Wie sieht der zukünftige Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit aus? Ein Ausblick basierend auf aktuellen Veränderungsprozessen


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 5,6

Anonym


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wesentliche politische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse
2.1 Reformen der1990erJahre
2.1.1 New Public Management
2.1.2 Umstellung auf Leistungsentgelte
2.1.3 Öffnung des Marktes für privatwirtschaftliche Träger
2.2 Sonstige

3. Folgen derVeränderungsprozesse
3.1 Spannungen in der Personalpolitik
3.2 Veränderte Beschäftigungsmöglichkeiten

4. Entwicklung der Arbeitsmarktsituation im sozialen Bereich (bis 2020)
4.1 Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
4.2 Anfang des 21. Jahrhunderts
4.3 Heutige Arbeitsmarktsituation (2020) für Sozialarbeiterjnnen/ Sozialpädagogjnnen

5. Zukunftsprognosen für den Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit und die voraussichtliche berufliche Zukunft von derzeitigen Studentjnnen

6. Fazit

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es galt lange Zeit das Vorurteil Sozialarbeiter_lnnen und Sozialpädagogjnnen1 2 hätten es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Dieses wird von folgendem Witz gut veranschaulicht: „Was sagt ein Sozial­arbeiter mit Arbeitsplatz zu einem Sozialarbeiter ohne Arbeitsplatz? - „Mit Majo oder mit Ketchup?“ “ (Herwig-Lempp 2000, S. 111f.). Wenn man so etwas hört, stellt sich einem doch die Frage, wie die Arbeitsmarktsituation in der sozialen Branche wirklich aussieht und welche Chancen Sozialar- beiter_lnnen und Sozialpädagogjnnen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Aus dem Grund wird sich diese Hausarbeit mit dem Thema beschäftigen, wie politische, ökonomi­sche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse zur Entwicklung des Arbeitsmarktes der Sozia­len Arbeit beigetragen haben, wie die Arbeitsmarktsituation heute ist und wie die berufliche Zukunft von derzeitigen Studentjnnen voraussichtlich aussehen wird.

Für Studentjnnen der Sozialen Arbeit und vor allem für diejenigen, die überlegen, ob sie diesen Studiengang wählen, ist dies ein sehr interessantes Thema, da die Arbeitsmarktsituation einen wichtigen Faktor bei der Studienwahl darstellt.

Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, welche Chancen Sozialarbeiterjnnen und Sozialpäd­agogjnnen auf dem heutigen Arbeitsmarkt haben und zu verdeutlichen welchen Veränderungs­prozessen sie ausgesetzt sind und waren.

Die Forschungsfragen, die sich dabei stellen, sind zum einen: Inwiefern haben politische, ökonomi­sche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse zur Entwicklung des Arbeitsmarktes der Sozia­len Arbeit beigetragen? Und zum anderen: Wie wird die Arbeitsmarktsituation in der sozialen Ar­beit, unter Berücksichtigung der bisherigen Entwicklung, in Zukunft aussehen?

Wenn von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungsprozessen die Rede ist, sind nur die gemeint, die einen wesentlichen Einfluss auf den Arbeitsmarkt in der Sozialen Arbeit hatten. Sicher gibt es noch mehr Faktoren, die zur Veränderung der Arbeitsmarktsituation beigetra­gen haben, als die in dieser Arbeit aufgeführten, aber hier liegt der Fokus auf den wichtigsten. So­ziale Arbeit war und ist vielen Veränderungsprozessen ausgesetzt und muss sich immer wieder neu an gesellschaftliche Rahmenbedingungen anpassen.

Bei dieser Hausarbeit handelt es sich um eine Literatur- und Übersichtsarbeit. Es wurde hierfür also keine eigene empirische Forschung durchgeführt, sondern Literatur zum aktuellen For­schungsstand zusammengetragen und ausgewertet.

Die beiden Forschungsfragen spiegeln sich auch in der Gliederung dieser Arbeit wider. Der erste Teil wird eine Forschungsfrage aufgreifen und sich mit den politischen, ökonomischen und gesell­schaftlichen Veränderungsprozessen (Kapitel 2) und ihren Folgen für den Arbeitsmarkt (Kapitel 3) beschäftigen. Die Veränderungsprozesse, die dargestellt werden, sind die Reformen der 1990er Jahre und sonstige, wie die Digitalisierung, die Agenda 2010, Migration und der demografische Wandel. Spannungen in der Personalpolitik und veränderte Beschäftigungsmöglichkeiten sind die daraus resultierenden Folgen, die in dieser Arbeit dargelegt werden.

Um die andere Forschungsfrage wird es im zweiten Teil der Arbeit gehen, der kurz auf die ge­schichtliche Entwicklung und die heutige Situation des Arbeitsmarktes in der Sozialen Arbeit (Kapi­tel 4) eingeht und zum Schluss Zukunftsprognosen und die voraussichtliche berufliche Zukunft von derzeitigen Studentjnnen (Kapitel 5) behandelt.

2. Wesentliche politische, ökonomische und gesellschaftlicheVeränderungsprozesse

2.1 Reformen der 1990er Jahre

In den 1990er Jahren gab es sozialpolitische Reformen, die zu einem Wettbewerb zwischen den sozialen Einrichtungen und Diensten und einerzunehmenden Ökonomisierung derSozialen Arbeit geführt haben (Vgl. Backhaus-Maul 2018, S. 122; Meyer/Maier 2018, S. 207ff.; Christa 2019, S. 22; Wohlfahrt 2017, S. 216ff.). Die folgenden Kapitel werden das New Public Management, die Umstellung auf Leistungsentgelte und die Öffnung des Marktes für privatwirtschaftliche Träger be­handeln. Diese politischen und ökonomischen Veränderungsprozesse haben Auswirkungen auf die Personalpolitik in der Sozialen Arbeit, welche in Kapitel 3.1 thematisiert werden.

2.1.1 New PublicManagement

In den 1990er Jahren wurde in den deutschen kommunalen und staatlichen Verwaltungen das New Public Management beziehungsweise das Neue Steuerungsmodell eingeführt (Vgl. Siegel 2018, S. 423ff.; Schubert 2019, S. 125ff.; Dahme/Wohlfahrt 2018, S. 151; Wendt 2017, S. 324; Krause/Proeller o. J.), welches öffentliche Verwaltungen, durch betriebswirtschaftliche Effizienzkri­terien, Managementmethoden und Markt- und Wettbewerbselemente, in moderne Dienstleistungs­einheiten umwandeln sollte (Vgl. Dahme/Wohlfahrt 2018, S. 151f.; Holdenrieder 2017, S. 35; Wendt 2018, S. 73). Man wollte die Leistungsqualität, die Bürger- und Kundenorientierung, die Qualifizierung des Personals, die Wirtschaftlichkeit, und die Kostentransparenz verbessern (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 35f.; Siegel 2018, S. 425ff.). Außerdem sollte es eine klare Abgrenzung zwi­schen Politik und Verwaltung mit sich bringen (Vgl. Holdenrieder2017, S. 35f.).

2.1.2 Umstellung auf Leistungsentgelte

Bis Mitte der 1990er Jahre wurden soziale Dienstleistungen durch die Vollkostenrechnung und das Selbstkostendeckungsprinzip finanziert (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 39). Mithilfe der Vollkosten­rechnung wurden alle anfallenden Kosten eines Unternehmens berechnet (Vgl. Weber, o. J.). Das Selbstkostendeckungsprinzip sicherte dann die Erstattung dieser durch den Kostenträger (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 39). Die sozialen Einrichtungen und Dienste bekamen also ihre Personal-, Sach- und Teile der Investitionskosten im Nachhinein vollständig erstattet (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 39).

Durch die Knappheit öffentlicher Ressourcen wurde dann Mitte der 1990er Jahre auf Leistungsent­gelte umgestellt (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 40; Patjens 2017, S. 155; Schellberg, K. 2018, S. 512), durch die soziale Einrichtungen und Dienste überwiegend finanziert werden (Vgl. Kohlhoff 2019, S. 158ff.). Diese werden auf gesetzlicher oder vertraglicher Grundlage zwischen Kostenträ­ger und Leistungserbringer prospektiv verhandelt und in Leistungs- und Entgeltvereinbarungen festgehalten (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 40f.; Kohlhoff 2019, S. 166f.; Schellberg, K. 2018, S. 511; Wohlfahrt 2017, S. 225). Somit bekommen die Leistungserbringer nur die tatsächlich vom Leis­tungsempfänger in Anspruch genommenen Dienstleistungen, die vorher festgelegt wurden, vom Kostenträger refinanziert (Vgl. Patjens 2017, S. 155f.). Die Leistungserbringer müssen die finanzi­ellen Mittel nun also effektiver und effizienter einsetzen und auch auf betriebswirtschaftliche Takti­ken zurückgreifen (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 41f.; Patjens 2017, S. 157; Wohlfahrt 2017, S. 221ff.).

2.1.3 Öffnung des Marktes für privatwirtschaftliche Träger

Durch die Umgestaltung zahlreicher Sozialgesetze, Mitte der 1990er Jahre, wurde auch der Markt für privatwirtschaftliche Träger geöffnet (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 21; Vaudt 2018, S. 330). Ziel war es einen Preis- und Qualitätswettbewerb anzuregen (Vgl. Vaudt 2018, S. 320ff.). Es hatte aber auch zur Folge, dass die starke Vorrangstellung der freien Wohlfahrtspflege3 bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen gemäßigt wurde (Vgl. Holdenrieder2017, S. 21).

Mittlerweile ist die Anzahl von privatwirtschaftlichen Trägern in vielen Tätigkeitsbereichen, zum Bei­spiel in der Arbeit mit älteren Menschen oder der Kinder- und Jugendhilfe, enorm (Vgl. Holdenrie­der 2017, S. 22; Vaudt 2018, S. 330) und sie sind den frei-gemeinnützigen Trägern gleichgestellt (Vgl. Dahme/Wohlfahrt 2018, S. 150). Es gibt aber auch noch Arbeitsfelder, die nicht so stark be­troffen sind, zum Beispiel weil der Zugang für privatwirtschaftliche Träger erschwert ist oder es ih­nen an wirtschaftlicher Attraktivität fehlt (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 22).

2.2 Sonstige

Neben den zuvor beschriebenen Veränderungsprozessen gibt es auch noch weitere, die eine Aus­wirkung auf den Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit haben. Das sind zum Beispiel politische Verände­rungsprozesse, wie die Agenda 2010, aber auch gesellschaftliche, wie Migration, der demografi­sche Wandel oder die Digitalisierung. Dieses Kapitel wird sich zunächst mit Migration, mit dem de­mografischen Wandel, mit der Agenda 2010 und zuletzt mit der Digitalisierung beschäftigen.

Migration4 ist kein neues Phänomen und gab es auch in Deutschland schon früher, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg (Vgl. Kiesel 2016, S. 24; Berlinghoff 2018; Oltmer 2018; Khakpour/Mecheril 2018, S. 19f.). Jedoch kam es in den letzten Jahren, vor allem ab 2015, zu ei­nem starken Zuzug von .Flüchtlingen'5 (Vgl. Hanewinkel 2015; Leubecher 2016; Khakpour/Meche­ril 2018, S. 19f.; Filsinger 2017, S. 4ff.; Statistisches Bundesamt 2016). Gründe dafür sind Fakto­ren, wie zum Beispiel Unterdrückung und Krieg aber auch Naturkatastrophen (Vgl. Schmidt 2015; Schader 2018; Morazän/ Mauz 2017; Kiesel 2016; Khakpour/Mecheril 2018, S. 19f.). Durch die Globalisierung werden zusätzlich Konsumanreize und eine Sehnsucht nach einem besseren Le­ben erhöht (Vgl. Butterwegge 2009, S. 71ff.; Morazän/ Mauz 2017).

Ein weiterer wesentlicher Veränderungsprozess ist der demografische Wandel, welcher durch eine steigende Lebenserwartung und eine sinkende Geburtenrate entsteht (Schwentker/Vaupel 2011, S. 3; Börsch-Supan 2011, S. 20; Oppermann 2018, S. 238; Engel 2011, S. 191f.). Erhatzur Folge, dass mehr ältere und weniger jüngere Menschen in Deutschland leben (Vgl. Klöppner/Kuchen- buch/Schumacher2017, S. 20; Oppermann 2018, S. 238).

Durch die Agenda 2010, die ab dem Jahr 2003 verwirklicht wird, sollte der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 34f.). Man wollte mithilfe von arbeitsmarktpolitischen Maßnah­men Arbeitskraft aktivieren und Menschen zum Arbeiten motivieren (Vgl. Truschkat/Peters 2018, S. 192f.; Horn/Logeay 2016, S. 255). Eine wichtige Neuerung, die dazu beitragen sollte, war die Ver­kürzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I und die Einführung von Arbeitslosengeld II, wel­ches nur noch ein Existenzminimum sichert (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 35; Truschkat/Peters 2018, S. 193; Engel 2011, S. 42). Es wurden aber auch Agenturen für Arbeit eingerichtet, die, bei erfolg­loser Arbeitsmarktintegration, für die nötige Qualifikation sorgen sollen (Vgl. Truschkat/Peters 2018, S. 193; Horn/Logeay2016, S. 255; Engel 2011, S. 42).

Die starke Migration in den letzten Jahren, der demografische Wandel und arbeitsmarktpolitische Entwicklungen, wie die Agenda 2010, sorgen für veränderte Beschäftigungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit. Dies wird in Kapitel 3.2 näher erläutert.

Die Digitalisierung entsteht durch die Weiterentwicklung der digitalen Technik und bietet die Mög­lichkeit, menschliche Arbeit zu ersetzen oder produktiver zu gestalten (Vgl. Düll 2016, S. 6; De- ckert/Langer 2018, S. 872ff.; Günter/Langer 2018, S. 822). Es wird dadurch in allen Bereichen zu höheren Kompetenz- und Qualifikationsanforderungen kommen (Vgl. Düll 2016, S. 16f.). Und auch Anbieter sozialer Einrichtungen und Dienste müssen sich auf neue Technologien einstellen (Vgl. Beck2019; Ney 2019).

3. Folgen der Veränderungsprozesse

3.1 Spannungen in der Personalpolitik

Durch den entstandenen Wettbewerb in der Sozialwirtschaft kommt es zu einer Diskrepanz inner­halb der Personalpolitik, mit welcher die Anbieter sozialer Einrichtungen und Dienste zu kämpfen haben.

Auf der einen Seite werden engagierte und qualifizierte Mitarbeiter benötigt. Erstens steigt die Komplexität der Anforderungen, zum Beispiel durch die Digitalisierung (Vgl. Puch o. J., S. 6; Effin- ger2019; Christa 2019, S. 8; Bossmann/Degen 2017, S. 249) und es wird mehr fachliches Wissen vorausgesetzt (Vgl. Voss 2016, S. 153f.). Zweitens benötigen Anbieter sozialer Einrichtungen und Dienste zufriedene Kunden, um eine Abwanderung dieser zu vermeiden (Vgl. von Boehmer/Hol- denrieder 2017, S. 161; Bossmann/Degen 2017, S. 238f.). Außerdem ist auch die psychische und physische Belastung bei vielen Tätigkeiten hoch (Vgl. Voss 2016, S. 153f.).

Und auf der anderen Seite können keine hohen Löhne und Gehälter für Fachkräfte6 gezahlt wer­den, da Anbietern sozialer Einrichtungen und Dienste nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfü­gung stehen (Vgl. Schellberg 2018, S. 499; Christa 2019, S. 32f.; Wohlfahrt 2017, S. 234; Voss 2016, S. 154).

Für die sozialen Einrichtungen und Dienste gestaltet sich die Gewinnung und Bindung von qualifi­ziertem Personal also schwierig (Vgl. Christa 2019, S. 12ff.; Maier/Spatscheck 2010, S. 50) und atypische Erwerbsformen7, vor allem befristete Beschäftigungen, sind häufiger als in anderen Be­reichen (Vgl. Fuchs-Rechlin 2018, S. 703f.).

Außerdem gibt es einen zunehmenden Mangel an Fachkräften der sozialen Arbeit, wodurch die Anbieter um qualifiziertes Personal konkurrieren müssen (Vgl. von Boehmer/Holdenrieder 2017, S. 128; Christa 2019, S. 1ff.). Dies macht es Anbietern von sozialen Einrichtungen und Dienste noch schwerer, qualifiziertes Personal zu finden, welches sie auch bezahlen können. Besonders in Be­reichen, die weniger attraktiv für Arbeitnehmer sind, gibt es große Probleme bei der Personalrekru­tierung (Vgl. Kuniß, C. 2013, S. 9).

3.2 Veränderte Beschäftigungsmöglichkeiten

In vielen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit nimmt der Bedarf durch zunehmende Ungleichheiten in der Gesellschaft und soziale Herausforderungen zu (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 33; Meyer/Simsa 2013, S. 216). Einige dieser Aspekte sind der demografische Wandel, die Migration und die Agen­da 2010, welche in diesem Kapitel näher beleuchtet werden.

Der demografische Wandel, sorgt dafür, dass der Bedarf in der Arbeit mit älteren Menschen steigt (Vgl. Klöppner/Kuchenbuch/Schumacher 2017, S. 20ff.; Christa 2019, S. 9ff.; Oppermann 2018, S. 237f.). Da die steigende Lebenserwartung mit hoherWahrscheinlichkeit in Zukunft noch zunehmen wird (Vgl. Schwentker/Vaupel 2011, S. 3ff.; Klöppner/Kuchenbuch/Schumacher 2017, S. 20ff.; Fuchs/Söhnlein/Weber 2017, S. 7; Oppermann 2018, S. 238; Engel 2011, S. 192), wird es sehr wahrscheinlich auch weiter zu einem Anstieg bei den Pflegebedürftigen kommen (Vgl. Klöppner/Kuchenbuch/Schumacher 2017, S. 20ff.; Christa 2019, S. 12). Dies könnte auch dazu führen, dass in anderen Arbeitsfeldern weniger Sozialarbeiter_lnnen beziehungsweise Sozialpäd- agogjnnen benötigt werden (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 33).

Auch die vermehrte Einwanderung von .Flüchtlingen' bewirkt veränderte Beschäftigungsmöglich­keiten innerhalb der Sozialen Arbeit. Zum Beispiel ist die Nachfrage nach Sozialer Arbeit in Not- und Sammelunterkünften, bei psychosozialen Diensten für Menschen mit traumatischen Erfahrun­gen oder in der Asylverfahrensberatung gestiegen (Vgl. Bareis/Wagner 2016, S. 38f.; Filsinger 2017, S. 21ff.; Muy 2016, S. 64). Aber auch in Jugendämtern und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gibt es vermehrten Bedarf, aufgrund unbegleiteter, minderjähriger .Flüchtlinge' (Vgl. Huber/Lechner2017; Menkens 2019; Filsinger2017, S. 21).

Dadurch, dass die Agenda 2010 für eine Ausweitung der sozialen Dienste am Arbeitsmarkt sorgte, ist auch hier vermehrt Soziale Arbeit nötig (Vgl. Truschkat/Peters 2018, S.193ff.). Vermittlung und Qualifizierung im Rahmen des SGB II und III werden von Anbietern sozialer Dienste am Arbeits­markt durchgeführt und mittlerweile als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit betrachtet (Vgl. Trusch­kat/Peters 2018, S.189f.; Stuckstätte 2011, S. 175ff.; Engel 2011, S. 145).

4. Entwicklung der Arbeitsmarktsituation im sozialen Bereich (bis 2020)

4.1 Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Menge der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Sozialarbeiter_lnnen und Soziapädagogjnnen stieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und es wurde als sozialpäd­agogisches Jahrhundert bekannt (Vgl. Züchner/Schilling 2010, S. 60). Es gab eine erhebliche Ex­pansion der sozialen Sicherung, des Sozialstaates und der sozialen Einrichtungen und Dienste (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 31; Backhaus-Maul 2018, S. 122; Wendt 2017 S. 199ff.). Grund dafür war der wirtschaftliche Aufschwung, nach der Nachkriegszeit, der zu einem Anstieg des allgemei­nen Wohlstands führte (Vgl. Holdenrieder 2017, S. 31; Wendt 2017 S. 201f.; Engel 2011, S. 34ff.). Dieser unterstützt die Zunahme von Stellen für Sozialarbeiterjnnen und Sozialpädagogjnnen (Vgl. Maier/Spatscheck 2010, S. 51). In den 1970er Jahren zum Beispiel betrugen die jährlichen Zuwachsraten circa 15 %, in den 1980er Jahren circa 7,5 % (Vgl. Maier/Spatscheck 2006, S. 27ff.). Auch die Sozialleistungsquote8 ist, durch die sozialpolitische Expansionspolitik, zwischen I960 und 1975 deutlich gestiegen (Vgl. Holdenrieder2017, S. 32).

Ein weiteres Phänomen war, dass sich in diesem Jahrhundert die Wohlfahrtsverbände zu großen Arbeitgebern sozialer Arbeit entwickelt haben (Vgl. Böhnisch/Schröer2018, S. 432).

4.2 Anfang des 21. Jahrhunderts

Im Vergleich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es einige Veränderungen auf dem Ar­beitsmarkt der Sozialen Arbeit.

Durch einige Reformen in den 1990er Jahren (siehe Kapitel 2.1) hat sich die Sozialpolitik in Deutschland stark verändert (Vgl. Backhaus-Maul 2018, S. 122; Wohlfahrt 2017, S. 216ff.). Anbie­ter sozialer Einrichtungen und Dienste müssen ihre Finanzmittel effektiv und effizient einsetzen und haben auch mit einem Wettbewerb untereinander zu kämpfen (Vgl. Backhaus-Maul 2018, S. 122; Holdenrieder 2017, S. 41f.). Das führt dazu, dass an Personalkosten gespart wird (siehe Ka­pitel 3.1) und es vermehrt atypische Erwerbsformen innerhalb der Sozialen Arbeit gibt (Vgl. Fuchs- Rechlin 2018, S. 703f.). Zum Beispiel waren in sozialen Berufen 1993 24 % und 2008 44,2 % teil­zeitbeschäftigt, also haben unter 32 Stunden die Woche gearbeitet (Vgl. Züchner/Schilling 2010, S. 61ff.).

Allgemein ist aber zu erkennen, dass die gemeldeten Stellen in der Sozialen Arbeit gestiegen sind (Vgl. Hoffmeyer 2016; Burgard 2016). Offene Stellenangebote und Personalengpässe sind keine Seltenheit (Vgl. von Boehmer/Holdenrieder 2017, S. 128). Zeitweise waren Sozialarbeiterjnnen und Sozialpädagogjnnen sogar die gefragtesten Akademiker auf dem deutschen Arbeitsmarkt (Vgl. Hoffmeyer 2016; Burgard 2016).

Neben diesen Veränderungen gibt es aber auch einige Aspekte, die gleichgeblieben sind. Die So­zialleistungsquote ist weiter gestiegen und war 2009 mit 30, 5 % am höchsten Punkt (Vgl. Holden­rieder 2017, S. 32). Des Weiteren sind auch die Wohlfahrtsverbände im 21. Jahrhundert noch ei­ner der größten Arbeitgeber im sozialen Bereich, dort sind mittlerweile fast 1,5 Millionen hauptbe­ruflich beschäftigt (Vgl. Boeßenecker2018, S. 290f.; Christa 2019, S. 8).

4.3 Heutige Arbeitsmarktsituation (2020) für Sozialarbeiterjnnen/ Sozialpädagogjnnen

Der Fachkräftemangel, der auch schon Anfang des 21. Jahrhunderts vorhanden war, ist auch heu­te noch ein großes Thema auf dem Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit (Vgl. von Boehmer/Holdenrie- der 2017, S. 128; Klöppner/Kuchenbuch/Schumacher 2017, S. 23). Ein Grund dafür ist, dass im­mer mehr Menschen auf soziale und gesundheitsbezogene Dienstleistungen angewiesen sind, um ihren Alltag zu meistern, zum Beispiel bei Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen (Vgl. Voss 2016, S. 154). Außerdem haben auch Unternehmen Interesse an einer ausgebauten Infra­struktur von sozialen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen, um das Arbeitsvermögen ihrer Beschäftigten möglichst umfassend nutzen zu können (Vgl. Voss 2016, S. 154).

Der Fachkräftemangel führt dazu, dass ein Stellenantritt derzeit leicht möglich ist und Arbeitnehmer bei den Arbeitsbedingungen oft mitreden können (Vgl. Voss 2016, S. 160; von Boehmer/Holdenrie- der2017, S. 161f.; Christa2019, S. 175).

Die atypischen Erwerbsformen, vor allem die befristete Beschäftigung, sind aber auch immer noch häufiger als in anderen Bereichen (Vgl. Fuchs-Rechlin 2018, S. 703). Erwerbstätige, die komplexe Tätigkeiten ausüben, sind hier in der besten Position, da sie sehr oft in einem Normalarbeitsver­hältnis angestellt sind, während Helfer und Angelernte öfter atypisch beschäftigt sind (Vgl. Fuchs- Rechlin 2018, S. 703).

[...]


1 In dieser Arbeit wird die Gender-Gap-Schreibweise verwendet, urn alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitatenanzusprechen.

2 Die Begriffe Sozialarbeiterjnnen und Sozialpädagogjnnen werden in dieser Arbeit als Synonyme verwendet.

3 Alle Einrichtungen und Dienste in frei-gemeinnütziger Trägerschaft. (Vgl. Scherenberg o. J.).

4 Ein- und Auswanderung von Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt über einen längeren Zeitraum an einen anderen Ort verlagern (Vgl. Treibei 2008, S. 295).

5 Der Begriff .Flüchtling' steht hier in einfachen Anführungszeichen, da er eine heterogene Gruppe Menschen beschreibt. Außerdem soll eine kritische Distanz gewahrt werden.

6 In dieser Arbeit steht der Begriff Fachkraft für Personen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium haben. Dies soll nicht bedeuten, dass Personen ohne Fachkraftstatus keine ausreichenden Kompetenzen besitzen um im sozialen Bereich zu arbeiten.

7 Alle Erwerbsformen, die vom klassischen Normalarbeitsverhältnis (unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung) abweichen, also befristete Beschäftigung, Teilzeitbeschäftigung, geringfügige Beschäftigung und Zeitarbeit (Vgl. Fuchs-Rechlin 2018, S. 702).

8 Der Anteil der Sozialleistungen am Bruttoinlandsprodukt (Vgl. Althammer o. J.).

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Details

Titel
Wie sieht der zukünftige Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit aus? Ein Ausblick basierend auf aktuellen Veränderungsprozessen
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
5,6
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V931871
ISBN (eBook)
9783346253163
ISBN (Buch)
9783346253170
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Arbeitsmarkt, New Public Management, Personalpolitik, Zukunftsprognosen, Leistungsentgelte, Öffnung des Marktes für privatwirtschaftliche Träger, Reformen der 1990er Jahre, Migration, politische ökonomische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse, Agenda 2010
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Wie sieht der zukünftige Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit aus? Ein Ausblick basierend auf aktuellen Veränderungsprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931871

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