache der Zäsur:
„Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert.“
Es ist die Zäsur der Denkbewegung, die das Moment des Aufbrechens gewohnter Strukturen bewirkt und dadurch neue Perspektiven einzunehmen ermöglicht. Die Zäsur der Denkbewegung ist die Form der denkerischen Arbeit des historischen Materialisten und Parameter der Textkonstruktion. Aus der Neuanordnung von Bruchstücken entsteht ein dialektisches Bild.
Genau genommen spricht Benjamin im Passagenwerk von literarischer Montage, denn er montiert keine Bilder, sondern Zitate und Textexzerpte. Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Darin herrscht eine Stimmung, die in einer Zeit kritischer Ereignisse vorgeherrscht hat. Diese Stimmung ist nur subjektiv zu erfassen, da sie nicht aus den faktischen Geschehnissen heraus zu erkennen ist, sondern surrealistisch wahrgenommen werden muss. Dieses ist nur möglich, indem „das Kontinuum der Geschichte“ aufgesprengt wird. Nur so kann die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart erschlossen werden. Diesen Akt des Heraussprengens nennt Benjamin Zitat. Durch dieses Zitieren wird das Wort in einem destruktiven Vorgang aus seinem Sinnkontinuum, dem arbiträren Zusammenhang des Textes, herausgebrochen. Dadurch wird das Wort in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, in dem Bezeichnendes und Bezeichnetes wieder zusammenfallen und das Wort Ausdruck des „geistigen Wesens“ wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die geschichtsphilosophische Thematik Walter Benjamins ein und erläutert den Fokus der Arbeit auf die Rekonstruktion und inhaltliche Analyse seiner Thesen im Kontext der Krise von 1940.
2. Überlegungen zum Historismus: Dieses Kapitel kritisiert den konservativen Historismus als „Geschichtsschreibung der Sieger“ und entwickelt das Konzept des „Eingedenkens“ als methodisches Instrument, um Vergangenes für die Gegenwart zu aktualisieren.
3. Überlegungen zum Fortschritt: Der Text analysiert hier die Problematik des Fortschrittsoptimismus der Moderne sowie der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und führt den „Angelus Novus“ als Figur für die Reflexion der Katastrophe ein.
4. Überlegungen zur Theologie: Hier wird das Verhältnis von Materialismus und Messianismus untersucht, wobei die Theologie als notwendiges Gegenstück und Werkzeug für eine kritische, nicht-deterministische Historiographie fungiert.
5. Schlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die praktische Relevanz einer Geschichtsschreibung, die durch Brüche und Montage subjektiver Vereinnahmung entgeht.
6. Ausblick: Der Ausblick verknüpft Benjamins Thesen mit der soziopolitischen Lage der Gegenwart, insbesondere im Hinblick auf Autoritarismus und die Krise liberaler Demokratien.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, materialistische Geschichtsschreibung, Eingedenken, historischer Materialismus, Fortschrittsoptimismus, Dialektik im Stillstand, Messianismus, Zitat, Geschichtsphilosophie, Klassenkampf, Zeitstruktur, kritische Historiographie, Jetztzeit, Revolution, Katastrophe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit rekonstruiert und analysiert das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit befasst sich primär mit der Kritik am konventionellen Historismus, der Problematisierung des modernen Fortschrittsbegriffs und der dialektischen Verbindung von Theologie und historischem Materialismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Benjamins Vorgehen nachzuvollziehen, wie er durch die Aktualisierung von Vergangenheit einen transformativen Einfluss auf die Gegenwart ausüben und eine kritische revolutionäre Praxis denken will.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine inhaltliche Rekonstruktion und Analyse der Thesen anhand von drei Schlüsselthemen durch, wobei er auf die theoretischen Konzepte des Eingedenkens, des Zitats und der Dialektik im Stillstand zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Historismus, die Kritik am Fortschrittsglauben und die Erörterung des theologischen Aspekts bei Benjamin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Walter Benjamin, materialistische Geschichtsschreibung, Eingedenken, Geschichtsphilosophie und Jetztzeit.
Warum spielt die „Zäsur“ in Benjamins Denken eine solch wichtige Rolle?
Die Zäsur bewirkt ein Aufbrechen gewohnter Strukturen und ermöglicht dem historischen Materialisten neue Perspektiven, indem sie den homogenen Verlauf der Geschichte unterbricht.
Wie ist die „theologische Dimension“ in den Thesen zu verstehen?
Die Theologie dient Benjamin als „Counterpart“ zum Materialismus; sie wird in einem hegelschen Sinne „aufgehoben“, um bestimmte progressive Elemente für die kritische Historiographie nutzbar zu machen.
- Citar trabajo
- Lukas Treiber (Autor), 2020, Das Projekt einer materialistischen Geschichtsschreibung in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Warum der Rekurs auf theologische Konzepte?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931781