Gefühlsarbeit und Bildung der eigenen Identität

Ein Einblick in die Gefühlswelt aus soziologischer Sicht


Hausarbeit, 2020

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ist trotz des Gefühlsmanagement im beruflichen Kontext die Identität mit dem „wahren“ Selbst in der privaten Rolle definierbar/möglich?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Auf diese Weise verlieren die Angestellten die Verbindung zu ihren Gefühlen, wie dies beim Aus­gebranntsein4 der Fall ist“ (Hochschild 1983: 154).

Wenn Gefühle zum Werkzeug und zur Massenware in Dienstleitungsberufen werden, das Anforde­rungsprofil jener nicht mehr durch Leidenschaft zur Tätigkeit geprägt ist, sondern Emotionen ihren Ausdruck in kontrollierter, organisierter und angepasster Weise finden, um vereinbarte Ziele zu er­reichen, spricht die Soziologin Arlie Russell Hochschild von Gefühlsarbeit (aus der englischsprachi­gen Originalliteratur „Gefühlsmanagement“ übersetzt),(Hochschild 1983: 99). Die Inszenierung des richtigen Fühlens bekommt Geschlechterübergreifend vor allem in kapitalistischen Gesellschaften und seinen Dienstleistungsberufen eine eigene Sprache, die sich zwischen Männern und Frauen den­noch massiv unterscheiden lässt (vgl. Hochschild 1983: 132). Diese zugrundeliegende Rolle des An­passens der eigenen Gefühle an die Arbeitswelt, bekommt sowohl im gesellschaftlichen als auch im individuellen Kontext einen immer höheren Stellenwert. So beschäftigt sich die US-amerikanische Soziologin Arlie R. Hochschild seit den 80er Jahren mit den Zusammenhängen zwischen Gefühlswelt und Geschlechtern in der Arbeitswelt sowie den Unterschieden innerhalb der Statushierarchien. Dies impliziert die Frage, wie viel Gefühlsarbeit das Individuum im privaten, alltäglichen Leben jenseits der Arbeitswelt leistet und welche Rolle es außerhalb der Arbeitswelt einnimmt. Konkret formuliert werde ich in der folgenden Arbeit auf die Frage eingehen, ob das Gefühlsmanagement der Dienst- leister*innen nicht nur im beruflichen Arbeitskontext stattfindet, sondern zwangsläufig in das alltäg­liche Leben transferiert wird. Mit der Annahme, dass die Identität, das „wahre“ Selbst eines Indivi­duums auch in der "privaten Rolle" undefinierbar ist. Hierbei möchte ich zunächst auf den Begriff des Gefühlsmanagements aus der Primärquelle „Das gekaufte Herz“ eingehen, um im weiteren Ver­lauf die Gefühlsarbeit des Individuums in der privaten Rolle zu kontextualisieren. Im Folgenden werde ich die Definition der Rolle des Individuums im sozialgesellschaftlichen Kontext thematisie­ren, um der weiteren Recherche eine fundierte Grundlage zu bieten. Im Zuge dessen werde ich kurz den Begriff der Identität bei Erving Goffman herausarbeiten, um ihn mit dem bei A. Hochschild zu diskutieren. Zunächst scheint es so, als sei Gefühlsarbeit sozial konstruiert, wovon zwangsläufig jeder Akteur einer Gesellschaft auch im Privatleben Gebrauch machen müsse, um in einer Interaktion be­stehen zu können. Es scheint, als müsste sich das „wahre“ Selbst neu behaupten.

Gefühlsarbeit beschreibt die US- amerikanische Soziologin als geschlechterübergreifendes Phäno­men sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben. Individuen, jedes sozioökonomischen Status, jeden Alters und Geschlechts verrichten „Gefühlsarbeit“, die wir als Wertschätzung und Respektbezeugung verstehen (vgl. Hochschild 1983: 138). Hierbei differenziert sie allerdings, dass die Intensität und die Anforderungen der Gefühlsarbeit sich zwischen Mann und Frau und den sozialen Schichten bedeu­tend unterscheiden lassen. So würden Frauen mehr Gefühlsarbeit abverlangt werden als Männer und dabei wäre im Alltag eine geringere Ernsthaftigkeit gegenüber den Gefühlen der Frauen festzustellen (vgl. Hochschild 1983: 144). Wie verhält es sich in der wechselseitigen Beziehung zwischen den Geschlechtern? Hier zieht A. Hochschild die folgenden vier Thesen, die dies zu untermauern vermö­gen. Zunächst bieten Frauen den Männern mangels anderer Möglichkeiten, ihre Gefühle im Aus­tausch zu Materiellen Mitteln an (vgl. Hochschild 1983: 132). Zudem werden unterschiedliche An­forderungen an ihre Gefühlsarbeit gestellt: so haben Frauen mehr mit Aggressivität und Wut zu kämp­fen, um den Erwartungen (die schon in der frühkindlichen Erziehung maßgebliche Einflüsse auf die geschlechterspezifische Gefühlsarbeit haben) an ihr „Freundliches Wesen“ und ihrer „mütterlichen“ Art gerecht zu werden. Bei Männern verhält es sich hierbei mit gegensätzlichen Attributen (Verletz­lichkeit usw.) Durch die Unterdrückung der Frauen kommt es vor allem, wie Hochschild beleuchtet, im Dienstleistungssektor zu einem psychologischen Machtungleichgewicht zwischen den Geschlech­tern, aus denen sich wiederum unterschiedliche Gefühlsdarstellungen mit unterschiedlichen Reaktio­nen ergeben (vgl. Hochschild 1983: 133,134). So würden Frauen bei physischen Erkrankungen we­niger Ernsthaftigkeit erfahren als Männer. Anders verhält es sich bei psychischen Erkrankungen, de­nen Frauen mehr Glaubwürdigkeit gewidmet wird (vgl. Hochschild 1983: 144). Wie lässt sich dies erklären? Laut Hochschild werden Frauen mehr als Männer in ihrer Kindheit mit dem Gebrauch des Gefühlsmanagement ausgebildet und konfrontiert, wodurch die erworbenen Gefühlskompetenzen als legitimes Hilfsmittel im späteren Lebenslauf eingesetzt werden können (vgl. Hochschild 1983: 135). Laut Forschungen, wie Hochschild erläutert, seien Frauen stärker an Bedürfnissen anderer orientiert. Daraus entsteht die Vermutung, dass Frauen sich tendenziell emphatischer verhalten als Männer. Die Soziologin beschreibt es als Anpassung der Gefühle an ein bereits gegebenes Bedürfnis, wodurch sich Frauen an die vorhandene Situation anzugleichen versuchen. Allerdings sind hiermit Anstren­gungen verbunden, die als Schattenarbeit tituliert werden (vgl. Hochschild 1983: 137). Um zu ver­stehen, wie diese Gefühlsarbeit nun im Alltag stattfindet, bedarf es einen Einblick in die Rolle des Akteurs jenseits der Arbeitswelt. Bisher konnte gezeigt werden, dass Gefühlsarbeit und die bewusste Regulation und Anpassung der eigenen Emotionen einem gegebenen Sachverhalt zu Grunde liegt, indem die Akteure sich in ihrer beruflichen Rolle befinden (z.b. die der Flugbegleiterin oder des Geldeintreibers), welche wiederum mit Erwartungen an ihr Handeln und dem nach außen tragen ihrer Gefühle geknüpft sein müssen (vgl. Hochschild 1983: 142). „Auf der Bühne werden Dinge vorgetäuscht. Im Leben hingegen werden höchstwahrscheinlich Dinge dargestellt, die echt, dabei aber nur unzureichend erprobt sind." (vgl. Goffman 1967: 9). Der gebürtig kanadische Soziologe Erving Goffman beschäftigt sich u.a. wie auch A. Hochschild mit Interaktionen und Rollen zwischen Akteuren eines sozialen Kontextes. Bei der Rolle, die ein jeder Akteur eines sozialen Rahmens ein­nimmt, spricht der Soziologe von einem Theaterstück, welches er als Metapher für die Spieglung der Gesellschaft nutzt. So basiere eine Gesellschaft auf den Konstruktionen einer Theaterbühne, die einen Hintergrund, einen Vordergrund, sowohl ein Publikum, eine sich vollziehende Handlung, als auch Menschen, die für diese Handlung eine passende Rolle einnehmen, bietet. Auch A. Hochschild führt zum Verständnis die Geschichte eines Bühnendarstellers heran, die genanntes verdeutlichen soll (vgl. Hochschild 1983: 154). Um die Rolle des Akteurs als Publikum1 nun verstehen zu können, analysie­ren wir jenes Verhalten und Aussehen, um Informationen über die Rolle bzw. seinen Status zu erhal­ten. Das Individuum eines solchen Kontextes interagiert nicht willkürlich, frei. Es interagiert und handelt in einer festen Struktur, einem Rahmen und einem Anlass, welches ein routiniertes Muster widerspiegelt, wodurch sein Verhalten erwartbar und erklärbar wird. Wenn dieses Verhalten nicht frei ist, ist es dann möglich sich als Individuum mit seinem Verhalten, seinem „wahren“ Selbst zu identifizieren? Um hier an die Metapher des Theaters anzuknüpfen ist es zunächst sinnvoll Identität im Rahmen der Gefühlsarbeit näher zu beleuchten und den Begriff des „wahren“ Selbst zu hinterfra­gen. Psychoanalytiker und Schauspieler sprechen aus unterschiedlichen Perspektiven von einem „wahren“ und einem, „falschen“ Selbst. Das „wahre“ Selbst möchte ich in diesem Kontext in Analo­gie zur Identität setzen. Um dies zu verstehen ist es sinnvoll das „falsche“ Selbst diesem gegenüber­zustellen. Dieses beschreibt ein fiktives, uneigentliches Selbst, welches zwar Bestandteil einer Per­son, aber nicht das „wahre“ Selbst darstellt. Dem Wunsch, anderen zu gefallen und Anerkennung durch Außen zu erlangen, untergräbt die Bedürfnisse unseres eigentlichen Selbst (vgl. Hochschild 1983: 151f). Es lässt sich also von dem „falschen“ Selbst leiten. Hierbei lässt sich zunächst das ge­sunde vom ungesunden „falschen“ Selbst unterscheiden. Das Altruistische vom Narzisstischen Selbst.2 Die an die Rolle geknüpften Erwartungen und daraus resultierende Interaktionen werden an­hand des Berufs der Flugbegleiterin sehr transparent. So wird den Auszubildenen u.a. vermittelt sich ihren Arbeitsplatz als Zuhause vorzustellen (vgl. Hochschild 1983: 104). Diese Analogie soll den gewünschten Gefühlszustand aus Freundlichkeit, Wärme und Empathie hervorrufen, um die eigent­liche Anonymität des Arbeitsplatzes mit Häuslicher Atmosphäre zu überspielen und so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Mit dem Hintergrund: zu Gunsten der Passagiere zu handeln. Firmen und große Organisationen versuchen stetig zwischen Gefühlswelt und Interaktion zu Gunsten kom­merzieller Zwecke immer wieder neue Verhaltensalternativen zu entwickeln. Hierbei wird der Versuch eingeführt, sich um das „wahre“ Selbst ihrer Dienstleister zu bemühen, denn dieses sei schließlich am authentischsten (vgl. Hochschild 1983: 153). Doch was definiert das „wahre“ Selbst und kann es authentisch tituliert werden, wenn es manipulativ entwickelt wird? Ist es möglich, trotz dieser Fremdsteuerung eine klare Identifikation des „wahren“ Selbst im Alltag zu finden? Angestellte verlieren laut Hochschild die Verbindung zu ihren tatsächlichen Gefühlen, sodass sich kaum unter­scheiden lässt, welches Selbst sich zu bedienen gilt. Sie bezeichnet es auch als Einschleichen des „falschen“ Selbst in das „wahre“, natürliche Selbst (vgl. Hochschild 1983: 152). Das „wahre“ Selbst wird als naturgegeben suggeriert, etwas Unberührtes. Mit einem dauerhaften manipulativen Einfluss von außen wäre diese Reinheit hinfällig. Wie zu Beginn beschrieben werden Individuen schon im Kindesalter die Gefühlsarbeit als Teil ihres Wesens internalisiert. Damit verbunden sind die an die Rolle geknüpften Erwartungen (Mädchen sollen sich primär ruhig und freundlich verhalten, Jungs hingegen stark, aggressiv und mutig). Wenn also die Gefühlsarbeit mit dem „wahren“ Selbst schon im Kindesalter gleichgesetzt wird, ist es an dieser Stelle schier utopisch zu glauben, das „wahre“ Selbst sei etwas Reines, aus sich kommendes, wenn es sich viel mehr Stereotypen bedient. Das „wahre“ Selbst würde außerdem zunehmend an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn Stereotypen gebro­chen werden und Frauen sich völlig konträr zu ihrer eigentlichen Wesensbeschreibungen verhielten (dasselbe gilt bei Männern). Die beschriebenen Erwartungshaltungen münden immer in Gefühlen, die schließlich ein Leben lang anhalten und prägen. Emotionen finden geschlechterübergreifend bei jedem Menschen statt (vgl. Flam 2002: 120). Für jedes Individuum sind sie spürbar, erlebbar und äußern sich in ihren verschiedensten Formen. Häufig sind Emotionen unbewusst und nicht vorher­sehbar. Sie äußern sich erst sichtbar durch eine physische Verknüpfung, wie Röte im Gesicht, Tränen, Lachen, Wut etc. So wird, wie es der Soziologe Jack Katz beschreibt, „das Unsichtbare sichtbar“ (vgl. Flam 2002: 123). Emotionen liefern dem unmittelbar Anwesenden und dem Individuum selbst Infor­mationen über seinen Gefühlszustand und transferieren seinen Inhalt. Emotionen lassen sich zunächst in zwei relevante Ausdrücke differenzieren: die selbstreflexiven der emphatischen Emotionen (vgl. Flam 2002: 128). A. Hochschild beschreibt Reflexion als Überlegen und Nachsinn mit der Verknüp­fung zur Fähigkeit des Denkens (vgl. Hochschild 1983: 132). Jede Interaktion eines sozialen Kontex­tes beinhaltet beide genannten Ausdrücke. Erstere beziehen sich lediglich auf das eigene Selbst und stellen Affekte und Reaktionen, wie z.b. Scham, Reue, Eitelkeit und Stolz dar. Letztere entstehen, wenn sich das Individuum in die Rolle eines anderen hineinversetzt. Obwohl beide Begriffe unter­schiedliche Bezüge haben, finden sie nie ohne einen gegenseitigen Bezug statt (vgl. Flam 2002: 139). Hierbei geht auch A. Hochschild darauf ein, dass Emotionen dem sozialen Wesen eine normwidrige oder normkonforme Handlung spüren lassen können um diese anschließend auszuwerten und der Qualität anzupassen (vgl. Hochschild 1983: 140). Wenn dies die Anforderung an die Dienstleister*in- nen ist und gleichzeitig suggeriert wird, hierbei eine Erwartung an das „wahre“ Selbst zu stellen, so wird es dem Individuum vermutlich den Eindruck aufbürden, dass das „wahre“ Selbst aus dem Beruf schließlich auch das „wahre“ Selbst im Alltag widerspiegle, weil es sich schließlich ständig bemüht echt sein zu wollen. Hierbei fällt auf, dass durch die Gefühlsarbeit, die eine ständige Inszenierung des angeblich „Richtigen Fühlens“ hervorruft, die vermeintliche Affektivität und Natürlichkeit einer Emotion auch im Privatleben verloren gehen. Betrachten wir also das private Leben näher. Zunächst gehe ich davon aus, dass eine Idealisierung im Privatleben erfolgen kann (Seminar 16.06.2020: eigene Aufzeichnungen). In diesem Kontext gehe ich von einer Liebesbeziehung zwischen zwei Individuen aus. So könnte die These aufgestellt werden, dass die Zwischenmenschlichkeit lediglich mit reinen, wahren Gefühlen zusammenhängen muss, demnach also keine Manipulation von außen stattfindet, um gewisse Ziele erreichen zu müssen, da sich beide nur aufeinander beziehen und anders als im beruflichen Kontext, keine Anonymität überspielen müssen oder Zwängen unterlegen sind. Die Be­ziehung könnte als Rückzugsort und „Rehabilitationsstelle“ der eigenen Gefühle dienen, die wiede­rum dazu veranlasst seine Gefühle offenbaren zu dürfen. Die Gefühlsarbeit und der ständige Versuch sein „wahres“ Ich im Beruf zu hinterfragen erscheint künstlich und wie ein Korsett, Liebe hingegen nicht. Ein berechtigter Einwand könnte lauten, dass Gefühlsarbeit auf der Ebene des Materiellen statt­findet, indem beispielweise Frauen von ihren sexuellen Reizen Gebrauch machen, um ein bestimmtes Ziel bei ihrem Partner*in zu erreichen, da sie ihm unterlegen sind (vgl. Hochschild 1983: 139). Die zwischenmenschliche Ebene bleibt jedoch authentisch, ohne eine fortlaufende Anpassung und Insze­nierung der eigenen Gefühle zu Gunsten Dritter. Hieraus resultiert, dass im Alltag, jenseits des be­ruflichen Gefühlsmanagements eine gewisse Flexibilität des eigenen Verhaltens möglich sei und diese näher zum „wahren“ Selbst verleiten kann. Ziehen wir in diesem Kontext ein Beispiel heran, welches ein fiktives Gespräch zwischen eng verbundenen Freunden, sowohl Männer als auch Frauen, illustrieren soll. Sobald ein Mitglied dieser Gruppe mit einem Thema, einer Situation oder Frage konfrontiert wird, welches für ihn unangenehm scheint, so könnte es sowohl darauf eingehen und der Gruppe seine Unsicherheit der Situation gegenüber kund tun, weil die Annahme zwischen dieser ge­schlossenen Freundesgruppe ein starkes Vertrauensverhältnis und eine Basis für eine offene Ge­sprächskultur bedeutet und sie einander das „wahre“ Selbst des anderen kennen und akzeptieren. So müssten Gefühle weder nachjustiert noch gerechtfertigt werden. Das Mitglied könnte der Situation ebenso ausweichen, weil es den restlichen Gruppenmitgliedern wiederum gerecht werden möchte (das eingangs erwähnten Phänomens, als Frau/Mädchen seinem „Ruhigen Wesen“ den männlichen Gruppenmitgliedern gerecht werden zu müssen) oder antwortet womöglich zugunsten der Gruppe, aber entgegen seiner tatsächlichen Gefühle3. Hier könnte also die diametrale Annahme entstehen, das Gruppenmitglied hätte die Wahl welchen Gefühlen er sich bedienen wolle. Widersprüchlicher Weise wird im Beispiel deutlich, dass selbst die vertraute Freundesgruppe vermutlich gewisse Ansprüche an ein Mitglied und seine Reaktion haben könnte, ohne diese explizit kommunizieren zu müssen, wodurch die Flexibilität und die vermeintliche Wahl der Gefühlsfreiheit hinfällig wäre. Demnach würde auch hier der Mensch zu Gunsten anderer funktionieren, weil dieser glaubt dem Anspruch des richtigen Handelns gerecht werden zu müssen (wie es bereits im beruflichen Kontext zu beobachten gilt). Doch diese ständige Konfrontation mit der eigenen Person könnte auch zu einem stärkeren Be­wusstsein des eigenen, „wahren“ Selbst führen, unabhängig des Verlaufs der Situation. Sobald sich das Individuum in einer fortlaufenden Kommunikation befndet, befasst es sich auch zwangsläufig mit sich selbst (vgl. Engelhardt 2010: 126). Werfen wir einen Blick auf den sozialen Kontext, so fällt auf, dass der immer weiteren Selbstentfremdung im kapitalistischen Dienstleistungssektor, das Phä­nomen der Selbstfürsorge gegenübersteht (Flick 2009: 109). Kann die Selbstfürsorge ein praktisches Hilfsmittel sein um zur Identität, also zum „wahren“ Selbst zu führen? Selbstfürsorge beschreibt den reflexiven Zugang zu sich selbst und zu anderen und soll im Zuge dieses Konzeptes gestärkt, aktua­lisiert und kritisch hinterfragt werden. Hierbei steht nicht nur die bestmögliche Bewältigung der An­Forderungen an die Arbeit, sondern vor allem die des Alltages im Fokus (vgl. Flick 2009: 105).

Doch müsste die Prämisse der Selbstfürsorge nicht diese sein, die eigenen, wahren Gefühle bereits erkennen und lokalisieren zu können, um sie von der Selbstentfremdung zu schützen und dem ein­gangs erwähnten „falschen“ Selbst abgrenzen zu vermögen? Hochschild spricht in diesem Kontext davon, dass Menschen versuchen ihre Gefühle zu reorganisieren (vgl. Hochschild 1983: 154). Für diese Reorganisation bräuchte es vermutlich ein „drittes“ Selbst, welches zwischen dem „wahren“ und dem „falschem“ Selbst unterscheiden könnte. Goffman beschreibt die „Ich-Identität“ u.a. als das subjektive Empfinden eines Individuums der eigenen Situation, sowie ihrer Kontinuität, welches sich als Resultat der verschiedenen sozialen Erfahrungen entwickelt (vgl. Engelhardt 2010: 128). Wie auch A. Hoschild erläutert, spielt in diesem Kontext die Reflexivität eine entscheidende Rolle. Die Ich-Identität ist mit einer intrinsischen Wahrnehmung auf die eigene Person und einer ebenfalls nach außen auf die soziale Umwelt ausgerichtete Wahrnehmung und Reflexivität ausgestattet (vgl. Engel­hardt 2010: 129). Hier wird ein entscheidender Punkt ersichtlich: eine Identität, ein „Selbst“, kann nie unabhängig von dem sozialen Kontext entwickelt werden.

[...]


1 Publikum hier als Gesellschaft zu verstehen

2 In Anbetracht des Umfangs der Arbeit kann hierauf nicht weiter eingegangen werden.

3 Dies ließe sich psychologisch in unterschiedliche Persönlichkeitstypen und Motivationen differenzieren, würde aller­dings in diesem Kontext nicht passen.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Gefühlsarbeit und Bildung der eigenen Identität
Untertitel
Ein Einblick in die Gefühlswelt aus soziologischer Sicht
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
10
Katalognummer
V937257
ISBN (eBook)
9783346261946
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gefühle, Arbeit, Individuum, Identität, Geschlechterverhältnisse
Arbeit zitieren
Anna Eibenstein (Autor), 2020, Gefühlsarbeit und Bildung der eigenen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937257

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