Kinder psychisch kranker Eltern. Risiken, Bewältigungsstrategien und sozialarbeiterische Unterstützungsmöglichkeiten im Bereich der Psychiatrie


Bachelorarbeit, 2020

112 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I Theoretischer Teil

1. Einleitung
1.1 Anlass
1.3 Relevanz der Thematik für die Soziale Arbeit

2. Einführung in die psychischen Störungen
2.1 Definition psychische Störungen
2.2 Psychische Störungen nach ICD-10
2.3 Epidemiologie und Prävalenz
2.3.1 Prävalenz psychisch kranker Eltern
2.3.2 Prävalenz psychisch kranker Kinder

3. Erkrankungsrisiko der Kinder bei psychisch kranken Eltern
3.1 Genetische Faktoren
3.2 Psychosoziale Faktoren
3.2.1 Erziehungskompetenz
3.2.2 Eltern-Kind-Beziehung
3.2.3 Partnerschaftliche Beziehung der Eltern
3.2.4 Familienbeziehungen
3.2.5 Individuelle kindbezogene Faktoren
3.3 Einfluss auf die kindliche Entwicklung
3.4 Psychische Störungen und Kindeswohl

4. Subjektives Erleben der psychischen Störung
4.1 Subjektives Erleben der Kinder
4.1.1 Wissen über die psychische Störung der Eltern
4.1.2 Tabuisierung und Isolierung
4.1.3 Parentifizierung
4.2 Subjektives Erleben der Eltern..

5. Bewältigungsstrategien der Kinder
5.1 Resilienz
5.1.1 Personale Schutzfaktoren
5.1.2 Familiäre Schutzfaktoren
5.1.3 Soziale Schutzfaktoren
5.1.4 Spezifische Schutzfaktoren Kinder psychisch kranker Eltern
5.2 Coping
5.2.1 Klassische Copingstrategien
5.2.2 Familiäres Coping

6. Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder psychisch kranker Eltern durch die Soziale Arbeit innerhalb der Psychiatrie
6.1 Intervention und Prävention
6.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie
6.3 Spezifische Präventions- und Interventionsangebote für Kinder psychisch kranker Eltern
6.3.1 Mutter-Kind-Behandlung
6.3.2 Soziale Einzelfallhilfe
6.3.3 Gruppenangebote
6.3.4 Familienberatung und -therapie
6.3.5 Psychoedukation
6.3.6 Krisenintervention
6.4 Kooperation zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe

7. Zusammenfassung des theoretischen Teils

II Empirischer Teil

8. Methode
8.1 Zielsetzung der empirischen Untersuchung
8.2 Methodische Vorgehensweise
8.4 Interviewsetting und –durchführung..

9. Darstellung der Interviewergebnisse
9.1 Persönliche Haltung zur Thematik
9.2 Versorgungsangebot
9.3 Vernetzung verschiedener Institutionen
9.4 Meinung und Erfahrung bezüglich der Rolle der Sozialen Arbeit
9.5 Kritik und Zukunftsausblick

10. Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse

11. Kritische Betrachtung der Methode

12. Fazit

12. Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: 12-Monats-Prävalenz psychischer Erkrankungen in der erwachsenen Bevölkerung, aufgeteilt nach Geschlecht, nach dem Dossier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 2018, online

Abbildung 2: Prävalenz psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen (ICD-10 F00-F99) in Abhängigkeit des Alters im Jahr 2017 aus Batram et. al. Kinder und Jugendreport 2019, S. 112

I Theoretischer Teil 1. Einleitung

Kinder entwickeln sich zu selbstbewussten und ausgeglichenen Erwachsenen, wenn sie in einer stabilen und geborgenen Umgebung aufwachsen. Die Befriedigung emotionaler und sozialer Bedürfnisse spielt dabei eine bedeutsame Rolle. Die Eltern stellen dabei besonders bedeutsame Bezugspersonen für die Kinder dar und fungieren als Vorbilder und Vertraute. Wenn ein Elternteil diese Rolle aufgrund einer psychischen Störung nicht erfüllen kann, gerät das Leben der Kinder schnell ins Wanken. Kinder psychisch kranker Eltern werden mit besonderen Beeinträchtigungen und Belastungen konfrontiert und weisen zudem ein deutlich gesteigertes Risiko auf, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken. Damit steigt die Bedeutsamkeit passender präventiver und intervenierender Versorgungsangebote deutlich. Die Prognose der betroffenen Kinder kann erheblich verbessert werden, wenn ihre Ressourcen gestärkt, Aufklärungsarbeit geleistet und die Familien mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil umfangreich unterstützt werden. Die klinische Sozialarbeit sowohl in der Erwachsenenpsychiatrie, als auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stellt dabei eine wichtige Anlaufstelle dar.

1.1 Anlass

Während meines Praktikums im Wintersemester 2018/ 2019 in der Psychiatrie Heidelberg erhielt ich Einblicke in die Erwachsenenpsychiatrie, sowie in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort wird täglich mit Familien gearbeitet, bei denen ein oder beide Elternteile eine psychische Störung aufweisen. Besonders beschäftigt hat mich dabei die Tatsache, dass die Mehrheit der Eltern nicht wussten wie sie mit ihrer psychischen Krankheit innerhalb der Familie, vor allem gegenüber ihren Kindern, umgehen sollten und welche Angebote sie und die Kinder wahrnehmen können. Aus diesem Anlass entschloss ich mich, mich dieser Thematik im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit zu widmen. Dies stellte auch einen der ausschlaggebenden Faktoren für die Wahl meiner Thematik im Zuge dieser Bachelorarbeit dar.

Ziel der Arbeit ist es, vertieftes Wissen darüber zu erlangen, wie genau sich psychische Störungen der Eltern auf das Leben und die Entwicklung der Kinder auswirken, wie die Kinder damit umgehen können und welche individuellen Schutzfaktoren Kinder besitzen. Denn obwohl Kinder psychisch kranker Eltern zu einer besonderen psychiatrischen Risikogruppe gehören, haben sie nicht selten die Fähigkeit trotz widriger Umstände zahlreiche Belastungen zu bewältigen und gestärkt aus der Situation herauszutreten. Diese Fähigkeit zu unterstützen und zu fördern ist eine der Aufgaben der Sozialen Arbeit. Die Untersuchung, wie dies innerhalb der Psychiatrie durch die Soziale Arbeit gelingen kann, und welche weiteren Unterstützungsmöglichkeiten die Soziale Arbeit in der Psychiatrie für die Kinder und auch die Eltern bietet, bildet ebenso ein Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit.

Aus dieser Thematik ergab sich die Forschungsfrage: Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit innerhalb der Psychiatrie bei der Intervention und Prävention zur Stärkung von Kindern in Familien mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil. Durch qualitative, leitfadengestützte Expert*inneninterviews soll zudem ein Bezug zu Praxiserfahrungen innerhalb dieser Thematik und der damit verbundenen Forschungsfrage hergestellt werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit ist in einen theoretischen und einen empirischen Teil untergliedert. Der theoretische Teil basiert auf Literaturrecherche und führt nach der Einleitung durch verschiedene theoretische Grundlagen über psychische Störungen und die dazugehörige Epidemiologie und Prävalenz in die Thematik ein. Dabei konzentriert sich diese Arbeit nicht auf eine spezifische psychische Störung, sondern deckt bewusst die häufigsten psychischen Störungen ab, um eine möglichst allgemeine und lebensnahe Betrachtung der Thematik „Kinder psychisch kranker Eltern“ zu ermöglichen. Darauffolgend befasst sich die Arbeit mit den unterschiedlichen Faktoren, die das Risiko erhöhen können, dass Kinder selbst an einer psychischen Störung erkranken und welchen Einfluss eine elterliche psychische Störung auf die kindliche Entwicklung haben kann. Sowohl das subjektive Erleben von Kindern psychisch kranker Eltern, sowie deren Wissen über die Erkrankung und die Auswirkungen auf deren Gefühlswelt und den Alltag werden beleuchtet, als auch das Erleben der Eltern über ihre eigene psychische Störung und dessen Auswirkung auf das Familienleben. Ein weiterer Teil widmet sich den unterschiedlichen Schutzfaktoren, welche die Widerstandsfähigkeit und die passenden Bewältigungsstrategien der Kinder fördern können. Anschließend werden unterschiedliche präventive und intervenierende Unterstützungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie dargestellt. Hierzu werden verschiedene Aufgaben und Methoden der Sozialen Arbeit explizit aufgezeigt. Diese umfassen die Mutter- Kind-Behandlung, soziale Einzelfallhilfe, Familienberatung und -therapie, Psychoedukation und Krisenintervention.

Im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit werden die theoretisch erarbeiteten Kenntnisse durch eine empirische Untersuchung in die Praxis umgesetzt. Diese Untersuchung besteht aus zwei qualitativen Expert*inneninterviews, deren genaue Durchführung und Ergebnisse erläutert und diskutiert werden. Die vorliegende Arbeit wird anschließend durch eine zusammenfassende Stellungnahme und einen Ausblick abgerundet.

In dieser Bachelorarbeit wird von einer Familie gesprochen, wenn mindestens eine erwachsene Person mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren in einem Haushalt lebt. Es spielt keine Rolle, ob beide Elternteile vorhanden sind oder nur ein Vater oder eine Mutter die Erziehung übernimmt, ob sie verheiratet, alleinerziehend oder ob es sich um eine Patchwork-Familie, hetero- oder homosexuelle Elternpaare sowie weitere moderne Familiensysteme handelt.

Des Weiteren ist zu beachten, dass in dieser vorliegenden Arbeit der Begriff des Kindes die Jugendphase miteinbezieht, es sei denn es wird explizit differenziert.

1.3 Relevanz der Thematik für die Soziale Arbeit

Laut Hammerschmidt besteht die Aufgabe der Sozialen Arbeit in der Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen der Adressaten, um den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden (vgl. Hammerschmidt et al. 2017, S. 13).

Kinder psychisch kranker Eltern sowie die Eltern selbst sind zahlreichen Problemen ausgesetzt und infolgedessen in ihrer alltäglichen Lebensführung sowie in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, wodurch sie häufig nicht den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht werden können. Eine umfassende Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen stellt deshalb für die Familie eine erhebliche Hilfe dar. Einige Tätigkeitsbereiche der Sozialen Arbeit werden mit Kindern psychisch kranker Eltern und deren Folgen konfrontiert, häufig jedoch erst wenn die Kinder psychisch kranker Eltern selbst auffällig werden. Ein wichtiges Feld der Sozialen Arbeit ist deshalb die Unterstützung, d.h. die Prävention und Intervention, für Kinder und Familien mit psychiatrischen Störungsbildern. Einer der Bereiche, welcher mit dieser Thematik täglich in Berührung kommt, ist die klinische Sozialarbeit. Sowohl Erwachsenenpsychiatrien, inklusive Mutter-Kind-Behandlungen, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Frühbehandlungszentren sowie unterschiedliche Kooperationen und Präventionsprojekte innerhalb der Psychiatrie, stellen ein vielseitiges Arbeitsfeld von Sozialarbeiter*innen dar, welche im Verlauf dieser Bachelorarbeit genauer beleuchtet werden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit in ihrem Berufsalltag häufig mit Kindern psychisch kranker Eltern bzw. den erkrankten Eltern und Familienangehörigen arbeiten, und eine wichtige Rolle in Bezug auf eine adäquate Prävention und Intervention spielen. Demnach erweist sich eine genaue Betrachtung der verschiedenen Hilfsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie bei Kindern psychisch kranker Eltern, sowie die damit verbundenen Herausforderungen für die Praxis der Sozialen Arbeit, als zielführend.

2. Einführung in die psychischen Störungen

Um sich die Auswirkungen psychisch kranker Eltern auf das Leben der Kinder vorstellen zu können und ein besseres Verständnis für deren Lebenslagen zu erlangen, ist es zunächst wesentlich, ein allgemeines Verständnis für psychische Störungen zu entwickeln. Für die weitere inhaltliche Ausführung und für ein tieferes Verständnis der Thematik werden zudem noch die Epidemiologie und Prävalenz psychischer Störungen aufgezeigt. Zusätzlich ist darauf hinzuweisen, dass in dieser Bachelorarbeit die Begriffe „psychische Störung“, „Krankheit“ und „Erkrankung“, ohne jegliche Wertung, als Synonym verwendet werden, auch wenn das Hauptaugenmerk auf dem Begriff der psychischen Störung liegt.

2.1 Definition psychische Störungen

Derzeit besteht eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen für ein abweichendes Erleben und Verhalten, welche jedoch alle gemeinsame Merkmale aufweisen. Wird von einem abweichenden Verhalten gesprochen, ist dabei immer zu beachten, dass dies gesellschaftliche Bewertungen impliziert. Die meisten Bewertungsmaßstäbe für abweichendes, abnormes Verhalten unterliegen verschiedenen kulturellen und sozialen Merkmalen. Zudem muss für das Kriterium des abweichenden Verhaltens eine gewisse Persistenz und Angemessenheit hinsichtlich des Alters und Geschlechts vorliegen (vgl. Steinhausen, 2019, S. 22). Die häufigsten gemeinsamen Merkmale psychischer Störungen sind beeinträchtigte Lebensführung, Selbstgefährdung und Fremdgefährdung sowie persönliches Leid bzw. die Ich- Dystonie und Ich-Syntonie1 (vgl. Caspar et. al., 2018, S. 7).

Eine Definition psychischer Störungen der WHO lautet:

„Psychische Störungen stellen Störungen der psychischen Gesundheit einer Person dar, die oft durch eine Kombination von belastenden Gedanken, Emotionen, Verhaltensweisen und Beziehungen zu anderen gekennzeichnet sind. Beispiele für psychische Störungen sind Depressionen, Angststörungen, Verhaltensstörungen, bipolare Störungen und Psychosen“ (WHO, 2019, online).

In dieser Definition beleuchtet die WHO nicht nur die Seite der psychischen Störungen, sondern auch die Seite der psychischen Gesundheit. Die psychische Gesundheit ist demnach eine erforderliche Voraussetzung, um normale Lebensanforderungen zu bewältigen, leistungsfähig zu sein und einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten. Menschen bewegen sich dabei immer zwischen den beiden Polen aus Gesundheit und Krankheit. Aus diesem Grund ist es von höchster Wichtigkeit, nicht nur auf Unterstützungsmöglichkeiten und Bedürfnisse von Menschen mit diagnostizierten, psychischen Störungen einzugehen, sondern auch präventiv die psychische Gesundheit, vor allem von Kindern, zu fördern (vgl. ebd., online).

2.2 Psychische Störungen nach ICD-10

Die Art der psychischen Störung wird anhand von Klassifikationssystemen diagnostiziert. Eine Diagnose ermöglicht die Zusammenfassung von abweichenden bzw. abnormen Verhaltensweisen, und stellt daher den ersten Schritt der wissenschaftlichen Klassifikation dar (vgl. Steinhausen, 2018, S. 23). Die gängigsten diagnostischen Klassifikationssysteme für psychische Störungen sind das ICD (International Classification of Diseases) der WHO, und das von der amerikanischen Psychiatriegesellschaft entwickelte DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). In diesen Klassifikationssystemen geht es darum, ob Kriterien für ein oder mehrere Störungen über einen gewissen Zeitraum hinweg erfüllt sind. Ist dies der Fall, so handelt es sich um eine diagnostizierte psychische Störung (vgl. Casper et. al., 2018, S. 7). In Deutschland richtet sich die Vergabe der Diagnosen nach dem von der WHO geltenden Klassifikationssystem ICD-10. Das ICD-10 ist die aktuell in Deutschland genutzte Version. Die neue Version, das ICD-11, erschien im Juni 2018. Wann diese jedoch in den deutschsprachigen Ländern eingeführt wird, ist noch nicht absehbar (vgl. Steinhausen, 2019, S. 22). Auch im ICD ist die Rede von „psychischen Störungen“ aufgrund der deskriptiveren Charakteristik (vgl. Franke, 2012, S. 63).

Die für diese Arbeit besonders relevanten Kategorien werden im ICD-10 wie folgt eingeteilt:

- F 1: Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
- F 2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
- F 3: Affektive Störungen
- F 4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
- F 5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
- F 6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (vgl. ebd., S.25) F 1: Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen:

Zu dieser Kategorie gehören jegliche Störungen, welche durch den exzessiven Gebrauch von einer oder mehreren psychotropen Substanzen gekennzeichnet sind. Diese Substanzen können sowohl legal als auch illegal sein, z.B. Nikotin, Alkohol, Cannabis, Halluzinogene und Opioide. Die Wahrnehmung, das Denken, Fühlen und Handeln der Person ist durch die Substanzen stark beeinflusst. Generell werden unterschiedliche Schweregrade und klinische Erscheinungsbilder festgestellt. Unterschieden wird zwischen einer akuten Intoxikation, schädlichem Gebrauch, Substanzabhängigkeit, Entzugssyndrom, psychotische Störung, amnestisches Syndrom2, Restzustand, verzögert auftretende psychotische Störung und sonstigen psychischen Verhaltensstörungen (vgl. Casper et. al., 2018, S. 103). Ab wann eine Person als abhängig bezeichnet werden kann, wird anhand des „Abhängigkeitssyndrom“ herausgearbeitet. Hierfür liegen verschiedene Kriterien vor, von welchen mindestens drei erfüllt sein müssen. Diese sind ein starkes Verlangen, die Substanz zu konsumieren, eine verminderte Kontrolle über den Gebrauch, ein körperliches Entzugssyndrom, die Einengung der Interessen auf den Substanzgebrauch, die Vernachlässigung anderer Interessen sowie der anhaltende Substanzgebrauch, obwohl sich schon schädliche Folgen zeigen (Dilling, Freyberger, 2017, S. 61-89).

F 2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

Die Schizophrenie und schizophrene Psychosen sind jene psychischen Störungen, welche am häufigsten von der gesellschaftlichen Stigmatisierung betroffen sind. Das Krankheitsbild der Schizophrenie kann befremdlich wirken und auch die Betroffenen wirken auf ihr Umfeld häufig anders und skurril, was mit den inadäquaten Affekten und den Störungen des Denkens und Wahrnehmens der Betroffenen zusammenhängt (vgl. Dilling, Freyberger, 2017, S. 93). Bei der Schizophrenie handelt es sich um eine psychische Störung mit unterschiedlicher Symptomatik. Eine Einteilung in Positivsymptomatik und Negativsymptomatik hat sich hierbei als geeignet herausgestellt. Positive Symptome, welche in der Akutphase auftreten, sind Wahn, Halluzinationen und Ich-Störungen. Negative Symptome, welche in der chronischen Phase auftreten, umfassen dabei u.a. desorganisiertes Denken und Sprechen, psychomotorische Störungen sowie Affektstörungen. Bei einer Diagnose nach dem ICD-10 muss mindestens ein Symptom aus den Symptomgruppen der Ich- Störung, der inhaltlichen Denkstörung, kommentierende bzw. dialogische Stimmen oder bizarrer Wahn vorliegen. Auch können mindestens zwei Symptome aus den Symptomgruppen der Halluzinationen, formalen Denkstörungen, katatone Symptome oder negative Symptome über einen Zeitraum von mindestens einem Monat zur Diagnose führen (vgl. ebd. S. 85).

F 3: Affektive Störungen

Da psychisch kranke Eltern am häufigsten unter affektiven Störungen leiden, wird hierauf häufig ein besonderes Augenmerk gelegt (vgl. Lude, 2015, S. 317). Affektive Störungen beschreiben eine bedeutsame klinische Veränderung der Stimmungslage und des Aktivitätsniveaus einer Person. Unter Affekt wird die Grundstimmung verstanden, von welcher die betroffenen Personen abweichen. Die Grundstimmung ist nicht zu verwechseln mit plötzlich auftretenden Emotionen oder erregten Gefühlszuständen, die Grundstimmung bezeichnet vielmehr die überwiegende Stimmung einer Person zu sich selbst und zur Umwelt. Die Veränderung der Grundstimmung, also der Affekt, kann akut, chronisch oder episodisch erfolgen. Dabei haben die Affekte eine Ausdrucksdimension, eine körperliche Dimension und eine motivationale Dimension und unterscheiden sich in ihrer Dauer, Intensität und Qualität. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Ausprägungen von affektiven Störungen. Im Wesentlichen wird zwischen einer Manie und Hypomanie, der Depression in ihren verschiedenen Ausprägungen, bipolaren Störungen, rezidivierenden depressiven Störungen, anhaltenden affektiven Störungen sowie nicht näher bezeichneten affektiven Störungen unterschieden. Generell sind unipolare, depressive Episoden gekennzeichnet von Antriebslosigkeit und gedrückter Stimmung, die Manie oder Hypomanie hingegen ist von einer gehobenen, expansiven Stimmung, Motivation, gesteigerter Aktivität und Kontrollverlust gekennzeichnet. Die bipolare Störung vereint beide Kriterien, wobei diese meist abgegrenzt auftreten, d.h. es werden verschiedene Phasen der Manie oder der Depression durchlaufen. Je stärker dabei die bipolare Störung ausgeprägt ist, desto schneller hintereinander werden die jeweiligen Phasen erlebt (vgl. ebd.).

F 4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen

Es wird unterschieden zwischen phobischen Störungen wie der Agoraphobie und sozialen Phobie, anderen Angststörungen wie Panikstörungen oder generalisierten Angststörungen, Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, somatoformen Störungen, Zwangsstörungen und weitere neurotischen Störungen. Ängste sind für den Menschen überlebenswichtig und angeboren. Sie schützen den Menschen vor Gefahren und treten situationsadäquat auf. Klinisch bedeutsame Ängste sind dabei im Gegensatz zu alltäglichen Ängsten nicht vorübergehend, sondern für die Entwicklungsphase unangemessen und mit starken Beeinträchtigungen verbunden, welche die normale Entwicklung erschweren können und Probleme im sozialen Umfeld auslösen. Unter Zwangsstörungen bzw. Neurosen werden aufdrängende, wiederkehrende Gedanken und Handlungen verstanden, die von Betroffenen zwar als unangemessen empfunden werden, aber dennoch als Teil des eigenen Erlebens und Verhaltens betrachtet werden (vgl. Steinhausen, 2019, S. 213).

F 5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren

Zu dieser Kategorie zählen u.a. Essstörungen, nichtorganische Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen und, besonders relevant für diese Arbeit, die psychischen oder Verhaltensstörungen im Wochenbett, d.h. die Wochenbettdepression bzw. postpartale Depression3. Die Symptomatik der postpartalen Depression hat unterschiedliche Ausprägungen, sie kann von einer leichten depressiven Verstimmung bis hin zu schweren Depressionen reichen. Dabei treten alle Symptomatiken einer Depression auf: Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, Nachdenken, Konzentrations- und Schlafstörungen, verminderter Appetit und Erschöpfung. Sie beginnt in der Regel in den ersten Tagen bis Monaten nach der Entbindung. Tritt in dieser Zeit eine depressive Verstimmung für länger als zwei Wochen auf, wird von einer postpartalen Depression gesprochen. Die Mütter haben das Gefühl der Mutterrolle und die damit verbundenen Ansprüche des Kindes nicht gerecht werden zu können. Eine gestörte Mutter-Kind-Bindung ist dabei ein Teil der postpartalen Depression, wird jedoch von den Müttern häufig als eigenes Versagen bewertet (Rohde, 2014, S.8 ff). Bei jungen Müttern ist die Suizidgefahr im Allgemeinen geringer als in sonstigen Lebensphasen, bei der postpartalen Depression ist sie jedoch 70-fach erhöht (Deneke, 2015, online). In den vergangenen Jahren gewann die postpartale Depression vermehrt an Interesse seitens der Forschung, da diese mit langfristigen Folgen des Mutter-Kind-Verhältnisses verbunden sein kann. Zudem wurde festgestellt, dass die Auswirkungen einer postpartalen Depression bis ins Schulalter andauern können und die kognitive Entwicklung der Kinder jener Mütter generell langfristig schlechter und langsamer ist (vgl. Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S. 53).

F 6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

Bei den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen handelt es sich um tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster einer Person, welche sich in starren, normabweichenden, unangepassten und unzweckmäßigen Reaktionen auf verschiedene soziale und persönliche Lebensbedingungen äußern. Diese Störungen beginnen meist in der Kindheit und dauern bis ins Erwachsenenalter an. Die Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen wirken sich auf das Selbstbild, die gefühlsmäßige Einstellung zu sich und anderen und auf die Lebensüberzeugungen aus. Jedoch sind die Störungsbilder stark abhängig vom gesellschaftlichen Wandel, was gesellschaftlich als normal angesehen wird und was gesellschaftlich als auffällig angesehen wird. Es kann sich um spezifische Persönlichkeitsstörungen handeln, wie die paranoide, schizoide oder emotional-instabile Persönlichkeitsstörung oder um kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen. Eine der häufigsten Persönlichkeitsstörungen ist jedoch die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, wobei zwischen dem impulsiven Typ und dem Borderline Typ unterschieden wird. Der impulsive Typ handelt meist unvorhersehbar und unerwartet und neigt zu Gewalt und Streit. Der Borderline Typ zeichnet sich durch ein überwiegend unsicheres Selbstbild aus, stürzt sich in instabile Beziehungen, hat Angst verlassen zu werden und weißt ein chronisches Gefühl der Leere auf (vgl. Riechert, 2015, S. 71).

2.3 Epidemiologie und Prävalenz

Geht es darum, in welchem Maße psychische Störungen über die Bevölkerung verteilt sind, ist dies der Epidemiologie zuzuordnen. Unter Epidemiologie wird „die Wissenschaft von der Verteilung von gesundheitsbezogenen Phänomenen in der Bevölkerung“ verstanden (Caspar et. al., 2018, S. 27). Hierbei wird zwischen der deskriptiven und der analytischen Epidemiologie unterschieden. Die analytische Epidemiologie versucht aus Beobachtungen Schlüsse über kausale Zusammenhänge zu ziehen, die deskriptive Epidemiologie beschreibt Verbreitungen anhand von Zahlen (vgl. ebd. S.8). Die Prävalenz ist ein wichtiger Begriff der deskriptiven Epidemiologie. Unter Prävalenz wird die Häufigkeit einer Erkrankung innerhalb einer definierten Population verstanden. In der epidemiologischen Forschung psychischer Störungen wird v.a. die 12-Monats-Prävalenz sowie die Lebenszeitprävalenz bevorzugt. Hierbei handelt es sich um die Prävalenz innerhalb einer Periode, in dem Fall für das vergangene Jahr bzw. für die gesamte Lebensspanne (vgl. Wittchen, Hoyer, 2011, S.63).

Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Krankheiten überhaupt. Ungefähr 30% der deutschen Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung. Psychische Störungen stehen neben Herz- Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und Muskulatur- und Skelettbetreffenden Erkrankungen an vierter Stelle der bedeutsamsten Ursachen für Krankheiten (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2017, S. 1). Die häufigsten psychischen Störungen sind Angststörungen mit 15,4%, gefolgt von affektiven Störungen mit 9,8% und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum mit 5,7% (vgl. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 2019, online). Hinzu kommt noch eine hohe Dunkelziffer, denn psychische Störungen sind gesellschaftlich stigmatisiert und werden häufig verheimlicht, weshalb nicht jede*r Betroffene sich diagnostizieren lässt. In Bezug auf die Prävalenzrate psychischer Störungen gibt es zudem geschlechtsspezifische Unterschiede. So sind knapp jede dritte Frau und jeder fünfte Mann von psychischen Störungen betroffen. Folgendes Diagramm repräsentiert diese Verteilung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: 12-Monats-Prävalenz psychischer Erkrankungen in der erwachsenen Bevölkerung, aufgeteilt nach Geschlecht, nach dem Dossier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 2018, online

Auch die Verteilung der einzelnen Störungsbilder ist geschlechtsspezifisch, wie der Abbildung entnommen werden kann. Frauen sind doppelt so häufig von Angststörungen betroffen als Männer, wohingegen Männer deutlich häufiger Störungen durch Substanzkonsum aufzeigen. Generell erwecken solche Studien jedoch schnell den Anschein, dass psychische Störungen ein Frauenphänomen seien. Dies kann u.a. durch unterschiedliche Inanspruchnahme des Gesundheitssystems und Rollenstereotype erklärt werden. Frauen begeben sich häufiger in Behandlung und reden offener über psychische Störungen als Männer. Zudem sind Frauen im Schnitt sozialökonomisch schlechter gestellt als Männer, was das Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken, erhöht (vgl. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 2018, online).

2.3.1 Prävalenz psychisch kranker Eltern

Aufgrund der hohen Anzahl an psychischen Störungen in der Bevölkerung ist es nicht außergewöhnlich, dass psychisch kranke Menschen genauso häufig Kinder haben wie psychisch gesunde Menschen. Ca. 3 Millionen Kinder in Deutschland sind im Laufe eines Jahres mit psychisch kranken Eltern konfrontiert (Herpertz & Grabe, 2019, S.233). Es ist jedoch schwer abschätzbar, wie viele psychisch kranke Menschen davon tatsächlich Eltern sind, da sich die meisten Studien auf andere Gruppen konzentrieren, z.B. auf die Anzahl psychisch kranker Eltern bei stationär aufgenommenen Psychiatrie-Patienten. Ergebnisse dieser Studien zeigten, dass 28% aller stationär aufgenommenen Patienten Eltern sind und dabei ca. 70% mit ihren Kindern gemeinsam leben oder regelmäßigen Kontakt zu ihnen haben. Die Studie „Schizophrenie und Elternschaft“ (Lenz et. al., 2011) zeigt jedoch, dass schizophren erkrankte Eltern am häufigsten von ihren Kindern getrennt leben (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2017, S. 2). Auch die Rate der psychisch kranken Eltern variiert je nach psychischer Störung. Am häufigsten bei psychisch kranken Eltern sind die affektiven Störungen mit 70%, gefolgt von Eltern mit einer schizophrenen Störung mit 47%, sowie Persönlichkeitsstörungen und neurotische Störungen mit einer Elternschaftsrate von 44%. Prinzipiell sind Mütter häufiger von psychischen Störungen betroffen als Väter. (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2017, S.2).

2.3.2 Prävalenz psychisch kranker Kinder

Die Prävalenz psychischer Störungen bei Kindern4 liegt nach der Langzeitstudie KIGGS des Robert Koch-Instituts bei 16,9%. Dabei sind insgesamt Jungen mit 19,1% im Alter von 3 bis 14 Jahren häufiger betroffen als Mädchen mit 14,5%. Des Weiteren sind psychische Störungen bei Kindern aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Status häufiger vorhanden als bei Gleichaltrigen mit mittlerem bzw. hohem sozioökonomischen Status. Auch wenn die Zahlen psychischer Störungen bei Kindern einen leichten Rücklauf aufweisen, sind sie nach wie vor auf einem hohen Niveau. (Robert-Koch-Institut, 2018, online).

Auch im Kinder- und Jugendreport 2019 der DAK spiegeln sich diese Zahlen wieder:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Prävalenz psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen (ICD-10 F00-F99) in Abhängigkeit des Alters im Jahr 2017 aus Batram et. al. Kinder und Jugendreport 2019, S. 112

Auffällig ist, dass Jungen generell häufig betroffener sind als Mädchen, was das Gegenteil darstellt zur Prävalenz im Erwachsenenalter, bei welchem die Frauen eine höhere Prävalenz für psychische Störungen aufweisen. Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen steigt die Prävalenz bis zum Alter von fünf Jahren linear an und ist danach bis zum Jugendalter linear rückläufig, wie aus der Abbildung entnommen werden kann (vgl. Batram et. al, 2019, S. 112).

Zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter zählen unabhängig von Alter und Geschlecht Entwicklungsstörungen, Verhaltens- und emotionale Störungen wie z.B. hyperkinetische Störungen, neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen wie Angst- und Zwangsstörungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sowie affektive Störungen (vgl. ebd., S. 114).

3. Erkrankungsrisiko der Kinder bei psychisch kranken Eltern

Kinder mit psychisch kranken Eltern haben ein erhöhtes Risiko selbst eine psychische Störung im Laufe des Lebens zu entwickeln. Aus epidemiologischer Sicht stellt dabei die elterliche psychische Störung den ausschlaggebendsten Punkt dar, für Kinder selbst zu erkranken (vgl. Hantel-Quitmann, 2015, S. 132). Im Vergleich zu psychisch gesunden Eltern ist das Risiko bei psychisch kranken Eltern um ein Zwei- bis Zehnfaches erhöht. Trotz dem erhöhten Erkrankungsrisiko ist zu beachten, dass 90% der Kinder psychisch kranker Eltern keine psychische Störung entwickeln. Vor allem dann, wenn die Ressourcen der Kinder gestärkt werden und Eltern, Angehörige und Expert*innen wissen, wie sie in angemessener Weise mit der psychischen Störung der Eltern umgehen können (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 13).

Nachstehend werden genetische und psychosoziale Risikofaktoren für Kinder psychisch kranker Eltern herausgearbeitet sowie der Einfluss der psychischen Störung der Eltern auf die kindliche Entwicklung. Unter Risikofaktoren werden dabei jene Faktoren verstanden, welche das Risiko bei Kindern erhöhen, eine psychische Störung bzw. eine Entwicklungsabweichung aufzuweisen. Die Kumulation und wechselseitige Verstärkung unterschiedlicher Risikofaktoren sowie deren Andauern und Intensität bestimmen letztendlich, ob es in der Entwicklung zu Abweichungen kommen kann oder nicht (vgl. Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 303).

3.1 Genetische Faktoren

Die sogenannte „High-Risk-Forschung“ beschäftigt sich u.a. mit der Frage, welches Erkrankungsrisiko bei Kindern mit psychisch kranken Eltern besteht. Die meisten der High-Risk-Längsstudien wurden in den 1960er und 70er begonnen und beziehen sich auf affektive und schizophrene Störungen (Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S. 33). Für zahlreiche psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen gibt es eine genetische Disposition. Nicht zu verwechseln ist dabei die genetische Disposition bzw. Prädisposition mit der Vulnerabilität. Die Disposition ist eine vererbte genetische Veranlagung. Eine gewisse Vulnerabilität hingegen entsteht, wenn der Organismus äußeren Umständen ausgesetzt ist, diese können auch psychosozial bedingt sein. (vgl. Lohaus & Viehaus, 2019, S. 304). Die Heritabilität gibt dabei an, wie viel Prozent der Gesamtvarianz der jeweiligen psychischen Störung durch den genetischen Faktor erklärbar ist. Da die Heritabilität bei den meisten psychischen Störungen über 50% liegt, spielen genetische Faktoren erwiesenermaßen eine große Rolle in Bezug auf das Erkrankungsrisiko (Mattejat, 2008, S. 80). Durch unterschiedliche Zwillings-, Adoptions- und andere Familienstudien wurde deutlich, dass ein erhöhtes psychiatrisches Erkrankungsrisiko bei Kindern u.a. auf genetische Prädispositionen zurückzuführen ist. Vor allem bei der Schizophrenie spielen genetische Faktoren eine sehr große Rolle. Die Heritabilität beträgt hier 73-90% und ist so hoch wie bei keiner anderen psychischen Störung. Bei der manisch-depressiven Störung ist die Heritabilität etwas geringer und bei Depressionen mit 31-42% am geringsten. Es bleib jedoch festzuhalten, dass genetische Faktoren und eine hohe Heritabilität nicht unweigerlich zu einer psychischen Störung führen. Genetische Faktoren vererben lediglich eine gewisse Disposition, was v.a. am Beispiel der Depression deutlich wird. Bei der Entstehung einer Depression spielt das Serotonin-Transporter-Gen eine wichtige Rolle. Dieses Gen kann unterschiedliche Genausprägungen haben. Eine Person kann zwei kurze Allele oder zwei lange Allele oder auch ein kurzes und ein langes Allel besitzen. Die internationale Forschungsgruppe von Caspi und Kollegen hat 2003 in einer repräsentativen Längsschnittstudie untersucht, warum gewisse belastende Lebensereignisse bei manchen Personen zu einer Depression führen und bei manchen wiederum nicht. Dabei wurde untersucht, zu welcher genetischen Gruppe die über 800 Versuchspersonen gehören. Anschließend wurden diese befragt, welche Belastungen sie in ihrem Lebten bereits durchmachten, u.a. auch, ob sie in ihrer Kindheit misshandelt wurden. Im Ergebnis der Studie wurde deutlich, dass eine Misshandlung in der Kindheit je nach dem in welcher genetischen Gruppe sich die Menschen befinden mit höherer oder weniger hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Depression führte. Bei der Gruppe mit zwei langen Allelen ist die Wahrscheinlichkeit für eine Depression nicht erhöht, bei der Gruppe mit zwei kurzen Allelen hingegen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine Depression um 60%. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei einer genetischen Gruppe Misshandlungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Depression führen und bei der anderen genetischen Gruppe Misshandlungen keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Depression haben. Es wird demnach nur die Disposition für eine Depression vererbt, nicht die Depression als solche (vgl. ebd. S. 80 ff.).

3.2 Psychosoziale Faktoren

Verschiedene Forschungsergebnisse zeigen, dass bei psychischen Störungen genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen, aber diese alleine nicht ausschließlich zur psychischen Störung führen. Genetische Faktoren bedingen sich gegenseitig mit psychosozialen Faktoren. In der Regel treten die unterschiedlichen psychosozialen Faktoren nicht alleinstehend auf, sondern gehäuft bzw. miteinander interagierend. Generell sind bei Kindern psychisch kranker Eltern psychosoziale Belastungen stark ausgeprägt und das Entwicklungsumfeld eines Kindes durch die Kumulation verschiedener psychosozialer Belastungsfaktoren beeinträchtigt (vgl. Kölch et. al., 2014, S. 52). Solche psychosozialen Faktoren sind sozioökonomische und soziokulturelle Faktoren wie Armut, schlechte Wohnverhältnisse und kulturelle Diskriminierung. In Verbindung hierzu stehen ein niedriger Bildungsstand bzw. Arbeitslosigkeit. Familien, in welchen ein oder gar beide Elternteile eine psychische Störung aufweisen, zählen häufig zu sozialen Randgruppen, was in der Folge zu Ausgrenzung und zu einem mangelnden Unterstützungssystem führt (vgl. ebd. S. 52).

3.2.1 Erziehungskompetenz

Unter Erziehungskompetenz wird die „Herstellung einer optimalen Passung zwischen den altersgemäßen Bedürfnissen des Kindes einerseits und der Gestaltung der Umwelt des Kindes andererseits“ verstanden (Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S. 39). Aufgrund der familiären Umstände, den psychosozialen Belastungen und emotional- kognitiven Einschränkungen ist die Erziehungskompetenz von psychisch kranken Eltern nicht selten beeinträchtigt. Solche Beeinträchtigungen in der Erziehungskompetenz bei psychisch kranken Eltern zeichnen sich durch ein schlechteres Einfühlungsvermögen in die Kinder, fehlende Erziehungssicherheit und ein allgemeines, fehlangepasstes bzw. unflexibles elterliches Verhalten aus. Häufig wenden psychisch kranke Eltern einen permissiven Erziehungsstil an, welcher sich durch mangelnde Durchsetzungsfähigkeit und Desorganisation äußert. Dies kann sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Ein autoritativer Erziehungsstil, d.h. hohe Wertschätzung, Konsequenz, klare Regeln und Einfühlungsvermögen, ist dem permissiven Erziehungsstil überlegen und förderlicher für die kindliche Entwicklung (vgl. ebd., S. 40).

3.2.2 Eltern-Kind-Beziehung

Einige der wichtigsten elterlichen Interaktionsmerkmale sind Responsivität, Feinfühligkeit, Direktivität sowie der Affekt der Bezugsperson. Responsivität bezeichnet die Bereitschaft der Eltern auf Interaktionsversuche des Kindes umgehend einzugehen. Feinfühligkeit umfasst ein gutes Einfühlungsvermögen in das Kind, Aufmerksamkeit, Interaktionsbereitschaft und eine adäquate Wahrnehmung. Feinfühlige Eltern können sich gut in die Lebenswelt der Kinder hineinversetzen. Direktivität ist das Bestreben der Eltern, dem Kind Struktur und Unterstützung zu gewährleisten, indem der Elternteil Einfluss auf die Art, den Inhalt und das Tempo des kindlichen Verhaltens nimmt. Der Affekt der Bezugsperson bezeichnet deren Gefühle. Hier wird v.a. zwischen positiver Mimik wie Lächeln und negativer Mimik wie Stress und Ärger unterschieden. Die Mimik wird generell als wichtiges Merkmal in der Interaktion zwischen Eltern und Kindern angesehen (vgl. Asisi, 2015, S. 64). Responsivität, Feinfühligkeit und Direktivität sowie der Affekt sind bei psychisch kranken Eltern stark beeinträchtigt. Psychisch kranke Eltern sind oftmals nicht in der Lage, diese elterlichen Interaktionsmerkmale ihren Kindern gegenüber angemessen zum Ausdruck zu bringen. Sie verhalten sich vermehrt passiv und zeigen weniger Interesse am Kind. Zudem sprechen sie nicht so viel mit dem Kind wie Eltern ohne eine psychische Störung, lassen weniger Körperkontakt zu und reagieren nicht, oder verspätet, auf die kindliche Interaktion. Diese Unterstimulation der Bedürfnisse kommt v.a. bei Eltern mit Depressionen oder Schizophrenie mit Negativsymptomatik vor. Das elterliche Verhalten kann jedoch, insbesondere bei Eltern mit Angststörungen, Manie, Borderline oder schizophrenen Psychosen mit Positivsymptomatik auch zu einer Überstimulation der Bedürfnisse wechseln. Ein bevormundendes und überfürsorgliches Verhalten, abwechselnd mit einem unterstimulierenden Verhalten, wirkt unberechenbar auf das Kind und kann eine unsichere, desorganisierte Bindung zur Folge haben (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 18).

3.2.3 Partnerschaftliche Beziehung der Eltern

Die Qualität der Partnerschaft, deren Bindung und Interaktion beeinflussen in hohem Maße die psychische Gesundheit der Eltern. Einerseits können Partnerschaften durch soziale Unterstützung, Integration und körperliche Berührungen stresslindernd wirken, andererseits kann sich eine niedrige Qualität der Partnerschaft auch belastend auswirken und somit selbst zum Stressor werden. Leidet ein Partner an einer psychischen Störung, so ist die Partnerschaft unmittelbar davon betroffen (vgl. Ditzen et. al., 2019, S. 484). Veränderte Rollenmuster in der Partnerschaft ergeben sich dabei in der Unvorhersehbarkeit des Verhaltens durch wechselnde Symptomatik, sozialen Rückzug und durch eine Neudefinition der Rollenmuster in der Partnerschaft bzw. Ehe. Dadurch muss der gesunde Partner alle Verpflichtungen wie Haushalt, Kindererziehung und Finanzen übernehmen. Auch die Kommunikation und Sexualität in der Partnerschaft leidet unter psychischen Störungen. Generell ist die Partnerschaft überwiegend geprägt durch Anspannung und Disharmonie (vgl. Bischkopf et.al., 2002, S. 11 ff.).

Kinder psychisch kranker Eltern sind häufiger problematischen partnerschaftlichen Beziehungen der Eltern ausgesetzt als Kinder mit psychisch unbelasteten Eltern.

Die partnerschaftliche Beziehung der Eltern kann eine erhebliche Beeinträchtigung in der Entwicklung eines Kindes darstellen und das Risiko erhöhen, selbst im weiteren Leben an einer psychischen Störung zu erkranken, da Kinder auf Auseinandersetzungen der Eltern häufig mit Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ängsten, Schuldgefühlen sowie Wut und Aggression reagieren (vgl. Kölch et. al., 2014, S. 50).

3.2.4 Familienbeziehungen

Eine Familie ist ein soziales System. Jede Familie besitzt einen eigenen Verhaltens- und Interaktionsstil, unterschiedliche Hierarchien und eine innerfamiliäre Dynamik. Durch eine psychische Störung gerät das System einer Familie nicht selten ins Ungleichgewicht, denn das Verhalten eines Mitglieds innerhalb des Systems ist Ursache und Wirkung des Verhaltens der anderen Mitglieder des Systems. Ein durch eine psychische Störung verändertes Verhalten löst demnach Effekte bei den anderen Familienmitgliedern aus, welche wiederrum zirkulär zurückkommen können (vgl. Wagenblass, 2020, S. 7). Innerhalb von Familien mit einer psychisch kranken Person sind die Grenzen oftmals rigide oder diffus. Die Familie versucht fest an den gewohnten Strukturen festzuhalten und die Veränderungen durch die psychische Störung zu leugnen. Dadurch ist es für die Familie jedoch schwerer Unterstützung und Hilfe von außen anzunehmen. Sind die Grenzen diffus, so verschmelzen die partnerschaftlichen, elterlichen und kindlichen Rollen miteinander. Kinder übernehmen bei psychisch kranken Eltern nicht selten die Aufgaben der Eltern oder stellen einen Partnerersatz dar, was zu einer erheblichen Überforderung führt. Das Kind stellt die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Familie zurück. Ein weiteres häufiges Phänomen innerhalb einer Familie mit einem psychisch kranken Elternteil oder psychisch kranken Eltern ist das Verbot, außerhalb der Familie mit anderen Personen über die psychische Störung und die damit einhergehenden Belastungen zu sprechen. Der Grund hierfür ist einerseits die Angst vor Stigmatisierung und andererseits der Schutz der Kinder, in dem über die psychische Störung geschwiegen wird (vgl. ebd. S. 9).

3.2.5 Individuelle kindbezogene Faktoren

Da ein Kind kein passives Wesen ist und nicht einfach nur Empfänger der elterlichen Einflüsse, muss auch betrachtet werden, wie ein Kind mit den unterschiedlichen Belastungsfaktoren umgeht, bzw. welche Faktoren beim Kind selbst das Risiko erhöhen, an einer psychischen Störung zu erkranken (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 19).

Einige Studien zeigten, dass hier das Temperament des Kindes eine wichtige Rolle spielt. Abhängig vom Temperament reagieren Kinder dabei unterschiedlich auf die psychische Störung ihrer Eltern. Kinder mit „schwierigem Temperament“ sind unruhiger, leicht ablenkbar, unflexibler gegenüber neuen Situationen und schneller gereizt. Sie weisen ein höheres Risiko auf selbst an einer psychischen Störung zu erkranken, da sie für die Belastungen und Beeinträchtigungen, welche mit der elterlichen Störung einhergehen, anfälliger sind. In diesem Zusammenhang muss jedoch auch das zirkuläre Familiensystem berücksichtigt werden. D.h., dass Kinder mit „schwierigem Temperament“ Probleme in den Eltern-Kind-Beziehungen durch Erziehungsschwierigkeiten verstärken. Ein „einfaches Temperament“ ist hingegen mit eher unauffälligen Verläufen in der Entwicklung und einem verminderten Risiko einer problematischen Eltern-Kind-Beziehung verknüpft (vgl. ebd.).

Weitere individuelle kindbezogene Faktoren sind verminderte Intelligenz, eine geringere Kommunikationsfähigkeit und Leistungsorientierung, Misshandlung- und Missbrauchserfahrungen, ein geringes Selbstwertgefühl sowie emotionale Instabilität (vgl. Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S. 44). Zudem sind die Faktoren abhängig vom Alter und Geschlecht der Kinder. Vor allem in der frühen Kindheit und der Jugendphase wirken Risikofaktoren besonders einschneidend auf die Entwicklung des Kindes ein, da Kinder in diesem Alter verstärkt auf emotionale Stabilität angewiesen sind. Je jünger das Kind bei der Erstmanifestation der elterlichen psychischen Störung ist, desto größer ist der Risikofaktor. Des Weiteren konnten geschlechtsspezifische Unterschiede festgestellt werden. So sind Jungen vor allem von externalisierenden5 Auffälligkeiten betroffen, Mädchen hingegen von internalisierenden6 Auffälligkeiten (vgl. ebd.).

3.3 Einfluss auf die kindliche Entwicklung

Die kindliche Entwicklung findet hauptsächlich in der Familie statt. Vor allem das soziale Netz der Familie und die Beziehung zu den Eltern ist für eine positive Entwicklung des Kindes von besonderer Bedeutung. Durch die Kumulation der eben erwähnten genetischen und psychosozialen Risikofaktoren bei Kindern psychisch kranker Eltern ist die psychosoziale Entwicklung von Kindern jedoch beeinträchtigt. Jedes Kind durchläuft verschiedene Entwicklungsphasen, in welchen es verschiedene körperliche, emotionale, motivationale, biologische und soziale Entwicklungsaufgaben meistern muss. Eine fehlende Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben aufgrund der Auswirkungen einer psychischen Störung eines Elternteils kann zu entwicklungsabweichendem Verhalten führen und eine psychische Störung begünstigen (vgl. Lohaus & Viehaus, 2019, S. 307).

Bereits in der Schwangerschaft kann es zu Problemen kommen, v.a. Stress und Substanzabhängigkeiten haben hier eine enorme Auswirkung. Emotionale Belastungen können zu einer erhöhten Erregbarkeit der Kinder führen und Substanzen wie Nikotin und Alkohol können schädigende Veränderungen in der Hirnentwicklung hervorrufen (vgl. Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S. 60). Im Säuglings- und Kleinkindalter prägt besonders die Qualität der Interaktion mit der Bindungsperson bzw. der Aufbau einer primären Bindung die kindliche Entwicklung. Von dieser erfahren sie emotionale Fürsorge, Schutz und Sicherheit. Zeigt das Kind eine innere Erregung durch Herzschlaganstieg und einen Anstieg des Cortisolspiegels, beruhigt sich dies erst im Kontakt mit der Bindungsperson. Eine Bindungsperson ist jene, welche sich um die Kinder kümmert, diese versorgt und zu den Kindern eine Bindung aufgebaut hat. Im Regelfall sind dies die Eltern des Kindes. Bei psychisch kranken Eltern jedoch liegt häufig eine hochunsichere-desorganisierte Bindung vor (vgl. Ziegenhain & Deneke, 2014, S. 15). Kinder ziehen sich zurück und suchen trotz erhöhter, innerer Erregung keinen bzw. weniger Kontakt zu den Bindungspersonen und können ihr Verhalten nicht mehr angemessen organisieren. Sie zeigen gegenüber den Bindungspersonen ein Konfliktverhalten wie starke Gehemmtheit und Erstarren (vgl. ebd., S. 18). Im Kindergartenalter geht es v.a. um die Bedürfnisse nach Exploration, motorischer Eroberung und Erkundung der Umwelt, welche psychisch kranke Eltern behindern können. Häufig kommt es zu Problemen beim Aufstellen von Regeln und Grenzsetzungen. Kindlicher Trotz und das Bedürfnis nach Autonomie bzw. einem eigenen Willen können von den Eltern als Aggression missverstanden werden. Bereits im Kindergartenalter fühlen sich Kinder verantwortlich, wenn es ihren Eltern nicht gut geht, was zu einem ängstlichen, soziophobischen oder auch hyperaktiven Verhalten führen kann. Im Grundschulalter sind die hauptsächlichen Entwicklungsaufgaben die Emotionsregulation, die Bewältigung von Konflikten sowie die Beachtung sozialer Regeln. Eltern fungieren hier als Vorbilder und Vermittler, was durch eine psychische Störung jedoch erschwert ist. Ärger und Scham seitens der Kinder über die Störung der Eltern treten in dieser Entwicklungsphase ein. Besonders in der Adoleszenz7 haben es Kinder psychisch kranker Eltern schwer, sich von ihnen zu lösen. Häufig können sie sich auf Grund der speziellen Bedürfnisse der Eltern nicht von ihnen abgrenzen und entwickeln Schuldgefühle ihnen gegenüber, obwohl gerade die Beziehung zu Altersgenossen und die Vorbereitung auf die eigene Partnerschaft und Familie hier eine wichtige Entwicklungsaufgabe darstellt (vgl. Deneke, 2015, online). Es wäre deshalb von Wichtigkeit, die Schuldgefühle innerhalb der Familie zu thematisieren und der jugendlichen Person eine explizite Erlaubnis für Verabredungen auszusprechen (vgl. Plass, Wiegand-Grefe, 2012, S.63).

Doch auch abhängig von der Art der elterlichen psychischen Störung konnten Studien unterschiedliche Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern feststellen:

Depression

Depressive Eltern weisen vermehrt ein ineffizientes elterliches Erziehungsverhalten auf, d.h. sie sind oft nachlässig oder übermütig, in der Erziehung mit den Kindern in Machtkämpfe verwickelt oder benötigen die Aufmerksamkeit der Kinder als Trost. Dieses elterliche Verhalten wirkt sich bei den Kindern als aggressiv-oppositionelles Verhalten aus. Sie fühlen sich schuldig, übererregt und verärgert. Hyperaktives Verhalten und Störungen bei der Emotionsregulation stehen im signifikanten Zusammenhang mit depressiven Eltern (vgl. Ziegenhain & Deneke, 2014, S. 26).

Postpartale Depression

Mütter mit einer postpartalen Depression sind v.a. negativ gestimmt und passiv auftretend. Sie stehen nur begrenzt zur Emotionsregulation des Kindes zur Verfügung. Kinder postpartal depressiver Mütter zeigen vom Säuglings- bis ins Schulalter Aufmerksamkeitsdefizite, einen geringeren Intelligenzquotienten, Interessenlosigkeit und eine dysphorische, d.h. ängstliche und leicht reizbare Grundstimmung. Je nach zusätzlicher Risikobelastung verfestigt sich dies bei den Kindern zu expansiven Störungen im sozialen und emotionalen Bereich. (vgl. Deneke, 2015, online).

Schizophrenie

Bei Eltern mit Schizophrenie ist die Vulnerabilität der Kinder besonders hoch selbst an einer Schizophrenie zu erkranken, wenn in der Kindheit Probleme bei der motorischen Koordination und gewisse kognitive Auffälligkeiten festgestellt werden. Schon im Umgang mit dem Baby zeigen schizophrene Eltern ein mangelndes Gefühl für die Bedürfnisse des Babys, Ungeschicklichkeit, Unorganisiertheit sowie wenig Blickkontakt. Vor allem in einem akut auftretenden Wahn ist die Gefahr der Kindstötung ein zusätzliches Risiko. Kinder mit einem schizophrenen Elternteil oder schizophrenen Eltern sind demnach vermehrt unsicher, traurig, zurückgezogen und verängstigt (vgl. Ziegenhain & Deneke, 2014, S. 29).7

Persönlichkeitsstörungen

Wird die Situation der Kinder von Eltern mit Persönlichkeitsstörungen betrachtet, wird deutlich, dass hierunter die Auswirkungen einer gestörten Mutter-Kind-Interaktion zum Vorschein kommen. Die Bedürfnisse des Kindes werden vielfach nicht beachtet oder ausreichend befriedigt. Vor allem bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung besteht die Gefahr der körperlichen Misshandlung aufgrund der Affektlabilität8 und mangelnder Impulskontrolle der Eltern (Schrappe, 2018, S. 61). Gestörte Bindungserfahrungen und Traumatisierungen in der frühen Kindheit sind typische Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Sowohl beim Borderline Typ als auch beim instabilen Typ werden regelmäßige kontroverse Konflikte bei den Kindern hervorgerufen. In einem Moment erfahren Kinder eine einfühlsame und liebevolle Begegnung mit den Eltern und im anderen Moment werden sie ignoriert und abgewertet. In ausgeprägten Fällen der Persönlichkeitsstörung zeigt sich diese ambivalente Neigung bereits im Säuglings- und Kleinkindalter. Schreien diese aufgrund von Hunger, Durst oder Schmerzen kann dies von Eltern mit einer Persönlichkeitsstörung als Angriff gegen die eigene Person wahrgenommen werden. Im weiteren Entwicklungsverlauf des Kindes wird auf die zunehmende Erlangung der Autonomie und Verselbstständigung mit Verlustängsten reagiert und das Verhalten des Kindes als gefährlich und bedrohlich interpretiert (vgl. Plattner, 2017, S.91f.).

Angststörungen

Im Gegensatz zu den bisher genannten psychischen Störungen zeigen sich Eltern mit einer Angststörung häufig erzieherisch sehr verantwortungsvoll. Vor allem Väter mit einer Angststörung neigen zu einer überfürsorglichen Erziehung, was bei einem Kind jedoch schnell zu Ängstlichkeit und Schüchternheit in der psychosozialen Entwicklung führen kann (vgl. ebd. S.44). Prinzipiell weisen Kinder von Eltern mit Angststörungen ein doppelt so hohes Risiko auf selbst diese Krankheit zu entwickeln, als Kinder von Eltern ohne Angststörung. Auch das Risiko der Kinder im Laufe des Lebens andere psychische Störungen zu entwickeln ist bei Eltern mit Angststörungen erhöht (vgl. Lenz & Wiegand-Grefe, 2017, S.31f.). Im Säuglings-, Kleinkind- und Kindergartenalter wirkt sich das überbehütende Elternverhalten durch schnelle Frustration, weniger Interaktion und Schlafstörungen aus. Auch bei älteren Kindern zeigen sich die Auswirkungen auf die Entwicklung in gehemmtem und ängstlichem Verhalten. Sie wollen häufig den Eltern ihre Ängste nehmen oder verringern, indem sie selbst ihr Interesse an der Außenwelt reduzieren, um eventuelle Gefahren zu minimieren. Dadurch wird die natürliche Neugierde und Exploration jedoch stark eingeschränkt (vgl. Ziegenhain & Deneke, 2014, S.32f.).

Suchterkrankungen

Suchterkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft wirken sich negativ auf die Entwicklung des Fötus aus und können später zu diversen Auffälligkeiten wie organischen Funktionsschäden, körperlichen Missbildungen, Behinderungen sowie Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen führen (vgl. Lohaus & Viehaus, 2019, S. 307). Bei Suchterkrankungen sind die genauen, jeweiligen Bedingungen, welche zu diesen Auffälligkeiten führen können jedoch schwer voneinander zu trennen. Es besteht bei einer Suchterkrankung eine hohe Komorbidität9 zu anderen psychischen Störungen und sind zudem mit vielseitigen risikobelastenden Lebensumständen verbunden. Bei Kindern drogenabhängiger Mütter sind die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung stark davon abhängig, inwiefern das Fürsorgeverhalten und die Pflegequalität der Mutter betroffen sind (vgl. Ziegenhain & Deneke, 2014, S. 33). Die erzieherischen Fähigkeiten können lediglich in abstinenten Zeiten eingeschätzt werden, in Zeiten des Konsums sind diese grundlegend eingeschränkt. Unabhängig davon ob es sich momentan um eine abstinente Phase handelt oder nicht, ist die Entwicklung des Kindes geprägt von Ängsten, Aufgabenübernahme der Eltern, geringen Tagesstrukturen, vermehrter Gewalt und sexuellem Missbrauch (Roedenbeck, 2016, S. 144-146). Die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung durch suchtkranke Eltern bleiben nicht selten ein Leben lang bestehen. Häufig leiden die Kinder im späteren Leben unter Einsamkeit, emotionaler Zerstreutheit und nehmen die passive Opferrolle ein. Auch in der Partnerwahl werden häufig Partner gewählt, welche suchtkrank sind oder Suchterfahrungen hatten (vgl. ebd., S. 151f.).

Zusammenfassend lassen sich einige Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern psychisch kranker Eltern feststellen. In wie weit die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigt ist, hängt jedoch von der Chronizität und der Schwere der Erkrankung ab. Die Entwicklung wird v.a. dann benachteiligt, wenn Eltern mit einer mangelnden oder verzögerten Reaktivität auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen (vgl. Lenz, 2014, S. 31). Generell gilt jedoch immer zu beachten, dass jene Auswirkungen nicht zwingend eintreten müssen. Das Risiko ist deutlich erhöht, jedoch ist es nicht determiniert. Welche Ausmaße die Beeinflussung der kindlichen Entwicklung durch psychische Störungen erreicht, ist immer individuell und abhängig von einer Vielzahl an Risikofaktoren.

3.4 Psychische Störungen und Kindeswohl

Bei der Betrachtung von elterlichen psychischen Störungen und deren Auswirkungen auf die Kinder der Betroffenen und die dazugehörigen Risikofaktoren muss auch die Gefahr einer Kindeswohlgefährdung beleuchtet werden. Dies bedeutet keinesfalls, dass psychisch kranke Eltern ausnahmslos eine Risikogruppe für Kindeswohlgefährdung darstellen. Dennoch ist das Risiko von Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch und körperlicher sowie psychischer Misshandlung bei Kindern psychisch kranker Eltern empirischen Studien zufolge im Vergleich zu Kindern von gesunden Eltern erhöht (Schrappe, 2018, S. 67). Die Kindeswohlgefährdung stellt dabei einen unbestimmten Rechtsbegriff dar. Es lassen sich keine genauen Faktoren einer Kindeswohlgefährdung definieren, vielmehr muss sie je nach Fall einzeln eingestuft werden. Die Orientierung findet dabei an den kindlichen Grundbedürfnissen statt, d.h. es wird untersucht, ob das Kind über eine verlässliche und feinfühlige Beziehung verfügt und ob das Kind geistig und körperlich unversehrt ist. Bei Vernachlässigung, geistiger und körperlicher Misshandlung sowie sexuellem Missbrauch werden diese kindlichen Grundbedürfnisse nämlich oft nicht ausreichend abgedeckt (vgl. Loch, 2014, S. 12).

Vernachlässigung

Vor allem bei depressiv Erkrankten und Eltern mit einer Schizophrenie mit Negativsymptomatik ist in erhöhtem Maße mit einer Vernachlässigung des Kindes zu rechnen. Die psychisch kranken Eltern sind über einen längeren Zeitraum hinweg nicht in der Lage die kindlichen Signale zu erkennen und entsprechend zu handeln (vgl. Schrappe, 2018, S. 67). Da die direkten Auswirkungen der Vernachlässigung nicht sofort erkennbar sind, erfolgt eine Vernachlässigung oftmals über eine gewisse Zeit hinweg unbemerkt von der Öffentlichkeit (Lenz, 2014, S. 46).

Körperliche und psychische Misshandlung

Körperliche Misshandlungen erfolgen häufig innerhalb einer Psychose oder manischen Phase. Vor allem bei Eltern mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen ist aufgrund der mangelnden Impulskontrolle das Risiko der körperlichen Misshandlung gegenüber dem Kind erhöht. Die Tötung eines Kindes, beispielsweise im Rahmen eines erweiterten Suizids, ist jedoch äußerst selten (vgl. Schrappe, 2018, S. 67). Die geistige bzw. psychische Misshandlung stellt den Kern aller Misshandlungsformen dar, da jede Form der Misshandlung negative Auswirkungen auf die menschliche bzw. kindliche Psyche hat (vgl. Lenz, 2014, S. 46). Unter psychischer Misshandlung wird „ein wiederholtes Verhaltensmuster der Pflegeperson oder ein wiederholtes Muster extremer Vorfälle verstanden, das dem Kind zu verstehen gibt, es sei wertlos, mit Fehlern behaftet, ungeliebt, ungewollt, gefährdet oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen“ (Deneke, 2005, S. 143). Zur psychischen Misshandlung von Kindern psychisch kranker Eltern zählt vor allem die elterliche Feindseligkeit und Unerreichbarkeit. Auch die adäquate Befriedigung kindlicher Bedürfnisse findet bei der psychischen Misshandlung nicht statt (vgl. Schrappe, 2018, S. 68).

Sexueller Missbrauch

Unter sexuellem Missbrauch werden alle sexuellen Handlungen vor dem Kind oder mit diesem, welchen das Kind aufgrund der Unterlegenheit nicht widersprechen kann, verstanden (vgl. Lenz, 2019, S. 12). Generell ist das Risiko für einen sexuellen Missbrauch bei den häufigsten psychischen Störungen wie Depressionen, Schizophrenie oder bei der bipolaren Störung nicht höher, dennoch kann es bei psychisch kranken Eltern vermehrt zu sexuellem Missbrauch der Kinder kommen (vgl. Schrappe, 2018, S. 68).

4. Subjektives Erleben der psychischen Störung

Anhand der aufgezeigten Risikofaktoren bei einer elterlichen psychischen Störung kann erkannt werden, dass eine psychische Störung die ganze Familie beeinflusst. Während Kinder hauptsächlich an dem fehlenden Wissen über die psychische Störung, der Tabuisierung, Isolierung und Parentifizierung10 leiden, leiden die Eltern vor allem an ihrer eingeschränkten Erziehungskompetenz und an der Angst vor dem Verlust des Kindes.

4.1 Subjektives Erleben der Kinder

Nach Lenz et. al. (2017, S. 3) bietet die differenzierte, persönliche Sichtweise von Kindern psychisch kranker Eltern „einen Einblick in ihre unmittelbaren Erlebnisweisen, ihre Gefühle und ihren Umgang mit den Alltagsanforderungen.“ Da es sich hierbei um das subjektive Erleben handelt gibt es dazu wenig methodisch begründete Studien, sondern vor allem prospektive und retroperspektive11 qualitative Studien. Das Wissen über die subjektiven Belastungen der Kinder bildet die Grundlage für eine entsprechende Prävention und Intervention.

4.1.1 Wissen über die psychische Störung der Eltern

Kinder erkennen in der Regel schnell, wenn sich das Verhalten der Eltern verändert. So sind sie beispielsweise bei einem Elternteil mit Depressionen mit Rückzug, Interessenverlust und Vernachlässigung von Haushaltsaufgaben konfrontiert. Dabei wirkt der erkrankte Elternteil stark in dessen Wesen verändert, fremd oder gar unheimlich auf das Kind, wodurch es mit Beeinträchtigungen in seinem eigenen Wesen reagiert. Da Kinder je nach Alter oftmals die psychische Störung nicht richtig einordnen können, kann es zu einer Unkontrollierbarkeit der Situation kommen. Als besonders belastend und traumatisierend schildern Kinder die Klinikeinweisung eines Elternteils aufgrund der psychischen Störung. Kinder fühlen sich dadurch alleine gelassen und desorientiert. Das Elternbild wird erschüttert. Als Bewältigung der Situation ziehen sie sich zurück. Eine andere Sichtweise auf die Klinikeinweisung kann jedoch auch Erleichterung sein. Kinder sind froh, dass nun jemand anderes die Verantwortung für die kranken Eltern bzw. den kranken Elternteil übernimmt und sie dadurch entlastet werden. (vgl. Plass et al., 2012, S. 23f.).Kinder reagieren sehr schnell und sensibel auf die Veränderungen durch die psychische Störung. Dennoch können Kinder häufig gar nicht richtig einschätzen was gerade passiert, da sie keinerlei Wissen über die elterliche psychische Störung besitzen. Eine fundierte, ausführliche Aufklärung seitens der Eltern oder seitens von Fachexperten*innen, findet oft nicht statt. Dies steht im Widerspruch zu dem eigentlichen Wunsch der Kinder nach Aufklärung und Einbezug, denn eine solche Aufklärung und Unterstützung kann Ängste minimieren und gleichzeitig die Beziehung zu den Eltern stärken (vgl. ebd. S. 24). In einer qualitativen, retroperspektiven Studie von Sollberger et al. (2008, zitiert nach Plass et. al. 2012) gaben zwei Drittel der befragten Kinder an, nie mit einer Fachperson über die elterliche psychische Störung geredet zu haben. Ein Viertel der Kinder wurde über die Diagnose informiert, wobei nur ungefähr ein Fünftel außer der Diagnose noch eine Erklärung über die elterliche psychische Störung und zugehörige Ratschläge erhielt. Dabei wurden rund 20 Prozent der befragten Kinder die Diagnose vor dem zehnten Lebensjahr mitgeteilt, wovon jedoch nur 10 Prozent eine ausführliche Beratung erhielten, welche Veränderungen damit einhergehen und wie die Kinder sich geeignet Verhalten können. Daraus lässt sich schließen, dass die Kinder psychisch kranker Eltern nicht umfangreich genug in die elterliche Behandlung mit einbezogen und aufgeklärt werden und es selbst den Eltern oftmals an ausführlichem Wissen über die Störung mangelt (vgl. ebd. S. 25).

4.1.2 Tabuisierung und Isolierung

Einige Eltern vermeiden eine offene Auseinandersetzung mit der Thematik der psychischen Störung und deren Auswirkungen. Die Eltern haben Angst vor Stigmatisierung oder wollen ihre Kinder nicht belasten und verschweigen die psychische Störung deshalb. Oftmals ist es gar nicht der erkrankte Elternteil, welcher die psychische Störung verschweigt, sondern der gesunde Elternteil. Die Krankheit wird auf akute Stresssituationen reduziert oder als Folge von gewissen vorübergehenden, äußerlichen Umständen angesehen. Ein Kommunikationsverbot gilt vor allem außerhalb der Familie. Ist es nicht erwünscht die psychische Störung innerhalb der Familie zu kommunizieren, ist dies meist auch außerhalb der Familie und im sozialen Umfeld nicht der Fall. Selbst wenn die Eltern kein direktes Kommunikationsverbot auferlegt haben, wollen einige der betroffenen Kinder von sich aus nicht über die psychische Störung in ihrem Umfeld reden. Sie fürchten sich vor Zurückweisung und Ausgrenzung im Freundeskreis oder haben das Gefühl ihre Eltern zu verraten (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 25). „Die Tabuisierung verhindert eine offene Auseinandersetzung mit der psychischen Erkrankung und damit eine durch Aufklärung mögliche Ressourcenmobilisierung bei den Kindern“ (Plass et al., 2012, S. 25). Durch das inner- und außerfamiliäre Kommunikationsverbot gewinnt die psychische Störung demnach den Charakter eines Geheimnisses, wodurch die Kinder keinen geeigneten Umgang mit der psychischen Störung erlernen und ihnen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Reflexion genommen wird. In einer weiteren Studie von Sollenberger et. al. (2008, zitiert nach Plass et al. 2012) wurde festgestellt, dass mehr als die Hälfte der befragten Kinder wenig oder überhaupt nicht über die psychische Störung sprechen und nur ein Viertel geben an, dass in der Familie regelmäßig und offen über die Krankheit gesprochen wird. Auch hieran lässt sich erneut feststellen, dass nicht alle Risikofaktoren und subjektive Belastungen eintreten müssen, es jedoch trotzdem bei mehr als der Hälfte der betroffenen Familien der Fall ist und die psychische Störung unzureichend kommuniziert wird. Durch das Schweigegebot bzw. Kommunikationsverbot fällt es Kindern zunehmend schwer sich offen und frei gegenüber anderen Bezugspersonen, wie ihren engen Freunden, zu verhalten. Die Gedanken kreisen in Gesprächen darum möglichst nichts über die psychische Störung der Eltern zu verraten. Angebote und Gelegenheiten werden abgesagt, wodurch es den Kindern oftmals an außerfamiliären Bezugspersonen fehlt und sie sich sozial isolieren (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 26).

4.1.3 Parentifizierung

Wie schon bei den unterschiedlichen Risikofaktoren in Kapitel 3 erwähnt, übernehmen Kinder psychisch kranker Eltern nicht selten die Aufgaben der Eltern oder stellen einen Partnerersatz dar. Vor allem die Generationsgrenzen, welche wichtig für die Einhaltung der elterlichen und kindlichen Interaktionsregeln sind, werden dabei diffus. Eine der bedeutendsten Formen dieser Aufhebung der Generationsgrenzen ist die Parentifizierung (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2017, S. 8).

„Unter Parentifizierung wird die subjektive Verzerrung einer Beziehung verstanden – so, als stelle der Ehepartner oder gar eines der Kinder einen Elternteil dar. Parentifizierung beschreibt also nicht nur die Rollenumkehr zwischen Eltern und Kindern, sondern auch in Partnerschaften, in denen ein Partner die Elternrolle für den anderen übernimmt. Parentifizierung ist in vielen Familien mit einem psychisch kranken Elternteil zu beobachten. Die Kinder übernehmen elterliche Funktionen und Verantwortung in vielen Bereichen (z.B. Haushalt und Erziehung der jüngeren Geschwister), sie werden zu Vertrauten und Ratgebern ihrer Eltern, zur primären Quelle von Unterstützung und Trost“ (Plass et al., 2012, S. 29).

Kinder sind demnach größtenteils auf sich gestellt und übernehmen plötzlich ein hohes Maß an Verantwortung, was meist nicht der jeweiligen Entwicklungsphase entspricht. Wie genau sich die Parentifizierung auf das Leben des Kindes auswirkt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Generell wird zwischen der adaptiven und der destruktiven Parentifizierung unterschieden. Die Parentifzierung wird als adaptiv gewertet, wenn sie die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes nicht einschränkt. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass die Aufgabenübernahme von den Eltern gesehen und wertgeschätzt wird und dass die kindlichen Bedürfnisse nach wie vor berücksichtigt werden. Eine adaptive Parentifizerung stärkt sogar die Empathiefähigkeit und das Selbstvertrauen und kann zu einer größeren Resilienz beim Kind führen (vgl. ebd. S. 29 f.). Bei der destruktiven Parentifizierung jedoch geben die Eltern ihre Elternfunktion auf und missbrauchen das Kind für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, ohne dabei den kindlichen Bedürfnissen Beachtung zu schenken. Die Kinder werden in eine nicht kindgerechte Rolle gedrängt, welche eindeutig die Generationsgrenze überschreitet. Zusätzlich erhält das Kind keine angemessene Anerkennung. Diese Form der Parentifizierung kann tiefgreifende und langfristige Folgen mit sich ziehen. Sie reichen von einem Ablösungs- und Identitätsproblem, einem Gefühl der Unzulänglichkeit sowie einem niedrigen Selbstwertgefühl, bis hin zu starken Depressionen und Suizidalität. Die Kinder, welche der Parentifizierung ausgesetzt sind, zeigen zudem Enttäuschung, Schuld- und Schamgefühle über die Unfähigkeit ihrer Eltern (vgl. ebd. S. 30 f.).

4.2 Subjektives Erleben der Eltern

Sowohl bei gesunden Eltern als auch bei Eltern mit einer psychischen Störung, wird die Elternschaft häufig mit Gefühlen der Sinnhaftigkeit, Stolz und Glück verbunden. Es wird nicht geleugnet, dass die Betreuung und Versorgung von Kindern auch mit Belastungen und Sorgen einhergeht. Jedoch werden die Elternschaft und die damit verbundenen Aufgaben als eine Herausforderung im Leben angesehen, für welche es sich lohnt Energie und Zeit als Eltern zu investieren (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 28). Doch vor allem psychisch kranke Eltern erleben die Elternschaft als kontrovers. Zum einen wollen sie die Gefühle empfinden, gute Eltern zu sein und ihre Kinder angemessen betreuen und versorgen zu können, zum anderen sind sie dazu aufgrund der psychischen Störung nicht immer oder nicht mehr in der Lage. Sie stellen als Eltern Ansprüche an sich selbst, erleben aber, wie sie diese nicht erfüllen können. Dies geht mit Versagensängsten und Scham über das eigene Unvermögen einher (vgl. Lenz, Brockmann, 2013, S. 43). Eine große Angst einiger Eltern mit einer psychischen Störung ist die Angst vor dem Verlust des Kindes aufgrund der Entziehung des Sorgerechts. Diese Angst ist nicht unberechtigt, da ungefähr ein Drittel der jährlichen Sorgerechtsentzüge in Deutschland aufgrund einer elterlichen psychischen Störung vollzogen wurden. Es kann angenommen werden, dass aufgrund der Angst vor einem Sorgerechtsentzug einige Eltern mit einer psychischen Störung keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen (vgl. Lenz, Wiegand-Grefe, 2016, S. 29).

5. Bewältigungsstrategien der Kinder

Bisher wurden die unterschiedlichen Risikofaktoren sowie das subjektive Erleben der psychischen Störung der Eltern von Kindern aufgezeigt. Da anhand wissenschaftlicher Studien festgestellt werden konnte, dass nicht zwangsläufig jede elterliche psychische Störung auch zu einer psychischen Störung bei den Kindern führen muss, stellt sich die Frage, wie Kinder die Einflüsse der elterlichen psychischen Störung bewältigen oder gar verhindern können und warum manche Kinder die elterliche psychische Störung besser überstehen und manche derart unter den Auswirkungen leiden. Eine Antwort darauf liefert die Resilienzforschung, in welcher unterschiedliche Schutzfaktoren, wie die persönlichen, familiären und sozialen Schutzfaktoren, untersucht werden. Im Zuge dessen widmet sich dieses Kapitel auch dem Coping als Form der Stressbewältigung, d.h. dem problembezogenen Coping, dem emotionsbezogenen Coping und dem bewertungsorientierten Coping.

5.1 Resilienz

Der Begriff der Resilienz12 wird in den unterschiedlichsten Disziplinen verwendet: In der Sozialen Arbeit, der Psychologie, der Sozialökologie, den Neuro-, Sozial- und Ingenieurwissenschaften. In dem für diese Arbeit relevanten Bereich existieren einige Definitionen von Resilienz (vgl. Kaiser, 2020, S. 6). Eine häufige Anwendung findet die Definition der Wissenschaftlerin Wustman, bei welcher Resilienz als „eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ verstanden wird (Wustmann, 2012, S. 18). Die kindliche Resilienz zeigt sich nach Ahnert „vornehmlich in der Fähigkeit, Angst und Frustration zu regulieren, sich auf relevante Situationsmerkmale zu konzentrieren und schließlich soziale und kognitive Bewältigungsstrategien [...] bereitzustellen.“ (Ahnert, 2009 zitiert nach Kaiser 2020, S. 6). Zur Resilienzforschung gibt es zahlreiche Längsschnittstudien, welche verschiedene Ressourcen für die Aufrechterhaltung einer gesunden, psychischen Entwicklung von Kindern unterstützen. Eine der bekanntesten Längsschnittstudien ist die Kauai-Längsschnittstudie von Werner und Smith. Diese beiden Wissenschaftler untersuchten den Einfluss verschiedener psychosozialer und biologischer Risiko- und Schutzfaktoren und wie sich diese auf die kindliche Entwicklung der Kinder auswirken, welche 1955 auf der Insel Kauai geboren wurden. 30 Prozent der Kinder zeigten ein hohes Entwicklungsrisiko aufgrund von Armut, Geburtskomplikationen, Familien mit elterlicher Psychopathologie und andauernden familiären Konflikten. Ein Drittel dieser Kinder entwickelten während der Schulzeit schwere Verhaltens- und Lernprobleme oder wurden straffällig. Das andere Drittel dieser Kinder entwickelte sich jedoch trotz den Risikofaktoren positiv und sie zeigten keine Auffälligkeiten. Forscher schrieben diesem Umstand einige schützende Faktoren zu, so gab es beispielsweise in der Familie dieser Kinder mindestens eine Person, zu der sie eine enge Bindung besaßen und welche kompetent auf die kindlichen Bedürfnisse einging (Werner, 2008 zitiert nach Kaiser 2020, S. 14). Eine der großen Längsschnittstudien in Deutschland ist die Mannheimer Risikokinderstudie von Laucht et. al. 1998. Untersucht wurden hier 362 Kinder, welche zwischen dem 01.02.1986 und dem 28.02.1988 in Mannheim und Ludwigshafen zur Welt kamen und unterschiedlichen Entwicklungschancen und –Risiken ausgesetzt waren. Die Frage war, ob es gewisse protektive Faktoren gibt, die kompensatorisch wirken. Weitere Untersuchungen erfolgten im Alter von drei Monaten sowie zwei, vier, fünf, acht und 11 Jahren. Es wurden sowohl organische Belastungen während der Geburt als auch psychosoziale Belastungen, wie die Mutter-Kind-Beziehung oder Belastungen in der familiären Umwelt des Kindes erfasst. Es wurde herausgefunden, dass Risikofaktoren, wie psychosoziale Belastungen durch eine positive Mutter-Kind-Interaktion kompensiert werden konnten. Auch bei organischen Risikobelastungen zeigte sich ein einfühlsamer Umgang der Mutter mit dem Säugling als äußerst förderlich (Kaiser, 2020, S. 14).12

[...]


1 Wird das Erleben und Verhalten, welches als problematisch bezeichnet wird, auch von der Person selbst als problematisch gesehen, wird von einer Ich-Dystonie gesprochen. Wird dieses aber als selbstverständlicher Teil von sich selbst akzeptiert, handelt es sich um eine Ich-Syntonie. Die Ich-Syntonie und Ich-Dystonie sind v.a. Merkmale von Persönlichkeitsstörungen (vgl. 2018, S. 7)

2 Amnestisches Syndrom: tiefgreifende Störungen des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis (vgl. Rothenhäusler, Täschner, 2013, S.42)

3 In der Literatur werden häufig die Begriffe „postpartal“, „postnatal“, „PPD“ oder „Wochenbettdepression“ verwendet. Sie werden alle synonym verwendet, wobei „postpartal“ eher im deutschsprachigen Raum verwendet wird und „postnatal“ im englischsprachigen Raum (vgl. Herrmann, 2014, S.7).

4 In der Langzeitstudie KIGGS wurden 3- bis 17-Jährige Kinder und Jugendliche von 2014 bis 2017 in Deutschland untersucht

5 Zu den externalisierenden Auffälligkeiten zählen u.a. Hyperaktivität, Aggressivität, Wutanfälle (vgl. Steinhausen, 2018, S. 13)

6 Zu den internalisierenden Auffälligkeiten zählen u.a. Ess- und Schlafstörungen, Depressionen, sozialer Rückzug (vgl. ebd.)

7 Adoleszenz beschreibt den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter, geprägt von sozialen, psychischen und körperlichen Veränderungen (vgl. Stemmann, 2019, S. 1).

8 Affektlabilität beschreibt einen raschen, übermäßigen Stimmungswechsel bei selbst geringfügigen Anlässen (vgl. Frank, 2012, S.11)

9 9 Komorbidität bedeutet, dass mehrere Erkrankungen bzw. psychische Störungen bei einer Person unabhängig vom zeitlichen Zusammentreffen auftreten (vgl. Driessen, 2013, S. 2)

10 Begriff der Parentifizierung wird genauer in Kapitel 4.3.1 erklärt

11 Eine Studie ist prospektiv, wenn der Risikofaktor erfasst wird und die Probanden beobachtet werden mit dem Ziel, den in der Zukunft eintretenden Endpunkt zu erfassen. Eine Studie ist retrospektiv, wenn sowohl Risikofaktor als auch Endpunkt bereits vor der Studie festgelegt wurden (vgl. Müllner; Herkner, 2011, S. 77)

12 „Resilienz“ wird auf das lateinische Wort „resilrere“ zurückgeführt, was so viel heißt wie „abprallen, zurückspringen“ (vgl. Masten, 2016, S. 26)

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Kinder psychisch kranker Eltern. Risiken, Bewältigungsstrategien und sozialarbeiterische Unterstützungsmöglichkeiten im Bereich der Psychiatrie
Hochschule
Hochschule Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
112
Katalognummer
V937446
ISBN (eBook)
9783346320414
ISBN (Buch)
9783346320421
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, eltern, risiken, bewältigungsstrategien, unterstützungsmöglichkeiten, bereich, psychiatrie
Arbeit zitieren
Franziska Strothmann (Autor:in), 2020, Kinder psychisch kranker Eltern. Risiken, Bewältigungsstrategien und sozialarbeiterische Unterstützungsmöglichkeiten im Bereich der Psychiatrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937446

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