Prekäre Beschäftigung. Subjektive Verarbeitungsformen in den Zonen der Integration, Prekarität und Entkopplung


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung / -definition
2.1. Normalarbeitsverhältnis
2.2. Atypische Beschäftigungsverhältnisse
2.3. Prekarität / Prekarisierung / prekäre Beschäftigung

3. Subjektive Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigung
3.1. Zone der Integration
3.2. Zone der Prekarität
3.3. Zone der Entkopplung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Medien und der Politik ist spätestens seit den Hartz-Gesetzen immer wieder von prekärer beziehungsweise atypischer Beschäftigung die Rede: „Viele Minijobber arbeiten auf Abruf“ (Süddeutsche Zeitung, 13.06.2018), oder „Der deutsche Arbeitsmarkt driftet auseinander“ (FAZ, 28.09.2015) titeln die Zeitungen in Deutschland.

Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, einen Überblick über die verschiedenen Formen atypi­scher Beschäftigung - in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis - zu verschaffen und be­handelt die subjektiven Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Es wird die Frage gestellt, wie die betreffenden Personen prekäre / atypische Beschäftigung in der „Zone der Integration“, der „Zone der Prekarität“ und der „Zone der Entkopplung“ subj ektiv wahr­nehmen und verarbeiten.

Auf diese Einleitung folgt eine Begriffsklärung/ -definition der unterschiedlichen atypischen Beschäftigungsverhältnisse, einschließlich des Normalarbeitsverhältnis, sowie eine genauere Erläuterung, was unter „Prekarität“, „Prekarisierung“ und „prekärer Beschäftigung“ zu verste­hen ist. Ziel ist es die Heterogenität atypischer Beschäftigungsverhältnisse aufzuzeigen, was in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis geschieht. Anschließend werden die subjektiven Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigung in den vorhin bereits genannten „Zonen“ behan­delt und dargelegt, abschließend folgt ein Fazit des bearbeiteten und es wird angerissen, wie in Zukunft politisch mit prekärer / atypischer Beschäftigung umgegangen werden kann.

2. Begriffsklärung / -definition

Eine begriffliche Klärung für ein näheres Verständnis ist sinnvoll, da so die Unterschiede eines Normalarbeitsverhältnisses zu atypischen Beschäftigungsverhältnissen sichtbar gemacht wer­den können. Denn jene Unterscheidung bzw. Abgrenzung hat sich in der Arbeitsmarktfor­schung eingebürgert. (Keller/Seifert 2013: 11) Zudem gilt es zu klären, was unter den Begriffen Prekarisierung, Prekarität und prekäre Be­schäftigung verstanden wird.

2.1. Normalarbeitsverhältnis

Das Normalarbeitsverhältnis (im Folgenden: NAV) ist als normatives Leitbild einer prakti­schen Arbeits- und Arbeitsmarktpolitik zu verstehen und nicht welche Arbeitsverhältnisse em­pirisch vorzufinden sind und waren. (Mückenberger 2007: 81)

Eine Definition des NAV kann aber auch nicht normativ verstanden werden, sondern vornehm­lich analytischen Zwecken dienen. Diesbezüglich sind die Definitionskriterien des NAV nach Mückenberger: Ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis in Vollzeittätigkeit mit subsistenz- sicherdem Einkommen, die vollumfängliche Integration in die sozialen Sicherheitssysteme ist gewährleistet und die Identität von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis sowie die Weisungs­gebundenheit des Arbeitnehmenden gegenüber dem Arbeitgebenden. (Keller/Seifert 2013: 11)

2.2. Atypische Beschäftigungsverhältnisse

Atypische Beschäftigungsverhältnisse grenzen sich negativ vom NAV ab und umfassen unter­schiedliche, heterogene Formen (Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, befristete Be­schäftigung, Leiharbeit, (Solo-)Selbstständigkeit), die einen höheren Grad an Flexibilisierungs­potential bieten als das NAV. Diese Formen können sich auch überschneiden, wie zum Beispiel beim befristeten geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. (Keller/Seifert 2013: 11f)

Die Teilzeitarbeit ist im Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) definiert, ist sozialversiche­rungspflichtig und die Wochenarbeitszeit und dementsprechend das Entgelt ist im Vergleich zur Regelarbeitszeit von Vollbeschäftigtenreduziert. (a.a.O.: 12)

Die Teilzeitarbeit ist das nominal am meisten verbreitete atypische Beschäftigungsverhältnis und kann zudem als die ,normale‘ Form der Frauenerwerbstätigkeit bezeichnet werden. Der Anteil an der Gesamtbeschäftigung stieg von 1991 bis 2010 um 13 Prozent. Der Gesetzgeber hat sich bei der Gleichstellung mit vergleichbaren unbefristeten Vollzeitstellen eng an den Be­dürfnissen von Müttern orientiert, die zeitweilig ihre Erwerbstätigkeit durch Teilzeitarbeit re­duzieren und hat später Teilzeitbeschäftigten Rechtsanspruch auf Rückkehr in eine Vollzeit­stelle eingeräumt. (Apitzsch et al. 2015: 30)

Geringfügige Beschäftigung definiert sich durch eine monatliche Einkommensgrenze als Vari­ante von Teilzeitarbeit, so genannte Mini-Jobs auf 450-Euro-Basis, bei denen allein der Arbeit­gebende Sozialversicherungs- und Steuerbeiträge leistet. Die mit den Hartz-Gesetzen einge­führten s.g. Midijobs, mit einer Einkommensgrenze von 850 Euro sind sozialversicherungs­pflichtig und die Arbeitnehmenden zahlen vergleichsweise niedrige Sozialversicherungsbei­träge, der Arbeitgebende die vollen Beiträge. (Keller/Seifert 2013: 12f.)

Bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen sind zwei Formen zu unterscheiden: (1) Eine Be­fristung ohne Sachgrund, die auf maximal zwei Jahre beschränkt ist und eine wiederholte Be­fristung derselben Person ausschließt und (2) eine Befristung mit Sachgrund, welche eine Wie­derholung des befristeten Beschäftigungsverhältnisses ermöglicht. (a.a.O.: 13)

Leiharbeit weist die rechtliche Besonderheit auf, dass es eine dreiseitige Beziehung zwischen Arbeitnehmenden, Verleih- und Entleihunternehmen gibt. „Arbeits- (zwischen Leiharbeitnehmer und Verleihunternehmen) und Beschäftigungsverhältnis (zwischen Leiharbeitnehmer und Entleihunternehmen) fallen auseinander.“ (ebenda)

Auch die Leiharbeit weicht bezüglich der Befristung des Arbeitseinsatzes vom NAV ab, wie alle Formen atypischer Beschäftigung - ausgenommen der unbefristeten Teilzeitarbeit. Der so genannte „Klebeeffekt“1 von Leiharbeit in eine unbefristete Vollzeitstelle ist umstritten, zwar mag es einen gewissen „Brücken- oder Eingliederungseffekt aus der Arbeitslosigkeit in die Erwerbsarbeit“ geben, „so gibt es keine Hinweise darauf, dass Leiharbeitnehmer/-innen gegen­über Arbeitslosen überdurchschnittlich häufig der Übergang in unbefristete Vollzeitstellen ge­lingt.“ (Apitzsch 2015: 34f.)

Bezüglich der Einbeziehung der Selbstständigkeit in die Analyse atypischer Beschäftigungs­verhältnisse herrscht in der Literatur Uneinheitlichkeit, denn Selbständige gehören streng ge­nommen nicht zu den abhängigen Beschäftigten. Deshalb wird sich hier nur auf die Solo-Selb- ständigkeit bezogen, also Personen, die eine selbständige Tätigkeit allein, somit ohne ange­stellte Mitarbeiter ausüben. (Keller/Seifert 2013: 14) (Solo-)Selbständige haben soziale Risiken auf eigene Verantwortung zu tragen, denn es besteht keine standardisierte Sozialversicherungspflicht und demzufolge ist nur ein Teil dieser Er­werbsgruppe im sozialen Sicherungssystem integriert. Dennoch gibt es vereinzelt einen sozia­len Sicherungsschutz für Selbstständige beispielsweise im Handwerk, in der Landwirtschaft oder im Arzt,- Architektur- und Anwaltsberuf. Zudem bietet die Künstlersozialkasse selbststän­digen Künstler*innen und Publizist*innen eine Integration in die gesetzliche Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung. Außer den Regeln gegen Scheinselbständigkeit und Subventionen für Neugründungen, welche als Übergang aus der Arbeitslosigkeit dienen sollen, kann „Solo-Selb­ständigkeit als ein|...| Fall von ,unterlassener‘ Regulierung in Bezug auf Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung“ verstanden werden. (Apitsch 2015: 39ff.)2

2.3. Prekarität / Prekarisierung / prekäre Beschäftigung

Das Wort ,prekär‘ wird mit ,widerruflich‘, ,unsicher‘ oder ,heikel‘ übersetzt und somit wäre prekäre Beschäftigung „eine unsichere, weil auf Widerruf gewährte und daher heikle Erwerbs­arbeit.“ (Brinkmann et al. 2006: 16)

Brinkmann et al. (2006) definiert prekäre Beschäftigung so:

„Als prekär kann ein Erwerbsverhältnis bezeichnet werden, wenn die Beschäftigten auf­grund ihrer Tätigkeit deutlich unter ein Einkommens-, Schutz- und soziales Integrationsni­veau sinken, das in der Gegenwartsgesellschaft anerkannt wird. Und prekär ist Erwerbsar­beit auch, sofern sie subjektiv mit Sinnverlust, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsi­cherheit in einem Ausmaß verbunden ist, das gesellschaftliche Standards deutlich zuun­gunsten der Beschäftigten korrigiert.“ (S. 17)

Somit ist Prekarität eine „relationale Kategorie“, da ihre Aussagekraft primär mit der Defini­tion gesellschaftlicher Normalitätsstandards zusammenhängt und ist nicht gleichzusetzen mit „vollständiger Ausgrenzung aus dem Erwerbssystem, absoluter Armut, totaler sozialer Isolation und erzwungener politischer Apathie.“ (ebenda)

Prekarisierung meint einen sozialen Prozess, „über den die Erosion von Normalitätsstandards auf die Integrierten zurückwirkt.“ (ebenda)

Nach einer Definition (im Grunde kongruent mit der Definition von Brinkmann et al. (2006)) der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weist prekäre Beschäftigung geringe Arbeits­platzsicherheit auf, die Beschäftigten haben wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ih­rer Arbeitssituation, arbeitsrechtlicher Schutz ist nur teilweise vorhanden und die Subsistenzsi­cherung durch Arbeit ist in der Regel schlecht. (Vogel 2009: 198; nach: Rodgers 1989)

Abb. 1: Entwicklung atypischer Beschäftigungsverhältnisse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/Erwerbstae tigkeit/TabellenArbeitskraefteerhebung/AtypKernerwerbErwerbsformZR.html (2018))

3. Subjektive Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigung

Es lässt sich ein weit reichender Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit entdecken, denn abhän­gige Erwerbsarbeit beginnt in großen gesellschaftlichen Gruppen ihre Funktion als „Bindemit­tel“ der Gesellschaft zu verlieren und nicht nur Unsicherheit und materieller Mangel, sondern auch die Zugehörigkeit zu sozialen Netzen sowie Anerkennungsdefizite gehen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen einher. (Brinkmann et al. 2006: 59)

„Das Gefühl der Unsicherheit entspricht nicht exakt den tatsächlichen Gefahren, denen eine Bevölkerung ausgesetzt ist.“ Denn „[d]ie Unsicherheit ist zu weiten Teilen die Kehrseite der Medaille einer Gesellschaft, die ganz auf Sicherheit setzt.“ (Castel 2005: 10)

So kann, durch das Einbeziehen subjektiver Verarbeitungsformen von prekären bzw. unsiche­ren Beschäftigungsverhältnissen in die Analyse, das Ausmaß von Prekarisierungsprozessen sichtbar gemacht werden. (Dörre 2006: 183)

[...]


1 Siehe hierzu auch Kapitel 3.2. Zone der Prekarität.

2 Mit (Solo-)Selbständigen und Teilzeitbeschäftigte über 20 Wochenstunden.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Prekäre Beschäftigung. Subjektive Verarbeitungsformen in den Zonen der Integration, Prekarität und Entkopplung
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse II
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V938448
ISBN (eBook)
9783346268204
ISBN (Buch)
9783346268211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prekäre Beschäftigung, Soziale Ungleichheit, Arbeit, Arbeitsmarkt, Soziologie
Arbeit zitieren
Max Roschach (Autor), 2018, Prekäre Beschäftigung. Subjektive Verarbeitungsformen in den Zonen der Integration, Prekarität und Entkopplung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938448

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