Fallstudie über ein Flüchtlingskind in Siegen unter besonderer Berücksichtigung seiner Lernentwicklung


Bachelorarbeit, 2016

32 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodisches Vorgehen

3. Theorie: „Was ist LISA & KO - F?“

4. Vorstellung des Kindes
4.1 Allgemeiner Steckbrief
4.2 Selbstbild
4.3 Interessen
4.4 Motivation
4.5 Freundschaften
4.6 Ängste
4.7 Religion und Ethik

5. S. Umwelt
5.1 Räumliche Umwelt
5.2 Soziale Umwelt
5.3 Institutionelle Umwelt

6. Kompetenzentwicklung
6.1 Sprachliche Kompetenzentwicklung
6.2 Mathematische Kompetenzentwicklung

7. S. Zukunftsperspektiven

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

Aus rechtlichen Gründen wurde das Flüchtlingskind anonymisiert. (Anm. d. Red.)

1. Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit handelt von einer Fallstudie über die Entwicklung des Flüchtlingskindes S. G., wobei die Lernentwicklung bei S. besonders in Augenschein genommen wird. Genau mit diesem Aspekt befasst sich auch die Kernfrage dieser wissenschaftlichen Arbeit: Wie hat sich S. in einer neuen Umgebung als Flüchtlingskind unter den gegebenen Voraussetzungen insbesondere im Bereich des Lernens entwickelt?

Um diese Hauptfrage am Ende der Arbeit beantworten zu können, müssen zunächst einmal einige Dinge erläutert und beschrieben werden. Zunächst soll das Projekt LISA & KO - F, das als Abkürzung für „Lern- und Lebensbiographien im schulischen und außerschulischen Kontext - Flüchtlingskinder“ steht, vorgestellt werden, mit dessen Hilfe die Fallstudie durchgeführt wird. Diese Institution hat sich auf die Lernentwicklung von Flüchtlingskindern spezialisiert. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird S. G. als Kind an sich dem Leser näher gebracht, indem die Aspekte Allgemeines, Selbstbild, Interessen, Motivation, Freundschaften, Ängste, Religion und Ethik dargestellt werden. Dieses Kapitel dient dem Leser als erste Informationsquelle über S.. Bei der Betrachtung einer Entwicklung ist es natürlich immer notwendig, auch S. Umwelt genauer zu untersuchen.

Hierbei handelt es sich um die räumliche, soziale und institutionelle Umwelt, die das nächste Kapitel füllen, bevor dann im nächsten Abschnitt auf die Entwicklung S. eingegangen wird. Diese Entwicklung ist in die Unterpunkte sprachliche und mathematische Entwicklung gegliedert. Anhand von ausgewerteten und analysierten Fragebögen, Interviews mit den beteiligten Personen wie S., ihre Mutter und Lehrerin und einem zweimal durchgeführten Mathetest soll eine Entwicklung bei S. deutlich gemacht und analysiert werden, um dann eine Antwort auf die oben genannte Kernfrage nach ihrer Entwicklung geben zu können, inwiefern die Integration und Entwicklung positiv war. Die Bachelorarbeit endet mit einem Ausblick auf S. Zukunftsperspektiven und einem Fazit, in welchem genauer auf die Ausgangsfrage eingegangen wird und weitere Aspekte wie persönliche Erfahrungen, erfüllte oder nicht erfüllte Erwartungen sowie die persönlichen Lehren aus dem Verfassen der Arbeit dargestellt werden sollen.

Ich bin aufgrund des derzeit gewaltigen Medieninteresse an der Flüchtlingspolitik auf dieses Thema aufmerksam geworden, da ich selber am eigenen Leib erfahren möchte, wie Integration in Deutschland in der Praxis funktioniert und angewendet wird. Darüber hinaus möchte ich meine Persönlichkeit stärken, indem ich andere Lebensweisen, Kulturen und Religionen erleben und erfahren darf.

2. Methodisches Vorgehen

Im Hinblick auf das weitere Vorgehen wird im nächsten Abschnitt näher auf die methodische Vorgehensweise eingegangen. Dies dient vor allem der Orientierung für den weiteren Verlauf, denn insbesondere das Fluss-Projekt, das der Unterstützung von Schulen für die bestmögliche Beschulung von Flüchtlingen dient, war der Ausgangspunkt bei der Auswahl des Themas. Durch dieses Projekt werde ich einer Realschule im Kreis Siegen-Wittgenstein zugewiesen, an welcher ich verschiedene Flüchtlingskinder kennengerlernt habe, über die ich meine Bachelorarbeit verfassen kann. Als geeignetes Kind für meine Bachelorarbeit wähle ich mir S. aus aufgrund ihrer bereits guten Deutschkenntnissen aus. In der Bachelorarbeit selbst wird S. richtiger Name durch ein Pseudonym ersetzt, was der Wahrung der Identität dienen soll und somit eine Anonymität mit sich bringt. S. wurde von mir insgesamt über einen Zeitraum von sechs Wochen beobachtet.

Zu den Vorgehensweisen in dieser Arbeit muss zwischen quantitativen und qualitativen Methoden unterschieden werden. „Im Zentrum des qualitativen Forschungsprozesses steht der Wunsch, die Zielgruppe des Interesses bestmöglich selbst zu Wort kommen zu lassen, um die subjektive Sichtweise erfassen zu können. Grundlegende Annahme ist hierbei, dass Menschen selbstreflexive Subjekte sind, die als Experten ihrer selbst agieren und auch so verstanden werden sollten (Scheibler, 2016). Während die qualitativen Methoden unterstützende Dinge wie Interviews, Beobachtungen oder Fragebögen umfassen, handelt die quantitative Forschung in dieser Arbeit von einem Mathetest, welcher „im Rahmen [dieser] Datenerhebung [...] Messungen an Probanden [vornimmt], um die vorab definierten Indikatoren in ihrem Ausprägungsgrad erfassen zu können“ (Scheibler, 2016). Dieser Test wird oftmals als Gruppen- oder Einzeltest von Lehrpersonen durchgeführt, um die mathematischen Kompetenzen zu erfassen. Zudem dient dieser Test ebenfalls als Schullaufbahnberatung, Förderdiagnostik oder zu Forschungszwecken. Dieser Test ist in drei Teile gegliedert, so dass er geeignet ist, möglichst viele Bereiche in einem Test abzufragen.

Die Kontaktaufnahme mit S. erfolgt über regelmäßige Besuche bei der Familie zu Hause. Darüber hinaus bleiben mir noch die Beobachtungen und Begegnungen in der Schule, um S. weiter kennenzulernen.

Darüber hinaus werden in dieser Bachelorarbeit verschiedene Perspektiven benutzt. Während auf der einen Seite viele Dinge aus S. Sicht erzählt werden, kommen in den Interviews auch ihre Lehrerin sowie ihre Mutter zu Wort.

3. Theorie: „Was ist LISA & KO - F?“

LISA & KO steht für „Lernbiografien im schulischen und außerschulischen Kontext“ und wurde von H. Brügelmann und H.W. Heymann im Jahre 1998 ins Leben gerufen. Die zwei pensionierten Siegener Professoren verfolgten mit dem Projekt das Ziel herauszufinden, wie sich Kinder im schulischen und außerschulischen Bereich auf langfristige Sicht individuell entwickeln. Innerhalb dieses Projektes wurden bereits zahlreiche und umfangreiche Portraits von Kindern erstellt, wobei hier besonders die Wechselwirkung zwischen Erfahrungen im Alltag und Lernen im Unterricht deutlich wird. Das Projekt LISA & KO befasst sich nicht damit Befragungen oder ausschließlich Tests durchzuführen, sondern mit einer direkten Beobachtung der Kinder sowohl während der Schulzeit als auch während der Freizeit. Dies ermöglicht eine Ermittlung von individuellen Aussagen und Ergebnissen. Während dieser Beobachtungen, die in der Regel drei bis vier Monate dauern, wird von Studierenden in dieser Zeit jeweils ein Kind genauer in den Blick genommen. Eine Besonderheit dieses Projektes ist aber, dass die Kinder jeweils nach zwei Jahren nochmals besucht werden. Bei einem erneuten Besuch liegt das Hauptaugenmerk auf der Entwicklung und die Veränderungen im Leben des Kindes. Zudem erkennt man auch, was sich in diesen zwei Jahren nicht geändert hat oder wo es in der Entwicklung Brüche gibt. In diesem Projekt werden Kinder teilweise schon das dritte oder vierte Mal besucht, andere aber erst das erste Mal. Die zu beobachteten Kinder kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Es werden Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus alleinerziehenden Familien sowie Einzelkinder in den Blick genommen, um so eine möglichst große Bandbreite von unterschiedlichen Entwicklung zu erhalten.

Zu dem Projekt LISA & KO gibt es bereits erste zentrale Ergebnisse, die stellvertretend von Dr. Hans Brügelmann zusammengestellt wurden. (vgl. Seidel, 2006, S.9ff.) Er stellt mit seinem Projekt fest, dass sich heutzutage jede Kindheit anders gestaltet. Man spricht also nicht mehr von einer „Normalkindheit“, mit der man Vergleiche feststellt oder welche man als Muster nehmen kann. Darüber hinaus behauptet er, dies bedeute für die heutige Zeit, dass sich jedes Kind individuell entwickelt und auch ein eigenes Leben lebt. Zwar gestaltet sich nun jede Kindheit anders, aber laut Brügelmann sind die Lebensthemen immer noch vergleichbar mit früheren Generationen. So kann festgestellt werden, dass die Themen „Familie“, „Schule“ & „Freizeit“ essentiell für alle Kinder sind. Allerdings ergeben sich bei der Betrachtung der Studie auch Unterschiede, die besonders zwischen den Geschlechtern bemerkbar sind.

Brügelmann stellt auch vor, dass sich Kinder im Vergleich zu früheren Generationen mehr mit den neuen Medien auseinandersetzen. Nichtsdestotrotz gibt es mit Bezug auf Umgang und Art der Medien gravierende Unterschiede. Anhand der Ergebnisse kann Brügelmann behaupten, dass die neuen Medien andere Medien nicht ausschalten, da Kinder heutzutage dennoch Bücher lesen. In der durchgeführten Langzeitstudie mittels des Projektes LISA & KO ist besonders der soziale Rückhalt aller untersuchten Kinder sowie der vielfältige Kontakt zu Gleichaltrigen auffällig. Sowie einen vielfältigen Kontakt zu Gleichaltrigen. Darüber hinaus wird deutlich, dass Kinder ihre Freizeit überwiegend nicht im Haus verbringen, sondern sportlich aktiv sind oder eine enge Beziehung zur Natur haben . Dies wird besonders sichtbar in der Tatsache, dass Kinder oftmals handwerklich den Eltern oder Großeltern als Helfer zur Seite stehen. In diesem Zuge findet man heraus, wie sehr die Großeltern zu den wichtigsten Bezugspersonen im Leben der Kinder zählen. Brügelmann sagt, sie seien als Betreuer, Vorbild und soziale Stütze sehr hilfreich. Zudem ist dabei zu erkennen, dass selbst Haustiere von den Kindern zur Familie gezählt werden. In diesem Projekt wird ebenso deutlich, wie sehr Kinder Freizeit- und Förderangebote wahrnehmen. Somit kommt Brügelmann mittels der Fallstudien zu dem Ergebnis, dass nur wenige Kinder feste Verpflichtungen in der Familie haben, da sie regelmäßig außer Haus engagiert sind. Nach dem Zusammentragen einiger Ergebnisse aus den Fallstudien zum Kinderalltag kommt Brügelmann zu folgendem Fazit: „Viele in den Medien und im Alltagsgespräch gängige Urteile über ,Kinder heute’ sind in ihrer Verallgemeinerung Zerrbilder, die für die meisten Kinder nicht zutreffen“ (Brügelmann, 2016).

Zusammenfassend zeigt das Projekt LISA & KO verschiedenste Perspektiven, die einen Einblick in die Lebens- und Lernerfahrung der Kinder geben. Hier wird nicht nur die schulische Perspektive berücksichtigt, sondern im gleichem Maße die außerschulische Perspektive. Besondere Berücksichtigung bekommt hierbei das Wechselspiel zwischen schulischen und außerschulischen Bereichen. (vgl. Brügelmann, 2016)

Bei dem Projekt LISA & KO - F handelt es sich um eine Fortsetzung des bereits vorgestellten Projektes. Das angehängte F steht bei dieser Fortsetzung für Flüchtlinge. Diese Erweiterung wurde im Anschluss an das Projekt LISA & KO ins Leben gerufen. Allerdings liegt hier der Fokus auf den Lernbiografien von Flüchtlingskindern im Kreis Siegen-Wittgenstein und konzentriert sich besonders auf die jüngere Generation, die als Seiteneinsteiger in das deutsche Schulsystem eingestiegen ist. Diese Kinder sprechen meistens wenig oder sogar noch gar kein Deutsch. Oftmals sind diese Kinder ohne ihre Eltern nach Deutschland immigriert, was ebenso wie der Hintergrund zur Migration, die Nationalität und der Status des Aufenthaltes unberücksichtigt bleibt. Mittels dieses Projektes werden auch hier die inner- und außerschulischen Entwicklungen der Flüchtlingskinder in den Blick genommen, um kennenzulernen, wie diese Kinder hier in Deutschland leben und sich zurechtfinden. Besonders interessant ist es, die Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache zu beobachten. In dieser Studie ist es jedoch eher interessant etwas über die jetzige Biographie zu erfahren als etwas über die Vergangenheit dieser Kinder. Die meisten Kinder haben auf ihrer Flucht traumatische Dinge erlebt und möchten über diese nicht gerne sprechen, da sie bereits als Aufnahmebedingung in Deutschland über ihr Trauma sprechen mussten. Diese Tatsache wird innerhalb dieses Projektes respektiert und somit werden die jetzigen Lebenssituationen sowie die bereits in Deutschland gesammelten Lebenserfahrungen dokumentiert und interpretiert. Um später eine Gesamtaussage über die Flüchtlingskinder in Deutschland treffen zu können, werden mehrere Fallstudien von Studenten erstellt und die Ergebnisse gegenübergestellt. Hierbei werden alle Informationen, die die Entwicklung der Kinder beschreiben, sehr detailliert in den Blick genommen. Insbesondere das Selbstbild des Kindes sowie die Sicht ihrer Bezugspersonen sollen genauestens untersucht werden. Diese Aspekte spielen innerhalb der Erhebung eine bedeutende Rolle. Allerdings wird auch der Entwicklung der mathematischen und sprachlichen Kompetenzen eine große Aufmerksamkeit geschenkt. (vgl. Projekt LISA & KO - F, 2016, S.6)

Die Besonderheit der Projekte LISA & KO sowie LISA & KO - F ist ein erneutes Treffen nach zwei Jahren. Durch dieses Treffen bietet sich die Möglichkeit, die Entwicklungen langfristig wahrzunehmen, so dass Entwicklungsfortschritte oder auch Veränderungen der Lebenssituation erkannt werden können (vgl. Brügelmann, 2016).

4. Vorstellung des Kindes

In diesem Kapitel erfolgt zunächst eine Vorstellung des Kindes, wobei auf die einzelnen Aspekte später genauer eingegangen wird.

4.1 Allgemeiner Steckbrief

Persönliche Angaben S. G. ist im Jahre 2001 in Albanien geboren und gehört einer muslimischen Konfession an. Sie ist zurzeit der durchgeführten Erhebung ein 14-Jähriges Mädchen mit langen braunen Haaren, 1,55 m groß und somit recht klein. Der Körperbau von S. kann als eher kräftig bezeichnet werden, wobei ihre Kleidung sportlich und modern ist. Die meiste Zeit trägt S. eine moderne schwarze Brille und bindet ihre Haare zu einem Zopf. Ein weiteres optisches Kennzeichen sind ihre braunen Augen.

Familie & Freunde

Ihr Vater ist 53 Jahre alt und hat in Albanien als Bauarbeiter gearbeitet. Jedoch kann er aufgrund einer schwerwiegenden Krankheit diese Tätigkeit zunächst nicht ausüben. S. Mutter ist 51 Jahre alt und gelernte Schneiderin. Sie arbeitet hier in Deutschland ein paar Stunden die Woche in ihrem Beruf und besucht einen Nähkurs im eigenen Wohnort. Zu ihrer Mutter hat S. ein besonders inniges Verhältnis und bezeichnet sie als Freundin. Zudem ist die Mutter sehr bemüht sich in Deutschland zu integrieren und besucht regelmäßig einen Deutschkurs, wobei sie beim Erlernen der deutschen Sprache einige Schwierigkeiten ausweist. Ihre zwei 24-Jährigen Geschwister wohnen jeweils in Griechenland und Großbritannien. S. ist vor neun Monaten zusammen mit ihren Eltern vor der schlechten medizinischen Versorgung von Albanien nach Deutschland geflüchtet. Ihr Vater ist schwer erkrankt und somit auf eine gute medizinische Versorgung angewiesen. S. Eltern ist die schulische Bildung besonders wichtig, weshalb sie seit sieben Monaten eine Realschule in ihrer Umgebung besucht. Sie besitzt außerdem ein sehr gutes Verhältnis mit ihrem Onkel, sowie mit dem Rest der Familie die zu diesem Zeitpunkt in Albanien lebt. Während der durchgeführten Fallstudie kommt ihr Onkel sie in Deutschland besuchen, da er sich auch eine Zukunft in Deutschland erhofft. Jedoch musste S. Onkel nach kurzer Zeit Deutschland wieder verlassen. Nicht nur zu ihrem Onkel pflegt S. täglichen Kontakt auch zu ihrer restlichen Familie steht S. über ein Mobiltelefon in Kontakt (vgl. Kapitel 5.2 Soziale Umwelt).

In der Schule trifft S. täglich ihre Freundinnen, da sie gemeinsam ihre Schule besuchen. Zu ihnen pflegt S. ein äußerst gutes Verhältnis. Innerhalb dieses Freundeskreises besitzt S. eine beste Freundin, die zuvor als Mentorin zur Seite stand. Das ein oder andere Mal trifft S. sich auch nach der Schule mit ihnen und übt beispielsweise das Fahrradfahren. (vgl. Kapitel 4.5 Freundschaften)

Wohnort Nach der Emigration aus Albanien wohnt S. gemeinsam mit ihren Eltern zunächst in mehreren Notunterkünften. Nach wenigen Wochen durften sie in eine Wohnung im Kreis Siegen-Wittgenstein einziehen. Diese Wohnung liegt in auf einem Berg, wobei dieser mit einer Straße berghoch erreicht werden kann, in einem Mehrfamilienhaus im obersten Stock. In diesem Mehrfamilienhaus wohnen die unterschiedlichsten Nationalitäten, wie beispielsweise Menschen aus dem Kosovo, Italien aber auch Deutschland. Dort besitzt S. ihr eigenes Zimmer, welches sie selbst farblich gestaltet hat. Weiterhin besitzt die Wohnung ein Wohnzimmer mit integrierter Küche, einen kleinen Abstellraum, ein Badezimmer, sowie ein Schlafzimmer der Eltern. (vgl. Kapitel 5.1 Räumliche Umwelt)

Schule S. gelangt innerhalb von zehn Minuten mit dem Bus ihre Schule, die sie seit sieben Monaten besucht. Da ein weiterer Grund der Eltern für die Einreise nach Deutschland die schulische Bildung von S. ist. An ihrer Schule wurde sie in die neunte Klasse eingestuft und bekommt zum Erlernen der deutschen Sprache DaZ-Unterricht als Unterstützung, welches nun wie Mathematik und Englisch zu ihren Lieblingsfächern zählt. Diese Freude an der deutschen Sprache zeigt sich vor allem, indem S. offen und viel mit ihren Mitmenschen kommuniziert. Sie zeigt keine Scheu davor, trotz ihrer immer noch vorhandenen Defizite im Bereich Grammatik auf Menschen einzugehen. Darüber hinaus ist sie bemüht ihren Platz in der Klasse zu finden, indem sie sich in den Unterricht und in die Kommunikation unter den Schülern eingeht. Dieses Engagement zeigt sich vor allem in einer deutlichen Verbesserung ihrer deutschen Sprachkenntnisse. Zwar versteht sie noch nicht alle deutschen Fachbegriffe, jedoch fragt sie immer nach, wenn sie etwas nicht versteht, was für ihre Wissbegierde und volle Motivation spricht, die deutsche Sprache immer besser zu verinnerlichen. Während der Fallstudie nimmt S. an einem Schülerpraktikum bei einer IT- Firma in Köln teil. (vgl. 5.3 Institutionelle Umwelt)

Interessen & Hobbys S. hat ihre Vergangenheit sehr sportlich gestaltet, vor allem zeigt sie ein großes Interesse am Teamsport, wie beispielsweise Volleyball und Fußball. Letzteres ist S. hauptsächliche Leidenschaft, sie übte das Fußball spielen bereits in einem Verein in Albanien aus. Ein besonderer Fan ist sie von dem Verein FC Barcelona aus Spanien und vor allem von dem brasilianischen Stürmerstar Neymar da Silva Santos Jύnior. Auch in Deutschland würde S. liebend gerne den Teamsport ausüben, jedoch bietet sich hierfür keine Möglichkeit. Außerdem spielen auch das Volleyball spielen und Lesen in ihrer Freizeit eine bedeutende Rolle.

Des Weiteren trifft sie sich in ihrer Freizeit besonders gerne mit ihren Freundinnen, die sie durch den Besuch ihrer Schule kennengelernt hat. (Vgl. 4.3 Interessen)

Persönlichkeit & Charakter

Durch ihre extrovertierte Art ist es für sie einfach auf ihre Mitschülerinnen zuzugehen, so dass sie hier schnell Freundschaften schließen konnte. So hat S. schnell sozialen Kontakt zu Mitmenschen gefunden, so dass ihr das Einleben in ihrer neuen Heimat sehr erleichtert wird. Darüber hinaus verbindet S. ein sehr inniges Verhältnis mit ihren Eltern, insbesondere mit ihrer Mutter, was sie zu einem familiären Menschen macht. In der Schule gilt S. als sehr fleißiges und wissbegieriges Kind, das von Anfang an die Aufgaben der anderen Kinder rechnen möchte. Außerdem fällt in der Schule S. ungebrochene Leistungsbereitschaft auf. Sie ist bereit, sich überall zu beteiligen und etwas zu lernen. Im Umgang mit ihren Mitschülerinnen wirkt sie immer freundlich und fröhlich. Außerdem hat sie für ihre Mitmenschen immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Zudem ist S. eine motivierte und engagierte Person und freut sich immer etwas Neues zu lernen. Dafür, dass S. erst seit kurzer Zeit in Deutschland ist, wirkt sie sehr selbstbewusst und aufgeschlossen. Des Weiteren entwickelt S. während ihrer Zeit im Klassenverbund eine gewisse Dynamik.

4.2 Selbstbild

S. selbst ist mit ihrer eigenen Persönlichkeit sehr zufrieden und möchte auch keineswegs etwas ändern, da sie mit ihrem Aussehen nach eigenen Angaben glücklich ist und sich so akzeptiert wie sie ist. Sich selbst hält S. für eine schüchterne und zurückhaltende Person. Nichtsdestotrotz kann sie auch eine andere Seite von sich zeigen. Besonders in dem Fach DaZ, Deutsch als Zweitsprache, fühlt sie sich selbstbewusst (vgl. GP 6, Z. 65ff.)

S. entscheidet sich in dieser Arbeit für das Pseudonym S. G. (vgl. GP1, Z. 24ff.). Diese Schauspielerin und Sängerin ist ein Vorbild von ihr, denn sie genießt in der Gesellschaft ein hohes Maß an Anerkennung und hat besonders gute Zukunftsperspektiven. S. selbst besitzt ein Vorbild, so auch etwa 60 Prozent der heutigen 10- bis 18-Jährigen. Dies weist die Shell­Jugendstudie von 1955 bis 2001 nach. Innerhalb dieser Studie haben im Jahre 1955 nur 44 Prozent der befragten Jugendlichen ein Vorbild. Ab diesem Jahr sinken die Zahlen bis 1996 bis auf nur noch 20 Prozent. Somit gehören diese Kinder nur noch einer Minderheit an, die ein Vorbild besitzt, welches ihnen als Orientierung dient. Ab 1996 steigen die Zahlen jedoch drastisch an. Der zur Zeit der durchgeführten Studie bekannte Höchstwert liegt im Jahre 2001 bei 56 Prozent, jedoch geht man davon aus, dass die Zahlen die nächsten Jahre kontinuierlich weiter ansteigen werden. Zudem ist es sehr interessant zu sehen, wer bei den Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren als Vorbild dient. Innerhalb einer Umfrage wird festgestellt, dass bei den männlichen Vorbildern die ersten zwei Plätze der eigene Vater und bekannte Sportler besetzen. Bei den weiblichen Vorbildern liegt die Mutter mit 27 Prozent auf Platz eins und kurz dahinter mit 16 Prozent bekannte Sängerinnen. S. zählt somit zu den 16 Prozent aller Befragten, die eine Sängerin als ihr eigenes Vorbild sehen. Dieses Bild ändert sich im Laufe des Alters der Mädchen. Dann geht die Schere der Vorbilder von der eigenen Mutter und einer berühmten Sängerin immer weiter auseinander. Laut den Umfragen sehen 42 Prozent der 16 bis 18-Jährigen ihre eigene Mutter als Vorbild. Möglicherweise entscheidet sich S. eher für das Pseudonym einer bekannten Sängerin als den Namen ihrer eigenen Mutter, da ihre Mutter aufgrund der Immigration keine Karriere machen konnte und somit kein Vorbild für die eigene Tochter ist. Zinnecker stellt in seinem Buch ebenfalls dar, dass die Kinder aus früheren Jahrhunderten eher Vorbilder aus ihrem eigenem Umfeld hatten. Heutzutage geben die Kinder zunehmend Personen aus dem öffentlichen Leben als ihr Vorbild an. Dies hängt womöglich mit der zunehmenden „multimedialen Gesellschaft“ zusammen (vgl. Zinnecker, 2002, S.52ff.).

Dennoch durchlebt sie eine emotionale Belastung, die nicht nur die Abschiebung hervorruft, sondern auch die gesamte Lernsituation in einem fremden Land. „Eine emotionale Belastung ist jede Beeinträchtigung der Befindlichkeit und Stimmung einer Person, die bei dieser einen Leidensdruck erzeugt und durch die die Erlebnis-, Verarbeitungs- und Handlungsmöglichkeiten der Person eingeschränkt werden“ (vgl. Ulich, 1995, S. 187f.). Trotz der belastenden Situation wirkt S. wie ein sehr fröhliches und glückliches Mädchen, da sich hier in Deutschland sehr wohl fühlt (vgl. GP 1, Z. 18f.).

4.3 Interessen

S. Interessen sind sehr vielseitig. Ihre größte Leidenschaft ist allerdings das Fußball spielen. Bevor sie nach Deutschland gekommen ist, hat sie in Albanien in einem Verein trainiert und dort erste Erfahrungen gesammelt. Sie fiebert bei den Spielen der Mannschaft FC Barcelona immer mit und sieht den Stürmer Neymar da Silva Santos Jύnior als ein Vorbild (vgl. GP1, Z. 39ff.). Besonders Spaß bereitet S., nach eigenen Angaben, der Teamsport, da sie hier Freundinnen trifft, die das gleiche Interesse teilen. Innerhalb des Teamsports kann S. ihre eigene Identität stärken und herausfinden, wer sie wirklich ist. Da die „Identität [...] die Beschaffenheit des Selbst als einmalige und unverwechselbare Person durch die soziale Umgebung und durch das Individuum selbst [bedeutet]“ (vgl. Hobmair, 2008b, S.226). Außerdem stärkt S. während dieses Teamsports ihren eigenen Charakter und formt diesen. Vor allem mittels der Kommunikation, die während der Ausübung des Sports entsteht, werden S. soziale Kompetenzen gestärkt und entwickelt. Diese Tatsache lässt sich auch auf das Volleyballspielen übertragen, wobei S. diesen Sport nicht im Verein ausübt, sondern nur nachmittags bei Treffen mit ihren Freundinnen. Aber auch in diesem Sport lernt S., auf ihre Mitmenschen Rücksicht zu nehmen und die soziale Interaktion untereinander (vgl. GP 1, Z.10).

Für S. wäre es wichtig ihre Interessen und Hobbys auch in Deutschland richtig auszuüben, da sie mit Begeisterung diesen Teamsport ausgeführt hat. Sie könnte in einer Mannschaft in ihrer Umgebung neue Freunde kennenlernen und den Sport als Ausgleich nutzen. Außerdem sind sportliche Aktivitäten bei Kindern von großer Bedeutung, da es eine Grundlage der umfassenden Entwicklung ist. Bei Sport wird sowohl der Körper mit einbezogen, als auch die Seele und das soziale Komponente, da Kontakte geknüpft werden.

Ein weiteres Hobby von S. ist das Lesen (vgl. GP 1, Z. 10). Dies bereitet ihr in der deutschen Sprache die meiste Freude, denn so kann S. bedeutend schneller die Sprache verstehen und lernen. Das Lesen hilft ihr insbesondere beim Erlernen einer Sprache, so auch mit englischen Texten. Zudem stärkt S. mittels des Lesens ihre sprachliche Entwicklung. Einen besseren Lernerfolg erlangt sie jedoch, wenn sie diese selber sprechen kann. Somit hat sie in allen Interviews ein großes Interesse daran, selbst auch Fragen stellen zu können. Daran lässt sich erkennen, dass sie ziemlich ehrgeizig ist, die deutsche Sprache zu erlernen. Außerdem hat sie großes Interesse daran, viel über das Lehramtsstudium zu erfahren, da dieser Beruf für sie interessant scheint (vgl. GP 1, Z. 53ff.).

Zudem trifft sich S. gerne mit ihren Freundinnen am Nachmittag, wenn sie die Zeit damit verbringen spazieren zu gehen oder miteinander zu sprechen (vgl. GP 1, Z. 23).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Fallstudie über ein Flüchtlingskind in Siegen unter besonderer Berücksichtigung seiner Lernentwicklung
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,3
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V934888
ISBN (eBook)
9783346325396
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fallstudie, flüchtlingskind, siegen, berücksichtigung, lernentwicklung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Fallstudie über ein Flüchtlingskind in Siegen unter besonderer Berücksichtigung seiner Lernentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/934888

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