Franz Neumanns Theorie der Diktatur. War die DDR eine totalitäre Diktatur?


Hausarbeit, 2019

18 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Totalitarismus
2.1. Begriffsgeschichte
2.2. Totalitarismustheorien

3. Neumanns Typologisierung der Diktatur
3.1. Einfache Diktatur
3.2. Cäsaristische Diktatur
3.3. Totalitäre Diktatur

4. Analyse des totalitären Charakters der DDR
4.1. Umwandlung Rechtsstaat in Polizeistaat
4.2. Machtkonzentration
4.3. Staatspartei
4.4. Übergang zu totalitären Kontrollen
4.5. Terror

5. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Nationalsozialismus, „eine totalitäre Diktatur, der es gelungen ist, einen Teil ihrer Opfer in Anhänger und das ganze Land in ein unter eiserner Disziplin gehaltenes bewaffnetes Lager zu verwandeln“1, beeinflusste das politikwissenschaftliche Schaffen des Politologen Franz Leopold Neumanns wie viele Andere zu dieser Zeit. Als einer der ersten Widerstand leistenden Dissident*innen wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft vom NS-Regime aberkannt, weshalb er 1936, wie viele weitere Wissenschaftler, nach New York übersiedelte, um am dorthin vertriebenen Frankfurter Institut für Sozialforschung und später an der Columbia University als ein Verfechter der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos sein Magnum Opus 'Behemoth' über die Wurzeln des Totalitarismus und seine Bedingungen des Aufkommens in Deutschland zu verfassen.2 Genau heute (02.09.2019) vor 65 Jahren verstarb der in Deutschland eher wenig rezipierte Neumann im Alter von 54 Jahren bei einem Autounfall in der Schweiz. Durch seinen frühzeitigen Tod war er nicht mehr in der Lage sein begonnenes Werk einer Theorie der Diktatur und ihrer Formen, Funktionen und sozialen Wurzeln fertigzustellen, unter der er die theoretischen Bemühungen seiner letzten Jahre zusammenfasste. Weiterhin konnte er so auch keine Analyse mehr im Hinblick auf die zweite deutsche Diktatur anfertigen - die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Zum Anlass seines 65. Todestages soll dies nun im Hinblick auf seine zuletzt entwickelte Typologisierung der Diktatur nachgeholt werden.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Differenzierung von Diktaturen, im Besonderen speziell mit der Theorie der totalitären Diktatur. Dazu sollen im ersten Teil die allgemeine Begriffsgeschichte und ausgewählte Theorien der Totalitarismusforschung dargestellt und verglichen werden, so zum Beispiel der klassische Ansatz Hannah Arendts aus ihrem Werk 'Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Dabei soll ein Einblick in die Grundlagen der Totalitarismustheorie vermittelt werden, um anschließend im zweiten Teil, im Bezug auf das Modell Neumanns, die DDR als Diktatur zu charakterisieren und hinsichtlich eines totalitären Charakters zu analysieren. Es soll versucht werden die Frage zu beantworten, ob die DDR, gemäß Neumanns Typologisierung, als totalitäre Diktatur bezeichnet werden kann. Um den Umfang dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird auf eine allzu ausführliche Analyse des DDR Systems, wie sie in umfangreicheren Arbeiten stattfmden würde, verzichtet und sich stattdessen verstärkt auf hierauf spezialisierte Werke anderer moderner Politikwissenschaftler*innen bezogen. Die Frage nach dem diktatorischen Charakter der DDR wurde dementsprechend zwar schon unzählige Male erörtert, aber meistens im Bezug auf wesentlich bekanntere Totalitarismus-Konzepte, wie dem von Friedrich oder Linz. Der fragmentarische Zustand von Neumanns Theorie der Diktatur soll hier aber kein Hindernis für eine Diktaturanalyse und Klassifizierung der DDR darstellen, da seine Typologisierung schon relativ vollständig im ersten Teil des Werkes niedergeschrieben steht. Als Nebeneffekt dieser Arbeit soll deshalb außerdem, so weit möglich, die Eignung dieser Theorie zum politikwissenschaftlichen Analyseinstrument überprüft werden, „denn deren Plausibilität muss sich an der politischen Wirklichkeit verifizieren oder falsifizieren lassen, artet doch der Streit um den Totalitarismusansatz sonst letztlich in einer bloßen Glaubensfrage aus.“3

2. Der Totalitarismus

Eine Diktatur ist die „Herrschaft einer Person, Gruppe, Partei oder Klasse, die die Macht im Staat monopolisiert hat und sie unbeschränkt (oder ohne große Einschränkungen) ausübt.“4 Seit dem Beginn des politischen Handelns der Menschen in der organisierten Gemeinschaft trat die Diktatur in allen Zeiten und Kulturen auf, wobei der Begriff an sich sowohl das Ordnungsprinzip eines Regierungssystems, als auch eine an Ideologien gebundene gesellschaftliche Lebensform und ihre wertbestimmte Ausdrucksweise in der Politik umfasst.5 Die Entwicklung der Diktatur von der griechischen Tyrannis bis zu den totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts, wird im politikwissenschaftlichen Diskurs als eine Art Antithese zu demokratischen Systemen dargestellt und tritt somit als eine Negation jener auf, was faktisch gesehen falsch ist, da beide Systeme prinzipiell auf den Kernbestandteilen des Gewaltmonopols und der Ideologisierung aufbauen (ja auch in einer Demokratie Wertevermittlung, Polizei, etc.)6

Die Unterscheidung und Charakterisierung der verschiedenen Typen ist eine der Hauptaufgaben und außerdem Streitpunkte der diesbezüglichen politischen Theorie. Vor allem der Aspekt der totalitären Variante ist hier außerdem oft der ausschlaggebende Punkt für weit auseinandergehende Meinungen von Politikwissenschaftler*innen. Wie in den meisten politikwissenschaftlichen Feldern gibt es deshalb auch hier keine einheitliche Definition oder Theorie. In diesem Kapitel soll versucht werden, die extremste diktatorische Strömung, den Totalitarismus, anhand verschiedener Theorien des 20. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Diktaturen, herauszuarbeiten, von der klassischen autoritären Herrschaft abzugrenzen und somit als spezielle Form der Diktatur zu charakterisieren.

2.1. Begriffsgeschichte

Die Geschichte des Totalitarismus reicht zurück bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Erstmals als Kritik der liberalen, demokratischen und katholischen Opposition zur Beschreibung des italienischen Faschismus verwendet, charakterisierte der Begriff'totalitär' das neue und bedrohliche Herrschaftssystem.7 Genauso wie später bei der Beschreibung des Bolschewismus, wurde er dabei, unter anderem, aufgrund der neuartigen ungeheuerlichen Verbrechen, wie politischen Massenmorden, der Massenkontrolle und der totalen Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens, von der konstitutionellen Demokratie, den autokratischen Systemen (Tyrannis, Despotie) und der autoritären Diktatur abgegrenzt und tritt damit als ein neues Phänomen des 20. Jahrhunderts auf.8 Sowohl Mussolinis, als auch Hitlers Regime (vor allem durch Carl Schmitt) verzerrte die eigentlich Bedeutung des Begriffes später zur positiven Kennzeichnung ihrer Herrschaft des regime totalitario - einem totalen Staat.9 Dabei sicherten sie die totalitäre Herrschaft allerdings nicht nur durch Gewalt, Repression und Terror, denn auch dem missionarischen Eifer des ideologischen Vorwands von geschichtlichen Umbrüchen und anderen Integrationsmechanismen der Propaganda kam dabei eine besondere Bedeutung zu, die auf der psychologischen Ebene äußerst effektiv waren.10

Es dauerte nicht lange bis die Parallelen zwischen Italien, der Sowjetunion und Nazideutschland erkannt wurden. Faschismus, Bolschewismus und Nationalsozialismus, die prägenden Ideologien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unterscheiden sich fundamental in dem Sinne, dass die ersten beiden einen durchdringenden Nationalismus verfolgen und letzterer durch die Verwirklichung des Kommunismus ebenjenen abzuschaffen begehrt und deshalb einerseits die Freiheit verneint wird, anderseits gilt die Erreichung der Freiheit in ihrer umfassendsten Form als höchstes Ziel.11 Dennoch, seitdem werden diese verschiedenen antidemokratischen Systeme mit teilweise völlig entgegengesetzten Ideologien als totalitäre Prototypen bezeichnet, die durch die Entrechtung der Individuen bei gleichzeitiger Massenmobilisierung, Gleichschaltung und totale Kontrolle gekennzeichnet sind.12 Darüber hinaus ist der Totalitarismusbegriff „bekanntlich stark konjunkturell bedingt“ und variiert in seiner Auslegung ebenso stark je nach kulturellem und vor allem ideologischem Hintergrund der Theoretiker*innen, was sich im nächsten Unterpunkt nachvollziehen lassen wird.

2.2. Totalitarismustheorien

Theorien des Totalitarismus lassen sich in drei verschiedene Varianten differenzieren: erstens die geistesgeschichtlich orientierten Versuche, den Totalitarismus aus historischen Phänomenen abzuleiten (Voegelin), zweitens die historische Beschreibung von totalitären Systemen (Arendt) und drittens die idealtypische Totalitarismusmodelle (Friedrich).13 Diese variieren dementsprechend sowohl in ihrem Inhalt, als auch in ihren typologischen Differenzierungen gegenüber den anderen Formen der Diktatur, benutzen aber alle die Abgrenzung von der autoritären Diktatur als Grundlage.

In ihrem 1951 erschienenen Hauptwerk 'The Originis of Totalitarinism' erläutert Hannah Arendt im Bezug auf den Nationalsozialismus die Verbindung von Ideologie und Terror als das Hauptmerkmal totalitärer Herrschaft: ideologisch bedingt werden die demokratischen Grundlagen politischer Herrschaft durch das Gesetz des Naturrechts (bzw. im Stalinismus durch das Gesetz der Geschichte) ersetzt.14 Zum Beispiel gebe es objektive Feinde, die aufgrund dieser Gesetze zur Vernichtung freigegeben sind (Juden, Sinti und Roma...), allein aufgrund ihres Seins.15 Diese Ideologien werden dann durch die notwendige Anwendung von Terror durchgesetzt.16 Und genau dieser gezielte Terror stellt für Arendt das Wesen des Totalitarismus dar.17 Dabei ist dieser Terror sowohl Instrument zur Unterwerfung der Bevölkerung durch Angst, als auch Instrument zur Isolation des Einzelnen, mit dem Ziel das Individuum aus allen sozialen Beziehungen auszugliedern und somit komplett auf den totalitären Staat zu fixieren.18 Außerdem stellt sie fest:„Totale Herrschaft ist ohne Massenbewegung und ohne Unterstützung durch die von ihr terrorisierten Massen nicht möglich“.19 Hier manifestiert sich folglich auch ihre Auffassung der Bedeutung von Propaganda als ein Mittel der Massenmobilisierung, auf deren Basis der Totalitarismus reifen kann.

Eine weitere klassische Totalitarismustheorie von Carl Joachim Friedrich (1956) arbeitetet sechs Strukturmerkmale oder Wesenszüge totalitärer Herrschaft heraus, die allen faschistischen und kommunistischen Diktaturen gemeinsam seien: eine straff ausgerichtete Massenpartei, die ihre Macht nach dem Führerprinzip aufbaut (1), eine offizielle und für alle Bürger verpflichtende Ideologie mit Endzeitanspruch (2), ein terroristisches System der Geheimpolizei (3), ein staatliches Monopol der Massenkommunikationsmittel (4), ein Waffenmonopol (5) und eine zentralisiert gelenkte Wirtschaft (6).2021 Außerdem stellte er anhand dieser Merkmale die These auf, dass sich, obgleich ihrer fundamentalen ideologischen Unterschiede, „die totalitären Gesellschaften des Faschismus und des Kommunismus in Grundzügen gleichen und in sui generis historisch einzigartig sind.“20 21 22 1969 erweiterte Friedrich diese Theorie hinsichtlich des Waffen- bzw. Gewaltmonopols, dessen Kriterium er nun auf alle Organisationen im Staat bezog, sowie durch die Ansicht, dass die totale Kontrolle nicht nur von einer totalitären Partei ausgeübt werden kann, sondern auch durchjede andere Art von Elite.23 24 25

In der heutigen Totalitarismus-Diskussion dominiert der Ansatz Karl-Dieter Brachers, der vier rudimentäre Formen totalitärer Politik unter Verweisung auf die Tatsache der nie dagewesenen Möglichkeiten der Gleichschaltung und Massenmobilisierung durch den technischen Fortschritt moderner Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts herausarbeitet: eine offizielle Ideologie ausschließenden Charakters (1), eine zentralisierte und hierarchisch organisierte Massenbewegung mit Einheitspolitik (2), eine Kontrolle aller relevanten Informationsmittel zwecks Indoktrination (3) und eine bürokratische Kontrolle der Wirtschaft und der sozialen Beziehungen (4).2425 Ein besonderes Element in Brachers Konzeption, die eher als Synthese bestehender Theorien verstanden wird, stellt dabei vor allem die kategorische Ablehnung aller vergangenen und zukünftigen diktatorischen Systeme dar, ganz gleich ob autoritären oder totalitären Charakters.26 So wird an manchen Stellen seine klar ablehnende und antiutilitaristische Position hinsichtlich der heuchlerischen Ziele des Totalitarismus klar:“ Nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel entheiligen den Zweck, wenn sie dagegen verstoßen.“27

3. Neumanns Typologisierung der Diktatur

„Wir haben gelernt, die despotischen Regime des 20. Jahrhunderts - Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus - nach Ort und Zeit, Herkunft und Wirkung, politischem und sozialem Profil genau zu unterscheiden.“28 Diese Unterscheidung nach den verschiedenen Dimensionen der Diktatur variiert dabei, wie im letzten Punkt dargestellt, je nach Theoretiker*in. Unzufrieden mit der Typologisierung Carl Schmittes (wahrscheinlich auch aus ideologischen Gründen), dem Apologeten des totalen Staates, begann Neumann mit der Konstruktion einer eigenen Unterscheidung von Diktaturen in Form seiner Theorie der Diktatur, die im posthum von seinem Freund und Kollegen Herbert Marcus herausgegebenen Werk 'Demokratischer und autoritärer Staat' veröffentlicht wurde, welches im Rahmen Neumanns politischer Theorie beispielhaft für eine „überaus wirkungsvolle Verbindung von Begriffsanalyse und Zeitdiagnose ist.“29

Zunächst stellt er eine eigene Definition vor: “Unter Diktatur verstehen wir die Herrschaft einer Person oder einer Gruppe, die sich die Macht im Staat aneignet, sie monopolisiert und ohne Einschränkungen ausübt.“30 Als Konsequenz wird dabei deutlich, dass er die römische Diktatur vor Sulla nicht als Diktatur betrachtet, da sie zeitlich begrenzt war und der römische Diktatur keine übergeordneten Machtbefugnisse besaßt, wie die Macht die Verfassung zu ändern, Kriege zu erklären oder in Zivilprozesse einzugreifen.31 Genauso stellt die absolute Monarchie für ihn keine Diktatur im eigentlichen Sinne dar, da der Monarch gemäß der Machtausübung zwar ein Diktator ist, aber nicht hinsichtlich der Legitimität seiner Macht - allerdings müssen aufgrund von Ausnahmen bezüglich des Legitimitätsanspruches „bestimmte Formen der absoluten Monarchie ebenfalls als Formen der Diktatur behandelt werden.“32 Weiterhin bezieht sich seine Definition nur auf die Diktatur im Staat und gilt gleichermaßen für die Begriffe Diktatur, Tyrannei und Despotismus, da letztere für Neumann nur unpräzise, emotional geladene und dadurch negativ konnotierte Synonyme des Begriffes Diktatur darstellen.33 Hiervon ausgehend erläutert er auf den darauf folgenden Seiten seine Idealtypen nach dem Kriterium der benötigten bzw. eingesetzten Herrschaftsmittel auf - die einfache, die caesaristische und die totalitäre Diktatur.34

3.1. Einfache Diktatur

„Der Diktator kann herrschen, indem er lediglich die traditionellen Zwangsmittel: Armee, Polizei, Bürokratie und Justiz kontrolliert. Diesen Typ können wir einfache Diktatur nennen.“35 Die Kontrolle der Bevölkerung wird also durch die klassischen Herrschaftsinstrumente gewährleistet, wobei die Limitierung aufjene „weniger aus selbst auferlegten Beschränkungen als aus dem Fehlen eines Zwangs zu intensiverer und extensiverer Herrschaft“36 folgt. Diese Beschränkung auf autoritäre Herrschaftsinstrumente ist nur möglich angesichts der nur geringfügig politisierten gesellschaftlichen Verhältnissen, die die Politik als Angelegenheit der Elite überlässt, welche sich davon materialistische Vorteile durch die Verbindung mit dem Diktator erhoffen.37 Deshalb ist die einfache Diktatur Neumanns mit der autoritären Diktatur anderer Theoretikerinnen gleichzusetzen: Sei es eine militärische oder demokratische Diktatur, eine Junta, die Herrschaft eines Caudillo oder eines absoluten Monarchen mit fehlender traditioneller Herrschaftslegitimation - da die Masse des Volkes wenig mit dem politischen Leben in Berührung kommt, außer beim Zahlen von Steuern oder dem Wehrdienst, sind nur wenige gesellschaftliche Kontrollen in den ganz klassischen Formen von Korruption und Bestechung nötig, um einflussreiche Personen an den Herrscher zu binden und dadurch das Volk zu kontrollieren und somit die Herrschaft sicherzustellen.38

3.2. Caesaristische Diktatur

Im Gegensatz zu den klassischen Diktatur-Modellen erweitert Neumann das zweistufige Konzept um einen dritten Typ, den Caesarismus. Dieser integriert das Schaffen einer Massenbasis, auf die die Machtausübung der Diktators aufbaut, als neues Element in sein Herrschaftskalkül.39 Denn: „Caesarismus wird notwendig, wenn die Massen anfangen, politisch aktiv zu werden.“40 Hier offenbart sich alsojenes neue Element der „Notwendigkeit öffentlicher Unterstützung“41, das so den ausschlaggebenden Unterschied zur einfachen Diktatur darstellt. Unter Einbezug der Massenpsychologie Freuds stellt Neumann in seinem Aufsatz 'Angst und Politik' die These auf, dass diese Unterstützung durch eine positive affektive Identifizierung mit dem Herrscher/Führer erzeugt wird, die das die Masse betreffende zu bekämpfende Unglück ausschließlich durch Verschwörungen bestimmter Personen oder Gruppen gegen das Volk begründet.42 Als klassische Beispiele caesaristischer Herrscherfiguren in der Geschichte nennt er die Tyrannis des Pisistratus, die namensgebende Diktatur Julius Caesars, die Cola-Diktatur und für die Neuzeit die Systeme von Cromwell, Napoleon, Mussolini, Hitler und Peron - außerdem sieht er Parallelen zur römisch­katholischen Kirche in Form der Bedeutung des Papstes.43

[...]


1 Neumann, Franz: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-44, Frankfurt am Main 1984, S.61.

2 Vgl. Mancuse, Herbert: Vorwort zur amerikanischen Ausgabe; in: Neumann, Franz: Demokratischer und autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt am Main 1986, S.5f.

3 Backes, Uwe/ Jesse, Eckhard: Totalitarismus - Extremismus - Terrorismus, Leverkusen 1984, S.100.

4 Schultze, Rainer-Olaf: Diktatur; in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik, München 1991, S.107.

5 Vgl. Stammer, Otto/ Weingart, Peter/ Claessens, Dieter (Hrsg.): Politische Soziologie, München 1972, S.112.

6 Vgl. Jesse, Eckhard: Diktaturvergleich als Herausforderung. Theorie und Praxis, Berlin 1998, S.27.

7 Vgl. Gerlach, Stefanie Virgina: Staat und Kirche in der DDR - war die DDR ein totalitäres System?, Frankfurt am Mainl999, S.ll.

8 Vgl. Backes/Jesse, 1984, S.49-50.

9 Vgl. Gerlach,1999,S.ll,

10 Vgl. Jesse, Eckhard: DiktatureninDeutschland, Baden-Baden2008, S.12.

11 Vgl. Feiler, Arthur: Dertotalitäre Staat; in: Jesse, Eckhard: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Baden-Baden 1999, S.53-54.

12 Vgl. Jesse, 2008, S.ll.

13 Vgl. Wippermann, Wolfgang: Totalitarismus/Totalitarismustheorie; in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik, München 1991, S.784-785.

14 Vgl. Gerlach, 1999, S.14.

15 Vgl. Jesse,2008, S.15.

16 Vgl. Gerlach, 1999, S.14.

17 Vgl. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, 2.Auflage, München 1986, S.708f.

18 Vgl. Franke, Harald: Systemvergleich anhand der klassischen Totalitarismus-Theorie; in: Kühnhardt, Ludger/ Leutenecker, Gerd/ Rupps, Martin (Hrsg.): Die doppelte deutsche Diktaturerfahrung. Drittes Reich und DDR - ein historisch-politikwissenschaftlicher Vergleich, 2.Auflage, FrankfurtamMain 1996, S.186.

19 Arendt, 1986, S.496.

20 Vgl. Jesse, 2008, S.15.

21 Vgl. Gerlach, 1999, S.13.

22 Vgl. Franke, 1996, S.187.

23 Vgl. Ebd., S.188.

24 Vgl. Gerlach, 1999, S.15.

25 Vgl. Franke, 1996, S.186-187.

26 Vgl. Jesse, 2008, S.40.

27 Bracher, Karl-Dieter: Zeitalterderideologischen Auseinandersetzungen; in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Baden-Baden 1999, S.149.

28 Maier, Hans: Totalitarismus und politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs; in: Bracher, Karl Dietrich/ Möller, Horst/ Schwarz, Hans-Peter: Vieteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 3 Juli 1995, S.387.

29 Heins, Volker: Demokratischer und autoritärer Staat. Studien zur politische Theorie; in: Honneth, Axel: Schlüsseltexte der Kritischen Theorie, Wiesbaden 2006, S.385.

30 Neumann, Franz/ Mancuse, Herbert (Hrsg.): Demokratischer und autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt amMain 1986, S.224.

31 Vgl. Ebd., S.224-225.

32 Ebd., S.226.

33 Vgl. Ebd.

34 Vgl. Stammer, 1972, S.118

35 Vgl. Neumann, 1986, S.226.

36 Neumann, 1986, S.227.

37 Vgl. Schmiechen-Ackermann, Detlef: Diktaturen im Vergleich, Darmstadt 2002, S.7.

38 Vgl. Neumann, 1986, S.227.

39 Vgl. Schmiechen-Ackermann, 2002, S.7.

40 Neumann, 1986, S.228.

41 Ebd., S.227.

42 Vgl. Neumann, Franz L./ Söllner, Alfons (Hrsg.): Wirtschaft, Staat, Demokratie. Aufsätze 1930-1954, Frankfurt am Main 1987.

43 Vgl. Neumann, 1986, S.228-234.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Franz Neumanns Theorie der Diktatur. War die DDR eine totalitäre Diktatur?
Hochschule
Universität Rostock
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V935464
ISBN (eBook)
9783346263544
ISBN (Buch)
9783346263551
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
DDR - eine totalitäre Diktatur nach Neumann?
Schlagworte
franz, neumanns, theorie, diktatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Franz Neumanns Theorie der Diktatur. War die DDR eine totalitäre Diktatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935464

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