In dieser Arbeit wird das Thema der gesellschaftlichen Ausgrenzung obdachloser Menschen aus historischer Perspektive heraus angegangen. Ich habe mich zu einer theoriegestützten Bachelorarbeit entschlossen, die mit einem Experteninterview empirisch untermauert werden soll. Dazu betrachte ich im ersten Theorieteil das Thema Diskriminierung und gehe dabei auf Ursachen, Auswirkungen und rechtliche Aspekte näher ein. Im zweiten Theorieteil untersuche ich das Thema Obdachlosigkeit anhand von Ursachentheorien und einem historischen Abriss ab dem 11. Jahrhundert bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im Anschluss werde ich dann in dem empirischen Teil dieser Arbeit einen aktuellen Eindruck zum Thema Obdachlosigkeit durch die Bearbeitung eines Experteninterview vermitteln. Danach werde ich in der Diskussion beide Themen zusammenführen und erläutern, inwieweit man die Frage bejahen kann, ob Menschen ohne Obdach in Vergangenheit und Gegenwart diskriminiert wurden. Dabei werde ich auch die rechtlichen Normen kurz erläutern. Zum Schluss werde ich eine Zusammenfassung dieser Arbeit mit den Ergebnissen und ein Fazit vermitteln.
Obdachlose Menschen gehören in unsere Zeit zum Stadtbild wie alle anderen Menschen auch. Doch leider werden sie z.B. in der S-Bahn sehr oft entweder direkt mit Sprüchen wie: „Geh‘ mal lieber arbeiten“ belegt oder Mitmenschen reagieren so, als ob sie gar nicht anwesend sind, wenn sie eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollen. Ich konnte diese Reaktionen meiner Mitmenschen auch schon vor Beginn meines Studiums der Sozialen Arbeit bisher nicht wirklich nachvollziehen. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich innerhalb meiner Bachelorarbeit mit dem Thema der gesellschaftlichen Ausgrenzung Obdachloser zu befassen um zu verstehen, warum Menschen wegen eines eigentlich nur augenscheinlich äußeren Mangels in der gesellschaftlichen Wahrnehmung so negativ bewertet werden.
In der vorbereitenden Literaturrecherche zu dieser Arbeit habe ich relativ schnell bemerkt, dass die Stigmatisierung von Obdachlosen in der wissenschaftlichen Literatur ziemlich bekannt ist. Jedoch habe ich keine Literatur über eine explizite Verbindung von Obdachlosigkeit und Diskriminierung gefunden. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, den Schwerpunkt dieser Arbeit darauf zu fokussieren, den Zusammenhang von Obdachlosigkeit und Diskriminierung zu ergründen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorie: Was bedeutet Diskriminierung?
2.1 Abgrenzung der Begriffe Stereotype, Vorurteile und Stigmatisierung
2.2 Definitionen des Diskriminierungsbegriffes
2.3 Entstehung von Diskriminierung
2.4 Ausprägungen von Diskriminierung
2.5 Wirkungsweisen und Folgen von Diskriminierung
2.6 Rechtliche Aspekte
3 Theorie: Entwicklung von der Bettelei zur Obdachlosigkeit
3.1 Definitionen von Obdachlosigkeit
3.2 Ursachen von Obdachlosigkeit
3.3 Ohne Obdach in Zeiten der Armenfürsorge (Mittelalter bis Kaiserzeit)
3.4 Vom Bettler und Landstreicher zum Asozialen und Arbeitsscheuen – Entwicklung in der Weimarer Republik bis zum Ende des Weltkrieges
3.4.1 Obdachlose in der Weimarer Republik
3.4.2 Obdachlose im Nationalsozialismus
3.5 Parallelwelten in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg – DDR/BRD
3.5.1 Obdachlose in der DDR
3.5.2 Vom Begriff der „Nichtseßhaftigkeit“ zur Wohnungslosigkeit in der BRD
4 Empirischer Teil – Obdachlosigkeit im Jahr 2015 (Experteninterview)
5 Diskussion
6 Zusammenfassung/Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Obdachlosigkeit und Diskriminierung. Ziel ist es, historisch sowie anhand eines aktuellen Experteninterviews aufzuzeigen, wie Obdachlose von der Vergangenheit bis in die Gegenwart durch gesellschaftliche und institutionelle Prozesse ausgegrenzt und diskriminiert wurden und welche rechtlichen Schutzmöglichkeiten existieren.
- Theoretische Fundierung der Begriffe Diskriminierung, Stigmatisierung und Obdachlosigkeit.
- Historischer Abriss der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Behandlung von Obdachlosen seit dem Mittelalter.
- Analyse der spezifischen Situation in der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus sowie der DDR und BRD.
- Empirische Einblicke durch ein Experteninterview zur aktuellen Lebensrealität obdachloser Menschen in Berlin.
- Rechtliche Einordnung der Diskriminierungserfahrungen und Auslotung von Klagemöglichkeiten.
Auszug aus dem Buch
3.3 Ohne Obdach in Zeiten der Armenfürsorge (Mittelalter bis Kaiserzeit)
Menschen ohne Obdach wurden die meiste Zeit in der Geschichte der Menschheit nicht als besondere Gruppe der Gesellschaft, sondern einfach als arm angesehen. Die Art, mildtätig mit den Betroffenen von Armut umzugehen, stellte eine gewisse Tugend dar, die zum großen Teil damit zusammenhing, dass die christlichen Kirchen Armut mit dem Status eines Gutmenschen gleichsetzten. Zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert setzte in Europa eine erhöhte Verstädterung aufgrund von beginnender Warengesellschaft ein. Die „Verlierer der Erneuerung“ waren die Armen, die, je nach Zustand, zunehmend in neu gegründeten Bettelorden, karitativen Stiftungen, Spitälern und Siechenhäusern Hilfe fanden. Sowohl die Kirche als auch der Staat begannen zunehmend Hilfsbedürftige nach ihrer Art zu unterscheiden. Müßiggang wurde von der Kirche als gewaltiges Laster verurteilt und Städte, wie z.B. die Stadt Köln um 1370, gingen dazu über, Bettelordnungen zu erlassen und Almosenzeichen, z.B. ein Stadtwappen aus Blech, an die Personen zu verteilen, die moralisch gut genug erschienen, z.B. weil sie aus Sicht des Staates nicht arbeitsfähig waren und einen festen Wohnsitz inne hatten. Diese Abzeichen implizierten gleichzeitig eine Art von „Berechtigungsnachweis“ für staatliche Almosen und Stigmata der Armut, so dass sich etliche Menschen entschieden, lieber „im Stillen“ zu betteln, statt einen öffentlich sichtbaren „sozialen Offenbarungseid“ abzulegen. Andererseits blieb vielen Personen, die kein Bettelabzeichen erhielten, insbesondere Menschen ohne festen Wohnsitz, nichts anderes übrig, als weiter zu wandern und zu betteln, soweit sie dazu gesundheitlich in der Lage waren. Die damalige Art von staatlicher Ausgrenzung verzeichnete ein Spektrum vom Schutz der Träger öffentlicher Bettelabzeichen über die brutale Vertreibung viele anderer fremdstädtischer Bettler und Familien ohne Obdach bis hin zu deren Stigmatisierung mittels Brandzeichen durch ein und dieselbe Stadt. Selbst städtische Krankeneinrichtungen schlossen wandernde Bettler und Fremde von der Versorgung aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Verfasserin erläutert ihre Motivation, sich mit der Ausgrenzung von Obdachlosen zu befassen, und beschreibt den Aufbau der Arbeit von der Theorie über den historischen Abriss bis hin zum empirischen Experteninterview.
2 Theorie: Was bedeutet Diskriminierung?: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Stereotype, Vorurteile und Stigmatisierung und erörtert verschiedene Dimensionen, Formen und rechtliche Aspekte von Diskriminierung.
3 Theorie: Entwicklung von der Bettelei zur Obdachlosigkeit: Hier wird der historische Wandel der Sicht auf Obdachlose vom Mittelalter über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis hin zur DDR und BRD anhand soziologischer und politischer Ansätze nachgezeichnet.
4 Empirischer Teil – Obdachlosigkeit im Jahr 2015 (Experteninterview): Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse eines Experteninterviews mit einer Teamleiterin einer Krisenwohnung, das die aktuelle prekäre Lebenslage obdachloser Menschen verdeutlicht.
5 Diskussion: In der Diskussion werden Theorie und Empirie zusammengeführt, um zu belegen, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen Obdachlosigkeit und Diskriminierung besteht.
6 Zusammenfassung/Fazit: Das Fazit resümiert die wesentlichen Erkenntnisse und plädiert für eine rechtliche Angleichung, um Obdachlose besser vor Diskriminierung zu schützen.
Schlüsselwörter
Obdachlosigkeit, Diskriminierung, Stigmatisierung, Asoziale, Wohnungslosigkeit, Armenfürsorge, Menschenrechte, Experteninterview, soziale Ausgrenzung, Gewalt gegen Obdachlose, Rechtliche Normen, Grundgesetz, Minderheiten, Soziale Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, inwieweit Obdachlose historisch und in der heutigen Zeit von Diskriminierung betroffen sind und welche Rolle gesellschaftliche Machtverhältnisse dabei spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verbindet soziologische Theorien zu Diskriminierung und Stigmatisierung mit einer historischen Aufarbeitung des Begriffs Obdachlosigkeit sowie einer aktuellen empirischen Untersuchung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, ob Obdachlose in Vergangenheit und Gegenwart diskriminiert werden und inwiefern sie rechtliche Möglichkeiten haben, sich gegen diese Ausgrenzung zu wehren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoriegestützte Bachelorarbeit, die durch ein Experteninterview mit einer Fachkraft aus der Obdachlosenhilfe empirisch untermauert wird.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Begriffsklärung der Diskriminierung, einen historischen Abriss der Behandlung von Obdachlosen seit dem Mittelalter und die Darstellung der aktuellen Lebenssituation mittels Expertenwissen.
Welche Schlagworte charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Stigmatisierung, menschenfeindliche Einstellungen, soziale Marginalisierung sowie der juristische Schutzstatus von Menschen ohne festen Wohnsitz.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen historischer und aktueller Diskriminierung?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Diskriminierung historisch oft durch Gesetze gegen „Asoziale“ institutionalisiert war, während sie heute primär durch strukturelle Ausgrenzung und mangelnden Schutz im Rahmen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) erfolgt.
Welche Rolle spielt das Experteninterview?
Das Interview liefert aktuelle Fallbeispiele und verdeutlicht, dass Obdachlose trotz bestehender Gesetze im Alltag häufig keinen Zugang zu notwendiger medizinischer oder wohnungspolitischer Versorgung finden.
Was ist das zentrale Fazit zur rechtlichen Situation?
Die Verfasserin stellt fest, dass das AGG für viele Gruppen ein Fortschritt ist, für Obdachlose jedoch als Instrument gegen Diskriminierung oft ungeeignet bleibt, da der „soziale Status“ dort nicht ausreichend berücksichtigt wird.
Warum wird das Thema „Gewalt gegen Obdachlose“ so stark betont?
Die Arbeit zeigt auf, dass Diskriminierung nicht nur abstrakt ist, sondern zunehmend mit realer Gewalt und Menschenverachtung einhergeht, was die Dringlichkeit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Birgit Mansour (Autor:in), 2015, Gesellschaftliche Ausgrenzung von Obdachlosen. Ihre historische Entwicklung bis in die Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937669