Urban Dynamics

Der urbane Raum als komplexes, sozialdynamisches System


Seminararbeit, 2008
51 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problematik und Herausforderung der urbanen Krise in den USA

2. Struktur und Dynamik eines urbanen Raumes
2.1. Generisches Modell einer Stadtlandschaft
2.2. Analyse des urbanen Systemverhaltens
2.3. Auswirkungen von Stadtentwicklungsprogrammen

3. Handlungsempfehlungen für das urbane Problem
3.1. Eine effizient ere Landnutzung als Lösungsansatz
3.2. Wirkungsanalyse der Handlungsempfehlung

4. Implementierungschancen von Urban Dynamics im politischen Kontext

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Problematik und Herausforderung der urbanen Krise in den USA

Das so genannte „problem of the cities“1 während der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in den USA und die damit einhergehende Verschlechterung der Lebensqualität und Wohlfahrt in den Städten ist Ausgangspunkt der Betrachtung.2 Diese Beobachtung sowie das Wissen über Charakteristika komplexer, insbesondere sozialer Systeme eines urbanen Gebietes führten 1969 zur Veröffentlichung von Forresters Urban Dynamics.3 Das in diesem Werk präsentierte Modell eines urbanen Raumes wird in dieser Arbeit zunächst vorgestellt und hinsichtlich Wirkungsweise und Ergebnis analysiert. Anschließend werden Handlungsempfehlungen für das problem of the cities anhand einer strukturellen Erweiterung vorgestellt und bewertet. Abschließend wird ein Ausblick auf die Möglichkeiten einer Modellimplementierung im politischen Kontext gegeben.

Die Problematik der urbanen Krise ergab sich wie folgt: Seit den 50er Jahren stieg die urbane Bevölkerung der USA zum ersten Mal schneller als die Gesamtbevölkerung, wobei die Anzahl auf dem Land lebender Menschen abnahm.4 Zusätzlich führte eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzte Migrationswelle innerhalb der Städte dazu, dass höhere und mobilere Einkommensschichten der U.S.-Bevölkerung aus den inneren Stadtgebieten in das Umland zogen und die Stadtzentren den ärmeren, oftmals afroamerikanischen Be- völkerungsschichten überließen.5 Dies bewirkte nicht nur den Wegzug wichtiger Wirt- schaftszweige, sondern auch den Abbau vieler Arbeitsplätze in den Stadtkernen. Diese Entwicklung verursachte, vor allem in großen Städten des Nordostens der USA die „urban crisis“6. Symptome dieser Krise waren vor allem soziales Ungleichgewicht, wirtschaftliche Armut, hohe Kriminalitätsraten, steigender Rassismus, heruntergekommene und verwahr- loste Innenstädte, Gettoisierung vieler Stadtteile, überfüllte Sozialwohnungen und steigende Arbeitslosigkeit.7

Die Herausforderung dieser Arbeit liegt in der Modellierung oben dargestellter Problematik, verknüpft mit einem urbanen Raum als komplexes, soziales System. Dabei ist zu beachten, dass derartige Systeme sieben wichtige Charakteristika aufweisen:

Zum einen sind soziale Systeme kontraintuitiv, da diese ein anderes Systemverhalten aufweisen als intuitiv erwartet worden wäre. Zum anderen weisen diese Systeme policy resistence auf. Vermeintliche Lösungen scheitern oder bewirken sogar eine Verschlechte- rung der Situation. Des Weiteren zeigen nicht-intuitive Maßnahmen bei komplexen Syste- men eine gesteigerte Wirkung und entfalten als Antwort auf bestimmte policies oftmals eine heftige Gegenreaktion. Ferner sind Verhaltenskonsequenzen von policies konträr, wobei deren Ursache und Wirkung in Raum und Zeit divergieren. Darüber hinaus sind komplexe, soziale Systeme durch eine eigene, interne Dynamik gekennzeichnet, die sich durch internen Druck auf äußere Eingriffe auszeichnet. Zu guter letzt weisen sämtliche bei diesen Systemen vorgenommenen policies immer sowohl Vor- als auch Nachteile auf.8

2. Struktur und Dynamik eines urbanen Raumes

In diesem Teil der Arbeit wird Forresters systemdynamisches Modell des Aufstiegs und Niedergangs einer urbanen Region rekonstruiert, analysiert und vereinfacht dargestellt. Hierbei wird Forresters Werk Urban Dynamics als Primärquelle verwendet und ausschließ- lich weitere Literaturverwendungen werden als solche gekennzeichnet. Der strukturelle Nachbau des Originalmodells erfolgt mit Hilfe der Simulationssoftware Vensim9 und ge- mäß der Lehrstuhlnotation des Industrieseminars der Universität Mannheim von Professor Dr. Dr. h. c. Peter Milling.10

2.1. Generisches Modell einer Stadtlandschaft

Das urbane System besteht im Wesentlichen aus den Subsystemen betriebliches Gewerbe, Wohnungsmarkt und Bevölkerung, die als aging chains11 modelliert werden und ihrerseits wieder in drei Level gegliedert sind.12 Diese Sub-Subsysteme sind im gewerblichen Be- reich die Immobilien neuer, reifer und degressiver Betriebe (New Enterprise, Mature Busi- ness, und Declining Industry). Der Wohnungsmarkt fasst den Bestand an Premium Immo- bilien (Premium Housing), Immobilien der Arbeiterklasse (Worker Housing) und den der Sozialwohnungen (Underemployed Housing) zusammen. Die Bevölkerungsstruktur teilt sich in die Bestandsgrößen Hochqualifizierte (Managerial-Professional), Arbeiter (Labor) und Unterbeschäftigte (Underemployed) auf. Diese vereinfachte Hauptstruktur des urbanen Raumes wird in Abbildung 1 illustriert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Vereinfachte Darstellung der zentralen Struktur einer Stadtlandschaft13

Die drei Level im gewerblichen Sektor werden im Wesentlichen nach Alter differen- ziert, wobei Bestandsveränderungen ausschließlich durch die Gründung neuer Unterneh- men und den Abriss degressiver Betriebe erfolgen. Ähnlich einer modellierten Material- verzögerungsstruktur dritten Ordnungsgrades und einer konservierenden aging chain altern die neuen Betriebe und erhöhen somit die „Kohorte“14 reifer Unternehmen, welche ihrerseits im Zeitverlauf in degressive Betriebe überführt und letztendlich abgerissen werden.15 Dabei verändern keine weiteren Flussgrößen die Level reifer bzw. degressiver Unternehmen und der Abriss neuer bzw. reifer Betriebe ist zu vernachlässigen. Hinsichtlich des angestellten Personals sind alle Bevölkerungsgruppen in jeder Unternehmenskategorie vertreten - wenn auch zu unterschiedlichem Gemenge. Unter normalen wirtschaftlichen Voraussetzungen haben die neuen Betriebe einen relativ hohen Anteil an hochqualifizierten Führungskräften und einen relativ geringen Anteil an qualifizierten Arbeitern und niedrigqualifizierten Unterbeschäftigten. Dieses Verhältnis kehrt sich im Systemzeitverlauf über die reifen Betriebe bis hin zu den degressiven Betrieben um.

Wie auch bei den Unternehmen werden die Immobilien des Wohnungsmarktes durch Alter und Zustand der Gebäude charakterisiert. Im Gegensatz zum betrieblichen Sektor wird, wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, der Bestand an Arbeiterimmobilien und Sozial- wohnungen neben den Alterungsflussgrößen zusätzlich durch Bauraten verändert. Den- noch wird die Konstruktionsrate von Sozialwohnungen ausschließlich durch das Billigim- mobilienprogramm der Stadt definiert und die Baurate hochwertiger Immobilien und Im- mobilien der Arbeiterklasse durch marktwirtschaftliche Prozesse bestimmt. Ähnlich den Betrieben erhöht der Wertverlust hochklassiger Immobilien den Systemzustand der Arbei- terimmobilien und der Wertverfall letzterer den Bestand an Sozialwohnungen, welche letztendlich abgerissen werden. Anders als im betrieblichen Sektor beherbergen Premiu- mimmobilien lediglich Hochqualifizierte, Arbeiterimmobilien qualifizierte Arbeiter und Sozialwohnungen geringqualifizierte Unterbeschäftigte.

Die letzte aging chain in Abbildung 1 repräsentiert die Bevölkerungsstruktur des urba- nen Raumes. Der Bestand an Hochqualifizierten beinhaltet Führungskräfte und der der Arbeiter qualifizierte Angestellte, die vollständig in die kommunale Wirtschaft integriert sind. Das Level der Unterbeschäftigten umfasst neben Arbeitslosen, Berufsunfähigen und Geringqualifizierten jene Personen in geringfügig bezahlten und für die Wirtschaft wenig entscheidenden Positionen. Veränderungen in allen drei Beständen erfolgen jeweils durch eine Nettogeburtenrate, eine Migration aus und in das urbane Gebiet sowie durch eine Be- völkerungsmobilität zwischen den einzelnen Kohorten. Arbeiter können sowohl zu Hoch- qualifizierten aufsteigen als auch zu Unterbeschäftigten absteigen. Hochqualifizierte kön- nen in diesem Modell nicht absteigen, Unterqualifizierte dagegen haben die Möglichkeit zur Arbeiterkohorte aufzuschließen. Diese Zustandsübergänge hängen dabei primär von der Bevölkerungszusammensetzung, der Wohnungsmarktsituation, dem Arbeitsmarktzu- stand sowie von der sich daraus ergebenden relativen Attraktivität der Stadt zu seinem Umland ab.

Die drei hier betrachteten aging chains sind über verschiedene Flussgrößen und Hilfs- variablen miteinander verknüpft und stellen darüber hinaus die wesentliche Grundlage für die Bereiche Landflächennutzung, Steuern und Arbeitsmarkt einer Stadt dar. Ebenfalls in die Gesamtmodellstruktur integriert ist ein Maßnahmenkatalog, bestehend aus den elf Stadtentwicklungsprogrammen: Bildungsprogramm für Unterbeschäftigte und Arbeiter, Konstruktionsprogramm für Sozialwohnungen sowie Premium- und Arbeiterimmobilien, Abrissprogramm für Slumhäuser und degressive Betriebe, Konstruktionsprogramm für neue Unternehmen, Jobprogramm für Unterbeschäftigte und Steuersubventionsprogramm für jeden Einwohner.16

2.2. Analyse des urbanen Systemverhaltens

Die sozialdynamische Systemsimulation des urbanen Raumes über einen Lebenszyklus von 250 Jahren und die sich daraus ergebenden Simulationsläufe zeigen das Wachstum, den Verfall sowie den einsetzenden Stillstand einer Stadt. Um das urbane Gebiet aus dem Zustand der Stagnation zu befreien werden anschließend beispielhaft zwei kommunale Entwicklungsmaßnahmen ergriffen. Da das sozialdynamische System in Urban Dynamics mit der Simulationssoftware DYNAMO modelliert wurde, können in dem hier rekonstruier- ten Beispiel Daten quantitativ von denen Forresters abweichen. Qualitativ bleiben jedoch sowohl Aussage als auch Modellverhalten identisch. Dabei weist der simulierte urbane Raum als komplexes sozialdynamisches System eine interne Dynamik auf, die Verände- rungen von Bevölkerungsstrukturen, Landnutzung und wirtschaftlicher Aktivitäten be- wirkt. Wesentliche Rückkopplungsschleifen und Stellparameter sind dabei die Migration der Bevölkerung, sowie der Bau, die Alterung und der Abriss von Unternehmen und Wohnimmobilien.

Zu Beginn der Simulationsphase sind ca. 3% der gesamten vorhandenen und benutzba- ren Landfläche von Gebäuden des betrieblichen Sektors und des Wohnungsmarktes belegt. Zu diesem Zeitpunkt besteht die arbeitsfähige Bevölkerung zu ca. 20% aus Hochqualifi- zierten, zu ca. 74% aus Arbeitern und zu ca. 6% aus Unterbeschäftigten. Die darauf fol- genden 95 Jahre sind, wie in den Abbildungen 2 und 3 illustriert, von exponentiellem Wachstum der Bevölkerung, der Unternehmen und des Immobilienmarktes gekennzeich- net. Verursacht wird dieses Systemverhalten durch eine gesteigerte relative Attraktivität der Stadt gegenüber seinem Umland und die in allen drei aging chains enthaltenen positi- ven, sich selbstverstärkenden Feedback-Loops, die diesen Attraktivitätsanstieg wiederum weiter beschleunigen. Ein Beispiel dafür sind die Arbeiter: Der Zuzug der Arbeiter auf- grund eines Überschusses an vorhandenen Arbeitsplätzen erhöht den Bestand an Arbeitern, welcher seinerseits wiederum wie ein Magnet verstärkend auf die Immigration von Arbei- tern aus anderen Regionen wirkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Systemverhalten der arbeitsfähigen Bevölkerung und des Wohnungsmarktes

Da Wachstum endlich ist, tritt in diesem System nach ca. 100 Jahren der Verfall mit anschließender Stagnation des urbanen Raumes ein. Gekennzeichnet ist diese Entwicklung insbesondere durch rückläufige Immobilienkonstruktionen, Rückgang an nutzbarer Land- fläche, der Emigration von Hochqualifizierten und Arbeitern sowie durch ein schrumpfen- des Industriegewerbe. Daher resultiert, wie Abbildung 2 und 3 zeigen, ein für die Region wirtschaftliches und soziales nachteiliges, für die urbane Krise aber typisches Phänomen: Die Stadt wird durch einen relativ hohen Bevölkerungsanteil an Unterbeschäftigten, einem relativ hohen Bestand an Sozialwohnungen und durch einen relativ hohen Anteil degressi- ver Betriebe im gesamten gewerblichen Sektor dominiert. Nach ca. 200 Jahren erreicht die Stadt ihre Stagnationsphase und das urbane System befindet sich im „dynamischen Gleichgewicht“17. Obwohl die Systemzeit weiterläuft, finden hier keine Bestandsverände- rungen mehr statt, und Zu- als auch Abflüsse entsprechen sich. In den letzten 50 Jahren der Simulation befindet sich die urbane Attraktivität mit der des Umlands im Gleichgewicht und die Aufteilung der arbeitsfähigen Bevölkerung hat sich drastisch gewandelt: Ca. 51,5% zählen zu den Unterbeschäftigten, 41% zu den Arbeitern und nur noch ca. 7,5% zu den Hochqualifizierten. Zusätzlich ist die Landnutzungsquote auf ca. 78% angestiegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Systemverhalten der arbeitsfähigen Bevölkerung und des betrieblichen Gewerbes

Bei Betrachtung des urbanen Raumes in seiner Gesamtheit zeigt sich, dass sich das be- stehende Modell und dessen Systemverhalten mit Hilfe Peter Senges Systemarchetyp Li- mits to Growth klassifizieren lassen.18 Die Gründung neuer Betriebe und der Bau von Wohnimmobilien steigert die Attraktivität des urbanen Raumes und zieht somit neue Ein- wohner aus dem Umland an. Der hierdurch verursachte Bevölkerungsanstieg bewirkt sei- nerseits wiederum eine erhöhte Nachfrage nach gewerblichen als auch nach Wohnimmobi- lien. Der sich ergebende positive, selbstverstärkende Feedbackprozess generiert ein expo- nentielles Wachstum, wie es bereits oben beschrieben worden ist. Da dieses nicht unend- lich ist, schwächt es sich ab einem gewissen Zeitpunkt, in diesem Fall nach ca. 95 Jahren, ab, fällt und stagniert letztendlich. Diese Entwicklung wird durch negative, zielsuchende Feedback-Loops bewirkt. Im urbanen Modell steigert eine erhöhte Anzahl an Unternehmen und Immobilien die genutzte Landfläche. Da die Stadt aber insgesamt nur über eine bestimmte Fläche verfügt, fungiert diese als entscheidender limitierender Faktor im urbanen System. Je höher die Landnutzungsquote, desto beschränkender und negativer wirkt diese wiederum auf den gewerblichen Sektor und den Wohnungsmarkt.19

2.3. Auswirkungen von Stadtentwicklungsprogrammen

Die erste „high-leverage policy“20 mit dem Ziel, der Stagnation des urbanen Gebietes ent- gegen zu wirken, ist der von öffentlicher Hand finanzierte Sozialwohnungsbau für jährlich 2,5% der Unterbeschäftigten. Dieses Programm beginnt im Jahr 250 der Simulation und erfolgt über einen Zeithorizont von 50 Jahren. Dabei erweist sich das urbane System als resistent gegenüber policies und zeigt zugleich eine kontraintuitive Systemantwort auf. Die Maßnahme und deren Auswirkungen auf den urbanen Raum unterstreichen somit einige der bereits oben beschriebenen Charakteristika komplexer, sozialdynamischer Systeme. Wie in Abbildung 4 zu erkennen ist, steigt die Steuerquote um fast 10% und die Arbeitslo- senquote von 28% auf 34%. Gleichzeitig fällt die Nettozahl an Personen, die aus der Un- terbeschäftigung zu den Arbeitern aufschließen, um mehr als 30%. Anstatt Wachstum zu generieren und die wirtschaftliche und soziale Lage der Stadt zu verbessern, resultiert aus dieser policy eine kontraproduktive Wirkung und verschlechtert langfristig die Verfassung des urbanen Gebietes in fast allen Bereichen. Das Bildungs- und Jobprogramm für Unter- beschäftigte sowie das Steuervergünstigungsprogramm führen als „low-leverage poli- cies“21 zu ähnlichen, wenngleich auch nicht zu derartig drastischen, Reaktionen des Sys- tems. Die policy, Sozialwohnungen zu bauen, verstärkt die Problematik des urbanen Raumes, da die Maßnahme am positiven Feedback-Loop des Systems ansetzt und somit versucht, einen sich bereits selbstverstärkenden Prozess weiter zu beschleunigen. Das urbane Prob- lem kann folglich nur dann bekämpft werden, wenn am negativen Feedback-Loop ange- setzt und versucht wird, den Einfluss des limitierenden Faktors zu mindern. Daher muss eine sinnvolle high-leverage policy die benutzbare Landfläche erhöhen bzw. die Landnutzung derart effizienter gestalten, dass sich, die Wirtschaft ankurbelnde und Arbeitsplätze schaffende, Unternehmen in der Stadt niederlassen können.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Folgen des öffentlich getragenen Sozialwohnungsbaus

Als Folge der Maßnahme, die Slumhäuser vom Jahr 250 bis 300 mit einer Quote von jährlich 5% abzureißen, fällt die Landnutzungsquote von ca. 78% auf zwischenzeitliche 70%, bevor sie auf 84% steigt. Obwohl die nutzbare Fläche langfristig steigt, verbessert sich die Gesamtsituation der Stadt, da die Vorteile am gestiegenen Unternehmensbestand die Nachteile, verursacht durch eine erhöhte Landnutzung, überkompensieren. Offensicht- liche Zustandsverbesserungen werden dabei durch die in Abbildung 5 illustrierten Variab- len deutlich. Die Steuerquote sinkt im Zeitraum von 50 Jahren um fast 27%, die Arbeitslo- senquote sinkt durch die von den neuen Unternehmen geschaffenen Arbeitsplätze von 28% auf 11% und der Nettoaufstieg an Unterbeschäftigten erhöht sich zwischenzeitlich um fast 78%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Folgen des Slumhäuserabrisses

3. Handlungsempfehlungen für das urbane Problem

Das oben beschriebene Modell des urbanen Raumes trifft einige Annahmen hinsichtlich der Systemstruktur, die aus heutiger Perspektive kritisch zu betrachten sind und modifiziert werden können. Beispielsweise sind Bestandsflüsse zwischen den Subsystemen betriebli- ches Gewerbe, Wohnungsmarkt und Bevölkerung, die in den vergangen 30 Jahren für Städte eine immer wichtigere Rolle gespielt haben, ignoriert worden.23 Da aber Forrester selbst sein urbanes Modell eher als ein Analyse-, als ein Entscheidungsinstrument versteht, erachtet auch er eine kritische Betrachtung der Strukturannahmen als wünschenswert und positiv.24 Deshalb ist eine strukturelle Erweiterung des bestehenden Modells gerechtfertigt. Dem realen Beispiel der U.S.-amerikanischen Stadt Lowell im Bundesstaat Massachusetts von 1971 Rechnung tragend, soll daher an der Schlüsselvariable Landnutzung und an den wichtigen Stellparametern Sozialwohnungen, Premiumimmobilien sowie neue und degres- sive Betriebe angesetzt werden.25 Dabei wird im Folgenden die Renovierung und Weiter- verwendung von Sozialwohnungen und degressiven Unternehmen in die Systemstruktur integriert und das resultierende Modellverhalten analysiert.

3.1. Eine effizientere Landnutzung als Lösungsansatz

Um das Ziel, einen stagnierenden urbanen Raum bereits im Ansatz zu vermeiden, zu errei- chen, sollte ein Lösungsversuch, wie bereits oben angedeutet, an der limitierenden Res- source ansetzen. Eine effizientere Nutzung der zur Verfügung stehenden Landfläche sollte konsequenterweise dazu beitragen, einen möglichen Stillstand gar nicht erst entstehen zu lassen. Daher wird die bestehende Modellstruktur derart modifiziert, dass Sozialwohnun- gen und verwahrloste Immobilien nicht ausschließlich abgerissen werden können, sondern es darüber hinaus auch möglich ist diese sowohl zu hochwertigen Wohnimmobilien zu renovieren als auch zu neuen, die kommunale Wirtschaft fördernde Unternehmen umzu- bauen. Darüber hinaus soll es möglich sein, die Immobilien degressiver Betriebe zu denen neuer Betriebe aufzuwerten. Abbildung 6 illustriert diese strukturelle Erweiterung des be- stehenden Modells in seiner Hauptstruktur.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Strukturelle Erweiterung des urbanen Modells

Da es in sozialen Gefügen nicht immer zu unmittelbaren Systemantworten auf eingelei- tete Maßnahmen kommt und um das Modell realitätsnäher zu gestalten, ist auch obiger Lösungsansatz mittels drei konservierender delays in das bestehende Modell integriert worden. Dabei sind zwei dieser Verzögerungen explizit als solche und eine weitere als „Makrofunktion“26 modelliert. Letztere ist als grau unterlegtes Rechteck in Abbildung 6 dargestellt. Die Renovierungsverzögerung besteht aus dem Bestand an Sozialwohnungen in Renovierung und der Renovierungsrate als Zuflussgröße, welche ihrerseits als Abfluss- rate für den Bestand an Sozialwohnungen fungiert. Darüber hinaus stellen die fertig ge- stellten Premiumimmobilien die Abflussrate dar und repräsentieren konsequenterweise eine Zuflussgröße für den Bestand an hochwertigen Immobilien. Die Sanierungsverzöge- rung degressiver Betriebe besteht zum einen aus dem Bestand an degressiven Betrieben in Sanierung und zum anderen aus der Sanierungsrate als Zufluss sowie den sanierten degres- siven Betrieben als Abfluss. Die Zuflussgröße dieser Verzögerungsstruktur stellt für den Bestand an degressiven Unternehmen eine Abflussrate und die Abflussgröße eine Zufluss- rate für den Bestand neuer Betriebe dar. Der Umbau von Sozialwohnungen zu neuen Un- ternehmen ist als Verzögerungsfunktion modelliert, wobei diese und die entsprechende Umbaurate den Bestand an Sozialwohnungen einerseits mindern, aber andererseits das Level an neuen Firmen erhöhen. Durch den erweiterten Zufluss an hochklassigen Immobi- lien und neuen Betrieben wird darüber hinaus der Konstruktionsbedarf an Premiumimmo- bilien bzw. die Aufbaunachfrage nach neuen Unternehmen gemindert.27

Um eine mögliche Diskrepanz zwischen angebotenen Führungspositionen durch neue Unternehmen und den Wohnungsmöglichkeiten für Hochqualifizierte zu schließen, sollen vermehrt Premiumimmobilien konstruiert werden. Daher werden jedes Jahr 2,5% der alten und baufälligen Immobilien innerhalb von einer Renovierungszeit von 2 Jahren zu hoch- klassigen Immobilien aufgewertet. Mit dem Ziel, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die urbane Wirtschaft zu stimulieren, werden jährlich 5% der Sozialwohnungen mit einer Um- bauzeit von 5 Jahren zu neuen Unternehmen umfunktioniert. Dabei wird eine Transforma- tionsquote von 2 angenommen, d.h. jeweils zwei Sozialwohnungen sind notwendig, um einen neuen Betrieb aufzubauen. Einem drastischen Mangel an Immobilien für Unterbe- schäftigte vorbeugend, wird die konstante Abrissquote für Slumhäuser von 2% auf 1% gesenkt. Darüber hinaus wird, um den betrieblichen Sektor zu vitalisieren, jährlich 1% der degressiven Betriebe mit einer Sanierungszeit von 2 Jahren zu neuen Unternehmen aufge- wertet. Damit aber weiterhin ausreichend Arbeitsplätze, insbesondere für Unterbeschäftig- te, zur Verfügung stehen können, werden nur noch 2% anstatt 3% der degressiven Unter- nehmen jährlich abgebaut.

[...]


1 Schon, Donald A.: Framing and Reframing the Problems of the Cities, in Morley, David, Stuart Proud- foot und Thomas Burns (Hrsg.): Making Cities Work: The Dynamics of Urban Innovation, London 1980, S. 35.

2 Vgl. Ossimitz, G.: Habilitationsschrift: Zur Entwicklung systemischen Denkens, Kapitel 1 und 2, einge- sehen am 04.01.2008: http://wwwu.uni-klu.ac.at/gossimit/pap/kap1_2.PDF, S. 20.

3 Vgl. Forrester, Jay W.: Urban Dynamics, Cambridge, MA 1969, S. 1ff.

4 Siehe Burns, Leland S.: The metropolitan population of the United States: historical and emerging trends, in Klaasen, Leo H., Willem T.M. Molle und Jean H.P. Paelinck (Hrsg.): Dynamics of Urban Development: Proceedings of an International Conference held on the occasion of the 50th Anniversary of the Netherlands Economic Institute in Rotterdam, Aldershot 1981, S. 198.

5 Vgl. Monts, J. Kenneth, M. Stuart Lynn und C. Sidney Burrus: Interdisciplinary Instruction on Dynamic Simulation of Social Systems, in: Teaching Sociology, 4. Jg. (1977), Nr. 4, S. 323ff.

6 Fox, Karl A., David S. Mundel und Sam Bass Warner, Jr.: Discussion, in: The American Economic Review, 60. Jg. (1970), Nr. 2, S. 466.

7 Vgl. Bateman, Worth und Harold M. Hochman: Social Problems and the Urban Crisis: Can Public Pol- icy Make a Difference? in: The American Economic Review, 61. Jg. (1971), Nr. 2, S. 346ff.

8 Siehe Forrester, Jay W.: Systems Analysis as a Tool for Urban Planning, in Mass, Nathaniel J. (Hrsg.): Readings in urban dynamics, Cambridge, MA 1974, S. 24-26.

9 Programm der Ventana Systems, Inc.

10 Im Strukturdiagramm werden Bestände zu Beginn groß geschrieben, sowohl die Raten als auch die Hilfsvariablen sind vollständig in Kleinbuchstaben zu erfassen und die Konstanten sind durchgängig in Großbuchstaben darzustellen.

11 Im Deutschen wird sie als Alterungskaskade bezeichnet.

12 Siehe Sterman, John D.: Business Dynamics: Systems Thinking and Modeling for a Complex World, Boston, MA 2000, S. 472.

13 Siehe Forrester, Jay W.: Urban Dynamics, Cambridge, MA 1969, S. 16.

14 Salge, Markus: Kaskadische und parallele Bestandsstrukturen, in Strohhecker, Jürgen und Jürgen Seh- nert (Hrsg.): System Dynamics für die Finanzindustrie - Strategisches Denken und Modellieren für dy- namische Probleme, Frankfurt am Main 2008, in print 2007, S. 3.

15 Siehe Sterman, John D.: Business Dynamics: Systems Thinking and Modeling for a Complex World, Boston, MA 2000, S. 473.

16 Aus Vereinfachungsgründen der gegebenen Modellkomplexität und zum besseren Verständnis der zent- ralen Struktur sind diese Details in Abbildung 1 nicht enthalten.

17 Salge, Markus: Kaskadische und parallele Bestandsstrukturen, in Strohhecker, Jürgen und Jürgen Seh- nert (Hrsg.): System Dynamics für die Finanzindustrie - Strategisches Denken und Modellieren für dy- namische Probleme, Frankfurt am Main 2008, in print 2007, S. 5.

18 Vgl. Senge, Peter: The Fifth Discipline - The Art and Science of the Learning Organization, New York, NY 1990, S. 379ff.

19 Vgl. Alfeld, Louis E.: Urban Dynamics - The first fifty years, in: System Dynamics Review, 11. Jg. (1995), Nr. 3, S. 200ff.

20 Forrester, Jay W.: Learning through System Dynamics as Preparation for the 21st Century (Ar- beitspapier), Sloan School of Management Massachusetts Institute of Technology 1994, S. 13.

21 Forrester, Jay W.: Learning through System Dynamics as Preparation for the 21st Century (Ar- beitspapier), Sloan School of Management Massachusetts Institute of Technology 1994, S. 13.

22 Vgl. Senge, Peter: The Fifth Discipline - The Art and Science of the Learning Organization, New York, NY 1990, S. 379ff.

23 Vgl. Sterman, John D.: Business Dynamics: Systems Thinking and Modeling for a Complex World, Boston, MA 2000, S. 474.

24 Siehe Forrester, Jay W.: Urban Dynamics, Cambridge, MA 1969, S. 2.

25 Vgl. Alfeld, Louis E.: Urban Dynamics Applied to an Old Industrial City, in: Schroeder III, Walter W., Robert E. Sweeney und Louis E. Alfeld (Hrsg.): Readings in Urban Dynamics: Volume 2, Cambridge, MA 1975, S. 205ff.

26 Milling, Peter M.: Verzögerungsglieder in der Simulationssoftware Vensim, Forschungsberichte der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre, Universität Mannheim, Mannheim 1997, S. 2.

27 Dieser Sachverhalt ist aus Vereinfachungsaspekten jedoch nicht in Abbildung 6 integriert.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Urban Dynamics
Untertitel
Der urbane Raum als komplexes, sozialdynamisches System
Hochschule
Universität Mannheim  (Industrieseminar)
Veranstaltung
Business Dynamics
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
51
Katalognummer
V93667
ISBN (eBook)
9783640102327
ISBN (Buch)
9783640117567
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urban, Dynamics, Business
Arbeit zitieren
Christian Rodiek (Autor), 2008, Urban Dynamics, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93667

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