Die Türkenoper. Geschichte und Faszination


Hausarbeit, 2020

16 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Fehde zwischen Islam und Christentum in der Literatur

3. Die „Türkenoper“
a. Die „türkische Musik“ zur Zeit Mozarts
b. Orientbilder im 18. Jahrhundert und Mozarts Singspiel
c. Die Nachfolger der Türkenoper

4. Fazit

Literaturverzei chnis

1. Einleitung

„The conflicts of the future will occur along cultural fault lines separating civilizations” prophezeite der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington 1993.1 Eine dieser Zivilisationen ist für ihn die westliche Welt, eine andere der Islam. Diese Vorhersage traf er noch vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und der Flüchtlingskrise 2015. Der Konflikt zwischen den beiden Weltreligionen Christentum und Islam schwelt allerdings schon deutlich länger. Auch in der Kunst und der Literatur wurde dieses Problem über die Jahrhunderte immer wieder diskutiert. Im Musiktheater entwickelte sich das Genre Türkenoper. Um dessen Geschichte soll es in dieser Hausarbeit gehen Dazu werden zunächst die Vorläufer der Türkenoper beschrieben. Daran schließt sich eine kurze Darstellung der Orientbilder und der „türkischen“ Musik zur Zeit Wolfgang Amadeus Mozarts an. In einem dritten Schritt wird die weitere Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert skizziert.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Geschichte der Türkenoper nachzuzeichnen und die Ursachen für die Faszination für dieses Sujet sowohl bei seinen Komponisten als auch beim Publikum zu finden.

2. Die Fehde zwischen Islam und Christentum in der Literatur

Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts entstand die bis heute berühmte Parabel Giovanni Boccaccios, die sich mit dem Streit um die wahre Weltreligion befasst. Anhand eines Ringes, welcher immer vom Vater an den tüchtigsten Sohn weitergegeben wird und dessen Patriachat über die Familie sichern soll, wird der Konflikt erörtert. Es entsteht das Problem, dass in der Familie drei Söhne leben, die alle vom Vater gleich geliebt werden, weswegen er sich nicht entscheiden kann, an wen er den Ring weitervererben soll. Er lässt daraufhin zwei weitere Ringe anfertigen, die sich vom ursprünglichen Ring nicht unterscheiden lassen und vererbt jedem der Söhne einen davon. Anhand des Beispiels versucht der Autor bereits im Mittelalter darauf hinzuweisen, dass eine höhere Macht nicht bestimmte Menschen bevorzugt, nur weil sie eine Religion vertreten, die von derjenigen anderer Menschen abweicht. 2

Da Europa durch das Osmanische Reich im Verlauf der Geschichte immer wieder militärisch bedroht wurde, griff auch der berühmte Dichter des Barock Daniel Casper von Lohenstein im Jahr 1653 in seinem türkischen Trauerspiel Ibrahim Bassa die Thematik auf. Zu diesem Werk schrieb die FAZ anlässlich einer Wiederaufführung Anfang dieses Jahrhunderts:

„Der Inhalt interessiert nur am Rand. Was zählt, ist die fulminante endlose Aufzählung aller Greuel, die das christliche, türkenpanische Europa - 1529 hatten osmanische Heere Wien belagert, 1683 sollten sie es wieder tun - dem Gegner zuschrieb. Darin war der halbwüchsige Dramatiker von Lohenstein Meister: Triebhaft, blutrünstig, verschlagen, gewissenlos, brutal und unberechenbar sind seine Sultane, Minister, Eunuchen und Haremsdamen. Edle unschuldige Opfer dagegen deren christliche, meist durch Raub oder Schicksal in die Hände der türkischen „Hohen Pforte“ geratene Gegenüber.“3 Der Forscher Said bemerkt dazu, dass die Orientalismusforschung lange Zeit nur von Europäern betrieben wurde. Dies führte dazu, so Said, „dass der islamische Orient für die Europäer „zum paradigmatischen „Anderen“, „Fremden“ Nichteuropäischen überhaupt wurde, weil er dank seiner geographischen Nähe jahrhundertelang die einzige Zivilisation war, mit der die Europäer näheren Kontakt hatten und von der sie ernsthaft bedroht wurden.“ 4 Seine These ist, dass der westliche Orientalismus ein Weg gewesen sei um die Forschung zu dominieren, den Orient zu restrukturieren und Kontrolle über ihn zu haben.5 Die Wurzeln dieses Problems sieht der Germanist Wilson in den europäischen Kreuzzügen und der mit ihnen verbundenen Ideologie.6 7

Von Lohenstein selbst fasste den Inhalt von Ibrahim Bassa folgendermaßen zusammen:

„Ibrahim ein welscher Fürst/ welchen Solimann wegen tapferer Thaten aus einem Leibeigenen zum grossen Vishire gemacht/ wird aus der Flucht nach Genua/ durch welche Er seine Libste zu retten dachte/ in die sich währendem Aussen-Sein des Ibrahims in Persen Soliman verliebet/ nach Constantinopel gefangen bracht/ und auf Ohrenbläserisch Anstiften der Keiserin und des Rusthans/ jämmerlich erwürget.“

Der Theaterwissenschaftler Spellerberg nennt als ein wichtiges Thema des Ibrahim Bassa den „Kampf zwischen Vernunft- und Affektbestimmtheit“.8 Hierin liegt die Verbindung zur Aufklärung im 18. Jahrhundert, da auch dort die Ratio eine wichtige Rolle spielt. Nach Kants wohl berühmtestem Satz ist Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Dies bedeutete auch, dass man über die vergangenen Türkenkriege und den Konflikt mit den „orientalischen“ Völkern selbstkritisch reflektierte. Unter Berufung auf seine Voltaire-Übersetzungen stellte Gotthold Ephraim Lessing fest die Kreuzzüge hätten „so große und so schändliche Handlungen, neue Königreiche, neue Stiftungen, neues Elend, und endlich weit mehr Unglück als Ruhm hervorgebracht.“9

In seinem berühmtesten Drama Nathan der Weise, das in Teilen eine Wiederaufarbeitung von Boccacios Ringparabel darstellt, erörterte auch er den Konflikt zwischen den Weltreligionen. Leider war zu dieser Zeit, wie Wilson bemerkt, der Antisemitismus in Deutschland noch weit verbreitet, weshalb der Jude Nathan bei Lessing deutlich negativer gezeichnet ist als in Boccaccios Novelle.10 Bei Boccaccio ist er vor allem der Weise, der die Parabel von den drei Ringen erzählt und dadurch einen neuen Freund gewinnt. In Lessings Drama ist das Verhältnis der Protagonisten zueinander deutlich komplexer. Bereits ein Jahr vor der Uraufführung des 1779 veröffentlichten Theaterstücks, im Jahr 1783, hatte Mozarts Türkenoper Die Entführung aus dem Serail ihre Premiere. Dieses Genre soll nun näher betrachtet werden.

3. Die „Türkenoper“

Im Musikdrama entstand unter dem Terminus „Türkenoper“ ein eigenes Genre, das aus der Verbindung zwischen den beiden Kulturräumen hervorging. Da hierunter jedoch zunächst alle außereuropäischen Einflüsse auf die europäische Kunst(musik) fielen, trägt der entsprechende Eintrag im Lexikon Musik in Geschichte und Gegenwart den allgemeineren und politisch korrekteren Titel Exotismus. Dennoch war der Konflikt mit den Osmanen lange Zeit das beliebteste exotische Sujet des Musiktheaters. In dieser musikalischen Gattung konnten religiöse und kulturelle Konflikte gut herausgearbeitet werden. Den Ausgangspunkt sieht der Musikwissenschaftler Betzwieser bereits im 9. Jahrhundert, „als sich die arabische Kultur auf dem europäischen Kontinent in Südspanien etablierte und einen Jahrhunderte anhaltenden kulturellen Austausch initiierte “.n Zum allerersten Mal auf die Bühne gebracht wurde dieser Konflikt nach Betzwieser in Molières Bürger als Edelmann mit Musik von Jean-Baptiste Lully von 1670.11 12 Am Ende dieses Werks tritt der bürgerliche Kaufmann Cléonte als Sohn eines türkischen Gesandten auf, um die Einwilligung des Vater seiner Geliebten zur Hochzeit zu bekommen. Auch Wünsch schreibt, dass die Anfänge der Türkenoper in der Spätrenaissance verortet werden können, „in einer Zeit der Erweiterung des Horizontes in geographischer Hinsicht und mit der Gestaltung des Balletts als hoher Ausdrucksform des mimischen Tanzes. Vorläufer waren Aufzüge mit der Gegenüberstellung von Christen und Sarazenen“. Im Gegensatz zu Betzwieser sieht er die Anfänge bereits in der moresca aus der ältesten komplett erhaltenen Oper Orfeo von Claudio Monteverdi angelegt.13

Angesichts der vielen Kriege zwischen Venedig und den Osmanen überrascht es auch wenig, dass Antonio Vivaldi 1718 eine Oper über den albanischen Nationalhelden Skanderbeg, der 1444 einen großen Sieg über die Türken errungen hatte, schrieb. Dieser war auch die Hauptfigur in einer fünfaktigen „tragédie lyrique“ des Jahres 1735, die der Architekt Georges Petrovich erwähnt.14 Ebenso griff Johann Adolf Hasse das Thema in seiner Oper Solimano 1753 auf. Das berühmteste Beispiel einer Türkenoper ist jedoch Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail aus dem Jahr 1782, das Wünsch als „die schönste und eindrucksvollste Türkenoper“ bezeichnet.15 Diese wartete auch stilbildend mit „türkischem“ Kolorit in der Musik auf, worauf nun näher eingegangen wird.

a. Die „türkische Musik“ zur Zeit Mozarts

Seit der zweiten Belagerung Wiens von 1683 verbreitete sich auch in Europa und insbesondere in Österreich die Musik der türkischen Militärkapellen (mehterhâne genannt) unter dem Begriff der Janitscharenmusik. Deren ursprüngliche Funktion war die Motivation und Unterhaltung der Soldaten. Die Schlaginstrumente dieser Musik wurden in das österreichische Militär übernommen.16 Es sind dies hauptsächlich die türkische Trommel, Becken beziehungsweise Zimbeln und Triangel sowie der verstärkte Einsatz von Pauken. Diese Instrumente griffen die Komponisten der Wiener Klassik auf, wenn sie dem Fremdländischen Ausdruck verleihen wollten. Zur Imitation der zu der Familie der Trichteroboen gehörenden türkischen Blasinstrumente wurden dagegen keine neuen Instrumente verwendet, sondern hohe, beispielsweise in C gestimmte Klarinetten eingesetzt. Bereits17 war ein Journalist der Allgemeinen Musikalischen Zeitung der Verwendung dieser türkischen Elemente in der Kunstmusik überdrüssig und schrieb:

„Der häufige Gebrauch der großen Türkischen Trommel, die nur selten, als Contrast angewandt, wirken sollte, ist [...]für ein gebildetes Ohr beleidigend, und es ist zu wünschen, dass nun, nach langem entbehrtem Frieden, mit diesem auch wieder der Sinn für sanftere Musik zurückkehren möge. Für rohe Naturen mag der Lärm allerdings einen eigenen Reiz haben, welches die Musik aller unzivilisierten Völker bestätigt. Es ist der Reiz der Rhythmik und des Metrums, den wir aber auf eine zartere Weise befriedigen können.“

Neben der Instrumentierung wurden als Elemente der osmanischen Musik folgende Eigenschaften in die Klassik übernommen: häufige Sequenzierungen, verstärkte Unisono­Passagen, kontrastreiche Dynamik sowie verstärkte Wechsel von Dur und Moll und ungewöhnliche Modulationswechsel.18

[...]


1 Huntington, 1993, S.25

2 Boccaccio, S. 33 f.

3 Bartetzko, 2014

4 Said, zit. nach Wilson S. 16

5 Vgl. Said, zit. nach Steiner, S. 84

6 Vgl. Wilson

7 v. Lohenstein, zit. nach Wilson, S. 26

8 Spellerberg, 1970, S.188

9 Wilson, S. 60

10 Wilson, S. 60

11 Betzwieser, 2016

12 Vgl. Betzwieser, 2016

13 Ders. S. 87

14 Wünsch, S. 89

15 Wünsch, S. 86

16 Vgl. Jäger, S. 493

17 Allgemeine musikalische Zeitung 19 (1817), Nr. 29, 16.Juli 1817

18 Vgl. Jäger, S. 492

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Türkenoper. Geschichte und Faszination
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V937379
ISBN (eBook)
9783346260345
ISBN (Buch)
9783346260352
Sprache
Deutsch
Schlagworte
türkenoper, geschichte, faszination
Arbeit zitieren
Moritz Fischer (Autor), 2020, Die Türkenoper. Geschichte und Faszination, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937379

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