Der Markteintritt von FinTechs. Chancen und Risiken für das Firmenkundengeschäft in Sparkassen


Seminararbeit, 2020

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemanalyse
1.2 Zielstellung und Methodik der Seminararbeit
1.3 Aufbau und Abgrenzung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Portrait der Sparkassen-Finanzgruppe
2.2 Begriffsklärung und quantitative Bedeutung des Firmenkundengeschäfts für Sparkassen
2.3 FinTechs
2.3.1 Begriffsklärung FinTech
2.3.2 Der FinTech-Markt in Deutschland
2.3.3 Geschäftsmodelle von FinTechs im Firmenkundengeschäft

3. FinTechs und ihre Auswirkungen auf Sparkassen

4. Chancen und Risiken der dargestellten Auswirkungen
4.1 Chancen
4.2 Risiken

5. Schlussbetrachtung

III. Verzeichnis der Anhänge

IV. Anhang

V. Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der aktiven FinTech-Startups nach Kategorien per September 2019

Abbildung 2: Geschäftsmodelle von FinTechs im Firmenkundengeschäft

II. Abkürzungsverzeichnis

bzw. beziehungsweise

etc. et cetera

KMU Kleinstunternehmen, kleine und mittlere Unternehmen

Mio. Millionen

Mrd. Milliarden

sog. so genannte

z. B. zum Beispiel

1. Einleitung

1.1 Problemanalyse

Die gesamte Finanzbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank lässt die Erträge aus dem operativen Geschäft aufgrund kleinerer Zinsmargen schmelzen. So erzielte beispielsweise die Sparkassen-Finanzgruppe im Jahr 2018 ein um 11,2 % niedrigeres Betriebsergebnis vor Bewertung als im Vorjahr (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 43). Zunehmende Regulatorik seitens der Bankenaufsicht, die Digitalisierung und steigende Anforderungen der Kunden hinsichtlich Transparenz, Komfort und digitalen Angeboten erhöhen ebenfalls die Belastungen und stellt Sparkassen vor zahlreiche Herausforderungen (vgl. Roland Berger GmbH, 2017, S. 2).

Zudem dringen neue Wettbewerber wie FinTechs in das Kerngeschäft der traditionellen Banken und Sparkassen ein. Während FinTechs bislang überwiegend im Privatkundengeschäft tätig waren, ist seit einigen Jahren eine Fokussierung in Richtung des Corporate Bankings zu erkennen (vgl. FINANCE, 2017, S. 4). Das Firmenkundengeschäft, vor allem das Finanzierungsgeschäft, ist ein wesentliches Geschäftsfeld und aktuell wichtigster Ertragsbringer deutscher Kreditinstitute (vgl. Roland Berger GmbH, 2017, S. 2). Die Sparkassen-Finanzgruppe ist dabei mit einem Marktanteil von 40,7 % der wichtigste Finanzierungspartner deutscher Unternehmen (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 38).

Aus diesen Gründen ist es für Sparkassen besonders wichtig, die Auswirkungen auf das Firmenkundengeschäft durch den Markteintritt von FinTechs zu analysieren und zu bewerten, um weiterhin nachhaltig und erfolgreich am Markt agieren zu können.

1.2 Zielstellung und Methodik der Seminararbeit

Aus der Problemstellung leitet sich die zentrale Zielstellung der vorliegenden Seminararbeit ab: Zielstellung ist es herauszuarbeiten, welche konkreten Chancen und Risiken sich für das Firmenkundengeschäft der Sparkassen durch den Markteintritt von FinTechs ergeben.

Im Rahmen der Operationalisierung der Seminararbeit werden zwei Erhebungsmethoden verwendet. Auf der einen Seite Beobachtung mittels Literaturrecherche. Hierfür wurde in Präsenz- und Onlinebibliotheken, sowie auf Internetseiten verschiedener Unternehmen nach Primärliteratur wie aktuellen Studien, Jahresberichten, Unternehmensportraits und anderer Fachliteratur gesucht. Die verwendeten Studien stammen überwiegend von namhaften Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Unternehmensberatungen und weisen eine hohe Gütequalität auf. Ebenfalls wird der verwendeten Fachliteratur eine hohe Güte hinsichtlich Objektivität, Reliabilität und Validität zugesprochen. Auf der anderen Seite wurden zwei halb standardisierte Experteninterviews durchgeführt. Bei der Auswahl der Interviewpartner wurde darauf Wert gelegt, dass der berufliche Kontext zu den Interviewthemen gegeben ist. Daher wurden einerseits der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Bad Neustadt, Georg Straub, sowie der Firmenkundenbetreuer und stellvertretende Abteilungsleiter Firmenkredite/Privatkredite der Sparkasse Bad Neustadt, Martin Drawert, befragt. Aufgrund der jahrelangen Erfahrung beider Interviewpartner im Bank- und Firmenkundengeschäft werden deren Aussagen eine hohe Validität und Reliabilität zugesprochen, die Objektivität muss aufgrund der eigenen Tätigkeit in einer Sparkasse kritischer beurteilt werden. Aus Verfassersicht ist das gewählte Forschungsdesign aus Literaturrecherche überwiegend mit aktuellen Studien, sowie Experteninterviews sehr gut geeignet, um der Zielstellung der Seminararbeit gerecht zu werden.

Die Auswertung der Literatur sowie der Interviews erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring. Demnach wurde zunächst das zu analysierende Material festgelegt. Es wurde darauf geachtet, nur diejenigen Textstellen und Kapitel auszuwählen, die sich auf die Forschungsfrage beziehen. Im zweiten Schritt wurde die Entstehungssituation analysiert. Vor allem bei den verwendeten Studien wurden die Motive und die Ziele ausgewertet. Bei der formalen Charakterisierung der Quellen wurde beispielsweise in transkribierte Interviews, Studien, Zeitungsartikel etc. unterschieden. Hinsichtlich der Festlegung der Analyserichtung wurde der Fokus bei den Interviews auf das explizit gesprochene und bei der übrigen Literatur auf den thematischen Gegenstand gerichtet. Für die Analyse wurde eine präzise Fragestellung formuliert und in Unterfragen aufgeteilt. Bei der Festlegung der Analysetechnik wurde überwiegend die Zusammenfassung und teilweise die Explikation genutzt. Schließlich wurden die Analyseeinheiten und ein Kategorieschema definiert und die Analyse gemäß Ablaufmodell durchgeführt (vgl. Mayring, 2003, S. 53 ff.). Zum besseren Verständnis erfolgte die Transkription der Interviews wörtlich. Wortdopplungen und Lückenfüller wurden ausgelassen und Interpunktion sinngemäß gesetzt.

Die Deutung der Experteninterviews sowie der übrigen Literatur folgte dabei ebenfalls einem vorher festgelegten Schema. Zunächst wurde der Kern der jeweiligen Aussagen bestimmt und innerhalb des sozioökonomischen Kontextes analysiert. Vor allem bei den Interviews wurde auch die Argumentationslinie des Gesprächspartners beobachtet. Im nächsten Schritt wurde die Relevanz der Aussagen aus den Interviews und der übrigen Literatur in Bezug auf die Problemstellung der Arbeit bestimmt. Auch der persönliche Hintergrund wurde vor allem bei den Interviews und den verwendeten Studien (wer ist Auftraggeber etc.) analysiert.

1.3 Aufbau und Abgrenzung

Zu Beginn werden in Kapitel 2 die für das Verständnis der Seminararbeit notwendigen theoretischen Grundlagen erläutert. Dazu zählen zum einen ein Portrait der Sparkassen-Finanzgruppe sowie die Begriffsklärung des Firmenkundengeschäfts und dessen quantitative Bedeutung für Sparkassen. Zum anderen werden Begrifflichkeiten in Bezug auf FinTechs erläutert, der aktuelle FinTech-Markt in Deutschland umfassend betrachtet und deren Geschäftsmodelle im Firmenkundensegment vorgestellt. Im nächsten Schritt werden in Kapitel 3 die Auswirkungen des Markteintritts von FinTechs auf Sparkassen untersucht. Danach erfolgt in Kapitel 4 eine umfassende Analyse der Chancen und Risiken, die sich aus den vorher dargelegten Auswirkungen für Sparkassen ergeben. In diesem Themenbereich fließen auch die Ergebnisse aus den beiden durchgeführten Experteninterviews ein. Im Rahmen der Schlussbetrachtung in Kapitel 5 werden die Ergebnisse bewertet und die zentrale Zielstellung beantwortet. Nach einer kurzen Reflexion der methodischen Vorgehensweise bildet ein Fazit den Abschluss der Seminararbeit.

Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Seminararbeit ist es nicht möglich, innerhalb dieses komplexen und vielschichtigen Themas sämtliche Chancen und Risiken analysieren und bewerten zu können. Dennoch sollen die aus Verfassersicht maßgeblichen und wesentlichen Chancen und Risiken umfassend dargestellt werden.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Portrait der Sparkassen-Finanzgruppe

1778 wurde mit der Ersparungsclasse der Allgemeinen Versorgungsanstalt in Hamburg die weltweit erste Sparkasse gegründet. 1801 entstand in Göttingen die erste Sparkasse, für die eine Kommune die Haftung übernahm (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2020, S. 1). Bis auf wenige Ausnahmen sind die Sparkassen in Deutschland bis heute kommunal getragene Institute in öffentlicher Rechtsform. Im Rahmen des Regionalprinzips sind sie selbstständig und dezentral geführt in ihrer angestammten Heimatregion tätig (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 9).

Den Wesenskern der Sparkassenidee bildet der sog. öffentliche Auftrag. Dazu gehören einerseits der Zugang zu Finanzdienstleistungen für sämtliche Kundengruppen sowie der Einsatz für Sparen und Vorsorge. Andererseits liegen mit dem Fokus auf die lokale und regionale Entwicklung ein besonderes Augenmerk auf den privaten Haushalten, Unternehmen und Kommunen in der jeweiligen Region. Des Weiteren beleben Sparkassen mit ihrer Präsenz in wirtschaftlich schwachen und starken Regionen Deutschlands den Bankenwettbewerb (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 8).

Mit 385 Sparkassen und insgesamt 530 Mitgliedsinstituten ist die Sparkassen-Finanzgruppe die größte Kreditinstitutsgruppe in Deutschland. Ende 2018 wurden 209.588 Mitarbeiter beschäftigt und 13.016 Geschäftsstellen unterhalten (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. U2). Der Marktanteil der Sparkassen-Finanzgruppe betrug im Geschäftsjahr 2018 28,1 %. Den größten Anteil am Geschäftsvolumen hatten die Kreditbanken (Großbanken, Regionalbanken, sonstige Kreditbanken) mit 38,8 % (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 37).

2.2 Begriffsklärung und quantitative Bedeutung des Firmenkundengeschäfts für Sparkassen

Mit dem Begriff Firmenkundengeschäft werden sämtliche Finanzdienstleistungen zwischen Kreditinstituten und gewerblich tätigen Kunden beschrieben. Dabei lassen sich drei Produktkategorien unterscheiden. Als erstes kann der Bereich Finanzierung genannt werden. Im Einzelnen zählen dazu Investitionskredite, Betriebsmittelkredite, Factoring, Leasing, Exportfinanzierung und strukturierte Finanzierungen. Die zweite Kategorie Transaction Services beinhaltet vor allem Zahlungsverkehr und Cash Management, Dokumentäres Auslandsgeschäft, Business-2-Customer Payment Solutions und das Einlagen- und Geldmarktgeschäft. Unter der dritten Kategorie Kapitalmarktgeschäft lassen sich unter anderem Derivate und Hedging sowie das M&A-Geschäft einordnen (vgl. Roland Berger GmbH, 2017, S. 20).

Gemäß der EU-Empfehlung 2003/361 lassen sich Firmenkunden in Kleinstunternehmen, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Großunternehmen unterscheiden. Kleinstunternehmen sind Unternehmen, die weniger als 10 Mitarbeiter beschäftigen und deren Umsatz bzw. Bilanzsumme 2 Mio. Euro nicht übersteigen. Kleine Unternehmen sind Unternehmen, die weniger als 50 Mitarbeiter beschäftigen und deren Umsatz bzw. Bilanzsumme 10 Mio. Euro nicht übersteigen. Mittlere Unternehmen sind Unternehmen, die weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen und entweder deren Jahresumsatz 50 Mio. Euro oder deren Bilanzsumme 43 Mio. Euro nicht übersteigen. Liegt ein Unternehmen über den Schwellenwerten, so wird es als Großunternehmen definiert (vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2003, S. 4).

Das Firmenkundengeschäft ist ein wesentliches Geschäftsfeld und wichtigster Ertragsbringer deutscher Kreditinstitute (vgl. Roland Berger GmbH, 2017, S. 2). Das Finanzierungsgeschäft macht dabei etwa zwei Drittel der Erträge aus und stellt damit das Ankerprodukt im Firmenkundengeschäft dar. Als zweitwichtigste Ertragsquelle folgt der Bereich der Transaction Services (vgl. Strategy&, 2019, S. 3). Im Jahr 2018 belief sich der Marktanteil der Sparkassen-Finanzgruppe im Finanzierungsgeschäft mit Firmenkunden (vor allem mit KMU) auf 40,7 % (30 % Sparkassen, 10,7 % Landesbanken). Damit ist die Sparkassen-Finanzgruppe der wichtigste Finanzierungspartner deutscher Unternehmen (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V., 2019, S. 38).

2.3 FinTechs

2.3.1 Begriffsklärung FinTech

Der Begriff FinTech setzt sich aus den beiden Wörtern Financial und Technology zusammen. Darunter werden Unternehmen verstanden, die neue und innovative Technologieansätze mit Finanzdienstleistungen verbinden (vgl. Waidelich/Schmidt, 2018, S. 64). Aufgrund der Vielzahl solcher Unternehmen und der teilweise sehr unterschiedlichen Geschäftsmodelle ist es schwer, eine einheitliche Definition aufzustellen. Daher haben sich mittlerweile einige weitere Begrifflichkeiten etabliert. Dazu zählen beispielsweise InsurTechs (innovative, technologisch veränderte Versicherungsdienstleistungen), InvestTechs (technologische Lösungen rund um Geldanlage), PropTechs (technologische Lösungen im Immobilienbereich), RegTechs (effiziente regulatorische Lösungen für Kreditinstitute) und Beyond FinTechs (Services grenzen an traditionelle Finanzdienstleistungen an). Im weiteren Verlauf der Seminararbeit wird zum besseren Verständnis der Begriff FinTech stellvertretend für alle hier beschriebenen Unterscheidungen verwendet. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, die sog. Big Techs zu erwähnen. Big Techs sind Technologie-Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Apple, die durch Innovationen die Gesellschaft nachhaltig verändert haben (vgl. Sparkassen Innovation Hub/Ernst & Young Global Limited, 2020, S. 108).

2.3.2 Der FinTech-Markt in Deutschland

Laut einer Studie der comdirect bank AG sind per September 2019 898 FinTechs und andere Finanz-Startups in Deutschland tätig, wie die nachfolgende Abbildung veranschaulichen soll. Auch die Anzahl der Neugründungen ist weiterhin auf einem hohen Niveau und der Wachstumstrend der letzten Jahre scheint sich fortzusetzen. Per September 2019 gab es insgesamt 53 Gründungen und damit 11 mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres, wobei es die meisten Neugründungen in den Bereichen Blockchain und Finanzierung gab. Des Weiteren haben sich die Beteiligungen an FinTechs in Form von Eigenkapital im Jahr 2019 weiter erhöht. Während im Gesamtjahr 2018 insgesamt 1,158 Mrd. Euro in FinTechs investiert wurden, sind es per September 2019 bereits 1,289 Mrd. Euro (vgl. comdirect bank AG, 2019, S. 7-14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl der aktiven FinTech-Startups nach Kategorien per September 2019 (Eigene Darstellung in Anlehung an comdirect bank AG 2019, S. 1).

Eine ähnliche Studie des Sparkassen Innovation Hub in Zusammenarbeit mit Ernst & Young kam dagegen zum Ergebnis, dass die Neugründungen von echten FinTech-Startups seit 2017 deutlich zurückgegangen sind und im Jahr 2019 lediglich acht Neugründungen auf insgesamt 330 FinTechs erfolgten. Dabei gab es jeweils vier Neugründungen im Privatkunden- und im Firmenkundensegment. Dies wird darauf zurückgeführt, dass der FinTech-Markt bereits relativ gesättigt und die Konkurrenz dementsprechend hoch ist. Auch setzen etablierte Banken und Sparkassen vermehrt eigene digitale Produkte und Services ein. Zudem steigen nach und nach Big Techs in den Markt für Finanzdienstleistungen ein. So bieten Amazon, Facebook, Google und Apple jeweils bereits Payment-Lösungen an und lassen Tendenzen erkennen, zukünftig weitere Finanzdienstleistungen anzubieten. (vgl. Sparkassen Innovation Hub/Ernst & Young Global Limited, 2020, S. 9-27). Amazon hat beispielsweise zwischen 2011-2018 mehr als 3 Mrd. US-Dollar in den USA, Japan und Großbritannien als Kredit an Kleinunternehmer vergeben und bietet neben Finanzierung und Payment auch Versicherungen an. Andere Tech-Giganten wie Google, Baidu, Alibaba und Tencent sind bereits in mehreren Ländern mit Geschäftskonten sowie teilweise auch Finanzierungs- und Versicherungsprodukte am Markt (vgl. Star Finanz GmbH, 2018, S. 7). Die Divergenz der beiden Studienergebnisse wird auf die unterschiedliche FinTech-Definition zurückgeführt.

In der Studie des Sparkassen Innovation Hub werden ebenfalls die steigenden Investitionssummen in FinTechs bei gleichzeitig sinkender Anzahl der Deals festgestellt und als Indikator für einen höheren Reifegrad des FinTech-Markts beschrieben. Investoren richten mehr und mehr den Fokus auf die Skalierbarkeit sowie die Viabilität des Geschäftsmodells. So konnte etwa N26 bei einer Finanzierungsrunde eine neue Rekordsumme von 420 Mio. Euro einsammeln (vgl. Sparkassen Innovation Hub/Ernst & Young Global Limited, 2020, S. 9-23).

Während sich FinTechs zunächst vor allem auf Privatkunden konzentrierten, ist seit einigen Jahren eine Fokussierung in Richtung Firmenkunden erkennbar. Das ergab eine Studie des Finance-Magazins aus dem Jahr 2017. Von den dort untersuchten 544 FinTech-Unternehmen waren bereits 284 im Firmenkundensegment tätig, davon allein 81 im Bereich Finanzierung (vgl. FINANCE, 2017, S. 4-11). Dabei sind es vor allem kleinere Firmenkunden mit Umsätzen bis 2,5 Mio. Euro, die in den Fokus von FinTechs und Big Techs gelangt sind, da solche Unternehmen in der Regel eher weniger strukturierte Finanzdienstleistungen benötigen. Diese Kundengruppe macht etwa 60 % der deutschen Unternehmen aus und gehört zu einer der Hauptzielgruppen von Sparkassen (vgl. Star Finanz GmbH, 2018, S. 5-22).

2.3.3 Geschäftsmodelle von FinTechs im Firmenkundengeschäft

Die Angebote von FinTechs für Firmenkunden lassen sich nur schwer voneinander abgrenzen, da viele von ihnen in Nischenmärkten aktiv sind und sehr spezielle Geschäftsmodelle verfolgen. Bereits heute bieten sie Lösungen für die gesamte Unternehmensbilanz an. Produkte zu Working Capital Management, Factoring oder Investment dienen zur Optimierung der Aktivseite. Angebote zur Beschaffung von Eigen-, Mezzanine- und Fremdkapital gibt es für die Passivseite. Zusätzlich bieten sie Services im Bereich Zahlungsabwicklung, Versicherungen, Kontoführung etc. an. In Anlehnung an Dimler/Karcher soll die nachfolgende Abbildung die wichtigsten Geschäftsmodelle der FinTechs im Firmenkundenbereich verdeutlichen (vgl. Dimler/Karcher, 2018, S. 225).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geschäftsmodelle von FinTechs im Firmenkundengeschäft (Eigene Darstellung in Anlehnung an Dimler/Karcher, 2018, S. 225).

3. FinTechs und ihre Auswirkungen auf Sparkassen

Um die Chancen und Risiken des Markteintritts von FinTechs für das Firmenkundengeschäft der Sparkassen analysieren zu können, bedarf es zunächst einer weiteren Unterscheidung dieser Unternehmen. FinTechs können dabei anhand zahlreicher Merkmale und Kategorien klassifiziert werden. Im Rahmen der Seminararbeit wird eine Unterscheidung in Innovatoren, Disruptoren, Aggregatoren und Integratoren vorgenommen.

Hausschildt und Salomo definieren Innovation als „ qualitativ neuartige Produkte oder Verfahren, die sich gegenüber einem Vergleichszustand „merklich“ […] unterscheiden. “ (Hausschildt/Salomo, 2007, S. 7). Ein FinTech kann demnach als Innovator bezeichnet werden, wenn es gezielt einzelne Phasen und Prozesse der Wertschöpfungskette traditioneller Finanzinstitute durch digitale Lösungen austauscht. Typischerweise unterscheiden sich die Entwicklungsverfahren der FinTechs dabei deutlich von denen der klassischen Kreditinstitute und sind oftmals mehr an den Kundenbedürfnissen ausgerichtet. Durch kurze Entwicklungszyklen und schnelles Gegensteuern sind FinTechs häufig schneller mit ihren Produkten am Markt (vgl. Schmalzl/Weigand, 2019, S. 79). Auch unterliegen sie weniger regulatorischen Bestimmungen, sind im Gegensatz zu den konservativen Unternehmensstrukturen klassischer Kreditinstitute meist schlank organisiert und weisen einen hohen Automatisierungsgrad in ihren Prozessen auf, wodurch sie ihre Vorhaben schneller umsetzen und ihre Produkte mit konkurrenzfähigen Preismodellen anbieten können (vgl. Dimler/Karcher, 2018, S. 235). Das wohl bekannteste Beispiel eines FinTech-Innovators ist der Online-Bezahldienst PayPal. Mit der Nutzung von PayPal werden klassische Kreditinstitute nicht umgangen, da trotzdem eine primäre Zahlungsquelle wie etwa eine Kreditkarte oder ein Bankkonto hinterlegt werden muss (vgl. PayPal, 2020a). Neben Privatkunden ist es auch gewerblichen Kunden möglich, mit einem PayPal-Geschäftskonto Zahlungen, z. B. aus dem eigenen Online-Shop des Unternehmens, abzuwickeln (vgl. PayPal, 2020b).

Mit dem Begriff Disruption werden radikale Innovationen bezeichnet, durch die etablierte Produkte und Märkte verdrängt werden. Grund hierfür sind meist Geschäftsmodellinnovationen in Form von neuen technologischen Ansätzen. Als Beispiele aus der Vergangenheit sind die Digitalkamera, das Automobil oder der MP3-Player zu nennen (vgl. Tiberius/Rasche, 2017, S. 12-14). Disruptoren bzw. Angreifer sind FinTech-Unternehmen, die durch eben solche disruptiven Innovationen die gesamte Wertschöpfungskette von Kreditinstituten angreifen und einzelne Kerngeschäfte komplett substituieren wollen. Theoretisch sollen klassische Kreditinstitute vollkommen umgangen werden (vgl. Accenture, 2016, S. 4). Als Beispiel für einen FinTech-Disruptor kann die Billie GmbH mit Sitz in Berlin genannt werden (vgl. Billie GmbH, 2020a). Das Unternehmen bietet seinen Kunden ein komplett digitales Factoring-Modell mit Mahnwesen, Ausfallschutz und einer Auszahlung innerhalb von 24 Stunden an. Speziell für Online-Shops gibt es zusätzlich einen digitalen Rechnungskauf (vgl. Billie GmbH, 2020c). Die Billie GmbH versucht demnach, die gesamte Wertschöpfungskette des Factorings zu substituieren. Die Praxis hat allerdings gezeigt, dass die disruptive Wirkung von FinTechs oftmals ausbleibt. Meist sind sie für die breite Masse an Unternehmen noch nicht relevant genug und ihnen fehlt dadurch schlichtweg die Schlagkraft im Markt. Zudem umgehen sie oftmals Kreditinstitute nicht und müssen deren Infrastruktur nutzen, um ihre Produkte anbieten zu können (vgl. Kröner, 2017, S. 30). Auch das hier beschriebene Unternehmen Billie GmbH nutzt zur Abwicklung seiner Geschäfte die Deutsche Handelsbank als Finanzierungspartner (vgl. Billie GmbH, 2020b).

Aggregatoren erweitern meist durch eine Neuerfindung der Kundenschnittstelle oder den Aufbau neuer Marktplätze die Wertschöpfungskette und stellen sich zwischen Kunden und Bank (vgl. Kröner, 2017, S. 29). Sie treten überwiegend als Vergleichsportale, Kreditvermittler oder Vertragsverwalter und Kontomanager auf. Bei Aggregatoren ist eine stetig steigende Relevanz und höhere wirtschaftliche Bedeutung zu beobachten. So erscheinen bei Google Suchanfragen zu Bankprodukten teilweise Aggregatoren noch vor Banken und Sparkassen. Zudem bauen sie ihre Angebotspalette kontinuierlich aus und sind sehr aggressiv in ihren Marketingmaßnahmen, wie etwa die zahlreichen Negativzinsaktionen für Privatkredite im Jahr 2019 zeigten. Aggregatoren sind einerseits wichtige Absatzkanäle für Sparkassen, andererseits können sie jedoch zu einem opportunistischerem Kaufverhalten bei den Kunden führen (vgl. Sparkassen Innovation Hub/Ernst & Young Global Limited, 2020, S. 82-85). Als Beispiel kann das gewerbliche Finanzierungsportal COMPEON genannt werden. COMPEON arbeitet laut eigenen Aussagen mit mehr als 250 Kreditinstituten zusammen und vermittelt auf seinem Online-Portal Kredite, Leasing, Factoring, Mezzanine-Kapital und alternative Finanzierungen. Auch steht für die Angebotsauswahl und die Kommunikation mit den Finanzinstituten ein COMPEON-Berater zur Verfügung (vgl. COMPEON GmbH, 2020).

Integratoren sind einerseits FinTechs, die sich als Baustein in der bereits bestehenden Bankenwertschöpfungskette eingliedern und effiziente Zusatzdienstleistungen an Banken verkaufen. Als Beispiel kann die digitale und rechtskonforme Personenidentifikation genannt werden. Andererseits können FinTechs auch als IT-Dienstleister bzw. Infrastrukturanbieter für die Bank fungieren und beispielsweise über standardisierte Schnittstellen verschiedene Banking-Dienstleistungen vernetzen (vgl. Accenture, 2016, S. 3-4). Diese Entwicklung hat sich durch die Ende 2019 in Kraft getretene PSD2-Richtlinie weiter verstärkt. Lizensierte Unternehmen können seitdem über API-Schnittstellen auf Bankdaten von Kunden zugreifen. Die Anzahl der PSD2-Lizenzen von FinTechs ist daher von 3 auf 25 bis Ende 2019 gestiegen (vgl. Sparkassen Innovation Hub/Ernst & Young Global Limited, 2020, S. 30 f.). Als Beispiel für einen Integrator mit PSD2-Lizenz kann bonify der Forteil GmbH genannt werden. Bonify wurde 2015 gegründet und beschäftigt sich seitdem mit der vollautomatischen und digitalen Bonitätsprüfung sowie anschließender Vermittlung von Finanzprodukten (vgl. Forteil GmbH, 2020a). Seit der Gründung sind einige neue Produkte und Services, wie etwa eine digitale Krankenversicherung, eine Mieterauskunft, eine bonify App, ein Dispo Alarm sowie ein Finanzmanagement Tool, entwickelt worden (vgl. Forteil GmbH, 2020b).

4. Chancen und Risiken der dargestellten Auswirkungen

4.1 Chancen

Laut einer Studie der Ernst & Young GmbH aus dem Jahr 2019 haben vor allem regulatorische Themen, Kostensenkungen, der Aufbau neuer Geschäftsbereiche und die Entwicklung neuer Produkte aktuell die höchste Priorität im Bankenbereich (vgl. Ernst & Young GmbH, 2019, S. 13). Chancen können sich hierbei für Sparkassen durch eine Zusammenarbeit mit FinTechs ergeben. FinTechs verwenden, wie in den vorigen Kapiteln bereits beschrieben, neuartige Technologien und bieten innovative Produkte und Services an. Sparkassen können dies nutzen und dadurch ihre bestehenden Produkte verbessern und effizienter gestalten. Aber auch durch die angebotenen Zusatzservices der FinTechs können sie ihre Produktpalette erweitern, ihren Kunden einen Mehrwert bieten, zur langfristigen Kundenbindung beitragen und damit letztendlich Umsatzsteigerungen generieren. Des Weiteren können Sparkassen durch Kooperation mit FinTech-Integratoren gerade im Backoffice-Bereich sowie bei Prozessen und Strukturen Effizienzgewinne und Kostensenkungen erreichen. Auch können durch die technologische Expertise von FinTechs für neue Services kürzere Time-to-Market erzielt werden. Für FinTechs kann eine Zusammenarbeit mit Sparkassen ebenfalls interessant sein. So verfügen Sparkassen über eine hohe regulatorische Expertise, genießen ein gutes Image bei ihren Kunden und haben die notwendigen Ressourcen für die Entwicklung neuer Produkte und Services (vgl. PwC, 2018, S. 9). Da die meisten FinTechs keine eigene Banklizenz haben, kann eine Kooperation mit einem Kreditinstitut teilweise sogar notwendig sein, um die eigenen Produkte anbieten zu können. Es können also beide Parteien von einem Know-how-Transfer profitieren (vgl. Dimler/Karcher, 2018, S. 222).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Markteintritt von FinTechs. Chancen und Risiken für das Firmenkundengeschäft in Sparkassen
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Veranstaltung
Seminar Wirtschaft & Gesellschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V938532
ISBN (eBook)
9783346271105
ISBN (Buch)
9783346271112
Sprache
Deutsch
Schlagworte
FinTech, Sparkasse, Chancen, Risiken, Firmenkundengeschäft, Corporate Finance, Finance
Arbeit zitieren
Adrian Holzheimer (Autor), 2020, Der Markteintritt von FinTechs. Chancen und Risiken für das Firmenkundengeschäft in Sparkassen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938532

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