Der Diskurs der Liebe in Friedrich Hölderlins "Hyperion" anhand von Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Roland Barthes Literaturtheorie

3. Die Figuren
Abwesenheit
Anbetung der Natur
Anbetung von Diotima
Berührung
Glaube
Liebe und Mythos
Opfer
Spiegel
Weinen

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes,
Ihre Seele der Laut des Volks!“[1]

In meiner Hausarbeit möchte ich Friedrich Hölderlins Hyperion unter dem Gesichtspunkt von Roland Barthes (1915-1980) Buch Fragmente einer Sprache der Liebe, erschienen 1977, untersuchen. Hyperion beschäftigt sich zum größten Teil mit dem Thema der Liebe. Es ist ein höchst einsamer Diskurs, der von Hyperion verteidigt wird. Hier fand ich die Schnittstelle, denn auch Roland Barthes spricht davon, dass der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit sei, diesem Diskurs will er einen Raum geben und ihn bejahen, um ihn vor dem Abdriften in Unzeitgemäßheit zu retten. Dies ist ebenso mein Vorhaben. Das Ziel dieser Arbeit ist durch Textstellen in Hyperion den Diskurs der Liebe nach einigen Figuren von Roland Barthes Buch zu belegen. Formal werde ich mich jedoch nicht ganz genau an Barthes Strukturpunkte halten. Die erste Ordnung, die Einhaltung der alphabetischen Ordnung, werde ich befolgen, die zweite Ordnung, außer der Schrifttafel ebenso, und die dritte Ordnung, bezüglich der Quellen, werde ich durch andere Quellen ersetzen. Letztendlich werde ich versuchen, Barthes Alphabet der Figuren wenn möglich zu erweitern, welches auch in seinem Sinne sei. „Das Buch wäre idealerweise eine Interessengemeinschaft: » Den Lesern- den Liebenden-Vereint. «“, „weil das Buch seinem Wesen nach zum Fortgang genötigt ist“ (Barthes 1984: 17), ein Buch an dem der Leser weiterschreiben kann.

Thematisch werde ich mich auf die Beziehung von Hyperion zu Diotima konzentrieren. Hyperion spricht die Sprache eines sich Erinnernden, der nicht in der Unmittelbarkeit des Erlebens spricht, wie etwa Goethes Werther, sondern in der Distanz des Erzählers. Der Briefroman gewinnt eine Mittelbarkeit Im Gegensatz zu Werther, der „im Zustand des Leidens“ schreibt, schreibt Hyperion „aus dem Abstand vom Leiden“[2].

2. Theorie

Um meine Arbeitsweise näher zu erläutern, ist eine kurze Einführung in Roland Barthes Gedankenwelt nötig. Barthes bietet in diesem Buch ein strukturales Porträt: ein Ort an dem ein Liebender für sich zu einem Anderen spricht, der jedoch schweigt. Dabei benutzt er eine »dramatische« Methode: das Ich inszeniert seine Ausdrucksweise durch eine Sprache, die sich auf ihre Wirkungsweise stützt (Vgl. Barthes 1984: 15). Roland Barthes benutzt in diesem Buch zwei Gliederungsprinzipien: erstens eine alphabetische Ordnung der Fragmente, zweitens die Benennung der Figuren, jedoch sei dies eine „absolut bedeutungslose Gliederung“, die „um der Versuchung des Sinnes zu widerstehen“ (Barthes 1984: 21) erforderlich war. Das Montageprinzip durch Alphabetsbuchstaben hat den Vorteil, dass keinerlei hierarchische Ordnung entsteht und somit die einzelnen Sequenzen gleichberechtigt behandelt werden können. Ebenso bricht sie mit der linearen Struktur des Buches und bietet eine flexible Lesemöglichkeit.

Zu Beginn des Buches beschreibt Barthes noch drei Punkte, die für das Verständnis vonnöten sind. Erstens benennt er die „Figuren“ (Barthes 2003: 16) seines Buches. Diese seien „Redebruchstücke“ (Barthes 2003: 16), die dem Liebenden während seines Diskurses mit sich selbst zufällig „in Gestalt von Sprach- »Anwandlungen«“ (Barthes 2003: 15) in den Kopf kommen. Das Wort versteht er nicht im rhetorischen Sinne, sondern erfasst den Liebenden in Aktion. Man kann auch von „Sprachszenen“ reden, die vom „Liebesgefühl“ (Barthes 2003: 16) eingeleitet werden. Die „Figur“ soll, wie ein Bild, ein Zeichen oder eine Geschichte, erinnerbar sein. Jede „Figur“ bekommt in der Kopfleiste ein Argument, welches zur Veranschaulichung dienen soll, im Sinne von Brechts Schrift- oder Bildtafel. Es soll ausdrücken, was das liebende Subjekt sagt. Weiter besitzt jede Figur auf seinem Grund einen unbekannten Satz, einen „Muttersatz“, der einen Affekt ausspricht, der plötzlich inne hält z.B. „er hätte doch ... können“ (Barthes 2003: 18). Hier könnte zum Beispiel die Figur der »Erwartung« in Betracht kommen. Weiterhin steckt im Kern jeder Figur nach Freud und Lacan eine »verbale Halluzination«, ein verstümmelter Satz wie etwa »Obwohl du ... bist«. Dieser Satz erzeugt eine Unruhe oder Spannung in der „Figur“ (Barthes 1984: 19).

Der zweite Punk ist die „Ordnung“ . Er stellt fest, dass die „Figuren“ per Zufall, ohne jegliche Ordnung, im Liebesleben des liebenden Subjekts vorkommen. Sie „stehen außerhalb von Syntagma und Bericht“. Der Liebende schöpft dabei je nach Lust und Laune aus dem Thesaurus der Figuren seines Imaginären Schatzes, ohne jegliche Logik. Dabei sei dieser Diskurs nicht dialektisch; die „Figuren“ (Barthes 1984: 19ff.) ohne Ziel.

Der dritte und letzte Punkt sind seine Quellen. Er nennt folgende: Werther, Symposion, Zen-Texte, Lacan’sche Psychoanalyse, einige Mystiker, Nietzsche und die deutschen „Lieder“. Ergänzend dazu: Unterhaltungen mit Freunden und sein eigenes Leben (Vgl. Barthes 1984: 22).

Eine Möglichkeit dieser Arbeit wäre die Brücke zwischen poststrukturalistischen Ansätzen mit sozialgeschichtlichen Theoriefeldern zu bauen, die in einer feministischen Literaturtheorie münden würden, doch darauf habe ich verzichtet. Es würde dazu führen, Hölderlin unter dem Aspekt seiner „Weiblichkeit“ zu interpretieren. Jedoch kann diese Fragestellung in einer anderen Arbeit beantwortet werden.

Ich will eine neue Umschreibung des Diskurses von Barthes durchführen, indem die Quellen geändert werden. Statt Symposion, Goethes Werther, etc. wird im Vordergrund Hyperion, Hölderlins Gedichte, Symposion, Die gnadenlose Liebe von Slavoj Žižek, sowie Carl Gustav Jungs Buch Psychologie und Alchemie, ebenso andere Quellen, wie islamische Glaubenssätze und eigene Gedanken herangezogen werden. Dieser Schritt ist eine Form der Substitution der Quellen.

2.1 Roland Barthes Literaturtheorie

Nach J. Hörisch sei die Lust am und im Text die Ordnung des Diskurses, dessen Macht man anerkennt, was äußerst paradox ist, da er selbst eigentlich an der Unordnung arbeitet.

Nach Barthes und Foucault dient die Paraphrase dazu, „inhaltliche Bestimmungen diskursstrategisch zu verdunkeln“[3]

Hier versuche ich in einem Auszug von L. Lindhoff Artikel über Barthes 1953 erschienenen Essay Le Degré zéro de l’écriture (Am Nullpunkt der Literatur) zu skizzieren. Barthes beginnt formale Strukturen im Text – von der Inhaltsebene ganz abgesehen – einer ideologiekritischen Analyse zu unterziehen. Er bezieht den Begriff der » écriture « (»Schreibweise«) auf die Geschichte der französischen Literatur, beginnend in der Klassik. Jedes Werk besitzt ein „selbstreflexives Moment“, welches weder mit dem Stil noch mit der Sprache zu tun hat, sondern »Form als Wert« ist. Dies verdeutlicht die Teilnahme des Werks an der literarischen Institution. Sie ist ein Signal für die sakrale Literaturinstitution der bürgerlichen Welt. Ihre Schreibweise entspricht einer Ideologie mit »mythischem« Charakter. Sie erhebt die Werte der zur Macht gelangten Bourgeoisie zu etwas Universellem. Sie ist einerseits »sichtbar werdende Lüge«, andererseits „die »Euphorie« einer humanen Ordnung der Welt[4].

Lena Lindhoff[5] beschreibt die Analyse von Balzacs Sarrasine als Barthes Wendepunkt vom strukturalistischen zum poststrukturalistischen Theoretiker. Dabei spielten J. Lacan und J. Derrida eine einflussreiche Rolle. Jetzt tritt der Prozeß der »Strukturation« eines »Textes« in den Vordergrund und nicht mehr die Struktur der Sprache des Textes. Es gibt „ein Nebeneinander multipler Codes“, die seine früher vorgeschlagenen Analyseebenen, wie »Narration«, »Funktionen« und »Handlungen« enthierarchisiert. Der Literaturwissenschaftler soll den Text in ein vorübergehendes, vielfältiges Gebilde auflösen. Dabei werden die Codes wie »off-stimmen« oder »Textausgänge« benutzt. Der Text sei ein fotografisches Raumbild »in dem sich fünf Stimmen kreuzen«: erstens die »Hermeneutische«, sie dient der allmählichen „Enthüllung einer Wahrheit“; zweitens die der »Aktionen«; drittens die des »Kulturellen«, welche „das Wissen der Zeit“ zitiert; viertens die der »Seme«, welche auf konnotierte Signifikate (Bedeutungen, Inhalte) zur Charakterisierung von Personen zielt; und fünftens ein »symbolisches Feld«. Texte werden desweiteren nach Kriterien der »Lesbarkeit« und »Schreibbarkeit« bewertet. Der »lesbare« Text entstammt »dem Gesetzt des Signifikats« und »dem geschlossenen System des Abendlandes«. Er bezieht sich auf klassische Texte. Er muss einen eindeutigen Sinn haben. Der »schreibbare« Text gibt dem Leser die Möglichkeit in seiner Pluralität »neu geschrieben « zu werden und seine Aktualität unter Beweis zu stellen. Es ist eine Aufhebung des Autors und des Lesers. Die Autonomie der Subjekte geht auf in der Pluralität der Codes. Jedoch können auch »lesbare« Texte „Plurales sichtbar machen“. Dabei muss der Text in willkürliche Fragmente aufgesplittert werden. Barthes nennt es „eine »Enteignung« des Autors und »Mißhandlung« des Textes“. Durch „texttheoretische Reflexionen mit aphoristischem Charakter“, sowie mit der Analyse der symbolischen Codes, kann ein sinnstiftendes Paradigma in einer »zügellosen Metonymie« aufgelöst werden.

In Le Plaisir de texte geht Barthes über den poststrukturalistischen Horizont hinaus. Einen Diskurs, der die eigenen Fiktionen, Machtstrukturen und Prämissen sprengt und ohne ein wissenschaftliches Sicherheitsgitter zurecht kommt. Die Folge wäre eine Ansammlung lose zusammenhängender Aphorismen mit neubelebten Fachwörtern und Widersprüchlichkeiten[6].

Wenn man Roland Barthes Entwicklung betrachtet, hat er sich vom kritischen Semiotiker zu einem `naiven` Schreib-Ich verwandelt, wobei ich keine Wertung in dem Wort „naiv“ vornehmen will. Er kommuniziert mit einem Textsubjekt. Das sprechende Subjekt wird in einem Prozess sichtbar. Der Leser hat die Wahl, diese Bekenntnisse zu mögen oder nicht, so wird dieser Prozess dem kritischen Denken bevorzugt, es bleibt eine Art von Gesinnungsäußerung[7].

[...]


[1] Hölderlin, Friedrich: Die Liebe, in: Schmidt, Jochen (Hrsg.):Die Gedichte. Sämtliche Gedichte und Hyperion, Frankfurt am Main 2001, S. 246. [ Alle folgenden Zitate aus dem Text beziehen sich auf diese Ausgabe und stehen in runden Klammern, direkt nach dem Zitat.]

[2] Beissner, Friedrich: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, in: Große Stuttgarter Ausgabe, Bd. 3, Stuttgart 1957, S. 430, zitiert nach Knaupp 1997, S. 304.

[3] Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.): Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. Opladen 1990, S.26.

[4] Lindhoff, Lena: Le Degré zéro de l’ écriture. in : Lexikon Literaturtheoretischer Werke. Hrsg. von Rolf Günther Renne und Engelbert Habekost. Stuttgart 1995, S. 82.

[5] Lindhoff, Lena: S/Z, in : Lexikon Literaturtheoretischer Werke. Hrsg. von Rolf Günther Renne und Engelbert Habekost. Stuttgart 1995, S. 369 f. [Alle folgenden Textzitate in diesem Absatz beziehen sich auf diesen Artikel.]

[6] Vgl. Lindhoff, L. : Le Plaisir du texte. S. 285 f.

[7] Hahn, Barbara: Feministische Literaturwissenschaft. Vom Mittelweg der Frauen in der Theorie, in: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. Herausgegeben von Klaus-Michael Bogdal. Opladen 1990. S. 230.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Diskurs der Liebe in Friedrich Hölderlins "Hyperion" anhand von Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Hölderlin in philologischer und philosophischer Sicht
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V93824
ISBN (eBook)
9783640105724
ISBN (Buch)
9783656202189
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskurs, Liebe, Friedrich, Hölderlins, Hyperion, Roland, Barthes, Fragmente, Sprache, Liebe, Hölderlin, Sicht
Arbeit zitieren
M. A. Sara Ehsan (Autor:in), 2007, Der Diskurs der Liebe in Friedrich Hölderlins "Hyperion" anhand von Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93824

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