Sucht man mit der Internet-Suchmaschine Google nach dem Begriff „TV“, erhält man knapp 1,6 Milliarden Ergebnisse. Andererseits erzielt die Eingabe von „Web 2.0“ auch schon weit über 730 Millionen Treffer. Und das, obwohl dem Medium Fernsehen über 70 Jahre Zeit blieben, um sich derart gesellschaftlich zu etablieren, der Begriff „Web 2.0“ aber gerade mal erst eineinhalb Jahre alt ist. Von der offensichtlich methodischen Problematik dieses Vergleichs einmal abgesehen, kann er eins jedoch äußerst wirkungsvoll veranschaulichen: den rasanten Erfolg des Begriffes und des damit zusammenhängenden Phänomens. Nahezu täglich berichten die führenden Medien dieser Welt über „Web 2.0“ und den damit zusammenhängenden Websites wie YouTube, MySpace und Co. Neben der Frage, was unter dem Begriff nun eigentlich genau zu verstehen sei, herrscht vor allem aber in der Diskussion um die Relevanz dieser vermeintlich neuen Version des Internets großer Dissens. Handelt es sich analog zur geplatzten Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende nur um einen neuen Internet-Hype oder eventuell doch um einen fundamentalen Medienwandel?
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Allzu oft nehmen jedoch futurologische Entwürfe eines Medienwandels einen viel breiteren Raum ein als die Bilanzierung des Status quo. Es fehlt in der Debatte um die Auswirkungen von „Web 2.0“ auf das Fernsehen an einer pragmatischen Herangehensweise durch die Untersuchung bisheriger Entwicklungen unter Einbezug aktueller empirischer Ergebnisse. Diese Arbeit soll daher eine Bestandsaufnahme und Analyse aktueller Konvergenzprozesse von Web 2.0 und Fernsehen liefern, wobei Konvergenz hier eher im formalen und inhaltlichen, denn im rein technologischen Sinne betrachtet wird. Die Berücksichtigung der technologischen Innovationsdynamik ist zwar unabdingbar, da sie oft erst die Voraussetzung für formale und inhaltliche Veränderungen darstellt, aber nicht primäres Ziel dieser Arbeit. Es geht also um einen systematischen Zugang an die Frage, welche Auswirkungen das Phänomen „Web 2.0“ bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf das Fernsehen hatte und wie diese zu bewerten sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Uses-and-Gratifications-Ansatz als theoretischer Bezugsrahmen
3 Rahmenbedingungen
3.1 Mediatisierung
3.2 Virtualisierung
3.3 Individualisierung
3.4 Globalisierung
4 Das „Web 2.0“ und seine User
4.1 Definition von „Web 2.0“
4.1.1 Wie aus dem Internet „Web 2.0“ wurde
4.1.2 „Web 2.0“ – Ein neues Medium?
4.1.3 Phänotypen und ihre Charakteristika
4.1.3.1 User Generated Content-Applikationen
4.1.3.1.1 Weblogs
4.1.3.1.2 Podcasts
4.1.3.1.3 Foto-Plattformen
4.1.3.1.4 Video-Plattformen
4.1.3.1.5 Personalisiertes Internetradio
4.1.3.2 Social Software
4.1.3.2.1 Wikis
4.1.3.2.2 Social Networking-Plattformen
4.1.3.3 Virtuelle Welten
4.2 Nutzung des „Web 2.0“
5 Das Fernsehen und seine Zuschauer
5.1 Evolution des Mediums Fernsehen
5.1.1 Vervielfachung von Programm
5.1.2 Verschiebung von Broadcasting zu Narrowcasting
5.1.3 Emanzipation des Fernsehens
5.1.4 Interaktives Fernsehen
5.2 Nutzung des Fernsehens
6 „TV 2.0“ – Neue Anforderungen an ein altes Medium?
6.1 „Web 2.0“ als funktionale Alternative zum Fernsehen?
6.1.1 Funktion: Information
6.1.2 Funktion: Unterhaltung
6.1.3 Funktionen: Entspannung, Eskapismus und Zeitvertreib
6.1.4 Zusammenfassung
6.2 Wie reagiert das Fernsehen auf „Web 2.0“?
6.2.1 Reaktionsschema 1: Konfrontation
6.2.2 Reaktionsschema 2: Instrumentalisierung
6.2.3 Reaktionsschema 3: Integration und Adaption
6.2.4 Zusammenfassung
7 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht, inwiefern das „Web 2.0“ das Fernsehen als Medium beeinflusst und ob es zu einem grundlegenden Wandel in der Mediennutzung sowie zu einer funktionalen Substitution kommt. Die Arbeit setzt sich zum Ziel, durch eine Bestandsaufnahme aktueller empirischer Daten sowie die Analyse von Konvergenzprozessen zu bewerten, wie klassische Fernsehsender auf die partizipativen Herausforderungen des Web 2.0 reagieren und ob eine Evolution hin zu einem „TV 2.0“ stattfindet.
- Analyse des "Web 2.0" und seiner Phänotypen (Social Software, User Generated Content, Virtuelle Welten).
- Untersuchung der Evolution des Fernsehens von Broadcasting hin zu Narrowcasting und Interaktivität.
- Vergleich der Mediennutzungsmotive mittels des Uses-and-Gratifications-Ansatzes.
- Darstellung der Reaktionsstrategien etablierter TV-Sender (Konfrontation, Instrumentalisierung, Integration).
- Bewertung des Einflusses der Internetnutzung auf das klassische Fernsehen.
Auszug aus dem Buch
4.1.2 „Web 2.0“ – Ein neues Medium?
Der Begriff „Web 2.0“ entstand bereits im Frühjahr 2004 bei einem Brainstorming zwischen Vertretern des Computerbuchverlages O’Reilly Media und MediaLive International im Zuge der Vorbereitung zu einer Konferenz. Dabei stellten die Anwesenden fest, dass trotz des Zusammenbruchs der sogenannten New Economy im Herbst 2001 das WWW eine immer wichtigere Rolle im täglichen Leben der Menschen einnimmt und zahlreiche neuartige Web-basierte Applikationen und Anwendungen aus dem Boden sprießen. Sie kamen daher zu der These, dass dieser Zusammenbruch einen Wendepunkt für das Web darstellte und somit der Begriff „Web 2.0“ passend sei. In Folge dessen fand im Oktober 2004 schließlich die erste "O'Reilly Web 2.0"-Konferenz statt, von der aus sich der Slogan als feststehende Bezeichnung für die zweite Generation des Massenmediums Internet weiter verbreitete. Bis heute existiert allerdings keine exakte Definition für den Term. Es gibt allgemeingültige Ansätze, von denen die meisten jedoch auf der von Tim O’Reilly in seinem Weblog veröffentlichten Kurzdefinition aus dem Jahr 2005 beruhen:
"Web 2.0 is the network as platform, spanning all connected devices; Web 2.0 applications are those that make the most of the intrinsic advantages of that platform: delivering software as a continually-updated service that gets better the more people use it, consuming and remixing data from multiple sources, including individual users, while providing their own data and services in a form that allows remixing by others, creating network effects through an "architecture of participation" and going beyond the page metaphor of Web 1.0 to deliver rich user experiences."
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den rasanten Aufstieg des Web 2.0 und die damit verbundene medienwirtschaftliche Unsicherheit klassischer Medienhäuser.
2 Der Uses-and-Gratifications-Ansatz als theoretischer Bezugsrahmen: Dieses Kapitel führt in die medienpsychologische Perspektive ein, die den Rezipienten als aktiven Nutzer zur Bedürfnisbefriedigung in den Mittelpunkt stellt.
3 Rahmenbedingungen: Hier werden gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse wie Mediatisierung, Virtualisierung, Individualisierung und Globalisierung analysiert, die den Hintergrund für den Medienwandel bilden.
4 Das „Web 2.0“ und seine User: Das Kapitel definiert den Begriff Web 2.0, erläutert dessen Geschichte und klassifiziert die verschiedenen Applikationstypen wie Weblogs, Podcasts und virtuelle Welten.
5 Das Fernsehen und seine Zuschauer: Es erfolgt eine historische Aufarbeitung der Entwicklung des Mediums Fernsehen, von den Anfängen des Massenrundfunks bis hin zur zielgruppenspezifischen Ausdifferenzierung durch Kabel- und Satellitentechnik.
6 „TV 2.0“ – Neue Anforderungen an ein altes Medium?: Der Hauptteil analysiert, ob das Web 2.0 das Fernsehen funktional ersetzt und wie TV-Sender auf diese Herausforderung reagieren.
7 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und diskutiert die langfristige Bedeutung der untersuchten Konvergenzphänomene.
Schlüsselwörter
Web 2.0, Fernsehen, Medienwandel, Uses-and-Gratifications-Ansatz, User Generated Content, Social Software, Virtuelle Welten, Mediatisierung, Individualisierung, Narrowcasting, Video-on-Demand, Internetnutzung, Zuschauerbedürfnisse, Konvergenz, TV 2.0
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen des Web 2.0 auf das klassische Medium Fernsehen und analysiert, ob das Internet hierbei eine funktionale Alternative darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit behandelt die Definition und Kategorisierung von Web 2.0-Applikationen, die medienhistorische Entwicklung des Fernsehens und aktuelle Trends der Mediennutzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, eine Bestandsaufnahme der Konvergenzprozesse zu erstellen und zu bewerten, wie Fernsehsender aktiv auf die veränderte Medienkultur reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Fundierung durch den Uses-and-Gratifications-Ansatz und stützt sich methodisch auf die Sekundäranalyse aktueller empirischer Studien zur Mediennutzung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf dem Vergleich der Funktionen, die Web 2.0 und Fernsehen für den Nutzer erfüllen, sowie der Kategorisierung der senderseitigen Reaktionsmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Web 2.0, Medienwandel, Fernsehen, User Generated Content, Konvergenz und Zuschauerbedürfnisse sind die zentralen Begriffe.
Wie definiert der Autor das „TV 2.0“?
TV 2.0 beschreibt eine sich verändernde Fernsehkultur, die partizipative und kollaborative Gestaltungs- sowie Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb des Fernsehprogramms umfasst.
Welche Reaktionsschemata zeigt das Fernsehen auf das Web 2.0?
Die Arbeit identifiziert die drei Schemata Konfrontation (rechtliche Abwehr), Instrumentalisierung (Beobachtung und Marketing) sowie Integration und Adaption (aktive Einbindung von Inhalten).
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- Diplom-Medienwirt Martin Stachel (Author), 2007, 'TV 2.0'. Neue Anforderungen an ein altes Medium, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93232