Eine Filmanalyse zu "Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin". Eine Kritik an der Liebe


Seminararbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlung

3. Charaktere
3.1. Calvin
3.2. Ruby
3.3. Nebencharaktere

4. Filmische Gestaltungsmittel
4.1. Bild-Erzähltechnik
4.2. Filmakustik
4.3. Thematik, Symbole & Motive

5. Schluss

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Geräuschvoll und mit bunt zusammengewürfelten Schnitten wird unter schrulliger Musik der Hauptcharakter mit einem tanzenden und lachenden Mädchen in bunten Kleidern und mit we­henden, roten Haaren zusammengeführt, das mit dem Filmhelden, der sein Glück kaum fassen kann, durch beleuchtete Straßen, tiefblaue Küsten und die Nachtclubs von Kalifornien zieht - mit dem ersten Blick auf die eindrucksvollen Bilder, die der deutsche Trailer von „Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin“ neugierigen Filmfreunden präsentiert1, zeichnet der Film sofort das Bild einer typischen romantischen Komödie ab: Mit verträumter Säusel­stimme im Voice-Over kommentiert der Filmheld das Geschehen auf dem Bildschirm und er­zählt dabei die Geschichte der großen Liebe, die sein Leben verändert habe. Der Song „Ruby“ von den Kaiser Chiefs wird eingespielt, und prompt weiß jeder Zuschauende auch den Namen dieser Liebe. Es scheint, als fänden sich alle Parameter und genrespezifischen Erzählformeln wieder, die einen konventionellen Liebesfilm ausmachen, welche von Annette Kaufmann im filmwissenschaftlichen Werk „Der Liebesfilm“ in einem „romantische[n] Baukasten“ (vgl. Kaufmann 2007: 56) veranschaulicht werden.

„Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin“ ist eine romantische Tragikomödie, welche eine Spielzeit von etwa anderthalb Stunden besitzt und im Jahre 2012 in den Vereinigten Staaten von Amerika produziert und dort am 25. Juli 2012 in den Kinos erschien, während der Film in Deutschland am 29. November desselben Jahres anlief und durch Fox Searchlight Pictures herausgegeben wurde2. Die Regie übernahmen Jonathan Dayton und Valerie Faris, während das Drehbuch von Zoe Kazan verfasst wurde, die gleichzeitig die weibliche Hauptrolle im Film spielt. Neben Kazan sind außerdem Paul Dano, Chris Messina, Elliott Gould, Annette Bening, Antonio Banderas und Steve Coogan in den Haupt- und Nebenrollen zu sehen.

Sobald man im Trailer die Namen der Regisseure des Filmhits „Little Miss Sunshine“ aus dem Jahre 2006 gelesen hat, wird man sich denken können, auf welche Art von Film man sich mit „Ruby Sparks“ einlässt. Ein Roadmovie kombiniert mit einem tragikomischen Familien­drama und satirischen Elementen, der eine charmante Geschichte über eine zueinanderfin- dende Familie und einem Mädchen auf der Suche nach Verwirklichung erzählt, wird hier als erkennbares Werbemittel eingesetzt. Auch Paul Dano, der in „Little Miss Sunshine“ in einer der Hauptrollen zu sehen war, findet sich in „Ruby Sparks“ wieder. Doch während die meisten Trailer heutzutage für ihre Vorwegnahme der Handlung in der Kritik stehen, dürfte bei „Ruby Sparks“ das genaue Gegenteil der Fall sein. Spult man nämlich bis auf eine der letzten Szenen des Films vor und beobachtet die Tasten der Schreibmaschine, die sich wie Klauen an der Heldin festhalten und welche der Filmheld langsam loslässt, mit Tränen in sei­nen Augen, als seine Freundin in blanker Furcht aus seinem Arbeitszimmer stürmt3, wird ei­nem sofort bewusst, dass hinter all den aufgeweckten Bildern möglicherweise eine sehr viel tragischere und realitätsnähere Geschichte steckt, als sich anhand des Trailers vermuten lässt.

2. Handlung

Calvin Weir-Fields, ein junger Schriftsteller, der als Teenager einen erfolgreichen Bestseller herausgebracht hat, lebt in Los Angeles in relativer Einsamkeit mit seinem Hund Scotty, lei­det unter einer schweren Depression und Schreibblockade und versucht gemeinsam mit sei­nem Psychotherapeuten Dr. Rosenthal, die Trennung von seiner Freundin zu verarbeiten. Nur gelegentlich trifft Calvin sich mit seinem Bruder Harry, um über sein Leben zu sprechen. Ei­nes Nachts aber träumt er von einer Frau, welche ihn so sehr inspiriert, dass Calvin einen neuen Roman mit sich selbst und dem Mädchen, dem er den Namen „Ruby Sparks“ gibt, als Hauptfiguren verfasst und von der Idee so begeistert ist, dass er sich kaum noch von der Schreibmaschine lösen kann und zunehmend das Gefühl bekommt, sich in das Mädchen aus dem Buch zu verlieben. Da sich Calvin jedoch eingesteht, dass dieser Gedanke lächerlich wäre, weil Ruby lediglich von ihm erfunden wurde, lehnt er seine eigenen Gefühle ab.

Nachdem Scotty ihm während seiner Arbeit zunächst einen Damenschuh gebracht hat, ent­deckt Calvin in den folgenden Tagen einige weitere Gegenstände, die nur einer Frau gehören könnten - beispielsweise weibliche Unterwäsche oder Toilettenartikel - und dessen Herkunft sich Calvin nicht erklären kann. Während sein Bruder Harry glaubt, dass er möglicherweise eine neue Beziehung vor ihm verschweigt, behauptet Calvin, dass Scotty diese Dinge aus der Mülltonne der Nachbarn entwendet hätte. Später fragt Calvin seinen Bruder nach dessen Mei­nung zum neuen Manuskript, worauf dieser meint, dass die Figur keine realistische Frau, son­dern lediglich ein Idealbild sei. Calvin lässt sich davon aber nicht entmutigen und schreibt am selben Abend eine romantische Szene, in welcher Ruby ihm ihre Gefühle gesteht, und nach der er schließlich zufrieden über der Schreibmaschine einschläft.

Am nächsten Morgen verschläft Calvin daher den Termin mit seinem Agenten und findet, be­vor er sich auf den Weg machen kann, Ruby schließlich in seiner Küche vor, die sich scheinbar für einen echten Menschen und Calvin für ihren Partner hält, der allerdings glaubt, dem Wahnsinn verfallen zu sein und sich unter seinem Schreibtisch versteckt, während er Harry am Telefon um Hilfe bittet. Dieser rät ihm, einen anderen Menschen zu treffen, der Ruby nicht kennt und somit auch nicht sehen kann. Ruby folgt Calvin aber in das Café, in dem er ein anderes Mädchen trifft, und als Calvin bemerkt, dass die anderen Gäste sie eben­falls wahrnehmen, ist er von ihrer Existenz überzeugt. Er entschuldigt sich mit einem Kuss für sein Verhalten und die beiden verbringen nun als Paar eine schöne Zeit zusammen.

Harry glaubt allerdings immer noch nicht daran, dass Calvin tatsächlich mit Ruby zusammen ist, und wird daher zu einem Abendessen bei Calvin eingeladen. Obwohl Harry an dem Abend tatsächlich auf Ruby trifft, ist er noch immer nicht überzeugt und warnt Calvin, dass die Frau in der Küche eine Schauspielerin oder gar eine Betrügerin sein könnte. Calvin und Harry versuchen zu überprüfen, ob sie wirklich die Figur aus Calvins Buch ist, und schreiben etwas in das Manuskript. Ruby tut daraufhin, was dort geschrieben steht. Harry ist außer sich und fordert ihn dazu auf, die Möglichkeit, Ruby nach Belieben verändern zu können, nicht zu verschwenden. Calvin aber ist geschockt von dem Gedanken und schließt das Manuskript in einen Schrank, mit der Absicht, Ruby niemals wieder zu manipulieren.

Als Calvin und Ruby ein Wochenende bei seiner Mutter und dessen Ehemann in Big Sur ver­bringen, verhält Calvin sich abweisend und kümmert sich weder um Ruby noch um den Rest der Familie. Wieder daheim erzählt Ruby ihm von ihrer Einsamkeit mit ihm und beginnt lang­sam, sich mit anderen zu treffen. Aus Angst davor, dass Ruby ihn bald verlassen wird, holt Calvin sein Manuskript wieder hervor und schreibt, dass Ruby ohne ihn nicht mehr leben könne, worauf Ruby ihm fortan nicht mehr von der Seite weicht und selbst über die kürzeste Dauer, die sie getrennt werden, sehr traurig ist. Calvin versucht, sie deshalb als andauernde Frohnatur zu beschreiben, doch als auch dies ihm schließlich zu anstrengend wird, schreibt Calvin, dass Ruby lediglich sie selbst bleibe. Doch Ruby wird dadurch sehr launisch und sie verbringt die meiste Zeit nur noch vor dem Fernseher.

Eines Abends besuchen Calvin und Ruby die Party von Calvins Konkurrenten Langdon Tharp, ein weiterer Schriftsteller, der Calvin um seinen Erfolg beneidet. Während Calvin da­mit beschäftigt ist, die Filmrechte zu seinem ersten Roman mit seinen Kollegen zu verhan­deln, fühlt sich Ruby von ihm auf der Party allein gelassen und beginnt, mit Langdon zu flir­ten. Währenddessen trifft Calvin auf Lila, seine Ex-Freundin, worauf nach einem kühlen Ge­spräch schnell ein hitziger Streit über ihre vergangene Beziehung entsteht, wobei Lila er­wähnt, dass sie Calvin verlassen habe, weil er nicht Lila, sondern nur seine eigene

Vorstellung von ihr geliebt hätte. Wenig später findet Calvin nach einiger Suche seine Freun­din Ruby in ihrer Unterwäsche mit Langdon in dessen Pool vor und fährt wütend mit ihr nach Hause.

Der eifersüchtige Calvin streitet sich zu Hause mit Ruby, die ebenfalls wütend auf ihn ist, weil sie seinen Erwartungen nicht mehr gerecht werden kann und betont, dass er nicht bestim­men könne, was sie täte. Calvin beweist ihr das Gegenteil, indem er ihr das Manuskript de­monstriert und verschiedene erniedrigende Dinge dazuschreibt, die Ruby gegen ihren Willen ausführen muss, bis sie letztlich vor Erschöpfung zusammenbricht. Als Ruby panisch aus dem Zimmer flüchtet, bemerkt Calvin, was er angerichtet hat und schreibt auf einer letzten Seite des Manuskripts, dass Ruby freigelassen würde. Am nächsten Morgen sind diese Seite und Ruby aus seinem Haus verschwunden.

Als Calvin in eine tiefe Trauer verfällt, rät ihm Harry, die Geschichte aufzuschreiben. Obwohl Calvin damit anfangs noch zögert, weil er die Reaktionen der anderen Menschen auf diese Geschichte fürchtet, verfasst er schließlich das neue Buch, welches zu seinem nächsten Best­seller wird. Als Calvin eines Tages wieder mit Scotty im Park spazieren geht, trifft er dort auf eine junge Frau, die Ruby zum Verwechseln ähnlichsieht. Sie kann sich an ihre gemeinsame Zeit mit Calvin allerdings nicht mehr erinnern und daher setzt er sich zu ihr.

3. Charaktere

3.1. Calvin

Der männliche Hauptcharakter im Film „Ruby Sparks“, Calvin Weir-Fields, nimmt zugleich die Rolle des Protagonisten, als auch des Antagonisten des Films ein - er steht somit nur ge­gen sich selbst, seinen Verstand und seine Gefühle. Calvin ist optisch nach dem Bilde eines typischen „Strebers“ gestaltet: unordentliche, halblange Haare, eine Brille mit dicken, runden Gläsern, recht dünn und hochgewachsen, schlabberige Hemden in nahezu farblosen Tönen, und beinahe kindlich wirkende Gesichtszüge. Auch sein Haus ist, wie er selbst, eher uninte­ressant eingerichtet und vollständig in Weiß- oder Beigetönen gehalten, und er scheint einer stets gleichen täglichen Routine zu folgen4.

Calvin war seinerzeit eine Art jugendliches Genie, auch wenn er sich von anderen nicht gerne als solches bezeichnen lässt. Er hat eine eher sensible und zurückhaltende Persönlichkeit und keine wirklichen Freunde, wohingegen er in dem Roman, in dem er selbst als Hauptfigur auftritt (und somit eine Art von Simulacrum erschafft5 ), attraktiv, entschlossen und gegenüber der Frau seiner Träume sehr selbstbewusst erscheint. Eventuell entstammt dieses Verhalten einem latenten Minderwertigkeitskomplex6, auf welchen es, gemeinsam mit seiner möglichen psychischen Instabilität und der mehrfach erwähnten Kontrollsucht7, durch den gesamten Film hindurch mehrere Hinweise gibt. Calvin versucht so zum Beispiel, im Umgang mit den Frauen in seinem Leben stets seine männliche Dominanz durchzusetzen. Nicht nur seine durch den ausbleibenden Erfolg als Schriftsteller hervorgerufene Depression, sondern auch das Verhalten seines Bruders8 und das eigene Hinterfragen seiner geistigen Verfassung9 deu­ten auf eine psychische Krankheit hin.

Calvin ist ein komplizierter Charakter, dessen Verhalten man als Filmbetrachter nie vollstän­dig nachvollziehen kann, da er seine Sichtweisen im Verlaufe der Handlung oftmals auch ver­ändert. Er scheint in gewisser Weise eine „Doppelmoral“ zu besitzen; er möchte nicht, dass andere Frauen nur ihr eigenes Idealbild auf ihn übertragen10, aber bei der Schöpfung von sei­ner Geschichte mit Ruby passiert letztendlich nichts anderes. Außerdem stellt sich kurz vor dem Höhepunkt der Handlung heraus, dass er ein unzuverlässiger Erzähler ist. Während er seine Ex-Freundin Lila für das Ende ihrer gemeinsamen Beziehung verantwortlich macht und sie stets als bösen Menschen hinstellt11, stellt Lila gegen Ende richtig, dass er an sie unmögli­che Erwartungen gestellt und sie ihn deshalb verlassen habe. Man könnte Calvin ferner unter dem von Kaufmann ausgeführten Begriff des „feminisierten Mannes“ (Kaufmann 2007: 48­49) fassen, da seine Empfindlichkeit und inneren Konflikte im Film typischerweise eher von weiblichen Rollen getragen werden.

[...]


1 Filmtrailer zu finden auf YouTube (2012), unter: https://youtu.be/r0e-y07hMyc (letzter Zugriff am 05.02.2020).

2 vgl. IMDb-Eintrag von „Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin“, unter: https://www.imdb.com/title/tt1839492/?ref =ttpl pl tt (letzter Zugriff am 12.02.2020).

3 vgl. Dayton & Faris (2012): 1:23:55 - 1:24:55.

4 vgl. Dayton & Faris (2012): 00:01:22 - 00:02:06.

5 Der Begriff „Simulacrum“ soll hier im Sinne von Jean Baudrillard (1994) genutzt werden; wie dort angenom­men wird, erschafft Calvin ein „Traumbild“ von sich und seinem romantischen Interesse, welches das Wissen über die Realität ersetzt.

6 vgl. Dayton & Faris (2012): Der erste Hinweis darauf wird von Ruby an der Stelle 00:10:00 - 00:10:51 er­kannt. Calvin hat seinen Hund nach seinem größten Idol, dem Autor F. Scott Fitzgerald, benannt, womit er un­terbewusst versucht haben könnte, diesen „kleiner“ zu machen.

7 Ebd.; vgl. 00:41:06 - 00:41:14.

8 Ebd.; Ein Beispiel hierfür findet sich in der Szene wieder, in der Harry darauf besteht, dass Calvin seinen Psy­chotherapeuten anruft, da er möglicherweise seine Fantasien lebt (00:34:34 - 00:35:21).

9 Ebd.; Dies geschieht zum ersten Mal, als Calvin Ruby in seiner Küche vorfindet. Sein erster Gedanke ist, dass er den Verstand verliert (00:22:05 - 00:22:36).

10 Ebd.; vgl. „Frauen wollen nur mit mir schlafen, weil sie mein Buch in der High School gelesen haben. [...] Sie haben kein Interesse an mir - sie interessiert ihr Ideal von mir.“ (00:02:39 - 00:02:49).

11 Ebd.; Dies ist zu erkennen an der Stelle, an welcher Calvin sich bei Dr. Rosenthal über Lilas herzlose Art be­schwert (00:13:30 - 00:13:40) oder als er sie vor Harry „bescheuert“ nennt (00:17:55 - 00:17:57).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine Filmanalyse zu "Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin". Eine Kritik an der Liebe
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Filmanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V935053
ISBN (eBook)
9783346268068
ISBN (Buch)
9783346268075
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmanalyse, Ruby Sparks, Hausarbeit, Liebesfilm, Drama, Qualitative Inhaltsanalyse
Arbeit zitieren
Alexandra Kelbler (Autor), 2020, Eine Filmanalyse zu "Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin". Eine Kritik an der Liebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935053

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