Das Phänomen Sexting und das Gefahrenbewusstsein von Schülern beim Nutzen des Internets. Die Relevanz einer sexualbezogenen Medienkompetenz im Zuge digitaler Kommunikation


Masterarbeit, 2019

155 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Vorwort

Danksagung

1 Einleitung
1.1 Forschungsziel und Forschungsmethode
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Medientheoretische Einführung
2.1 Sexuelle Sozialisation
2.2 Sexuelle Sozialisation im Kontext sozialer Medien
2.3 Chancen und Risiken für Mädchen im Kontext der Nutzung sozialer Medien und Sex 2.0
2.4 Das Phänomen Sexting
2.5 Sexualbezogene Medienkompetenz
2.6 Gefahrenbewusster Umgang mit Risiken
2.7 Medienpädagogischer Ansatz

3 Forschungsstand

4 Empirische Untersuchung
4.1 Beschreibung und Begründung der Methode
4.2 Durchführung der Untersuchung
4.3 Darstellung der Ergebnisse
4.3.1 Nutzung des Smartphones
4.3.2 Erfahrungen mit Bildern in sozialen Medien
4.3.3 Kommunikation mit Selfies
4.3.4 Strategien eines gefahrenbewussten Umgangs
4.3.4.1 Erstes Dilemma
4.3.4.2 Zweites Dilemma
4.3.4.3 Persönliche Erfahrung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Anhang
Anhang A: Transkription der Interviews
Anhang B: Auswertung

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Inhaltliche Anforderungen der Master-Arbeit (Eigene Darstellung)

Abbildung 2: The honeycomb of social media. Social Media Functionality (Kietzmann et al. 2011, p. 243)

Abbildung 3: Schnittstellen einer sexualbezogenen Medienkompetenz zu anderen Kompetenzbereichen (Vogelsang 2017, S. 311)

Abbildung 4: Sexting Beispiel für das hypothetische Dilemma im Rahmen des Interviews qualitativer Forschung (joya.life 2016)

Tabelle 1: Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (Erikson 2017, S. 150 f.)

Tabelle 2: Ansätze zur Mediensozialisation (Eigene Darstellung in Anlehnung an Aufenanger 2013, S. 87-88)

Tabelle 3: Sexting Vorsichtsmaßnahmen (Pro Familia 2018)

Tabelle 4: Auszug Medienkompetenzen aus der Kompetenzenlandkarte für Unterrichtsprinzipien und Bildungsanliegen des Bundesministeriums für Unterricht Kunst und Kultur, BMUKK (Weiglhofer 2013)

Tabelle 5: Transkriptionsregeln der Interviews in Anlehnung an Hug und Poscheschnik 2010, S. 137 und Flick 2017, S. 382

Tabelle 6: Auswertung und Inhaltsstrukturierung in Anlehnung an Mayring 2015, S. 74

Abkürzungsverzeichnis

APA American Psychological Association

BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung

BMBWF Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung

BMUKK Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur

CI Confidence Interval

NFFRE National Foundation for Family Research an Education

SNS Social Network Sites

Abstract

Thema der Masterarbeit ist das Phänomen Sexting, das die Relevanz einer sexualbezogenen Medienkompetenz im Kontext digitaler Kommunikation beinhaltet. Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der Theorieteil bildet hierbei die Grundlage für die empirische Forschung. Ziel dieser Untersuchung war es, das Gefahrenbewusstsein Heranwachsender im Hinblick auf das Phänomen Sexting zu ergründen. Die Forschungsfrage lautete: „Welches Gefahrenbewusstsein weisen Schülerinnen und Schüler bei sexualbezogener Interaktion mit digitalen Medien auf?“ Mittels leitfadengestützten Interviews und Dilemmata Interviews, die mit der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden, wurden acht Schülerinnen und Schüler einer Sekundarstufe im Alter von 14-15 Jahren im Hinblick auf die Thematik befragt. Die Antworten der Befragten konnten zeigen, dass das Smartphone heute die Funktion eines multifunktionalen Alltags­begleiters hat und dass das Phänomen Sexting im Leben Heranwachsender zur Wirklichkeit geworden ist. Die Studie ergab, dass die Befragten nicht nur ein hohes Maß an Gefahrenbewusstsein aufweisen, sondern auch über clevere Strategien im Umgang mit Sexting Dilemmata verfügen. Es zeigt sich, dass gegenseitiges Vertrauen eine Voraussetzung zur sicheren Kom­munikation, vor allem im Hinblick auf Sexting, darstellt.

The topic of the master's thesis is the phenomenon of sexting, which includes the relevance of sex-related media literacy in the context of digital communication. The work is divided into a theoretical and an empirical part. The theoretical part forms the basis for empirical research. The aim of this study was to explore the danger awareness of adolescents with regard to the sexting phenomenon. The research question was: "What danger awareness do pupils have in sexually-related interaction with digital media?" Through the use of guided interviews and dilemma interviews, which were evaluated with the qualitative content analysis, eight pupils at the age of 14-15 years were questioned in terms of the topic. The respondents' answers have shown that today the smartphone has the function of a multifunctional everyday companion and that the phenomenon of sexting in the lives of adolescents has become reality. The study found that not only did pupils have a high level of risk awareness, but they also had clever strategies for dealing with sexting dilemmas. It turns out that mutual trust is a prerequisite for safe communication, especially with regard to sexting.

Vorwort

Digitale Medien und soziale Netzwerke haben menschliche Kommunikation in weiten Bereichen unserer Gesellschaft verändert. In unserer heutigen, zunehmend digitalisierten Welt ist ein bewusster Umgang mit digitalen Medien eine Herausforderung, der sich auch Heranwachsende stellen müssen. Das digitale Zeitalter öffnet eine Fülle von Chancen und Möglichkeiten einerseits und Risiken und Gefahren auf der anderen Seite. Auf diesem Hintergrund gewinnt das Handlungsfeld Sexualität und im Speziellen das Phänomen Sexting an wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Der erste Gedanke zur Arbeit war, im Dialog mit Heranwachsenden herauszufinden, wie sie ihr Smartphone nutzen und wie sie über Fotos in sozialen Netzwerken denken. In der nächsten Überlegung sollten persönliche Kenntnisse und Meinungen von 14 und 15-jährigen Schülerinnen und Schülern, im Hinblick auf das Phänomen Sexting, erhoben werden. Wie denken sie über intimen Fotoaustausch und welche Haltung wird von ihnen vertreten? In erster Linie soll jedoch untersucht werden, ob die befragten Heranwachsenden bereits ein gewisses Maß an Gefahrenbewusstsein aufweisen können. Das Ziel der Arbeit ist schließlich, mittels einer qualitativen Studie die folgende Forschungsfrage zu beantworten: „Welches Gefahrenbewusstsein weisen Schülerinnen und Schüler bei sexualbezogener Interaktion mit digitalen Medien auf?“ Zu Beginn erfolgt im theoretischen Teil der Arbeit eine medientheoretische Einführung in die Thematik. Dabei wird zunächst sexuelle Sozialisation allgemein thematisiert und anschließend die sexuelle Sozialisation im Kontext sozialer Medien. Auch wie die Chancen und Risiken für Mädchen im Kontext der Nutzung sozialer Medien und Sex 2.0 stehen, ist Thema der Arbeit. Zudem werden das Phänomen Sexting, sexualbezogene Medienkompetenz, der gefahrenbewusste Umgang mit Risiken und der medienpädagogische Ansatz fokussiert. Ein aktueller Forschungsstand zum Thema Sexting fasst Studien des englischen und deutschen Sprachraumes zusammen. Die empirische Studie geht anhand einer qualitativen Befragung der Beantwortung der Forschungsfrage nach. Befragt wurden acht 14- bis 15-jährige Probandinnen und Probanden mittels eines leitfadengestützten Interviews und Dilemmata Interviews. Den Ergebnissen entsprechend, hat das Smartphone heute tatsächlich die Funktion eines sogenannten multifunktionalen Alltags­begleiters und das Phänomen Sexting ist zur Wirklichkeit im Leben Heranwachsender geworden. Zudem ergab die Studie, dass die Befragten nicht nur ein hohes Maß an Gefahrenbewusstsein aufweisen, sondern auch über clevere Strategien im Umgang mit Sexting Dilemmata verfügen.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich allen, die mich während dem Schreibprozesses meiner Master-Thesis unterstützt, begleitet und vor allem immer wieder bestärkt haben, mei­nen aufrichtigen Dank aussprechen.

An erster Stelle bedanke ich mich bei Frau Dr. Lena Rosenkranz für die Betreuung meiner Master-Thesis, die trotz der großen Entfernung gut möglich war. Auch bei Frau Prof. Mag. Christina Korenjak bedanke ich mich sehr herzlich für die beratenden Ge­spräche im Zuge meines Schreibprozesses, die sehr hilfreich waren und bei Prof. Peter Harrich BEd MA, der dem Schreiben meiner Master-Thesis stets verständnisvoll gegenüberstand. Ein besonderer Dank gilt auch meinen Schülerinnen und Schülern, dich ich in Interviews zum Thema sexualbezogener Interaktion mit digitalen Medien und ihrem Gefahrenbewusstsein befragen durfte. Ich bedanke mich bei meiner Familie, die mir meinen Weg ermöglicht hat. Haben mich immer wieder Freundinnen und Freunde in meinem Vorhaben unterstützt und zum Schreiben ermutigt, gilt ein ganz besonderes Dankeschön meiner lieben Freundin Irene. Mein persönlicher Dank gilt J. Reifnitz, im Jänner 2019

1 Einleitung

Wir befinden uns gegenwärtig im progressiven, digitalen Zeitalter und leben insgesamt in einer digitalen Kommunikationsgesellschaft, ausgelöst durch die Digitale Revolution Ende des 20. Jahrhunderts. Immer mehr Lebensbereiche haben sich seither geändert und Veränderungen von Kommunikationsverhalten und Sprachkultur sind bis heute die Folge, zumal digitale Medien vor allem den Sozial­isationsprozess stark beeinflussen.

Das Fundament für kompetente Mediennutzung sollte schon frühzeitig gelegt werden, um sich danach zu den zwei Säulen, der IT- und Medienkompetenz, für das Leben in der Kommunikationsgesellschaft zu entwickeln. Ziel innerhalb unserer digitalen Gesellschaft ist es, Heranwachsenden einen verantwortungs­bewussten Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln und schließlich den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft gewachsen zu sein. Umfassende Fähigkeiten, ein fundiertes Know-how und vor allem Werteinstellungen sollen entwickelt werden, da eine rein instrumentelle Nutzungskompetenz für die Nutzung digitaler Medien nicht ausreichend ist. „Heranwachsende zu einer kompetenten und sozial verantwortlichen Kommunikation zu befähigen“ ist gemäß Brüggemann, Knaus und Meister (2016, S. 9) Aufgabe und Chance von Medienpädagogik. Medienpädagogik soll „Kinder und Jugendliche in ihrer medialen Artikulation stärken und unterstützen sowie Kommunikation und Teilhabe ermöglichen – unabhängig soziokultureller Realitäten.“ (ebd., S. 9) Zumal das digitale Zeitalter mit seinen scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten nicht ausschließlich positiv ist und die Auswirkung auf Gesellschaft und Individuen beachtlich ist, entwickelt sich die Förderung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern längst weg von der Möglichkeit hin zur Notwendigkeit.

Neben der Medienkompetenz wird auch die Förderung der Informationskompetenz immer wichtiger, da Kinder und Jugendliche aktuell in einer Zeit leben, in welcher „die Gesellschaft mit vielen Herausforderungen durch digitale Medien konfrontiert ist“ (Amann-Hechenberger et al. 2017, S. 4). Generell haben sich die Kommunikationswege in den letzten Jahren deutlich erweitert (Bastiaens, Schrader & Deimann 2011, S. 18). Die ständige Erreichbarkeit aber in einer vernetzten, digitalen Welt ist eines der Hauptmerkmale der so genannten Instant Generation bzw. Netzwerkgenera­tion. Rauh (2016) beschreibt, dass neben der Chance, vielfältige Informationen aufzufinden, das digitale Netz unsere Welt um eine schnelle, bildhafte und worthafte, jedenfalls ortsungebundene Kom­munikation und Navigation durch das gesellschaft­liche Leben erweitert. All dies macht es möglich, Menschen zusammenzuführen, Kontakte zu schließen und Freundschaften zu pflegen.“ (ebd., S. 7)

Handelt es sich einerseits um Chancen der Mediennutzung, die bereits im Kindes- und Jugendalter gewinnbringend genutzt werden können, gibt es andererseits auch Risiken im sozialen Umgang. Laut Rauh (2016) ermöglicht die scheinbare Unbegrenztheit von Medien auch unerwünschte Grenzüberschreitungen wie Cyberbullying und Sexting, die eine Netz-Öffentlichkeit missbrauchen, um Privatsphäre und Intimität bewusst zu verletzen, Betroffenen zu schaden und sie existentiell zu bedrohen (ebd., S. 7). Versteht man unter Cyberbullying verschiedene Formen von Belästigung anderer Menschen mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet, meint Sexting im deutschen Sprachraum „das Verschicken und Tauschen von eigenen Nacktaufnahmen über Internet oder Handy“ (Safer Internet 2015, Absatz 1). Allge­mein ist mit Sexting aber die private Kommunikation über sexuelle Themen mittels einer Messenger-App wie beispielsweise WhatsApp, gemeint. Ist Sexting in unserer digitalen Welt zum Teil noch ein Tabuthema, ist es andererseits Realität, da es vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen praktiziert wird. Auch wenn sich Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrerinnen und Lehrer berechtigt Sorgen um Sexting und die Gefahr von Kinder­pornografie machen, ist der Grund für Sexting gemäß Campbell sehr klar: „Teenagers are simply exploring their sexuality and they are using technology because they can. […] Unlike previous generations, teenagers have assigned a different moral code to online or mobile phone communication. They wouldn't say one thing to someone's face, but think it's OK to say the same thing via text message.” (Campbell zit. n. Calligeros 2008, Absatz 3 f.) Vogelsang (2017) beschreibt indes, dass die Weiterentwicklung medialer Kommunikations- und Interaktionsformen Jugendlichen im Rahmen ihrer sexuellen Sozialisation neue Formen sexuellen Experimentierens eröffnet hat. Sie weist darauf hin, dass dies mit negativen Folgen aber auch durchaus mit positivem Nutzungspotenzial verbunden sein kann (ebd., S. 13).

Fakt ist, dass Sexting zum Bestandteil der digitalen Kommunikation von 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen geworden ist (vgl. Döring 2012, S. 6 f.). Vogelsang (2017) gibt an, dass es in der Praxis einen zunehmend großen Bedarf an medien- und sexualpädagogischen Konzepten und Materialien für die Praxis gibt. Unter anderem stehen Pädagoginnen und Pädagogen vor der Herausforderung, die sensiblen Themen in ihren Institutionen aufzugreifen (vgl. ebd., S. 14). In dem Umfang stellt das Thema Sexting für die Medienpädagogik also ein relativ neues Thema dar. Ob der Trend des intimen Fotoaustausches aber weiterhin bestehen bleibt und schließlich zum Erwachsenwerden in unserer digitalen Welt im 21. Jahrhundert dazugehört, wird sich in Zukunft zeigen. Das Ziel, nämlich ein verantwortungsbewusster Umgang mit digitalen Medien, soll jedenfalls auch in Zukunft verfolgt werden.

1.1 Forschungsziel und Forschungsmethode

Neben der grundlegenden Medienkompetenz im Rahmen des Aufgabenbereiches und der Möglichkeiten von Medienpädagogik, sollen Heranwachsende auch hinsichtlich einer sexualbezogenen Medienkompetenz sensibilisiert werden. Das Phänomen Sexting, im Kontext der Ausdifferenzierung einer Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen im Alter von 14-15 Jahren, ist der Ausgangspunkt des Forschungsinteresses zur vorliegenden Master-Arbeit. Im Zuge der gegenwärtigen digitalen Kommunikation und Nutzung sozialer Medien, die bei Heranwachsenden zum Teil auch sexualbezogen erfolgt, soll deren Gefahrenbewusstsein am Beispiel des Phänomens Sexting, anhand eines qualitativen Interviews und den hypothetischen Dilemmata erforscht werden. Ziel der vorliegenden Master-Arbeit ist die Beantwortung folgender Forschungsfrage:

„Welches Gefahrenbewusstsein weisen Schülerinnen und Schüler bei sexualbezogener Interaktion mit digitalen Medien auf?“

Wenn Heranwachsende Gefahren und Risiken relevant bewerten und abschätzen können, verfügen sie über ein ausreichendes Gefahrenbewusstsein. Wie aber, kann dieses Gefahrenbewusstsein gefördert werden? Welche Strategien und Handlungsmöglichkeiten haben Schülerinnen und Schüler, wenn sie in Situationen einer sexualbezogenen Mediennutzung kommen? Was ist bei Schülerinnen und Schülern an Medienkompetenz vielleicht schon vorhanden? Unter anderem sollen diese Fragen mittels qualitativer Forschungsmethoden, konkreter anhand eines Interviewverfahrens mit hypothetischen Dilemmata erforscht und analysiert werden. Abschließend soll auch diskutiert werden, wie Kinder und Jugendliche allgemein zu einer kritisch-reflektierten, sexualbezogenen Mediennutzung mit sozialen Medien angeleitet werden können und welches medienpädagogische Konzept bzw. welcher Ansatz für die Medienpädagogik möglich ist. In diesem Zusammenhang entwickelte sich der Titel und Untertitels der vorliegenden Master-Thesis: „Das Phänomen Sexting - (k)ein Kinderspiel. Die Relevanz einer sexualbezogenen Medienkompetenz im Zuge digitaler Kommunikation.“

Die nachstehende Abbildung verdeutlicht die inhaltlichen Anforderungen bzw. Themenschwerpunkte der Master-Arbeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Inhaltliche Anforderungen der Master-Arbeit (Eigene Darstellung)

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Master-Arbeit ist wie folgt strukturiert: Im ersten Teil der Arbeit, der medientheoretischen Einführung, wird zunächst das Thema sexuelle Sozialisation ausgeführt (Kap. 2.1) und sexuelle Sozialisation im Kontext sozialer Medien (Kap 2.2) näher definiert. Danach folgt ein genderspezifisches Kapitel über Chancen und Risiken für Mädchen im Kontext der Nutzung digitaler Medien (Kap. 2.3). Schließlich wird konkret auf das Phänomen Sexting (Kap. 2.4) eingegangen. Es erfolgt neben einer Begriffsbestimmung die Beschreibung des Forschungsthemas. Das nächste Kapitel beschreibt die sexualbezogene Medienkompetenz (Kap. 2.5). Mit dem gefahrenbewussten Umgang mit Risiken befasst sich Kap. 2.6. Das zweite Kapitel schließt mit einem medienpädagogischen Ansatz (Kap. 2.7) zur Problemstellung sexual­be­zogener Mediennutzung im Kinder- und Jugendalter. Anknüpfend an den vorhergehenden theoretischen Teil der Master-Thesis, wird im Kapitel 3 ein allgemeiner Überblick über den aktuellen Forschungsstand im englisch­sprachigen- und deutschsprachigen Raum gegeben.

Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt die Darstellung der empirischen Untersuchung, in deren Mittelpunkt die Durchführung der qualitativen Interviews steht (Kap. 4). Zunächst erfolgen die Beschreibung und Begründung der Methode (Kap. 4.1), anschließend wird auf die Durchführung der Untersuchung eingegangen (Kap. 4.2). Schließlich erfolgt die Auswertung der Daten der qualitativen Forschung worauf im vorletzten Kapitel, der Darstellung der Ergebnisse (Kap. 4.3) Bezug genommen wird. Das Verbinden des theoretischen Teiles der Arbeit mit der Empirie ist hierbei wesentlich. Die Master-Thesis schließt mit einem Fazit (Kap. 5), wobei der Fokus auf der Beantwortung der Forschungsfrage zum Gefahrenbewusstsein von Heran­wachsenden bei sexualbezogener Interaktion mit digitalen Medien liegt.

2 Medientheoretische Einführung

Nach einer allgemeinen Hinführung zum Thema Sexualität, einer Definition und einem Überblick über die Thematik, beinhält Kapitel 2.1 eine theoriebasierte Einführung von Sozialisation im Allgemeinen sowie dem Prozess sexueller Sozialisation im Speziellen. An diese theoretische Einbettung des Themas anknüpfend, wird in Kapitel 2.2 die sexuelle Sozialisation im Kontext sozialer Medien dargestellt. Darauf folgt Kapitel 2.3, das Chancen und Risiken für Mädchen im Kontext der Nutzung digitaler Medien ausführlich beschreibt. In Kapitel 2.4 wird schließlich das Phänomen Sexting näher dargestellt. Kapitel 2.5 behandelt die Thematik der sexualbezogenen Medienkompetenz, worauf Kapitel 2.6, in dem ein gefahrenbewusster Umgang mit Risiken thematisiert wird, folgt. Das zweite Kapitel endet mit einem medienpädagogischen Ansatz (Kap. 2.7).

Überblickt man die Entwicklungen in der Sexualkultur des deutschsprachigen Raumes, hat sich das Sexuelle weg von einem zumeist verschwiegenen und paradoxen, hin zu einem eloquenten, relativ offenen Lebensfeld in unserer heutigen Gesellschaft entwickelt (Eder 2010, S. 172). Dies kann insgesamt auf ein verbreitetes Sexualwissen, eine gute Sexualaufklärung und sichere Verhütungsmethoden zurückgeführt werden. Verbote und eine moralische Haltung rücken in unserer Sexual­kultur immer mehr in den Hintergrund. Man hat sich schließlich weg von Scham, Unwissen und Angst, hin zu einem umfangreichen sexuellen Wissens- und Bildrepertoire entwickelt. Mediali­sierung und Kommerzialisierung machen bis heute das Sexuelle zu einem von Bilder- und Zeichenwelten gefüllten Lebensbereich. Auf diesem Hintergrund und der rechtlichen Liberalisierung wurde das Sexuelle zu einer alltäglichen Angelegenheit, wobei der Anreiz des sexuell Verbotenen zum Teil verloren wurde (ebd., S. 173). Becker (2010, S. 184) kommt zu ähnlicher Schlussfolgerung wie Eder, nämlich, dass Sexualität im Alltag allgegenwärtig in Wort und Bild ist. Zur selben Einschätzung wie Eder kommt auch Czok (2006), die beschreibt, dass die sexuelle Liberalisierung grundsätzlich durch die fortgeschrittene Entwicklung der Gesellschaft herbeigeführt wurde. Außerdem deckt sie sich mit der Aussage von Becker bezüglich des Einsatzes von Sexualität im medialen Alltag, wenn sie schreibt, dass dieser insbesondere durch das Fernsehen und durch die Werbung geschieht. Bereits durch das Vorführen von entblößten Körperteilen soll eine einfache sexuelle Befriedigung erfolgen. Auch wenn sie im Allgemeinen von einer sexuellen Enttabuisierung spricht, ist die persönliche Sexualität ein Bereich, der gerade bei einem großen Teil der Jugendlichen Schamgefühle hervorruft. Dabei ist die „Sexualität der Kinder und Jugendlichen“ auch heute noch „mit Einschränkungen und Kontrollen, Verunsicherungen und Frustrationen, Ängsten und Konflikten [verbunden].“ Kennzeichnend in der Entwicklung der Heranwachsenden ist die Pubertät, „der „Leistungsdruck“, mit Freunden mithalten zu können, mitreden zu können, wenn es um sexuelle Themen geht, die Angst anders zu sein usw.“ (vgl. Czok 2006, S. 24).

Ist unter Sexualität im Allgemeinen „die Gesamtheit der im Geschlechtstrieb begründeten Lebensäußerungen, Empfindungen und Verhaltensweisen“ (Duden 2018a) zu verstehen, gibt Sielert (2005, S. 36) im Gegensatz zur vorhergehenden, sehr klaren Definition an, dass es nicht einfach ist, eine konkrete Definition von Sexualität zu finden. Das Themengebiet ist seiner Meinung nach nicht nur umfassend, sondern auch widersprüchlich. Im Zuge seiner Überlegungen führt Sielert eine Definition der amerikanischen Sexualtherapeutin Offit an, die den Begriff der Sexualität zwar breit, aber gut verständlich beschreibt:

Sexualität ist, was wir daraus machen. Eine teure oder eine billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression (der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse oder das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form von Zärtlichkeit, eine Art der Regression, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung. (Offit 1979, S. 16)

Sielert fasst Offits Definition zusammen, indem er beschreibt, dass es nicht leicht ist, Sexualität als so genannte Realdefinition anzugeben bzw. das „eigentliche Wesen“ des Sexuellen auszudrücken (vgl. Sielert S. 36). Er gibt an, dass neben der Genitalität, der mit dem Eintreten des Menschen in die genitale Phase beginnenden Stufe der Sexualität, das als bedeutendes Querschnittsthema von Persönlichkeit beschrieben, Motive wie Fruchtbarkeit, Lust, Identität und Beziehung eine Rolle spielen. Themen, an welche die gegenwärtige Sexualerziehung und Sexualpädagogik unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Entwicklung, anknüpfen (vgl., ebd. S. 25). Beeinflusst wird sexuelles Begehren und sexuelles Handeln außerdem von Moralvorstellungen, Normen und Deutungsmustern einer konkreten Gesellschaft einerseits und den Wünschen, Plänen und Initiativen der Menschen andererseits (vgl. Sielert, Schmidt 2008, S. 13). Zudem gibt Stein-Hilbers (2000) an, dass der Mensch nicht von Natur aus die Fähigkeit hat, sexuell erleben und handeln zu können. Sie beschreibt, dass dies individuell und kollektiv entwickelt werden muss. Nicht zu vergessen, dass „unsere Vorstellungen über Sexualität und auch unser sexuelles Erleben einem beständigen historischen und kulturellen Wandel“ unterliegen (ebd., S. 9).

2.1 Sexuelle Sozialisation

Wie werden wir? Was sind wir? Fragen wie diese sind nicht neu, denn über die Verbindung zwischen dem Menschen und der Gesellschaft hat man sich schon immer Gedanken gemacht (Abels 2009, S. 57). Wie Robinson Crusoe, der für 28 Jahre auf einer einsamen Insel lebte, mag es für den Menschen zwar möglich sein, als Erwachsener für einige Zeit alleine zu überleben, vergleicht Schmidt (2010), jedoch ist der Mensch bestimmt nicht fähig, „ allein zum Menschen zu werden“. Denn unser Menschsein entsteht „in der Interaktion mit und im Lernen von anderen Menschen.“ Es ist Aufgabe der Sozialisationstheorien, zu beschreiben und zu erklären, „wie sich die menschliche Persönlichkeit in Auseinandersetzung mit den sozialen und materiellen Lebensbedingungen entwickelt“ (ebd., S. 255). Menschen agieren miteinander, beziehen sich in ihrem Handeln wechselseitig aufeinander, koordinieren ihr Handeln und verständigen sich über Erfahrungsdifferenzen (Grundmann 2017). Als Aufgabe von Sozialisation führt er die Lösung von Konflikten im täglichen Leben, wie auch die Pflege von Sozialbeziehungen an (ebd., S. 66). Im Vergleich dazu beschreibt Tillmann (2006) Sozialisation als einen wesentlichen Prozess der Integration des Individuums in die Gesellschaft. Bedeutend dabei sind vor allem die Entwicklung und Veränderung der Persönlichkeit eines Menschen. Er betont entsprechend, dass Sozialisation sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft betrifft, die in einer wechselseitigen Beziehung zueinanderstehen. Sozialisations­prozesse haben die Aufgabe, Gesellschaften aufrechtzuerhalten, zu transformieren und Individuen handlungsfähig zu machen. Wenn sich das Individuum mit sozialen und materiellen Bedingungen bewusst auseinandersetzt, findet es sich schließlich in die Gesellschaft ein und wird somit zu einem handlungsfähigen Wesen (vgl. ebd., S. 12). Stehen die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums und seine Gesellschaftsfähigkeit im Vordergrund, wird Sozialisation begrifflich definiert „als der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei..., wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“ (Geulen, Hurrelmann 1980, S. 51). Immer mehr Studien aus dem Bereich der Psychologie und der Neurobiologie zeigen, „dass sich die Vorstellung einer reinen Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen nicht halten lässt“ (Hurrelmann, Bauer 2015). Sozialisation kann „auf keinen Fall nur als Prägung des Individuums durch sein gesellschaftliches Umfeld verstanden werden“ (ebd., S. 11). Zum Grundmerkmal der Persönlichkeitsentwicklung zählt die „Variation der menschlichen Verhaltensweisen“, wie „die Fähigkeit, auch anders als traditionell genormt auf gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge zu reagieren“ (ebd., S. 12). Letztere sind u. a. im Kontext sexueller Sozialisation von hoher Bedeutung und werden nach Schmidt (2010, S. 256) als Teilbereich der allgemeinen Sozialisation und laut Etschenberg (2009, S. 59) als Spezialfall von Sozialisation betrachtet.

Sind die Anfänge des Sexualverhaltens gemäß Sigmund Freuds psychoanalytischem Ansatz in der frühen Kindheit begründet (er stellt die Existenz eines kindlichen Sexualtriebes fest), gibt Rihl (2015, S. 261) an, dass diesbezüglich auch in der heutigen Sexualwissenschaft Übereinstimmung besteht. Zur selben Einschätzung kommt Etschenberg (2009), denn sie gibt an, dass der Mensch von seiner Geburt an ein Sexualwesen ist. Sie führt weiter aus, dass das Individuum vielmehr in die Gesellschaft hinein entwickelt werden muss und für dieses Motiv Anregung und Orientierungen benötigt (ebd., S. 58). Dass Sexualaufklärung mit der Geburt beginnt und ein lebenslanger Prozess ist, wird auch in den Standards für Sexualaufklärung in Europa, genauer gesagt in den Grundsätzen der Sexualaufklärung der Weltgesund­heitsorganisation, beschrieben: „Der Mensch ist ein Sexualwesen von Anfang an. Seine psychosexuelle Entwicklung und sexuelle Sozialisation findet lebenslang statt“ (WHO-Regionalbüro für Europa und BZgA 2011, S. 31). Auch Schmidt (2010, S. 259) und Stein-Hilbers (2000, S. 10) geben an, dass sich die sexuelle Sozialisation ein Leben lang vollzieht, wobei Stein-Hilbers ergänzt, dass dieser Prozess auch umfassend geschieht. Sie beschreibt, dass er spätestens mit der Geburt beginnt und erst mit dem Tod endet, wobei die Kindheit, die Jugend und das frühe Erwachsenenalter für die Entwicklung und Formierung sexuellen Verhaltens und Erlebens besonders prägend sind. Zudem gibt Stein-Hilbers an, dass sexuelle Sozialisation vor allem auch historisch, regional und kulturell geprägt ist. „Unsere sexuellen Erfahrungen und Präferenzen unterliegen dabei in höchstem Maße kulturellen Einflüssen“ (ebd., S. 10). Des Weiteren verweist sie auf Studien, die belegen, dass menschliche Sexualität kein so genanntes „instinktgebundenes Verhalten“ ist, weil es, wie bereits dargelegt, wie jedes Sozialverhalten, vom Kindheitsalter an erlernt und eingeübt wird (ebd.). Die erste sexuelle Entwicklung erfahren Kinder jedenfalls in Sozialbeziehungen ihrer familiären Umgebung:

Kinder erwerben ein sexuelles Körperwissen und entsprechende emotionale Strukturen zunächst im Kontext der Sozialbeziehungen ihres familialen Umfeldes. Im Kontakt mit Erwachsenen und anderen Kindern entwickeln sie Interaktionsstile und Orientierungen, die sich auf geschlechtsangemessenes Verhalten, Fühlen und entsprechende Modelle des Begehrens beziehen. Sie erlenen die symbolischen und tatsächlichen Ausdrucksformen von Sexualität und die Bedeutung entsprechender Objekte und Handlungen. Diese verbinden sich mit körperlichen Erfahrungen; Phantasien und Interaktionen mit anderen sind entsprechend ausgestaltet. Sexuelle Kontakte und Aktivitäten des Jugend- und Erwachsenenalters werden im Kontext geschlechtsgebundener, kulturell geltender sexueller Szenarios (oder Abweichungen davon) realisiert. Klasse, Ethnizität, Alter, regionale und biographische Erfahrungen wiederum beeinflussen die Ausbildung des eigenen Erlebens und Verhaltens. Die Gesamtheit dieser Prozesse und Vorgänge wird als ‚sexuelle Sozialisation‘ bezeichnet. (Stein-Hilbers 2000, S. 9)

Nach Stein-Hilbers eingehender Definition von sexueller Sozialisation kann im Allgemeinen zusammengefasst werden, dass sich das heranwachsende Individuum in die Gesellschaft einordnet und sukzessive gewisse gesellschaftliche Verhaltensweisen übernimmt. Neben den maßgebenden Anforderungen der Gesellschaft sind es zudem die Einwirkungen der sozialen und materiellen Umwelt und die persönlichen Wünsche, möglicherweise auch Ängste, welche das Individuum zum sexuell handlungsfähigen Erwachsenen heranbilden, bzw. zu „sexuell empfindenden und handelnden Persönlichkeiten entwickeln“ (Stein-Hilbers 2000). Dies geschieht „im Laufe ihrer Biografie, in der produktiven Aneignung ihres Lebens, in Interaktion und Auseinandersetzung mit Anderen sowie durch die Teilhabe an und die Gestaltung von Bedeutungssystemen und Praktiken, die in ihrer Kultur als sexuell definiert werden“ (ebd., S. 9). Nikulka (2015) beschreibt in diesem Kontext, dass die Phase der „psychosexuellen, sozialen und beruflichen Selbstfindung“ für Jugendliche eine nicht geringe Herausforderung darstellt (S. 314). Schließlich soll aber die Persönlichkeitsentwicklung und die Gesellschaftsfähigkeit des Individuums so weit fortgeschritten sein, dass es zum verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft, in der es lebt, fähig ist.

Erik H. Erikson (1902-1994), einer der bedeutendsten sozialwissenschaftlich ausge­richteten Psychoanalytiker und so genannter Neufreudianer, verbindet Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung mit seiner Theorie der lebenslangen Entwicklung, der sogenannten psychosozialen Entwicklungstheorie. Liebsch (2008, S. 72) gibt an, dass Erikson die Theorie der Entwicklung einer Ich-Identität begründet hat. Sie beschreibt, dass er die Ich-Identität als Ergebnis von Fähigkeiten beziehungsweise als Leistung von Einzelpersonen darstellt, welche schrittweise im Laufe des Lebens entstehen. „Die Bedingungen eines Erwerbs von Ich-Identität wie auch mögliche Variationen oder ein ‚Misslingen‘ von Identität stellt Erikson in den Zusammenhang einer Vielfalt der Antriebe und der unterschiedlichen Erwartungen der sozialen Umwelt“ (ebd.). Liebsch fasst schließlich zusammen, dass er Identität als einen Prozess „des Austarierens und Angleichens unterschiedlicher Einflüsse und Erwartungen“ ansieht. Gemäß Abels (2009, S. 367) geht Erikson davon aus, dass sich Persönlichkeit nicht nur in der frühen Kindheit heranbildet, sondern dass sich Persönlichkeit ein Leben lang entwickelt: „Identität ist etwas, das nicht aus dem Individuum allein erklärt werden könnte, sondern was auch kulturell und sozial konstituiert wird“ (ebd.). Demnach ist Eriksons Theorie divergent zu den Grundannahmen der klassischen Psychoanalyse, da er eine Identitätstheorie mit einer Sozialisationstheorie verbindet (vgl. ebd.). Wesentlich ist indessen Eriksons Konzeption des Stufenmodelles der psychosozialen Entwicklung (vgl. Tab. 1). Es handelt sich dabei um ein entwicklungspsychologisches Modell, worin acht Phasen des Menschen beschrieben werden, in denen sich der Mensch gemäß dem epigenetischen Prinzip entwickelt (vgl. Noack 2010, S. 37). In jeder Phase wird eine „Ich-Qualität“ bzw. eine Grundhaltung ausgeprägt, die sich auf die Seite der psychosozialen Gesundheit oder auf die Seite der psychosozialen Störung neigt (vgl. Abels 2009, S. 367). Demgemäß symbolisieren die diagonalen Kästchen das Aufeinanderfolgen der psychosozialen Krisen, die im Laufe des Lebens bewältigt werden müssen. In jedem dieser Kästchen steht „ein Kriterium relativer psychosozialer Gesundheit und darunter das korrespondierende Kriterium relativer psychosozialer Störung“ (Erikson 2017, S. 149). Dabei steht die Folge der Stadien für die „Entwicklungslinie der Komponenten der psycho­sozialen Persönlichkeit“ (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (Erikson 2017, S. 150 f.)

Wie aus dem eben angeführten Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (Tab. 1) von Erikson hervorgeht, kommt es im Kindes- und Jugendalter das erste Mal zu einer Krise, zumal das „sexuelle, körperliche und geistige Wachstum mit den Möglichkeiten und den Anforderungen der sozialen Umwelt nicht übereinstimmen“. Das zweite Mal kommt es im Erwachsenenalter zu einer Krise, weil „typische Herausforderungen der sozialen Umwelt eine Änderung der bis dahin erworbenen geistigen Orientierungen und Handlungskompetenzen verlangen“, wie Abels (2009, S. 367) zusammenfasst. In den acht Phasen, die sich über die Lebensspanne des Menschen erstrecken, gibt Erikson jeweils eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ Zudem beschreibt Erikson in jeder der acht Phasen eine bestimmte Tugend bzw. Grundstärke, die herangebildet werden kann und so den dem Menschen gewissermaßen Kraft gibt und ihn durch das Leben führen kann (vgl. ebd. S. 367 f.):

- erste Phase, Säuglingsalter: „Ich bin, was man mir gibt.“, Tugend: Hoffnung
- zweite Phase, Kleinkindalter: „Ich bin, was ich will.“, Tugend: Wille
- dritte Phase, Spielalter: „Ich bin, was ich mir zu werden vorstellen kann.“, Grundstärke: Zielstrebigkeit
- vierte Phase, Schulalter: „Ich bin, was ich lerne.“, Tugend: Tüchtigkeit
- fünfte Phase, Adoleszenz: „Wer bin ich, wer bin ich nicht?“, Tugend: Treue
- sechste Phase, frühes Erwachsenenalter: „Ich bin, was ich dem anderen gebe und was ich in ihm finde.“, Tugend: Liebe
- siebte Phase, Erwachsenenalter: „Ich bin, was ich mit einem anderen zusam­men aufbaue und erhalte.“, Tugend: Fürsorge
- achte Phase, reifes Erwachsenenalter: „Ich bin, was ich geworden bin.“, Tu­gend: Weisheit

Wenn Individuen mit Möglichkeiten und Herausforderungen der sozialen Umwelt gut umgehen können und in einem Gleichgewicht sind, werden Stärken und Tugenden im Ich integriert und Voraussetzungen geschaffen, die dabei helfen können, Probleme der folgenden Phase zu bestehen. Schließlich kommt es zum charakteristischen Ichbewusstsein, auch Identität genannt, welche Erikson als psychosoziale Gesundheit bezeichnet. Wenn Störungen und Krisen von Individuen aber nicht gut bewältigt werden können, bleibt das Ich schwach, was von Erikson als relative psychosoziale Störung bezeichnet wird (vgl. ebd., S. 368).

Hat Kapitel 2.1 mit den beiden Fragen zur Identität, nämlich wie wir werden und was wir sind, begonnen, wird an dieser Stelle noch einmal verdeutlicht, dass Fragen nach der Identität des Menschen gegenwärtig zu den bedeutsamsten Fragen überhaupt gehören (Ermann 2011, S. 135). Dass Identitätsfindung eine zentrale Aufgabe des Jugendalters auf dem Weg zur Entwicklung ihrer eigenen Identität ist, betonen auch Eschenbeck und Knauf (2018, S. 31), zumal vielfältige Anforderungen an Jugendliche gestellt werden und Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität sind (ebd., S. 24). Auch im Kontext sexueller Sozialisation ist das Motiv Identität wesentlich.

Wer bin ich? Bin ich der, als der ich mich fühle? Ein Individuum mit Gewissheit über mein eigenes Selbst? Ein einzigartiges Wesen mit großer Stabilität seiner Individualität? Oder bin ich der, den die anderen in mir sehen? Und wandelt sich mein Gefühl für mich selbst mit den Begegnungen und mit den Erfahrungen, die ich mit anderen mache? Oder ist mein Gefühl, das zu sein, wofür ich mich halte, am Ende das Ergebnis von Ver-handlungen mit anderen, eine Konstruktion in der sozialen Bezogenheit? (Ermann 2011, S. 135)

Hinsichtlich des Gesprächs über Wesen und Ziele menschlichen Lebens waren solche und ähnliche Fragen bisher zentral. Wurde in der Vergangenheit die Frage nach der Identität des Menschen vorwiegend in der Soziologie und Sozialpsychologie aufgegriffen, war sie im Bereich der Psychoanalyse nicht wesentlich, obwohl Erik H. Erikson sich eingehender mit dem Identitätsbegriff befasst hat, gibt Ermann an. Er beschreibt, dass das Thema der Identität, „das sich ausdrücklich mit der sozialen Bedingtheit des Selbst befasst“, für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten noch immer ein sehr faszinierendes darstellt. Den Begriff Identität charakterisiert Ermann als Ereignis des Überganges zwischen dem Individuum und der Gesellschaft: „Der Einzelne erlebt sich im Allgemeinen in Übereinstimmung mit sich selbst.“ Er beschreibt, dass das Individuum mit einer individuellen Biografie das Gefühl hat, einmalig zu sein, auch wenn es in manchen Bereichen anderen ähnelt. Dabei schreibt er ihrem Selbstgefühl eine bedeutende Rolle zu: „Dieses Empfinden der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit prägt das Leben und wird Identität genannt. Sie beschreibt einen Zustand der Übereinstimmung und Gleichheit als Merkmal einer Weseneinheit“ (vgl. ebd.). Zirfas (2010) gibt mithin zu bedenken, dass Identität, auch wenn sie gegenwärtig in unserer Wissensgesellschaft ist, keine leichte Aufgabe darstellt. Denn Identität muss auch weiterhin wie bisher zu Beginn entwickelt, dann bewahrt und schließlich aufrechterhalten oder verteidigt werden (vgl. ebd., S. 15).

2.2 Sexuelle Sozialisation im Kontext sozialer Medien

Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, der Aufbau intimer Beziehungen, Zukunftsperspektiven und sozialer Kompetenzen, eine kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft sowie das Verständnis komplexer Zusammenhänge in Politik und Wirtschaft sind Elemente im Kontext des gegenwärtigen Sozialisationsprozesses (Flammer, Alsaker 2002). Nimmt man Sozialisation insgesamt als einen lebenslangen Prozess wahr, so Wagner (2018), seien es in erster Linie Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, welche die Aufgabe innehaben, die Heranwachsenden zu stärken: „Ihnen kommt die große Verantwortung zu, auch mit Blick auf Geschlechterrollen, sensibel zu handeln und im Sinne der Heranwachsenden und ihrer eigentätigen Lebensführung kreative Wege zu finden, um Gleichberechtigung aller Geschlechter sowie die Entwicklung einer geschlechtlichen Identität zu unterstützen“ (ebd., S. 27). Schreibt Wagner (ebd.), dass die eigene, gute Lebensgestaltung unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen eine Herausforderung ist, führt Wegener (2007) ihre Auffassung weiter aus, wenn sie beschreibt, dass Kinder und Jugendliche heutzutage in einer Welt aufwachsen, in der Sozialisation nicht nur mittels so genannter klassischer Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Gemeinschaft von Peers geschieht, sondern auch durch Medien beeinflusst wird (S. 461). Auch Hajok (2018, S. 61) stellt fest, dass sich das Erwachsenwerden der jungen Menschen heute sehr verändert hat. Der Frage, ob wir es in der Welt von digitalen Medien mit einem völlig neuen Sozialisationstypus zu tun haben, stimmt er zu. Er führt den neuen Sozialisationstyp auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und die steigende Relevanz digitaler Medien zurück (ebd., S. 67). Aufenanger (2008, S. 87) bringt die Thematik um Sozialisationseffekte von Medien auf den Punkt, indem er angibt, dass die Thematik so alt ist wie die Medien selbst. Im Fachgebiet der Mediensozialisation wirft er folgende zwei Fragen auf, die zur Klärung des Medienumgangs durch Menschen von Bedeutung sind: „Was machen die Medien mit den Menschen?“ und „Was machen die Menschen mit den Medien?“ (ebd., S. 87). Richtet sich die erste Frage auf die Wirkungen des Mediengebrauchs, stellt der Richtungswechsel der zweiten Frage den Empfängerinnen und Empfängern von Medienbotschaften bewusst in eine bewusst aktive Position (vgl. Ecarius et al. 2011, S. 151 f.). Die beiden Fragen zur Klärung des Medienumgangs von Menschen werden in der anschließenden Tabelle zu Ansätzen zur Mediensozialisation zum besseren Verständnis von Aufenanger (2008, S. 87) genauer definiert:

Tabelle 2: Ansätze zur Mediensozialisation (Eigene Darstellung in Anlehnung an Aufenanger 2013, S. 87-88)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufenanger (ebd.) erläutert in seinen Ansätzen zur Mediensozialisation (Tab. 2) die drei Ansätze „Medien wirken auf Menschen ein“, „Menschen sind medienkompetent und selektieren das Medienangebot“ und „Menschen und Medien interagieren miteinander und Einflüsse müssen in diesem Wirkgefüge gesehen werden“. Im Zuge des ersten Ansatzes ist hervorzuheben, dass die Medienwirkung meist einer negativen Perspektive unterliegt. Beim zweiten Ansatz gibt Aufenanger an, dass der Mensch nicht länger ein Opfer von Medien ist, sondern als medienkompetente Nutzerin oder medienkompetenter Nutzer befähigt ist, zu handeln. Abschließend stellt er bei der Interaktion von Menschen und Medien den Medieneinfluss als einen positiven fest (z.B. zum Identitätsaufbau oder zur Lebensbewältigung). Schlund (2014) stimmt Aufenanger zu, zumal sie die Internetnutzung zum Zweck der Selbstpräsentation von Jugendlichen als wichtiges Element ihrer Identitätsentwicklung ansieht (S. 86). Süss (2016) gebraucht für den Umgang mit Medien in unserer heutigen Medien­gesellschaft die Metapher von Lebensmitteln. Diese können Genussmittel sein aber auch zu Suchtmitteln werden. Schließlich sind Medien in unserer Mediengesellschaft einem Lebensmittel sehr ähnlich. Sie sind unbedingt erforderlich, wenn es darum geht, den Alltag zu bestehen (vgl. ebd., S. 43). Dass die gegenwärtige Jugendkultur durchaus technisch geprägt ist, gibt auch Thiele (2014, S. 37) an, denn er vertritt die Meinung, dass Technik und technische Medien unsere Gesellschaft bestimmen. Lenhart (2009) beschreibt, dass Smartphones immer mehr zum Teil des Lebens Jugendlicher werden. Im Laufe der Zeit hat sich auch deren Funktionalität stark verändert. Jugendliche verwenden ihre Smartphones neben dem Telefonieren und dem Schreiben von Nachrichten vor allem für den Zugang zum Internet und um Fotos und Videos aufzunehmen und zu teilen (ebd.). Döring (2014, S. 64) steht im Einklang mit Lenhard (2009), da sie sehr treffend vom Smartphone als so genannten „multifunktionalen Alltagsbegleiter“ Jugendlicher spricht. Im medialen Alltag von Jugendlichen dienen Smartphones der Identitätsarbeit, der Beziehungspflege, der Erprobung und Aushandlung von Körper- und Geschlechterbildern, dem Ausdruck sexueller Intimität und der Erkundung von Eigenschaften neuer Mediendienste, wie Döring (ebd.) anführt. Zur ähnlichen Schlussfolgerung kommt die Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen (2018b). Diese stellt fest, dass digitale und soziale Medien, wie beispielsweise das Internet, soziale Netzwerke, Smartphones und so genannte Instant Messenger diverse Einsatzmöglichkeiten bieten. Waren es vor einigen Jahren vielleicht noch unbekannte Phänomene, sind sie heute zu Bestandteilen unseres Alltags geworden (vgl. ebd.). Zur Befragung ob Smartphones aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind, gaben rund 88% der Befragten an, dass Smartphones eine große Erleichterung im Alltag darstellen. 69% sind der Meinung, dass eine zunehmende Smartphone-Nutzung dazu führt, dass Menschen immer weniger miteinander sprechen, 55% der Befragten waren aber der Meinung, dass Smartphones Menschen einander näherbringen (Bitkom 2018, S. 5). Gemäß Schlund (2014) hat sich die Rolle der Heranwachsenden auch teilweise geändert. Die Tendenz geht weg vom konsumierenden Heranwachsenden, der soziale Medien allein zur Unterhaltung oder zum Wissenserwerb nutzt, hin zum produzieren­den Jugendlichen, der sich selbst in unterschiedlichen sozialen Netzwerken präsentiert. Hierfür bedarf es in sozialen Medien außerdem keines großen technischen Know-hows (vgl. ebd., S. 86 ff.).

Beschreiben Arnold et al. (2013) soziale Medien als einen Sammelbegriff für eine Vielfalt von Software zur gemeinsamen Kommunikation, Kooperation und Gestaltung medialer Inhalte im Internet (S. 426), definieren Kaplan und Haenlein (2010) im Vergleich dazu den Sammelbegriff social media folgend: “a group of Internet-based applications that build on the ideological and technological foundations of Web 2.0, and that allow the creation and exchange of user-generated content” (S. 61). Nach Taddicken und Schmidt (2017) ist der Begriff soziale Medien aus sozial- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht redundant, da alle Medien gewissermaßen sozial sind, nämlich „als sie Teil von Kommunikationsakten, Interaktionen und sozialem Handeln sind“ (S. 4). Wie aus der vorhergehenden Definition von Kaplan und Haenlein hervorgeht, ist das Web 2.0 eng mit sozialen Medien verbunden. Der Begriff Web 2.0 wurde von O’Reilly (2005) geprägt und steht für die „Bezeichnung für alle im Internet verfüg­baren Anwendungen, die es der Nutzerin und dem Nutzer erlauben, selbst Inhalte einzustellen und diese zu kommunizieren; ein Nutzungsprinzip im Internet, das die Partizipation in den Vordergrund stellt“ (Arnold et al. 2013, S. 328). Auch Kietzmann et al. (2011) machen auf die signifikante Entwicklung des Internets aufmerksam. War die Internetnutzung in der Vergangenheit noch folgendermaßen üblich „Traditionally, consumers used the Internet to simply expend content: they read it, they watched it, and they used it to buy products and services”, hat sich diese bis heute erheblich erweitert: „Increasingly, however, consumers are utilizing platforms–such as content sharing sites, blog, social networking, and wikis–to create, modify, share, and discuss Internet content” (ebd., S. 241). Im Kontext der Internetkommunikation mit sozialen Medien sind gemäß Kietzmann et al. die sieben Merkmale für die Funktionsweise sozialer Medien kennzeichnend: „identity, conversations, sharing, presence, relationships, reputation and groups“ (ebd., S. 243). Folgende Abbildung (Abb. 2) veranschaulicht die Merkmale für soziale Medien in „The honeycomb of social media“ wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: The honeycomb of social media. Social Media Functionality (Kietzmann et al. 2011, p. 243)

Glüer (2018) übersetzt und differenziert die sieben Merkmale als Funktion der Selbst­darstellung „identity“ (Nutzerinnen und Nutzer präsentieren sich in sozialen Medien bestmöglich), Funktion der Konversation „conversation“ (das Kommunizieren mit­tels Text, Bild, Audio und Video ist kennzeichnend für soziale Medien), Funktion zum Austausch von Inhalten „sharing“ (Nutzerinnen und Nutzer können Inhalte austauschen und verbreiten), Funktion der Präsenz „presence“ (der Online- oder Offlinestatus gibt Auskunft über die Verfügbarkeit der Nutzerinnen und Nutzer), Funktion der Beziehungen „relationships“ (eine Freundesliste drückt beispielsweise aus, dass man miteinander in Verbindung steht), Funktion des Status „reputation“ (die Anzahl von positiven Kommentaren, Likes und die Anzahl der Freunde sind Möglich­keiten, den sozialen Status zu repräsentieren) und Funktion der Gruppen „groups“ (Nutzer­innen und Nutzer haben die Möglichkeit, sich bestimmten Interessensgruppen zuzu­ordnen und sich dort auszutauschen) (vgl. ebd., S. 202 f.).

Das Internet entwickelt sich steigernd zu einem sozialen Raum, in dem Menschen kommunizieren können, darauf verweist Kerres, wenn er Preußler zitiert (2006, zitiert nach Kerres, Preußler 2009, S. 2). Kerres und Preußler beschreiben das Internet heute als einen Raum, in dem „Menschen dem Bedürfnis nach interpersoneller Kommunikation nachgehen, sich aktiv in soziale Gruppen einbinden und Netzwerke – für private, berufliche oder z.B. politische Anliegen – bilden“ (S. 2). Dass Nutzerinnen und Nutzer im Web 2.0 selbst und auch gemeinsam Inhalte erstellen können (user generated content), kennzeichnet in groben Zügen den Unterschied zum bisherigen Web 1.0. Man hat sich weg vom reinen Medienkonsum und hin zur Partizipation im Web 2.0 bewegt. Charakteristisch für sozialen Medien ist jedenfalls die soziale Perspektive, welche durch die soziale Interaktivität der Nutzerinnen und Nutzer gekennzeichnet ist. Diese haben die Möglichkeit sich online zu vernetzen, sich auszutauschen, Inhalte kollaborativ zu erstellen und diese anschließend zu teilen. Mehr noch treffen sich Jugendliche online, erweitern ihren Freundeskreis, tauschen sich über ihre Gefühle, Befindlichkeiten und Interessen in den Medien über Neuigkeiten und die alltäglichen Dinge des Lebens aus (vgl. Schlund 2014, S. 98). Kommuniziert wird mit den derzeit populärsten sozialen Netzwerken wie WhatsApp, Instagram, Snapchat und Facebook (vgl. Glüer 2018, S. 200). WhatsApp und Snapchat zählen dabei zum sogenanntem Instant-Messaging, das einen sofortigen Nachrichtenversand ermöglicht. Konkret handelt es sich bei Instant-Messaging um einen Internet Dienst, der es möglich macht, in einem privaten Chatraum mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern synchron zu kommunizieren. Grundsätzlich ist auch eine Liste mit Benutzernamen vorhanden, die über den Onlinestatus der Personen informiert (vgl. e-teaching.org, 2018a). In Anlehnung an Hock (2017) wird WhatsApp von Heranwachsenden genutzt, um Nachrichten zu schreiben, Sprachaufnahmen und Fotos zu senden und auch zur Gruppenkommunikation. Snapchat wird in der Regel genutzt, um Fotonachrichten zu versenden. Die Fotos können mit verschiedenen, abwechslungsreichen Filtern (Lenses), die regelmäßig aktualisiert werden, optisch aufgepeppt werden. Auch können Videos aufgenommen und z.B. die Stimme verzerrt werden. Die teilweise sonderbaren Fotos und Videos werden wenigen Sekunden nach dem Empfang automatisch bei der Empfängerin oder dem Empfänger gelöscht. Instagram hingegen eignet sich gut, um in Szene gesetzte Fotos zu posten und positive Feedbacks zu sammeln (vgl. ebd., S. 2).

Aus der Perspektive der Kommunikationswissenschaften sind folgende Punkte für soziale Medien gemäß Taddicken und Schmidt (2017, S. 18) signifikant:

- Soziale Medien beruhen auf digital vernetzten Medientechnologien und wer­den in der Regel über webbasierte Schnittstellen oder mit Hilfe von Apps ge­nutzt;
- Sie zeichnen sich durch nutzer- bzw. laienfreundliche Handhabung aus;
- Sie erleichtern es, eigene Inhalte (öffentlich oder teil- öffentlich) zugänglich zu machen;
- Sie unterstützen den Aufbau und die Pflege von sozialen Beziehungen über verschiedene Varianten und sozialer Kommunikation und Interaktion.

Hinsichtlich der Identitätsentwicklung und dem Identitätsaufbau von Jugendlichen, sind soziale Medien in zunehmenden Maß von Relevanz (vgl. Aufenanger 2013, Schlund 2014). Gerade Jugendliche befassen sich beim Bearbeiten ihres Profils in sozialen Medien damit, wie sie sich am besten inszenieren, am besten nach außen hin zeigen wollen. Dabei geht es vorrangig um die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Person man ist und welche Person man zu sein wünscht, gibt Burger (2013, S. 26) zu bedenken. Die Jugendlichen sind besonders daran interessiert, „wie sie in den Augen anderer erscheinen, verglichen mit dem Gefühl, das sie von sich haben“, so Erikson (1974, S. 256). Die Funktionen von sozialen Netzwerken (z.B. Benutzer­profile und Profilfotos) eignen sich in dieser Hinsicht zur individuellen Selbst­inszenierung, denn „Heranwachsende können sich hier, fern der Erwachsenenwelt und unter Gleichgesin­nten ausprobieren, inszenieren und positionie­ren“ (Tillmann 2014, S. 158).

Der Nutzen von Medien liegt gemäß Ecarius et al. (2011) einerseits in der Aus­formung von Identität und andererseits in der Präsentation des Selbstbildes (S. 151). Kneidinger-Müller (2017) zufolge ist die Identitätsentwicklung bei Kindern und Heranwachsenden ein besonders wichtiger Aspekt, wenn es um die Heranbildung von deren Identität geht. Hierin bezieht sie sich auf die Theorie von Erikson (1973), der die Identitätsentwicklung auch bei Erwachsenen als nie abgeschlossen, sondern als einen konsekutiv fortlaufenden Vorgang ansieht. Eine grundsätzliche Anforderung zur Nutzung von sozialen Medien ist laut Kneidinger-Müller die Präsentation der eigenen Identität, denn wenn man soziale Medien fundiert nutzen möchte, muss man zuerst Informationen über sich selbst veröffentlichen. Erst nach einer gewissen Selbstdarstellung wird es möglich, Plattformen und Netzwerke von sozialen Medien nutzen zu können und von anderen Nutzerinnen und Nutzern registriert zu werden. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Wechselbeziehung von Online- und Offline-Identitäten (mit Offline-Identität ist die Identität eines Individuums im echten Leben gemeint) einerseits Chancen aber andererseits auch Risiken in sich bergen kann (vgl. ebd., S. 62 ff.). „Online- und Offline-Identitäten sind in sozialen Medien keine voneinander getrennten Aspekte, sondern das eine wird vielmehr zu einer Erweiterung des jeweils anderen. Die Selbstpräsentation einer Person kann für manche Bezugs­personen in sozialen Medien ein deutlich differenzierteres Bild der Person vermitteln, als der direkte Face-to-Face-Kontakt“, gibt Kneidinger-Müller (ebd., S. 76) an. Die Frage wer man ist, die insbesondere bei so genannten Ich-Plattformen zur Selbstdarstellung in den sozialen Medien eine wesentliche Rolle spielt, muss aus ihrer Perspektive immer wieder durch die Frage „Wer soll welche Identitätsfacetten meiner Person wie sehen können?“ erweitert werden (ebd.).

Hipeli und Süss (2009) beschreiben, dass Kinder und Jugendliche gegenwärtig auch durch mediale Leitbilder sozialisiert werden. Auf diesem Hintergrund geben sie zu bedenken, dass ferner auch der Bereich der Sexualität davon betroffen ist (ebd., S. 51). Auch Aigner et al. (2015) betonen die Relevanz des Internets als Informationsquelle für Heranwachsende, wenn es um sexuelle Informationen geht (S. 7). Angesichts der Sexualisierung macht auch Reißmann (2010) auf die Besorgnis um Heranwachsende, die sich im Internet freizügig darstellen, aufmerksam (S. 27). Lenhart (2009) weist auf die Sorge von Eltern und Erziehungsberechtigten, bezüglich der Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Laufe ihrer sexuellen Entwicklung, hin. „The greatest amount of concern has focused on “sexting” or the creating, sharing and forwarding of sexually suggestive nude or nearly nude images by minor teens.” Lenhard (2009) kritisiert, dass Jugendliche ihre Smartphones für sexuelle Interaktionen und Erkundungen missbrauchen. Demzufolge werden digitale und soziale Medien häufig von Jugendlichen im Zuge ihres Heranwachsens genutzt. Zu ihren Internetaktivitäten zählt neben dem Lesen von Aufklärungsseiten im Internet und dem Anschauen von Pornografie auch Sexting (vgl. Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen, 2018). Gemäß Schlund (2014) finden heute sexuelle Sozialisationsprozesse von Individuen vorwiegend online, in sozialen Medien, statt. Sie fordert, dass Heranwachsende in ihrem sexuellen Sozialisationsprozess im Internet von der gegenwärtigen, modernen Sexualpädagogik unterstützt und begleitet werden (ebd., S. 88 f.).

Dass das Sexualleben des Menschen von Medien beeinflusst wird, beschreibt auch Wutstrack (2012), der außerdem von einer zunehmenden Akzeptanz von Pornografie in unserer modernen Gesellschaft ausgeht. Kein anderer Konsumartikel hat seiner Meinung nach so sehr von der Einführung des Internets profitiert, wie eben diese. Heute ist deren Konsum für jede Internetnutzerin und jeden Internetnutzer anonym und privat zugänglich. Er schildert schließlich das Erkennen einer deutlichen Tendenz dahingehend, dass das gegenwärtige Sexualleben einen bemerkenswerten Einfluss durch Pornografie bestätigt (vgl. ebd., S. 60 ff.). Von der Relevanz von Pornografie für Jugendliche ausgehend, meint Nikulka (2015), dass Pornografie heute allgegenwärtig ist. Wir treffen sie im Alltag an den verschiedensten Orten, in den verschiedensten Situationen an, denn Pornografie „hat viele Gesichter“ (ebd., S. 306). Bodmer (2009) gibt an, dass der Bereich der Jugendsexualität zwar ein Thema von großem Interesse sei, aber ihrer Meinung nach zu wenig differenziert besprochen würde (S. 7). Eine ähnliche Ansicht hat Heiliger (2008), der zufolge es noch kaum eine wissenschaftliche Meinung über die Wirkung von Pornografie gäbe. Sie gibt jedoch an, dass Kinder und Jugendliche weitgehend von negativen Einflüssen zu bewahren sind (Absatz 1). Heiliger bezieht sich auf eine Studie der Universität von Calgary (NFFRE), welche 12 000 Probandinnen und Probanden zur Wirkung von Pornografie befragt hat, mit dem Ergebnis, dass Pornografiekonsum zu mehreren Verhaltensschwierigkeiten wie auch zu psychischen und sozialen Problemen führen kann. Eine negative Haltung zu intimen Beziehungen stellt bei Männern das größte psychische Problem dar, wie zum Beispiel „sexuelle Dominanz, Unterwerfung der Partnerin, stereotype Geschlechterrollen und andere Menschen als Sexualobjekte zu sehen“ (ebd., Absatz 7). Aus dem Vergleich von weiteren internationalen Studien zur Auswirkung von Pornografie fasst Heiliger zusammen, dass über den Pornografiekonsum durch Kinder und Jugendliche weltweit Besorgnis besteht, zumal diese dadurch sehr beeinträchtigt und geschädigt werden können. Sie gibt zu bedenken, dass Heranwachsenden der Konsum von Pornographie in „ihrer Sexualität, der Ausgestaltung ihrer Geschlechterrolle und ihrem späteren Verhalten beeinflusst werden“ (ebd., Absatz 9). Hipeli und Süss (2009) stellen fest, dass bei Pornografie das menschliche Leben von Mann und Frau auf die Sexualität verringert wird, wobei das Thema Beziehung in den Hintergrund gedrängt wird. Jugendliche, die noch nicht über eine gewisse Reife verfügen, nehmen die Darstellungen zum Teil als Wirklichkeit auf. Auf diesem Hintergrund werden von Hipeli und Süss, Gespräche mit den Heranwachsenden als unerlässlich angesehen. Inwiefern sich Menschen letztendlich vom Konsum sexueller Medieninhalte beeinflussen lassen und wie sehr sich dieser auf sie auswirkt, ist in erster Linie von ihrer sozialen Verankerung in Vorbildern im privaten Umfeld abhängig (vgl. ebd. S. 51 ff.).

Borries (2014) bezieht sich auf Studien die belegen, dass Pornografie immer früher in deutsche Kinderzimmer gelangt. Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Heran­wachsende stehen durch die persistente Präsenz sexualisierter Inhalte, durch digitale Medien, vor einer in dieser Art noch nicht dagewesenen Herausforderung (vgl. ebd., S. 25). Auch Sielert (2005, S. 124) gibt auf diesem Hintergrund zu bedenken, dass Jugendliche heutzutage sehr leicht Zugriff zu Medien mit sexuellen Belangen haben. Zum Teil ist es für die Jugendlichen kostenlos möglich, sexuelle Inhalte, um nicht zu sagen jegliche Art von Pornografie, im Internet zu konsumieren. Auch wenn Kinder und Jugendliche mit der Realität aufwachsen, sexuellen Informationen überall begegnen zu können, entschärft Sielert mögliche Ängste mit dem Argument, dass Kinder und Jugendliche andere Verarbeitungsmodi als die Älteren besitzen. Dazu gehört, sich gegen äußere Einflüsse, beispielweise der Reizüberflutung, abzuschließen und zwischen Realem und Fiktion zu unterscheiden (vgl. ebd., S. 124). Hipeli und Süss (2009, S. 51) beziehen sich auf die Aussage von Schmidt, der feststellt, dass Kinder und Jugendliche keinesfalls einer „erotischen Reizüberflutung schutzlos ausgeliefert sind“. Seiner Meinung nach finden sich die Heranwachsenden heute ganz gut in den digitalen Medienwelten zurecht und reagieren mit Coolness auf erotische Reize. Hipeli und Süss halten außerdem fest, dass sich die Heranwachsenden besonders nach persönlicher Beziehung, das heißt nach Freundschaft, Liebe und auch nach Anerkennung sehnen (vgl. ebd.). Die durchaus positiven Möglichkeiten des Internets und die unterstützende Funktion der Onlinekommunikation für Jugendliche definieren Valkenburg und Peter (2011) folgend: “The Internet provides them with many opportunities to explore their identity, find support and information about developmentally sensitive issues, and develop close and meaningful relationships” (S. 121). Schlund (2014) kommt zu einer ähnlich positiven Schlussfolgerung hinsichtlich sexueller Sozialisation im Web 2.0. Sie meint, dass im Zuge der persönlichen Identitätsarbeit in sozialen Medien, für Heranwachsende einige gute Möglichkeiten sichtbar werden. Sie führt an, dass Jugendliche soziale Kompetenzen erlernen, eigenverantwortlich durch die Online-Welt gehen, ihr eigenes Selbstwertgefühl stärken, sich selbst und ihr Verhalten reflektieren, als auch selbstbewusst und aktiv als Prosument intervenieren können (vgl. S. 162 f.). Über die Möglichkeit des Internets und sozialer Netzwerke für Jugendliche schreibt sie:

Jugendliche haben die Chance, im Web 2.0 eine Bandbreite an Normen und Werten und darüber hinaus viel über sich und andere zu erfahren. Somit ist hier ein ausgezeichnetes Übungsfeld für die Unterstützung zu einer eigenverantwortlichen sexuellen Entwicklung durch Selbstkontrolle und Eigenproduktivität gegeben. Wenn die Lebenswelt Web 2.0 für Jugendliche der Kommunikationsraum schlechthin ist, in dem Jugendliche sich selbst und alles, was ihnen wichtig ist und was sie ausmacht, mitteilen: Warum sollte man dann diese Lebenswelt nicht auch für die sexuelle Identitätsarbeit der Sexualpädagogik ressourcenorientiert nutzen? (Schlund 2014, S. 163)

Bei Schlund (2014) wird deutlich, dass sie die Möglichkeiten des Internets heute für Heranwachsende als große Chance ansieht. Dabei betont sie die Identitätsentwicklung und schlägt gewissermaßen vor, diese „Lebenswelt“ für die sexuelle Identitätsarbeit der Sexualpädagogik zu nutzen (vgl. ebd. S. 163). „Jedes Geschehen in der Gesellschaft hat Folgen. Das trifft auch auf Produkte sexuellen Inhalts zu. Welche Folgen das sind, kann nicht vorausgesagt werden, nicht für einen Menschen und nicht für alle. Die Zusammenhänge sind zu komplex, die Menschen sind verschieden“ (Sielert 2005, S. 125).

2.3 Chancen und Risiken für Mädchen im Kontext der Nutzung sozialer Medien und Sex 2.0

Nikulka (2015) definiert, dass sich immer deutlichere Geschlechtsunterschiede bei Heranwachsenden zeigen. Und zwar beschreibt sie, dass sich „aufgrund ihrer verschiedenen Körperlichkeit“ die „adoleszente, psychische, sexuelle Entwicklung“ von weiblichen Heranwachsenden im Vergleich zu männlichen Heranwachsenden in einigen Punkten unterscheidet (vgl. ebd., S. 315). Nach Döring (2013) ist das Thema Geschlechtergleichberechtigung gegenwärtig auch im Bereich der Liebe und Sexualität angekommen. Online-Partnersuche, Onlinedating, Internet-Pornografie und Cybersex sind heute nichts Unbekanntes mehr. Mädchen und Frauen werden auf der einen Seite in einer Opferrolle dargestellt, andererseits treten sie aber auch als Gewinnerinnen im Zuge der Entwicklungen des Internets auf (vgl. ebd., S. 275). „Sex ist also nicht das wichtigste, aber doch ein relevantes Thema für die heutigen Mediennutzenden – das gilt innerhalb wie außerhalb des Internets“, gibt Döring (ebd., S. 276) an. Zu Sexualität im Internet zählt sie auch Aktivitäten wie z.B. den Austausch von Informationen, Beratung zu Sexualität und Beziehungsfragen, Flirt und Partnersuche (vgl. ebd.). Betreffend der Sexualaufklärung im Internet suchen immerhin auch 50 bis 75 Prozent der Internetnutzerinnen nach sexuellen Informationen online, „denn das geht schnell, ist diskret und angesichts der Materialfülle häufig zielführend“ (ebd., S. 280). Im Vergleich dazu suchen aber auf Plattformen für Onlinedating öfter Männer (42 %) nach ihrem Glück, das heißt nach Liebe, Sex und nach einer Beziehung, als Frauen (26 %) (vgl. Leeners 2018).

Wagner (2018, S. 27) bezieht sich auf die Aussage von Döring (2014), wenn sie schreibt, dass beim Phänomen Sexting vorwiegend auf Mädchen in der Opferrolle Bezug genommen wird und sich Mädchen, als klassische, pädagogische Konsequenz, dem enthalten und sich zurückziehen sollen. Döring räumt aber kritisch ein, dass „einvernehmliches Sexting als Eroberung neuer Freiräume sexueller Exploration zu verstehen und dies damit als Bestandteil des Erwachsenwerdens anzusehen“ ist. Sich zu enthalten oder zurückzuziehen, sei aus ihrer Sicht keine gute Lösung in dieser Sache sein (vgl. ebd.). Ferner bezieht sich Wagner (2018, S. 27) auf Tillmann (2017), die zum Phänomen Sexualisierung feststellt, dass heranwachsende Mädchen in eine ambivalente Situation geraten, nämlich auf der einen Seite schön zu sein und zu gefallen und auf der anderen Seite auch brav und gesittet sein zu wollen. Dies sei keine leichte Situation, in die heranwachsende Mädchen geraten können und ebenso schwer sei es, aus dieser Situation wieder herauszukommen (vgl. Wagner 2018, S. 27). „Mädchen bewegen sich also auf sehr dünnem Eis: Sie inszenieren sich sexuell, um als Frau anerkannt zu werden, laufen aber gleichzeitig Gefahr, als Schlampe abgewertet zu werden und die Subjektposition »Frau« wieder aberkannt zu bekommen“ (Tillmann 2014, S. 159). Tillmann hält fest, dass sich Mädchen, im Vergleich mit Jungen, vermehrt in Flirtposen und Modelposen präsentieren, „sich dementsprechend lasziv in Szene setzen und dabei Verführungsszenen andeuten“ (ebd.). Auf Profilbildern posieren Mädchen ebenso weiblich, um in ihrer Rolle als Frau Anerkennung zu finden und bewundert zu werden. Sie riskieren dabei jedoch, abgewertet und in ein schlechtes Licht gerückt zu werden (vgl. ebd., S. 160). Das Sexy-Sein von Mädchen gehört in unserer heutigen postfeministischen Medienkultur gemäß Hipfl (2015, S. 15) dazu. Im Zuge der Sexualisierung von Mädchen bezieht sie sich auf die Aussage von Gloria Steinem (sie zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen), die angibt, dass „gegenwärtig von Frauen erwartet wird, möglichst nackt zu sein – ein Faktum, das keinesfalls wünschenswert ist, Frauen in dieser Situation aber ihre eigenen Entscheidungen treffen“ (ebd., S. 17). Im Hinblick auf die Mediennutzung durch Mädchen kann auch gesagt werden, dass Mädchen soziale Medien häufiger zum Kommunizieren nutzen als Jungs, die ihre Zeit zum Großteil lieber mit digitalen Spielen verbringen (vgl. Glüer 2018, S. 200; Tillmann 2014, S. 157).

Die leidtragenden sind jedenfalls verhältnismäßig oft Mädchen. Diesbezüglich gibt Döring (2015) an, dass Mädchen oft „Opfer von Fotomissbrauch und darauf folgendem (Cyber-) Mobbing in der Peergroup sind“ (S. 15).

Mädchen sind sowohl von ungewollter Fotoweitergabe als auch von negativer sozialer Bewertung anlässlich freizügiger Fotos deutlich stärker betroffen als Jungen. Zur ungewollten Veröffentlichung kommt es immer wieder, nicht nur durch Ex-Freunde, sondern nicht selten durch andere Mädchen. Gerechtfertigt scheinen die Fotoweitergabe und das Lästern aus Sicht der Jugendlichen, weil Mädchen, die von sich selbst erotische Fotos machen und sich somit „billig“ präsentieren, einfach damit rechnen müssen, dass sich das gegen sie wendet. (Döring 2012, S. 22)

Auch Borries (2014) beschreibt, dass immer häufiger von Fällen berichtet wird, in denen vor allem Mädchen Nacktbilder von sich selbst aufnehmen und via Smartphone oder Internet versenden (vgl. ebd., S. 25). Laut Döring (2014) pflegen insbesondere Mädchen keinen bewussten Umgang mit Medien, in Bezug auf Sexting. Denn zu leichtfertig werden von den Jugendlichen erotische Selfies, Nacktfotos oder einzelne Körperteile aufgenommen, weitergeschickt und ausgetauscht. Meistens führt dies zu weiterführenden Problemen, wie beispielsweise Mobbing (vgl. ebd., S. 51). Unter einem Selfie versteht man ein zumeist spontan aufgenommenes Foto, das in der Art eines Selbstporträts (von einer oder mehreren Personen) abgebildet und in der Regel mit der Digitalkamera eines Smartphones aufgenommen wird (vgl. Zimmermann 2016, S. 244; Duden 2018b). Wobei der englische Begriff „Self“ nach Twenge (2018) zum einen für den vorherrschenden Technologieaspekt und zum anderen für den Trend des Individualismus der Generation heute steht. Kennzeichnend für die Generation Selfie ist, dass sie sich immer wieder fotografiert bzw. Selfies macht (vgl. ebd., S. 16 f.).

Darüber hinaus erwähnt sie auch so genannte pädagogische Anti-Sexting-Kampagnen (Döring kritisiert deren Ideologie), die vor allem den Mädchen verdeutlichen wollen, wie gefährlich es ist, Sexting zu praktizieren (vgl. ebd., S. 60). Es sei schließlich nicht gut, in einer Verliebtheitsphase dem Freund ein freizügiges Foto zu schicken, denn man kann nie wissen, ob das Bild weitergereicht wird. Und wenn es erst einmal abgeschickt ist, ist es nicht mehr rückholbar, zirkuliert im schlimmsten Fall im Netz und führt zu einem späteren Zeitpunkt womöglich zu Schwierigkeiten im Beruf, sollte es die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber einmal zu Gesicht bekommen. Döring bezeichnet diese Vorgänge als so genannte „apokalyptische Droh-Szenarien“, die auf international beobachteten Fällen von Suiziden bei Mädchen basieren, ausgelöst durch massives Mobbing aufgrund ihrer in Umlauf geratenen Sexting-Fotos. Wenn ein Mädchen ein freizügiges Foto aufnimmt und dieses in Umlauf kommt, geschieht es nur allzu rasch, dass das Mädchen dabei von anderen Jugendlichen als „Schlampe“ bezeichnet wird, da sie ein solches Foto aufgenommen hat (vgl. ebd.).

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Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen Sexting und das Gefahrenbewusstsein von Schülern beim Nutzen des Internets. Die Relevanz einer sexualbezogenen Medienkompetenz im Zuge digitaler Kommunikation
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
155
Katalognummer
V935028
ISBN (eBook)
9783346320377
ISBN (Buch)
9783346320384
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexting, medien, sexualpädagogik, medienpädagogik, medienkompetenz, mediensozialisation, social media, soziale medien, forschung, interview
Arbeit zitieren
Nora Ulbing (Autor), 2019, Das Phänomen Sexting und das Gefahrenbewusstsein von Schülern beim Nutzen des Internets. Die Relevanz einer sexualbezogenen Medienkompetenz im Zuge digitaler Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935028

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