1. Einleitung
Die Arbeit mancher Organisationen ist dadurch gekennzeichnet, dass sie entweder mit hoch riskanten Technologien arbeiten müssen, oder dass ihr Arbeitsumfeld äußerst gefährlich ist. Das trifft auf die Arbeit in Kernkraftwerken oder Chemiekonzernen zu, aber auch Flugsicherungsunternehmen, Flugzeugträger, Feuerwehren oder die Polizei sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Unfälle müssen deshalb ausge-schlossen werden. Vor allem bei Kernkraftwerken oder Chemiekonzernen haben Unfälle katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt und dennoch wird immer wie-der von Vorfällen in Atomkraftwerken oder von Tankerunglücken in den Medien berichtet. Nichtsdestotrotz scheint es Organisationen zu geben, die seit langer Zeit unfallfrei arbeiten. Diese scheinen den Sprung von „hoch riskanten“ Organisationen zu „hoch verlässlichen“ Organisationen geschafft zu haben. Trotz erschwerter Be-dingungen wie enormem Zeitdruck oder die Nutzung komplexer Technologien, fal-len sie durch ein besonders hohes Maß an Zuverlässigkeit auf, weshalb sie als high reliability organizations (HROs) bezeichnet werden. Diese besonderen Organisatio-nen sind ein zentraler Bestand und häufiger Untersuchungsgegenstand in der Krisen-forschung geworden. Aus Sicht der Vertreter der HRO-Forschung sind Unfälle durch gewisse Organisationsstrukturen, die gut gemanagt werden, vermeidbar. Die dazu durchgeführten Fallstudien bestätigen diese These. Es scheint Mechanismen zu ge-ben, die ein unfallfreies Arbeiten mit riskanten Technologien oder in einer gefährli-chen Umgebung ermöglichen. Die Liste der Merkmale ist lang und variiert je nach Organisation. Doch einige Merkmale tauchen immer wieder auf. Diese sollen im Verlauf der Arbeit dargestellt werden.
Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit der HRO-Forschung, soll die Frage geklärt werden, ob diese Merkmale Unfälle wirklich ausschließen und ob wirklich von „hoch verlässlichen“ Organisationen gesprochen werden kann bzw. ob die Ver-treter der HRO-Forschung eine zu optimistische Sicht verfolgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Organisation und Zuverlässigkeit
2.2. Die Sicht der Normal Accident Theory
3. Die optimistische Sicht: High-Reliability Theory
3.1. Die High-Reliability Organizations
3.1.1. Der Untersuchungsgegenstand der HRO-Forscher
3.1.2. Antizipation von Fehlern
3.1.3. Reaktion auf Unerwartetes
3.2. Die Grenzen der Theorie der High-Reliability Organizations
3.2.1. Der Begriff der high reliability organization und der Zuverlässigkeit
3.2.3. Sicherheit als Unternehmensziel
3.2.4. Extensiver Gebrauch von Redundanzen
3.2.5. Fokussierung auf Technik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die wissenschaftliche "High-Reliability Theory" (HRT), die postuliert, dass Organisationen in risikoreichen Umfeldern durch spezifische Organisationsstrukturen nahezu fehlerfrei operieren können. Ziel ist es, die Gültigkeit dieses Optimismus zu prüfen und zu klären, ob die identifizierten Merkmale tatsächlich Unfälle ausschließen oder ob die Theorie Schwachstellen aufweist.
- Vergleich zwischen "Normal Accident Theory" (NAT) und "High-Reliability Theory" (HRT)
- Analyse der Merkmale "hoch verlässlicher Organisationen" (HROs)
- Kritische Beleuchtung der Sicherheitskultur und Fehlerprävention
- Evaluation der Grenzen des HRO-Modells im Kontext ökonomischer Ziele
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Antizipation von Fehlern
Die Konzentration auf Fehler innerhalb des Systems, die Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen komplexer Zusammenhänge und das Vorhandensein von hoher Sensibilität für betriebliche Abläufe sollen helfen auf Überraschungen weitgehend vorbereitet zu sein.
Sicherheit als Unternehmensziel
Den untersuchten Organisationen ist gemein, dass Sicherheit als ein übergeordnetes Ziel betrachtet wird. Manager von HROs stimmen darin überein, dass Sicherheit als ein ebenso wichtiges Ziel gewertet werden sollte wie Effizienz. HROs scheinen sich also durch eine ausgeprägte Sicherheitskultur auszuzeichnen. Ein grundsätzlicher Bestandteil ist dabei die Verankerung von Sicherheitsnormen innerhalb der Organisation, und deren ständige Überprüfung durch das Management.
Die Implementierung eines Belohnungs- und Anreizsystems soll sicherheitsrelevantes Verhalten aufzeigen und konformes Verhalten mit den Sicherheitsvorschriften belohnen. So besteht häufig die Möglichkeit Fehler oder Beinahe-Unfälle anonym zu melden, um die Hemmschwelle der Fehlermeldung abzusenken. Auch müssen Arbeiter keine Sanktionen befürchten, wenn sie Fehler melden, die sie selbst zu vertreten haben. Teilweise werden Mitarbeiter für das Melden eines Fehlers, den sie zu vertreten haben, sogar belohnt. Ein Mitarbeiter eines Flugzeugträgers wurde mit einer Feierlichkeit belohnt, nachdem er einen Fehler, den er selbst verursacht hatte, meldete.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik risikoreicher Organisationen ein und stellt die Kernfrage, ob die High-Reliability Theory einen zu optimistischen Blick auf die Unfallvermeidung wirft.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel klärt den Begriff der Zuverlässigkeit und stellt die gegensätzliche Normal Accident Theory (NAT) vor, welche Unfälle in komplexen Systemen als unvermeidbar ansieht.
3. Die optimistische Sicht: High-Reliability Theory: Hier werden die Merkmale von HROs, wie Fehlersensibilität, Redundanzen und Flexibilität, detailliert analysiert und anschließend kritisch hinterfragt.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die HRO-Theorie zwar wertvolle Strategien zur Sicherheitssteigerung liefert, jedoch keine absolute Garantie gegen Unfälle bieten kann.
Schlüsselwörter
High Reliability Organizations, HRO, Normal Accident Theory, NAT, Zuverlässigkeit, Risikomanagement, Sicherheitskultur, Redundanz, Fehlerprävention, Krisenmanagement, Komplexe Systeme, Fehlerkultur, Organisationsökonomie, Fehlersensibilität, Hochrisikotechnologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit?
Die Arbeit analysiert die High-Reliability Theory (HRT), die untersucht, wie bestimmte Organisationen trotz hochgefährlicher Arbeitsumgebungen eine außergewöhnlich hohe Sicherheit erreichen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Organisation von Zuverlässigkeit, der Umgang mit Fehlern, die Sicherheitskultur in Unternehmen und die kritische Abgrenzung zur Normal Accident Theory.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Optimismus der HRT-Autoren zu prüfen und zu hinterfragen, ob die propagierten Organisationsmerkmale tatsächlich katastrophale Unfälle verhindern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Auswertung diverser Fallstudien (z. B. Flugzeugträger, Kernkraftwerke), die von HRO-Forschern herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Merkmale von HROs wie Antizipation von Fehlern und Reaktion auf das Unerwartete erläutert, gefolgt von einer kritischen Reflexion über die Grenzen dieser Theorie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind HRO, NAT, Zuverlässigkeit, Redundanz, Sicherheitskultur und der Umgang mit komplexen, eng gekoppelten Systemen.
Warum kritisieren die Vertreter der NAT die HRO-Theorie?
Die NAT-Vertreter argumentieren, dass in Systemen mit hoher Komplexität und enger Kopplung Unfälle durch menschliche oder technische Faktoren zwangsläufig auftreten und nicht vollständig vermieden werden können.
Welche Bedeutung haben Redundanzen in der HRO-Theorie?
Redundanzen (wie zusätzliche Sicherheitssysteme oder parallele Teams) sollen sicherstellen, dass beim Ausfall einer Einheit das Gesamtsystem weiterhin sicher funktioniert, werden aber auch kritisch hinsichtlich ihrer Komplexitätssteigerung diskutiert.
Was bedeutet der Begriff "conceptual slack"?
Der Begriff beschreibt eine bewusste Divergenz zwischen analytischen Sichtweisen und theoretischen Modellen, um durch unterschiedliche Blickwinkel Fehler zu antizipieren.
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- Julia Lutzky (Author), 2007, Kann man dem Optimismus der high reliability organization-Autoren folgen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93786