Nach dem Fragen wird hier gefragt, nicht um es selbst und nicht um anderes an ihm zu erkennen, sondern um es besser zu vermögen: Ich frage, weil ich nicht zu fragen vermag. Wer das Fragen nicht vermag, taugt auch nicht zur Antwort. Nicht die Dinge versagen sich uns zuerst, sondern unser Fragen versagt an ihnen. Es versagt, nicht weil es versagen muss, sondern weil wir es mit ihm zu leichtnehmen.
Nicht jeder kann nach allem fragen. Wer aber nicht nach allem fragen kann, kann auch nicht über alles entscheiden. Entscheidung ist vielmehr Sache der Besten und derer, die am besten zu fragen vermögen. Nicht nach allem gilt es zu fragen, sondern am besten. Am besten fragt jeder das Seine. Mein Fragen aber ist meines nicht von jeher und selbstverständlich. Es fragen heißt darum zuerst: es sich selbst zu eigen sein lassen. Wahrhaft zu eigen ist mir nicht, was ich gewaltsam in Besitz nehme, sondern was sich mir selbst als meines zuspricht. Als meines mir zusprechen kann sich jedoch mein Fragen erst, wenn ich zuvor auf sein Sprechen höre. Eigentlich fragt, wer am besten hört, nicht wer am meisten herbeizwingt.
Am besten fragt, wer am besten hört. Dies aber nicht nur, weil er das Seine fragt, sondern, weil Fragen und Hören letztlich selbst eines sind. Fragen sind gleichsam Ohren der Vernunft. Weil Vernunft fragt, ist sie vernehmend.
Mein Fragen ist vermögend, wenn es zu vernehmen vermag. Es vermag zu vernehmen, wenn es das vernimmt, was vernommen sein will, und zwar so, wie es von ihm selbst her ist. Fragen heißt darum, dasein lassen, dasein lassen aber es selbst zuerst, doch mit ihm. Das, was in ihm dasein will. Mein Fragen ist da, insofern es hier und jetzt mich angehend meines ist. Hier aber ist es nicht ohne ein "dort", jetzt nicht ohne ein "andermal"; mich angehend hat es seine eigene Macht, und meines ist es, weil es mich vor dir und uns betrifft. Eigentlich da ist deshalb ein Fragen erst, wenn es an seinem Ort, zu seiner Zeit, mit der ihm selbst eigenen Fragwürdigkeit, dem zu eigen ist, den es am meisten betrifft. Fragen heißt, dasein lassen, und zwar das Fragen selbst zuerst. Das aber ist weder leicht noch verstehen wir es von selbst. Weil es weder leicht noch selbstverständlich ist, muss es ein jeder von neuem lernen. Um es zu lernen, habe ich das Folgende begonnen, und um es besser zu lernen, teile ich es allen mit, die mich lehren oder mit mir lernen wollen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Erstes Kapitel: Die Herkunft unseres Sprechens vom Fragen
1. Das gewöhnliche Denken
2. Das philosophische Denken
3. Die notwendige Verschlossenheit des gewöhnlichen Denkens
Zweites Kapitel: Die Weise unseres Sprechens vom Fragen
4. Unser Sprechen vom Fragen als diesem selbst zugehöriges Hören auf sein Ganzes
5. Die Dringlichkeit als Faktum
6. Die Verbindlichkeit unseres Sprechens vom Fragen
Drittes Kapitel: Erste Hinweise über unsere Frage hier und jetzt hinaus auf ihr Ganzes hin
7. Das der Frage selbst eigene Hingehören
8. Das Geschehen unseres Fragens
9. Die anderen Fragen
10. Unsere Frage als Versprechen
11. Unsere Frage als selbst erst hervorzubringendes Vermögen der Ankunft
12. Die der Frage selbst eigene Mächtigkeit
Viertes Kapitel: Erster Versuch, unsere Frage in das zunächst hervorleuchtende Ganze ihres Geschehens zurückzudenken
13. Die Stellung unserer Frage im Hinblick auf ihr Vermögen
14. Die Stellung unserer Frage im Hinblick auf die Art ihres Geschehens
15. Ort und Geschehen unserer Frage in sich gegenseitig beleuchtender Abgrenzung
Fünftes Kapitel: Das Ganze meiner Frage in der rückfragenden Wiederholung ihres Herkommens
16. Meine Frage nach dem Wichtigsten als Grundfrage
17. Meine Grundfrage in ihrer Verkehrung
18. Meine Grundfrage in ihrer Eigentlichkeit und ihr Verweis auf die Frage nach mir selbst
19. Die Frage nach mir selbst
20. Die Betroffenheit durch die Frage nach mir selbst
21. Die Schwere der Vergangenheit und das aus ihr erwogene Gewichtige der Zukunft
22. Dringlichkeit und Fragwürdigkeit
Sechstes Kapitel: Das paradigmatische Sprechen meines Fragens
23. Gewöhnliches und eigentliches Versprechen
24. Mein Fragen und sein Zeigen auf unser Fragen im Ganzen
25. Die Ortschaft meines Fragens
26. Das Geschehen meines Fragens
27. Die Dringlichkeit meines Fragens
28. Die Betroffenheit meines Fragens
Siebentes Kapitel: Das Geschehen unseres Fragens im Ganzen: Gespräch und Gefrag
29. Die Einheit unseres Fragens im Ganzen und die Einheit, die uns im "wir" eines sein lässt
30. Gespräch und Gefrag
31. Das Gefrag als Austrag und dessen Scheidung in Erörterung, Zeitigung, Erwägung und Ereignung
Achtes Kapitel: Unser Fragen als Erörterung
32. Anliegen und Gang der Erörterung: Die Strenge ihres Vollzugs im Umgang
33. Die Verbundenheit unserer Fragen
34. Die Erörterung als Ermöglichung der Möglichkeit von Ankunft im Ganzen
35. Der Gegenstand der Frage: Die Ordnung der Fragegegenstände als Hinweis auf die Ordnung der Fragen selbst
36. Die Erörterung unserer Fragen im Blick auf ihre Geschichte
37. Versuch eines Rückblicks auf die Geschichte meines Fragens
Neuntes Kapitel: Unser Fragen als Zeitigung
38. Anliegen und freier Vollzug der Zeitigung
39. Das Gefrag in der Einheit seiner Geschichte
40. Zeitigung und Erörterung
41. Die Geschichte des abendländischen Denkens als Aufgabe
42. Erörterung und Zeitigung in "Die Frage nach dem Ding" von M. Heidegger. Die Auslegung als Behelf
43. Der Wandel der Dinge als Hinweis auf den Wandel des Fragens und dessen eigentliches Zuhause im Gespräch des Denkens
Zehntes Kapitel: Unser Fragen als Erwägung
44. Die Wichtigkeit unseres Fragens und die Wichtigkeit anderen Tuns
45. Einheit von Erörterung, Zeitigung und Erwägung
46. Versuch einer Erwägung der Frage nach der Erwägung selbst
Elftes Kapitel: Unser Fragen als Ereignung
47. Aufgabe und Möglichkeit der Ereignung
48. Abhebung gegen den "Ausweg" Descartes
49. Die Freundschaft als der Raum der Ereignung
50. Die Ereignung als Umgang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wesen und das Vermögen des Fragens als ein philosophisches Geschehen. Ziel ist es nicht, Antworten zu finden, sondern das eigene Fragen besser zu vermögen, indem die Herkunft, die Weise und die Dringlichkeit des menschlichen Fragens kritisch reflektiert werden.
- Die Abgrenzung von gewöhnlichem Denken und philosophischem Denken.
- Die Untersuchung der Dringlichkeit, Fragwürdigkeit und Verbindlichkeit des Fragens.
- Die Analyse des Fragens als Erörterung, Zeitigung, Erwägung und Ereignung.
- Die Auseinandersetzung mit philosophischen Positionen wie denen von Heidegger, Kant und Husserl.
Auszug aus dem Buch
Einleitung
Nach dem Fragen wird hier gefragt, nicht um es selbst und nicht um anderes an ihm zu erkennen, sondern um es besser zu vermögen: Ich frage, weil ich nicht zu fragen vermag. Wer das Fragen nicht vermag, taugt auch nicht zur Antwort. Nicht die Dinge versagen sich uns zuerst, sondern unser Fragen versagt an ihnen. Es versagt, nicht weil es versagen muss, sondern weil wir es mit ihm zu leichtnehmen.
Nicht jeder kann nach allem fragen. Wer aber nicht nach allem fragen kann, kann auch nicht über alles entscheiden. Entscheidung ist vielmehr Sache der Besten und derer, die am besten zu fragen vermögen. Nicht nach allem gilt es zu fragen, sondern am besten.
Am besten fragt jeder das Seine. Mein Fragen aber ist meines nicht von jeher und selbstverständlich. Es fragen heißt darum zuerst: es sich selbst zu eigen sein lassen. Wahrhaft zu eigen ist mir nicht, was ich gewaltsam in Besitz nehme, sondern was sich mir selbst als meines zuspricht. Als meines mir zusprechen kann sich jedoch mein Fragen erst, wenn ich zuvor auf sein Sprechen höre. Eigentlich fragt, wer am besten hört, nicht wer am meisten herbeizwingt.
Am besten fragt, wer am besten hört. Dies aber nicht nur, weil er das Seine fragt, sondern, weil Fragen und Hören letztlich selbst eines sind. Fragen sind gleichsam Ohren der Vernunft. Weil Vernunft fragt, ist sie vernehmend.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in das Anliegen ein, das Fragen als ein zu lernendes Vermögen zu begreifen, anstatt nur nach Antworten zu suchen.
Erstes Kapitel: Die Herkunft unseres Sprechens vom Fragen: Es wird die Unterscheidung zwischen gewöhnlichem, einrichtendem Denken und außergewöhnlichem, philosophischem Denken herausgearbeitet.
Zweites Kapitel: Die Weise unseres Sprechens vom Fragen: Dieser Abschnitt thematisiert das "unbeliebige" Fragen als ein Hören, das sich dem bloßen Drängen nach schnellen Antworten entzieht.
Drittes Kapitel: Erste Hinweise über unsere Frage hier und jetzt hinaus auf ihr Ganzes hin: Hier wird das "Hingehören" der Frage und das Geschehen des Fragens als Hervorbringen analysiert.
Viertes Kapitel: Erster Versuch, unsere Frage in das zunächst hervorleuchtende Ganze ihres Geschehens zurückzudenken: Es erfolgt eine Reflexion auf die "Wegfrage" und die Notwendigkeit, das eigene Fragen in den größeren Zusammenhang einzuordnen.
Fünftes Kapitel: Das Ganze meiner Frage in der rückfragenden Wiederholung ihres Herkommens: Der Fokus liegt auf der Bedeutung der eigenen Grundfrage und der kritischen Auseinandersetzung mit der Unsicherheit des Fragenden.
Sechstes Kapitel: Das paradigmatische Sprechen meines Fragens: Es wird der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Versprechen (als Zusicherung) und einem eigentlichen Versprechen erörtert.
Siebentes Kapitel: Das Geschehen unseres Fragens im Ganzen: Gespräch und Gefrag: Dieses Kapitel behandelt die Einheit des Fragens im Gespräch und die vier Weisen des Austrags.
Achtes Kapitel: Unser Fragen als Erörterung: Die Erörterung wird als ein strenges, erlernbares Geschehen im fragenden Umgang definiert.
Neuntes Kapitel: Unser Fragen als Zeitigung: Hier wird die historische Dimension des Fragens und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit thematisiert.
Zehntes Kapitel: Unser Fragen als Erwägung: Es wird das Verhältnis zwischen der Wichtigkeit von Fragen und dem täglichen Handeln untersucht.
Elftes Kapitel: Unser Fragen als Ereignung: Der Abschluss befasst sich mit der Freundschaft als Raum des Fragens und einer Abgrenzung zur cartesianischen Subjektivität.
Schlüsselwörter
Fragen, Denken, Dringlichkeit, Wahrheit, Zeitigung, Erörterung, Erwägung, Ereignung, Philosophie, Heidegger, Kant, Husserl, Existenz, Geschichtlichkeit, Gefrag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wesen des Fragens selbst. Sie fragt nicht nach Ergebnissen, sondern danach, wie wir das Fragen als ein notwendiges und zu lernendes menschliches Vermögen besser vollziehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Differenz zwischen gewöhnlichem und philosophischem Denken, die Bedeutung der Geschichte für das heutige Fragen und die verschiedenen Weisen, wie das menschliche Denken sich selbst ordnet und erörtert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist, ein wahrhaftiges Fragen zu entwickeln, das sich nicht in bloßen Antworten oder wissenschaftlichem Forschen verliert, sondern das in der Auseinandersetzung mit der eigenen Fragwürdigkeit zur Eigentlichkeit findet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine phänomenologisch-hermeneutische Methode. Sie arbeitet sich durch die Auslegung klassischer Texte (z.B. von Heidegger, Kant, Platon) und die eigene Reflexion vor, um das Wesen des Fragens aus dem Vollzug heraus zu ergründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert das Fragen in verschiedene Dimensionen: von der Erörterung und Zeitigung über die Erwägung bis hin zur Ereignung, wobei jede dieser Weisen die Bedingungen unseres Fragens beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Fragen, Zeitigung, Erörterung, Erwägung, Ereignung und Gefrag, die alle den Prozess des Fragens als ein dynamisches Geschehen beschreiben.
Warum betont der Autor die "Dringlichkeit" als Faktum?
Die Dringlichkeit bezeichnet den Druck des "Noch-nicht-Gewussten" oder des "Noch-nicht-Eingerichteten", der uns erst dazu antreibt, überhaupt Fragen zu stellen und Antworten in einem meist vorläufigen Sinne zu suchen.
Wie unterscheidet sich das eigentliche Fragen vom gewöhnlichen Denken?
Gewöhnliches Denken ist darauf ausgerichtet, Dinge "einzurichten" und Sicherheit zu schaffen. Eigentliches Fragen hingegen lässt das Offene stehen und stellt den Fragenden selbst in Frage, statt ihn durch Antworten sicherzustellen.
- Arbeit zitieren
- Dr. Ingmar Thilo (Autor:in), 1969, Vom Fragen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/934507