Ob nun Franz Abt oder Hugo Kaun, Allgemeiner Sängerbund oder Blüthner-Orchester – sie spielen ebenso wie Brahms, Beethoven, Wagner oder Strawinsky in der Laienmusikbewegung, insbesondere bei den Chorvereinigungen eine wichtige Rolle. In dem Buch „Von Kirchturmstürzen und Mäusemusikern“ werden sie aber von einer anderen als der üblichen Seite betrachtet. Es sind „Die wirklich wahren Musikanekdoten“, die hier aufgezeichnet wurden. Was wir zu lesen bekommen, ist sehr unterhaltsam und, wie bei jeder guten Unterhaltung, verbunden mit einer kleinen Portion wissender Realität. Und es zeigt sich: Musikwissenschaftliche Arbeit ist nicht nur genaue Analyse und tiefgründige Recherche, sondern beschert auch hin und wieder heitere Aspekte zutage. Und so konnte der Autor im Rahmen einiger kulturhistorischer Untersuchungen insbesondere zur Geschichte des Berliner Sängerbundes auch einige Begebenheiten erschließen, die alle eines gemeinsam haben, dass sie schon einmal vor Jahrzehnten das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatten, zum Teil in jenen Tagen sehr ernst gemeint waren und nun im Abstand der Geschichte heute vielleicht erheiternd wirken. Nicht nur Musiker, Musiklehrer und Musikfreunde werden ihre Freude daran haben. Auch für die musikwissenschaftliche Forschung und die kultursoziologische Bewertung ergeben sich aus diesen Alltagsbegebenheiten erhellende Aspekte, die zu tieferem Nach- und Weiterdenken anregen können. Dieses Buch zeichnet sich auch dadurch aus, dass es ein reines Quellenwerk ist. Alle Texte sind mit Herkunftsangaben versehen, ein Namens- und Sachregister erschließt auch die heute weniger bekannten Fakten und Persönlichkeiten. Insofern dient es nicht nur der Erheiterung und Unterhaltung sondern auch der Untersetzung der musikkulturellen Zeitgeschichte. Simon Breu, Max Egger, Oscar Fried, Friedrich Hegar, Karl Kämpf, August von Othergraven, Josef Reiter, Anton Maria Storch und Gustav Adolf Uthmann sind nur einige der Musiker, die hier Erwähnung finden.
DIE HERANGEZOGENEN QUELLEN SIND: Der Sänger, Zeitschrift zur Pflege deutscher Sangeskunst; Die Tonkunst, Deutsche Sängerzeitung, Illustrierte Wochenschrift für Männer-Gesangvereine, gemischte und Frauen-Chöre, Chormeister und Sänger; Unser Lied, Mitteilungsblatt für den Gau Berlin und Umgebung des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes und Der Sängerführer, Zeitweilige Mitteilungen für Führer und Helfer des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes e.V. sowie ASZ, Organ des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes.
Inhaltsverzeichnis
Gedanken vor dem Schmunzeln
Beeindruckende Konzerterlebnisse
Konzert-Rundschau oder Das Stampfen mit dem Fuß
Die Walpurgisnacht fällt aus
Förderung des Chorgesangwesens oder Wie man billig zu Noten kommt
Öffentlicher Protest oder Wann kommt das Fortissimo
Freikonzerte im Freien
Einiges über Rechts- und Steuerfragen oder Wie vergnüglich ist ein Konzert
Im Dienste des Rundfunks
Ruhestörender Lärm durch Chorgesang
Einiges über Konzertprogramme oder Dreifacher Durst ist dem Sänger beschert
Konzert in der Strafanstalt
Das heutige Berliner Musikleben oder Die Vermeidung aller unnötigen Aufregungen
Erste Radio-Konzerte
Über die Notwendigkeit des Blatt-Singens
Wie die Jazz-Band entstand oder Der Höllenlärm
Er lebt noch
Ein Anfang oder Tausche Konzerte gegen Fördermittel
Wie lang ist die Matthäuspassion
Der Sänger, der schweigt
Von der Erlernbarkeit der Musik
Wie man zweistimmig pfeifen kann
Zur Reform der musikalischen Erziehung
Wird man künftig Klavier im Stehen spielen
Über das Taschenklavier
Ursachen der Konzertkrise
Welche Speisen und Getränke wirken nachteilig auf die Stimmorgane
Neuartiges Klavier
Singe dich gesund oder Die Bekämpfung von Lungenkrankheiten
Wer ist musikalisch
Noten für jedermann
Vom musikalischen Hören oder Die Reinheit des Klanges
Musik ist nicht billig
Bußgeld für Sänger
Finanz- und Geldnot überall
Instrumentensteuer oder Wie kommt der Staat ans Geld
Kassierer-Leid und –Freud
Wo ein Wille ist ist auch ein Weg
Die zeitlosen Erkenntnisse
Vom Reisen oder Die Rührigkeit des Kassierers
Warnung – nicht nur vor Spendensammlern
Sind Dirigenten Angestellte des Chores oder Vor Gericht sind alle gleich
Immer hinein in den Verein
Der Chormeister – die Seele des Gesangvereines
Die Ehrennadel im Krankenhaus
Vereinsfeste oder Die Vergeistigung der Konzerte
Die Geburtsstätte unserer Männerchöre
10 Gebote für Sänger
Die Aufgaben der Vorstände oder Gegen die Unzuträglichkeit im Vereinsleben
Billiges Notenmaterial und Gratischöre
Über Schwächen und Stärken
Aus einer vergilbten Vereinssatzung
Staatliche Förderung des Chorgesanges oder Wider das Wettsingen
Geteiltes Leid
Lied vom Vorstand des Vereins „Ewige Liebe“
An unsere Funktionäre
Sängers Dankgebet
Der Humor der Promis
Wie komisch war Brahms
Nicht drei Tenöre
Wer hat Recht
Werbung oder Wie kommt der Tenor zum hohen C
Von Kritikern und Kritisierten
Die Kritik unserer Konzerte oder Die Herzensbildung eines Kritikers
Wider die Kritik der Kritik
Wesen und Zweck der Kritik oder Die verschiedenen Typen der Kritiker
Musik bei allen Gelegenheiten
Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Kopfwäsche für Sangesfreunde
Verzweifelte Nachbarschaft
Schlagerernte 1929 – wieder aktuell
Lokal-Boykott
Musikalischer Rekordfimmel
Was ist paradox
Kindermund
Musikalische Kulturarbeit der Frauen
Heilkräftige Musik
Gibt’s so etwas auch oder Hoch den Krug
Dürfen Lehrer Dirigenten sein?
Durch einen Triller getötet
Fenster zu beim Musizieren
Musikalische Kuriositäten oder Von der Quiek-Sinfonie zur Katzenorgel, vom Ochsenbraten und Hasardspiele, von Musiksklaven, Kastraten, rauschenden Instrumenten und singenden Generälen
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, durch die Analyse kulturhistorischer Quellen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (insbesondere des Berliner Sängerbundes) einen unterhaltsamen und gleichzeitig aufschlussreichen Einblick in die musikalische Zeitgeschichte und das Vereinswesen dieser Ära zu geben, wobei der Autor durch die Zusammenstellung historischer Anekdoten und Begebenheiten zur Reflexion über musikalische Traditionen und die Entwicklung des Musiklebens anregt.
- Kulturgeschichte der deutschen Sängervereinigungen und des Chorwesens.
- Soziologische Aspekte des Vereinslebens und der musikalischen Erziehung.
- Die Rolle der Musikkritik und das Verhältnis zwischen Musikern und Rezensenten.
- Kuriose Randerscheinungen der Musikgeschichte, von „Katzenorgeln“ bis zu Musikrekorden.
- Die Professionalisierung des Musikbetriebs im Kontrast zur Traditionspflege.
Auszug aus dem Buch
Konzert-Rundschau oder Das Stampfen mit dem Fuß
...daß der Chor seine Aufgabe tadellos löste, ist selbstverständlich. Was ich auszusetzen habe, geht auf Rechnung des zu temperamentvollen Dirigenten...Warum müssen Sie denn, verehrter Herr H..., die an und für sich schon zu stark gegebenen Akzente noch mit dem Stampfen Ihres Fußes unterstützen und unterstreichen? Ihre Sänger singen mit so großer Hingabe und Begeisterung, daß Sie das nicht nötig haben. Ja, nicht Konzertsaal und Übungssaal verwechseln! Schließlich ist es doch nicht Aufgabe des Dirigenten, sich selbst zu produzieren, vielmehr, als ein in seiner Kunst ganz aufgehender, besonnener Führer die Zuhörer zu innerem Erleben zu führen; da stören zu starke Akzente ebenso, wie Fußstampfen und zu temperamentvolle Bewegungen. Weniger bedeutet hier mehr! Ich halte es auch für stilwidrig, die innigen Herzensergüsse eines Liebenden, in den beiden Liedern aus dem Lochheimer Liederbuch "All' mein' Gedanken" und "Ich fahr' dahin" in breitestem Fortissimo zu beginnen. Vergessen wir doch nicht, daß es sich hierbei um Aeußerungen eines einzelnen handelt, und das damals - kurz nach dem Jahre 1400 - selbst mehrstimmige Lieder nicht für Massenchor bestimmt waren. Im übrigen aber: "Mein Kompliment!" .(1923)
Zusammenfassung der Kapitel
Beeindruckende Konzerterlebnisse: Dieses Kapitel versammelt verschiedene Berichte über den Konzertbetrieb, die von Dirigenten-Kritiken über technische Missgeschicke bis hin zu den administrativen Herausforderungen bei der Organisation von Aufführungen reichen.
Von der Erlernbarkeit der Musik: Hier werden methodische Ansätze zur musikalischen Erziehung sowie kuriose Erfindungen und gesundheitliche Aspekte des Singens und Musizierens beleuchtet.
Musik ist nicht billig: Ein Fokus auf die finanzielle Lage der Vereine, von Mitgliedsbeiträgen und Strafgebühren bis hin zu fiskalischen Belastungen durch Steuern und Reisekosten.
Immer hinein in den Verein: Eine Untersuchung der internen Vereinsstrukturen, der Rolle des Chormeisters, der Vereinsfeste sowie Ratschläge zur Disziplin und organisatorischen Führung.
Der Humor der Promis: Anekdoten über berühmte Musiker wie Brahms, die menschliche Schwächen und den Umgang mit Ruhm sowie Geschäftssinn in der Musikwelt aufzeigen.
Von Kritikern und Kritisierten: Eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit dem Wesen der Musikkritik und dem oft spannungsgeladenen Verhältnis zwischen Rezensenten und ausübenden Musikern.
Musik bei allen Gelegenheiten: Eine Zusammenstellung von Kuriositäten und Alltagsszenen, die das facettenreiche Bild der Musik in der Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Musikgeschichte, Chorwesen, Sangeskunst, Vereinskultur, Musikkritik, Berliner Sängerbund, Musikpädagogik, Stimmbildung, Konzertwesen, Musiksoziologie, Volkslied, Vereinswesen, Musikanekdoten, Dirigenten, Konzertkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch bietet eine historisch fundierte Sammlung von Anekdoten, Berichten und Begebenheiten aus dem musikalischen Vereinsleben der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind das Chorwesen, die Vereinsorganisation, die Rolle der Musikkritik, pädagogische Ansätze im Musikunterricht sowie die soziokulturelle Bedeutung des gemeinsamen Musizierens.
Was ist das primäre Ziel des Autors?
Das Ziel ist die Dokumentation musikalischer Zeitgeschichte durch Quellenarbeit, kombiniert mit einer unterhaltsamen, leicht ironischen Aufarbeitung der historischen Geschehnisse für ein breites Publikum.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine kulturhistorische Herangehensweise, bei der er Originaldokumente (wie Satzungen, Konzertberichte und Presseartikel) aus Archiven sichtet und in den historischen Kontext einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Themenkomplexe, die von konkreten Konzerterlebnissen über die ökonomischen Probleme der Gesangsvereine bis hin zu musikwissenschaftlichen Reflexionen und humorvollen Anekdoten über Komponisten reichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sangeskunst, Chorwesen, Musikgeschichte, Vereinskultur und Musikkritik definieren.
Warum ist das "Haydnstübl" im Inhaltsverzeichnis so prominent?
Das Kapitel "Die Geburtsstätte unserer Männerchöre" identifiziert das Haydnstübl im Peterskeller in Salzburg als historischen Ausgangspunkt, um die Entstehung und den geselligen Charakter der frühen Männerchöre zu illustrieren.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Musikkritik?
Der Autor unterscheidet zwischen verschiedenen Kritikertypen – vom bloßen Berichterstatter bis zum fachlich fundierten Mentor – und plädiert für eine konstruktive, liebevolle Kritik, die den Musikern hilft, sich weiterzuentwickeln.
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- Dr. sc. phil. Peter Spahn (Author), 2008, Von Kirchturmstürzen und Mäusemusikern - Die wirklich wahren Musikanekdoten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93299