Aristoteles und Francis Bacon: Das teleologische Paradigma von Wissen und Wissenschaft. Die Forschungskonzeption um "Wissen ist Macht"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Autoren und ihre pädagogische Bedeutung
2.1 Aristoteles
2.2 Francis Bacon

3. Unterschiede innerhalb der Konzeptionen
3.1 Die Aristotelische und die Baconsche Induktion
3.2 Von der „causa finalis“ zur Wirkursache

4. Ein Blick auf die Parallelen zwischen Aristotelischer und Baconscher Konzeption

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Die vorliegende Belegarbeit beschäftigt sich aus einem pädagogischen Blickwinkel mit den theoretischen Konzeptionen der Epoche machenden Philosophen Aristoteles und Francis Bacon. Im Zentrum der Arbeit steht ein Vergleich der beiden Positionen und damit die Frage, welche wesentlichen Differenzen und Berührungspunkte die zu beleuchtenden Konzepte gegebenenfalls aufweisen. Hierfür werden in Hinblick auf die Primärliteratur für Aristoteles die Schriften Physik[1] und Metaphysik[2] und für Bacon die Werke Novum organum scienciarum[3] und Nova atlantis[4] als Untersuchungsgegenstände fungieren.

In einem ersten Schritt soll einführend die pädagogische Bedeutung der beiden Autoren herausgestellt werden, um in Anschluss daran zum Hauptteil der Arbeit überzugehen und die Unterschiede innerhalb der Aristotelischen und der Baconschen Konzeption näher zu beleuchten. Hierfür werde ich das Augenmerk auf die von mir für wesentlich befundenen Differenzen richten – zum einen auf das induktive Verfahren in der jeweiligen Auslegung der Autoren, zum anderen auf die Verlagerung der Relevanz von der „causa finalis“ bei Aristoteles hin zur bestimmenden Wirkursache bei Bacon.

Das vierte Kapitel richtet den Blick schließlich auf die im Werk von Aristoteles und Bacon trotz aller Abweichungen auch auffindbaren Parallelen.

Abschließend soll das erziehungswissenschaftliche Verdienst der Philosophen gewissermaßen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, indem explizit ihr jeweiliges Wirken in ihrem Zeitalter thematisiert und gewürdigt wird.

2. Die Autoren und ihre pädagogische Bedeutung

2.1 Aristoteles

Aristoteles (384-322 v. Chr.) ist nicht nur einer der bekanntesten Philosophen Europas, sondern muss – neben weiteren großen Philosophen der Antike wie etwa Sokrates oder Platon – sicherlich auch für die Pädagogik als wegweisend betrachtet werden. Klaus Prange zufolge ist

„,Antike’ mehr als eine Epochenbezeichnung; sie enthält auch direktive, pädagogische Konnotationen, ohne die die neuerliche Vergegenwärtigung wohl kaum in Gang käme. Nach wie vor gehören Homer und Aristoteles, Cicero und Vergil zum Umkreis einer Bildung, die über das Fremde sich ihrer Eigenart vergewissern will; in Anlehnung und Abhebung bleiben die Klassiker unsere Lehrer, selbst dort, wo sie nicht mehr direkt gelesen und angeeignet werden.“[5]

Der entscheidende Übergang von der weitgehend unhinterfragt bzw. gewöhnlich einfach „geschehenden“ Erziehung, wie es sie auch schon beispielsweise bei den Ägyptern gab, zur Pädagogik ist gekennzeichnet durch die planmäßige Reflexion über das, was Erziehen eigentlich ist. Ebendiese Thematisierung, das bewusste Nachdenken über Erziehung und Lernen, muss als großes Verdienst – laut Prange als eines der „Wunder“[6] – der Griechen anerkannt werden.

„Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.“[7] – so heißt es in Buch I der Metaphysik des Aristoteles. Tatsächlich sind es jedoch „eigentlich und zuerst die Griechen, die richtig nach Wissen streben, und zwar nach dem, was man nicht nur einmal weiß und für andere anders ist, sondern was man überhaupt weiß und für alle gilt.“[8] Entsprechend beschreibt Aristoteles in seiner Metaphysik die Schritte des Lernens bzw. den Weg zum Wissen: den Aufstieg von den Sinneswahrnehmungen zur Wissen -schaft. Das Besondere und Wegweisende hierbei ist der Fortschritt vom sinnlichen Erkennen bzw. von den sich durch die Erfahrung im Umgang mit konkreten Problemen des Alltags ergebenden praktischen Kenntnissen zum geistigen Erkennen. Das Wesen der Dinge ist nicht mehr einfach dem offenbaren Augenschein identisch, nicht mit der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung gleichzusetzen: Es muss nach den wahren Ursachen, nach dem verborgenen Grund der Dinge gefragt werden, was wiederum bedeutet, der gewöhnlichen Anschauung misstrauisch gegenüber zu treten; dies war der traditionellen Denkungsart bis dato weitgehend fremd gewesen. Nicht jeder ist zudem in der Lage, diesen „eigentlichen“ bzw. „wahren“ Grund zu erkennen. Auf diesen skizzierten Prozess des Lernens nach Aristoteles wird im Laufe der Arbeit noch genauer einzugehen sein. Zu klären ist beispielsweise, weshalb Dante den Aristoteles sogar zum „Meister aller, die wissen“[9], erhob.

Dass Aristoteles, der als Schüler Platons dessen Kunst noch weiter ausbaut, sein Augenmerk tatsächlich keineswegs nur auf Methode der Wissenschaft, sondern auch auf die des Unterrichts richtet, lassen nicht zuletzt seine Ausführungen über Lehren und Lernen in der Metaphysik erkennen.[10]

2.2 Francis Bacon

Francis Bacon (1561-1626), englischer Philosoph, Politiker und Jurist, kann als Wegbereiter der modernen naturwissenschaftlich-technischen Forschung bezeichnet werden. In der Zeit der sich zu ihrem Ende neigenden Renaissance

„nicht selbst als empirischer Forscher, Erfinder oder Entdecker den Umfang des materialen Wissens erweiternd, sondern als Theoretiker den sich abzeichnenden Umbruch in den Grundlagen des Wissens verkündend, steht Bacon am Beginn der naturwissenschaftlich-industriellen Entwicklung der Neuzeit, ihr Prophet und ihr Herold zugleich.“[11]

Bacons Vorstellung gemäß konnten allein das planvolle Experiment und die vorurteilsfreie Beobachtung den Menschen dazu befähigen, der Natur fruchtbare Kenntnisse und damit wiederum praktisch anwendbares Wissen abzugewinnen. Philosophische Zielsetzung konnte demnach nicht mehr entsprechend christlicher und antiker Tradition die Betrachtung von „reinen Wesenheiten“ sein:

„An die Stelle der nun müßig und selbstgefällig erscheinenden ,vita contemplativa’ des scholastischen Aristotelikers und des humanistischen Platonikers sollte die ,vita activa’ gemeinschaftlich tätiger Forscher treten mit der Aufgabe, die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern.“[12]

Für Bacon ist – entgegen der aristotelischen Auffassung – Wissen gerade nicht Selbstzweck, sondern Macht, und zwar im Sinne eines Wissenschaftsverständnisses, das Wissen als ein Instrument zur Naturbeherrschung im Interesse des Fortschritts impliziert. Dem metaphysischen Denken im Sinne des Aristoteles stellt Bacon also entschieden ein neues, völlig anderes Wissensverständnis gegenüber: das Ideal einer zweckhaften, durch die Methode der Empirie bestimmten Wissenschaft.

Da Bacon in diesem Sinne nicht zuletzt als Vorbereiter des englischen Empirismus anzuerkennen ist, ist auch seine Bedeutung für die erziehungswissenschaftliche Disziplin wohl kaum zu überschätzen; denn nicht nur für diesen Wissenschaftsbereich muss dem Empirismus als Grundlage wissenschaftlicher Arbeitsweise bis in die Gegenwart große Bedeutung beigemessen werden.

3. Unterschiede innerhalb der Konzeptionen

3.1 Die Aristotelische und die Baconsche Induktion

Um die Aristotelische Konzeption angemessen verstehen zu können, soll zunächst ein kurzer Einblick in den pädagogischen Ansatz von Platon gegeben werden. Im Zuge seiner Seelenwanderungslehre wirft Platon in dem Dialog Menon[13] die Frage auf, was Lernen ist, und kommt im Laufe des Gesprächsganges zu folgender Bestimmung desselben: „[…] Suchen und Lernen ist […] ganz und gar Erinnerung.“[14] Lernen ist demnach Erinnerung bzw. „Anamnesis“ an alles von der Seele irgendwann einmal in sich Aufgenommene, was – da stets latent in ihr vorhanden – mittels der geeigneten Methode also auch wieder „hervorgeholt“ werden kann. Diese Methode, die Lernen ausmacht, ist nach Platon die Umlenkung des Blicks[15] und findet ihre Entsprechung in der Lehrmethode des Fragens und Irritierens. Prange zufolge geht es hierbei „um die immergleiche Gegenwart des Gültigen, und das wird dann später ,Idee’ genannt.“[16] Des weiteren weist er darauf hin, dass

„die Ideen nicht postulativ eingeführt werden, nicht als Glaubenssatz und Axiom, sondern als Weg, über den das Immer-Gültige erreicht werden soll. Sie stellen im Gespräch das Formal-Allgemeine dar, das nicht widerlegt werden kann. Sie sind […] vor aller Einzelerfahrung und in der Erfahrung als das, was sie ausweist und über das beliebige Meinen hinaushebt.“[17]

Das bekannte und häufig zitierte bzw. weitergeführte Denkbild, das Platon für den Weg zum Immer-Gültigen bzw. Allgemeinen entworfen hat, ist das so genannte Höhlengleichnis in der Politeia[18] . Sinnbildlich wird hier der Frage nachgegangen, worin die wahre Bildung besteht, die „paideia“, welche den einzelnen Menschen zu einem „allgemeinen“ sowie damit auch zu einem der Polis fähigen Wesen macht.[19]

Auch Aristoteles, der Schüler Platons, beschäftigt sich mit der Frage nach dem Allgemeinen – der „Idee“ im Sinne Platons – und infolgedessen mit der Wesenhaftigkeit der Dinge. „Aber die Antwort darauf, wie das Allgemeine gleichsam alltäglich und die Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit überwunden werden kann, hat […] Aristoteles […] gegeben.“[20] In der Vorstellung des Aristoteles ist einem in dem, was man anschaut, schon das Allgemeine mitgegeben: In jeder auf ein Ziel zugehenden Bewegung ist bereits die Form als die treibende Kraft mitenthalten, „als ,Entelechie’, die sich allmählich ans Licht und ins Klare arbeitet.“[21] Das grundlegende Prinzip der entelechialen[22] Identität und Einheit thematisiert Aristoteles selbst ausführlich in seiner Schrift Physik; „Physik“ muss im Aristotelischen Sinne als die Wissenschaft von den sinnvollen Bewegungen und somit teleologisch verstanden werden, denn es geht in letzter Konsequenz darum, die bewegende Zweckursache zu kennen. Nach der Auffassung der Griechen ist der Kosmos stets im Werden begriffen und Aristoteles kann als erster verstanden werden, der dieses Werden bewusst thematisiert. Wissenschaft nach Aristoteles ist demzufolge auch die Wissenschaft von den Formen des Werdens. In Bezug auf dieses „Werden“ muss nun zwischen dem natürlichen Werden, wenn etwas sich selbst erhält, und dem künstlichen Werden unterschieden werden, denn „unter den vorhandenen (Dingen) sind die einen von Natur aus, die anderen sind auf Grund anderer Ursachen da.“[23] Zu den Dingen „von Natur aus“ zählt Aristoteles etwa Tiere und Pflanzen sowie jeweils deren Teile und die Naturelemente (Erde, Feuer, Luft und Wasser). Die anderen aber – beispielsweise ein Kleid oder eine Liege – seien „kunstmäßig hergestellt“ und trugen „keinerlei innewohnenden Drang zu Veränderung in sich“[24], wohingegen eben „Naturbeschaffenheit […] doch eine Art Anfang und Ursache von Bewegung und Ruhe an dem Ding [ist; S. K.], dem sie im eigentlichen Sinne […] zukommt.“[25] Da nach Aristoteles Verstehen und Wissen dadurch bedingt sind, die „Grund-sätze“ bzw. ersten „Ursachen“ oder „Grundbausteine“[26] der Dinge kennen zu lernen, muss also zunächst einmal

[...]


[1] Aristoteles: Physik. Vorlesung über die Natur. 184a-b; 189-190b; 192b; 194b-195a. Übersetzt von Hans Günter Zekl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

[2] Aristoteles: Metaphysik. 980a-982a . Nach der Übersetzung von Hermann Bonitz, bearbeitet von Horst Seidl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

[3] Bacon: Novum organum scienciarum (1620/1974). Neues Organ der Wissenschaften, übersetzt von A. Th. Brück (1830/1974: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Auszug)).

[4] Bacon: Nova atlantis (lateinisch: 1624; engl.: 1627; deutsch: 1826/1986: Neu-Atlantis. Übersetzt von G. Bugge. Stuttgart: Reclam (Auszug).

[5] Klaus Prange: 1. Epoche: Erziehung und Pädagogik im Altertum. In: Rainer Winkel (Hrsg.): Pädagogische Epochen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann, 1987. S. 21.

[6] Vgl. ebd., S. 23.

[7] Aristoteles: Metaphysik. Buch I, Kapitel I, S. 1.

[8] Klaus Prange: 1. Epoche: Erziehung und Pädagogik im Altertum. In: Rainer Winkel (Hrsg.): Pädagogische Epochen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann, 1987. S. 28.

[9] Dante zitiert in: Ebd., S. 41.

[10] Vgl. Otto Willmann: Aristoteles als Pädagog und Didaktiker. In: Rudolf Lehmann (Hrsg.): Die grossen Erzieher. Ihre Persönlichkeit und ihre Systeme. II. Band. Berlin: Reuther und Reichard, 1909. S. 3.

[11] Philipp Rippel: Francis Bacons allegorische Revolution des Wissens. In: Francis Bacon: Weisheit der Alten. Herausgegeben und mit einem Essay von Philipp Rippel. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1990. S. 93.

[12] Brian Vickers indirekt zitiert in: Ebd., S. 94 f.

[13] Platon: Menon. 80d 5-86c 4; 86b-97c.

[14] Platon: Menon. S. 541.

[15] Vgl. auch Platons Schrift Politeia (514a bis 521 b): Die Auffassung von Erziehung als „Kunst der Umlenkung“ (Vgl. das „Höhlengleichnis“ im 7. Buch der Politeia,  S. 567) ist die früheste Deutung in solchem Kontext. Überhaupt stellt Platons Schrift die erste Konzeption von Bildung, Pädagogik und Wissenschaft dar.

[16] Klaus Prange: 1. Epoche: Erziehung und Pädagogik im Altertum. In: Rainer Winkel (Hrsg.): Pädagogische Epochen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann, 1987. S. 38.

[17] Ebd., Hervorhebungen im Original.

[18] s. Fn. 15.

[19] Vgl. Klaus Prange: 1. Epoche: Erziehung und Pädagogik im Altertum. In: Rainer Winkel (Hrsg.): Pädagogische Epochen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann, 1987. S. 39.

[20] Ebd., S. 40, Hervorhebung im Original.

[21] Ebd.

[22] Als Entelechie ist die Eigenschaft von etwas zu verstehen, sein Ziel – sein „Telos“ – in sich selbst zu haben.

[23] Aristoteles: Physik. Buch II, Kapitel 1, Hervorhebungen im Original.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Vgl. ebd., Buch I, Kapitel 1.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aristoteles und Francis Bacon: Das teleologische Paradigma von Wissen und Wissenschaft. Die Forschungskonzeption um "Wissen ist Macht"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V93816
ISBN (eBook)
9783640105670
ISBN (Buch)
9783640111855
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Francis, Bacon, Paradigma, Wissen, Wissenschaft, Forschungskonzeption, Wissen, Macht, Gegenüberstellung
Arbeit zitieren
Stefanie Kuhne (Autor), 2008, Aristoteles und Francis Bacon: Das teleologische Paradigma von Wissen und Wissenschaft. Die Forschungskonzeption um "Wissen ist Macht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93816

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