Einfluss der Biomacht auf das Individuum. Entstehung, Wirkung und Problematik des bioethischen Diskurses


Hausarbeit, 2018

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diskurs
2.1. Bioethischer Diskurs/ Bioethik
2.2. Problematik

3. Macht & Wissen
3.1. Sexualisierung als Machtdispositiv
3.2. Subjektivierung des Individuums

4. Biomacht

5. Fazit

Literaturverzei chnis

1. Einleitung

Diskurse durchdringen den gesellschaftlichen Körper und entwickeln sich im Laufe der Zeit immer weiter. Einen, in der Gesellschaft aktuell sehr umstrittenen Diskurs, generiert die Bioethik, wie sich z.B. 2011 in der, im Bundestag gehaltene, Debatte um die Zulassung von Präimplantationsdiagnostik (PID) gezeigt hat (Ulrike Flach, 2011). Nicht nur die PID, sondern eine Vielzahl an neuen Technologien, werfen Fragen auf, die unsere moralischen Vorstellungen und Überzeugungen prägen und das Fundament unserer unterschiedlichen Kulturen bilden. Wie ist mit diesen neuen Technologien umzugehen und wo sind moralische Grenzen zu ziehen? Was darf der Mensch? Wie weit darf die Wissenschaft gehen?

Antworten auf diese moralischen Fragen sind schwierig zu finden und es stellt sich die Frage, ob sie überhaupt beantwortet werden können. Wenn ja, wer trifft diese Entscheidungen und welche Problematiken resultieren daraus? Welche Mächte wirken in solchen Diskursen bzw. gehen von ihnen aus? Mit der Analyse von Macht, insbesondere der Biomacht, hat sich u.a. Michel Foucault, ein französischer Historiker und Philosoph beschäftigt, dessen Werke die Grundlage meiner Arbeit bilden.

Ich werde im Folgenden versuchen, die Frage zu beantworten, welchen Einfluss die bioethischen Diskurse und die daraus hervorgehende „Biomacht“ auf das Individuum haben. Um sich einer Antwort bezüglich dieser Frage zu nähern, soll zunächst deutlich gemacht werden, was ein bioethischer Diskurs ist, was er bewirkt und was auf ihn einwirkt. Hierzu wird zunächst der Begriff „Diskurs" im Allgemeinem definiert und die Auffassung von Foucault, der von Habermas gegenübergestellt. Außerdem wird auf die Problematiken, die das Diskursfeld Bioethik in sich trägt, eingegangen. Im zweiten Teil wird der Machtbegriff nach Foucault thematisiert und auf den bioethischen Diskurs angewandt. Die aus dem Diskurs hervorgehende Biomacht bzw. Biopolitik und der damit verbundene Subjektivierungsprozess des Individuums werden im Anschluss näher analysiert.

Das wir heute in einer Gesellschaft leben, der es möglich ist mittels gesammelter biotechnologische Daten, Druck auf die Bevölkerung auszuüben ist nicht zu verkennen. Sich mit dem Phänomen der Bioethik zu befassen, ist daher von großer Bedeutung und Notwendigkeit. Denn die, durch die Bioethik vorangetriebene, Neueinteilung in lebenswertes und nichtlebenswertes Leben (s. PID Entscheidung), macht diesen Bereich zu einer äußerst umstrittenen und fragwürdigen ethischen Disziplin.

2. Diskurs

Um die Tragweite des Diskurses zur Bioethik adäquat und somit auch die Wirkung auf das Individuum nachvollziehen zu können, ist es notwendig nachzuvollziehen, was der Begriff „Diskurs darzustellen vermag:

Der Begriff „Diskurs“ wird des Öfteren in der alltäglichen Sprache verwendet. Allerdings wird in den vergangenen Jahrzehnten die theoretische Fundierung, durch seine zunehmende Verwendung als Modebegriff, öfter außer Acht gelassen (Gehring, 2006).

Etymologisch bedeutet Diskurs:

„ [...] v. lat. discurrere auseinander-, umherlaufen‘, sich (über eine Sache) ergehen; allg.: erörternder Vortrag, auch in engerer Bedeutung als Bezeichnung für eine methodisch strukturierte Abhandlung zu einem eingegrenzten Thema [...] .“ (Michaelis, 1998, S. 354)

Als Mitglieder einer Gesellschaft, setzen wir uns im alltäglichen Sprachgebrauch diskursiv mit verschiedenen Inhalten auseinander. Dies äußert sich beispielsweise in Institutionen wie der Politik. Sich mit etwas diskursiv auseinanderzusetzen heißt: „‘einen Schluss ziehend/, von einer Vorstellung, einem Begriff, Urteil oder Schluß zum anderen in logischer Folge fortschreitend, das Ganze in unendlichem Progreß aus seinen Teilen aufbauend [...] “, und ist in der gesellschaftlichen Kommunikation angelegt (Michaelis, 1998, S. 154).

Diskurse sind für die gesellschaftliche Weiterentwicklung notwendig, da sie wichtige Entscheidungsprozesse beeinflussen. Darunter fallen Entscheidungen, wie beispielsweise die Verschiebung moralischer Grenzen. Dies ist ein Thema, welches aufgrund des enormen Tempos der Innovation neuer Technologien und der damit einhergehenden Anhäufung von Wissen, im Fokus des bioethischen Diskurses steht.

Kant und Habermas verstanden Diskurs, als [...] Gang eines Vortrags, eine Rede die etwas auseinandersetzt, jemand diskurriert, er ,hält‘ oder ,führt‘ einen Diskurs, öffentliche Diskurse finden statt‘ (Gehring, 2006, S. 126).

Hierbei ergibt sich die Annahme, dass alle gesellschaftlichen Teilhaber am Diskurs auch einen internen Einblick in die Thematik bzw. den Inhalt der Auseinandersetzung haben.

Nach Habermas:

[...] Diskurstheorie (der Wahrheit) wird die kommunikationstheoret. Auffassung bez., nach der Sätze mit Wahrheitsanspruch nur dann als wahrheitsgültig anerkannt werden können, wenn sie von Teilnehmern an einem rationalen Diskurs wechselseitig bestätigt werden. “ (Michaelis, 1998, S. 154)

Das allen Diskusteilnehmern ein interner und gleichwertiger Einblick in die Thematik gelingt ist jedoch fragwürdig, da davon auszugehen ist, dass Diskurse gesellschaftlich ausschließend, diskriminierend und ideologiestiftend wirken. Diese Problematik zeigt sich besonders im bioethischen Diskurs (Gehring, 2006).

Foucault beschreibt den Diskurs, auf Basis seiner diskursanalytischen bzw. archäologischen Methode, nicht als Gang, sondern vielmehr als ,,[...]ein ordnungsloses, unaufhörliches ,Rauschen‘ von Aussagen, das durch diskursive Regeln kontrolliert, selektiert und kanalisiert wird [...] (Foucault, Die Ordnung des Diskurses, 1991, S. 11).

Diskurse gingen jedoch nicht nur aus Sprache und Handlungen hervor, sondern seien machtdurchdrungen, so Foucault. Auf dieses Machtverhältnis wird im späteren Verlauf der Arbeit eingegangen, da die Gesellschaft, Dynamiken entwickelt, die die Akteure gar nicht als solche erkennen. Diese bezeichnet Foucault als kulturelle Strömungen, die Phänomene hervorbringen. Auf der Grundlage dieser Dispositionen würden dann die Entscheidungen der Akteure getroffen werden.

2.1. Bioethischer Diskurs/ Bioethik

Ethik lässt sich im Allgemeinen als [...] die Sittlichkeit, Gesinnung Betreffende' Sittlichkeitslehre“ auffassen und „kann [...] Prinzipien, Gesetze oder Werte für allgemein verpflichtend erklären (absolute Ethik) oder den Geltungsbereich beschränken auf einen bestimmen sozialen Bereich.“ (Michaelis, 1998, S. 204).

Die Bioethik ist laut Gehring, eine in den 1970er Jahren neu entstandene „Mischdisziplin", das heißt, sie ist in „Übergangszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“ anzutreffen, „ in der öffentlich tätige Experten versuchen, moralische Schwierigkeiten im Feld der Anwendung von Biotechnologien zu präzisieren und nach Möglichkeit aufzulösen. Bioethik wird von Wissenschaftlern betrieben, aber sie arbeitet öffentlich- und in der Nähe der Politik. “ (Gehring, 2006, S. 7 & 110)

Bioethik beschäftigt sich, wie der Begriff „bios“ („gr. ,Leben‘ bzw. ,Lebensführung‘“) bereits sagt, mit einem sittlichen Umgang des Lebens. Eine Thematik, die in der heutigen Gesellschaft auf Grund von zunehmenden moralischen Ambivalenzen, die von Biotechniken und Biomedizin provoziert werden, stark diskutiert wird. Möglichkeiten, wie z.B. die Organtransplantation, künstliche Befruchtung oder Sterbehilfe etc., werfen Fragen auf, die in der früheren Gesellschaft noch nicht existierten.

Wann beginnt menschliches Leben und wann muss es geschützt werden? Die Bioethik versucht solche moralischen „Dilemmata“, wie sie in der „halb-philosophischen Sprache“ genannt werden, zu beantworten (Gehring, 2006, S. 7). Dem „Zusammenspiel von moralischer Ambivalenz und politischer Entscheidung wird eine unbestimmte Art von Notwendigkeit zugestanden. “ (Gehring, 2006, S. 8) .

Neben den bereits angedeuteten Problemen des bioethischen Diskurses, werden im Folgenden weitere essentielle Probleme dargestellt. Ebensolche Probleme, die es genauer zu untersuchen gilt, da eine Bioethik - die neben den Fragen „ zur optimalen Verwaltung des menschlichen Lebens “, auch j ene Frage: [... ] wer wann und von wem getötet werden darf“ behandelt - [... ] als Machtinstrument nicht unterschätzt werden“ sollte (Braun, 2000, S. 34).

Foucault unterscheidet in der Diskursanalyse zwischen „Gegenstand, Außerungsmodalitäten, Begriffe und Strategien. “ (Foucault, Archälogie des Wissens, 1988, S. 116). Es soll hier jedoch nicht auf die jeweiligen Terminologien eingegangen werden, sondern auf die fehlende ,Objektivität‘, welche die Wissenschaft fordert. Bioethik soll aus diesem Grund auch nicht als Wissenschaft, sondern als „Antiwissenschaft“ verstanden werden (Foucault, Dispositive der Macht , 1978, S. 18). Des Weiteren wird auf die mitwirkenden Akteure, die die Bioethik zu einer „Mischdisziplin“ werden lassen, eingegangen, um so die ,Gefahren‘ für das Individuum herauszuarbeiten (Gehring, 2006, S. 7).

2.2. Problematik

Genau wie die Biotechnologie, kennt die Bioethik nur eine Richtung: nach vorne. Sie zielen von einem Ausgangspunkt in Richtung Lösung. Eine Wertung, die es laut Petra Gehring zu betrachten gilt, da moralische Probleme, die die neuen Biotechnologien mit sich bringen, prinzipiell als ,lösbar‘ betrachtet werden und somit eine „doppelte Wertung“ in sich tragen (Gehring, 2006, S. 110).

Auf Grund des schnellen Tempos der Innovation, wird nach einem „bioethischen Beipackzettel “ verlangt, um den neuen Technologien gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Dieser „bioethische Beipackzettel“ wird weniger von Verbrauchern, als mehr von Wissenschaftlern und Investoren gefordert (Gehring, 2006, S. 114).

„Das stumme Drängen der Technologieentwicklung, von der die bioethische Entscheidungsrhetorik lebt, ist gleichsam das Schicksal der Bioethik, denn es ist ihr blinder Fleck“ (Gehring, 2006, S. 147)

Die Akteure des bioethischen Diskurses finden sich, laut Gehring, auf einem „bioethischen ,Podium‘ wieder und setzen sich aus „Ethikern“, „Betroffenen“ und „naturwissenschaftlich­technischen Experten“ zusammen (Gehring, 2006, S. 138).

Die verschiedenen Akteure und vermeintlich wissenschaftlichen Aktionäre generieren aufgrund ihrer unterschiedlichen Konnotation von Begriffen ein „Undeutlichkeitsproblem“, woran die Unmöglichkeit eines objektiven Diskurses von ethischen bzw. bioethischen Problemen deutlich wird. Der Bioethische Diskurs nimmt aus verschiedenen Bereichen allgemeine Begriffe auf und nutzt diese für ihr eigenes Belangen. Sie spricht hierbei von einem „Schwamm moralisch-ethischer Allgemeinbegriffe“, der sich mit „Plastikwörtern“, d.h. trivialisierten Begriffen, vollsaugt (Gehring, 2006, S. 146-47).

Somit spielt die Bioethik, die den politischen Umgang mit Lebenstechnologien in das Medium einer öffentlichen Debatte von Experten überführt, das kollektive Abwägen von Möglichkeiten, laut Gehring, nur vor: „ Sie macht plausibel, was im Hinblick auf Zukunft notwendig, geboten und fällig ist.“ (Gehring, 2006, S. 113)

Aus diesem Grund ist von der „Zukunftspolitik der Gegenwart“ die Rede, die im bioethischen Diskurs nicht nur in Form einer fragwürdigen Zukunftsperspektive formuliert wird, sondern als bestimmte Form des Zukunftsglaubens zur Geltung kommt und somit Zukunft herzustellen versucht. So können auch Kompromisse zwischen Politik und Wirtschaft durch Bioethik hergestellt werden. Sie erschafft eine politische und rechtliche Basis, die den kommerziellen Interessen der Industrie entspricht. (Gehring, 2006, S. 120)

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass gesellschaftlich relevante bioethische Entscheidungen, ein Verschieben bzw. Überschreiten von moralischen Grenzen impliziert. Individuen adaptieren und akzeptieren solche Entscheidungen und wandeln sie in Normen, (vgl. (Coleman, 2010) Prozesse, die auf Machtverhältnisse rekurrieren (Gehring, 2006, S. 4), um. Denn immer wieder ergeben sich neue Argumente, verschieben sich Normen, entstehen Erkenntnisse, die den Diskurs am Leben halten. Auf diese Weise wendet sich Foucault von der ökonomisierten Machttheorie von Marx ab, die auf Grund des Umfangs nicht näher in dieser Arbeit thematisiert werden kann (Marx, 2005).

[...]

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Details

Titel
Einfluss der Biomacht auf das Individuum. Entstehung, Wirkung und Problematik des bioethischen Diskurses
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Veranstaltung
Einführung in kulturwissenschaftliche Fragestellungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V936414
ISBN (eBook)
9783346269928
ISBN (Buch)
9783346269935
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, biomacht, individuum, entstehung, wirkung, problematik, diskurses
Arbeit zitieren
Antonia Schuller (Autor:in), 2018, Einfluss der Biomacht auf das Individuum. Entstehung, Wirkung und Problematik des bioethischen Diskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936414

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