Jahrhunderte bevor der Begriff Gender und der dazugehörige wissenschaftliche Diskurs sich entwickelten, verhandelten William Shakespeares Dramen bereits Probleme sexueller Identität, dysfunktionale Familienbeziehungen und Formen des Aufbegehrens gegen traditionelle Geschlechter-Rollen. In der neueren Shakespeare-Forschung wurden diese Themen im Zuge der sich aus der Frauenforschung entwickelnden Gender-Studies vor allem an den weiblichen Charakteren der Dramen behandelt.
Während die Gender-Studies sich anfangs vornehmlich auf das Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen konzentriert haben, rücken nun auch die Machtgefüge unter Männern und verschiedenen „Männlichkeiten“ unter den Bedingungen der patriarchalischen Gesellschaft in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses.
In den folgenden Ausführungen zu Körper und Männlichkeit bei Shakespeare soll es um einen Bereich von „Körperlichkeit“ gehen, der bisher wenig Aufmerksamkeit erhalten hat und im öffentlichen Diskurs noch immer weitgehend tabuisiert wird: der „behinderte“, von der medizinischen und gesellschaftlichen, und hier besonders von der „männlichen“ Norm abweichende Körper.
Innerhalb der gesellschaftlichen Konstruktion von Männlichkeit steht beim Mann seit jeher vor allem die Leistungsfähigkeit seines Körpers im Vordergrund. Nur ein leistungsfähiger Körper ist wirklich „männlich“, denn er erlaubt es dem Mann, seine maskulinen Qualitäten öffentlich zu inszenieren, sich im Wettkampf, etwa im Sport, mit seinen Geschlechtsgenossen zu messen, oder seine Attraktivität auf Frauen als „Trophäen“ seiner Potenz zur Schau zu stellen.
Was ist aber mit den Individuen, die den gesellschaftlichen Forderungen an eine funktionsfähige männliche Identität, sozial und sexuell, von vorneherein nicht entsprechen, die aus dem Patriarchat ausgeschlossen werden müssen, weil sie keine „ganzen Männer“ sein können?
Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, sollen in dieser Arbeit drei von Shakespeares zahlreichen außergewöhnlichen Körpern untersucht werden, drei Charaktere, die sich gerade wegen ihrer außergewöhnlichen Korporealität seit ihrem ersten Erscheinen auf einer Bühne besonderer Popularität erfreuen und Gegenstand zahlreicher Interpretationsansätze sind: Richard III., Caliban und Falstaff.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
Körper und „Männlichkeit“
Die Disability Studies als neuer Zweig der Literaturwissenschaft
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft
I.1 Wonder books, broadside ballads und fairground monsters
I.2 Vom „Wunder“ zum „Freak“ zum „Teratum“
I.3 „Unnatural births“
II. Konzepte sexueller Identität in der Frühen Neuzeit
II.1 Sexualität vor dem Hintergrund der Humoralpathologie
II.2 Zwei Körper – ein Geschlecht
III. RICHARD III. – „Überhitzte“ Männlichkeit auf dem Thron
III.1 „Villain king?“ – Der historische Richard
III.2 Richards Körper in der Diagnose der frühneuzeitlichen Medizin
III.3 Die Henry VI – Tetralogie als Spiegelung der politischen und gender-ideologischen Situation von Elizabeths Herrschaft
III.4 Die soziale Signifikanz von Richards Körperlichkeit
IV. CALIBAN – Das „Tier“ im Mann und die Jungfrau
IV.1 „What have we here, a man or a fish?”- Ein Körper, der jeder Beschreibung spottet
IV.1.1 Interpretations- und Bühnengeschichte
IV.1.2 „Savage“ oder „Monster“ - Hinweise auf Calibans Körper im Text
IV.2 Calibans sexuelle Identität(en)
IV.2.1 Der erste Caliban: Die Bedrohung der Ordnung durch ungezügelte Sexualität
IV.2.2 Der zweite Caliban: Weibliche Sexualität und tote Mütter
IV.2.2.1 Sycorax
IV.2.2.2 Mirandas Mutter
IV.2.2.3 Miranda
IV.2.3 Der dritte Caliban: Die Versuchung des Vaters
V. FALSTAFF – Die Weiblichkeit des fetten Mannes
V.1 Fettleibigkeit im Licht der vormodernen Medizin
V.2 Historisches Vorbild und traditionelle Interpretationen
V.3 Falstaff und sein Körper
V.4 Falstaff als Vater
V.5 Falstaffs sexuelle Identität(en): Kind, Liebhaber, Mutter
SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion männlicher Identität in William Shakespeares Dramen unter besonderer Berücksichtigung außergewöhnlicher Körper. Ziel ist es zu analysieren, wie gesellschaftliche und medizinische Diskurse der Frühen Neuzeit über "monstrous bodies" und "disability" dazu genutzt wurden, patriarchale Machtstrukturen zu legitimieren und als abweichend markierte männliche Identitäten zu pathologisieren oder auszugrenzen.
- Historische Wahrnehmung und kulturelle Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance.
- Wechselwirkungen zwischen frühneuzeitlichen Humoral- und Geschlechterkonzepten und maskuliner Identität.
- Analyse der Figuren Richard III., Caliban und Falstaff als "monstrous bodies".
- Verbindung zwischen körperlicher Devianz und sozialer sowie sexueller Ausgrenzung im patriarchalen Kontext.
Auszug aus dem Buch
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft
Wir alle sind von den körperlichen „Anomalien“, die uns auf Shakespeares Bühne begegnen, gleichzeitig fasziniert und abgestoßen: „Physical and cognitive differences mark lives as inscrutable and mysterious, and thus we approach these artistically embellished differences with a distanced curiosity that simulates intimacy while staving off the risk of an encounter.”22
Die Grundlage dieser Faszination ist, dass eine Erzählung von Andersartigkeit uns unserer eigenen „Normalität“ und gesellschaftlichen Zugehörigkeit versichert und ein Bedürfnis nach Klarheit befriedigt, dass gerade in der Renaissance, die eine langsame Ablösung von der rigiden, aber auch Halt gebenden mittelalterlichen Weltordnung erlebte, sehr drängend war. Der Mensch befreite sich aus dem ideologischen Korsett der göttlichen Vorbestimmung und erlangte eine neue Selbstständigkeit. Ein Prozess, der eine enorme ideologische und individuelle Verunsicherung über den eigenen Platz im Universum mit sich brachte. Teil dieses Zwiespaltes zwischen dem anhaltenden Glauben an göttliche Strafen und Zeichen und der neuen wissenschaftlich-rationalen Beschäftigung mit Mensch und Natur ist die Wahrnehmung und Darstellung vom monstrous bodies in der Renaissance-Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Gender-Studies ein und begründet die Notwendigkeit, "Männlichkeit" in Shakespeares Dramen kritisch durch die Linse der Disability Studies zu untersuchen.
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert den zeitgenössischen kulturellen Umgang mit außergewöhnlichen Körpern, von "Wonder books" bis zu wissenschaftlichen Erklärungsansätzen.
II. Konzepte sexueller Identität in der Frühen Neuzeit: Hier werden die medizinischen Grundlagen (Humoralpathologie) und das Ein-Geschlecht-Modell dargelegt, die das Verständnis von Sexualität und Körperlichkeit in der Frühen Neuzeit prägten.
III. RICHARD III. – „Überhitzte“ Männlichkeit auf dem Thron: Die Untersuchung von Richard III. zeigt, wie seine körperliche Andersartigkeit in einem politischen Kontext als Bedrohung und Beweis für moralische Verderbtheit konstruiert wird.
IV. CALIBAN – Das „Tier“ im Mann und die Jungfrau: Dieses Kapitel analysiert Caliban als Projektionsfläche für Ängste vor dem "Anderen", Kolonialismus und unkontrollierter Sexualität im Kontext von The Tempest.
V. FALSTAFF – Die Weiblichkeit des fetten Mannes: Falstaff wird als Grenzgänger betrachtet, dessen Körperlichkeit und exzessiver Lebensstil ihn sowohl zur komödiantischen Figur als auch zum Gegenentwurf männlicher Idealvorstellungen machen.
SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Fazit fasst zusammen, dass die untersuchten männlichen "Monster" trotz unterschiedlicher Ausprägung durch ihren Ausschluss aus der patriarchal definierten "normalen" Männlichkeit vereint sind.
Schlüsselwörter
Shakespeare, Körpergeschichte, Männlichkeit, Disability Studies, monstrous bodies, Gender, Renaissance, Richard III., Caliban, Falstaff, Humoralpathologie, Sexualität, Patriarchat, Andersartigkeit, soziale Stigmatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie außergewöhnliche Körper (Disability) in den Dramen Shakespeares genutzt werden, um patriarchale Männlichkeitskonzepte zu definieren, zu festigen oder zu hinterfragen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von Körpergeschichte, Gender-Studies und den Disability Studies, bezogen auf die gesellschaftlichen Strukturen der Frühen Neuzeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie die körperliche Andersartigkeit von Figuren wie Richard III., Caliban und Falstaff deren soziale und sexuelle Positionierung innerhalb einer männlich dominierten Gesellschaft bestimmt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die literarische Texte mit historischen medizinischen Diskursen (z.B. Humoralpathologie) und modernen gender-theoretischen Ansätzen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nacheinander die Figuren Richard III., Caliban und Falstaff einer detaillierten Analyse ihrer Körperlichkeit, ihrer sozialen Rolle und ihrer sexuellen Identitätskonzepte unterzogen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Männlichkeit, monstrous bodies, Körpergeschichte, Disability Studies, Sexualität und die spezifische Analyse von Richard III., Caliban und Falstaff.
Warum wird Richard III. als "Monster" auf dem Thron bezeichnet?
Richard III. wird nicht nur physisch, sondern auch politisch als "Monster" konstruiert, dessen "überhitzte" Männlichkeit und Ambitionen als Störung der gesellschaftlichen und moralischen Ordnung wahrgenommen werden.
Wie trägt die Disability-Perspektive zum Verständnis von Caliban bei?
Die Perspektive zeigt, dass Calibans "Monstrosität" weniger ein biologisches Faktum als eine soziale Markierung ist, die ihn als "Anderen" ausgrenzt und Prosperos Machtanspruch legitimiert.
Inwiefern wird Falstaff eine "Weiblichkeit" zugeschrieben?
Falstaffs Körperlichkeit (Fettleibigkeit) wird in der Humoralpathologie der Zeit oft mit weiblichen Attributen assoziiert, was ihn innerhalb der starren Geschlechterkonzepte der Frühen Neuzeit als ambivalent und potenziell subversiv erscheinen lässt.
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- Verena Ludwig (Author), 2008, Monstrous Bodies - Körper und Männlichkeit bei Shakespeare, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93780