Probleme der Verschriftung des Althochdeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziokulturelle Voraussetzungen der Verschriftung des Althochdeutschen
Mittelfränkisch: Trier, Echternach, Köln, Aachen

3. Phonologische und graphematische Problemfelder
3. 1 Merkmale der Schriftlichkeit des Althochdeutschen
3. 2 Aspekte des althochdeutschen Konsonantismus
3. 3 Aspekte des althochdeutschen Vokalismus
3. 4 Notkers Anlautregel

4. Probleme der Verschriftung in Otfrid von Weißenburgs Evangelienbuch
4. 1 Das Evangelienbuch
4. 2 „Ad Liutbertum“ – Probleme der Schreibung des Althochdeutschen

5. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Problemen, die im Zuge der Verschriftung des Althochdeutschen auftraten. Die schriftliche Fixierung der deutschen Sprache beginnt im 8. Jahrhundert. Erste schriftliche Zeugnisse des Alt-hochdeutschen sind aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts überliefert, in ihnen zeigen sich die Problemfelder des Verschriftungsprozesses. Zur Aufzeichnung des Althochdeutschen verwenden die Schreiber das lateinische Alphabet. Althochdeutsch und Latein weisen einen z.T. unterschiedlichen Phonembestand, woraus sich mannigfaltige Probleme ergeben, die in der Sekundärliteratur eingehend erforscht wurden.

Bereits die althochdeutschen Schreiber setzten sich mit den Schwierigkeiten der Verschriftung auseinander und einige versuchten, systematische Lösungen für die Problemfälle zu finden, wie z.B. Notker III. Notkers Anlautregel bezeichnet ein besonderes System der Schreibung, die sich nach dem Endlaut des vorangegangenen Wortes oder Teil eines Kompositums richtet.

Auch Otfrid von Weißenburg hat sich mit den Problemen der Verschriftung des Althochdeutschen explizit auseinandergesetzt und sein Evangelienbuch enthält die erste Reflexion eines althochdeutschen Schreibers über Phonologie und Graphematik des Althochdeutschen. Die Problemfelder des Verschriftungsprozesses und mögliche Lösungen aufzuzeigen, ist das Anliegen dieser Arbeit.

2. Soziokulturelle Voraussetzungen der Verschriftung des Althochdeutschen

Die schriftliche Fixierung der althochdeutschen Sprache im 8. Jahrhundert steht in engem Zusammenhang mit den soziokulturellen Gegebenheiten der Zeit. Im Frühmittelalter waren die irische Mission (v.a. durch Kolumban, Gallus, Kilian, Korbinian, Virgil), die angelsächsische Mission ( Willibrod und Bonifatius) und die fränkische Mission (Emmeram, Pirmin) von großer Bedeutung für die kulturelle Entwicklung Westeuropas. In dieser Zeit wurde das Christentum auch auf rechtsrheinischem Gebiet verankert. Es entstanden Domschulen und Klöster, u.a. in Salzburg (700), Reichenau (724), Freising (739) Fulda (744). Die ersten Schreiber des Althochdeutschen waren Mönche, also Kleriker in den Klöstern und Domschulen, Mitglieder der sozialen Oberschicht. Karl der Große (768–814) trieb die Christianisierung in Europa auch durch den Aufbau von Bibliotheken und Scriptorien in Klöstern voran. Seine Bildungsreform verband er mit hohen Ansprüchen an die Bildung der Priester, die lesen und schreiben können mussten. Die Schriftlichkeit wurde unter Karl dem Großen wesentlich gefördert. Ein wichtiger Schritt zur Verbreitung des Christentums und Verschriftung des Althochdeutschen war die fränkische Reichssynode 794 in Frankfurt, auf der beschlossen wurde, dass Gott nicht nur in den heiligen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch angebetet werden könne, sondern in jeder Sprache. Durch die Synoden im Jahr 813 wurde die Position der Volkssprache weiter gestärkt.[1] Karl der Große ließ Predigten sammeln und kirchliche Texte in die deutsche Sprache übertragen, denn die Grundtexte der christlichen Religion sollten auch in der Volkssprache verbreitet und verstanden rwerden. Nach Dialekten geordnet sind die wichtigsten Schreiborte alt-hochdeutscher Handschriften folgende:[2]

Bairisch: Regensburg, Freising, Tegernsee, Salzburg, Mondsee, Passau

Alemannisch: St. Gallen, Reichenau, Murbach

Südrheinfränkisch: Weißenburg

Rheinfränkisch: Mainz, Lorsch, Speyer, Frankfurt

Ostfränkisch: Würzburg, Bamberg, Fulda

Mittelfränkisch: Trier, Echternach, Köln, Aachen

Die Kirche war im Besitz des Bildungsmonopols und vermittelte das lateinische Kulturerbe. Die Verschriftung des Althochdeutschen war eng an die Institution Kirche gebunden, deren gesprochene und geschriebene Sprache jedoch Latein war. Jeder althochdeutsche Schreiber hatte im lateinischen Lernprozess lesen und schreiben gelernt. Althocheutsch und Latein standen in einem engen und spannungsvollen Verhältnis zueinander, das Sonderegger folgendermaßen charakterisiert:

„1. lat. Bildungssprache - ahd. Volkssprache
2. lat. Buchsprache - ahd. Glossensprache
3. lat. Urkunden- und Formularsprache - ahd. Ergänzungs- und
Zusatzsprache
4. lat. Ausgangssprache - ahd. Übersetzungs-
sprache
5. lat. Vorbildsprache - ahd. Nachahmungs-
sprache
6. lat. Schreibsprache - ahd. Schreibdialekt
7. lat. Kirchen- und Klerikersprache - ahd. Laiensprache“[3]

Ähnlich wie Sonderegger stellt Haug Latein und Althochdeutsch gegenüber und verdeutlicht in Oppositionsreihen die Merkmale der Schriftlichkeit: „Lateinisch-Schriftlich-Geistlich-Klerikal-Gebildet und Deutsch-Mündlich-Profan-Laikal-Ungebildet“.[4]

Die ersten althochdeutschen Aufzeichnungen (Glossen und Namen) sind der kulturellen Situation entsprechend in lateinischen Kontexten überliefert. Althochdeutsche Kleintexte wurden meist auf leeren Seiten (Vor- oder Nachsatzblättern) oder Abschnitten von lateinischen Sammelhandschriften notiert. Die umfangreichen Texte in althochdeutscher Sprache enthalten häufig lateinische Elemente, wie z.B. Kapitelüberschriften oder Widmungen. Ein Beispiel dafür bildet das Evangelienbuch von Otfrid von Weißenburg, auf das im vierten Kapitel dieser Arbeit genauer eingegangen wird.

3. Phonologische und graphematische Problemfelder

3. 1 Merkmale der Schriftlichkeit des Althochdeutschen

Als Grundlage zur Aufzeichnung des Althochdeutschen dient das lateinische Alphabeth. Häufig reicht es zur Wiedergabe der althochdeutschen Laute jedoch nicht aus oder lässt nur unbefriedigende Lösungen zu. Grundsätzlich bedient sich die Verschriftung des Althochdeutschen eines phonographischen Verfahrens. Dieses kann jedoch „ergänzt, überlagert und auch außer Kraft gesetzt werden durch zusätzliche Kontext- und Kombinationsregeln [...], durch Mängel und Unvollständigkeiten des verfügbaren Zeichenarsenals, unterschiedliche Entwicklung von gesprochener und geschriebener Sprache und durch das Bemühen, auch nichtphonologische Informationen in der Schreibung sichtbar zu machen“.[5] Auch die Dialektunterschiede wirken sich erschwerend auf die Verschriftlichung des Althochdeutschen aus und „dementsprechend blieb die volkssprachliche Schriftlichkeit im Frühmittelalter noch nachhaltig durch die Stammessprachen der Rhein- und Ostfranken, der Alemannen und Baiern geprägt und entbehrte weitgehend eines einheitlichen Lautsystems, wenngleich sich vom 8. zum 11. Jahrhundert hin zunehmend übergreifende Sprachmerkmale herausbildeten.“[6] Eine feste Graphem-Phonem-Korrespondenz hat sich erst im Verlauf eines langen Prozesses entwickelt. Die Schwierigkeit ist, mit dem bestehenden Zeichensystem der lateinischen Sprache die Lautstrukturen des Althochdeutschen abzubilden. Der Prozess der Verschriftung ist daher geprägt von der Suche nach Möglicheiten, adäquate Grapheme für die althochdeutschen Phoneme zu finden. Dazu werden nach Grubmüller zwei Wege eingeschlagen: „Die Lösungsmöglichkeiten, die im Althohdeutschen gesucht werden, orientieren sich entweder an Neuentwicklungen benachbarter Systeme, insbesondere am Angelsächsischen [...], dem auch die durch das ganze Mittelalter hindurch sporadisch verwendete Längenkennzeichnung durch Akzentzeichen entstammt, oder sie entstehen aus der Kombination gegebener Zeichen (z.B. Doppelschreibung bei Langvokal), die freilich durch das Fehlen eines lateinischen Bezugselementes oft mehrdeutig und schwer konventionalisierbar sind.“[7]

Nach Sonderegger weist die Schriftlichkeit des Althochdeutschen zwei Hauptmerkmale auf: „erstens Anlehnung an das Latein im Schriftsystem wie im Sprachsystem, also im äußeren Gewand (Adaption der lateinischen Schriftzeichen für das Lautsystem der Volkssprache, Interpunktion, Manuskriptgestaltung) wie in der inneren Durchformung (Lehnwörter, Lehnbildungen, Lehnsyntax) und weitestgehend in der literarischen Ausrichtung [...]; zweitens stammesmundartliche Gebundenheit nach den Dialekten oder Teilmundarten der Franken, Baiern, Alemannen und z.T. Langobarden, also schreibsprachliche Grundlage sehr verschiedener dialektaler (auch mischmundartlicher) Ausrichtung, wenn sich dabei auch vereinheitlichende Tendenzen eines geschriebenen Althochdeutschen im Verlaufe der Zeit durchaus erkennen lassen.“[8]

[...]


[1] vgl. Meineke/Schwerdt 2001, S. 98.

[2] vgl. Braune 2004, S. 5.

[3] Sonderegger 2000, S. 1232. Zur Erläuterung dieser Charakteristika siehe: Sonderegger 1985, S. 65f.

[4] Haug 1983, S. 145.

[5] Grubmüller 1998, S. 301.

[6] Geuenich 2000, S. 1146

[7] Grubmüller 1998, S. 302.

[8] Sonderegger 2000, S. 1231.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Probleme der Verschriftung des Althochdeutschen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Historische Phonetik und Graphematik des Deutschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V93901
ISBN (eBook)
9783640105786
ISBN (Buch)
9783668322882
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Probleme, Verschriftung, Althochdeutschen, Historische, Phonetik, Graphematik, Deutschen
Arbeit zitieren
M.A. Katharina Legnowska (Autor), 2005, Probleme der Verschriftung des Althochdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93901

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