Wie werden die Bekehrungssituationen in Gottfried Kellers Text "Die Jungfrau als Ritter" und in dem Marienmirakel "Maria als Ritter" aus dem Passional gestaltet? Dies soll im Folgenden herausgearbeitet und gegenübergestellt werden.
Die Verszählung aus dem Passional ‚Maria im Turnier‘ erzählt von einem Ritter, der auf dem Weg zu einem Turnier in eine Kirche einkehrt. Auf eine Messe folgt die nächste Messe, aus Höflichkeit traut sich der Ritter nicht diese zu unterbrechen. So geschieht es, dass der Ritter das Turnier verpasst. Als er schließlich aus der Kirche tritt, trifft er andere Ritter, die ihm zu seinem gewonnenen Turnier beglückwünschen.
Gottfried Keller hat in seiner ähnlichen Legende "Die Jungfrau als Ritter"ein Turnier entstehen lassen, dessen Sieger nicht nur Ruhm, sondern auch die schöne Bertrade als Frau kriegen soll. Der Ritter Zendelwald wird vom Kaiser zu der Burgherrin Bertrade gesandt, um ihr die Nachricht zu übermitteln, dass ein Turnier veranstaltet werden soll, um einen würdigen Ehemann für sie zu finden. Er verliebt sich aber in sie und beschließt, auch an dem Turnier teilzunehmen. Auf dem Weg zum Turnier übermannt ihn die Angst und er sucht Zuflucht in einer Kirche. Während auch hier, wie bei Maria im Turnier, mehrere Messen abgehalten werden, schläft Zendelwald jedoch ein. Die Jungfrau Maria steigt vom Altar nieder und nimmt die Gestalt des Ritters an und gewinnt das Turnier. Aus Frust, das Turnier verpasst zu haben und seine Chance auf die eventuelle Zukunft mit Bertrade reitet Zendelwald, nachdem er aufwacht, zum Turnier, um noch einmal Bertrade zu sehen. Bis zur Ankunft des wahren Zendelwalds zeigt sich Maria nicht nur als tapferer Turnierkämpfer, sondern auch als zärtlicher, wortgewandter Verehrer.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsüberblick
3. Texte
3.1 Maria im Turnier
3.2 Die Jungfrau als Ritter
4. Vergleich
4.1 Formal
4.2 Entwicklung der Figuren
4.3 Weltlichkeit vs. Christlichkeit
4.4 Die Jungfrau Maria als Bekehrerin
4.5 Präsenz der Transzendenten Figur
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Gestaltung von Bekehrungssituationen in dem mittelalterlichen Marienmirakel „Maria im Turnier“ aus dem Passional und der modernen Legendenbearbeitung „Die Jungfrau als Ritter“ von Gottfried Keller, um die unterschiedlichen Intentionen und literarischen Bearbeitungsweisen herauszuarbeiten.
- Vergleich der Erzählstrukturen und des Textumfangs
- Analyse der Figurenkonstellation und -entwicklung
- Gegenüberstellung von Weltlichkeit und Christlichkeit
- Untersuchung der funktionalen Rolle der Jungfrau Maria
- Einordnung der Texte in ihre jeweilige literarische Tradition
Auszug aus dem Buch
4.2 Entwicklung der Figuren
Für den Vergleich der Bekehrungssituationen ist es wichtig die Handlungsträger in den beiden Legenden zu betrachten.
Kosegarten lässt in seiner Legende nur zwei Personen als Handlungsträger auftreten – den Ritter und die Jungfrau Maria. Der Ritter besitzt keinen Namen und nur wenige Merkmale, sodass sich der Leser schwer mit diesem identifizieren kann. Deutlich wird nur, dass dieser „tugenthaft“ und „vermezzen an ritterlichem prise“ ist. Er reitet zum Turnier um ritterliche Ehre zu erhalten. Der Ritter macht im Verlauf der Legende keinerlei Entwicklung durch. Er bleibt durch und durch ein christlicher Ritter, was auch unverkennbar ist, als er vor dem Turnier noch eine Messe besucht, damit „si mac mich vol gevrien/ von allerhande leides not“.
In Kellers Legende ist dies anders. Erstens schafft Keller neben dem Ritter und der Jungfrau Maria noch weitere Personen, wie zum Beispiel Bertrade, Zendelwalds Mutter und den Kaiser. Bertrade ist wichtig für die Geschichte, da Zendelwald nur ihretwegen das Turnier bestreiten möchte. Zendelwalds Mutter stellt ihn deshalb vor die Wahl, um endlich von seinen trägen Handlungen und Träumereien Abschied zu nehmen. Der Kaiser schreibt überhaupt erst das Turnier aus. Zweitens wird die Hauptfigur Zendelwald ausführlich beschrieben, eine Entwicklung ist deutlich sichtbar. Es findet eine Negativdidaxe statt, da die Zuschreibungen, beziehungsweise Erwartungen an den Ritter Zendelwald nicht erfüllt werden. Dieser stellt zu Beginn der Legende die Liebe zu Bertrade in den Hintergrund: „nahm einen kurzen Abschied von der Frau und ritt von dannen, der Einzige von allen, die je hier gewesen, der nicht daran dachte, diesen Preis erringen zu können“, als seine Arbeit, den Brief ihr zu übergeben, verrichtet ist. Er ist schüchtern den ersten Schritt zu machen, wenn es sich um die Liebe oder sein eigenes Glück handelt. So schüchtern er bei seinen privaten Angelegenheiten ist, so zögerlich ist er auch im Kampf gegen seiner Gegner und siegte nur „in größter Not mit einem tüchtigen Ruck“. Diese Kampfweise ruft Verwunderung bei seinen Gegnern hervor. Nach dem Kuss von Bertrade ändert sich das Verhalten jedoch, so dass er plötzlich weder träge noch unsicher ist, er „tat und redete alles zur rechten Zeit“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Mirakelgeschichte „Maria im Turnier“ und Kellers Legende „Die Jungfrau als Ritter“ sowie Definition der Forschungsfrage.
2. Forschungsüberblick: Biografische Notizen zu Gottfried Keller und Ludwig Theobul Kosegarten sowie Kontextualisierung der Quellen.
3. Texte: Inhaltswiedergabe und Analyse der beiden Primärtexte „Maria im Turnier“ und „Die Jungfrau als Ritter“.
4. Vergleich: Systematische Gegenüberstellung der Texte hinsichtlich Form, Figuren, Weltbild, Marienrolle und Transzendenz.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Darstellung der wesentlichen Unterschiede in der Intention und Ausgestaltung.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Maria im Turnier, Die Jungfrau als Ritter, Bekehrungssituation, Mirakel, Legende, Weltlichkeit, Christlichkeit, Zendelwald, Bertrade, Vergleich, Literaturwissenschaft, Mittelalterrezeption, Passional, Marienfigur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem literarischen Vergleich zweier Texte, die das Motiv der Maria als Ritterin behandeln, um aufzuzeigen, wie sich die Bekehrungssituationen und die zugrunde liegenden Weltbilder unterscheiden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Wandel von der religiösen Mirakelgeschichte zur säkularen, erotisch-weltlichen Legende, die Rolle der Frau sowie die literarische Darstellung von Christlichkeit versus Weltlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Gestaltung der Bekehrungssituationen herauszuarbeiten und zu analysieren, warum Gottfried Keller diese Stoffe in seiner modernen Bearbeitung so grundlegend verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die textimmanente Belege mit dem biografischen und literarhistorischen Kontext der Autoren verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Texte zunächst einzeln vorgestellt, gefolgt von einem strukturierten Vergleich, der formale Aspekte, die Entwicklung der Charaktere, das Spannungsfeld zwischen Glaube und Weltlichkeit sowie die Funktion Marias untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gottfried Keller, Bekehrungssituation, Mirakelgeschichte, Weltlichkeit, Parodie und die spezifische Analyse der Figuren Zendelwald und Bertrade.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Maria in den beiden Texten?
In „Maria im Turnier“ handelt die Maria als göttliche Figur, die den Ritter zum Christentum führt, während sie bei Keller parodistisch als aktive, gewaltlustige Figur auftritt, die den Protagonisten zu einer weltlichen Erfüllung verhilft.
Welche Rolle spielt das Motiv des Schlafes bei Keller?
Der Schlaf fungiert bei Keller als Zäsur, in der der Protagonist seine negativen, trägen Eigenschaften ablegt, um nach dem Erwachen als neuer, weltlicher Mensch wiedergeboren zu werden.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2019, Gottfried Kellers "Die Jungfrau als Ritter" und das Marienmirakel "Maria im Turnier" im Vergleich. Wie werden die Bekehrungssituationen gestaltet?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936704