Als Reaktion auf die weltweite Corporate Governance (CG) Krise Anfang der 2000er Jahre hat die China Securities Regulatory Commission den Chinesischen Corporate Governance Kodex (CCGK) am 07. Januar 2002 veröffentlicht. Mit diesem CG Meilenstein verfolgte die chinesische Regierung das Ziel, die CG börsenzugelassener Gesellschaften an das internationale Niveau anzupassen, um damit die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in den chinesischen Kapitalmarkt zu stärken. Seitdem ist der CCGK neben dem Gesellschaftsgesetz und dem Wertpapiergesetz das wesentliche CG-Rahmenwerk für die Leitung und Überwachung börsenzugelassener Gesellschaften in China. Dennoch stellten in der Vergangenheit Stakeholder der adressierten Gesellschaften mitunter in Frage, ob der CCGK seinen Anspruch auch mit Substanz füllt. Hauptursache für die Akzeptanzprobleme ist die mangelnde Praxisrelevanz des CCGK, die sich in seiner nicht rechtlich verpflichteten Anwendung manifestiert. So fehlen z. B. Sanktionsmaßnahmen bei Nichtbefolgung der Bestimmung des CCGK.
Um die bestehende Diskrepanz hinsichtlich der Stakeholder CG-Anforderungen zu aufzulösen, veröffentlichte die CSRC nach 16-jähriger Überarbeitungspause am 01. Oktober 2018 die überarbeitete Fassung des CCGK. Die aktuelle Fassung des CCGK soll wesentliche Schwachstellen der bisherigen Version bereinigen, um damit den gestiegenen Akzeptanzproblemen entgegenzuwirken und weiterhin das maßgebliche CG-Rahmenwerk zur CG verkörpern.
Diese Abschlussarbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Der Einleitung folgt in Kapitel zwei und drei ein kursorischer Überblick über die theoretischen Grundlagen zur (CG) sowie über CG-Spezifika in China. Darauf aufbauend werden in Kapitel vier allgemeine und substanzielle Eckpunkte der CCGK inhaltlich beschrieben, um anschließend auf Grundlage der G20/OECD-Grundsätze der CG und zusätzlich aus Sicht relevanter Stakeholder und Forschungsstellen kritisch gewürdigt zu werden. Nachfolgend werden in Kapitel fünf Best-Practice Handlungsempfehlungen zur künftigen Überarbeitung des CCGK ausgesprochen, die auf den Darlegungen aus Kapitel vier basieren. Abschließend wird ein Fazit über die erarbeiteten Erkenntnisse zur Wahrnehmung der aktuellen Fassung des CCGK im Anwenderkreis folgen und die Quintessenz der Handlungsempfehlungen kompakt wiedergegeben, sodass dem Leser ein Ausblick auf die zukünftige Rolle des CCGK für die CG in China ermöglicht wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen zur Corporate Governance
2.1 Definition der Corporate Governance
2.2 Charakteristika des monistischen und dualistischen Modells
2.3 Gegenüberstellung von Shareholder- und Stakeholder-Value
3 Corporate Governance in der Volksrepublik China
3.1 Grundzüge der Wirtschaftsgeschichte von 1949 bis heute
3.1.1 Maoistische Ära (1949-1978)
3.1.2 Reform- und Transformationsära (1978-2015):
3.1.3 Chinese Dream Ära (2015-2049):
3.2 Entwicklung der Corporate Governance
3.2.1 Phase 1: Dominanz der staatseigenen Betriebe (1949-1978)
3.2.2 Phase 2: Reformierung der SOE (1978-1989)
3.2.3 Phase 3: Übergang zu einer modernen CG (1990-1999)
3.2.4 Phase 4: Internationale Ausrichtung der CG (2000 bis heute)
3.3 Sonderform des Two-Tier Systems
3.3.1 Struktureller Aufbau
3.3.2 Kritik
3.4 Mechanismen der chinesischen Corporate Governance
3.4.1 Interne Corporate Governance Mechanismen
3.4.2 Externe Corporate Governance Mechanismen
4 Chinesischer Corporate Governance Kodex (CCGK)
4.1 Überblick und Analyse allgemeiner Eckpunkte des CCGK
4.1.1 Hintergrund und Ziele des CCGK
4.1.2 Struktur des CCGK
4.1.3 Rechtsnatur des CCGK
4.2 Überblick substanzieller Eckpunkte des CCGK
4.2.1 Allgemeine Grundsätze
4.2.2 Aktionäre und Hauptversammlung
4.2.3 Vorstandsmitglieder und das Vorstandsorgan
4.2.4 Aufsichtsratsmitglieder und das Aufsichtsratsorgan
4.2.5 Leitende Angestellte, Anreiz- und Disziplinarsysteme
4.2.6 Mehrheitsaktionär, nahestehende Parteien und Börsenunternehmen
4.2.7 Institutionelle Anleger und andere kapitalverwaltende Institutionen
4.2.8 Stakeholder, Umweltschutz und soziale Verantwortung
4.2.9 Offenlegung und Transparenz von Informationen
4.3 Analyse substanzieller Eckpunkte des CCGK
4.3.1 Gemeinsamkeiten auf Basis der G20/OECD-Grundsätze der CG
4.3.2 Unterschiede auf Basis der G20/OECD-Grundsätze der CG
4.3.3 Status Quo der internationalen Forschung
4.3.4 Auswirkungen auf die Sonderform des Two-Tier Systems
5 Handlungsempfehlungen zur Evolution des CCGK
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit analysiert kritisch die aktuelle Fassung des Chinesischen Corporate Governance Kodex (CCGK) von 2018 im Vergleich zu den internationalen G20/OECD-Grundsätzen. Ziel ist es, die Wirksamkeit der Regelungen zu bewerten, Schwachstellen aufzudecken und Handlungsempfehlungen für eine zukünftige Evolution des Kodex zu erarbeiten.
- Historische Entwicklung der chinesischen Wirtschaftsordnung und Corporate Governance
- Strukturelle Analyse der chinesischen Two-Tier-Governance
- Vergleichende Untersuchung des CCGK mit den G20/OECD-Grundsätzen
- Identifikation von Defiziten in der chinesischen Governance-Praxis
- Ableitung von Best-Practice-Handlungsempfehlungen
Auszug aus dem Buch
01) Das monistische CG-Modell
In der Praxis wird das angelsächsisch geprägte monistische Modell der CG auch als One-Tier System bezeichnet. Hauptgrund hierfür ist die Bündelung der Führungs- und Überwachungskompetenzen der Gesellschaft in einem von Anteilseignern gewählten Organ, dem Board of Directors. Aufgrund der einseitig von Anteilseignern ausgehenden Wahl des Board of Directors erfolgt die Ausrichtung der Unternehmensführung und –überwachung ausschließlich im Sinne der Interessen der Anteilseigner. Da anderweitige Stakeholder in der Wahl des Board of Directors nicht involviert sind, werden deren Interessen auch nur nachrangig berücksichtigt (Block & Gerstner, 2016; Kuck, 2006).
Mit Blick auf die innere Arbeitsteilung des Boards lassen sich zwei unterschiedliche Gruppen von Directors identifizieren: Die Leitungsfunktion der Gesellschaft geht von unternehmensinternen Inside-Directors aus, wogegen die unternehmensexternen Outside-Directors Kontrollaufgaben übernehmen. Üblicherweise werden Inside-Directors im Rahmen einer Vollzeitbeschäftigung angestellt, um die Intensität sowie das Ausmaß der Arbeitsbelastung, die mit operativer Geschäftsführung einhergehen, auch im Sinne der Gesellschaft zu erfüllen. Demgegenüber sind Outside-Directors nicht in Vollzeit beschäftigt. Sie stellen die Mehrheit der Mitglieder im Board dar. Die Unabhängigkeit der Outside-Directors muss zwingend gewahrt werden, da diese als Kontrollorgan des Managements fungieren (Kuck, 2006; Zipperlin, 2012).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert den Kontext der CCGK-Überarbeitung 2018 als Reaktion auf internationale Kritik und die Zielsetzung der Arbeit.
2 Theoretische Grundlagen zur Corporate Governance: Dieses Kapitel definiert Corporate Governance und stellt die monistischen und dualistischen Modelle sowie die Shareholder- und Stakeholder-Value-Konzepte gegenüber.
3 Corporate Governance in der Volksrepublik China: Der Abschnitt analysiert die historische wirtschaftliche Entwicklung Chinas seit 1949 und die daraus resultierende Evolution des chinesischen Two-Tier-Systems.
4 Chinesischer Corporate Governance Kodex (CCGK): Hier erfolgt eine detaillierte inhaltliche Analyse der Paragraphen des CCGK und ein kritischer Abgleich mit den G20/OECD-Grundsätzen.
5 Handlungsempfehlungen zur Evolution des CCGK: Dieser Teil leitet konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des Kodex ab, unter anderem im Bereich der Transparenz und Sanktionsmöglichkeiten.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des CCGK für internationale Akzeptanz.
Schlüsselwörter
Corporate Governance, China, CCGK, Two-Tier System, G20/OECD-Grundsätze, Minderheitsaktionärsschutz, Vorstand, Aufsichtsrat, Transparenz, staatseigene Betriebe, SOE, Anreizsysteme, Stakeholder-Value, Reformprozess, Unternehmensüberwachung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse der aktuellen Fassung des Chinesischen Corporate Governance Kodex (CCGK) von 2018 und seiner Anwendung in der chinesischen Unternehmenspraxis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die hybride Struktur des chinesischen Two-Tier-Systems, die Rolle der Kommunistischen Partei in den Unternehmen sowie die Diskrepanz zwischen chinesischen Regelungen und internationalen Standards.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit der CCGK internationale Benchmark-Standards erfüllt und wo substanzielle Lücken in der Governance-Struktur bestehen, um Empfehlungen für eine notwendige Evolution zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, in der die Kodex-Regelungen systematisch mit den G20/OECD-Grundsätzen sowie mit Erkenntnissen aus der internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Grundlagen der Governance als auch die historische Entwicklung in China und eine detaillierte inhaltliche Analyse der Kodex-Kapitel behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Corporate Governance, CCGK, Two-Tier System, Minderheitsaktionärsschutz und die Rolle des Staates als Mehrheitsaktionär.
Wie wirkt sich die Rolle der KPC auf die Governance aus?
Die Arbeit zeigt, dass die Einbindung von Parteiausschüssen in börsennotierte Unternehmen zu komplexen Verflechtungen führt, welche die Unabhängigkeit der Kontrollorgane wie des Aufsichtsrats unterminieren können.
Warum wird der aktuelle CCGK als verbesserungswürdig angesehen?
Kritisiert werden insbesondere die mangelnde Praxisrelevanz, die unpräzisen Formulierungen, das Fehlen effektiver Sanktionsmechanismen sowie eine zu lange Zeitspanne zwischen den Aktualisierungszyklen.
- Arbeit zitieren
- Thomas-Alberto Wuchinger (Autor:in), 2020, Der Chinesische Corporate Governance Kodex im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/932981