André Bretons "Nadja" als Beispiel surrealistischen Schreibens


Hausarbeit, 2007

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Die Darstellung Nadjas

3 L’hasard objectif
3.1 Die Zeichen und Vorahnungen

4 Die Beziehung zwischen Breton und Nadja
4.1 Nadja in der Rolle des Mediums
4.2 Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Breton und Nadja

5 Die Illustrationen
5.1 «Mme Sacco», « Blanche Derval» und «Ses yeux de fougère»
5.2 Nadjas Zeichnungen
5.2.1 Die Darstellung Najas in den Zeichnungen

6 Nadja und die folie

Abschlussbetrachtungen

Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem 1928 entstandenen Werk André Bretons, Nadja.

Mit der Veröffentlichung seines ersten manifeste du surréalisme 1924 in Paris, begründet André Breton die Epoche des Surrealismus. 1926, im Alter von dreißig Jahren, ist er der Anführer der groupe surréaliste, zu welcher hauptsächlich die ehemaligen Anhänger der Richtung des Dadaismus zählten, wie beispielsweise Aragon, Éluard, Desnos, Péret oder Soupault, die auch in der Erzählung eine Rolle spielen. Die Gemeinschaft der Surrealisten wollte nichts anderes als die Revolution der Welt und des Lebens. Durch das wachsende politische Interesse näherte sich die Gruppe der Parti communiste.[1] Breton setzte sich dann jedoch für Trotski ein.[2]

1926 ist er noch mit seiner Frau Simone verheiratet. Gleichzeitig hat er sich aber auch in eine andere Frau, Lise Meyer (la dame au gant) verliebt, da die Leidenschaft in seiner Ehe nachgelassen hat. Vor diesem Hintergrund, der politischen Unsicherheit, dem Zweifel über die zukünftige Entwicklung der surrealistischen Bewegung, trifft er am vierten Oktober 1926 auf Nadja.[3] Zehn Montate nach dem Treffen beginnt er in Manoir d’Ango Nadja zu verfassen. Bis zu ihrer Einlieferung in die psychiatrische Anstalt am 21. März 1927 hat Breton Nadja weiterhin gesehen und finanziell unterstützt.[4]

Besonders sein Werk Nadja kann als gelungenes Beispiel surrealistischen Schreibens angesehen werden. Durch die Besonderheit ihrer Person nimmt Nadja dabei eine wichtige Rolle ein und könnte als Verkörperung des Surrealismus bezeichnet werden.

In der Hausarbeit wird es zunächst um die Darstellung der Figur, Nadja gehen und zudem um den autobiografischen Hintergrund ihrer Person. Wer war Nadja im wirklichen Leben und in welcher Beziehung stand sie zu André Breton?

Eine sehr wichtige Rolle nehmen im Werk zudem die Erscheinungen der Theorie des hasard objectif ein. Diese verwandeln das alltägliche Leben zum merveilleux quotidien und verschaffen damit den Zugang zum Wunderbaren. Letztere stellt das zentrale Begehren der surrealistischen Wahrnehmung dar.[5]

Besonders die Beziehung zwischen dem Erzähler und Nadja, die Bedingtheit beider Personen, ist für das gesamte Werk von großer Wichtigkeit, denn das Zusammentreffen zwischen André Breton und Nadja veränderte sein gesamtes Leben und beeinflusste zusätzlich die Bewegung des Surrealismus im Allgemeinen. Nadja nimmt im Werk die Rolle eines Mediums ein, wodurch sie Breton den Zugang zu ihrer geheimnisvollen Welt verschafft und wodurch zudem ein interessantes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Paar entsteht.

Im Hinblick auf den hasard objectif sind die Illustrationen und Zeichnungen bedeutend. Sie verleihen dem Werk visuellen Charakter. Besonders die abstrakten, surrealistischen Zeichnungen Nadjas sind in Bezug auf ihre Person und das Werk im Allgemeinen relevant.

In einem letzten Punkt dieser Ausarbeitung wird es um Nadja und den Wahnsinn gehen. Dabei wird unter anderem der Frage nach der moralischen Verantwortung Bretons gegenüber der jungen Frau nachgegangen werden, denn sie litt unter starken Angstzuständen und Halluzinationen, weshalb sie in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde, wo sie bis zu ihrem Tod 1941 eingeschlossen blieb.

2 Die Darstellung Nadjas

Zunächst einmal soll der Frage nachgegangen werden, um wen es sich bei der Figur Nadja, der der Titel der Erzählung gewidmet ist, handelt.

Breton trifft die Unbekannte am vierten Oktober 1926 auf der Straße, la rue Lafayette. Sie heißt Nadja. Den Namen hat sie sich selbst ausgewählt und signiert auch damit ihre Zeichnungen, da sie sich in dem Namen am besten wiedererkennt und dementsprechend genannt werden möchte[6] und parce que en russe, c’est le commencement du mot espérance [Nadjedja] et parce que ce n’en est que le commencement.[7]

Heute ist bekannt, dass ihr eigentlicher Name, der im Text nicht erwähnt wird, Léona Camille Ghislaine Delcourt[8] war. Sie wurde am 23. Mai 1902 in Lille geboren und starb in einer psychiatrischen Klinik am 15. Januar 1941.[9] Ihre Eltern lebten getrennt und sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Zwischen der Geschichte der realen Person Léona und Nadja im Text existiert folglich eine Vielzahl an Gemeinsamkeiten. Anspielungen auf ihren richtigen Namen geben im Text nur der Hinweis auf Mademoiselle D. oder der bon ami, der Nadja, wie seine verstorbene Tochter, Léna nennt (Léna und Léona ähneln sich im Hinblick auf ihre Aussprache).[10] Im August 1927 beginnt Breton während seines Urlaubs in Manoir d’Ango Nadja zu verfassen. Er folgt damit der Vorahnung von Léona/Nadja, die sie ihm am siebten Tag ihres Treffens prophezeit hat:

Tu écriras un roman sur moi. Je t’assure. Ne dis pas non. Prends garde: tout s’affaiblit, tout disparaît. De nous il faut que quelque chose reste...[11]

Aus dem Treffen zwischen Breton und Nadja entsteht eine merkwürdige Beziehung. Während ihrer Treffen kommt es zu mysteriösen Ereignissen und Breton ist daher zunächst stark an der jungen Frau interessiert.

Doch dann geht die Beziehung zwischen den beiden immer weiter auseinander, da Breton das Interesse an ihr zu verlieren scheint. Nachdem zu Beginn zunächst ihre Person und ihr Hintergrund, ihr Aussehen und besonders ihre Augen beschrieben wurden, so werden dann in Folge eine Reihe von Zeichnungen und symbolischen Autoportraits nebeneinander im Text eingefügt und treten an die Stelle der Person Nadja. Mourier-Casile schreibt über die Bilder Nadjas:

Les dessins de Nadja se substituent désormais «à la personne de Nadja» [...], masquant le visage, métamorphosant le corps en monstre mythologique.[12]

Auch durch die abstrakten, unwirklichen Zeichnungen wird Nadja zu einer mystischen, surrealistischen Figur. Das Nebeneinanderstellen der Bilder zum Ende der Erzählung hält die Präsenz Nadjas aufrecht.[13]

Zum Ende der Erzählung erfährt Breton, dass Nadja in ihrem Hotel wahnsinnig geworden ist (vgl. Nadja, S. 127). Auch dies entspricht der Wahrheit. Léona wurde zunächst in die Anstalt von Vaucluse gebracht und anschließend in eine psychiatrische Klinik im Norden eingewiesen, wo sie bis zu ihrem Tod 1941 eingeschlossen blieb.

Die Welt, in der Nadja lebt, ist von bizarren Symbolen und Ereignissen geprägt. Ihrer Person werden im Werk geisterhafte Attribute zugeschrieben, so dass sie an die Gestalt eines Phantoms erinnert. Sie hat Visionen und Vorahnungen, so dass der Eindruck erweckt wird, sie trage eine geheimnisvolle Botschaft mit sich, die entschlüsselt werden muss.

Nadja taucht im Werk erst ziemlich spät, zufällig und sehr plötzlich auf:

Tout à coup [...] je vois une jeune femme, très pauvrement vêtue, qui, elle aussi, me voit ou m’a vu. Elle va la tête haute, contrairement à tous les autres passants. Si frêle qu’elle se pose à peine en marchant. [...] Curieusement fardée, comme quelqu’un qui, ayant commencé par les yeux, n’a pas eu le temps de finir, mais le bord des yeux si noir pour une blonde. [...] Je n’avais jamais vu de tels yeux. [eigene Hervorhebungen][14]

Besonders durch ihren speziellen Gang, hebt sie sich von den anderen Spaziergängern ab. Sie scheint zu schweben und bewegt sich im Gegensatz zu den anderen mit erhobenem Kopf. Zusätzlich fallen ihre schwarz geschminkten Augen auf. Sie erinnern, wie auch ihr gesamtes Wesen, an etwas Fremdes und Sonderbares.

Etwas später im Text erwähnt der Autor erneut das Besondere an Nadjas Augen:

Que peut-il bien passer de si extraordinaire dans ces yeux? Que s’y mire-t-il à la fois obscurément de détresse et lumineusement d’orgueil?[15]

Dieser mysteriöse Aspekt, der mit ihrer Figur in Zusammenhang steht, wird besonders durch ihre Vorhersehungen verstärkt. Sie ist in der Lage Dinge vorherzusehen und Signale oder Zeichen wahrzunehmen, die nicht erklärbar sind und die andere nicht sehen. Zusätzlich scheint sie besondere Kräfte auf andere Personen auszuwirken und zudem eine Anziehungskraft auf Kinder auszuüben, worauf später noch genauer eingegangen wird. Ihre sonderbaren Fähigkeiten stehen mit der Theorie des hasard objectif in Verbindung, der zudem das gesamte Werk prägt (siehe 3).

Thélot verdeutlicht zudem, dass Nadja die Rolle eines Opfers einnimmt. Als Nadja sich Breton bei ihrem ersten Treffen anvertraut wird deutlich, dass sie bereits zweimal auf traumatische Weise verlassen wurde. Zum einen von ihrem ehemaligen Freund aus Lille, den sie in Paris wieder getroffen hat, und zum anderen von ihrem Grand ami, der sie ebenfalls sich selbst überlassen hatte. Die Umstände zwangen sie dazu, sich der Prostitution hinzugeben.[16] Bereits bei dem ersten Kuss, den sich die Breton und Nadja im Taxi geben, erahnt Nadja etwas Bedrohliches. Am 13. Oktober verlässt schließlich auch Breton die junge, hilflose Frau, die nun zum dritten Mal in ihrem Zustand voller Halluzinationen und Angstzuständen allein gelassen wird.[17]

[...]


[1] Vgl. Fauconnier (2004), S. 98.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd., S. 99.

[4] Vgl. ebd., S. 101.

[5] Vgl. Weyand (2006), S. 42/43.

[6] Vgl. Mourier-Casile (1994), S. 23.

[7] Nadja (1963), S. 62.

[8] Vgl. Fauconnier (2004), S. 99.

[9] Vgl. Mourier-Casile, S. 24.

[10] Vgl. Mourier-Casile (1994), S. 23.

[11] Nadja (1963), S. 100.

[12] Mourier-Casile (1994), S. 55.

[13] Vgl. ebd.

[14] Nadja (1963), S. 58/59..

[15] Nadja (1963), S. 59/60.

[16] Vgl. Thélot (1998), S. 284.

[17] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
André Bretons "Nadja" als Beispiel surrealistischen Schreibens
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für französische Philologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V93405
ISBN (eBook)
9783638066389
ISBN (Buch)
9783638953214
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
André, Bretons, Nadja, Beispiel, Schreibens
Arbeit zitieren
Julia Kirst (Autor), 2007, André Bretons "Nadja" als Beispiel surrealistischen Schreibens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93405

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