Fremde Einflüsse auf die Kultur Japans. Am Beispiel des Gagaku


Essay, 2011

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Fremde Einflüsse auf die Kultur Japans am Beispiel des Gagaku

Odaiba ist eine künstlich angelegte Insel in der Bucht von Tokyo. Sie zählt zum Tokioter Hauptbezirk Minato und beherbergt ein in Tokio beliebtes Unterhaltungs- und Einkaufsgebiet. Als der 59 jährige Matthew Calbraith Perry aus Newport dort mit seinem Schiff anlegte, war das Ufer jedoch noch so, wie es die Natur geformt hatte. Von der bevorstehenden künstlichen Veränderung der Insel, wusste noch niemand. Matthew Perry hatte einen Brief dabei, einen sehr wichtigen Brief. Er hatte ihn von seinem Vorgesetzten, einem gewissen Mr. Fillmore, bekommen, mit dem Auftrag, ihm dem kaiserlichen Vertreter des Tokugawa-Shogunat Moriyama Einosuke zu überbringen. Matthew Perry wusste, was in diesem Brief stand und er kannte auch den Grund, warum er zusammen mit noch drei weiteren schwer bewaffneten Flaggschiffen auf diese Insel gekommen war. Doch war im trotzdem etwas mulmig zumute, als er, den Brief in der Innentasche seines Jacketts, aus dem Beiboot seines schwarzen Kanonenschiffes auf den festen Untergrund des Odaiba-Hafens trat.

So ähnlich wird es sich wohl zugetragen haben, als der amerikanische Marineoffizier Matthew Perry am 8. Juli 1853 mit seinen vier schwarzen Flaggschiffen im Hafen von Uraga, das kurz vor der damaligen Kaiserstadt Edo, dem heutigen Tokio, lag, anlegte. Er hatte einen Brief des amerikanischen Präsidenten Millard Fillmore dabei, in dem die USA Japan dazu aufforderte, ein Handelsabkommen mit ihnen abzuschließen. Die vier schwarzen Kriegsschiffe machten die wahre Absicht der Amerikaner jedoch klar. Sollte der japanische Kaiser Osahito Komei sich weigern, auf die Forderungen Fillmores einzugehen, so würde Japan eine Invasion drohen, der sie höchstwahrscheinlich nicht gewachsen waren. Durch den starken militärischen Druck seitens der USA blieb Japan keine andere Wahl und kaum ein Jahr später teilte der japanische Kaiserhof mit, dass er und somit ganz Japan, auf die Forderungen der amerikanischen Regierung eingehen werde und ein Handelsabkommen unterzeichnen werde.

Aus Angst, von westlichen Kolonialmächten irgendwann doch überfallen zu werden, unternahm das Land aber noch mehr: Zum Schutz wurden Kanonenstände an eben jener Küste errichtet. So entstand auch die künstliche Erweiterung der Insel Odaiba. Gleichzeitig modernisierte sich das Land mit beindruckender Geschwindigkeit nach westlichem Vorbild. Aus Deutschland und Österreich wurden Großteile des Rechtssystems übernommen und an japanische Verhältnisse angepasst. Mit den sogenannten Meiji-Reformen ab 1868, schützte Japan erstmals landesweit Privatbesitz, führte die Schulpflicht ein und nahm noch viele weitere Veränderungen vor, um sich der westlichen Welt anzupassen. "Dies und die Öffnung des Handels waren der Grundstein des Kapitalismus in Japan", sagt der Wirtschaftshistoriker Masaki Nakabayashi von der Universität Tokio.

So veränderte sich im Laufe der Zeit auch das Gesicht der Insel Odaiba. Nach einem misslungenen Versuch die Insel nach der Weltaustellung 1985 in Tsukuba in eine futuristische Bürolandschaft zu verwandeln, wurde es 1996 zu einem Viertel umgebaut, dass heute als beliebtes Unterhaltungs- und Einkaufsgebiet in Tokyo bekannt ist. Wer an den drei Einkaufszentren vorbei Richtung Küste spaziert, sieht eine Kopie der amerikanischen Freiheitsstatue. Dahinter ist aus der Ferne die Rainbow Bridge zu erkennen, die der Golden Gate Bridge aus San Francisco sehr stark ähnelt. Und nachts leuchtet am anderen Ufer der Tokyo Tower, eine orangefarbene Version des Eiffelturms, der aber höher ist als sein Pariser Vorbild. Auch wenn Odaiba früher kein Erholungsgebiet war, sondern eine Produktionsstätte für Kanonen und ein Bollwerk gegen Invasoren, so steht sie heute stellvertretend für den Wandel und die Entwicklung, die Japan in den vergangenen 160 Jahren durchgemacht hat. Vor allem hier ist aber auch das Verhältnis der Japaner zur Kunst des Kopierens zu erkennen. Wenn in Europa von einer Kopie, wie z.B. der eines Kunstwerkes, gesprochen wird, dann hat dies immer einen negativen Beigeschmack. Das Original gilt hierzulande als Heiligtum, hat einen viel höheren ideellen Wert und wird von manchen Autoren sogar als Originalenkult bezeichnet. In Japan, aber auch in vielen anderen ostasiatischen Ländern wie China, Korea oder Vietnam gibt es diese Auffassung aber kaum. Dies soll jedoch an einem anderen, älteren Beispiel erläutert werden, Gagaku. Vor und nach der Abschottung Japans, gab es viele Einflüsse von außen, die die japanische Kultur entscheidend mitprägten. So war es auch vor dem politischen Einschluss des Inselreiches, dass vornehmlich aus den benachbarten Ländern China und Korea eine Welle an Traditionen und Künsten nach Japan herüber schwappte und dort auf fruchtbaren Boden traf. Doch übernahmen die Japaner diese Kulturen nicht einfach, sondern sie modifizierten sie und passten sie an ihre eigenen Bedürfnisse an. So geschah es auch mit Gagaku, der Musik des kaiserlichen Hofes.

Die altjapanische Hofmusik, genannt Gagaku, ist eine der ältesten Musikformen, die heute noch gepflegt werden; sie umfasst sowohl reine instrumentale Ensemblemusik, aber auch Gesang und Tanz. Die Schriftzeichen Gagaku entsprechen den chinesischen Schriftzeichen für „Ya-YÜeh“. Dieser Terminus tritt zum ersten Mal nachweislich in den Analekten des K’ung – tzu, zu deutsch Konfuzius, (6./5. vorchristliches Jh.) in der Bedeutung von “elegante, verfeinerte Musik” auf. Hierunter ist eine Musik zu verstehen, die seit ihren Anfängen zeremoniellen Zwecken dient und sich in Repertoire, Besetzung und Aufführungspraxis von den Formen volkstümlicher und späterhin bürgerlicher Musik unterscheidet. Von diesen weicht die Hofmusik vor allem dadurch ab, dass sie vom intensiven Kontakt zum asiatischen Festland geprägt wurde. Ein Teil des Gagaku ist das sogenannte „Kagura“, welches Aufführungen uralter Tänze und die Musik im Shintōismus bezeichnet. Die Entstehungsgeschichte des „Kagura“ ist nicht überliefert, erhalten sind jedoch Grabfunde aus der Yayoi-Zeit (ca. 300 v. bis ca. 300 n. Chr.), die belegen, dass Begräbnisse mit Gesang und Tanz zelebriert wurden. Figurenfunde aus Tonkeramik, sogenannte „haniwa“, aus der Kofun-Periode (ca. 300 bis ca. 645 n. Chr.) zeigen Musiker, die Instrumente spielen, darunter Flöten, Trommeln und Saiteninstrumente, die an europäische Zithern erinnern. In den ältesten japanischen Chroniken, dem Kojiki (712 n. Chr.) und dem Nihongi (720 n. Chr.), wird ebenfalls auf Musik als Bestandteil von Bestattungs- und Krönungszeremonien Bezug genommen. Beide Werke betrachten Musik als eine Gabe der Götter, die zu deren Besänftigung gespielt wird. Es ist daher wahrscheinlich, dass das „Kagura“ zu jener Zeit, also zu Beginn der Nara-Periode, eine langwährende musikalische Tradition besaß. In chinesischen Quellen aus dem 3. Jahrhundert nach Christus finden sich Hinweise darauf, dass japanische Gesandte nur sporadisch an den chinesischen Tang-Hof kamen, jedoch rege Kontakte mit den drei koreanischen Königreichen Paekche, Silla und Koguryō unterhielten. Im Zuge dieser Kontakte wurden koreanische Musiker, die ihrerseits bereits von der chinesischen Musik beeinflusst waren, nach Japan geschickt, um auf Zeremonien ihre Kunst, die auf japanisch „sankangaku“ (dt. Musik der drei Korea) betitelt wurde, darzubieten und japanische Schüler zu unterrichten. Etwa ab dem 5. Jahrhundert wurde sogar ein koreanisches Orchester dauerhaft in Japan unterhalten. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts war die Macht des Tennō weitgehend konsolidiert und der Kaiserhof nahm ständige diplomatische Kontakte mit dem Hof der Tang-Dynastie in China auf. Neben den zahlreichen anderen Errungenschaften der chinesischen Kultur – darunter Schrift, Sprache und Philosophie – drangen auch Musik und Tanz des Tang-Hofes innerhalb eines Zeitraumes von ca. 200 Jahren nach Japan vor und fanden bei der japanischen Aristokratie ein breites Echo. Diese, in China eher als Bankettmusik bekannte Stilrichtung, etablierte sich schließlich in leicht adaptierter Form als speziell japanische Hofmusik. Studenten wurden nach China geschickt und chinesische Musiker kamen nach Japan. Um das Jahr 700 herum wurde das Gagakuryō oder utamai no tsukasa (kaiserliches Musikamt) von Kaiser Monmu (697 bis 707) gegründet, das für die verschiedenen Musikergruppen und deren Betreuung verantwortlich war. Es wurde ein vererbbares Musikerbeamtentum eingeführt, dessen Linie durch Adoption fähiger Musiker in die verantwortlichen Sippen bis heute ungebrochen ist. Im Zuge dieser Reformen wurde auch die Instrumentierung normiert und die Stile erhielten ihre noch heute gültigen Bezeichnungen: tōgaku für die aus China stammende und komagaku für koreanische Musik. Bei genauerem Hinsehen finden sich unter tōgaku aber auch einige Stücke südostasiatischen und indischen Ursprungs; ähnlich befinden sich im komagaku-Repertoire mandschurische Kompositionen und chinesische Stücke, die für die koreanischen Ensembles umgeschrieben wurden. Japanische Musiker komponierten ebenfalls im Stile dieser zwei großen Kategorien, so dass heute keine exakten Trennlinien mehr gezogen werden können. Von Seiten des Gagakuryō wurde sehr darauf geachtet, dass sich die Musiker nur um die Pflege ihres jeweils eigenen Musikgutes kümmerten, eine Vermischung der verschiedenen Richtungen wurde bewusst vermieden. Vereinzelte Quellen besagen, dass 736 ein indischer Mönch Japan besuchte, um Musik und Tanz seines Heimatlandes vorzustellen. Ein kultureller Höhepunkt in ganz Ostasien war laut Aufzeichnungen die Augenöffnungszeremonie des Großen Buddha im Tōdai-ji Tempel in Nara im Jahre 752, bei der sowohl japanische als auch koreanische und chinesische – eventuell sogar indische und südostasiatische – Musik und Tänze aufgeführt wurden. 17 der mehr als 30 Instrumente, die bei diesem großen Ereignis benutzt wurden, sind noch erhalten und werden in der kaiserlichen Schatzkammer des Shōsōin in Nara aufbewahrt. Anhand dieser sorgfältig gearbeiteten und mit reichen Intarsien verzierten Instrumente ist es auch möglich, den hohen Stand der Handwerkskunst jener Zeit zu begutachten. Gagaku ist rein orchestrale Musik, ohne jeden Gesang. Verbunden mit einer Tanzaufführung wird sie auch als „Bugaku“ bezeichnet. „Togaku“ weist das größte Repertoire auf, es umfasst weit mehr als 100 Stücke. Diese können als rein orchestrale (auch als "Wind und Kette" bezeichnet) oder als „Bugaku“ aufgeführt werden, „komagaku“ dagegen nur als „Bugaku“.

In der Heian-Zeit (794 bis 1185) kam die Kultur des Gagaku, das nunmehr als Sammelbegriff für diese Vielzahl von Stilrichtungen fungierte, die nach und nach japanisiert wurden, zur Blüte. Repertoire und Zahl der Berufsmusiker, die sich in Sippen zu organisieren hatten, wurden gestrafft und normiert. Der abgedankte Tennō Saga (786 bis 842), der von 809 bis 823 als der 52. Tennō regiert hatte, spielte bei diesen Reformen eine Schlüsselrolle. Ihm ist das Gagaku-Ensemble in der Form, die wir heute kennen, zu verdanken. Beim Adel erfreute sich das Gagaku zunehmender Beliebtheit. Man fing selbst an, Instrumente zu spielen, zu komponieren und Musik vorzutragen, was bald ein integraler Bestandteil des höfischen Lebens war. Eine Darstellung der musikalischen Aktivitäten der Adligen zu dieser Zeit gibt beispielsweise das „Genji monogatari“ (Erzählung des Prinzen Genji) aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts der Hofdame Murasaki Shikibu. Mit dem Verfall der aristokratischen Hofkultur in der Kamakura-Zeit (1185 bis 1333) kam auch ein merklicher Rückgang der Popularität des Gagaku. Das Praktizieren des Gagaku blieb auf einen kleinen Kreis, etwa auf die Musikersippen, die ihrer Existenzgrundlage beraubt waren, und den engsten Kaiserhof beschränkt. Da die Aufführungsmöglichkeiten damit sehr begrenzt waren, wurden viele Schreine und auch einige buddhistische Tempel von den Musikern als Aufführungsort genutzt. Die Sippen der Berufsmusiker befanden sich in Ōsaka, Kyōto und Nara und existierten in relativer Isolation voneinander. Zwangsläufig verhinderte dies eine Weiterentwicklung von Techniken und Kompositionen; das Wissen um die Aufführungspraxis zahlreicher Werke gingen verloren. In der Muromachi-Zeit (1333 bis 1573) fand die kulturelle Präsenz des Gagaku ihren Tiefpunkt. Neue Stilrichtungen wie zum Beispiel die Musik des Nō-Theaters, das um 1400 von Zeami Motokiyo (1363 bis 1443) mitbegründet wurde, verdrängten die traditionelle Musik von ihrem angestammten Platz und übernahmen deren Funktion als zentrales Kulturereignis am Hof. Erst der Umstand, dass Toyotomi Hideyoshi (1536 bis 1598) ein stehendes Gagaku-Orchester in Edo unterhielt, regte eine langsame, aber stetige Verbesserung des desolaten Zustands an. Hideyoshi vergab Lehen an die Musikersippen, die sich nun wieder voll auf ihre Berufung konzentrieren konnten. In der Tokugawa-Zeit (1603 bis 1868) wurden die kyūdai’e eingeführt: Prüfungen, denen sich jeder Berufsmusiker alle drei Jahre unterziehen mussten. Nach den erbrachten Leistungen wurden die Lehen verteilt.

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Details

Titel
Fremde Einflüsse auf die Kultur Japans. Am Beispiel des Gagaku
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Traditionelle japanische Musik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V936669
ISBN (eBook)
9783346263339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Kultur, fremde Einflüsse, Gagak
Arbeit zitieren
Julian Simmer (Autor), 2011, Fremde Einflüsse auf die Kultur Japans. Am Beispiel des Gagaku, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936669

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