Kinder psychisch kranker Eltern. Möglichkeiten und Grenzen der Intervention


Bachelorarbeit, 2015

65 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleit

2 Resilie
2.1 Definition Resilienz
2.2 Schutzfaktoren
2.3. Risikofaktoren

3 Psychische Erkrankung der Eltern als Risikofakt
3.1 Definition psychischer Erkrankungen
3.2 Epidemiologie
3.3 Krankheitsbilder und deren Auswirkung auf die Kinder
3.3.1 Angststörung
3.3.2 Schizophrene Störung
3.3.3 Depressive Erkrankung

4 Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Elte
4.1 Unmittelbare Probleme
4.1.1 Desorientierung
4.1.2 Schuldgefühle
4.1.3 Angst
4.1.4 Tabuisierung und Kommunikationsverbot
4.1.5 Isolierung
4.2 Folgeprobleme
4.2.1 Betreuungsdefizit
4.2.2 Parentifizierung
4.2.3 Loyalitätskonflikte
4.3 Trennung der Eltern als zusätzliche Belastung
4.4 Einflussfaktoren
4.5 Bewältigung der Lebenssituation

5 Interventionsmöglichkei
5.1 Kindzentrierte Maßnahmen
5.1.1 Besonderheiten bei der Intervention mit Kindern
5.1.2 Aktivierung von spezifischen Resilienzprozessen
5.1.3 Patenschaften
5.1.4 Gruppenangebote für Kinder
5.1.5 Unterstützung für erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern
5.2 Familienorientierte Hilfen
5.2.1 Gruppenangebote fürEltern
5.2.2 Förderung der familiären Schutzfaktoren
5.2.3 Chimps-Ansatz als Familienintervention
5.2.4 Mutter-Kind-Therapie
5.3 Maßnahmen des Jugendamtes

6 Diskussion und Faz

7 Literaturverzeichni

„Es ist ein Schweigen ohne Vorwurf.

Wenn du gesund wärest, würde ich sagen: Lass mich in Ruhe!

Du bist aber nicht gesund. Deine Krankheit dringt immer wieder in mein Leben, und es scheint wie ein Fluch, dass ich so oder so keinen Frieden mit dir finden kann. Die Zuspitzung deiner seelischen Verfassung hat auch für mich eine Krise im Verhältnis zu dir bewirkt. Deine Krise überfiel mich und trieb mich selbst in eine. Wie ein quälendes Gift drang deine Gemütsverfassung in mein Leben, traf mich als schwere Schuld, die mir die Luft schnürt und mich erdrückt.

Bin ich verflucht, immer wieder unter der Last einer kranken Mutter zu leben? [...]“ (Koki, 2010, S. 37)

1 Einleitung

„Vergessene Kinder der Psychiatrie-Reform“ (Lenz, 2012, S.7) - so lautet in Deutschland oftmals die Bezeichnung für Kinder psychisch kranker Eltern. Erst seit den 1990er Jahren erfahren diese Kinder in der Öffentlichkeit nach und nach mehr Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich an zahlreichen Fachtagungen, Kongressen und Initiativen in verschiedenen Orten und Regionen, die den betroffenen Kindern und ihren Familien Hilfe anbieten. Allerdings ist die Bundesrepublik von einer flächendeckenden Versorgung der Kinder psychisch kranker Eltern noch weit entfernt. Die Mehrzahl der Hilfen besteht aus spendenfinanzierten Projekten, die durch das Engagement einzelner Personen in sozialen Diensten, Beratungsstellen und Kliniken entstehen.

Dabei gehören psychische Störungen mit zu den häufigsten Erkrankungen in der Bundesrepublik. In Deutschland erleben rund drei Millionen Kinder im Verlaufe eines Jahres, dass mindestens ein Elternteil an einer psychischen Störung leidet (Lenz, 2012, S. 11). Oftmals wird die psychische Erkrankung eines Elternteils innerhalb sowie außerhalb der Familie aus Angst vor Stigmatisierung verschwiegen. Demnach können die Kinder das Verhalten der Eltern während einer akuten Krankheitsphase nicht einordnen und glauben häufig, sie seien der Auslöser der psychischen Probleme. Da Kinder darüber hinaus einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, selbst eine psychische Störung zu entwickeln, sollten frühzeitig Maßnahmen zur Prävention geboten werden, um etwaig auftretende Belastungen für die Kinder zu mildern oder gar zu verhindern. Allerdings werden den Kindern die Maßnahmen nicht früh genug gewährt, sodass sie Unterstützung in Form von Interventionsprogrammen erst erfahren, wenn eine akute Krise die familiäre Situation belastet.

Zu Beginn befasst sich die vorliegende Arbeit mit dem Konzept der Resilienz, welches hinsichtlich ihrer Risiko- und Schutzfaktoren vorgestellt wird. Einer der vorgestellten Risikofaktoren ist die psychische Störung eines Elternteils, welche die Entwicklung der Kinder nachhaltig beeinflussen kann. Dieser Risikofaktor wird im dritten Kapitel näher betrachtet. Angesichts der Epidemiologie wird zunächst eine Einführung in die Thematik gegeben. Anschließend folgen drei der häufigsten und bekanntesten psychischen Störungsbilder, auf die anhand ihrer Häufigkeit, charakteristischen Symptome und ihrer spezifischen Auswirkungen auf die Kinder eingegangen wird.

Kapitel vier beleuchtet die Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern. Hierbei wird thematisiert, wie sich eine elterliche Erkrankung auf die Kinder auswirkt und welche unmittelbaren Probleme und Folgeprobleme sich aus der Erkrankung der Eltern entwickeln können. Die Lebenssituation der Kinder hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab, die am Ende des vierten Kapitels vorgestellt werden.

Der letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich zum einen mit der Förderung von Schutzfaktoren und zum anderen mit verschiedenen Hilfsmöglichkeiten für Kinder und ihren Familien. Dabei liegt der Fokus der Hilfsmaßnahmen auf den Kindern und nicht auf dem erkrankten Elternteil. Dieser wird eher zweitrangig thematisiert.

Die Arbeit wird mit einer Diskussion sowie mit einem Fazit abgeschlossen. Dort werden die wesentlichen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und sowohl die Probleme der Finanzierung als auch die Probleme der Kooperation verschiedener Hilfsmaßnahmen veranschaulicht.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums verwendet. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

2 Resilienz

Im folgenden Kapitel wird das Resilienzkonzept mit seinen Risiko- und Schutzfaktoren im Allgemeinen vorgestellt. Die Resilienz eines Kindes ist für die Bewältigung seiner Lebenssituation in schwierigen Lebenslagen von großer Bedeutung.

2.1 Definition Resilienz

Der Begriff Resilienz bedeutet übersetzt Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität. Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Individuums, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen. Corinna Wustmann (2004, S. 18) fasst Resilienz als psychische Widerstandskraft gegenüber psychologischen, psychosozialen sowie biologischen Entwicklungsrisiken zusammen. Somit ist Resilienz nicht, wie zu Beginn der Resilienzforschung angenommen, ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Kompetenz, welche in der Kind-Umwelt-Interaktion erlangt wird (Wyrobnik, 2012, S. 26). Das schließt mit ein, dass das Kind selbst regulierend auf seine Umwelt einwirkt. Resilienz ist somit ein dynamischer und transaktionaler Prozess zwischen Umwelt und Kind (Wustmann, 2004, S. 28). Als resilient werden Kinder nur angesehen, wenn sie sich trotz enormer Beeinträchtigung erstaunlich positiv entwickeln - im Vergleich zu den Kindern, die unter gleich hoher Risikobelastung psychische Beeinträchtigungen aufzeigen.

Resilienz ist das positive Gegenstück zu Vulnerabilität, die Verwundbarkeit, Verletzbarkeit oder Empfindlichkeit einer Person gegenüber äußeren Einflussfaktoren bezeichnet. Vulnerabilität bezieht sich auf die Prädisposition eines Kindes, verschiedene Formen von Verhaltensstörungen unter Einfluss von Risikobelastungen zu entwickeln (Wustmann, 2004, S. 22).

Als bedeutsamste Untersuchung zur Resilienz wird die „Kauai-Längsschnittstudie“ von der Entwicklungspsychologin Emmy Werner angesehen. Sie ist die größte, bekannteste und erste Untersuchung, die sich systematisch mit Risikokindern, welche sich zu kompetenten Erwachsenen entwickelten, beschäftigt hat. Zu den Hauptzielen der Studie gehört einerseits die Feststellung der Auswirkungen ungünstiger Lebensumstände in der frühen Kindheit auf die physische, psychische und kognitive Entwicklung der Kinder und andererseits die Feststellung der Langzeitfolgen prä- und perinataler Risikobedingungen. Hierfür wurden 698 asiatische und polynesische Kinder des Jahrgangs 1955 über 40 Jahre hinweg begleitet. Die Daten wurden bei der Geburt, sowie im Alter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren erfasst. Als Erhebungsinstrumente kamen dabei neben Interviews und Verhaltensbeobachtungen von Sozialarbeitern, Psychologen, Krankenschwestern und Lehrern auch Persönlichkeits- und Leistungstest sowie Informationen von Gesundheits- und Sozialdiensten, Familiengerichten und Polizeibehörden zur Anwendung. Ein Drittel der überlebenden Kinder war schon vor dem zweiten Lebensjahr multiplen Risikobelastungen, wie chronischer Armut oder familiärer Disharmonie, ausgesetzt, wodurch ein hohes Entwicklungsrisiko festgestellt wurde. 129 der 201 Risikopersonen zeigten bereits im Alter von zehn Jahren schwere Lern- und Verhaltensstörungen und wurden vor dem 18. Lebensjahr straffällig oder als Mädchen schwanger.

Das restliche Drittel entwickelte sich trotz hoher Risikobelastungen zu selbstsicheren und leistungsfähigen Erwachsenen. Bei der Gruppe der resilienten Erwachsenen gab es im Alter von 40 Jahren im Vergleich zu den anderen Vertretern ihrer Altersgruppe eine niedrigere Rate an chronischen Gesundheitsproblemen, Todesfällen und Trennungen. Auslöser dieser günstigen Entwicklungen waren protektive Merkmale und Faktoren, wie beispielsweise schulische Leistungsfähigkeit, Autonomie, günstige Temperamentseigenschaften, Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten, religiöser Glaube und Selbstvertrauen. Die Geburt des ersten Kindes, Heirat, Weiterbildungsangebote oder die Hinwendung zum Glauben galten im Sinne der Studie als positive Wendepunkte und sind entscheidende Lebensabschnitte für den positiven Entwicklungsverlauf. Bekannte Studien aus Deutschland, welche Ähnlichkeiten zur Kauai-Studie aufweisen, sind die Mannheimer Risikokinder­Studie und die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie, auf die in dieser Arbeit nicht näher eingegangen wird (Wustmann, 2004, S. 87). Das gemeinsame Ziel der drei Studien besteht im Erfassen der kindlichen Entwicklungsverläufe und dem Ergründen interindividuelle Unterschiede, die zu den differzierten Enwicklungsverläufen der Risikokinder führen (Wustmann, 2004, S. 87ff).

Insgesamt lässt sich Resilienz als ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Merkmalen des Kindes und seiner Lebensumwelt definieren. Es ist ein multidimensionales, kontextabhängiges und prozessorientiertes Phänomen, das auf einer Vielzahl interagierender Faktoren beruht (Wustmann, 2004, S. 33).

2.2 Schutzfaktoren

Das Kind benötigt schützende Faktoren, welche einen Ausgleich zu den schlechten Erfahrungen darstellen. Diese verhelfen dem Kind Mechanismen zu entwickeln, um sich gegen negative Einflüsse zu wehren. Schutzfaktoren können Belastungen verhindern, ausgleichen und zudem eine gesunde Entwicklung fordern (Wyrobnik, 2012, S. 23). Schutzfaktoren bezeichnet man auch als Ressourcen, die eingesetzt werden, um Risiken zu verhindern. Die Ressourcen sind verfügbare Stärken oder Potenziale, welche die Entwicklung der Kinder unterstützen. Wie aus Tabelle 1 zu entnehmen ist, werden Schutzfaktoren in personale, familiäre und soziale Ressourcen eingeteilt (Lenz, 2010,S. 11).

Tabelle 1. Generelle Schutzfaktoren. Lenz, 2010.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die drei Ressourcen unterliegen gegenseitigen Wechselwirkungen und dürfen somit nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Auch wenn ein Kind über alle Schutzfaktoren verfügt, bedeutet dies nicht, dass sie automatisch resilient sind. Von zentraler Bedeutung ist vielmehr, dass Kinder die Erfahrung machen, dass sie Anforderungen erfolgreich bewältigen und darauf selbst Einfluss nehmen können. Umso mehr Unterstützung ein Kind dahingehend hat, desto leichter wird es mit schwierigen Situationen umgehen können (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2014, S. 30).

Ein Kind, welches über positive Temperamentsmerkmale verfügt, hat höhere Chancen positive Reaktionen aus seiner Umwelt zu erfahren, als ein Kind mit weniger günstigem Temperament. Laut der Kauai-Studie liegen die wirksamsten Faktoren bezüglich des Aufbaus von Widerstandsfähigkeit im Kind selbst, denn bereits im Säuglingsalter wurden die Babys der Studie von ihren Betreuungspersonen als aktiv, liebevoll und gutmütig beschrieben (Werner, 2007, S. 22). Während der Schulzeit erschienen die resilienten Kinder selbstbewusster, selbstständiger und unabhängiger als die nicht resilienten Kinder. Und auch im Erwachsenenalter verhalfen die Fähigkeiten und Kompetenzen den Probanden, mit Problemsituationen erfolgreich umzugehen oder diese ganz zu überwinden (Wustmann, 2004, S. 48).

Den meisten Kindern aus der Kauai-Studie gelang es, trotz widriger Lebensumstände, eine stabile, positiv emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson aufzubauen. Diese Bezugsperson gewährleistete eine kompetente und konstante Betreuung des Kindes und ging auf dessen Bedürfnisse feinfühlig ein. Weiterhin zeigen die Ergebnisse der Kauai-Studie, dass ein wertschätzender Erziehungsstil sowie ein positives Erziehungsklima die Entwicklung von Kindern positiv beeinflusst. Wenn die Kinder innerhalb ihrer Familie keine Bezugsperson vorfanden, orientierten sie sich an schützende Faktoren in ihrem sozialen Umfeld. Nachbarn oder Lehrer dienten als Zuhörer und Berater bei Problemen und übernahmen die Aufgaben der Werte-Vermittler.

Gleichzeitig dienten sie als Vorbild für soziale Handlungsweisen und konstruktives Bewältigungsverhalten. Mit zunehmendem Alter erwiesen sich Freundschaften und Peer-Kontakte als große Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen. In den Peer-Interaktionen lernten die Kinder sowohl soziale Kompetenzen, gleichberechtigte Kommunikation und Perspektivenübernahme als auch das Teilen und Empathie.

Dennoch gilt ein Kind mit einem positiven Umfeld nicht zwangsläufig als resilient. Widerstandsfähig ist das Kind erst, wenn es infolge auftauchender Schwierigkeiten in seinem Leben Bewältigungsleistungen erbringen muss und dies auch schafft. Ein widerstandsfähiges Kind geht aus negativen Erlebnisse gestärkt hervor und nutzt die Erfahrung für die Zukunft (Wyrobnik, 2012, S. 25f).

2.3. Risikofaktoren

Risikofaktoren sind krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungs­hemmende Indikatoren, welche die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen erhöhen und positive Verhaltensweisen reduzieren können.

Befindet sich ein Kind in kritischen Phasen, wie beispielsweise in Entwicklungsübergängen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Risikofaktor die Entwicklung negativ beeinflusst. (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2014, S. 20). Übergänge vom Kleinkindalter zum Vorschulalter beziehungsweise vom Kindergartenalter zum Schulalter stellen hingegen Entwicklungsrisiken dar, die natürlich sind und diejedes Kind durchlaufen muss. Auch akute Belastungen, wie ein Streit der Eltern, gehören zum Lebensalltag eines jeden Kindes. Die Trennung oder der Verlust der Eltern zählen jedoch zu jenen kritischen Lebensereignissen, die ein Kind nachhaltig belasten können (Jaede 2007, S. 13f). Die Wirkung eines Risikofaktors ist abhängig von der eigenen Stresswahrnehmung; so wird zum Beispiel die Trennung der Eltern von manchen Kindern - im Gegensatz zu anderen - als weniger tragisch empfunden (Wyrobnik, 2012,S.21).

Wird eine schwierige Situation erfolgreich bewältigt, können seelische Schädigungen verhindert und die daraus gewonnen Erfahrungen genutzt werden, um auf später auftretende Belastungen ebenfalls erfolgreich zu reagieren.

Mithilfe der Erkenntnisse aus der Risikoforschung werden Entwicklungs­gefährdungen in Vulnerabilitätsfaktoren und Risikofaktoren eingeteilt. Erstere sind kindheitsbezogene Merkmale und umfassen biologische und psychologische Defizite. Zumal die Risikobedingungen in der Umwelt des Kindes liegen, werden Risikofaktoren auch als Stressoren deklariert. Zu den Vulnerabilitätsfaktoren zählen unter anderem:

- Prä-, peri- und postnatale Faktoren (Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, Erkrankung des Säuglings, Geburtskomplikationen)
- Neuropsychologische Defizite
- Genetische Faktoren (Chromosomenanomalien)
- Chronische Erkrankungen (Asthma, Krebs, schwere Herzfehler, hirnorganische Schädigungen)
- Schwierige Temperamentsmerkmale, frühes impulsives Verhalten
- Geringe kognitive Fähigkeiten: niedriger Intelligenzquotient, Defizite in der Wahrnehmung
- Unsichere Bindungsorganisation
- Geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung.

Zu den Risikofaktoren oder Stressoren zählen:

- Niedriger sozioökonomischer Status, chronische Armut
- Alkohol- / Drogenmissbrauch der Eltern
- Elterliche Trennung oder Scheidung
- Arbeitslosigkeit der Eltern
- Chronische familiäre Disharmonie
- Abwesenheit eines Elternteils / alleinerziehender Elternteil
- Soziale Isolation der Familie
- Unerwünschte Schwangerschaft
- Migrationshintergrund
- Psychische Erkrankung eines beziehungsweise beider Elternteile.

Besonders schwerwiegend sind traumatische Erlebnisse - wie Gewalttaten, sexueller Missbrauch oder Kriegs- und Terrorerlebnisse (Wustmann, 2004, S. 38f).

Einige Belastungen treten nur zu bestimmten Zeitpunkten auf, während sich andere kontinuierlich auf die kindliche Entwicklung auswirken. Berücksichtigt werden muss an dieser Stelle, ob Belastungen direkt, wie etwa durch einen nachteiligen Erziehungsstil oder indirekt, zum Beispiel durch andauernde Streitigkeiten der Eltern, auf das Kind übertragen werden (Wyrobnik, 2012, S. 22). Kinder nehmen ihre Umwelt und sich selbst unterschiedlich wahr und bringen verschiedene Vorerfahrungen mit, weshalb festgehalten werden muss, dass der gleiche Risikofaktor bei verschiedenen Kindern sehr unterschiedliche Effekte haben kann. Die Beurteilung einer Risikosituation lässt sich nur aus der Perspektive des betroffenen Kindes beantworten (Wustmann, 2004, S. 44).

3 Psychische Erkrankung der Eltern als Risikofaktor

Der rennomierte Sozialpsychiater Asmus Finzen bezeichnete Kinder psychisch kranker Eltern als „Vergessene Risikogruppe“. Die Gefahr, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln, ist für Kinder psychisch kranker Eltern um ein vielfaches erhöht (Halverscheid, Plass & Wiegand-Grefe, 2011,S. 16).

In diesem Kapitel werden zu Beginn epidemiologische Zahlen psychischer Krankheiten und betroffener Kinder dargelegt. Anschließend wird kurz auf verschiedene psychische Störungen hinsichtlich ihrer Häufigkeit, Symptomatik und ihren Ursachen eingegangen. Hierzu wurden die Krankheitsbilder der Angststörung, Schizophrenie und der Depression ausgewählt, da eine Vielzahl von Menschen von diesen Krankheiten betroffen ist und diese einen guten Einblick in die Komplexität des Feldes der psychischen Störungen gewähren. Darüber hinaus werden die spezifischen Auswirkungen der psychischen Erkrankung auf die kindliche Entwicklung dargelegt.

3.1 Definition psychischer Erkrankungen

Bei psychischen Krankheiten ist der Mensch in Denkprozessen, im emotionalen Erleben und im Verhalten beeinträchtigt, was zu einem persönlichen Leistungsdruck führt, der den Menschen beim Erreichen seiner Ziele blockiert. Menschen mit psychischen Belastungen erleben unterschiedliche Symptome, welche unterschiedlich stark ausfallen. Die Symptome können den Alltag und die Funktionsfähigkeit der Betroffenen mehr oder weniger stark beeinflussen (Gerrig & Zimbardo, 2008, S. 548). Zur Feststellung einer psychischen Störung wird zu Beginn eine klinische Diagnose durch einen Facharzt oder durch einen Psychotherapeuten durchgeführt. Es folgt ein diagnostisches Gespräch, indem das Gesamtbild aller Beschwerden erfasst und einer Diagnose zugeordnet wird. Die Zuordnung erfolgt in der Regel anhand der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (en.: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems / zehnte Auflage = ICD-10), in der verschiedene Krankheiten klassifiziert, definiert und beschrieben werden. Die ICD­10 wird von der Weltgesundheits-organisation (WHO) herausgegeben und ist in Deutschland rechtlich bindend. Das bedeutet, dass Psychotherapeuten und Ärzte gegenüber den Krankenkassen eine ICD-10-Diagnose angeben müssen, damit Behandlungskosten übernommen werden (Basiswissen zu psychischen Erkrankungen, 2015, 7. Absatz). Psychische Störungen werden nach ICD-10 in Kapitel V der F(00-99)-Klasse zusammengefasst. Relevant für diese Arbeit sind die Gruppen F20-F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen, F30-F39 Affektive Störungen und die Gruppe F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen, welche in Kapitel 3.3 vorgestellt werden (Dilling & Freyberger, 2014, S. 5).

3.2 Epidemiologie

Wie bereits im Kapitel 2.2. aufgeführt wurde, gilt eine psychische Erkrankung der Eltern als ein Risikofaktor für die Entwicklung des betroffenen Kindes. Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung. Mattejat (2011, S. 69) geht nach vorsichtigen Schätzungen davon aus, dass etwa 30 Prozent der erwachsenen Gesamtbevölkerung, also etwa jede dritte Frau und jeder dritte Mann, im Laufe eines Jahres unter einer psychischen Störung leiden. Bei rund 60 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland kommt man auf eine Zahl von rund viereinhalb Millionen Menschen, die pro Jahr fachliche Hilfe benötigen. Der Anteil psychischer Erkrankungen von Männern und Frauen ist insgesamt nahezu gleich verteilt. Frauen sind von psychischen Erkrankungen geringfügig häufiger betroffen als Männer. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich, wie Abbildung 1 verdeutlicht, nur bei einzelnen Diagnosen. So erleben 22,6 Prozent der Frauen innerhalb eines Jahres eine Angststörung; bei Männern hingegen sind es 9,7 Prozent. Dafür leiden Männer mit 18,4 Prozent rund viermal häufiger unter einer Alkoholstörung als Frauen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Häufigste psychische Erkrankungen in Deutschland nach Geschlecht im Jahr 2011. Eigene Darstellung. Focus. (n.d.), 2015.

Einen bedeutenden Unterschied gibt es allerdings bei Müttern und Vätern. Eine Untersuchung von Schone und Wagenblass (2010, S. 204) ergab, dass über zwei Drittel der in befragten Einrichtungen behandelten Patienten mit Kindern Mütter sind. Nur rund 31 Prozent sind Väter. Gründe dafür sind einerseits geschlechtsspezifische Rollenverteilungen, sodass Väter eher als Mütter in ihren Familien betreut werden und geschlechtsspezifische Krankheitsverläufe, zumal das Risiko, psychisch zu erkranken für Mütter aufgrund hormoneller und somatischer Veränderungen während der Schwangerschaft sowie bei der Geburt erhöht ist. Zusätzlich risikobehaftet sind die Mütter oft durch Doppelbelastungen oder Alleinerziehenden-Situationen, welche ebenfalls die Wahrscheinlichkeit psychischer Erkrankungen erhöhen.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Kinder psychisch kranker Mütter aller Voraussicht nach andere oder stärkere Belastungen erleben als Kinder psychisch erkrankter Väter. Da die Mutter für Kinder meist die primäre Bezugsperson ist, geht man davon aus, dass sich deren psychische Störung besonders gravierend auf das kindliche Wohlbefinden auswirkt (Jungbauer, 2010, S. 18).

Im Durchschnitt haben psychisch kranke Menschen etwa genauso häufig Kinder wie psychisch gesunde Personen. Aus mehreren europäischen Untersuchtungen geht hervor, dass 20 bis 30 Prozent der stationär behandelten Patienten minderjährige Kinder haben, für die sie sorgen müssen. Allerdings gibt es bis heute noch keine genauen Zahlenangaben darüber, wie viele Kinder bei einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen. Nach Schätzungen lässt sich hochrechnen, dass in Deutschland etwa drei Millionen Kinder innerhalb eines Jahres einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung erleben (vgl. Mattejat, 2011 in Lisofsky & Mattejat, S. 74f). Kinder von psychisch kranken Eltern stehen unter dem erhöhten Risiko, selbst eine psychische Störung zu entwickeln. So stellten Remscheid und Mattejat fest, dass ein Drittel der Kinder in stationärer kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung mindestens einen psychisch kranken Elternteil hat. Über einen Beobachtungszeitraum von vier Jahren ermittelten Rutter und Quinton bei einem Drittel der untersuchten Kinder keinerlei Beeinträchtigungen der Entwicklung und bei einem weiteren Drittel lediglich vorübergehende Auffälligkeiten. Bei dem restlichen Drittel zeigten sich andauernde psychische Störungen. Aus der hohen Rate an psychischen Störungen bei den Kindern lässt sich schließen, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Allerdings erklären sie nur teilweise den Zusammenhang zwischen elterlicher Erkrankung und kindlicher Auffälligkeit. Ebenso wichtig bei der Entstehung einer psychischen Störung sind sowohl individuelle als auch psychosoziale Faktoren (Lenz, 2005, S. 14f).

3.3 Krankheitsbilder und deren Auswirkung auf die Kinder

3.3.1 Angststörung

Angst ist eine natürliche menschliche Reaktion auf Gefahren. Andererseits gilt sie als Symptom einer psychischen Erkrankung. Jeder fünfte Mensch ist im Verlauf seines Lebens von einer Angststörung betroffen, womit die Angststörung zu einer der häufigsten psychischen Erkrankung zählt (Liebowitz & Wittchen, 1998, S. 100). Panikstörungen und Agoraphobien gehören in klinischen Stichproben zu den weitverbreitetsten Angststörungen, während in der Allgemeinbevölkerung soziale und spezifische Phobien am ehesten verbreitet sind (Morschitzky, 2009, S. 185). Zu weiteren Angststörungen zählen die generalisierte Angststörung, die Zwangsstörung und die Posttraumatische Belastungsstörung. In ICD-10 werden die Angststörungen im Abschnitt F4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen zusammengefasst. Zu den Angstsymptomen gehören unter anderem Herzklopfen, Ungeduld, Nervosität, Reizbarkeit, Beklemmung und Konzentrations­schwierigkeiten. Es gibt eine Vielzahl möglicher physischer Symptome. Oftmals sind Atmung und Herz betroffen, was Atemschwierigkeiten, Herzklopfen, Ohnmachtsanfällen und Schwindel hervorruft. Weitere Symptome sind Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Magenkrämpfe. Alle Symptome treten in unterschiedlichen Schweregraden auf (Liebowitz & Wittchen, 1998, S. 100). Die Ängste sind für die Betroffenen nicht mehr kontrollierbar und führen im fortgeschrittenen Zustand zu einer Einschränkung der Aktivität (Schone & Wagenblass, 2010, S. 33).

Die Ursachen für Angststörungen sind bisher nur in Ansätzen geklärt. Es gibt psychologische, psychosoziale und biologische Erklärungsansätze. Bei allen Angststörungen besteht ein erhöhtes Risiko für Komorbidität, also das Auftreten zusätzlicher Erkrankungen. Besonders häufig ist sowohl die Komorbidität von Panikstörungen mit Agoraphobie und spezifischen Phobien, als auch das allgemein erhöhte Risiko, eine depressive Störung zu entwickeln (Jacobi & Wittchen, 2004, S. 10f).

Die Kinder von Angstpatienten haben ein rund zehnfach erhöhtes Risiko, selbst eine Angststörung zu entwickeln. Eine weitere Studie ergab, dass 83 Prozent der Kinder mit einer Angststörung eine Mutter haben, die ebenfalls an einer Angststörung litt, beziehungsweise noch leidet (Lenz, 2005, S. 16). Im Gegensatz zu gesunden Kindern leiden Kinder von Eltern mit Panikstörung deutlich häufiger unter Trennungsangst. Vermutungen zufolge gilt die Trennungsangst im Kindesalter als Auslöser einer Panikstörung im Erwachsenenalter. Kinder von Eltern mit Zwangsstörungen durchleben - öfter als ihre Altersgenossen mit gesunden Eltern - depressive Phasen und Ängste und sie leiden in vielen Fällen öfter an gesundheitlichen Problemen (Hahlweg, Lexow & Wiese, 2011, S. 116f).

3.3.2 Schizophrene Störung

Schizophrenie gilt als eine schwere psychische Störung des Realitätsbezuges. Im Vordergrund stehen dabei Störungen des Denkens, des Antriebs und des emotionalen Erlebens (Steinhausen, 2000, S. 213). Die Wahrnehmung kann so verändert sein, dass Farben ungewöhnlich lebhaft wirken und Geräusche zu Stimmen werden, die Tag und Nacht vorhanden sind. Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt führt zu einer mentalen Überlastung. Weitere Anforderungen der Außenwelt werden als Stress und Überforderung wahrgenommen (Schone & Wagenblass, 2010, S. 37).

Schizophrenie kommt im Gegensatz zu anderen psychischen Störungen relativ selten vor. Die Ersterkrankungswahrscheinlichkeit für die Gesamtbevölkerung beträgt rund ein Prozent (Gaebel & Wölwer, 2010, S. 7). Aufgrund der Vielzahl an Symptomen wird die Störung in Subtypen eingeteilt. Die fünf bekanntesten Typen der ICD-10 sind der desorganisierte, der katatone, der paranoide, der undifferenzierte und der residuale Typus. Ersterer äußert sich in unangemessenen Verhaltensweisen und Emotionen, der katatone Typus zeigt erstarrtes oder reizbares motorisches Verhalten, der paranoide Typus leidet unter Größen- oder Verfolgungswahn, beim undifferenzierten Typus treten Symptome verschiedener Typen auf und der residuale Typus ist zwar frei von Hauptsymptomen, zeigt aber geringfügige Symptome, die Hinweise auf das Weiterbestehen einer Störung sind (Gerrig & Zimbardo, 2008, S. 580f).

Bei den meisten Betroffenen treten während des gesamten Krankheitsverlaufes mehr oder weniger stark ausgeprägte depressive Symptome auf, deren Vorhandensein mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sind. Eine akute Krankheitsepisode ist gekennzeichnet durch die Positivsymptome Wahn, Ich-Störungen, Denkstörungen und Halluzinationen. Zu den Negativsymptomen, welche sich durch eine Funktionsminderung äußern, zählen Interessenverlust, Antriebsarmut, sozialer Rückzug, Erschöpfung und Verwahrlosungstendenzen.

Neurobiologische, psychologische und soziale Teilfaktoren spielen in wechselnder Kombination und Gewichtung bei der Entstehung von Schizophrenie eine Rolle. Vor allem genetische Faktoren gelten als wichtigste ätiologische Komponente für das Risiko eine Schizophrene Störung zu entwickeln. Genetische Faktoren tragen zu etwa 80 Prozent zur Krankheitsdisposition bei. Ist ein Elternteil schizophren, beträgt das Risiko der Kinder an einer schizophrenen Störung zu erkranken circa 15 Prozent (Gaebel & Wölwer, 2010, S. 7ff). Eineiige Zwillinge mit gleicher Erbausstattung sind von Schizophrenie häufiger betroffen als zweieiige Zwillinge. Die Art der Vererbung ist allerdings weitgehend unaufgeklärt. Zu den psychosozialen Faktoren gehören lebensgeschichtliche Belastungen oder Veränderungen in der Umwelt, welche sich aber auch bei anderen seelischen Störungen nachweisen lassen (Steinhausen, 2000, S. 216f). Schizophrene Eltern reagieren oftmals dauerhaft oder vorübergehend verzögert auf kindliche Signale. Zudem sind sie für das Kind emotional nur schwer erreichbar, was sich durch ein passives Verhalten, ein eingeschränktes Kommunikationsrepertoire oder durch Überfürsorglichkeit und Bevormundung gegenüber dem Kind äußert (Lenz, 2012, S. 17).

Kinder, deren Eltern schizophren erkrankt sind, reagieren häufiger mit sozialem Rückzug, depressiver Symptomatik, Ängstlichkeit und Zerstreuung. Sie spielen seltener, verfügen über weniger Lernerfahrungen und geringere emotionale sowie verbale Beteiligung. Eine israelische Studie untersuchte 25 Jahre lang 50 Kinder schizophrener Mütter und kam zu dem Ergebnis, dass diese Kinder - verglichen mit einer Kontrollgruppe - im Erwachsenenalter mehr schizophrene und affektive Störungen entwickelten (Halverscheid et al., 2011, S. 50f). Oftmals erleben Kinder Vernachlässigung seitens des schizophrenen Eltemteils, weil dieser an mangelnder Konzentration leidet und die Bedürfnisse des Kindes unzureichend wahrnimmt.

3.3.3 Depressive Erkrankung

Ungefähr 15 Prozent der deutschen Bevölkerung leidet mindestens einmal im Leben an einer Episode einer depressiven Erkrankung. Damit gehören Depressionen zu den häufigsten Formen psychischer Störungen (Endicott, Quitkin & Wittchen, 1998, S. 118). In den Klassifikationsschemata DSM-IV und ICD-10 wird je nach Zeitdauer und Schweregrad zwischen verschiedenen depressiven Störungsbildern unterschieden (Reicher & Rossmann, 2008, S. 243). Die verschiedenen Formen der Depressionen werden unter dem Begriff affektive Störungen zusammengefasst (Schäfer, 1999, S. 9).

Alle Formen von Depression weisen eine große Anzahl gemeinsamer Symptome auf. Typische Beschwerden und Auffälligkeiten sind Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Energielosigkeit, Verstimmung, Selbstzweifel, Antriebsminderung, Wertlosigkeit, Appetitstörungen, Gewichtsverlust, Unruhe, Schlafstörungen, Schmerzen, Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Suizidgedanken (Hautzinger, 1998, S. 3). Unter allen Krankheiten mit suizidalem Risiko ist die Depression mit Abstand die gefährlichste. Im Verlauf der depressiven Zustände nehmen sich rund 15 Prozent aller depressiv Erkrankten das Leben (Dimova & Pretis, 2004, S. 86).

Die depressive Episode gilt als eine erste Unterform einer depressiven Störung, bei der die Merkmale mit großer Intensität über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen auftreten (Reicher & Rossmann, 2008, S. 243). Hinsichtlich ihres Schweregrades wird sie in leichte, mittelgradige und schwere Formen unterschieden (Steinhausen, 2000, S. 100). Die depressive Episode kann einmalig erlebt werden oder auch mehrmals auftreten, sodass die Depression zu einem chronischen Leiden wird (Endicott et al., 1998, S. 118).

Sind die Kriterien einer depressiven Episode nicht erfüllt, liegt vermutlich eine Dysthymia vor. Diese Form zeichnet sich durch chronische depressive oder reizbare Verstimmung aus, die zwar weniger stark ausgeprägt ist, dafür aber länger andauert (Reicher & Rossmann, 2008, S. 243). Dysthymien beginnen überwiegend im Jugendalter und nehmen einen chronischen Verlauf an, der über mindestens zwei Jahre vorhanden ist und an mehr als der Hälfte der Tage vorhanden ist (Jacobi, Klose, Ryl & Wittchen, 2010, S. 10).

Bipolare affektive Störungen sind durch einen Wechsel von depressiven und euphorisch-manischen Phasen gekennzeichnet (Reicher & Rossmann, 2008, S. 243). Meistens überwiegt die Gesamtdauer depressiver Zeiten die manischen Zeiten. Die manischen Phasen dauern über Tage und Wochen und zeichnen sich durch eine abnormale und anhaltende reizbare Stimmung, gesteigerten Antrieb und vermehrte Aktivität aus.

Wie bei der Entstehung der anderen psychischen Erkrankungen, ist auch bei der Depression von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen. Soziale, psychische und biologische Faktoren wirken an dieser Stelle zusammen (Jacobi et al., 2010, S. 12f). Zu den auslösenden Faktoren zählen unter anderem Trennungserfahrungen, Umzüge, Arbeitslosigkeit, Tod eines Elternteils und auch körperliche Erkrankungen, wie Schilddrüsenfunktionsstörung, AIDS, Schädel-Hirn-Trauma oder Morbus Alzheimer. Depressionen treten häufig zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Zu den häufigsten komorbiden Erkrankungen bei Depression gehören alle Formen der Angststörungen, wie Agoraphobie, Panikstörungen, soziale und spezifische Phobien und generalisierte Angststörungen (Jacobi et al., 2010, S. 21). Auch Essstörungen, Substanzabhängigkeiten, sexuelle Störungen, Schlafstörungen, schizophrene Störungen sowie verschiedene Persönlichkeits­störungen treten gemeinsam mit einer Depression auf (Hautzinger, 1998, S. 18). Diese Störungen werden als primäre Störungen interpretiert, da sie meistens vor der ersten Depression auftreten (Jacobi et al., 2010,S.21).

Depressive Eltern führen im Gegensatz zu gesunden Eltern eher einen inkonsequenten Erziehungsstil und es bereitet ihnen Schwierigkeiten, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Den Ansprüchen der Erziehung fühlen sie sich nicht gewachsen und erleben sich selbst als inkompetent. Vor allem depressive Mütter reagieren teilweise ängstlich und schwanken zwischen einem gewährendem und einem kontrollierendem Erziehungsstil (Lenz, 2012, S. 16). Kinder depressiver Eltern haben ein vielfach erhöhtes Risiko im Laufe ihrer Entwicklung selbst depressiv zu erkranken oder eine andere psychische Störung zu entwickeln. Das Risiko für eine affektive Störung ist für betroffene Kinder zwei- bis dreimal höher als für Kinder unauffälliger Eltern. Sind beide Eltern an einer Depression erkrankt, liegt das Risiko sogar bei 70 Prozent (Lenz, 2005, S. 15).

Die Depression eines Elternteils wirkt sich gegenüber den Kindern direkt im Interaktionsverhalten aus oder indirekt, zum Beispiel über das familiäre Klima (Reicher & Rossmann, 2008, S. 248). Kinder von depressiven Eltern sind weniger kompetent und weniger sozial aktiv. Zudem zeigen sie, im Vergleich zu Kindern von gesunden Eltern, mehr Problemverhalten in der Schule. Darüber hinaus haben sie Defizite in der Aufmerksamkeit, leiden unter depressiver Verstimmung und verfügen über ein nur niedriges Selbstwertgefühl. Mehrere Forschungsarbeiten belegen, dass zum Beispiel eine mütterliche Depression das Risiko der Kinder erhöht, einen unsicheren Bindungsstil zu entwickeln (Hahlweg et al., 2011, S. 115f).

4 Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern

Die Beschreibung der Krankheitsbilder hat einen kurzen Einblick in die Komplexität der Symptome gegeben. In diesem Kapitel werden die Auswirkungen psychischer Störungen auf die Lebenssituationen der Kinder aufgeführt und die Einflussfaktoren ermittelt, die bei der Bewältigung der elterlichen Erkrankung von Bedeutung sind. Am Ende des Kapitels werden zudem verschiedene Bewältigungsstrategien von Kindern psychisch kranker Eltern aufgezeigt.

4.1 Unmittelbare Probleme

Mattejat (1996, S.22) unterscheidet zwischen unmittelbaren Problemen, welche direkt aus dem Erleben der Krankheit entstehen und Folgeproblemen, die Folge der familiären Gegebenheiten sind. Wie stark die einzelnen Probleme als Belastung wahrgenommen werden, ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem vom individuellen Erleben der betroffenen Kinder ab (Schone & Wagenblass, 2010, S. 155).

[...]

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Kinder psychisch kranker Eltern. Möglichkeiten und Grenzen der Intervention
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
65
Katalognummer
V937550
ISBN (eBook)
9783346264824
ISBN (Buch)
9783346264831
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, eltern, möglichkeiten, grenzen, intervention
Arbeit zitieren
Yasemin Linzert (Autor:in), 2015, Kinder psychisch kranker Eltern. Möglichkeiten und Grenzen der Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937550

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinder psychisch kranker Eltern. Möglichkeiten und Grenzen der Intervention



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden