Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › German Studies - Older German Literature, Medieval Studies

Vom "bon fîz, scher fîz, bêâ fîz" zum Gralskönig Parzival

Die Entwicklung des Parzival Wolframs von Eschenbach

Title: Vom "bon fîz, scher fîz, bêâ fîz" zum Gralskönig Parzival

Seminar Paper , 2008 , 41 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Marlen Frömmel (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

„Geht man […] davon aus, dass der Held nicht nur verschiedene Altersstufen und Existenzformen durchläuft, sondern auch einen Prozess geistiger Reifung durchmacht [, also træclîche wîs wird] (4,18), in dem er an Selbst-, Welt- und Gotteserkenntnis zunimmt […], bietet es sich an, Wolframs Parzival als gattungsgeschichtliche Präformation des neuzeitlichen Entwicklungsromans zu deklarieren.“ Der Erzähler erzählt eine Geschichte vom anfangs tumpen Parzival, der am Ende Gralskönig wird. „Die Figur wandelt sich von einem unreflektierten, infantilen und draufgängerischen Charakter zum vorbildlichen Repräsentanten der Gralsgesellschaft. […] Die Annahme liegt nahe, dass diese Veränderung innerhalb eines Entwicklungsprozesses stattfindet, der in der zitierten Prologäußerung vorweg genommen wird.“
Diesen erstmals dezidiert nachzuverfolgen, ist das Anliegen der Dissertation von Ruth Sassenhausen, auf welche ich mich in dieser Arbeit beziehen werde. Nach einer Abgrenzung des Entwicklungs- vom Bildungsroman verfolgt sie mit Hilfe der Entwicklungspsychologie und den antiken/mittelalterlichen Vorstellungen des menschlichen Entwicklungsprozesses denjenigen des Parzival, welcher sich direkt aus dem inhaltlichen Aufbau des Werkes ergibt. Das Wolfram von Eschenbach diesen akzentuiert, untermauert sie dabei durch den Vergleich mit dem Perceval von Chrétien de Troyes. Legitimationsgrundlage für eine literaturpsychologische Analyse des Inhaltes bietet das Postulat des Sternheimer Symposions von 1985: „Eine Wissenschaft, die sich als Kulturwissenschaft versteht, kann nicht weiterhin historische Verhaltensweisen ignorieren und die Psyche des mittelalterlichen Menschen in ihrer Forschung ausklammern.“
Parzivals Entwicklung lässt sich im Groben in drei verschiedene Entwicklungsstufen einteilen: seine Kindheit in Soltane mit der Erziehung durch seine Mutter Herzeloyde, die Ritterlehre bei Gurnemanz und die religiösen Unterweisungen bei Trevrizent. Diese entsprechen den drei ineinandergreifenden Phasen in der Identitätsgenese von Parzival: tumpheit, Artusritterschaft, Gralskönigtum.
[...] Die Figur des Parzival werden soll daher im epischen Kontext seiner gesellschaftlichen Determinanten analysiert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. træclîche wîs werden – ein menschlicher Entwicklungsprozess

2. Wolfram von Eschenbach und sein Parzival

3. Die biographische Struktur des Entwicklungsromans

4. infantia: pränatale und postnatale Determinanten für Parzivals Entwicklung

5. pueritia/adolescentia: Erziehung und Beginn der Identitätskrise

5.1 Aufwachsen in der Einöde Soltanes

5.2 Parzivals Eintritt in die Welt

5.2.1 Jeschute

5.2.2 Sigune

5.2.3 Ither und der Artushof

5.3 Die Erziehung des Helden durch Gurnemanz

6. adolescentia: von der tumpheit zur Erkenntnis

6.1 Die erste Liebe: Condwiramurs

6.2 Die Überforderung in Munsalvæsche

6.3 Vergangenheitsbewältigung

6.3.1 Die zweite Begegnung mit Sigune

6.3.2 Die zweite Begegnung mit Jeschute

6.3.3 Die Blutstropfenszene

6.4 Gesellschaftlicher Erfolg und Krisis: Aufnahme in die Tafelrunde und Verfluchung durch Cundrie

6.5 Selbsterkenntnis und Läuterung

6.5.1 Die dritte Sigune-Episode

6.5.2 Trevrizent

7. iuventus: Persönlichkeitskonsolidierung, Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung

8. Fazit

9. Literatur

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit analysiert die Entwicklung des Protagonisten Parzival aus einer literaturpsychologischen Perspektive und ordnet den Roman gattungsgeschichtlich als Vorläufer des neuzeitlichen Entwicklungsromans ein, wobei insbesondere der Wandel von der tumpheit zur Identitätskonsolidierung im Kontext mittelalterlicher Lebensphasen-Modelle betrachtet wird.

  • Literaturpsychologische Analyse von Parzivals Identitätsgenese
  • Strukturierung der Entwicklung anhand mittelalterlicher aetates-Modelle
  • Bedeutung der Erziehung durch Mutter, Gurnemanz und Trevrizent
  • Bewältigung von Schuld und Vergangenheit als Weg zum Gralskönigtum

Auszug aus dem Buch

5.1 Aufwachsen in der Einöde Soltanes

Nach Ansicht von Schröder liegt in dem, was sich in der waste in Soltane abspielt, der Schlüssel zum Verständnis des rechten Sinns der Lebensstufen Parzivals vom Kind zum Gralsherrn. Denn auch wenn Herzeloyde Parzival vor dem Schicksal seines Vaters bewahren will, kann der Begriff flühtesal (117,14) nicht nur „Flucht“, sondern auch „Betrug“ bedeuten, worauf der Erzähler verweist: der knappe alsus verborgen wart / zer waste in Soltâne erzogn, / an küneclîcher fuore betrogn (117,30-118,2). Durch ihr Verhalten enthält Herzeloyde ihrem Sohn nicht nur mit seinem Namen das erste Identitätsmerkmal, seine familiären Bindungen sowie die standesgemäße Erziehung vor, sondern sie zwingt ihm auch ihre gesellschaftliche Entfremdung auf. Da sie Parzival dadurch explizit vor einer Berührung mit dem Rittertum abschirmen will, fehlt ihm „folgerichtig die Möglichkeit zur Identifikation mit Rollen und Vorbildern, die dem gesellschaftlichen Modell, in das er hineinwachsen soll, entsprechen.“ Ein Kind benötigt für seine Entwicklung „kognitive, emotionale und physische Anreize zur Förderung seiner Anlagen“ und die Normen und Werte, die Herzeloyde Parzival vermittelt, bieten keinen Ersatz, da sie „pädagogisch […] alles falsch“ macht.

Zusammenfassung der Kapitel

1. træclîche wîs werden – ein menschlicher Entwicklungsprozess: Einleitung in die gattungsgeschichtliche Einordnung des Romans als Entwicklungsroman und Festlegung der methodischen Grundlage.

2. Wolfram von Eschenbach und sein Parzival: Überblick über den Autor, die Datierung des Werkes und die literarische Tradition, in der es steht.

3. Die biographische Struktur des Entwicklungsromans: Erörterung des theoretischen Rahmens durch das antike aetates-Modell der Lebensalter.

4. infantia: pränatale und postnatale Determinanten für Parzivals Entwicklung: Analyse der frühen Kindheit und der prägenden, ambivalente Mutter-Sohn-Beziehung.

5. pueritia/adolescentia: Erziehung und Beginn der Identitätskrise: Untersuchung von Parzivals Aufwachsen in Soltane und seinen ersten folgenschweren Begegnungen nach dem Verlassen der Heimat.

6. adolescentia: von der tumpheit zur Erkenntnis: Detaillierte Betrachtung des Reifeprozesses durch Prüfungen, Minneerfahrungen und die kritische Konfrontation mit seiner Vergangenheit.

7. iuventus: Persönlichkeitskonsolidierung, Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung: Darstellung der abschließenden Reifung und der endgültigen Übernahme der Rolle als Gralskönig.

8. Fazit: Zusammenfassende Würdigung des Parzival als Lebensalterroman und Resümee der psychologischen Entwicklung des Protagonisten.

9. Literatur: Verzeichnis der herangezogenen Primär- und Sekundärliteratur.

Schlüsselwörter

Parzival, Wolfram von Eschenbach, Entwicklungsroman, Identitätsfindung, tumpheit, Mittelalter, Erziehung, Herzeloyde, Gurnemanz, Trevrizent, Gralskönig, Literaturpsychologie, aetates-Modell, Identitätskonsolidierung, Schuld.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert Wolframs von Eschenbach „Parzival“ als einen frühen Entwicklungsroman, indem sie den Weg des Helden von der unreflektierten Kindheit bis zur Übernahme der Herrschaft als Gralskönig literaturpsychologisch untersucht.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Zu den Schwerpunkten zählen die Bedeutung der Erziehung, der Einfluss von familiären Prägungen, die Identitätsgenese anhand mittelalterlicher Lebensstufen sowie die Bewältigung von Schuld und Vergangenheit.

Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Parzivals Entwicklung kein bloßer Gattungsübergang ist, sondern ein psychologisch fundierter Reifeprozess, der den Roman als Vorläufer des modernen Entwicklungsromans qualifiziert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt einen literaturpsychologischen Ansatz und bezieht sich dabei auf gattungstheoretische Erkenntnisse, um die biographische Struktur des Werkes im Kontext zeitgenössischer Modelle (wie dem aetates-Modell) nachzuvollziehen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden die einzelnen Lebensphasen Parzivals (infantia, pueritia, adolescentia, iuventus) chronologisch durchlaufen und an zentralen Episoden – etwa bei Gurnemanz, der Gralssuche oder der Begegnung mit Sigune – analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?

Die wichtigsten Begriffe sind Parzival, tumpheit, Identitätsfindung, Entwicklungsroman, Erziehung, Schuld und Gralskönig.

Warum ist die Erziehung durch die Mutter für die spätere Entwicklung des Helden so entscheidend?

Die Mutter Herzeloyde versucht, Parzival von der Welt und der ritterlichen Gesellschaft zu isolieren, was zu seiner „tumpheit“ (Unwissenheit) führt. Ihre ambivalente Liebe prägt ihn so stark, dass er bei seinem Eintritt in die Welt zunächst unfähig ist, sich in sozialen Gefügen zurechtzufinden.

Was hat es mit der „tumpheit“ des Protagonisten auf sich?

Der Begriff beschreibt Parzivals anfängliche Naivität und mangelnde kognitive Reflexionsfähigkeit. Die Überwindung dieser tumpheit durch Bildung, Erfahrungen und Selbsterkenntnis bildet den Kern des gesamten Romans.

Warum spielt die Begegnung mit Trevrizent eine so wichtige Rolle für das Fazit der Arbeit?

Das Gespräch mit dem Eremiten Trevrizent markiert den Wendepunkt zur Läuterung, da Parzival hier lernt, seine Vergangenheit und seine Fehler (z.B. den Tod von Ither und das Verlassen der Mutter) reflektiert als eigene Schuld anzuerkennen, was für seine Individuation unerlässlich ist.

Excerpt out of 41 pages  - scroll top

Details

Title
Vom "bon fîz, scher fîz, bêâ fîz" zum Gralskönig Parzival
Subtitle
Die Entwicklung des Parzival Wolframs von Eschenbach
College
Ernst Moritz Arndt University of Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Course
„Wolfram von Eschenbach: Parzival“
Grade
1,0
Author
Marlen Frömmel (Author)
Publication Year
2008
Pages
41
Catalog Number
V93811
ISBN (eBook)
9783640105649
ISBN (Book)
9783640113552
Language
German
Tags
Gralskönig Parzival Eschenbach Parzival“ Thema Parzival
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Marlen Frömmel (Author), 2008, Vom "bon fîz, scher fîz, bêâ fîz" zum Gralskönig Parzival, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93811
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  41  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint