Die Hysterie der Protagonistinnen in Gustave Flauberts "Madame Bovary" und George Sands "Indiana". Lektüre romantischer Literatur als Auslöser


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hysterie: Entstehung eines Krankheitsbilds

3. Die hysterische Frau im Frankreich des 19. Jahrhunderts

4. Hysterie bei George Sand und Gustave Flaubert
4.1 George Sand und die Hysterie
4.2 Gustave Flaubert und die Hysterie
4.3 Hysterie in Indiana
4.4 Hysterie in Madame Bovary

5. Hysterische Frauen als Leserinnen bei Sand und Flaubert
5.1 Emma Bovary als Leserin
5.2 Indiana als Leserin

6. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Gustave Flaubert 1856 seinen Roman Madame Bovary veröffentlichte, löste er damit einen Skandal aus und musste sich wegen seiner Geschichte über eine ehebrecherische Frau, die er als Autor nicht verurteilte, sogar vor Gericht verantworten. Die Hysterie war groß - und dabei wurde der Protagonistin des Romans selbst die Hysterie im damaligen Sinne vorgeworfen. Die Hysterie war als reine Frauenkrankheit im 19. Jahrhundert ein Massenphänomen, das die verschiedensten Ursachen umfasste: Frigidität und Nymphomanie, Müßigkeit und auch die Lektüre allzu romantischer Romane, die die leicht reizbare Frau angeblich auf falsche Ideen bringe. Was der bürgerlichen Frau im Frankreich des 19. Jahrhunderts als Beschäftigung in ihrer Rolle als unmündige Ehefrau und Mutter bleibt, ist den Männern Grund genug für die Diagnostizierung der Hysterie, während die Bedürfnisse der Frau keine Rolle spielen. Flauberts Emma Bovary wurde zum Grundstein für den bovarysme; dem Sinnbild einer gelangweilten und träumerischen, von irreführender Lektüre beeinflussten bürgerlichen Ehefrau, die nicht nur in Liebesaffären, sondern auch in der Hysterie Aufmerksamkeit und eine Flucht aus dem Alltag sucht.

Das Gegenteil von Madame Bovarys eingeschränkter Rolle als Hausfrau und Mutter in der Provinz war die Autorin George Sand, geborene Aurore Dupin, die schon lange eine erfolgreiche Schriftstellerin war, als Flauberts Roman erschien. Als Frau, die sich aus den Erwartungen der männlichen Gesellschaft durch ihr selbstbewusstes Auftreten, ihre Bildung und ein Leben ohne jede männliche Autorität befreite, behandelte jedoch auch sie in ihren Romanen, darunter im 1832 erschienenen Roman Indiana, das Schicksal der bürgerlichen Frau ohne eigene Entscheidungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeiten, das in Hysterie endet. Dabei präsentiert sich Sands hysterische Protagonistin Indiana jedoch anders als Emma Bovary.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwiefern Gustave Flaubert und George Sand das Phänomen der Hysterie und die Lektüre als Aufbegehren in ihren Romanen Madame Bovary und Indiana verarbeiten und welche Rolle dabei ihre eigenen Positionen als privilegierter Mann auf der einen und gegen jede Konventionen verstoßende, das Schicksal der Frau aber aus eigener Erfahrung nachvollziehende Frau auf der anderen Seite spielen. Dazu wird zunächst näher auf die Geschichte der Hysterie und das Krankheitsbild der Hysterie im 19. Jahrhundert eingegangen. Es folgt eine Betrachtung Flauberts und Sands in Verbindung mit dem Phänomen der Hysterie zu ihrer Zeit. Anschließend erfolgt eine vergleichende Analyse der Protagonistinnen Indiana und Emma Bovary in Bezug auf die Hysterie, um herauszuarbeiten, inwiefern Flaubert und Sand dieses Thema unterschiedlich behandeln. Im Mittelpunkt steht dabei der Blick auf die Lektüre romantischer Literatur als Auslöser für die Hysterie bei beiden Romanfiguren.

2. Hysterie: Entstehung eines Krankheitsbilds

Die Hysterie galt als eine spezifisch weibliche Krankheit, die schon seit der Antike als Narrativ existierte, doch vor allem im 19. Jahrhundert als pathologische Gewissheit behandelt wurde. Die Hysterie hat ihre etymologische Herkunft im Griechischen, abgeleitet vom Wort hystéra, Gebärmutter, was die Krankheit bereits sprachlich als rein weibliches Leiden kennzeichnete. Für Hippokrates und Plato war die Hysterie auf die „wandernde Gebärmutter“ zurückzuführen: „Ancient Greek medicine theorized that many female pathologies had their roots in a displaced womb. The idea, promoted by Hippocrates and later Plato, that women are more susceptible to irrationality and hysterical conditions, persisted into the Victorian era. Sigmund Freud's theories regarding hysteria were directly influenced by these beliefs“.1

Im Mittelalter stand die Hysterie in Zusammenhang mit der Frau als Verlockung für sündhafte Sexualität und der Hexenverfolgung als Bestrafung dafür.2 Im 19. Jahrhundert begann sich die Hysterie am stärksten als Krankheit zu etablieren und wurde nahezu zum Trend, zumindest jedoch zum Faszinosum für zahlreiche Wissenschaftler und die breite Öffentlichkeit. 1872 begann sich der Pathologe und Neurologe Jean-Martin Charcot für die Hysterie zu interessieren3 und machte sie zu einem eigenen Untersuchungsobjekt. Charcot wies dem hysterischen Anfall, einer „grand attaque hystérique“, einen festen Ablauf zu: Zunächst epiletoide Zuckungen, danach folgen „grand mouvements“, darunter der „arc de cercle“, gefolgt von „attitudes passionelles“ in Form heftiger Bewegungen, Gebärden und Laute, die Sexualität und zugleich Schmerz evozieren, anschließend das „délire términal“, die erschöpfte Abwesenheit.4 Diesen für Charcot symptomatischen hysterischen Anfall leitete er bei freiwilligen Frauen ein5 und führte seine Beobachtungen einem faszinierten, vorwiegend männlichen Publikum vor.

Die Symptome, die betroffenen Frauen im 19. Jahrhundert bescheinigt wurden, waren dabei vielfältiger Natur: Auf psychischer Seite zeigte sich die Hysterie in Form eines apathischen Zustands und depressiven Verstimmungen, auf physischer Seite neben Charcots „arc de cercle“ durch Frigidität zum Einen und Nymphomanie zum Anderen. Die Ursachen für die Hysterie waren ebenso vielfältig wie die Symptome und standen in engem Zusammenhang mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Moralische Verschuldung, Masturbation, Langeweile und Selbstsucht ebenso wie Bildung und intensive Lektüre. Auch Sigmund Freud interessierte sich für die Hysterie und sah in ihr den Ausdruck eines psychischen Traumas, das sich auch auf den Körper auswirkt.6 Am Ende des 19. Jahrhunderts standen anstatt der weiblichen Geschlechtsorgane als Zentrum der Hysterie nun die Nerven im Mittelpunkt, die Symptome änderten sich und das Krankheitsbild der Hysterie wurde mit anderen Krankheiten verwischt7, was die Hysterie mehr zur Neurose und damit auch für Männer möglich machte.

Heute gehört die Hysterie als spezifisch weibliches Krankheitsbild der Vergangenheit an. Die psychischen Störungen und Erkrankungen, die hysterischen Frauen zuvor bescheinigt wurden, fallen in der heutigen Medizin unter die dissoziativen Störungen: „Hysteria may no longer be a recognized condition today, but its symptoms can be seen in conditions like anxiety, depression and obsessive compulsive disorders.“8 Dazu gehören auch Beschwerden, die nicht durch physische Erkrankungen erklärt werden können, wie etwa Bewegungs- und Sinnesstörungen, sowie traumatisierende Erlebnisse und Konflikte als Ursache für diese vielfältigen Symptome. Auch die histrionische Persönlichkeitsstörung zählt zu den dissoziativen Störungen; hierbei handelt es sich um das erhöhte Streben nach Aufmerksamkeit durch die Betroffenen - eine Eigenschaft, die auch bei Gustave Flauberts Emma Bovary auftritt. Es bestehen also deutliche Parallelen zwischen den dissoziativen Störungen der heute anerkannten Medizin und der Hysterie der Vergangenheit. Jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Die Hysterie war immer spezifisch weiblich und ihre Diagnose alles andere als objektiv und wissenschaftlich; vielmehr trug sie dazu bei, die Frau in ihrer unterwürfigen Position in der Gesellschaft zu halten und jegliche Leiden und Beschwerden ohne weitere Klärung unter den Deckmantel der Hysterie zu werfen, um sich nicht weiter mit der Rolle der Frau, ihren Problemen und rechtmäßigen Forderungen auseinandersetzen zu müssen. Damit besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Krankheitsbild der Hysterie und der Position der Frau im 19. Jahrhundert, die sich sowohl in den Werken Gustave Flauberts als auch George Sands als Autoren dieser Zeit widerspiegelt.

3. Die hysterische Frau im Frankreich des 19. Jahrhunderts

Die Hysterie, die im 19. Jahrhundert, der Zeit von Gustave Flaubert und George Sand, für viele Wissenschaftler interessant war und sogar zur anerkannten Diagnose wurde, liegt vor allem in der Rolle der Frau begründet. Der Code Civil von Napoleon sprach der Frau nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Ehe nur eine untergeordnete Rolle zu, in der der Mann in jeder Hinsicht das alleinige Sagen hatte. Daraus ergab sich das stillschweigende Leiden vieler Frauen, die in eine arrangierte Heirat gezwungen wurden und anschließend in das Leben innerhalb der eigenen vier Wände eingesperrt waren, wo sie sich auf das Gebären von Kindern, die Kindererziehung und das Darstellen der vorbildlichen Ehefrau in der Öffentlichkeit beschränken mussten. Für ein erfülltes Leben wichtige Bestandteile wie das Ausleben der eigenen Persönlichkeit, das Nutzen von Bildung und Intelligenz oder eine offene Sexualität standen als Privilegien nur dem Mann zu, was die Frauen mit unterdrückten Wünschen zurückließ. Eine bestimmte Gruppe Frauen, die als hysterisch diagnostiziert wurden, gab es nicht; letztlich wurde für das scheinbar hysterische Verhalten einer Frau aus jeder Schicht und in jeder gesellschaftlichen Stellung eine Erklärung gefunden: Verheiratete Frauen galten als ebenso hysterisch wie unverheiratete Frauen und ledige Frauen aus den oberen Gesellschaftsschichten, ebenso wie Mädchen in der Pubertät und Arbeiterfrauen. Das Spektrum der hysterischen Frau umfasste alles zwischen den beiden kompletten Gegenpolen der Nymphomanie und der Frigidität. Im Mittelpunkt stand dabei jedoch immer das scheinbare Dürsten der Frau nach Sexualität.9 Die Ursachen dienten je nach gesellschaftlichem Status als passende Erklärung für die Hysterie: Vom unerfüllten Begehren innerhalb der Ehe oder als ledige Frau sowie ausgeprägter Sexualität bis hin zur exzessiven Lektüre vor allem sinnlicher, romantischer Stoffe. Die zuvor genannten Ursachen für eine Hysterie umfassten nahezu alle Tätigkeiten und Gewohnheiten, die der bürgerlichen, unmündigen Frau im Frankreich des 19. Jahrhunderts in der patriarchalischen Gesellschaft und innerhalb ihrer von Konventionen und selten von Liebe geprägten Ehe neben der Kindererziehung zugesprochen wurden. Die Diagnose einer Hysterie fungierte als ein schützendes Schlagwort für das Patriarchat, um die wahren Ursachen für die Leiden der betroffenen Frauen abzuurteilen und pathologisch zu begründen. Dabei blieb den Frauen in ihrer gesellschaftlichen Stellung paradoxerweise keine andere Möglichkeit, als durch Hysterie gegen ihre Situation zu revoltieren. Die Ursachen wurden von den untersuchenden Männern als Fehlverhalten der Frau begründet, ohne auf die wahren Gründe hinter traumatischen Erlebnissen oder unglücklichen Ehen einzugehen, was angesichts der damaligen gesellschaftlichen Situation in Bezug auf die Geschlechterrollen nicht weiter verwundert. Die Frau galt somit gemeinhin als überreizt und hysterisch, ohne dass dadurch von den die Gesellschaft führenden Männern die prekäre Lage der Frauen erkannt oder vielmehr anerkannt wurde. Am nähesten kommt einer Anerkennung der Leiden einer Frau des 19. Jahrhunderts noch die Interpretation der Hysterie als Durchsetzung des Willens vonseiten der Frau, die die Krankheit als Schrei nach Aufmerksamkeit und als Ausbruch aus der Monotonie und den eingeschränkten Möglichkeiten ihres Lebens sieht:

Insgesamt tendiert die Forschung mittlerweile dazu, die Hysterie nicht mehr als pures Werkzeug patriarchaler Unterdrückung zu interpretieren. Zur Debatte steht, inwieweit und warum Frauen selbst zu diesem Instrument gegriffen haben [...] Damit drängt sich schließlich die Frage auf, welchen möglichen Nutzen - jenseits der Aussetzung tradierter Rollenvorstellungen - Frauen aus dem Krankheitskonzept bezogen haben könnten.10

Damit blieben die hysterischen Frauen nicht vollkommen in der Opferrolle, was in Hinblick auf die Interpretation von literarischen Figuren wie Emma Bovary oder Indiana ebenfalls von Interesse ist.

Zu den genannten Ursachen für die Hysterie gehörte vor allem auch die Lektüre, die im verhältnismäßig ereignislosen Leben der Ehefrau eines berufstätigen und nahezu alle Entscheidungen treffenden Ehemannes einen geistigen Zufluchtsort, zumindest eine Abwechslung darstellte. Der bürgerlichen Ehefrau als begeisterte Leserin begegnen wir auch bei Gustave Flaubert, der seine Emma Bovary in eine Fantasiewelt brennender Liebe und stürmischer Leidenschaft eintauchen lässt, weshalb sie eine solche Liebesbeziehung auch im wahren Leben erwartet. Daneben erscheint George Sand als Frau des 19. Jahrhunderts nicht nur als Leserin, sondern auch als Autorin solch romantischer Liebesgeschichten selbst, die aus Sicht der Männer für Furore sorgen und die Frau zur Hysterikerin machen. Beide Autoren, Flaubert und Sand, verarbeiteten die Themen Liebe, Ehe und die Rolle der Frau in ihrer Zeit, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Nachfolgend soll ein Vergleich zwischen Gustave Flaubert und George Sand in Bezug auf die Verarbeitung der Hysterie und der Lektüre als deren Ursache in ihren Werken Madame Bovary und Indiana durchgeführt werden.

4. Hysterie bei George Sand und Gustave Flaubert

George Sand und Gustave Flaubert setzten sich beide in ihren Werken mit der Hysterie als Krankheitsbild auseinander, dies jedoch aus einer jeweils völlig anderen Position: Flaubert als Mann in privilegierter Stellung und als junger Autor mit medizinischem Hintergrund einerseits, andererseits George Sand als Frau, die für die Veröffentlichung ihrer Romane einen Männernamen als Pseudonym wählen musste und sich selbst auf Aufsehen erregende Weise die Unabhängigkeit eines Mannes erkämpfte, um dem Schicksal einer angepassten bürgerlichen Ehefrau zu entkommen. Die Tatsache, dass die im Briefwechsel zwischen Sand und Flaubert erwähnte Hysterie in den Werken beider Autoren auf unterschiedliche Weise verarbeitet wurde, ist daher nicht verwunderlich: George Sand war die ältere der beiden, die sich als Frau im Laufe ihres Lebens selbst in Situationen wiederfand, über die Flaubert nur schreiben konnte. Ihre schriftstellerische Karriere begann, noch bevor Wissenschaftler wie Jean-Martin Charcot und Sigmund Freud sich mit dem Phänomen der Hysterie beschäftigten. Der jüngere Gustave Flaubert hingegen begann sein literarisches Schaffen zu einer Zeit, in der der Begriff der Hysterie verstärkt Verwendung fand und ihn dazu inspirierte, die hysterische bürgerliche Frau explizit zu thematisieren.

Beide Autoren faszinierten einander und zweifellos sah Flaubert das Werk von George Sand, vor allem aber ihre Persönlichkeit als Inspiration. Dabei stellt sich die Frage, ob und inwiefern Flauberts Freundschaft mit George Sand sein Verständnis der Hysterie geprägt hat und in welcher Hinsicht beide Autoren dieses Phänomen in ihren Werken unterschiedlich behandelt haben.

4.1 George Sand und die Hysterie

George Sand wurde als Aurore Dupin geboren. In ihrem Leben fehlte eine Vaterfigur11 ; die Suche danach kann in ihren späteren Beziehungen zu Männern erkannt werden, die sich in eine Rolle als Beschützerin umkehrte.12 Aurore las viel, darunter Jean-Jacques Rousseau13, John Locke, Francis Bacon, Montesquieu, Dante oder Shakespeare.14 Ihre Bildung und Liebe zur Lektüre sind das, was später in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft als Gefahrenquelle für die hysterische Frau gesehen wird. Ab 1822 fand sich Aurore selbst in der zur damaligen Zeit nahezu unvermeidlichen Rolle der gelangweilten und in ihrer individuellen Freiheit eingeschränkten bürgerlichen Ehefrau wieder. Die Ehe mit dem Lieutenant Casimir Dudevant war nicht erfüllend und nach der Geburt ihres Sohnes zeigte Aurore eine physische und psychische Störung15, die dem damaligen Krankheitsbild der Hysterie entsprochen haben könnte. Die Ehe mit Dudevant endete 1828, ihre psychosomatischen Leiden setzten sich jedoch fort.16 Ihre schriftstellerische Laufbahn begann Aurore 1832. Zunächst schrieb sie gemeinsam mit ihrem Partner Jules Sandeau und unterzeichnete ihre Artikel zunächst mit J. Sand, woraus später ihr bekanntes Pseudonym entstand.17 Aurore wurde zu George Sand und begann nicht nur wegen ihrer Romane, sondern auch wegen ihres Verhaltens Aufsehen zu erregen: Sie trug Männerkleidung und startete ein emanzipatorisches Leben unabhängig von einem Mann, jedoch mit wechselnden Partnern, was damals skandalträchtig war und den meisten Frauen im Frankreich des 19. Jahrhunderts verwehrt blieb.

Dennoch war George Sands Leben keineswegs frei von Sehnsüchten; ihre eigene Sehnsucht war geprägt vom Einfluss der Romantik, der sich in ihren Werken in Form einer Idealisierung der romantischen Liebe insbesondere im Kontrast zu den einengenden Konventionen der bürgerlichen Ehe niederschlägt. Dieses romantische Liebesideal, das George Sand in ihren Romanen entwickelte, blieb in ihrem eigenen Leben jedoch unerfüllt, was sie weiterhin anfällig für hysterische Leiden machte. Neben diesen persönlichen Erfahrungen in Bezug auf die Liebe erlebte Sand auch die gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit aus der benachteiligten Perspektive in einer von einer Doppelmoral geprägten Gesellschaft, die auf der einen Seite égalité proklamierte und auf der anderen Seite Frauen noch immer nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft mit allen Rechten eines Bürgers betrachtete. Damit erlebte George Sand die Rolle der Frau in ihrer Zeit aus der Sicht einer potenziellen und nach ihren Symptomen tatsächlichen Hysterikerin, wie sie Gustave Flaubert viele Jahre später mit seiner Emma Bovary beschreiben sollte: Eine benachteiligte Stellung und eingeschränkte Zukunftsperspektiven, die kaum erfüllende Rolle als Hausfrau und Mutter in einer langweiligen, lieblosen oder zumindest nicht leidenschaftlichen Ehe, und ein von der Romantik geprägter Geist, der die Lektüre liebt und die Liebe idealisiert, ohne diese Idealisierung von der schmucklosen Realität unterscheiden zu wollen oder zu können, was letztlich zur Krankheit führte. Anders als Flauberts Emma Bovary gab Sand sich jedoch nicht der Sehnsucht nach dem Tod hin, sondern brach auf spektakuläre Weise aus den Erwartungen der patriarchalischen Gesellschaft und dem traditionellen Frauenbild aus. Allein durch ihre Rolle als selbstständige und selbstbewusste Schriftstellerin fiel George Sand aus der Rolle der bürgerlichen Frau, die sich pflichtbewusst auf ihre Aufgaben als Ehefrau und Mutter beschränkt, und verlor damit aus der dominierenden Sicht der Männer jede Weiblichkeit. Diese Abkehr von dem, was die Frau sein sollte, unterstützte Sand selbst durch ihre Lebensweise und ihren betont männlichen Kleidungsstil. Sand identifizierte sich dabei nicht als femme auteur, dem gesellschaftlich definierten Bild der schreibenden Frau, sondern als Autor ohne Unterschied zum männlichen Pendant.18

Sand gelang damit ein Schritt, den Flauberts Emma Bovary für sich selbst ersehnt. Durch ihren unkonventionellen Lebensstil und ihre Befreiung von den jede individuelle Freiheit einschränkenden Konventionen wird George Sand zum realen Vorbild der fiktiven Emma Bovary. Sie hat alles, was Emma sich ersehnt, und ist alles, was Emma sein möchte. Sand erscheint als Ikone aller bürgerlichen Frauen des 19. Jahrhunderts, die Freiheit und Selbstbestimmung radikal für sich beansprucht hat - das bleibt den meisten Frauen ihrer Zeit verwehrt, und Gustave Flaubert zeigt wiederum radikal, worin die Unterdrückung der Sehnsüchte einer sozial wie emotional eingesperrten bürgerlichen Frau enden kann.

[...]


1 Woods, Tania (2012): From Female Sexuality and Hysteria to Feminine Psychology :The Gender of Insanity in Literature, S. 2.

2 Vgl. Weickmann, Dorion (1997): Rebellion der Sinne. Hysterie - ein Krankheitsbild als Spiegel der Geschlechterordnung (1880-1920), Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 24.

3 Vgl. Sicard, Monique (2001): „La femme hystérique : émergence d'une représentation“, in: Communication et langages, n°127, S. 35-49, S. 35.

4 Vgl. Weickmann: Rebellion der Sinne, S. 27.

5 Vgl. Weickmann: Rebellion der Sinne, S. 27.

6 Vgl. Woods: From Female Sexuality and Hysteria to Feminine Psychology, S. 2.

7 Vgl. Weickmann: Rebellion der Sinne, S. 13.

8 Woods: From Female Sexuality and Hysteria to Feminine Psychology, S. 3.

9 Vgl. Weickmann: Rebellion der Sinne, S. 48.

10 Weickmann: Rebellion der Sinne, S. 17.

11 Vgl. Herzog, Stefanie (2015): George Sand oder der Traum vom Glück. Idealisierung, Begehren und Hysterie in Indiana, Lélia und Jacques, S. 50.

12 Vgl. ebd., S. 74.

13 Der Einfluss Rousseaus zeigt sich in der Gegensätzlichkeit zwischen Natur und Zivilisation, die in Indiana von Sand hervorgehoben wird.

14 Vgl. ebd., S. 54.

15 Vgl. ebd., S. 54.

16 Vgl. ebd., S. 57.

17 Vgl. ebd., S. 71f

18 Vgl. Herzog: George Sand oder der Traum vom Glück, S. 76.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Hysterie der Protagonistinnen in Gustave Flauberts "Madame Bovary" und George Sands "Indiana". Lektüre romantischer Literatur als Auslöser
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V937903
ISBN (eBook)
9783346267214
ISBN (Buch)
9783346267221
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gustave Flaubert, Madame Bovary, George Sand, Indiana, Hysterie, Romantik, Realismus, Französische Literaturwissenschaft, Lektüre
Arbeit zitieren
Sophie Barwich (Autor), 2020, Die Hysterie der Protagonistinnen in Gustave Flauberts "Madame Bovary" und George Sands "Indiana". Lektüre romantischer Literatur als Auslöser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937903

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Hysterie der Protagonistinnen in Gustave Flauberts "Madame Bovary" und George Sands "Indiana". Lektüre romantischer Literatur als Auslöser



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden