Wie viel Wahrheit fordert die Moral? Gefangen in Unwahrheiten am Beispiel Nordkorea


Facharbeit (Schule), 2020

23 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Lügen moralisch betrachtet
2.1 Kants Sichtweise auf die Moral der Lüge
2.2 Benthams Sichtweise auf die Moral der Lüge

3. Situation in Nordkorea

4. Die Neugier der Söhne der Elite Nordkoreas
4.1 Bedingung zur Akzeptanz der Wahrheit
4.2 Gründe für die Vorenthaltung der Wahrheit
4.3 Gründe für die Offenbarung der Wahrheit
4.4 Methoden zur Übermittlung der Wahrheit
4.5 Folgen der Wahrheit
4.6 Erfolg der Wahrheit

5 Schwarzmarkt - ausländische Medien als Mittel zur Wahrheit

6. Debatte - Ist es unsere moralische Pflicht, die Bevölkerung Nordkoreas aufzuklären?
6.1 Auswirkungen der Lüge
6.2 Auswirkungen der Wahrheit

7. Fazit
1. Literaturverzeichnis
2. Anhang

1. Einleitung

„Wahrheit ist besser als Ignoranz.“1 Dieser Satz stammt von Shin Dong-hyuk2, der in einem Arbeitslager „Camp 14“ in Nordkorea geboren wurde und von dort geflo­hen ist. Von Geburt an war er von der Außenwelt abgeschottet und zu Gunsten der Regierung Nordkoreas belogen worden. Obwohl er nie etwas von Menschenrechten oder Kants3 Imperativ gehört hatte, kam er zur Überzeugung, dass Wahrheit besser als Ignoranz ist und schenkte seinem Freund Vertrauen und Glauben, der ihm von Amerikas Luxus erzählte.4

In Nordkorea leben derzeit 25,49 Millionen Menschen, denen die Wahrheit über ihr Land, ihre Regierung und die Außenwelt vorenthalten wird. Wie für Shin Dong- hyuk wartet auf sie ein hartes Schicksal, unabhängig davon, ob ihnen die Wahrheit eines Tages offenbart wird. Hier stellt sich die Frage, ob die Lebensqualität trotz der Schwierigkeiten, die mit einer Offenbarung der Wahrheit einhergehen, durch eine solche Aufklärung verbessert werden könnte. Wie viel Wahrheit fordert dies­bezüglich die Moral?5

Im Folgenden wird diese Frage erörtert auf Basis der Moraltheorien von Kant und Jeremy Bentham6 und am Beispiel der Lehrerin Suki Kim7, die sechs Monate in Nordkorea unterrichtet hatte.8 Zunächst werden die beiden Theorien vorgestellt. Anschließend folgt ein Überblick über die grundsätzliche Situation in Nordkorea. Danach werden Reaktionen auf Wahrheit dargestellt mithilfe des Buches „Without You There Is No Us“, das 2014 von Suki Kim verfasst wurde. Ein Überblick über den nordkoreanischen Schwarzmarkt zeigt aktuelle bedeutende Entwicklungen der dortigen Lage. Schlussendlich wird eine moralische Debatte zu der Frage „Ist es unsere moralische Pflicht, die Bevölkerung Nordkoreas aufzuklären?“ geführt. Da­bei werden die zwei Szenarien „Offenbarung der Wahrheit“ und „Erhaltung der Lüge“ durchgespielt. Eine Beantwortung der Frage folgt im Fazit.

2. Lügen moralisch betrachtet

Bevor man sich mit der Fragestellung „Wie viel Wahrheit fordert die Moral in Nord­korea?“ beschäftigt, sollten die Begriffe „Wahrheit“, „Lüge“, „Unwahrheit“ und „Moral“ geklärt werden.

Wahrheit ist das Gegenteil von Falschheit. Aristoteles9, einer der bekanntesten Phi­losophen seiner und unserer Zeit, stellte schon damals eine Definition der Wahrheit auf:

„Falsch ist, von dem, was existiert, zu sagen, es existiere nicht, oder von dem, was ist, zu sagen, es sei nicht; wahr hingegen ist es, zu sagen, dass das, was ist, ist und dass das, was nicht ist nicht ist.“10

So kann man von Falschheit sprechen, wenn die Existenz einer Tatsache geleugnet wird oder wenn eine nicht existierende Tatsache behauptet wird. Das Gegenteil da­von ist Wahrheit, was nach Aristoteles‘ Definition die Schilderung der gesamten Situation fordert. So reicht es nicht, das zu erwähnen, was existiert, sondern auch das, was nicht existiert.11

Eine Lüge ist absichtlich faktisch ungenau und das Mittel zum Zweck einer Täu­schung. Gründe für diese Täuschungsabsicht können unterschiedlich sein. Wenn die Absicht verfolgt wird, jemanden oder sich selbst vor Unheil oder Schmerz zu beschützen, wird dies als Notlüge bezeichnet. Der Unterschied zwischen einer Lüge und einer Unwahrheit ist, dass bei einer Lüge der Übermittler die Wahrheit kennt und bei einer Unwahrheit der Übermittler davon ausgeht, dass seine Aussage wahr ist.12

Der Begriff „ Moral “ hat seine Abstammung im Lateinischen. Dort wird „mora- lis“ mit „die Sitten betreffend“ übersetzt. Diese Sitten sind normative13 Regeln, nach denen ein Mensch handeln sollte. Im Duden14 wird die Moral definiert als „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwi­schenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbind lich akzeptiert werden“. Durch die Entscheidung zum „moralischem Handeln“ soll ein gutes Zusammenleben der Menschen untereinander gesichert werden.15

2.1 Kants Sichtweise auf die Moral der Lüge

Schon zur Zeit der ersten großen Philosophen im antiken Griechenland wurde die Frage diskutiert, ob Lügen in jedem Falle falsch sei oder ob auch in der Lüge mo­ralische Überlegungen vorzufinden sind. Laut Kant soll man immer „nur nach der­jenigen Maxime [handeln], durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allge­meines Gesetz werde“16. Seine Einstellung gegenüber der Lüge ist also klar: Sie ist in jedem Falle falsch und unmoralisch. Kants berühmtes Beispiel dazu ist, dass, selbst wenn ein Mörder an die Tür klopft und nach dem Freund fragt, der gerade zu Besuch ist, man wahrheitsgemäß antworten soll - auch wenn der Mörder den Freund dann wahrscheinlich umbringen wird. Denn „schon die Möglichkeit zur Lüge setzt die Normalität der Wahrheit voraus“17. Wenn man sich für die Lüge entscheidet, kann aber die Normalität der Wahrheit nicht mehr erwartet werden. Zur Normalität wird folglich die Lüge, nicht mehr die Wahrheit. Ein weiterer unmoralischer Aspekt der Lüge ist, dass man durch die Täuschungsabsicht „die Menschen nicht mehr als gleiche, [sondern] als Zwecke an sich“18 ansieht. Allerdings ergibt sich aus Kants Beispiel die Frage, ob die Pflicht, immer die Wahrheit zu sagen, gegen andere Pflichten gestellt werden kann und nach welcher Regel man bei konkurrierenden Pflichten entscheiden müsste.19

2.2 Benthams Sichtweise auf die Moral der Lüge

„Die Moral ist nichts als die Regulierung des Egoismus“20, sagte einst Jeremy Bent­ham, Mitbegründer des Utilitarismus. Nach seiner Denkweise handelt moralisch, wer im Sinne des Allgemeinwohls handelt. Es gilt, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl an Menschen zu erlangen. Das Zusammenleben der Men­schen wird so geregelt, dass das für alle vertretbare und vernünftige Interesse be­rücksichtigt wird. Ob eine Handlung als richtig oder falsch betrachtet wird, ist allein vom Ergebnis dieser Handlung abhängig.21

„Falschheit für sich nach dem Grundsatz des Nutzens“22 kann laut Bentham „nie­mals eine Straftat darstellen“23. So wird hier die Pflicht gegenüber dem Allgemein­wohl über die Pflicht, immer die Wahrheit zu sagen, gestellt, da diese Verpflichtung zum Allgemeinwohl höchste Priorität besitzt. Der Utilitarist John Stuart Mill24 lenkt jedoch ein, dass man mit Blick auf die Zukunft die Wahrheit sagen sollte ohne Einbezug der Konsequenzen. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Kantianern und Utilitaristen besteht darin, dass beide der Annahme sind, dass Lügen das Vertrauen zerstören und die Beziehungen der Menschen untereinander gefährden.25

3. Situation in Nordkorea

Vor 72 Jahren wurde die Demokratische Volksrepublik Korea gegründet und teilte das Land auf in Nord- und Südkorea. Es handelt sich de facto um eine Diktatur, die absoluten Gehorsam und die gottgleiche Verehrung des jeweiligen Herrschers for­dert. Nordkorea gilt als eines der abgeschottesten Länder der Welt. Niemand darf das Land verlassen, es gibt keinen Zugang zum Internet und die Propaganda des Regimes, die Nordkorea als wohlhabendes und paradiesisches Land darstellt, kann nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Die Bürger26 sind allein der Will­kür des Diktators ausgeliefert, es existiert keinerlei Rechtsstaat. Welche Gefühle die Bürger empfinden sollen, wird von der Regierung angeordnet. Dies beinhaltet auch, dass jeder beim Anblick des Diktators zum Ausdruck der grenzenlosen Verehrung in Tränen ausbrechen muss. Ein selbstbestimmtes Leben und eigenes Denken sind nicht erwünscht. Wer sich nicht daran hält, dem droht die Todesstrafe oder ein Le­ben im Arbeitslager. Das betrifft oft auch die ganze Familie.27

Schätzungen der UN28 zeigen jedoch folgendes Bild von Nordkorea: Rund 40% der Bevölkerung sind unterernährt und allein 55000 nordkoreanische Kinder durch Le­bensmittelknappheit vom Tod bedroht. Des Weiteren haben ca. 40% keinen Zugang zu fließendem Wasser. Die damit einhergehende schlechte Hygiene löst Krankhei- ten aus, die bei Unterernährung tödlich enden können. Außerdem wird keine aus­reichende medizinische Versorgung gewährleistet, da es an Medikamenten und oft auch Röntgengeräten mangelt.29

Über diese nicht lebenswerte Lage beklagen sich jedoch nur vereinzelt Bürger. Von Kindheit an wird ihnen beigebracht, dass die Lebensqualität in Nordkorea die beste auf der ganzen Welt ist. Diese Behauptung können sie nie überprüfen. Wie sollen sie also erkennen, dass ihre Menschenrechte Tag für Tag außen vorgelassen werden? Woher sollen sie wissen, dass der Kapitalismus einzelne Staaten zum Erfolg ge­bracht hat, während sie leiden müssen?30

Nichtsdestotrotz ist durch Flüchtlinge wie Joseph Kim31 bekannt geworden, dass die Propaganda durch die schlechte wirtschaftliche Lage in Nordkorea teilweise an Glaubwürdigkeit verloren hat. Seine Familie konnte eine Hungerskrise nicht über­leben. Als Waise musste er nun tagtäglich harte Arbeit leisten. Eines Tages erkannte er, dass er sich entscheiden konnte zwischen einem harten und kurzen Leben in Nordkorea und einer risikoreichen Flucht in eine bessere Welt. Basis der Entschei­dung war der Glaube an eine bessere Welt. Er entschied sich für die Flucht und hielt an der Hoffnung auf eine bessere Welt fest. Daraus lässt sich schließen, dass, um eine zunächst noch fremde Wahrheit zu erkennen, der Glaube daran unabdingbar ist.32

Zu den Flüchtlingen gehören auch Bürger Nordkoreas, die dort einen gewissen Wohlstand im Vergleich zu ihren Mitbürgern genossen. Anfang 2020 versuchten beispielsweise 15 Beamte der nordkoreanischen Regierung nach China zu fliehen, von denen acht über die Grenze gelangen konnten. Dies zeigt, dass auch Bürger, die eine hohe Stelle in der Gesellschaft eingenommen und in luxuriösen Villen der Hauptstadt Pjöngjang gelebt hatten, ihr Leben für ein besseres außerhalb von Nord­korea aufs Spiel setzte. Sie riskierten für die Freiheit und die Tatsache, nicht mehr von dem Regime angelogen zu werden und selber nicht mehr für die Regierung lügen zu müssen, ihr Leben und ihren Wohlstand in Nordkorea.33

Berichten zufolge leben derzeit 35.000 nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea, weitere 100.000 in China und 15.000 in den USA, Australien, dem Vereinigte Kö­nigreich, Russland oder Japan. Seit Mitte der neunziger Jahre begann die Anzahl an Flüchtlingen von 52 im Jahr 1994 auf knapp 3000 Menschen im Rekordjahr 2009 zu steigen. Bis vor 10 Jahren war der Hauptgrund für Flucht die schlechte wirt­schaftlichen Lage. Mittlerweile dominieren politische Gründe. Dies liegt daran, dass es immer wieder Möglichkeiten gibt, illegal Zugang zu ausländischen Medien zu erhalten. Sie zeigen, dass in anderen Ländern ein völlig anderes Leben möglich ist.34

Seit Kim Jong-Un35 im Jahr 2011 an die Macht kam, wurde die Flüchtlingswelle stark eingedämmt. Er sieht in den Überläufern eine immense Gefahr für die Stabi­lität seiner Regierung. Daher wurden die Grenzen stärker gesichert und kontrolliert. Konnte man vorher einen Grenzposten noch mit $50 bestechen, so werden jetzt wohl $3000 bis $6000 fällig. Dies macht eine sichere Flucht deutlich schwieriger. So wurden im Jahr 2019 nur 546 neue Flüchtlinge registriert. Seit 2000 war diese Anzahl nie so gering.36

Durch den Klimawandel hat jedoch auch Nordkorea im Jahr 2019 die geringste Niederschlagsmenge seit Beginn der Aufzeichnungen verbuchen können. Dadurch kam es zu einem starken Ernteeinbruch, der wohl zu einer ähnlichen Hungerkrise wie der in den neunziger Jahren führen wird. Trotz der stärkeren Sicherheitskon­trolle wird deswegen erwartet, dass zukünftig mehr Nordkoreaner versuchen wer­den, die Grenze zu überqueren.37

Man kann also festhalten, dass der Zugang zu ausländischen Medien und der Klimawandel die entscheidenden Fluchtgründe darstellen.

4. Die Neugier der Söhne der Elite Nordkoreas

Auch Suki Kim erkannte 2011 den immer größer werdenden Abstand zwischen der nordkoreanischen Regierung und seinen Bürgern. Sie ist eine Südkoreanerin, die die Söhne der Elite Nordkoreas für sechs Monate in Englisch unterrichtete. Zusam­men mit christlichen Missionaren bildete sie dort das Kollegium des Internats „PUST“.38

Sie aß alle drei Mahlzeiten zusammen mit ihren Schülern in der Kantine. Ein großer Wunsch vieler Schüler war es, neben ihren Lehrern zu sitzen und sich zu unterhalten, um mehr über die westliche Welt zu erfahren.39

Verschiedene Aspekte, die mit dem Thema „Wahrheit“ Zusammenhängen, werden im Folgenden anhand von Suki Kims Aufzeichnungen betrachtet, wobei sich hier ein Dilemma zwischen schonungsloser Wahrheit und der Schonung durch eine Lüge herausstellt.40

4.1 Bedingung zur Akzeptanz der Wahrheit

Eine unbekannte Tatsache als wahr zu akzeptieren, die man nicht überprüfen kann, ist in keinem Fall eine Selbstverständlichkeit. Daher ist Vertrauen ein wichtiger Baustein, damit der Rezipient die Wahrheit auch akzeptiert. Sowohl Suki Kim als auch ihre Schüler gewannen mit der Zeit das gegenseitige Vertrauen. Zunächst wa­ren die Lernenden sehr verwirrt, als Kim ihnen zum Beispiel von Steuern, einem sozialen Aspekt eines kapitalistischen Systems, erzählte. Sie fühlten aber durch ihr Vertrauen, dass Suki Kim die Wahrheit sagte.41

4.2 Gründe für die Vorenthaltung der Wahrheit

Suki Kim musste sehr vorsichtig mit dem sein, was sie ihren Schülern sagte, da das Wissen über die Situation in Nordkorea den Schülern ihren Tod selbst und den Tod ihrer Nahestehenden kosten konnte. Nur in einer freien Welt wäre Offenheit über Nordkoreas Lage gestattet.42

Besonders deutlich wurden Suki Kim diese Gefahren, als der Schüler Ryu Ji-hoon43 sie mit sehr direkten Fragen konfrontierte. Kim war sich vorerst nicht sicher, ob er die Aufgabe hatte, sie zu kontrollieren, und deswegen so heikle Fragen stellte oder ob er ernsthaft Neugierde am westlichen politischen System zeigte und er das seines eigenen Landes infrage stellte. Später erfuhr sie jedoch von einem Zimmergenossen Ryu Ji-hoons, dass er auf ihrer Seite war und ernsthaft Interesse an der Wahrheit hatte. Einmal fragte er Kim, ob der Präsident in den USA die vollkommene Macht hat, woraufhin Suki Kim antwortete, dass der Präsident eher als repräsentatives Symbol für den Staat gilt und die eigentliche Macht bei dem Volk liegt.44

Ein weiteres Problem bei der Offenbarung der Wahrheit ist, dass sie eventuell nicht akzeptiert wird. Denn viele Verbrechen wie das Verbot der Meinungsfreiheit sind den Bürgern Nordkoreas nicht bewusst. Sie wissen dementsprechend gar nicht, wo­rüber sie sich beschweren sollten, da sie die grundlegenden Prinzipien einer Demo­kratie nicht kennen. Zudem kommt, dass die Bürger nie gelernt haben, für be­stimmte Themen und Situationen etwas zu empfinden. Da die Schüler von Suki Kim nie ein Gefühl von Freiheit bekommen haben, kam in ihnen auch nicht so leicht die Sehnsucht auf, frei zu entscheiden, wohin sie gehen wollen. Wenn ihr Leben von einem Ausstehenden betrachtet auch nicht lebenswert aussieht, waren viele Söhne der Elite Nordkoreas doch zufrieden mit ihrem geregelten Alltag und fühlten sich geehrt, wenn sie in ihren Ferien Farmarbeit erledigen mussten. Des Weiteren war ihnen nicht bewusst, inwiefern ihr Leben besser sein könnte und sie hatten sich an ihren Alltag gewöhnt. „Even a prison feels like home at times“45. Daher könnte die Offenbarung der Wahrheit auch viel Verwirrung mit sich bringen.46

Hinzufügend hatte die Neugier der Söhne der Elite Nordkoreas auch ihre Grenzen. Als eine Kollegin von Kim den Schülern zum Beispiel beibringen wollte, wie man mit Messer und Gabel ist, wehrten sie sich. Sie sahen den Sinn in der Aufgabe nicht, da es keine Gelegenheit gab, mit Besteck zu essen. Die Hoffnungslosigkeit auf eine Wiedervereinigung und eine unbekannte Freiheit dämmte demnach ihre Neugier und ihr Verlangen nach der Wahrheit.47

4.3 Gründe für die Offenbarung der Wahrheit

Suki Kim entschied sich immer öfter für die Wahrheit, da sie erkannte, dass ihre Schüler ernsthaftes Interesse zeigten und sie nicht ausspionieren wollten. Als Kon­sequenz rückte die Außenwelt immer mehr in ihr Bewusstsein.48 Vielleicht war dieses Bewusstsein auch schon immer da gewesen, jedoch nicht so präsent. Ein Schüler erzählte, dass er ein Bild von Südkorea in der frei zugänglichen Bibliothek gesehen hatte. Als er gefragt wurde, was ihm dabei ins Gedächtnis kam, antwortete er: „Bright“49.50

Das ernsthafte Interesse zeigte sich nicht nur bei Suki Kims Schülern, sondern auch bei den Erwachsenen. Als Kim sich auf einer ihrer Reisen von ihrem Reiseleiter und Aufpasser verabschiedete, äußerte sie sich unbedacht zu heiklen politischen Themen. Sie erzählte ihm, dass sie die Teilung ihres Landes nicht länger ertragen konnte und dass es ihr das Herz brach, zu sehen, in welchem Zustand sich die Be­wohner von Nordkorea befanden. Während sie in Tränen ausbrach, fing auch der Reiseleiter an zu weinen zusammen mit zwei weiteren Aufpassern in der Nähe. Ob­wohl die Kollegen des Aufpassers oder der Aufpasser selbst diesen Vorfall hätten melden müssen, taten sie es nicht. Dies und die Offenbarung ihrer Gefühle zeigt, dass diese Nordkoreaner nicht von der Propaganda manipuliert werden konnten und sich ihre Freiheit wünschten.51

4.4 Methoden zur Übermittlung der Wahrheit

Suki Kim wählte zwei Methoden, die Wahrheit zu übermitteln. Diese Methoden waren darauf auslegt, möglichst niemanden in Gefahr zu bringen.

Die gängigste Methode war, ihren Schülern die Wahrheit über die Welt und ihr ei­genes Land Schritt für Schritt und sehr bedacht auf mögliche Folgen zu offenbaren. So erzählte sie ihnen zum Beispiel von den vielen Ländern, die sie schon bereist hatte. Ihre Schüler wurden daraufhin so stumm wie immer, wenn ein Tabu-Thema angesprochen wurde.52 Ein anderes Mal waren sie amüsiert und in milder Weise zufrieden, als Suki Kim ihnen mit dem Beispiel, dass alles, auch die Wissenschaft, sich ständig veränderte, versuchte zu erklären, dass Mensch sein für sie bedeutete, nicht perfekt und offen zu sein. Der Hinweis, dass sie also mehr offen sein sollten und dass Kim Jong-Il53 als Mensch nicht perfekt sein kann, schien aber nicht bei ihnen anzukommen.54

Auch bei ihrem Abschied kurz vor den Sommerferien, als sie nach New York zu­rückkehren musste, konnte sie ihren Schülern nicht die Wahrheit erzählen. Sie wollte ihre Schüler auffordern, aus Nordkorea zu fliehen, entschied sich aber mit Blick auf die gravierenden Folgen dagegen. Sie offenbarte jedoch ihre Gedanken dadurch, dass sie ihre Gefühle ausdrückte und vor der Klasse in Tränen ausbrach.55 Ihr heftiger Ausdruck an Gefühlen an diesem Tag hinterließ einen gravierenden Eindruck bei den Schülern. Einer schrieb ihr in einem Brief, dass sie alle in Gedan­ken mit ihr geweint hatten. Das zeigt, wie gefährlich es ist, in Nordkorea die eigenen nicht erzwungenen Gefühle auszudrücken, und wie ungewohnt es für Nordkoreaner ist, diese auszudrücken. Als Suki Kim sah, wie viel sie schon erreichen konnte, ohne die Wahrheit in ihrer Fülle wirklich auszuschöpfen, fasste sie den Entschluss, ihren Schülern in Zukunft mehr über die Wahrheit einzelner Dinge mitzuteilen.56

4.5 Folgen der Wahrheit

Je mehr Zeit sie miteinander verbrachten, desto unvorsichtiger und neugieriger wur­den die Schüler. Sie gaben nun zu, dass sie keine Handys besitzen durften. Einer ihrer Schüler offenbarte sogar seine Gefühle, indem seine Augen wässrig wurden, als er erzählte, dass seine Mutter bei ihrem von der Schulleitung organisierten zwanzigminütigem Treffen geweint hatte.57

Des Weiteren stellten sie Suki Kim immer mehr Fragen über Amerika. Als Kim ihnen erklärte, was ein Werbespot ist, wurden sie aufmerksam und fragten, wie viele Fernsehsender Amerika habe. Kims Antwort, dass es über 100 Sender gäbe, war für sie schwer begreiflich. Es schien, als wenn sie zum einen skeptisch gegenüber ihrer Aussage waren, aber zum anderen auch das Gefühl von Neid und Selbstzweifel empfanden. Mit dieser Aussage wollte sie ihnen indirekt die Wahrheit mitteilen, dass sie weit hinter dem technologischen Fortschritt lagen. Ähnlich war es, als sie ihnen von dem Tunnel unter dem Meeresboden, der England mit Frankreich ver­bindet, erzählte. Dieses Wissen über die Infrastruktur in Europa schockte sie und sie erkannten, dass die Regierung in dem Aspekt, dass Nordkorea wohlhabender war als der Rest der Welt, wohl gelogen hatte.58

[...]


1 TED Staff, 2013 (Original: „Truth is better than ignorance.“)

2 nordkoreanischer Menschenrechtsaktivist (* 1982)

3 deutscher Philosoph (*22.04.1724 412.02.1804)

4 vgl. TED Staff, 2013

5 vgl. Urmersbach, 2019

6 englischer Philosoph und Begründer des Utilitarismus (*1748 41832)

7 koreanisch-amerikanische Schriftstellerin (*1970; Wohnort: New York)

8 vgl. Kim, 2014, S.21

9 altgriechischer Philosoph (*384 v. Chr. J322 v. Chr.)

10 Morris, 2011, S.62

11 ebd.

12 vgl. Möller, 2015; Papineau, 2004, S.144

13 Synonym für maßgebend oder verpflichtend

14 Bibliographisches Institut GmbH (Hrsg.), 2020

15 ebd.; vgl. Cosmos Media UG (Hrsg.), 2018

16 Steenblock, 2011, S.104

17 Papineau, 2004, S.144

18 ebd.

19 vgl. Keseling, 1953, S.7; Papineau, 2004 S.144

20 Möller, 2015

21 vgl. Steenblock, 2011, S.102

22 Papineau, 2004, S.145

23 ebd.

24 britischer Philosoph, Politiker und Ökonom (*20. Mai 1806 |8. Mai 1873)

25 ebd.

26 In der vorliegenden Facharbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint soweit es für die Aussage erforderlich ist.

27 vgl. Fritz, 25.02.2004; Kirchner, 09.09.2013

28 zwischenstaatliche Organisation, die United Nations oder Vereinte Nationen genannt wird. Vgl. Satlinski, 20.08.2018

29 vgl. Satlinski, 20.08.2018

30 vgl. Kim, 2014, S.174

31 Menschenrechtler (*1990)

32 vgl. Kim, 19.06.2013

33 vgl. Ryall, 31.01.2020

34 vgl. Ryall, 31.01.2020; Tatsächliche Zahlen können höher sein, da es als nordkoreanischer Flüchtling sehr riskant ist, seine Identität zu offenbaren, und sich daher eine unbekannte Zahl bedeckt hält.

35 „Oberste Führer“ der Demokratischen Volksrepublik Korea (*8. Januar 1984; Wohnort: Nordkorea)

36 vgl. Krauel, 25.05.2019; Lankov, 07.05.2015; Shim, 16.12.2019; Shim und Kim, 03.01.2020; Urmersbach, 11.07.2019

37 vgl. Abbildung 1; Krauel, 25.05.2019

38 vgl. Kim, 2014, S.70

39 ebd. S.62

40 ebd. S.154

41 ebd. S.202

42 ebd. S.70

43 Weitere Informationen sind über ihn nicht bekannt.

44 ebd. S.96ff.

45 Kim, 2014, S.224 (deutsch: „Selbst ein Gefängnis fühlt sich manchmal wie zuhause an.“)

46 ebd. S.105; ebd. S.88

47 ebd. S.195

48 ebd. S.171-179

49 ebd. S. 181(deutsch: „Hell“)

50 ebd.

51 Kim, 2014, S.25

52 ebd. S.86

53 ehemaliger „Oberster Führer“ von Nordkorea, der vom 16. Februar 1942 bis zum 17. Dezember 2011 lebte

54 ebd. S.97

55 ebd. S.153

56 Suki, Kim, S.169

57 ebd. S.171

58 ebd. S.179

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wie viel Wahrheit fordert die Moral? Gefangen in Unwahrheiten am Beispiel Nordkorea
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V938534
ISBN (eBook)
9783346271266
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nordkorea, Politik, Wahrheit, Moral, Moraltheorie, Lüge, Diktatur, Moralisch handeln
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Wie viel Wahrheit fordert die Moral? Gefangen in Unwahrheiten am Beispiel Nordkorea, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938534

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