In keiner anderen deutschen Großstadt wohnt nach wie vor ein derartig hoher Anteil der Bevölkerung in Häusern, die vom Straßenraum meist nicht sichtbar sind. Gemeint sind die hinteren Gebäudeteile der gründerzeitlichen Mietshausbebauung Berlins. Kriegszerstörung und „Kahlschlagsanierung“ sorgten zwar auch hier für eine grundlegende Umformung ganzer Stadtteile. Und auch die in einigen Fällen erfolgte Entkernung der Blockinnenbereiche trug mancherorts zur Veränderung der ursprünglichen Baustruktur bei. Dennoch existiert auch heute noch ein imposanter städtischer Raum geschlossener und dichter Hinterhofbebauung, die zahlreiche Quartiere Berlins maßgeblich prägt.
Der Bautyp des Berliner Mietshauses sorgte in der wilhelminischen Epoche für eine klare Trennung der Bewohner nach sozialen Klassen innerhalb eines Gebäudes. Hinter der prunkvoll anmutenden Fassade des Vorderhauses mit seinen meist wohlhabenden Bewohnern der oberen und mittleren Schicht versteckten sich oft mehrere Hinterhäuser, in denen die Arbeiterklasse in kleinen 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen Unterkunft fand. Diese Wohnkonstellation beschrieb James Hobrecht seinerzeit als äußerst vorteilhafte Mischung, von der beide Seiten profitieren und die der Entstehung nach Klassen getrennter Viertel entgegenwirken sollte. Diese viel diskutierte Sichtweise verweist auf den Kernpunkt der aktuellen Untersuchung, auf die Frage nach der integrativen Funktion des Berliner Mietshauses. Lässt sich die relative Mischung der Bevölkerung in den gründerzeitlichen Stadtgebieten Berlins durch diesen Gebäudetyp mit seinen unterschiedlichen Wohnqualitäten und einer dadurch existierenden kleinräumlichen Segregation zwischen den Bewohnern im Vorder- und Hinterhaus erklären?
Ein weiteres Erkenntnisinteresse der Untersuchung besteht in der Frage, welche individuell unterschiedlich bewerteten Faktoren einer Wohnung bei der Wohnstandortwahl hinsichtlich der Lage im Vorder- oder Hinterhaus eine Rolle spielen. Zudem gilt es die Qualität der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern eines aus getrennten Gebäudeteilen bestehenden Hauses zu analysieren. Dies ist insofern wichtig, weil erst dadurch die Relevanz einer möglichen Segregation auf der Ebene von Häusern nachweisbar ist.
Das praxisrelevante Ziel der Untersuchung ist darauf ausgerichtet, Aussagen über den gegenwärtigen und zukünftigen Bedarf des vorhandenen Wohnraumes in Hinterhäusern für den Berliner Wohnungsmarkt zu treffen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung .......................................................................................1
2 Das Berliner Mietshaus: Entstehung, Bautyp und Sozialstruktur..............................5
2.1 Entstehungsbedingungen des Berliner Mietshauses .......................................................5
2.1.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Industrialisierung und Zuwanderung............6
2.1.2 Wohntradition und Bauweise in der „alten Kernstadt“ ...............................................7
2.1.3 Grundlage der Bebauung: der Bebauungsplan von 1862 (BP 1862) ...........................8
2.1.4 Der Einfluss der Bauordnungen und der kommunalen Steuern...................................9
2.1.5 Der spekulative Mietshausbau .................................................................................11
2.2 Der Gebäudetyp Mietskaserne: Baustruktur und regionale Verbreitung .......................12
2.2.1 Die Gebäudestruktur des Berliner Mietshauses ........................................................12
2.2.2 Die Ausdehnung des wilhelminischen Mietskasernengürtels in Berlin .....................16
2.2.3 Die regionale Verbreitung der Mietskaserne außerhalb Berlins ................................17
2.3 Soziale Mischung in einem Haus – Idee oder Realität?................................................18
3 Segregation - Theorie der Gesellschaftsverteilung im Raum....................................23
3.1 Gegenstand und Problemstellung der Segregationsforschung.......................................23
3.2 Begriffsbestimmung und Messung...............................................................................24
3.3 Die Dimensionen residentieller Segregation und deren Bestimmung............................25
3.3.1 Bestimmung sozialer Unterschiede ..........................................................................25
3.3.2 Bestimmung demografischer Unterschiede ..............................................................26
3.3.3 Bestimmung ethnischer Unterschiede ......................................................................27
3.4 Bewertung und Folgen von Segregation ......................................................................28
3.5 Segregationsforschung auf Mikroebene .......................................................................29
3.5.1 Vertikale Segregation ..............................................................................................30
3.5.2 Die sozialtopografische Untersuchung von Frieling .................................................31
3.5.3 Sozialräumliche Distanz und nachbarschaftliche Kontakte.......................................32
4 Arbeitshypothesen ......................................................................................................34
4.1 Allgemeine Grundhypothesen......................................................................................34
4.2 Einfluss des Bauzustandes der Gebäude ......................................................................35
4.3 Motive bei der Wohnstandortwahl nach Vorder- und Hinterhaus .................................36
5 Vorgehensweise und Methodik der Untersuchung....................................................37
5.1 Sekundäranalyse..........................................................................................................37
5.2 Primärerhebung ...........................................................................................................38
5.3 Sekundärstatistische Analyse.......................................................................................39
6 Charakterisierung des Untersuchungsraumes ..........................................................40
6.1 Bau- und Sozialgeschichte des Stadtteils Wedding ......................................................40
6.2 Behutsame Stadterneuerung in Berlin - Wedding.........................................................43
6.3 Bevölkerungsstruktur und Wohnungsleerstand in Berlin - Wedding ............................47
6.3.1 Einwohnerentwicklung, Wohnungsleerstand und Ausländeranteil ...........................48
6.3.2 Altersstruktur und Haushaltsgröße...........................................................................49
6.3.3 Merkmale zur sozialen Situation der Bewohner .......................................................49
7 Bevölkerungsstruktur und Wohnungsausstattung im Vorder- und Hinterhaus in fünf ehemaligen Sanierungsgebieten in Berlin - Wedding ........................................51
7.1 Demografische Struktur der Bewohner im Vorder- und Hinterhaus .............................52
7.1.1 Wohnungs- und Haushaltsgrößen ............................................................................52
7.1.2 Alter der Bewohner .................................................................................................54
7.1.3 Haushaltstypen ........................................................................................................56
7.2 Wohnmobilität im Vorder- und Hinterhaus..................................................................58
7.3 Soziale Struktur der Bewohner im Vorder- und Hinterhaus..........................................59
7.3.1 Wohnungsmieten.....................................................................................................60
7.3.2 Einkommensverhältnisse .........................................................................................62
7.3.3 Bildung und Qualifikation der Bewohner.................................................................64
7.3.4 Erwerbstätigkeit und sozialer Status der Bewohner..................................................66
7.4 Ethnische Struktur der Bewohner im Vorder- und Hinterhaus......................................69
7.5 Ausstattung und Zustand der Wohnungen im Vorder- und Hinterhaus.........................71
7.6 Zwischenfazit ..............................................................................................................74
8 Ergebnisse der Kartierung und Bewohnerbefragung im Untersuchungsgebiet Malplaquetstraße........................................................................................................76
8.1 Methodische Vorgehensweise der Erhebung................................................................76
8.2 Das Untersuchungsgebiet Malplaquetstraße.................................................................78
8.3 Gebäudezustand und Wohnungsleerstand der Vorder- und Hinterhäuser......................80
8.3.1 Baulicher Zustand der Gebäude ...............................................................................80
8.3.2 Wohnungsleerstand .................................................................................................83
8.4 Wohnungswahl, Wohnzufriedenheit und Nachbarschaft hinsichtlich der Lage der Wohnung im Vorder- oder Hinterhaus.........................................................................86
8.4.1 Motive bei der Wohnungswahl und Wohnzufriedenheit...........................................87
8.4.2 Nachbarschaftliche Beziehungen im Haus ...............................................................92
8.4.3 Meinungsbild zu Unterschieden zwischen Vorderhaus und Hinterhaus ....................95
8.5 Zwischenfazit ..............................................................................................................97
9 Schlussbetrachtung...................................................................................................100
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kleinräumige, horizontale soziale und demografische Segregation zwischen Bewohnern in Vorder- und Hinterhäusern des Berliner Mietshauses im Stadtteil Wedding, um festzustellen, inwieweit bauliche Unterschiede und individuelle Standortentscheidungen die Bewohnerverteilung beeinflussen.
- Historische Entstehung und soziale Funktion des Berliner Mietshaustyps
- Sozialräumliche Segregationstheorien auf Mikroebene
- Einfluss des baulichen Zustands auf das Mietniveau und die Bewohnerstruktur
- Demografische Differenzierung in Vorder- und Hinterhaus
- Empirische Untersuchung zur Wohnungswahl und nachbarschaftlichen Beziehungen
Auszug aus dem Buch
2 Das Berliner Mietshaus: Entstehung, Bautyp und Sozialstruktur
Im Mittelpunkt der Arbeit steht das gründerzeitliche Berliner Mietshaus, welches oft abwertend, aber auch allgemein als „Mietskaserne“ bezeichnet wird. Beide Begriffe werden im Folgenden synonym verwendet. Dabei handelt es sich um eine in Berlin entwickelte Bauweise mehrgeschossiger städtischer Wohnhäuser mit dichter Hinterhausbebauung in Form von Seitenflügeln und Quergebäuden, deren Wohnungen sich um einen oder mehrere Höfe gruppieren (GEIST/KÜRVERS 1984: 219 f.). Dieser Gebäudetyp wurde in Berlin zum größten Teil im Zeitraum nach der Erstellung des Bebauungsplans unter Leitung von James Hobrecht aus dem Jahr 1862 bis zu Beginn des 1.Weltkrieges 1914, also in der Wilhelminischen Ära, gebaut (HOFMEISTER 1975: 329).
Die Entwicklung der wilhelminischen Mietshausbebauung lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen. Der wichtigste Impulsgeber war der große Bevölkerungszustrom vom Lande, ausgelöst durch die einsetzende Industrialisierung. Diese große Nachfrage nach Wohnraum schuf den Anreiz für den Wohnungsbaumarkt. Da sich das mögliche Bauland überwiegend in Privateigentum befand, entstand eine bislang in diesem Ausmaß unbekannte Bau- und Bodenspekulation in Verbindung mit einer hohen baulichen Ausnutzung der Grundstücke frei nach den liberalistischen Grundregeln von Angebot und Nachfrage. Völlig unzureichende Bauordnungen, die sich im Wesentlichen nur auf feuerpolizeiliche Schutzmaßnahmen beschränkten, schufen die Möglichkeit einer derart starken Überbauung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Fragestellung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Segregation innerhalb Berliner Mietshäuser ein und definiert die zentralen Forschungsfragen sowie das methodische Vorgehen.
2 Das Berliner Mietshaus: Entstehung, Bautyp und Sozialstruktur: Das Kapitel beschreibt die historischen Rahmenbedingungen, die baulichen Merkmale und die soziokulturelle Bedeutung der Mietskaserne für die Berliner Stadtentwicklung.
3 Segregation - Theorie der Gesellschaftsverteilung im Raum: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Segregationsforschung dargelegt, insbesondere im Hinblick auf Mikroebenen und die Dimensionen sozialer, demografischer und ethnischer Differenzierung.
4 Arbeitshypothesen: Dieses Kapitel leitet spezifische Thesen zur sozialen und demografischen Segregation im Kontext des Bauzustands und der Wohnstandortwahl ab.
5 Vorgehensweise und Methodik der Untersuchung: Darstellung des empirischen Designs, das eine Sekundäranalyse bestehender Daten mit einer eigenen Kartierung und Bewohnerbefragung im Gebiet Malplaquetstraße kombiniert.
6 Charakterisierung des Untersuchungsraumes: Ein Abriss der Bau- und Sozialgeschichte des Stadtteils Wedding sowie der städtebaulichen Situation in den untersuchten Sanierungsgebieten.
7 Bevölkerungsstruktur und Wohnungsausstattung im Vorder- und Hinterhaus in fünf ehemaligen Sanierungsgebieten in Berlin - Wedding: Empirische Auswertung der Sekundärdaten hinsichtlich demografischer und sozialer Unterschiede sowie der Wohnqualität zwischen den Gebäudeteilen.
8 Ergebnisse der Kartierung und Bewohnerbefragung im Untersuchungsgebiet Malplaquetstraße: Präsentation der Primärerhebung, die Aspekte wie Gebäudezustand, Leerstand, Umzugsmotive und nachbarschaftliche Beziehungen detailliert analysiert.
9 Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse, die darlegt, dass eine klassische soziale Segregation heute kaum noch existiert, während eine demografische Differenzierung fortbesteht.
Schlüsselwörter
Berliner Mietshaus, Mietskaserne, soziale Segregation, demografische Segregation, Vorderhaus, Hinterhaus, Wedding, Stadterneuerung, Wohnungsleerstand, Wohnstandortwahl, Nachbarschaft, Wohnungsbau, Sozialstudien, Mikroebene, Bauzustand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob es innerhalb Berliner Mietshäuser eine systematische Trennung der Bewohner nach sozialen oder demografischen Merkmalen zwischen dem Vorderhaus und dem (oft nicht sichtbaren) Hinterhaus gibt.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentral sind die historische Entwicklung der Berliner Mietskasernen, die Theorie der Segregation auf Mikroebene sowie eine empirische Analyse zur Wohnqualität und Bewohnerstruktur im Stadtteil Wedding.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu erforschen, ob heute, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, noch eine kleinräumige Segregation zwischen den Gebäudeteilen existiert oder ob durch Modernisierung diese Unterschiede weitgehend nivelliert wurden.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden angewandt?
Die Arbeit kombiniert eine Sekundäranalyse bestehender Sozialdaten aus fünf ehemaligen Sanierungsgebieten mit einer eigenen, primär-empirischen Untersuchung, die eine Kartierung des Bauzustands und eine schriftliche Bewohnerbefragung umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die demografische und soziale Struktur der Bewohner, vergleicht Wohnungsmieten und Ausstattungsmerkmale und wertet die Ergebnisse der Kartierung sowie die Umzugsmotive der Bewohner im Untersuchungsgebiet Malplaquetstraße aus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind „Berliner Mietshaus“, „Soziale Segregation“, „Wohnstandortwahl“, „Hinterhausbebauung“ und „Stadterneuerung“.
Wie unterscheidet sich die Wohnsituation heute von der Zeit der Jahrhundertwende?
Während früher eine starke klassenspezifische Segregation herrschte, zeigt die Arbeit, dass durch Modernisierungsmaßnahmen in den sanierten Altbauten soziale Unterschiede weitgehend abgebaut wurden, während demografische Muster (z.B. Singles im Hinterhaus) teilweise fortbestehen.
Welche Rolle spielt der Gebäudezustand für die Segregation?
Der Bauzustand ist ein entscheidender Faktor: In unsanierten Häusern sind soziale Unterschiede stärker ausgeprägt, da minderwertige Hinterhaus-Wohnqualitäten zu einer Konzentration einkommensschwacher Haushalte führen können.
Wie bewerten die Bewohner die Nachbarschaft im Haus?
Die nachbarschaftlichen Kontakte werden von der Mehrheit als eher schwach eingestuft, wobei die räumliche Distanz zwischen Vorder- und Hinterhaus die Intensität der Kontakte und die Anonymität beeinflusst.
- Citation du texte
- Dipl.-Geograph Lars Wagenknecht (Auteur), 2007, In zweiter Reihe - Bauliche und soziale Struktur von Vorder- und Hinterhäusern am Beispiel von Berlin-Wedding, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93365