Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist, wie unterschiedlich Inklusion verstanden wird und die Frage inwieweit sie durch neoliberale Argumentationsstrukturen begründet wird sowie ausblicksartig, welche bildungspolitischen Maßnahmen daraus folgen. Eine solche Betrachtung soll offenlegen, inwieweit der Begriff Inklusion einer paradigmatischen Orientierung folgt. Eine solche Offenlegung soll es erleichtern, bestimmte Maßnahmen hinsichtlich der ihr zu Grunde liegenden ideologischen Motivation zu analysieren und Ansatzpunkte zu liefern, diese zu kritisieren. Eine solche Kritik ermöglicht, die Ausrichtung und Auslegung des Begriffs sowie die praktische Ausgestaltung in der Zukunft zu beeinflussen.
Bei näherer Betrachtung dieser Fragestellung fällt auf, dass bei der Begründung von Inklusion neoliberal orientierte Argumente sehr wohl Eingang in den inklusionsbefürwortenden Diskurs finden. So finden sich immer wieder Argumentationsstrukturen die Inklusion befürworten und sich in ihrer Begründung primär ökonomisch orientieren. Dies überrascht angesichts der von der UNESCO formulierten, als unveräußerlich geltenden Menschenrechte auf Teilhabe. Diese Form der Begründung von Inklusion legt nahe, das Verhältnis von Inklusion und Neoliberalismus näher zu betrachten und unterschiedliche Argumentationsstrukturen im Fachdiskurs über Inklusion mit dem Ziel zu untersuchen, inwieweit neoliberale Argumentationsstrukturen zur Begründung von Inklusion leitend sind und in welcher Form hier diskursive Kämpfe ausgetragen werden. Es bleibt zu prüfen, inwieweit Inklusion als Instrument neoliberaler gesellschaftlicher Transformation gesehen werden kann. Hierzu sollen exemplarisch einige wissenschaftliche Beiträge zur Inklusionsdebatte betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Divergente Verständnisse von Inklusion
2.1 Historische Entwicklung
2.2 Aktuelle Entwicklungen
2.3. Normalismusverständnisse
3. Neoliberale Argumentationsstrukturen in der Begründung von Inklusion
3.1 Neoliberalismus
3.2 Die Humankapitaltheorie im Inklusionsdiskurs
3.3 Einfluss auf den Inklusionsdiskurs
3.4 Individualisierung/ Neue Lernkultur
3.5 Umgang mit dem Begriff Vielfalt
3.6 Chancengleichheit
4. Zwischenfazit
5. Hegemoniale Diskurse
5.1 Vorstellung der Analyse
5.2 Theoretischer Inklusionsdiskurs
5.3 Praxisorientierter Inklusionsdiskurs
6. Fazit
7. Ausblick: Gefährdung des Sozialen durch eine Vereinnahmung des Begriffs Inklusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der Begriff Inklusion durch neoliberale Argumentationsstrukturen begründet wird und welche bildungspolitischen Folgen daraus resultieren. Ziel ist es, die ideologische Motivation hinter inklusiven Maßnahmen offenzulegen, diskursive Kämpfe um Deutungshoheit zu identifizieren und die Rolle von Inklusion als potenzielles Instrument neoliberaler gesellschaftlicher Transformation kritisch zu hinterfragen.
- Neoliberale Argumentationsstrukturen im Bildungsdiskurs
- Die Humankapitaltheorie als Legitimationsgrundlage
- Spannungsfeld zwischen Inklusion als Menschenrecht und ökonomischer Verwertbarkeit
- Hegemoniale Diskurse: Egalität versus Exzellenz
- Auswirkungen der neoliberalen Ausdeutung auf das soziale Profil der Inklusion
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Humankapitaltheorie im Inklusionsdiskurs
Die Humankapitaltheorie dient häufig als ideologische Legitimationsgrundlage und fungiert hier als Indikator für den Einfluss neoliberaler Ideologie in den Diskurs.
„Die Neoliberalen weisen […] darauf hin, dass das, was Bildungsinvestition genannt werden soll oder jedenfalls die Elemente, die in die Bildung des Humankapitals eingehen, viel mehr umfassen als das bloße Lernen auf der Schule oder die bloße Berufsausbildung. Die Gesamtheit der kulturellen Reize, die das Kind empfängt, sind Faktoren im Prozess der Humankapitalbildung. Auf diese Weise gelangt man zu einer Analyse der Lebensbedingungen des Kindes, […] die man berechnen und bis zu einem gewissen Grad in Zahlen ausdrücken kann, die man jedenfalls in Begriffen von Investitionsmöglichkeiten in menschliches Kapital messen kann“ (Foucault, 2010, S. 199).
Es geht also darum, den Menschen als Ressource zu betrachten und für den Markt verwertbar zu machen. Die flexible und widerstandslose Anpassung an den Markt und seine Verwertungsbedingungen erscheinen hier als die Berufung des Menschen (vgl. Ribolits, 2008, zit. n. Herbst, 2015, S. 29).
„Vernunft reduziert sich unter diesen Umständen auf »instrumentelle Vernunft«, sie ist nur noch Mittel der Zweckerreichung, anstatt dem Hinterfragen und der Kritik des Zwecks selbst zu dienen“ (Ribolits, 2008, zit. n. Herbst, 2015, S. 30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die bildungspolitische Relevanz von Inklusion ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der Beeinflussung durch neoliberale Argumentationsstrukturen.
2. Divergente Verständnisse von Inklusion: Das Kapitel arbeitet die unterschiedlichen Definitionen und die historische Entwicklung des Inklusionsbegriffs sowie dessen Abgrenzung zur Integration heraus.
3. Neoliberale Argumentationsstrukturen in der Begründung von Inklusion: Hier werden die Kernelemente neoliberaler Ideologie, wie die Humankapitaltheorie und die Ausdehnung ökonomischer Logiken, auf ihre Anschlussfähigkeit an den Inklusionsdiskurs untersucht.
4. Zwischenfazit: Das Zwischenfazit konstatiert, dass sowohl der Inklusionsdiskurs als auch neoliberale Strömungen gesellschaftspolitische Veränderungsansprüche verfolgen, wobei sich häufig Überschneidungen in den Begründungslogiken zeigen.
5. Hegemoniale Diskurse: In diesem Teil werden verschiedene Inklusionsansätze anhand der hegemonialen Kategorien von Egalität und Exzellenz systematisiert und eingeordnet.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Inklusion durch neoliberale Denkweisen anschlussfähig für eine ökonomische Ausdeutung wird, was eine kritische Distanz zur Vereinnahmung des Begriffs erforderlich macht.
7. Ausblick: Gefährdung des Sozialen durch eine Vereinnahmung des Begriffs Inklusion: Der Ausblick warnt vor der Aushöhlung des sozialen Profils der Inklusion und der drohenden Stigmatisierung derjenigen, die sich neoliberalen Anforderungen nicht anpassen können.
Schlüsselwörter
Inklusion, Neoliberalismus, Bildungspolitik, Humankapitaltheorie, Egalität, Exzellenz, Diskursanalyse, Leistungsgesellschaft, Integration, Chancengleichheit, soziale Teilhabe, pädagogische Reform, Normalismus, Marktmechanismus, Ideologiekritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der bildungspolitische Begriff der Inklusion zunehmend von neoliberalen Argumentationsstrukturen geprägt und begründet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Analyse von Inklusionsverständnissen, die Identifikation neoliberaler Einflüsse, die Humankapitaltheorie und die hegemonialen Diskurse um Egalität und Exzellenz im Bildungssystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, offenzulegen, inwieweit Inklusion als Instrument neoliberaler gesellschaftlicher Transformation fungiert und welche ideologischen Motive hinter der aktuellen Bildungspraxis stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich nicht um eine empirische Diskursanalyse im klassischen Sinne, sondern um eine theoretische Übertragung von Analyserastern (nach Bröckling & Peter) auf den Inklusionsdiskurs.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen und aktuellen Verständnisse von Inklusion, hinterfragt die Kopplung von Bildung mit ökonomischer Verwertbarkeit und untersucht, wie Konzepte wie Chancengleichheit und Vielfalt neoliberal umgedeutet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Inklusion, Neoliberalismus, Humankapital, Bildungsökonomie, Hegemonie und soziale Teilhabe.
Warum wird Inklusion in der Arbeit oft als "Inklusion in etwas" beschrieben?
Der Autor weist darauf hin, dass Inklusion häufig nicht als radikale Veränderung der Gesellschaft verstanden wird, sondern als Anpassung von Individuen an bestehende (leistungsselektive) Strukturen, weshalb man meist von einer Inklusion in ein vorgegebenes System spricht.
Inwieweit gefährdet eine neoliberale Ausdeutung das "Soziale"?
Durch die Betonung von Wettbewerb und Eigenverantwortung droht das Soziale – verstanden als Solidarität und Nicht-Ausgrenzung – unter die Räder zu kommen, da diejenigen, die dem neoliberalen Ideal der Selbstoptimierung nicht entsprechen, als ökonomisch "ineffizient" ausgegrenzt werden könnten.
- Quote paper
- Julius Hüne (Author), 2018, Inwieweit wird der Begriff Inklusion durch neoliberale Argumentationsstrukturen begründet?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937704