Antizyklischer Kapitalpuffer zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Banken. Eine theoretische und empirische Analyse


Masterarbeit, 2020

78 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung: Zur Bedeutung der Kapitalpuffer in der Bankenaufsicht

2. Der antizyklische Kapitalpuffer
2.1. Grundlagen
2.2. Bestimmung des antizyklischen Kapitalpuffers
2.2.1. Berechnungsmethodik
2.2.2. Ausgewählte Einflussfaktoren auf die Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers
2.3. Würdigung
2.3.1. Evidenz der Wirkungseffizienz des antizyklischen Kapitalpuffers
2.3.2. Kritische Betrachtung
2.4. Zwischenfazit

3. Auswirkungen der zur Berechnung des CCyB genutzten Indikatoren und Parameter
3.1. Datenbasis
3.2. Methodik
3.3. Überprüfung der Eignung der Kredit/BIP-Lücke als Alleinindikator
3.4. Überprüfung des Einflusses der Variation des Glättungsparameters
3.5. Einführung eines Entscheidungsmodells
3.6. Diskussion der Ergebnisse

4. Zusammenfassende Betrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Der antizyklische Kapitalpuffer ist ein Regulierungsinstrument mit dem Ziel, die Widerstandsfähigkeit der Banken gegenüber negativen Einflüssen zu erhöhen. Ausgangspunkt für die Höhe des Kapitalpuffers sind die Kredit/BIP-Lücke und weitere Hilfsindikatoren, wobei keine Einigkeit darüber besteht, welche Indikatoren das bestmögliche Ergebnis erzeugen. Diese Masterthesis untersucht, welche Auswirkungen sich aus der Auswahl der - zur Bestimmung der Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers genutzten - Inputfaktoren auf die Qualität der Risikoabschätzung und damit auf den Zielerreichungsgrad des Instrumentes ergeben. Dazu werden Kredit- sowie BIP­Zeitreihen von verschiedenen Ländern empirisch ausgewertet. Darauf aufbauend wird der Einfluss eines Berechnungsparameters auf die Qualität des antizyklischen Kapitalpuffers separiert sowie bewertet. Letztlich wird ein Entscheidungsmodell entwickelt, welches eine Verbesserung der Qualität des antizyklischen Kapitalpuffers erbringen soll. Diese Arbeit gelangt zur Erkenntnis, dass der antizyklische Kapitalpuffer dazu beitragen wird, die Widerstandsfähigkeit der Banken zu erhöhen; jedoch werden ferner Arbeitsfelder identifiziert, die Potentiale zur Verbesserung der Konzeption des Regulierungsinstrumentes bieten. Somit trägt diese Arbeit dazu bei, die zu erwartende Wirkung des antizyklischen Kapitalpuffers zu überprüfen sowie Ansätze zu entwickeln, die die Qualität des Instrumentes verbessern können.

Abstract

The counter-cyclical capital buffer is a regulatory instrument aimed at increasing banks' resilience to adverse influences. The starting point for the level of the capital buffer is the credit/GDP gap and other auxiliary indicators, although there is no agreement on which indicators produce the best possible result. This master thesis examines the effects of the selection of the input factors - used to determine the size of the CCyB - on the quality of the risk assessment and thus on the degree to which the instrument achieves its objectives. For this purpose, credit and GDP time series from different countries are empirically evaluated. Based on this, the influence of a calculation parameter on the quality of the CCyB is separated and evaluated. Finally, a decision model will be developed which should improve the quality of the CCyB. This work comes to the conclusion that the CCyB will contribute to increasing the resilience of banks; however, it also identifies areas of work that offer potential for improving the design of the regulatory instrument. Thus, this work contributes to reviewing the expected impact of the CCyB and to developing approaches that can improve the quality of the instrument.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung 1: KBV, KBL und Trend

Abbildung 2: KBL und Pufferrichtwert

Abbildung 3: Inputdaten für die Berechnung des institutsspezifischen antizyklischen Kapitalpuffers der IBSH

Abbildung 4: Entwicklung des Saldos der Leistungsbilanz in Prozent des BIP

Abbildung 5: Zeitverzögerung Kredit/BIP-Entwicklung in Mrd. EUR

Abbildung 6: Überblick über die zur Analyse genutzten Zeitreihen

Abbildung 7: Klassifizierung der generierten Signale

Abbildung 8: Inputfaktoren zur empirischen Analyse der Kredit/BIP-Lücke

Abbildung 9: Verlauf der Kredit/BIP-Lücke am Beispiel Deutschland

Abbildung 10: Verlauf der Kredit/BIP-Lücke am Beispiel Großbritannien

Abbildung 11: Verlauf der Kredit/BIP-Lücke am Beispiel Dänemark

Abbildung 12: Verlauf der Kredit/BIP-Lücke am Beispiel Portugal

Abbildung 13: Verlauf der Kredit/BIP-Lücke am Beispiel Tschechien

Abbildung 14: Inputfaktoren zur empirischen Analyse des Einflusses des Glättungsparameters Lambda

Abbildung 15: Bewertung der Qualität der Risikoabschätzung anhand der Noise to Signal Ratio (1/2)

Abbildung 16: Bewertung der Qualität der Risikoabschätzung anhand der Noise to Signal Ratio (2/2)

Abbildung 17: Relevante Länge der Kreditzyklen

Abbildung 18: Relevante Länge der Kredit- und Konjunkturzyklen

Abbildung 19: Lambda-Inputfaktoren für die Sample-Berechnung

Abbildung 20: Vergleich Noise to Signal Ratio anhand länderindividuellen und standardmäßigen Lambdas

Abbildung 21: Schematischer Aufbau des Entscheidungsmodells

Abbildung 22: Auswertung standardisiertes Kredit/BIP-Verhältnis

Abbildung 23: Auswertung Saldo der Leistungsbilanz

Abbildung 24: Auswertung reales Wachstum der MFI-Kredite

Abbildung 25: Auswertung der Kombination verschiedener Indikatoren

Abbildung 26: Vergleich Indikatorkombination & Kredit/BIP-Lücke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung: Zur Bedeutung der Kapitalpuffer in der Bankenaufsicht

Banken besitzen aufgrund ihrer übernommenen Funktionen eine bedeutende Position im Wirtschafts- und Finanzsystem einer Volkswirtschaft. Erstens erreichen sie durch die Losgrößentransformation, dass zahlreiche kleinere Einlagen zu größeren Krediten gebündelt werden können, welche die Realwirtschaft in die Lage versetzen, Investitionen vorzunehmen und Gewinne zu erwirtschaften. Zweitens tragen sie im Zuge der Fristentransformation dazu bei, dass kurzfristige Einlagen in langfristige Kredite transformiert werden, wodurch die Planungssicherheit für Kreditnehmer gestärkt und langfristige Investitionen möglich werden. Drittens diversifizieren Banken zusätzlich das Risiko aus den eingenommenen Einlagen und tragen somit zur Sicherheit von Kreditnehmern bei.

Im Zuge der Finanz- und der damit korrespondierenden Weltwirtschaftskrise im Jahr 2007 gerieten in vielen Ländern zahlreiche Kreditinstitute in existenzbedrohende Schieflagen, da durch die engen Verflechtungen innerhalb des Finanzsystems massive Ausfälle in den Bankbilanzen zu beobachten waren. Diese Ausfälle im Bankensektor waren wiederum mit weitreichenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft verbunden, da die Eigenkapitalausstattung der Institute durch die Ausfälle unter Druck geriet und so das Kreditangebot für die Privathaushalte und Unternehmen stark eingeschränkt wurde. Als Reaktion darauf wurde im September 2009 ein umfassendes Maßnahmenpaket im Rahmen des G20-Gipfels mit dem Ziel beschlossen, einerseits das stark verminderte Vertrauen der Marktteilnehmer in das Finanzsystem wiederherzustellen und anderseits die Ausweitung von zukünftigen Krisen zu mildern, indem die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems erhöht werden sollte. Die wesentlichen Inhalte des Maßnahmenpaketes erstrecken sich auf vier relevante Reform bereiche, die von der Stärkung der grundsätzlichen Eigenkapitalausstattung bis hin zur Einführung von Eigenkapitalpuffern reichen (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, 2010b).

Die Maßnahmenpakete nach Basel III wurden im Dezember 2010 im Zuge der Finanzkrise vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht veröffentlicht und adressieren mehrere Regulierungsaspekte im Bankensystem (Gaumert, Götz & Ortgies, 2011). Nach Ausführungen des Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010b) bauen die Neuerungen in Folge von Basel III auf den bereits im Regulierungspaket Basel II genutzten Säulen des Rahmenwerkes auf. Zudem ist Basel III nicht nur als eine Überarbeitung der bisherigen Regulierung zu sehen, viel mehr wurden mit Basel III neue Instrumente der Regulierung eingeführt, um den aus der Finanzkrise erkenntlich gewordenen Schwächen des Finanzsystems entgegenzustehen (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, 2010c). Zielsetzungen waren unter anderem, die Resilienz sowie die Stabilität des Finanzsektors gegenüber negativen Effekten zu stärken und die internationale Zusammenarbeit der Regulierungsbehörden zu verbessern (Kunze, Windels & Dill, 2015). Diese Zielsetzung lässt vermuten, dass der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht innerhalb des Basel III-Maßnahmenpakets erkennt, dass eine Finanzmarktstabilität nicht einzig über die Solvenz der einzelnen Institute sichergestellt werden kann (Caruana, 2010). Somit stellt das Maßnahmenpaket nach Basel III den erstmaligen Versuch der Regulierungsbehörden dar, die systemischen Risiken in einem makroprudenziellen Regulierungsansatz zu adressieren.

Im Gegensatz zum Maßnahmenpaket Basel III werden mit dem seit 2013 entwickelten Maßnahmenpaket Basel IV nicht so deutliche Veränderungen forciert. Nach Watzek (2018) stellt es einen neuen Baustein der Baseler Strategie dar, das Bankensystem widerstandsfähiger gegen externe Effekte und systemische Risiken zu machen. Die wichtigsten Inhalte von Basel IV bestehen nach Heidorn und Schmaltz (2017) in der Überarbeitung der bisher genutzten Ansätze zur Messung von Kredit- und Marktpreisrisiken, von operationellen- sowie Zinsänderungsrisiken und der Ansätze der Mindestkapitalgrenzen für Institute mit internen Modellen zur Risikomessung. Ferner ist nach Aussage des Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010b) nicht damit zu rechnen, dass die Kapitalanforderungen für die regulierten Institute im Zuge von Basel IV ansteigen sollen.

Kunze et al. (2015) sehen in den neuen Regulierungspaketen nach Basel III eine direkte Antwort auf die Schwachstellen, die innerhalb des Finanzsystems durch die Finanzkrise offengelegt wurden. Diese Meinung vertritt auch Hartmann-Wendels (2016), der ausführt, dass durch die Finanzkrise deutlich wurde, dass die Eigenkapitalausstattung der Institute unzureichend war. Seine Argumentation umfasst hierbei die Höhe und Qualität des Eigenkapitals. Bremus und Lambert (2014) bestätigen dies und fügen hinzu, dass die Liquiditätsausstattung der Institute ebenfalls unzureichend war.

Ein Schwerpunkt von Basel III betrifft die Erhöhung des vorzuhaltenden Eigenkapitals. Bremus und Lambert (2014) schreiben, dass die Risikoaktiva nach Basel III mit 10,5 % Eigenkapital abzusichern sind. Dies ist vor allem auf die Erhöhung für die Quote des harten Kernkapitals zurückzuführen. Betrug die Quote für das harte Kernkapital unter Basel II noch 2 %, müssen nach Basel III nunmehr 4,5 % hartes Kernkapital vorgehalten werden (Caruana, 2010). Dies zieht vor allem für Großbanken einen Anpassungsbedarf nach sich, da diese in der Vergangenheit große Teile an hybridem Kernkapital ausgegeben haben, welches im Zuge von Basel III nur unter strengen Anforderungen weiterhin als Kernkapital anerkannt wird (Hartmann-Wendels, 2016). Zusätzliche Änderungen betreffen das Ergänzungskapital, welches in Basel II maximal zur Hälfte des Kernkapitals anerkannt wurde. Nach Basel III wird dieser Anteil bis auf maximal 25 % verringert.

Abseits der positiven Effekte, die im Zuge der Realisierung der Maßnahmenpakete zu erwarten sind, ergeben sich aus den bankenaufsichtlichen Mindesteigenkapitalnormen in der Regel prozyklische Effekte auf die Konjunkturentwicklung. Konkret kommt es in einer Phase eines wirtschaftlichen Abschwungs zu steigenden Insolvenzen und verschlechterten Geschäftszahlen der Unternehmen, was mit einer Erhöhung des Kreditrisikos für Banken einhergeht. In Folge der Insolvenzen mindert sich das Eigenkapital der kreditgewährenden Banken, da sie etwaige Verluste auffangen müssen - wobei gleichzeitig die Höhe des für die Kreditunterlegung notwendigen Eigenkapitals aufgrund von erhöhtem Kreditrisiko steigt. Diese beiden Effekte mindern die Möglichkeiten der Institute zur Kreditvergabe, was mit negativen Rückkopplungseffekten auf die Realwirtschaft verbunden ist und die negativen Tendenzen weiterhin verstärkt.

Einen Lösungsansatz hierzu stellen die im Maßnahmenpaket Basel III inkludierten zusätzlichen Kapitalpuffer dar, von denen speziell der antizyklische Kapitalpuffer das Ziel verfolgt, die prozyklischen Effekte im Regulierungsrahmen abzumildern. Der antizyklische Kapitalpuffer wird in guten konjunkturellen Phasen mit hartem Kernkapital aufgebaut und steht den Instituten in Perioden des Abschwungs zur Verfügung, um Verluste abzufedern und die Kreditversorgung der Realwirtschaft aufrechtzuerhalten, ohne die Mindesteigenkapitalnorm zu unterschreiten. Dadurch erfüllt er zweierlei Funktionen: Erstens wirkt er als eine Art Dämpfer für übermäßiges Kreditwachstum und zweitens versorgt er die Institute in schlechten wirtschaftlichen Phasen mit zusätzlichem Kapital (Hartmann-Wendels, 2016). Somit stellt der antizyklische Kapitalpuffer eine Antwort auf die prozyklischen Tendenzen dar.

In der Literatur stellen u. a. Tente, Stein, Silbermann und Deckers (2015), Schulte- Mattler und Schulte-Mattler (2020), Drehmann und Tsatsaronis (2014) sowie Walther (2012) den antizyklischen Kapitalpuffer grundlegend mit den damit zusammenhängenden Intentionen der Abfederung der Prozyklizität im Bankensektor ausführlich dar. Ergänzt werden diese grundlegenden Beiträge durch Ausführungen von Jiménez, Ongena, Peydro J-L. und Saurina (2017), Detken, Weeken, Alessi, Bonfim und Castro (2014) sowie Edge und Meisenzahl (2011), die einzelne Problemfelder in der Konzeption des antizyklischen Kapitalpuffers darstellen und Ansätze skizzieren, warum der antizyklische Kapitalpuffer nicht geeignet sei, um die Prozyklizität im Finanzsystem abzumildern. So führen Edge und Meisenzahl (2011) in ihrem Beitrag „The Unreliability of Credit-to-GDP Ratio Gaps in Real Time” eine kritische Analyse des Hauptindikators des antizyklischen Kapitalpuffers durch und hinterfragen dessen Güte als Guide für die Messung der Risikosituation im Finanzsystem. Jiménez et al. (2017) weiten dies aus und kommen durch Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass in bestimmten Ländern die Kredit/BIP-Lücke negativ mit dem Bruttoinlandsprodukt korreliert, was dem intendierten Ziel des Puffers zuwider läuft. Drehmann und Tsatsaronis (2014) erkennen zudem, dass die Kredit/BIP-Lücke nicht in der Lage sei, den Zeitpunkt des Auf- und Abbaus des antizyklischen Kapitalpuffers ausreichend genau zu bestimmen, da ihre Signale einer Zeitverzögerung unterliegen.

Durch die obigen Ausführungen wird deutlich, dass keine grundsätzliche Einigkeit über die generelle Wirkungseffizienz des antizyklischen Kapitalpuffers vorherrscht und Unklarheit über die optimale Zusammensetzung der Indikatoren, die ein übermäßiges Systemrisiko indizieren sollen, besteht. Zusätzlich ergeben sich durch die verschiedenen Einflussfaktoren in Bezug auf die Höhe des antizyklischen Puffers weitere Abweichungspotenziale, die einer grundlegenden Überprüfung bedürfen. Daher ist das Ziel der vorliegenden Arbeit aufzuzeigen, welche Auswirkungen sich aus der Auswahl der - zur Bestimmung der Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers genutzten - Inputfaktoren auf die letztendliche Qualität der Risikoabschätzung und damit auf den Zielerreichungsgrad des Instrumentes ergeben. Zur Erreichung dieses Ziels wird eine dreigeteilte Analyse durchgeführt, welche die in der Literatur bereits angeführten konzeptionellen Problemfelder aufgreift und länderübergreifend überprüft. Durch die Analyse kann somit gezeigt werden, wie sich bestimmte Variationen in den Parametern der Berechnungsmethodik des antizyklischen Kapitalpuffers auf die Güte des Instrumentes auswirken und welche Ansätze sich daraus für eine Verbesserung des Instrumentes ergeben.

Die Arbeit beginnt in Abschnitt 2 mit einem grundlegenden Überblick über den antizyklischen Kapitalpuffer, in welchem zuerst die Berechnungsmethodik des antizyklischen Kapitalpuffers sowie die darauf einwirkenden Einflussfaktoren dargestellt und erläutert werden. Hierzu wird die Konzeption des antizyklischen Kapitalpuffers in mehrere Einzelkomponenten zerlegt, um die konkreten Einflüsse zu identifizieren und zu bewerten. Aufbauend hierauf wird unter Abschnitt 2.3. eine kritische Würdigung des antizyklischen Kapitalpuffers vorgenommen, in welcher zuerst die Wirkungseffizienz hinterfragt und folgend verschiedene literarische Kritikpunkte angeführt werden.

In Abschnitt 3 dieser Arbeit werden die Auswirkungen der zur Berechnung des antizyklischen Kapitalpuffers genutzten Indikatoren und Parameter empirisch überprüft und es wird gezeigt, dass der antizyklische Kapitalpuffer in seiner aktuellen Form keine zu 100 Prozent zuverlässige Risikoabschätzung und -absicherung liefern kann. Durch eine quantitative Erfassung der Signale, welche durch die verschiedenen Indikatoren generiert werden, kann eine Aussage darüber getätigt werden, inwiefern bestimmte Indikatoren in der Lage sind, die Risikosituation verlässlich zu erfassen und so relevante Entscheidungen der Regulierungsinstanzen möglich zu machen. Schließlich wird unter Abschnitt 3.5. ein Entscheidungsmodell vorgestellt, das durch eine Kombination von mehreren Indikatoren eine Risikoabschätzung ermöglichen soll, welche dem Ansatz des Baseler Ausschusses im optimalen Fall überlegen ist. Abgeschlossen wird diese Arbeit in Abschnitt 4 von einer zusammenfassenden Betrachtung und einem Ausblick auf die in der Zukunft zu erwartenden Regulierungsentwicklungen.

2. Der antizyklische Kapitalpuffer

Die Finanzkrise im Jahr 2007/2008 hat gezeigt, dass die prozyklischen Verstärkungen von finanziellen Schocks zu den am stärksten destabilisierenden Einflussfaktoren im Bankensystem gehören, weshalb der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010b) verschiedene Maßnahmen zur Verringerung dieser Prozyklizität eingeführt hat. Zwei dieser Maßnahmen können unter dem Aspekt des Aufbaus eines ausreichend hohen Eigenkapitalpolsters zusammengefasst werden. Die erste Maßnahme betrifft den Aufbau eines Kapitalerhaltungspuffers, sodass Banken in Stressphasen auf diesen zurückgreifen können. Die zweite Maßnahme betrifft antizyklische Kapitalpuffer, die den Bankensektor vor systemischen Risiken schützen sollen. Der Kapitalerhaltungspuffer sowie der antizyklische Kapitalpuffer sind ab dem 01.01.2016 in § 10c und § 10d des Kreditwesengesetzes verankert und werden jeweils mit hartem Kernkapital bedient.

Es existieren bereits zahlreiche Literaturbeiträge,1 die sich mit der Wirkungseffizienz von antizyklischen Kapitalpuffern auseinandersetzen; gleichwohl besteht kein Konsens darüber, ob dieser zu dem Ziel der Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Banken maßgeblich beitragen kann. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010a) schreibt hierzu, dass die jährliche Wahrscheinlichkeit einer Bankenkrise von 4,6 % auf 3 % sinkt, falls die mit dem antizyklischen Puffer zusammenhängende Eigenkapitalquote um einen Prozentpunkt steigt. Utzerath (2010) dagegen sagt, dass antizyklische Kapitalpuffer weder prozyklische Effekte begrenzen noch die steigenden Eigenkapitalanforderungen sich bremsend auf die Kreditvergabe auswirken. Somit ist es im Folgenden interessant, zunächst die mit dem antizyklischen Kapitalpuffer einhergehende Konzeption der Berechnung zu analysieren, ehe anschließend eine Würdigung dessen vorgenommen werden kann.

2.1. Grundlagen

Der antizyklische Kapitalpuffer ist ein Regulierungsinstrument, welches zur Erhöhung der Qualität und Quantität des Eigenkapitals und somit zur Steigerung der Widerstandsfähigkeit von Banken beitragen soll. Nach Hartmann-Wendels (2016) wird der antizyklische Kapitalpuffer in Zeiten eines übermäßig hohen Kreditwachstums aufgebaut, sodass er in einem Konjunkturabschwung abgeschmolzen und zur Aufrechterhaltung der Bankenfunktion genutzt werden kann. Das BCBS erhofft sich hiervon einen Gegenpol zu den tendenziell prozyklisch wirkenden risikoorientierten Eigenmittelanforderungen (Walther, 2012).

Gemäß Artikel 130 der Capital Requirement Directive IV ist der antizyklische Kapitalpuffer auf einzelner oder auf konsolidierter Basis zu ermitteln und muss aus hartem Kernkapital bestehen. Für Banken, die auch international aktiv sind, ist der institutsspezifische antizyklische Kapitalpuffer als gewichteter Durchschnittswert zu errechnen, für welchen die im jeweiligen Ausland an den privaten Sektor vergebenen Risikopositionen und die dort zum Zeitpunkt herrschenden Quoten für den antizyklischen Kapitalpuffer maßgeblich sind. Die zum 01.01.2016 initial festgelegte Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers lag bei 0,625 %. Diese wurde jährlich um 0,625 % erhöht, sodass die maximale Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers ab dem 01.01.2019 2,5 % der risikogewichteten Aktiva beträgt. Ferner kann gemäß § 10d Abs. 3 KWG eine Pufferquote angesetzt werden, welche über 2,5 % liegt. Dies geschieht, insofern die Aufsicht die Erhöhung aufgrund einer besonderen Risikolage als erforderlich ansieht (Tente et al., 2015).

Die nach Artikel 136 Abs. 2 CRD IV für die Festlegung der Quote des antizyklischen Kapitalpuffers verantwortliche nationale Behörde - in Deutschland ist dies die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht oder folgend die BaFin - besitzt Ermessensspielräume bei der Umsetzung des antizyklischen Kapitalpuffers. Insbesondere sind Unterschiede hinsichtlich der Anzahl und der Ausgestaltung der genutzten Indikatoren im Hinblick auf die Identifizierung einer übermäßig hohen Kreditentwicklung (Norges Bank, 2019), des Freiheitsgrades der diskretionären Entscheidung (Tulasi, 2015) oder in den genutzten Berechnungsvariablen zu beobachten (Carney, Cunliffe, Bailey, Broadbent & McDermott, 2016). Diese Unterschiede sind nach Hartmann-Wendels (2016) vor allem mit den regional unterschiedlich ausgeprägten wirtschaftlichen Gegebenheiten zu begründen. Zusätzlich schreibt Artikel 124 CRD IV einen Beschluss über die Quote für den antizyklischen Kapitalpuffer auf Basis internationaler einheitlicher Grundsätze vor, die eine öffentliche Mitteilung der jeweiligen, in den Ländern geltenden Pufferquoten notwendig macht.

2.2. Bestimmung des antizyklischen Kapitalpuffers

Die Bestimmung der Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers wird im Rahmen dieser Arbeit einerseits in Bezugnahme zur Berechnungsmethodik sowie andererseits im Hinblick auf die wesentlichen Einflussfaktoren auf den antizyklischen Kapitalpuffer erläutert. In einem ersten Schritt wird die konkrete Berechnungsmethodik des antizyklischen Kapitalpuffers dargestellt, ehe diese anhand von Beispielen praktisch umgesetzt wird. Aufbauend darauf werden ausgewählte Einflussfaktoren, die die Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers beeinflussen können, aufgeführt und erläutert.

2.2.1. Berechnungsmethodik

Das zentrale Element zur Bestimmung der Höhe des antizyklischen Kapitalpuffers stellt der Pufferrichtwert dar, der jeweils quartalsweise von der - in Deutschland für die Festsetzung des inländischen antizyklischen Kapitalpuffers verantwortlichen - BaFin in 0,25 %-Schritten gemäß § 10d KWG und §§ 33-36 SolvV ermittelt wird (Schulte-Mattler & Schulte-Mattler, 2020). Der Pufferrichtwert folgt hierbei dem konzeptionellen Gedanken, dass der zu beobachtende Kreditzyklus sowie die sich daraus aufbauenden systemischen Risken durch diesen Richtwert widergespiegelt werden. Praktisch geschieht dies anhand der Bestimmung einer Kredit/BIP-Lücke. Zusätzlich werden zur Bestimmung des Pufferrichtwertes gemäß Tente et al. (2015) mehrere Faktoren zur wirtschaftlichen Entwicklung einbezogen. So bezieht die BaFin zur Bestimmung der Pufferquote neben den quantitativen Daten zur Kredit/BIP-Entwicklung insbesondere auch Vorschläge des ESRB und des Ausschusses für Finanzstabilität (AFS) sowie der EZB in die Bestimmung der Pufferquote mit ein.

Ergänzend zur obigen Ausführung hat der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) zusätzliche Prinzipien erarbeitet, welche zu einer rationalen und den wirtschaftlichen Entwicklungen entsprechenden Bestimmung der Pufferquote beitragen sollen. Diese Prinzipien beinhalten insbesondere eine von allen Mitgliedsstaaten akzeptierte Zielsetzung des antizyklischen Kapitalpuffers und einen gemeinsamen Referenzindikator, der durch die Kredit/BIP-Lücke dargestellt wird. Der Sinn dieser Prinzipien ist es, einen angemessenen Handlungsrahmen für die verantwortlichen Entscheidungsinstanzen abzustecken. Ferner wird dadurch sichergestellt, dass Entscheidungsverfahren einer bestimmten Systematik folgen und so für die davon betroffenen Interessensgruppen besser nachzuvollziehen sind - wodurch die Akzeptanz der Entscheidung begünstigt sein dürfte.

Die konkrete Berechnungsmethodik zur Bestimmung der Pufferquote für den antizyklischen Kapitalpuffer teilt sich nach dem Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) in drei Schritte auf, die im Folgenden näher beschrieben werden:

In einem ersten Schritt ist es notwendig, das Verhältnis KBVt (Kredit- Bruttoinlandsprodukt-Verhältnis) zu bestimmen. Dazu wird das zur jeweiligen Periode t (z.B. zum Zeitpunkt Q1 2005) bestehende Kreditvolumen in Relation gesetzt zum Bruttoinlandsprodukt derselben Periode. Dies geschieht anhand der Formel 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Vorarbeit zur Nutzung dieser Formel besteht in der Erfassung des inländischen Kreditvolumens und des korrespondierenden Bruttoinlandsproduktes. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) schlägt hierzu vor, ein breites Kreditvolumen zu nutzen, welches die Verschuldung des privaten inländischen nichtfinanziellen Sektors angemessen abbildet. Somit umfasst das Kreditvolumen demnach die aus in- und ausländischen Quellen bezogenen Kredite plus Schuldverschreibungen inländischer privater nichtfinanzieller Unternehmen (Tente et al., 2015). Erwähnenswert ist zudem, dass das Bruttoinlandsprodukt häufig in Quartalszahlen erhoben wird und daher eine gleitende Aufsummierung über vier Quartale notwendig ist. Demnach würde das Bruttoinlandsprodukt in t = Q1_2007 exemplarisch die BIP-Werte t-3, t-2, t-1 sowie t enthalten. Das Kreditvolument und das Bruttoinlandsproduktt werden in der Regel in nominaler Form und in Quartalswerten erhoben. Zusätzlich sollten Zeitreihen mit Daten für mindestens 10 Jahre genutzt werden, da ansonsten das Risiko bestehe, dass die im folgenden Schritt erläuterte Art der Trendberechnung nicht ordnungsgemäß funktioniert (Drehmann & Tsatsaronis, 2014).

Der zweite Schritt zur Berechnung der anzuwendenden Pufferquote besteht in der Bestimmung der Kredit/BIP-Lücke KBLt. Diese wird gemäß den Empfehlungen des Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) ermittelt, indem in der jeweiligen Periode t die in Schritt 1 bestimmten KBVt mit ihrem langfristigen Trendwert verglichen werden. Die Berechnungsmethodik kann anhand der Formel 2 nachvollzogen werden. Für jede Periode t ist hierbei die KBL zu bestimmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zur Nutzung dieser Formel ist der Trendt des Kredit-BIP-Verhältnisses zu ermitteln (zur formellen Vorgehensweise der Trendberechnung siehe Anhang 1). Hierfür empfiehlt die Literatur2 die Nutzung eines einseitigen Hodrick-Prescott-Filters. Dieser erfüllt die Funktion, die zugrunde liegende Zeitreihe zu glätten und zwischen einer zyklischen und einer Trendkomponente zu separieren (Hodrick & Prescott, 1997) sowie nicht normale Schwankungen auszugleichen. Das ermöglicht eine von Periode zu Periode sukzessiv erweiterte Trendberechnung um die nächstgrößere Periode. Diese Systematik wird von Borio und Lowe (2002) als rekursiver Filter definiert, bei welchem die zyklische Komponente den Abstand zwischen dem Kredit-BIP-Verhältnis und dem jeweiligen Trend repräsentiert. Die Interpretation der KBLt besteht darin, dass eine positive KBLt ein Indiz dafür ist, dass das Kreditwachstum in Relation zum langjährigen Trend gegebenenfalls zu stark steigt und so eine erhöhte systemische Gefahr besteht.

Hinsichtlich der Trendberechnung mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters gehen einige Besonderheiten einher, die aufgrund der Einflussnahme auf den ermittelten Trend durchaus erwähnenswert erscheinen. Insbesondere hervorzuheben ist hierbei der Lamdba-Wert, der in der Trendberechnung als Glättungsparameter genutzt wird und nach Hodrick und Prescott (1997) grundsätzlich von der Frequenz der Daten abhängig ist und die Variabilität der Wachstumskomponenten der Zeitreihen korrigiert. So empfehlen die Autoren für quartalsweise vorliegende Daten einen Lambda-Wert in Höhe von 1.600. Dieser Wert wird von Ravn und Uhlig (2002) bestätigt, gilt demnach jedoch eher für einen Konjunkturzyklus, der kürzeren Zyklen unterliegt als der Kreditzyklus. Da die Trendberechnung in Formel 2 anhand des Kreditzyklus erfolgt, empfehlen Drehmann, Borio, Jiménez, Gambacorta und Trucharte (2010) einen Lambda-Wert in Höhe von 400.000, da dadurch der Langzeittrend besser identifiziert und separiert werden kann. Die konkrete Kalkulation des Lambda-Wertes wird im weiteren Verlauf der Arbeit dargelegt. Die korrespondierende Konzeption des Hodrick-Prescott-Filters wird im Anhang aufgeführt.

Im letzten Schritt der Berechnung wird der Abstand zwischen dem KBVt und dem korrespondierenden Trendt in die Quote für den inländischen antizyklischen Kapitalpuffer PURt transformiert (siehe Anhang 2). Zum Zwecke der Transformation wird von der Aufsicht eine obere Schwelle H und eine untere Schwelle L festgelegt. Der Pufferrichtwert beträgt in einer bestimmten Periode Null, wenn die Kredit/BIP-Lücke unter der definierten Schwelle L liegt. Im Bereich zwischen der unteren Schwelle L und der oberen Schwelle H, steigt der Pufferrichtwert linear ab L bis zur festgelegten Obergrenze H an. Der Pufferrichtwert ist maximal, wenn die Differenz KBLt über oder an der festgelegten Schwelle H liegt. Die abschnittsweise definierte Funktion wird in Anlehnung an Repullo und Saurina (2011) folgend anhand der Formel 3 dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben der KBLt sind nun zwei weitere Variablen L und H hinzugekommen, welche aufgrund ihrer Einflussnahme auf das Timing und die Anpassungsgeschwindigkeit des Puffers besonders hervorzuheben sind. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) ist durch die Analyse von historischen Bankenkrisen zur Erkenntnis gelangt, dass eine Fixierung der Schwellenwerte L und H auf 2 und 10 eine belastbare und gleichzeitig auch angemessene Vorgabe darstellt. Hinsichtlich der praktischen Anwendung der Formel bieten Schulte-Mattler und Schulte-Mattler (2020) eine Lösung, indem sie die abschnittsweise definierte Funktion in eine logische Excel-Syntax überführen, die eine einfache Kalkulation ermöglicht.

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Ein Beispiel soll die Nutzung dieser Formel illustrieren. Hierzu wird Pmax auf 2,5 % und die KBLt in der Periode 8 auf den Wert 5 fixiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Berechnung folgt dabei bekanntem Muster, sodass als Ergebnis ein Pufferrichtwert von 0,9375 % festzuhalten ist. Aufgrund der Vorgabe der Aufsicht, dass die Quote für den inländischen antizyklischen Kapitalpuffer in Schritten von 0,25 % oder eines Vielfachen davon festgelegt wird, liegt die Pufferquote in t = 9 weiterhin bei ihrem vorherigen Wert, da die Voraussetzung für eine Erhöhung (0,25 %-Schritte) bei einem Wert von 0,9375 % nicht erfüllt ist.

Zusammenfassend scheint es aufgrund des kleinschrittigen Ansatzes zur Berechnung der Quote des inländischen antizyklischen Kapitalpuffers angebracht, die Bestimmung zusätzlich anhand realer Datensätze im Hinblick auf die Bundesrepublik Deutschland durchzuführen. Hierzu werden Zeitreihen der Deutschen Bundesbank genutzt, die auf deren Webseite frei verfügbar sind. Hinsichtlich der Zeitreihen zum Bruttoinlandsprodukt wurden quartalsweise Daten zum nominalen Bruttoinlandsprodukt verwendet. Das Kreditaggregat beinhaltet die Buchkredite an inländische Nichtbanken.

Die Beobachtungswerte reichen vom vierten Quartal 2000 bis zum vierten Quartal 2019; somit werden 77 Beobachtungswerte in die Berechnung einbezogen. Aufgrund der gleitenden Aufsummierung der Quartalswerte des Bruttoinlandsproduktes wird die Relation des Bruttoinlandsproduktes zum Kreditvolumen erst ab dem dritten Quartal 2001 erfasst. Somit ergeben sich 74 Werte für das KVB. Die korrespondierenden Trendwerte werden mithilfe eines einseitigen Hodrick-Prescott-Filters unter Nutzung eines von der Aufsicht vorgegebenen Lambda-Wertes in Höhe von 400.000 ermittelt (Drehmann & Tsatsaronis, 2014). Abbildung 1 zeigt hierzu in einem ersten Schritt die Entwicklung des Kredit-BIP-Verhältnis und der Kredit/BIP-Lücke sowie den dazugehörigen Trend.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: KBV, KBL und Trend

Quelle: Eigene Darstellung

Hervorzuheben ist die in den Jahren 2008 bis 2009 stark ausgeprägte und seit dem Jahr 2011 steigende Kredit/BIP-Lücke. Die sich daraus ergebenden Pufferrichtwerte sind in der Abbildung 2 dargestellt.

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Abbildung 2: KBL und Pufferrichtwert

Es zeigt sich, dass aufgrund der beobachteten Kredit/BIP-Lücke ein Puffer in der Krisenperiode 2008 aufgebaut worden wäre - allerdings zu spät, als dass dieser zur Minderung der Folgen der Krise hätte beitragen können. Interessant ist die sich seit dem Jahr 2011 ausweitende Kredit/BIP-Lücke, welche ab dem Jahr 2016 einen Aufbau des Puffers indiziert hätte. Dieser Puffer wäre im Jahr 2019 auf dem Maximum von 2,50 % angelangt. Die Unterschiede zu Schulte-Mattler und Schulte-Mattler (2020) sowie der maximale Pufferrichtwert in 2019 sind insbesondere auf den Startzeitpunkt der Trendberechnung zurückzuführen, welcher sich auf die Höhe des Pufferrichtwertes auswirkt. Konkret wird dies in Abschnitt 2.2.2. sowie 2.3.2. erläutert.

Die letztendlich verbindliche Pufferquote des inländischen antizyklischen Kapitalpuffers nach Ermittlung des Pufferrichtwertes wird im Rahmen einer regelgeleiteten Ermessensentscheidung festgelegt, da eine rein regelbasierte Festsetzung der Pufferquote mit Problemen hinsichtlich der Güte der Risikoeinschätzung oder des Umganges der Marktteilnehmer mit der Zielvariablen einhergeht (Tente et al., 2015). Demnach ist es denkbar, dass der Pufferrichtwert zwar eine erhöhte Risikolage indiziert, zahlreiche andere Indikatoren dies jedoch nicht bestätigen. Ein rein regelbasierter Ansatz auf Grundlage des Pufferrichtwertes würde in so einem Fall zu falschen Indikationen führen. Ferner besteht die Gefahr, dass sich die Marktteilnehmer in ihrem Verhalten an der Zielgröße des Pufferrichtwertes orientieren. Durch ihr auf die Zielgröße angepasstes Verhalten würde der Pufferrichtwert in seiner Indikator-Eigenschaft gehemmt werden. In diesem Zusammenhang stellt die Ermittlung der Kredit-BIP-Lücke und die daraus folgende Ableitung des Pufferrichtwertes die regelgeleitete Komponente dar. Ergänzt wird dies durch eine umfangreiche ökonomische Gesamtschau, die vor allem auf der Analyse von weiterführenden und unterstützenden Indikatoren beruht, welche wichtige Entwicklungen der Finanzstabilität abbilden und mit welchen die Aufsicht ihren Freiraum zur Ermittlung des Pufferrichtwertes nutzen kann. Dies wird in Abschnitt 2.2.2. erneut aufgegriffen.

Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010c) empfiehlt eine standardisierte Methode zur Bestimmung des Pufferrichtwertes, die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin verwendet hingegen eine nationale Methode. Die nationale Methode zur Berechnung des Pufferrichtwertes nutzt einen enger gefassten Kreditbegriff sowie eine modifizierte Formel für die Umrechnung in den Pufferrichtwert (Tente et al., 2015). Die Aufsicht begründet die Entscheidung damit, dass erstens für das engere Kreditaggregat eine längere und konsistentere Zeitreihe vorliegt, die aufgrund dessen eine bessere Frühwarneigenschaft besitzt. Zweitens liegt der Modifizierung der Umrechnungsformel zugrunde, dass sich eine positive Kredit-BIP-Lücke weiter ausweiten kann, wenn lediglich das Bruttoinlandsprodukt sinkt und das Kreditvolumen stagniert. Dadurch würde sich im Standardansatz des BCBS der Pufferrichtwert weiter erhöhen, was zu einer falschen Risikoeinschätzung führen könnte (Tente et al., 2015).

Die für die Festlegung der Pufferquote für den inländischen antizyklischen Kapitalpuffer verantwortlichen nationalen Behörden kündigen den Beschluss über die Festlegung zwölf Monate im Voraus an, um den Banken einen Zeitraum für Anpassungen zu geben. Ein Beschluss, der eine Verringerung der Pufferquote zur Folge hat, ist dagegen unmittelbar gültig (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, 2010b). Die inländische Aufsicht BaFin ist zudem nach einer Verringerung der Pufferquote verpflichtet, einen Zeitraum zu nennen, in welchem mit keiner erneuten Erhöhung der Pufferquote zu rechnen ist. Jedoch kann die Aufsicht, wenn es die Umstände erfordern, entgegen ihrer Ankündigung eine erhöhte Pufferquote festsetzen. In Deutschland wurde eine Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers auf 0,25 % zum ersten Mal am 27.05.2019 vom AFS empfohlen (Kukies et al., 2019).

International agierende Institute müssen - neben der Pufferquote für den inländischen antizyklischen Kapitalpuffer - auch die festgesetzten Pufferquoten der Staaten, in denen sie maßgebliche Risikopositionen unterhalten, beachten, da aus diesen der gewichtete Durchschnitt des vorgeschriebenen antizyklischen Puffers bestimmt wird. Hierzu werden in einem ersten Schritt die Pufferquoten AP, der Staaten i erhoben, in denen das Institut maßgebliche Risikopositionen hält. Der zweite Schritt besteht darin, die Eigenmittelanforderungen EMk:i für alle maßgeblichen Risikopositionen EMk in diesen Staaten zu erheben. Nach dieser Systematik können die erhobenen Werte mithilfe der allgemeinen Formel 6 in den IAP transformiert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Bestimmung des IAP kann am Beispiel der Investitionsbank Schleswig-Holstein durchgeführt werden, indem die im Offenlegungsbericht 2019 veröffentlichten Daten genutzt werden.

[...]


1 Dem interessierten Leser werden die Veröffentlichungen von Schulte-Mattler und Schulte-Mattler (2020), Drehmann et al. (2011) oder Drehmann und Tsatsaronis (2014) empfohlen.

2 Vgl. hierzu u. a. Detken et al. (2014) oder Tente et al. (2015).

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Antizyklischer Kapitalpuffer zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Banken. Eine theoretische und empirische Analyse
Hochschule
Fachhochschule Dortmund  (Fachbereich Wirtschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
78
Katalognummer
V934097
ISBN (eBook)
9783346274595
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antizyklischer Kapitalpuffer, Banken, Erhöhung der Widerstandsfähigkeit, Bankenkrisen, Risikovorsorge, Risikomanagement, Bankenaufsicht
Arbeit zitieren
Philipp Wiesmann (Autor), 2020, Antizyklischer Kapitalpuffer zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Banken. Eine theoretische und empirische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/934097

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